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Leselupe.de > Kurzprosa
Tante Marie
Eingestellt am 23. 09. 2006 14:01


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aboreas
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Tante Marie

Tante Marie war zeitlebens eine praktische Frau. Aber immer auch ein bisschen spleenig. Jedenfalls nach Meinung der Verwandtschaft. Allein schon weil sie von Anfang an mit der gr├╝nen Bewegung sympathisierte. Damit stand sie quer zur Familie, deren politische Pr├Ąferenzen sich bis heute gleichm├Ą├čig auf die beiden gro├čen Volksparteien verteilen.

Trotzdem wurde sie von meinen Eltern fast jeden Sonntag eingeladen, mit uns ins Gr├╝ne zu fahren, mal in den Harz, mal in die L├╝neburger Heide oder sonst wohin. Ich liebte diese Ausfahrten, auch weil Tante Marie stets Eis oder Sahnetorte spendierte. Doch eines Tages sollte sich alles ├Ąndern. Denn pl├Âtzlich begann sie, von meinem Vater zu verlangen, Routen zu befahren, auf deren Stra├čen so genannte gr├╝ne Wellen eingerichtet worden waren. Mein Vater, ein gef├Ąlliger Mann, war so ├╝berrascht von diesem Anliegen, dass er kreuz und quer durch das hannoversche Umland fuhr, stolz, wenn Tante Marie nach der 10. gr├╝nen Ampel in Folge Beifall klatschte. Dabei schw├Ąrmte sie von den Vorz├╝gen der Farbe Gr├╝n, die sie insgeheim mit ihrer Partei gleichsetzte. Noch nie, so Tante Marie, habe sie eine schwarze oder gar rote Welle gesehen. ÔÇ×Rote WelleÔÇŽÔÇť Hi hi, ein Wort, das sie mit einen spitzen Lachen kombinierte. Unser Ziel, das Steinhuder Meer, hatten wir an diesem Sonntag jedenfalls nicht mehr erreichen sollen. Der Tante war es wurscht, mir war es merkw├╝rdigerweise auch wurscht, meiner Mutter allerdings nicht, und mein Vater hat sich sp├Ąter auch distanziert, mit Vehemenz.

Keine acht Wochen sollten ins Land gehen, dann blieb der Platz von Tante Marie neben mir auf der R├╝ckbank unseres Autos leer, und zwar f├╝r immer. Danach war es meine Mutter, die aufjohlte und Beifall klatschte, wenn mein Vater bei Gr├╝n demonstrativ laut quietschend in die Bremsen ging.

Monate sp├Ąter wurde es Weihnachten. ├ťblicherweise feierte die Familie den ersten Feiertag bei meinen Eltern. Gro├čer Bahnhof. Neununddrei├čig G├Ąste, darunter selbstverst├Ąndlich Tante Marie. Es kam wie es kommen musste: nach dem Abendessen und dem 7. K├╝mmel begann der unvermeidbare politische Disput. Schwarz gegen Rot, Gr├╝n gegen den Rest der Welt. Irgendwann nur noch Gr├╝n gegen den Rest der Welt. Tante Marie lief zur H├Âchstform auf. Als die Argumente aufgebraucht waren, schleuderte sie die Namen zahlreicher junger, dynamischer, hellwacher Basis-, Umwelt- und Friedensaktivisten ins Wortget├╝mmel. Dagegen hatten die Nachfahren der Adenauers, Genschers, Brands und Sch├╝rzenj├Ąger nun wirklich nichts ins Feld zu f├╝hren. Halt!!! Einer wagte dennoch die Gegenrede. Es war mein Vater: Unter dem Beifall der Familie deklamierte er die jungen, in den Medien abgefeierten Leute zu enthemmten Gewaltt├Ątern oder unausgebildeten oder gescheiterten Laien. ├ťberdies, so fuhr er fort, zeichne sich bereits ab, dass es den gr├╝nen Wichtigtuern letztlich doch nur um Karriere und Versorgung gehe.

Der zweite Weihnachtstag wurde bei meiner geliebten Tante Marie gefeiert. Es gab Entenbraten, Pommersche Kl├Â├če und die obligatorische gebutterte Gem├╝sepfanne. Tante Marie lie├č sich die Teller reichen und legte auf, der Reihe nach. Doch dann! O weh! Bevor mein Vater dran kam, war die erste Ladung Entenbraten ausgeteilt. Die n├Ąchste sollte dauern. Doch Tante Marie hatte vorgesorgt und im K├╝hlschrank einen gr├╝nen Hering deponiert. Den legte sie meinem Vater auf den Teller. Dazu eine gr├╝ne T├╝te Fishermans Friends. Wegen des guten Geschmacks, wie sie sagte. Darauf sprangen meine Eltern auf und brachen den Besuch ab. Trotz aller Versuche der gesamten Familie, die Angelegenheit als harmlosen Scherz darzustellen. B├Âse Zungen behaupten, die Bef├Ârderung meines Vaters zum Vorsitzenden seiner ├Ârtlichen Parteigruppe, h├Ątte er allein dem Mitleid f├╝r diese Dem├╝tigung zu verdanken.

Von diesem Tag an war Tante Marie bei Teilen unserer Familie zur Unperson geworden. Ich f├╝r meinen Teil habe Tante Marie stets lieb gehabt, bis heute. Es gab Zeiten in meiner Jugend, da habe ich in ihr meine einzige Freundin gesehen. Kam sie zu Besuch, hing ich an ihren Lippen, vor allem, wenn sie von den Gr├╝nen schw├Ąrmte, von deren Engagement gegen Atomkraftwerke, f├╝r eine ├Âkologische Umwelt oder etwa f├╝r die revolution├Ąre Rotation ihrer Parlamentarier. Und immer stand dahinter die Idee einer sozialen und demokratischen Beseelung der Bev├Âlkerung. F├╝r Tante Marie waren diese Gr├╝nen die wirklichen Linken der Bundesrepublik. Nur deswegen, so behauptete sie, w├Ąre mein Vater ihr feindlich gesonnen. Schlie├člich kam der Tag, an dem ich ihr folgte und in die Partei eintrat. Gegen den Willen meiner Eltern, die mich am liebsten bei der Jungen Union abgeliefert h├Ątten.

Wie eingangs erw├Ąhnt, Tante Marie war eine praktische Frau. Stets verband sie noch so ausgefallene Gedanken mit einem Nutzen. Gr├╝n war f├╝r sie nicht nur eine Idee, sondern eine Passion, ein Lebensgesetz. Sie k├Ąmpfte gegen den Atomstrom und nutzte die erste Gelegenheit, Strom aus erneuerbaren Rohstoffen zu beziehen. Einkaufen ging sie in die aus dem Boden schie├čenden Bio-L├Ąden. In ihrer Obstschale auf dem Wohnzimmertisch lagen gr├╝ne ├äpfel.

Doch auch kein noch so gesundheitsbewusstes Leben kann den Alterungsprozess verhindern. Tante Marie bekam den gr├╝nen Star, runzelte zunehmend an und mit ihr auch die Gr├╝ne Partei, wie sie an einem meiner sp├Ąrlichen Besuche einmal seufzend bemerkte. Was genau sie damit sagen wollte, habe ich bis heute, zugegebenerma├čen, nicht begriffen. Ja, die Tante war ├Ąlter geworden, legte sich schrullige Z├╝ge zu, aber ihr Tun war stets unterf├╝ttert von ordnenden Gedanken.

Eines Tages, die Tante war gerade 68 geworden, bot sie mir an, ihren regelm├Ą├čigen Hausputz zu erledigen und im Garten zu helfen. Entlohnen wollte sie mich mit 100 Euro ├╝ber dem, was ich mit meinem studentischen Nebenjob verdiente. Ein fantastisches Angebot. F├╝r jeden anderen, nicht aber f├╝r mich. Denn ich jobbte bei einem aufstrebenden Im- und Exporteur, einem erfolgreichen Altgr├╝nen ├╝brigens, mit besten, ja gl├╝hendhei├čen Dr├Ąhten in die Machtzentren der regionalen Politik. Wir verstehen uns pr├Ąchtig. Inzwischen bin ich sogar f├╝r die Beschaffung und den Einsatz der Mitarbeiter f├╝rs Be- und Entladen der Container zust├Ąndig. Ich glaube sagen zu d├╝rfen, ein gutes Auge zu haben gerade f├╝r solche Jobber, die den Tag lieber mit Rumstehen denn mit Arbeiten verbringen. Die fliegen achtkantig aus der Ladehalle, auf der Stelle. Ach, Mensch, da k├Ânnte ich Geschichten erz├ĄhlenÔÇŽ

Lange Rede, kurzer Sinn, den Job einfach hinschmei├čen, dass konnte und k├Ânnte ich meinem Chef niemals antun. Da die 19 festen B├╝roleute unabk├Âmmlich waren, h├Ątte f├╝r mich eine neue Kraft eingestellt werden m├╝ssen. Und ob die den Job geschafft h├Ątte, so effektiv wie ich? Ein Risiko, denn schon mehrmals war der Chef hereingefallen bei der Auswahl seiner Mitarbeiter, vor allem bei denen, die das Arbeitsamt regelm├Ą├čig vorbeigeschickt hatte. Ein Wagnis sondergleichen, nicht zuletzt weil diese lusche Bundesregierung so z├Ąh an altmodischen, ├╝berkommenen Arbeitszeitregelungen und K├╝ndigungsschutzgesetzen festh├Ąlt. Wie sagt mein Chef immer? Wir brauchen Reformen, Reformen, Reformen.

Nein wirklich, ich war unabk├Âmmlich. Klar, dass Tante Marie mir Leid tat. Aber wo nichts zu machen ist, da ist halt nichts zu machen. Am besten w├Ąre es gewesen, sie ins Altenheim zu stecken. Und ich hatte Recht damit: H├Ątte man die Alte schon fr├╝hzeitig unter fachliche Aufsicht gestellt, w├Ąre uns wom├Âglich viel ├ärger erspart geblieben. Denn fortan, um kostbare Zeit und pers├Ânliche Bioenergie zu sparen, begann sie all die Dinge des t├Ąglichen Bedarfs palettenweise einzukaufen. Merke: ich meine Euro-Paletten!! Bald lagen im Keller gro├če Haufen von gr├╝nen ├äpfeln, gr├╝nen Feigen, gr├╝nen Salatgurken usw. usf. F├Ąulnis und gr├╝ner Schimmel geh├Ârten fortan zum Alltag. Ihre einzige Waffe dagegen: Gr├╝ne Seife. Auch davon besa├č sie mittlerweile unz├Ąhlbare Margen.

Vielleicht ist es Mitleid, was meinen Vater, ein Parlamentarier inzwischen, dazu bewogen hat, sich mit ihr auszus├Âhnen. Er besucht sie von Zeit zu Zeit, l├Ąsst sich sogar auf kleine, ├╝berschaubare Dispute ein und bezeichnet sie als stolze alte Dame der Familie. Haupts├Ąchlich aber ist sein Verh├Ąltnis zur Tante von Am├╝sement gepr├Ągt. Was ├╝brigens kein Wunder ist, denn neuerdings vergn├╝gt sich die Tante mit dem Aufsch├Ąumen ihrer Gr├╝nen Seife. Stundenlang, ununterbrochen. Keinen Eimer, keine Wanne, kein elektrisches K├╝chenger├Ąt, das sie nicht zu Hilfe nimmt. Einmal, vor zwei Wochen, hatten Nachbarn die Polizei gerufen, weil aus den Fenstern und T├╝ren ihres stattlichen Hauses riesige Schaumberge quollen. Das Leben ist sch├Ân, so hei├čt neuerdings die Losung der Tante. Im Vertrauen: mit Blick auf mein eigenes Leben muss ich gestehen, dass man/frau ihr da kaum widersprechen kann. Es ist nicht einfach nur sch├Ân, dieses Leben, es ist wirklich wunderbar.

Inzwischen hat die Tante auch ihr Testament gemacht. Vater und ich sollen zu gleichen Teilen erben. Zwar verstehe ich nicht, warum sie ausgerechnet meinen Vater so gro├čz├╝gig bedenkt, aber es ist ja genug da. Vater sagt ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sie trotz ihres Alters auf keinen Fall von uns gehen d├╝rfe. Und h├Ąnderingend versichert er dazu, dass die Tante noch dringend gebraucht werde. Nur so nebenbei: Ich glaube, dass er es ernst meint. Und man kann zusehen, wie ihr die Worte gut tun, als fiele eine gro├če Last von ihr ab. ├ťber den alten Streit reden sie gar nicht mehr. Im Gegenteil, mein Vater bietet der Tante sogar gelegentlich einen Fishermans an. Und mit dem Atem-Erfrischer auf der Zunge grinsen beide laut wissend vor sich hin.

c: aboreas, 9 / 2006
Jede ├ähnlichkeit mit Personen aus dem wirklichen Leben w├Ąre der reine Zufall.

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Urania
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Registriert: Not Yet

Lieber Aboreas,

Deine Tante Marie (ich hoffe, sie wird's noch lange machen) erinnert mich an einen Menschen in meiner Verwandschaft - lebhaft denkend und (mit)f├╝hlend.
Neue Ideen wurden unter die Lupe genommmen, dann entweder angenommen und mit Vehemenz verbreitet oder fallen gelassen.
Deine Tante Marie ist mir besonders sympathisch, weil sie (seufzend) feststellt, dass auch die Gr├╝ne Partei Runzeln angesetzt hat.
Und dass sie und Dein Vater sich ausges├Âhnt haben und beide bei einem Fisherman's laut wissend vor sich hingrinsen, passt wunderbar zu dieser Geschichte.
Mehr ├╝ber Tante Marie!

Liebe Gr├╝sse

Urania


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petrasmiles
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Hallo Aboreas,

so ohne 'Beziehungsgef├╝hle' sp├╝re ich einen Bruch gegen Mitte; dadurch eiert die Geschichte zwischen Zuspruch und Ablehnung der Tante durch den Protagonisten herum. Zuerst ist es der kindliche Ich-Erz├Ąhler, der sie hei├č und innig liebt, nur um sie dann in ├Ąlteren Jahren am besten in ein Altersheim abschieben zu wollen.
Der Bruch erscheint auch durch diesen Einschub der Jobber-Phase, die ohne Pointe bleibt - oder so subtil angelegt ist, dass ich mir das Richtige bei denken muss, um sie zu erkennen.
Seine Gef├╝hle scheinen danach ambivalent zu bleiben. Irgendwie pl├Ątschert es so dahin, und die Vers├Âhnung mit Papa und das Testament sind nicht wirklich Pointen - noch nicht einmal skurrile H├Âhepunkte wie die Gr├╝nphase - etwas verpfufft einfach, was recht munter begann.
Irgendwie schade.

Liebe Gr├╝├če
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug f├╝r Gutwerter!

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aboreas
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2002

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Hallo, petrasmiles,

exzellent erkannt:
Ja, wirklich schade, dass das, was so vielversprechend begonnen, so schn├Âde verpufft ist: die urgr├╝ne Bewegung.

Tante Marie geh├Ârt eben zu der beschriebenen funktionierenden Familie. Sie hat sich daraus gel├Âst und ist in deren Scho├č zur├╝ckgekehrt. Sie hat Ideale gehabt, die allm├Ąhlich verpufft sind. Die junge Erz├Ąhlerin dagegen ist immer in der neub├╝rgerlichen Familie geblieben, anstelle der Ideale ist bei ihr allerdings das Schw├Ąrmerische getreten. Dessen Halbwertzeit ist eben k├╝rzer.

Und ideologisch? Vater - Tante? Na ja, man versteht sich halt wieder und n├Ąhert sich weiter an,
ganz wie im richtigen Leben... Da "verpfufft einfach, was recht munter begann. Irgendwie schade."

Br├╝che? Guck sie an, die alten gr├╝nen Recken.


Hallo, urania,
sch├Ân wenn dir die alte Tante sympathisch ist. Das sollte sie auch sein. Denn bei allen denkbaren Unterschieden im Denken und Handeln sind die Menschen doch denselben biologischen Lebensprozessen unterworfen. Und daran leiden oder erfeuen sie sich gleicherma├čen. Das ist Wirklichkeit, wie k├╝nstlerisch durchdrungen sie auch daherkommen mag.

Beste Gr├╝├če. R├╝diger

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