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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Uhr-ige Weihnachten
Eingestellt am 16. 12. 2009 17:20


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Mutters hölzerne Tischuhr, die ihren Platz auf dem Wohnzimmerschrank gehabt hatte, war kurz vor Weihnachten stehen geblieben und zwar just in dem Augenblick, als ein Löffelverbieger, eine Art Uri-Geller-Verschnitt, im Fernsehen experimentierte.

Nun war unsere Verwandtschaft heftig am Diskutieren, ob es sich um einen Zufall gehandelt hatte oder ob es tatsächlich diesem mysteriösen Medium zuzuschreiben sei. Das Uhrwerk zu reparieren lohnte sich jedenfalls nicht mehr.

Heiligabend waren Opa, Tante Adele und ich dann bei Vater und Mutter eingeladen. Ich brauchte noch ein Weihnachtsgeschenk f√ľr Mutter. Es lag auf der Hand, mich f√ľr eine Uhr zu entscheiden. Aber was w√ľrden Opa und Tante Adele tun? Ich besann mich darauf, als Einziger der Runde Schachspieler zu sein, und die denken ja bekanntlich weiter. Die anderen w√ľrden vielleicht √ľberlegen, eine Uhr zu w√§hlen, dann aber sicher darauf verzichten, um der Peinlichkeit aus dem Wege zu gehen, ein zweiter oder gar dritter k√∂nnte gleiches tun. Also w√ľrde ich gerade deswegen eine Uhr schenken. Ein Schachspieler denkt eben weiter.

Exklusiv im Privatfernsehen wurde eine Porzellantischuhr angeboten, mit putten√§hnlichen Figuren und feinem Goldrand verziert. Das gute St√ľck war originalgetreu einer ber√ľhmten Uhr aus dem siebzehnten Jahrhundert nachgebildet und in einer limitierten Auflage erh√§ltlich. Ich war begeistert. Das musste genau das Richtige f√ľr Mutter sein. √Ąltere Leute m√∂gen so etwas.

Heiligabend, wir sangen ein paar Weihnachtslieder, dann öffneten wir die Geschenkpakete. Vor Mutter standen drei Pakete gleicher Abmessungen, eins von Opa, eins von Tante Adele und eins von mir. Mutter packte eine Uhr nach der anderen aus, jede mit denselben wundervollen puttenähnlichen Verzierungen.

Zuerst schauten wir uns untereinander ziemlich betreten an. Aber als Vater anfing schallend zu lachen, trugen wir es mit Humor. Und ich gelangte zu der Erkenntnis, dass auch Nicht-Schachspieler weiter denken können.

Wir trösteten Mutter, falls ein Uhrwerk nicht mehr exakt funktionieren sollte, hätte sie ja Ersatz. Die Uhr von mir wurde eingelagert, die von Adele bekam ihren Platz auf dem Flur und die von Opa auf dem Wohnzimmerschrank, wo die alte Tischuhr gestanden hatte.

Nach einem halben Jahr gestand Mutter mir, dass sie Porzellanuhren mit Putten kitschig f√§nde, au√üerdem passten sie nicht zu ihren M√∂beln. Sie verbannte sie an unscheinbare Orte in B√ľgelzimmer und Speisekammer. Nur wenn Opa oder Tante Adele ihren Besuch ank√ľndigten, wanderten die Uhren geschwind auf ihre auserw√§hlten Pl√§tze. Ich fragte Mutter, ob ich die ungeliebten Uhren nicht auf dem Flohmarkt ver√§u√üern solle. Das lehnte sie entschieden ab, denn man d√ľrfe keine Geschenke verh√∂kern. Au√üerdem w√§ren Opa und Tante Adele untr√∂stlich gewesen.

Ungef√§hr drei Jahre gingen ins Land und die Uhrwerke der Porzellanuhren funktionierten nach wie vor mit be√§ngstigender Pr√§zision. Mutter bef√ľrchtete, sie w√ľrden ewig halten. Auf mein Dr√§ngen hin brachte Mutter die unverw√ľstlichen Zeitmesser endlich zum Tr√∂dler in die Geibelstra√üe. Der Verwandtschaft schwindelten wir vor, Mutter h√§tte die Uhren mit einem Spezialpflegemittel gereinigt und auf den Terrassentisch zum Trocknen gestellt. Dummerweise h√§tte ich an eines der Tischbeine meinen bulligen Rottweiler Bonzo angebunden, der bei der spontanen Verfolgung des Brieftr√§gers den kleinen Tisch mitgerissen habe. So seien die Uhren j√§h auf den Fliesen zerschellt.

Opa und Tante Adele meinten, so ein Missgeschick k√∂nne auch nur mir passieren mit meiner mangelnden Umsicht. Aber ich ertrug geduldig ihren Spott, hatte ich doch Mutter eine gro√üe B√ľrde genommen.

Heiligabend stand abermals vor der T√ľr. Diesmal kamen nur Opa und ich auf Besuch bei Vater und Mutter. Tante Adele musste mit ihrer Familie feiern. Ich wollte den leeren Platz auf dem Wohnzimmerschrank ausf√ľllen. Mutter zeigte mir eine Holzuhr in einem Katalog, die ihr gefiel und in deren Stil ich ihr eine schenken sollte. Opa war an jenem Heiligabend bereits morgens eingetroffen und begleitete mich in die Stadt, um ebenfalls noch ein Geschenk zu besorgen. Wir trennten uns bald im gegenseitigen Einvernehmen. Keiner sollte sehen, was der andere f√ľr Geschenke erwarb. Wir legten Wert auf √úberraschungen.

Vater lie√ü abends den Tannenbaum im Lichterglanz erstrahlen. Wir sangen dazu, wie jedes Mal. Dann √∂ffneten wir die Pr√§sente. Mein Geschenk, eine sch√∂ne h√∂lzerne Tischuhr, packte meine Mutter als Erstes aus. Sie bekam sofort den zentralen Platz auf dem Wohnzimmerschrank. Opas drei Geschenke mit mir vage vertrauten Abmessungen, packte Mutter als N√§chstes aus. Im Nu standen drei gleiche Uhren aus Porzellan mit Putten vor ihr auf dem Gabentisch, die einmal in limitierter Auflage im Privatfernsehen offeriert worden waren. Opa triumphierte stolz. Er h√§tte m√∂glicherweise die drei letzten Exemplare, die es auf dem ganzen Globus noch k√§uflich zu erwerben gegeben h√§tte, erstanden, und der Tr√∂dler in der Geibelstra√üe h√§tte ihm nicht gerade einen billigen Preis gemacht. Aber f√ľr Mutter sei ihm kein Opfer zu gro√ü, und ich solle mich tunlichst von diesen Wertanlagen fernhalten.

Mutter machte indes ein Gesicht, als ob sie sich nicht schl√ľssig war, ob sie vor Verzweiflung lachen oder weinen sollte. Seitdem stand immer eine jener Porzellanuhren in der Glasvitrine im Esszimmer und ich hatte zuweilen das Gef√ľhl, als grinsten die Putten mich h√§misch an.

*

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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

Werke: 66
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Ebenfalls, liebe Suzah, Dir ein frohes Fest.

LG Epiklord

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