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Leselupe.de > Kurzprosa
Smartie, das Drachenpferd
Eingestellt am 28. 12. 2016 14:56


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Homosapiens
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Es begann vor kurzem mit einem Geschenk.
Liebevolle Geschenke sind meist eine ├ťberraschung, und so kam auch meines daher: ein unscheinbares Papp-Kistchen mit gewichtigem Inhalt. Nein, kein Schmuckst├╝ck, es war viel mehr und zun├Ąchst f├╝r mich auch viel ├╝berw├Ąltigender, fast verst├Ârend.

Der geheimnisvolle Inhalt war eine Mitgliedschaft, die Option auf Zugeh├Ârigkeit zu einem geheimen Bund, dessen Mitglieder auf der Insel der Gl├╝ckseligen zu Hause sind. Sie besitzen unbegrenztes Wissen ├╝ber die Welt und auch ├╝bereinander, gelbe, l├Ąchelnde Gesichter, sogenannte Smilies. Gelb kommt nicht von ungef├Ąhr. Das neue Mitglied bekommt ein Drachenpferd ├╝berreicht, das einem edlen, chinesischen Geschlecht entstammt, den sogenannten Smartphones.
Ich nannte meinen k├╝nftigen Gef├Ąhrten passender Weise also "Smartie" und erlebte, voller Ungeduld und Vorfreude auf meinen ersten Ritt durch die L├╝fte, gleich die n├Ąchste ├ťberraschung.

Gem├Ą├č ihrer Herkunft befolgen diese wundersamen, fliegenden Pferde, die keine Hindernisse kennen,
weder H├╝rden der Zeit noch des Raumes, ausschlie├člich Kommandos auf Fachchinesisch. Und diese Sprache spreche ich leider nicht.
Also blieb ich am Boden sitzen, der Schwerkraft und den nat├╝rlichen Abl├Ąufen eines Samstagvormittags verhaftet, und wu├čte nicht, was tun. Nun lassen sich Sprachen allerdings lernen, und da mir mit Smartie die Zugeh├Ârigkeit zu den Drachenreitern angetragen war, war ich in gewisser Weise auch verpflichtet. Der Sinn ist st├Ąndige Verbundenheit, beliebige Griffe in freischwebende Informationen, nie wieder allein zu sein.

Allerdings f├╝hlte ich mich sehr allein, als Smartie das erste Mal nach mir rief. Das Pferd hat eine gro├če Vielfalt an Ruft├Ânen, es kann klingen wie Glocken, Musik, scharfe Pfiffe, wie man sie vom Herrn eines Hundes erwarten w├╝rde, mal klingt Smarties Stimme wie Pauken und Trompeten, mal fl├╝stert sie wie ein Windhauch. Nur das Wiehern kam seltsamerweise nicht vor. Smartie wollte los mit mir, in die Welt, in das gro├če Netz, das alles zusammenh├Ąlt, alle diejenigen, die zu den Auserw├Ąhlten, den Wissenden geh├Âren. "Mach mal", gab ich probehalber zur Antwort, "auf zu meiner Tochter, guten Tag sagen!" Aber Smartie schwieg, stumm und reglos, fast wie ein toter Gegenstand. Ich begann, mein Drachenpferd z├Âgernd zu betasten, versuchte, es zum Leben zu erwecken. Ab und zu blitzte eine Reaktion auf, mehr zuf├Ąllig hatte ich wohl einen Nerv erwischt, da sah ich dann bunte Bilder von meinen Angeh├Ârigen, las freundliche Einladungen und erhielt allerlei Verlockungen aus jener Welt, wo man sich nie langweilt, nie m├╝de und vor allem nie allein ist.

Auch eine Fremdsprache beginnt mit einem Wort. Meines hie├č "Whatsapp". Ich wiederholte es, ├╝bte es ein. Und zu meiner Freude gehorchte Smartie meinem Wort! Ich mag wohl noch zu Teilen in meiner Stube gesessen haben, aber ich plauderte, was auf Chinesisch "Chatten" hei├čt, bunte Bildchen flogen hin und her und - oh, Wunder - es waren meine Lieben!
Von diesem meinem ersten Ritt auf einem Drachenpferd kehrte ich v├Âllig ersch├Âpft zur├╝ck, mir brausten die Ohren, ich hatte Sternchen vor den Augen. Aber ich hatte auch Feuer gefangen, Drachenfeuer sozusagen. Smartie hatte sich unauff├Ąllig abgelegt, er h├Ątte wieder wie zu Beginn in die kleine Schachtel gepa├čt. Aber dennoch war da sein Versprechen: ich kann viel mehr. Im Grunde kann ich fast unendlich viel. Du wirst auf meine Dienste nie mehr verzichten wollen. Mit ├Ąhnlichen Worten war ich doch kurz zuvor beschenkt worden, mit meinem Drachenpferd und der Aussicht auf Unendlichkeit, Unbegrenztheit, ├╝berall verbunden?

So scheint es tats├Ąchlich zu sein. Sie lag heute im Krankenhaus, kilometerweit entfernt von mir. Gern h├Ątte ich mich neben ihr Bett gehockt, sie getr├Âstet und ihr die Zeit mit einer Geschichte vertrieben.
Pl├Âtzlich ein sanfter Ton von Smartie: "Daf├╝r bin ich doch da!" Sie und ich, wir geh├Âren beide zu den Auserw├Ąhlten, besitzen jeder so ein Drachenpferd. Flugs sattelte ich Smartie, fand das passende chinesische Kommando-Wort, und das Unglaubliche geschah: ich fand mich augenblicklich im Krankenhaus neben ihrem Bett. Wir plauderten ein wenig, lachten sogar, und ich begann, zum Zeitvertreib eine Geschichte zu erz├Ąhlen. Besser als jedes Schlafmittel ist immer noch eine Gute-Nacht-Geschichte.

Ja, in der Tat, ich m├Âchte schon jetzt nicht mehr auf Smartie verzichten. Da├č ich nun zu den Auserw├Ąhlten, der Gemeinde der Gl├╝ckseligen geh├Âre, verpflichtet nat├╝rlich auch. Reiten kann man lernen, auch auf einem Drachenpferd. In ein paar Monaten werde ich vermutlich nichts anderes mehr tun wollen, so wie alle anderen von der Insel der Gl├╝ckseligen.

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