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Leselupe.de > Horror und Psycho
Unbefleckte Empfängnis(die wirklich lange Fassung)
Eingestellt am 05. 03. 2003 21:03


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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
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Hallo Leute, hier ist die "wirklich lange Fassung" einer unbefleckten Empfängnis. Vielleicht gefällt sie wegen ihres Stils oder mißfällt wegen ihrer Länge.
Für mich war es ein schönes Experiment, das sich zum Schluss zu einer wahren Schlacht mit den Worten und meinem eigenen Schweinehund entwickelte.
Übrigens, keine Sorgen, zum lesen braucht man nicht so viel Zeit, wie zum Schreiben.



„Unbefleckte Empfängnis“




„Auf den Sonnen wollte er weiblich, auf den Planeten männlich erscheinen.“*



„Na Dern, hast´n da?“ Maria schreckte auf und zog die Knie an.
Dieter grinste. „N´Wurstpaket. Leberwurst, wah?“ Er hatte sich frech auf ihre Pritsche geworfen, das rechte Knie lässig angewinkelt und schaute sie herausfordernd an. Man sah ihm nicht an, dass er noch bis vor ein paar Monaten an den Panzersperren gekauert hatte, im Dreck, in der Kälte. Von irgendwem hatte er sich eine Handvoll Pommade eingetauscht und sein schwarzes, ungeschnittenes Haar glänzte im matten Licht des Lazaretts. Er hatte es, wie es üblich war nach Hinten gekämmt und mit Spangen befestigt. In der Hand hielt er einen zerbrochenen Kamm und strich damit über sein Knie. „Darf ich?“, fragte er ganz forsch und deutete auf die kleine, feste Kugel unter Marias Nachthemd, die er vielleicht mit beiden Händen umspannen konnte. Maria hielt ihren Bauch und schüttelte mit dem Kopf.
„Russen, wah?“ Er rückte etwas näher an sie heran. „Amis warn hier ja nich. Die Amis bring´ Schokolade. Die könnten wir gegen Zigaretten eintauschen. Und die Zigaretten dann gegen Wurscht.“ Er deutete wieder auf ihren Bauch. „Das kannste nich eintauschen.“
Maria sah sich hilfesuchend um. Die Stationskrankenschwester, eine furchteinflößend große und schwergewichtige Frau stand am Ende des riesigen Saales, mit dem Rücken zu ihnen und wendete den bettlägerigen Körper eines alten Mannes, von dem Maria wusste, dass ihm eine Granate die Beine fortgerissen hatte. Plötzlich fühlte sie Dieters Hand an ihrem Bauch, der jetzt nicht mehr grinste. Vor Schreck blieb sie ganz still. Dieters Hand blieb einfach auf ihrem Bauch, mit dem Kamm zwischen seinen Fingern. Sie konnte den Kamm fühlen und auch seine Neugier. „Wann bewegt´s sich?“, fragte er. Er ließ den Kamm aus seinen Fingern gleiten und seine Hand umwanderte die Rundung ihres Bauches. Sie war ganz warm. Maria konnte nicht anders als zu weinen. Dieters Hand glitt von ihrem Bauch zu ihrem Gesicht.
„Nee, Dern.“, sagte er. „Nich flennen.“ Er streichelte ihre eingefallenen Wangen. „Meine Mama hat immer jesacht: Wat kommt, dat kommt. Und wat mutt, dat mutt.“
Maria hörte auf, zu weinen. Das hatte ihre Mutter auch gesagt, als sie im Keller gekauert hatten, ohne den Vater. Sie hatten da viele Monate gekauert und die Mutter war am Tage oft fort gewesen, um etwas zu essen zu besorgen und Wasser. Dann war Maria allein gewesen. Und sie hatte gewartet, bis die Mutter zurückkam, oft mit wenig, meistens mit nichts. Irgendwann hatte sie, bevor sie gegangen war, gesagt, „was kommt, das kommt. Und was muß, das muß.“ Und sie hatte ihr die Wangen gestreichelt.
Maria war ab da an allein gewesen und eines Nachts hatte sie gemerkt, dass ihr Bauch runder wurde.
Dieter grinste. „Werd dann mal wieder los.“, sagte er. Und er griff plötzlich zwischen ihre Beine. Marias Hände zuckten nach vorn und pressten ihr Nachthemd in ihren Schritt. Dieter hob den Kamm hoch und grinste breit. „Ohne den geh ich nirgendwo hin.“, sagte Dieter.
Marias Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen.
„Nicht anfassen.“, sagte sie und plötzlich packte eine kräftige Hand Dieter am Ohr und zog ihn in die Höhe.
„Latt mien Dern in Ruh!“ Die Stationskrankenschwester gab Dieter eine schallende Ohrfeige. Dieter verzog schmerzerfüllt das Gesicht.
„Nicht.“, sagte Maria.
Die Stationskrankenschwester sah sie an und schüttelte den Kopf. Sie ließ Dieter los und drehte sich zu Maria um. Maria musste sich wieder hinlegen und die Krankenschwester deckte sie mit der rauen Armeedecke zu.
„Bist mien Engel.“, sagte sie. Maria hatte vor Angst die Augen weit aufgerissen.
Sie sah, wie Dieter auf den Ausgang zuschlurfte. Irgendwie zog er das linke Bein nach. Er drehte sich um, grinste und winkte ihr zu. Dann drehte er sich wieder um und schlurfte weiter.
„Pass dich vor den Lausbengel auf.“, sagte die Stationskrankenschwester ernst.
„Pass lever auf det auf.“, sie streichelte verliebt Marias Bauch. „Is een Jeschenk vom leven Jott.“

Wenn die Stationskrankenschwester es zuließ, spazierte Maria am liebsten im Park umher. Eigentlich war es gar kein Park, sondern nur der Hinterhof des dreistöckigen Industriegebäudes, das sie zum Lazarett umfunktioniert hatten. Von dort konnte man, wenn man es sich traute, noch tiefer in das Industriegelände hineinwandern, mindestens noch über drei Hinterhöfe. Weiter aber hatte sich Maria noch nicht getraut. Es roch da immer ein bisschen nach Fluss und natürlich auch nach den schlimmen Sachen, denn die Toiletten funktionierten ja noch nicht. Sie wäre eigentlich ganz gerne mal zum Fluss gegangen, um zu schauen, ob es da Blumen gab. Aber die Stationskrankenschwester hatte es ihr verboten So blieb sie meistens immer im zweiten Hinterhof. Da gab es auch Blumen. In einer Ecke wuchs ein größerer Busch Löwenzahn. Die Krankenschwester hütete die Blumen wie ihren Augapfel. Damit konnte man auch Kranke heilen. Außerdem konnte man Löwenzahn essen.
„Wenn du hibsch auf den Lewenzahn uffpasst“, hatte die Stationskrankenschwester gesagt. „mach ich dich mal een hibschen Salat von.“
Maria war ganz aufgeregt gewesen. „Und wann?“, hatte sie gefragt.
„Erst wenn det Engelchen da is.“

Vor dem Haus, in dem das Lazarett war, gab es noch einen Hinterhof. Dann kam noch ein Tor und dann kam die Straße. Dorthin war Maria, seit sie hierher gebracht worden war noch nie gegangen. Sie hatte große Angst vor Militärfahrzeugen und dem Geschrei, das die Männer darin machten. Und ja, sie hatte auch Angst vor den Gewehren und ihren seltsamen Uniformen und – ihren seltsamen Gesichtern. Manche hatten ganz schmale Augen, so schmal wie Schlitze und ihre Haut war braun und sah von weitem aus, wie ungegerbtes Leder. Wenn sie ihre Mützen abnahmen sah man ihr schwarzes, strohiges Haar in alle Richtungen abstehen. Dann sahen sie manchmal aus wie Teufel.

„Na Dern.“, Dieter stand plötzlich hinter ihr. „Jefallen se dir?“
Maria drehte sich zu Dieter um. Er hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt.
„Lewenzahn, wat?“, fragte Dieter und sah grinsend an Maria vorbei. Maria nickte.
„Soll ich’s dik abschneiden?“ Maria schüttelte ängstlich mit dem Kopf.
„Is doch blos Lewenzahn.“
„Ich soll drauf aufpassen.“, sagte Maria. „Die Schwester macht mir einen Salat von, wenn das Engelchen da ist.“
Dieter verzog ungläubig das Gesicht. „Watn fürn Engel? Er deutete auf ihren Bauch. „Dat?“
„Solltest det lewer wech mach lassen. Is nurn Fresser mehr.“ Maria ging einen Schritt zurück und wäre beinahe in die Blumen getreten. Dieter machte einen Schritt vorwärts und plötzlich war er ganz nah bei ihr und drückte sie fast gegen die feuchte Häuserwand.
„Warste schon mal am Fluss?“, fragte er sie und faste mit seinen Händen rechts und links von ihren Schultern gegen die Häuserwand.
„Nicht anfassen.“, stieß Maria ängstlich hervor.
„Am Fluss jibts ooch Blumen. Verjissmeennich. Kann ich dich zeijen, wenn de´s willst.“
Maria schüttelte mit dem Kopf.
„Hier.“ Dieter hielt ihr einen Kanten Brot hin, den er in der Rechten hielt.
„Kriste Brot, wenn de mitkommst.“
Maria schüttelte wieder mit dem Kopf.
„Najut.“, sagte Dieter und ging einen Schritt zurück. Er drehte sich um und griff in die Innenseite seiner abgerissen Jacke. „Hier.“, sagte er etwas missmutig und hielt ihr einen Fitzel Wurst hin. „Kriste ooch Wurscht.“
Maria huschte an ihm vorbei und ließ Dieter bei den Blumen stehen.
„Nicht anfassen.“, hörte er sie noch flüstern.
Enttäuscht betrachtete Dieter den Wurstzipfel und den Brotkanten. Dann grinste er und biss energisch in die Wurst hinein.

Maria erwachte. „Dieter?“
Sie hielt sich den Mund zu. Sie setzte sich auf und nahm vorsichtig die Hände von ihrem Mund. „Nicht anfassen.“, flüsterte sie ängstlich und ihr wurde plötzlich klar, dass sie geträumt hatte. Sie schüttelte mit dem Kopf. Sie wollte das nie wieder träumen.
Nachts war immer das Licht abgestellt. Ein paar helle Schimmer von Mondlicht benetzten die Umrisse der Lazarettbetten und die verworrenen Knäuel keuchender Kranker. Maria beobachtete aufmerksam das langsame Auf und Ab ihrer Brustkörbe. Hier und da ein beängstigendes Rasseln von ausgeworfenem Atem, ein beunruhigendes Husten, Schmatzgeräusche, das Quietschen von zerbrochenen Federn in schweißdurchnässten, schmutzigen Matratzen.
Der grässliche Traum, den sie geträumt hatte war ihr so gegenwärtig wie der Geruch von Chloroform, der sich in der Nacht immer mit dem Geruch von männlichem und weiblichem Harn vermischte.
Maria griff sich vorsichtig an die Stelle unter ihrem Bauch und biss sich auf die Unterlippe. Warum musste sie nur gerade jetzt auf die Toilette?
Sie stützte ihre Hand in ihren Rücken und versuchte aufzustehen. Ihre Zehenspitzen streiften über den mit zersprungenen Fliesen bedeckten Fußboden und zuckten zurück. Nachts war der Fußboden immer eiskalt.
Maria seufzte, dann setzte sie ihre kleinen Füße auf den Boden und stand auf. Sie bückte sich und zog vorsichtig den Nachttopf unter dem Bett hervor. Zitternd vor Kälte hockte sie sich darüber und band ihr Nachthemd zu einem Knoten über ihren Oberschenkeln. Einen Augenblick später hörte sie das leise Plätschern und das metallische Säuseln des Nachttopfes.
Maria schloss die Augen.
Dann, plötzlich – Maria riss die Augen auf. „Hallo?“ So schnell sie konnte drückte sie sich mit beiden Händen an der Bettkante in eine stehende Position. Ihre Hände umklammerten verzweifelt den Nachthemdknoten unter ihren Bauch.
„Wer ist da?“, flüsterte sie. Ängstlich drehten ihren Hände den Knoten und spannten das Nachthemd um ihren Unterleib. Hatte sie nicht etwas gehört? Ein Rascheln, oder ein Schleifen. Ihre Hände hörten auf, den Knoten zu drehen.
Nein! Ein Schlurfen. Ein Tap, wie wenn ein Fuß auf den Fliesen aufsetzte und dann dieses Geräusch, als wenn man etwas hinterher zog. Ihr Blick wanderte durch die Bettenreihen und suchte Dieters Krankenbett. Da! Es war leer.
„Dieter?“ Unschlüssig drehte sie wieder den Knoten bis er so fest um ihren Unterleib gespannt war, dass es ihr wehtat. Plötzlich wieder dieses Geräusch. Tap und dann das Schlurfen,
Tap,- ,Tap,- Tap,- TAPTAPTAPTAP!
„Wo bist du?“, flüsterte Maria und ließ den Knoten los. Er drehte sich auf und der Saum ihres Nachthemdes fiel über ihre Oberschenkel auf den Boden.
Maria machte einen Schritt vorwärts und lauschte. Warum war Dieter nur aufgestanden und hatte sein Bett verlassen? Niemand durfte aufstehen und sein Bett verlassen. Sie hatten doch ihren Nachttopf und sonst gab es nichts, wohin man nachts gehen konnte oder durfte. Auf die Straße durfte man schon gar nicht. Wollte Dieter etwa gegen die Ausgangssperre verstoßen? Auf der Straße würden sie ihn erschießen. Sie würden Dieter einfach erschießen! Maria trippelte ein paar Schritte nach vorn.
„Dieter!“, sagte sie wütend. Es war jetzt ganz still im Lazarettsaal.
TAP!
Maria lief auf Zehenspitzen durch die Krankenbettenreihen. Ihre Füße fühlten sich taub an.
An der großen Flügeltür blieb sie stehen. „SSSST“, machte sie und drückte die Tür einen Spalt weit auf. Der Flur lag in völliger Dunkelheit. Marias Hände zitterten.
Es war so dunkel!
Es war fast so dunkel wie – Maria schüttelte mit dem Kopf – wie in einem Keller.
„Die –“, die Stimme brach ihr. `Wie in einem Keller.´, dachte sie und fing an zu weinen. Maria zitterte immer mehr. Sie wollte jetzt ganz laut nach Dieter rufen, aber ihre Lippen brachten keinen Laut hervor, ihre Zähne schlugen aufeinander. Die kleinen Zehen ihrer Füsse waren wie Fäuste zusammengeballt. Dann plötzlich wieder das Schlurfen, schneller, immer schneller. Taptaptaptaptap!!!
Ein Zischen! – eine Kerze, die sich entzündete. Maria riss schrecklich weit den Mund auf und wollte schreien. Eine Hand packte sie am Hals und eine Hand unter ihrem Schritt und riss sie in die Höhe.
„Na?“, ein warmer Mund küsste Marias Lippen und zwei starke Arme pressten ihren Körper an sich.
„Na min Dern?“, flüsterte ihr die Stationskrankenschwester zu. „Sollst doch das kleene Engelchen net friern lassen.“
Maria ließ sich von ihr zurück zu ihrem Bett tragen. Sie ließ sich zudecken und schloss die Augen. Die Stationskrankenschwester streichelte liebevoll ihren Bauch und lächelte.
„Hast woll den Vadder jesucht, wat Liebchen?“

Im Lazarett hatte Dieter die Hand vor Augen nicht sehen können. Es hatte ewig gedauert, sich durch die langen dunklen Flure zu tasten. Dieter erschauderte bei dem Gedanken noch immer.
Irgendwas oder irgendwer war hinter ihm her gewesen. Er lehnte sich gegen die Mauer und schaute ängstlich zurück. Dieses Geräusch, dachte er. Dieses Schlurfen und kratzen. Angewurzelt hatte er da gestanden und in die Dunkelheit gelauscht. Er hatte nicht rennen wollen. Aber dann hatte er es doch getan. Taptap hatten seine Füße gemacht. Er war stehen geblieben – tap und hatte gelauscht. Das Schlurfen war widerlich gewesen. Dann hatte es sich plötzlich entfernt und Dieter war wieder gerannt. Er hatte nichts sehen können, bis er gegen die Ausgangstür geprallt war.
Sein Bein schmerzte. Dieter rieb sich vorsichtig das Knie und biss die Zähne zusammen. Wenigstens schien der Mond. Langsam humpelte er vorwärts. Er versuchte die Schatten zu meiden. Vor jedem Torbogen, der in den nächsten Hinterhof führte blieb er nachdenklich stehen. Der Geruch von menschlichen Exkrementen wurde immer stärker. Dieter atmete tief durch, dann huschte er durch den Schatten. Es roch jetzt auch nach Fluss.
Dann spürte er das erste Gras unter seinen Füssen. Dieter rannte. Er musste sich links halten. Da war eine große Mauer, die fast bis in Wasser reichte. Seine Fingerspitzen glitten über den rauen Putz. Die Mauer war feucht. Hier war jede Mauer feucht. Er erinnerte sich, wie er vor Maria gestanden hatte, wie nah sie ihm gewesen war. Und die Mauern waren genau so feucht gewesen. Dieter blieb stehen. Seine Hände ruhten flach auf der Mauer. Sein Herz raste.
Er drehte sich um. Da waren sie. Im Mondlicht hatten sie eine tief dunkelblaue Farbe. Dieter klappte sein Taschenmesser auf.
„Verjissmeennich.“, flüsterte er und schnitt die Blumen von den Stängeln.
Dann öffnete er seine linke Hand und packte sie zu dem Strauss von Löwenzahn.

Maria lächelte. „Dieter.“
„Darf ich?“, fragte Dieter. Maria zog die Knie an und zog die Bettdecke zu sich. Dieter setzte sich auf das Bett, lehnte sich zurück und ließ die Beine über den Rand baumeln. Maria umklammerte mit ihren Armen ihre Knie und rutschte zu ihm heran.
„Du warst gestern Nacht nicht im Bett.“, flüsterte sie und zog die Augenbrauen etwas zornig aber auch etwas neugierig zusammen.
„War draußen.“ Dieter grinste stolz. Maria nahm die Arme von ihren Knien und stieß ihn in die Seite. „Auf der Straße? Und was wenn dich die Teufel gekriegt hätten?“
Dieter sah sie mit verkniffenen Augen an. „Meinste etwa die Russen?“
Maria nickte heftig. „Die kommen, wenn’s dunkel ist.“, sagte sie.
Dieter schüttelte mit dem Kopf. „Die kommen, weil’s hier wat zu futtern jibt. Und denn isses ejal obs dunkel is.“
„Und warum holen sie dann nur Nachts die kleinen Kinder?“ Maria stemmte die Hände in die Hüften und beugte sich fragend vor.
„Wat?“
„Meine Mutter hat gesagt, sie holen die kleinen Kinder. Dann kommen sie nachts, damits keiner sieht. Sie holen sie einfach weg, um sie –“ Sie rutschte ganz nah an Dieter heran. „- um sie aufzufressen!“
Dieter zeigte ihr einen Vogel. „Du spinnst.“, sagte er.
„Und warum haben sie dann so schmale Schlitze als Augen?“
Dieter zuckte mit den Achseln.
„Na, damit sie Nachts besser sehen können.“ Maria schaute ihn mit großen Augen an.
Dieter machte eine abfällige Handbewegung. „Weils Untermenschen sind.“, sagte er sehr laut und drehte sich plötzlich ängstlich um. Er sah Maria an und presste sich den ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen.
„Weils keene richtigen Menschen sind.“, flüsterte er Maria zu.
„Sag ich doch. Weils keine Menschen sind. Sind Teufel. Von unter der Erde. Deshalb sind sie auch immer schmutzig und manchmal voller Russ, weil sie gerade aus der Hölle kommen.“
„Das hat dich deene Mutter erzählt?“, fragte Dieter stirnrunzelnd.
Maria nickte.
„Und du meenst die Schlitze inne Ogen ham se, weil se Nachts besser sehen könn?“
Maria nickte. „Damit sie die Kinder besser finden.“ Sie umklammerte plötzlich ihren Bauch.
„Manchmal holen sie sie auch aus dem Bauch.“, flüsterte sie.
Dieter lachte laut auf. „Du hast nich mehr alle anne Kante.“, sagte er. „Und deene Alte och nich.“
Maria wich erschrocken zurück. Sie drehte sich weg. Erschrocken hörte Dieter, wie sie zu weinen anfing. Wütend schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn. `Mist!´, formten seine Lippen. „Maria.“, stotterte er. „Wollt ich nich saren.“ Er legte ihr seine Hand auf die Schulter. Sie stieß sie weg und rückte ein Stück von ihm fort.
Dieter streckte die Hand aus. Er zog sie wieder zurück. Sein Blick hellte sich plötzlich auf.
„Guck ma.“, sagte er hoffnungsvoll und griff in die Innentasche seiner zerrissenen Jacke.
„Guck ma, was ich jestern Nacht für dich jeholt habe.“
Maria drehte sich schluchzend um. Stolz hielt ihr Dieter den Blumenstrauß ins Gesicht.
Zitternd nahm Maria die Blumen aus seinen Händen.
„Aber die Krankenschwester –“, sagte sie ungläubig.
„Was hast du -?“
Dann schlug sie ihm die Blumen ins Gesicht.

Vor dem Mann ohne Beine hatte Maria von Anfang an Angst gehabt. Das hatte sich erst geändert, als man ihr gesagt hatte, dass er bald sterben würde.
Er hustete ihr mitten ins Gesicht.
„Is Blut.“, sagte er und wischte sich verächtlich die Lippen ab.
„Ja.“, sagte er. „Lungenentzündung is ganz was edles. Da sterben auch Könige dran. Ich glaub, sogar Götter.“ Er versuchte aus zu spucken. Ein dünner Speichelfaden floss seine Mundwinkel hinab. Maria wischte den Speichel mit ihrer Hand fort.
„Meinst du, ob der alte Hund da oben auch schon dran verreckt ist?“ Er schaute zur Decke und kniff ein Auge zu. „Is bestimmt schon verreckt. Im Krieg. War ja überall Blut. Überall.“ Er nickte, dann hustete er und wischte sich wieder über die blutigen Lippen.
„War alles sein Blut!“
Maria senkte ihren Blick und schaute auf den Boden.
„He!“ Maria spürte einen Luftzug in ihrem Gesicht und schaute auf. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.“ Seine Hand war zur Faust geballt. Seine Lippen zitterten und er zischte etwas, was Maria nicht verstand. Sie beugte sich vor.
„Hure!“, schrie er sie an. Maria zuckte zurück. „Hast mich ganz genau verstanden.“
Maria sah sich hilfesuchend um. Sie hatte der Schwester versprochen, bei ihm zu bleiben.
„Verdammte Hure.“, röchelte er. Er winkte mit der Hand ab und ließ seinen Kopf wieder ins Kissen sinken. Seine Wangen waren fürchterlich einfallen und seine Haut hatte die Farbe von schmutzigem Kupfer. Sein Brustkorb zuckte bei jedem Atemzug.
„Geht schon in Ordnung.“, flüsterte er. „Wenn du ne Hure bist, bin ich auch eine.“ Er lachte zaghaft, um nicht von einem neuerlichen Hustenanfall mitgerissen zu werden.
„Nur dass ich schon eher gefickt wurde.“ Seine Hand tastete nach seinen Oberschenkeln.
Er nickte. „Ich hab mehr als meine Beine verloren.“
Der Blick des Mannes ohne Beine wurde plötzlich sanft.
„Warum bist du nur so´n hübsches Ding?“, sagte er. Er legte den Kopf etwas zur Seite und lächelte.
„Wenn ich noch meine Beine hätte, oh man, was könnten wir beide für´n Spass haben.“
Er packte sie bei der Hand. Maria wollte sich losreißen.
„Mir ist alles egal.“, sein Atem war heiß. Er riss sie kraftvoll zu sich ans Bett.
„Siehste, kann ich alles noch.“, grinste er. „Brauchst mich nur anfassen.“ Er presst ihre Hand in Richtung seiner Oberschenkel. Maria schrie auf.
Der Mann ohne Beine spuckte ihr plötzlich ins Gesicht.
„Scheiß Hure.“, flüsterte er. „Denkst du etwa, dass er dich nur für sich will?“
Seine Pupillen zuckten wild umher, als er ihr in die Augen sah.
„Ich kanns dir wegficken, wenn de willst.“ Marias Oberlippe zitterte.
„Musst es nur woll´n. Musst nur sagen, machs weg.“ Er legte seine freie Hand auf ihren Bauch. Seine Hand glitt tiefer. „Machs weg.“, sein Flüstern wurde lauter. Sein Gesicht war ihr so widerlich nahe. Maria konnte seinen Atem riechen.
„Oh Gott.“
Er lachte lauthals auf.
„Machs weg!“, zischte er.

Plötzlich ein Krachen! Ein Aufschrei! Maria wollte sich umdrehen, aber der Mann ohne Beine packte sie hinter dem Kopf und presste ihn gegen seinen Oberkörper. Sie konnte das grausige Rasseln in seinen Lungen hören.
„Sags.“, flüsterte er. „Ich ficks dir weg.“ Seine Hand war jetzt fasst zwischen ihren Beinen.
Hinter ihr polterten schwere Schritt auf sie zu. Sie waren gewaltig, wie die eines Riesen. Seine Hand war jetzt fast –
Maria spürte eine zweite Hand, sie war kraftvoll, fast so heiß wie kochendes Wasser und sie legte sich um die Hand des Mannes ohne Beine und hielt sie fest. Der Mann ohne Beine kicherte. „Sags.“, flüsterte er. Es fühlte sich an, als wäre es unmöglich, seine Hand von dort zu entfernen, wo sie lag. „Sags jetzt.“
Maria schwieg. Ihre Oberlippe zitterte und sie schwieg, weil sie Angst hatte.
Der Griff des Mannes wurde schwächer. „Sags.“, bat er sie fast.
Die kochend heiße Hand zog seine fort und presste sie an seine Brust. Maria schaute auf. Mit unglaublicher Kraftanstrengung presste die andere Hand der Krankenschwester das Gesicht des Mannes ohne Beine zur Seite. Ein Hustenanfall packte ihn und ließ ihn erzittern.
„Nicht.“, wollte Maria sagen. Der Blick der Krankenschwester wirkte auf unheimliche Weise grausam und kalt.

„Latt miin Dern in Ruh.“, zischte sie.

Dieter stolperte durch die Nacht. Er wollte nicht wieder zurück.
Ängstlich drehte er sich um. Motorengeräusche. Ein paar schmutzige Scheinwerfer tauchten die Straße in ein wässriges Gelb. Dieter presste sich in den dunklen Schatten einer Eingangstür und blieb bewegungslos stehen. Das Fahrzeug kam näher. Leises Donnern.
Dieter biss die Zähne zusammen und konnte ein Wimmern nicht unterdrücken. Mit der Hand nestelte er an der Eingangstür. Sie war verschlossen.
Das Donnern wurde immer lauter. Kreischend kam das Kettenfahrzeug zum stehen. Die schmutzigen Scheinwerfer beleuchteten Dieters Zehenspitzen. Vorsichtig rutschte er ein Stück zurück. Seine Hand hielt den Türgriff nach unten gedrückt. Dieter presste sich dagegen. Sein Knie schmerzte. Er drückte. Ein leises Knacken. Schritte näherten sich. Dieter hielt den Atem an und presste sich mit aller Gewalt gegen die Eingangstür. Das Blut pochte laut durch seine Schläfen. Dieter schloss die Augen. „Jeh uff“ wimmerte er leise. Er presste den Hinterkopf schmerzvoll gegen das aufgesplitterte, trockene Holz.
„Bitte.“, flüsterte er. „Jeh uff!“ Die Tür krachte so laut wie eine Bombe auf.
Dieter stürzte. Er riss die Augen auf. Mehrere schwere Armeestiefel trampelten in seine Richtung. Dieter zögerte. Sein Blick huschte durch die Dunkelheit.
„Meen Jott.“, keuchte er noch. Dann war er plötzlich auf den Beinen. Sie fühlten sich wie Gummi an. In Dieters Kopf dröhnte es. Er wirbelte im Kreis herum. Ging zurück. Ein Schritt, zwei. Seine Fuß tastete ins Leere. Dieter stieß einen quiekenden Schrei aus und stürzte nach hinten.
Seine Hände wedelten durch die Luft. Seine Hand streifte über das Geländer und umklammerte es verzweifelt. Sein rechtes Knie knickte weg. Mit ganzer Wucht schlug er mit dem Rücken gegen die Kellertreppenwand. Dieter hustete. Er ließ das Geländer los, wollte einen Schritt machen und sprang fast. Vor ihm nichts als Dunkelheit. Seine Füße knallten auf die unterste Stufe, sein rechtes Bein schnellte vor, setzte auf - Dieter schrie auf vor Schmerz.
Halb ohnmächtig taumelte er vorwärts, prallte gegen eine Tür und riss sie auf. Durch die Wucht des Aufpralls schlug sie laut gegen die Kellerwand und wurde zurück in den Rahmen geworfen. Dieter lag auf seinen Knien und hielt sich mit beiden Händen abgestützt. Sein Atem raste. „Steh uff.“, flüsterte er. Sein Knie fühlte sich an, als hätte man mit dem Hammer darauf geschlagen.
Ein lautes Splittern! Dieters Kopf wirbelte herum. Ein einziger Gewehrkolbenschlag hatte die Eingangstür aus den Angeln gerissen. Schreie! Dann ein Schuss. Die Armeestiefel trommelten wie Maschinengewehrsalven in das Haus. Eine Frau kreischte. Türen flogen auf. Zwei einzelne Armeestiefel trampelten die Kellertreppe hinab.
„Steh uff!“, befahl sich Dieter. Er setzte eine Hand auf das linke Knie, schloss die Augen, dann stand er auf.

„СТОЙТ!“ Der Stiefel des Soldaten krachte gegen die Tür und schleuderte sie auf. Sie schlug gegen die Wand – wurde zurück geworfen!
„Cтойт.“ , sagte der Soldat fast ruhig und streckte den Arm aus. Die Tür prallte dagegen, taumelte aus den Scharnieren und fiel wie ein Fallbeil nach vorn. Der Soldat betrachtete die Tür etwas ungläubig und zögerte.
„Werr da?“, sagte er laut in gebrochenem Deutsch. Ein leises Klicken, dann entzündete sich ein Feuerzeug. „Хände хoch.“ Er hob die Hand und beleuchtete mit dem Feuerzeug den Raum. Vorsichtig ging er ein paar Schritt vorwärts, bis zu einem Schrank, der fast auseinander fiel. Er riss die Tür auf! Die Tür krachte aus den rostigen Scharnieren und knallte auf den Boden. Der Soldat zog die Augenbrauen zusammen und drehte sich um. Er ging auf die Wand zu. Dort befand sich eine Eisenklappe, die etwa so groß war wie ein Kellerfenster.
Der Soldat lächelte und öffnete die Klappe.
„ЙДЙОТ!“ Er schob den Lauf des Gewehres in den Schacht und sein Gesicht vor. Der Schacht führte senkrecht nach oben.
Er blickte den Schacht hinauf. Er glaubte etwas zu sehen.
Dann plötzlich, ein lautes Rauschen! Der Soldat zuckte zurück.
Doch zu spät, die Ladung Kohlestaub erwischte ihn mitten im Gesicht.
Er drehte sich um. Ein Soldat stand in der Kellertür und hielt ein brennendes Feuerzeug in die Höhe. Der Soldat, der voller Kohlenstaub war, sah an sich herab und zog die verrußten Augenbrauen zusammen.
Der andere Soldat schüttelte den Kopf.
„ЙДЙОТ!“

Dieter rutschte aus dem Kohlenschacht und glitt zu Boden. „Meen Jott.“, flüsterte er und hustete. Er schloss die Augen und rieb gedankenverloren sein Knie. Er versuchte sich zu erinnern, wie lange er in dem Kohleschacht gekauert hatte. Er schüttelte mit dem Kopf.
„Is nich wichtig.“, flüsterte er zu sich selbst.
Vorsichtig kroch er in Richtung des Kellerausgangs. Über die Treppe fiel fahles Morgenlicht in sein Gesicht. Dieter hob die Hand vor die Augen und blinzelte.
Was war das für ein Gesicht gewesen, das er da im Kohleschacht gesehen hatte? Er hielt inne und ließ die Hand sinken. Es war grauenvoll gewesen. Im Schein des Feuerzeuges hatten seine Konturen hart und erbarmungslos ausgesehen. Die Haare waren struppig und schwarz gewesen. Die Augen. `Meen Jott.´, dachte Dieter. Er hatte kurz in diese Augen gesehen und war fast erstarrt. Sie waren wie Schlitze gewesen.
Und dieses Grinsen! Als er seinen Kopf in den Schacht gesteckt hatte, da hatte er so widerlich gegrinst und geschnüffelt, so als wollte er ihn riechen. Nein! So als hätte er ihn schon gerochen. Dieter packte die Angst. Was, wenn sie noch da draußen waren? Er rollte sich zur Seite und lehnte sich gegen den Türrahmen. Er lauschte.
Als etwas Zeit vergangen war, streckte er vorsichtig den Kopf um die Ecke und blinzelte in Richtung Kellertreppe. Alles war ruhig.
Wenn er die Treppe hinauf wollte, musste er aufstehen. Dieter befühlte sein Knie.
„Tut weh jetze.“, flüsterte er sich aufmunternd zu. Mit dem Gewicht auf dem linken Bein zog er sich keuchend am Kellertürrahmen empor.
Er setzte den rechten Fuß vor. „Tut weh.“, flüsterte er und biss die Zähne zusammen.
Der Weg die Kellertreppe empor, schien unendlich lang zu sein. Dieter blieb auf jeder Treppenstufe stehen und schloss die Augen. Er nickte, wartete. Die nächste Stufe.
An der zersplitterten Eingangstür blieb er stehen und sah sich um. Jemand hatte eine Schürze auf den Boden fallen lassen. Vorsichtig bückte er sich und hob sie auf. Er roch daran.
`Warum hatte er das getan?´ Dieter verzog angewidert den Mund. Hastig warf er sie fort. Verwirrt betrachtete er seine Hand. Sie war feucht. Blut!
Dieter übergab sich keuchend, indem er sich an der Wand abstützte.
„Jott!“, er wischte sich den stinkenden Speichel vom Mund und sah, dass er schwarz vom Ruß war. Vorsichtig hüpfte er auf dem linken Bein herum, blieb fast einbeinig stehen und blickte die Treppe hinauf. Sie hatten die Türen aufgebrochen.
Dieter betrachtete den Treppengang und schluckte.
„Hallo?“, fragte er vorsichtig. Nichts rührte sich.
„Wenns euch nich jut jeht, müsster rufen!“ Dieter betrachtete die blutige Schürze, die er auf den Boden geworfen hatte und drehte sich wieder in Richtung des Ausgangs. Er schluckte.
Er drehte sich wieder zurück und hüpfte auf die Treppe zu.
„Könnt och rufen, wenn’s euch jut jeht!“, rief er. Keine Antwort. Dieter packte mit seinen Händen rechts und links die Geländer und hüpfte mit dem linken Fuß auf die erste Stufe. Dieters Atem ging wie eine Dampflok. Tschsch, machte es, Tschsch. Dieter nahm Stufe um Stufe. Die Hände ein Stück höher ans Geländer, ein Schwung mit dem Oberkörper, ein Sprung – Tschsch – die nächste Stufe.
Oben angekommen blieb er keuchend stehen und ließ sich gegen den Türrahmen sinken. Die Tür war zum Teil in den Raum hineingeschleudert worden. Ein paar Teile davon lagen außerhalb, auf der Schwelle – Dieter drehte sich etwas verwirrt um – auf der Treppe? Sein Kopf ging um den Türrahmen herum und er schaute ins Innere der Wohnung.
Niemand war zu sehen.
„Ich komm jetzt rin.“, rief Dieter laut. Er atmete tief ein und pustete aus. Etwas unsicher schob er sich durch die Tür. Mit beiden Händen an den Wänden des Flurs hüpfte er vorwärts. Ab und zu berührte sein rechtes Bein den Boden und er hielt schmerzvoll inne. Dieter leckte sich die Lippen. Wie lange hatte er schon keine richtige Wohnung mehr von innen gesehen? Er schüttelte den Kopf. Ewig nicht. Jedenfalls keine bei der die Außenwände nicht einfach weggerissen waren und in die man hineinschauen konnte wie in einen Rattenkäfig.
An den Wänden waren Tapeten. Neugierig befühlte er sie mit den Händen. Er hätte ewig so stehen bleiben können, hätte er nicht etwas gesehen, was ihn ganz gefangen nahm. Mit großen Augen hüpfte er darauf zu. Er stolperte, setzte den rechten Fuß auf, humpelte.
„Ein Radio.“, flüsterte er ungläubig. Er hatte die Angst vergessen. Er war fast da. Er streckte die Hand aus, packte es – es gehörte jetzt ihm. Ja, ganz sicher!
Er drehte sich mit leuchtenden Augen zur Seite.
Dieter schaute auf. Das Radio entglitt seinen Händen. Krachend zerbrach es auf dem Boden.
„Wer?“, fragte Dieter.
„Wat?“ Er spürte, dass er sich wieder übergeben musste.
Die Frau auf dem Boden war nackt. Aber was noch schlimmer war – Dieter humpelte auf sie zu – Sie war – Ihre Oberschenkel waren voller Blut, ihr Bauch, ihre Hände!
„Sie haben es mir weggenommen.“, flüsterte sie und sah ihn mit großen, glitzernden Augen an. Dieter wollte sie anfassen, ihr irgendwie helfen.
„Wat wechjenommen?“, stieß er atemlos hervor. Er betrachtete immerwieder ihre gespreizten Oberschenkel. Sie streckte ihm die blutigen Hände entgegen.
„Mein Baby!“, kreischte sie plötzlich. „Sie haben mir mein Baby weggenommen!“
Dieter stolperte zurück. Er wollte sich die Ohren zuhalten.
„Mein Baby!“ , kreischte sie und beugte sich vor. Sie wollte ihn festhalten.
„Diese Teufel haben mein Baby!“
Dieter riss den Mund auf.
„Sie holen alle Babys!“, schrie die Frau.
Dieter drehte sich um und stürzte in den Flur. Er spürte sein rechtes Bein jetzt nicht mehr.
„Maria.“, keuchte er.

Hinter ihm schrie die Frau wie eine Wahnsinnige.
„Teufel!“, schrie sie.
„Teufel.“, flüsterte sie und hob ein Bild auf, das neben ihr lag. Vorsichtige streichelte sie erst den Bilderrahmen und dann das Bild, das voller Glassplitter war.
„Mein Baby.“, flüsterte sie und betrachtete das Bild, auf dem man sie und ihre sechzehnjährige Tochter sehen konnte.

Dieter sah zuerst die Militärfahrzeuge. Dann sah er die Soldaten. Sie waren bereits im Lazarett! Sie wollten Maria das Baby wegnehmen! Dieter dachte an das Gesicht, das er im Kohleschacht gesehen hatte. Es hatte so widerlich gegrinst, dieses Gesicht. Und wie es geschnüffelt hatte. Dieter faste sich an die Ohren und versteckte sich hinter einer Häuserecke.
„Sie haben mein Baby!“, hörte er sie noch immer schreien. Das Schreien hörte sich in seinem Kopf fast an, wie das von Maria. Dieter kniff die Augen zusammen. Ein paar Tränen quollen hervor. Dieter wischte sie mit dem russschwarzen Handrücken seiner rechten Hand fort und atmete zitternd aus. „Nee.“, flüsterte er. „Deens kriejen se nich. Deens nich!“ Er stieß sich von der Häuserecke ab und rannte die Straße hinunter.
Er musste zum Fluss.


Die Adern an Marias Hals waren so dick wie Regenwürmer. Sie bewegten sich, krochen mit jedem angehaltenen Atemzug unter ihrer Haut entlang, wurden blau –
wurden schwarz.
Die dürre Frau, der die Krankenschwester befohlen hatte, bei ihr zu bleiben, legte zitternd ihre linke Hand auf Marias Hals. Sie schloss die Augen. Ihre rechte Hand rieb wieder und wieder über Marias pulsierenden Bauch, hielt ängstlich inne, wenn das, was sich darin bewegte, ausschlug und gegen die Gebärmutter hämmerte. Ihre Hand zitterte dann. Ihre Lippen flüsterten verzweifelt. Dann rieb sie wieder.
„Must se ordentlich schubbern.“, hatte die Stationskrankenschwester ihr befohlen. „Damits Engelchen weeß, wos raus jeht.“
„Hier.“, hatte sie gesagt und ihre Hand unter Marias Bauch geschoben. „Hier musste schubbern.“ Sie hatte ihre Hand wie wild gegen Marias Unterleib gepresst und mit ihrer rauen Handfläche wie mit einem Eisenschwamm hin und her geschrubbt, dass Maria aufschrie, als das, was in ihrem Bauch war, sich zum ersten Mal so ungeduldig und boshaft bewegt hatte.
„Damits Engelchen weiß, wo es raus muss.“, flüsterte die dürre Frau wieder und wieder und ihre Hand bewegte sich schnell und schmerzhaft. Maria schrie auf.
„Nicht.“ , schrie sie und versuchte verzweifelt ihre Hände aus den Lederriemen zu befreien. Ihre Beine zuckten und rissen an den Fußfesseln.
„Nicht anfassen.“, wimmerte sie.
Die dürre Frau öffnete ihre rotumrandeten Augen. Für einen Augenblick nahm sie die Hand von ihrem Bauch und strich ihr durch das schweißnasse, klamme Haar.
„Is doch nur, damits Engelchen weiß, wos raus muss.“, sagte sie lächelnd. Maria schüttelte wie wild mit dem Kopf, als die dürre Frau wieder die Hand aus ihrem Haar nahm und sie unter ihr hochgerutschtes Nachthemd schob.
Von weitem hörte sie die rauen, unverständlichen Stimmen der Soldaten und die tiefe, sinnliche Stimme der Stationskrankenschwester, die beruhigend, fast einlullend auf sie einredete. Wenn sie sich auf diese Stimme konzentrierte, versank alles um sie herum in Gleichgültigkeit.
„Is jut.“, flüsterte die Stimme. „Bist meen Dern.“

“Кто вы?“, der Soldat blickte den Flur hinab und leckte sich die rußigen Lippen. „Дймйтрй?“ Er sah in die andere Richtung, hielt das Gewehr an seinen Bauch gepresst und kniff die Augen zusammen. Es war niemand zu sehen. Er ging ein paar Meter den Flur in Richtung Ausgang. An einer Tür blieb er stehen und drückte sie mit dem Lauf des Gewehres auf. Der Soldat blickte hinein. Er sah ein paar kleine Kabinen, ein Waschbecken, ein anderes lag zerbrochen auf dem Boden. Durch ein kleines Oberlicht, das größtenteils von Spinnweben abgedunkelt wurde, fielen ein paar spärliche Sonnenstrahlen in die Toilette. Der Soldat leckte sich wieder die Lippen. Er sah sich vorsichtig um.
„Дймйтрй?“ Niemand antwortete.
Der Soldat schloss hastig die Tür hinter sich und stellte das Gewehr gegen den Türrahmen. Es war jetzt sehr dunkel. Der Soldat schlich in den hinteren Teil des Raumes und öffnete seinen Hosenlatz. „Слава богу!“, stöhnte er.
Als er fertig war, drehte er sich um und ging zu dem Waschbecken. Er betrachtete sich in dem von Rostsprenkeln übersäten Spiegel und schüttelte den Kopf. Er öffnete den Wasserhahn. Ein lautes Knarren erschreckte ihn. Dann ein Röcheln, ein leises Plätschern. Ein dünnes Rinnsaal ergoss sich aus dem Wasserhahn – der Soldat beugte sich vor, hielt seine schmutzigen Hände in das Rinnsaal und wusch sich vorsichtig den Russ aus dem Gesicht.
„ЙДЙОТ.“, flüsterte er und lächelte. Er blickte auf. Dann sah er hinter sich das schwarze Gesicht und die beiden Hände, die den Lauf des Gewehres umklammert hielten.
„Боже мой!“, stöhnte er.
Dieter schlug mit aller Kraft auf ihn ein.


„Ich sehe alles ein, so ich's will. Aber ich will manches geflissentlich nicht einsehen, und das bloß darum, weil es mir als einem Herrn der Herrlichkeit nicht beliebt!“*


„Das ist kaum möglich.“, säuselte die Krankenschwester und lächelte. Die Soldaten sahen sich an. Sie schienen verwirrt. Der Offizier mit der aus der Stirn geschobenen Mütze kratzte sich an der Schläfe, sah sich um. Die Soldaten zuckten mit den Schultern. Einer von ihnen trat einen Schritt vor und flüsterte dem Offizier etwas ins Ohr. Er deutete auf seine Lippen. Wieder zuckte er mit den Schultern und trat zu den anderen zurück.
„Sie sprechen russisch?“, fragte der Offizier.
Die Krankenschwester ging auf seine Frage nicht ein. Sie tat einen Schritt vor. Sie kam dem Offizier plötzlich riesig vor. Er legte die Hand präventiv auf das lederne Pistolenhalfter an seiner Hüftet und hob die andere Hand wie zur Abwehr in ihre Richtung.
„Sprechen Sie russisch?“, fragte er sie.
„Sie müssen jetzt gehen.“, sagte die Krankenschwester sehr laut. Hinter ihr hörten die Soldaten die heftigen Schreie eines jungen Mädchens. Sie zuckten zusammen. Der Offizier beugte sich sehr weit zur Seite und sah an der Krankenschwester vorbei.
„Wer schreit da?“, fragte er. Er öffnete das Lederhalfter und kniff die Augen zusammen.
„Gehen Sie.“, sagte die Krankenschwester und berührte ihn plötzlich sehr schmerzhaft an der Schulter. Der Offizier machte einen Satz zurück. Er riss die Pistole heraus.
„Sprechen Sie russisch?“, schrie er sie an. Die Soldaten rissen ihre Gewehre in Anschlag. Laute Entsicherungsgeräusche. Die Krankenschwester hob beschwichtigend die gewaltigen Arme. Ihre Lippen bewegten sich. Die Soldaten sahen sie ungläubig an.
„Sie verstehen mich doch, nicht wahr?“
Wie zum Teufel war das möglich? Ihre Lippen bewegten sich. Aber sie bewegten sich falsch!
Der Offizier kniff ungläubig die Augen zusammen. Er drehte sich wieder zu seinen Soldaten um. Er sah in ihre Augen und wusste, dass er nicht verrückt war, dass sie ganz genau dasselbe sahen wie er.
„Sie sprechen kein Russisch.“, sagte er misstrauisch und drehte sich wieder zu ihr um. Sie schien jetzt größer als vorher zu sein. Obwohl das Sonnenlicht hell und warm in den Lazarettsaal flutete, schien ihr Körper in einem eisigen Schatten zu stehen.
Der Offizier wischte sich über die aufgesprungenen Lippen. Als er ausatmete, sah er seinen kondensierten Atem vor seinem Gesicht aufsteigen. Er stöhnte ängstlich auf. Hinter ihm gingen die Soldaten mehrere Schritte zurück.
„Дьявольщйиа.“ Der Offizier entsicherte die Pistole.
„Verhaften.“, sagte er plötzlich. „Alle verhaften.“ Die Soldaten hinter ihm stöhnten ähnlich ängstlich auf, wie er.
„Macht, dass diese Hure mit dem Geschrei aufhört!“, schrie der Offizier wütend und hielt sich schmerzverkrampft die Ohren zu.
Die Krankenschwester lächelte und trat an ihn heran.
„Ich sehe alles ein, so ich's will.“, flüsterte sie. „Aber ich will manches geflissentlich nicht einsehen, und das bloß darum, weil es mir als einem Herrn der Herrlichkeit nicht beliebt!“*
Der Offizier ließ die Arme sinken. Mit großer Gewissheit presste er den Lauf seiner Pistole wie einen erregierten Phallus gegen ihren Bauch.
„Черт поберй!“

Maria stöhnte auf. Das, was in ihr war, bewegte sich jetzt wild und schmerzhaft. Undeutlich hörte sie von weitem die rauen, fremden Stimmen der Soldaten. Dazwischen immer wieder, so beruhigend, IHRE Stimme, flüsternd, einschläfernd. Maria schloss die Augen, stöhnte, ihr Unterleib zuckte hin und her unter den energischen Bewegungen der dürren Frau, die sich über sie gebeugt hatte, ihren kleinen Bauch wie einen Kohlkopf umklammert hielt und sie rieb, dass ihr Bauch brannte, ihre Oberschenkel, ihre Scham. Eine jähe Kontraktion ließ Maria aufschreien, sie bäumte sich auf, riss an den Gelenkfesseln. Sie kreischte.
Die Stimme der dürren Frau legte sich wie ein Wasserfall über die Stimmen der Soldaten. Sie sprach sehr schnell, stieß die Worte atemlos hervor, während ihre rechte Hand in unmenschlicher Geschwindigkeit ihren Unterleib rieb.
„Haste gemerkt, wie er gekommen ist? Haste ihn gespürt? Hat er so gemacht?“ Sie kicherte. „Hat er. Hat so gemacht und hat dich so lange gerieben, bis du aufgegeben hast. Dich an ihn geklammert hast, wie ne Hure. Hast de Beine auseinander gemacht und mit de Hände deine kleinen Arschbacken uffjemacht, damit er dich fickt, mit seine sieben Schwänze.“
Maria schrie.
Die dürre Frau redete weiter. Redete immer weiter.
„- in dir drin.“, zeterte sie.
„- Schwanz – uffjemacht – hat er – gefickt – gefickt – dran jerieben!“
Maria kreischte. Etwas fraß von innen an ihr. Es hatte so furchtbar scharfe Zähne. Blut trat zwischen ihren Beinen hervor.
„Damit es weiß, wo es raus muss“, kicherte die Alte. „Wenns nich weiß, wo es raus muss, kommts da raus, wo es will.“
Marias Hände rissen wie wild an den Gelenkfesseln.
„Wo es will!“

„Черт поберй!“

„Tatsächlich?“, die Krankenschwester packte den Offizier plötzlich am Kopf.
Seine Mütze rutschte ihm über den Hinterkopf und fiel zu Boden. Dann küsste sie ihn und der Offizier schoss. Einmal – zweimal. Er schoss und er wollte schreien, als er fühlte, was da in seinen Mund eindrang, weiter, immer weiter. Die Soldaten hinter ihm schrieen wie wild durcheinander. Der Offizier zuckte, schoss noch einmal. Noch einmal. Dann brach ihre Zunge wie ein erigierter Penis durch seinen Hinterkopf. Blut und Gehirn spritzte in die Gesichter der Soldaten. Sie waren wie erstarrt. Sie sahen, wie sich die Zunge, nein es sah ganz und gar nicht wie eine Zunge aus, in dem Loch in seinem Kopf wand, wie es darin herumstieß, stocherte und das weiße Gehirn wie Samenflüssigkeit herauspresste, hinausspritzte. Die Männer stöhnten auf vor Entsetzen.
Es gab ein leises ploppendes Geräusch, als die Frau ihre Zunge aus dem Kopf des Offiziers zog. Sie hielt ihn wie eine Flickenpuppe in der Hand. Seine Hände zuckten noch. Mit einer einzigen mühelosen Handbewegung schleuderte sie ihn zur Seite.
„Черт поберй!“ Einer der Soldaten machte einen einzigen Schritt vorwärts.
Sie war schon über ihm, bevor er den Abzug drücken konnte.

Maschinengewehre! In Dieters Kopf dröhnte es. Er humpelte vorwärts. Er musste durch den Hintereingang in den Lazarettsaal. Auf der Treppe hörte er wieder das Trampeln von Armeestiefel. „Maria.“, stieß er atemlos hervor. „Maria!“

Der Mann ohne Beine zog sich mit den Händen über den aufgesprungenen Fliesenboden. Seine Hände umklammerten kraftvoll die Standbeine von Etagenbetten, Pritschen, Tischen. Er biss die Zähne zusammen, keuchte und zerrte sich vorwärts. Die dürren Stümpfe seiner Oberschenkel bewegten sich dabei wie die Chitinfühler von Hochseekrebsen im Takt seiner Hüftbewegungen, hakten sich in Öffnungen, an Gegenständen fest, drückten, schoben.
Für einen jähen Augenblick hielt er inne. Seine Hände krallten sich in das Fleisch seines Brustkorbes. Er zitterte. Er weinte vor Schmerz und der Angst eines neuerlichen Hustenanfalls.
Dann ließ eine Hand seinen Brustkorb los, wanderte zu seinem Mund – die Hand öffnete sich und er legte sich den Finger auf die Lippen.
„Schschscht.“ Der Mann ohne Beine öffnete die Augen. Sie waren jetzt bar jeden Schmerzes und jeglicher Angst. Er drehte sich auf den Bauch, umklammerte mit der Linken den eisernen Fuß einer Pritsche, zog sich mühelos vorwärts.
Dann berührte seine Rechte den Fuß der dürren Frau.
„Dreh dich jetzt um.“, flüsterte er.

„Was zum Teufel?“ Die dürre Frau nahm die Hand von Maria und sah nach unten.
Dann drehte sie sich um, sah die Soldaten. Sie hatten sich versteckt, hatten Tische umgeworfen, Betten. Sie schossen, schrieen. Die Eingangstür flog auf, Männer stürmten herein, blieben stehen. Sie sah, wie ihre Köpfe davon flogen, wie sie zusammenbrachen. Einige zogen sich zurück, liefen schreiend ihren Kameraden entgegen, versuchten sie aufzuhalten. Schüsse auf dem Flur.
Die Tür flog wieder auf. Wieder dieses Entsetzen in ihren Augen, das Geräusch von Maschinengewehren, die entsichert wurden – Schreie, Schüsse !
Ein Schlag gegen die Brust lies sie erzittern. Ungläubig sah sie auf ihren Brustkorb. Ein seltsamer Geruch stieg ihr in die Nase. Mit ihren Fingern ertastete sie ein kleines Loch. Etwas Blut floss daraus hervor. Sie lächelte, sah auf Maria und streichelte ihren Bauch.
Dann brach sie lautlos zusammen.

Dieter stürzte. „Maria!“ Er riss an seinem Knie, setzte den Fuß auf. Er wollte aufstehen. Das Bein knickte ein. Dieter schlug hart mit dem Gesicht auf. Mit den Händen umklammerte er das Gewehr, stützte sich auf den Ellenbogen ab und knallte den Gewehrschaft auf den Boden.
Keuchend richtete er sich auf. Am Ende des Flurs sah er den Hintereingang zum Lazarettsaal.
Das Gewehr wie eine Krücke benutzend humpelte Dieter darauf zu. Immer wieder verlor er das Gleichgewicht, taumelte zur Seite, knallte gegen die Wand, hielt keuchend inne, stieß sich ab, taumelte. Und humpelte vorwärts. Schritt für Schritt. Die Tür kam näher. Sie bewegte sich. Sie öffnete sich, schloss sich wieder. Dieter warf sich gegen die Wand, glitt zu Boden und rutschte vorwärts. Wieder und wieder trafen Maschinengewehrsalven die Tür und warfen sie auf. Holzsplitter flogen durch die Gegend. Dieter hob schützend die Hand, kroch auf die Tür zu. Sie krachte in seine Richtung. Dieter streckte die Hand aus. Wieder! Sie schlug so heftig gegen Dieters Hand, dass er aufschrie, sich zusammenkauerte und sie an seinen Bauch presste. Die Schüsse trafen die Tür jetzt so heftig, dass sie wie der Flügel eines Kolibris flatterte. Dieter wich zurück. Zitternd hielt er das Gewehr am Lauf und schob es nach vorn.
„Maria.“, flüsterte er und klemmte es plötzlich zwischen die Flügeltüren, damit sie nicht in den Rahmen zurückschlagen konnten. Zentimeter um Zentimeter öffnete sich die Tür ein Stück weiter. Der Gewehrkolben war wie ein Türstopper, nur dass er in der anderen Richtung funktionierte. Dann war die Tür offen. Projektile pfiffen wie Hornissen über Dieters Kopf hinweg, schlugen in den Türrahmen, spalteten das Holz wie eine Axt auseinander.
Zitternd kroch Dieter vorwärts. Überall Schreie, furchtbare Schreie. Dieter presste das Gesicht auf den Boden. Er wollte jetzt nicht aufsehen. Er wollte nicht sehen, dass die Soldaten wirklich Teufel waren. Wenn er sie sah –
Dieter kroch vorwärts. Er beobachtete die Fliesen, wie sie langsam unter ihm dahinglitten. Er erfühlte ihre kleinen Risse und Sprünge, ertastete ihre fettverschmierten Fugen, grub die Fingernägel hinein.
Dann hörte er plötzlich Marias Stimme. Sie schrie! Mein Gott, warum schrie sie so?
Dieter hob vorsichtig den Kopf. Vor ihm lag jemand auf dem Boden. Dieter sah ihn ungläubig an. Eine dürre Frau, hatte er sie gekannt?, wandte sich gerade von ihm ab und sah in die andere Richtung. Dieter wollte sie warnen. Er wollte sie vor dem Mann ohne Beine warnen, der wie ein ekelerregender Wurm an ihrem Fuß nestelte.
Dieter hob die Hand – und seine Augen schlossen sich plötzlich wie von selbst. Etwas spritzte ihm ins Gesicht. Es fühlte sich warm an. Dieter wollte die Augen nicht mehr öffnen.
Dann öffnete er sie und sah das riesige Loch im Rücken der dünnen Frau.
Dieters Gesicht war wie erstarrt.


Dunkelheit. Maria öffnete die Augen. Warum war es so dunkel? Und warum roch es so seltsam? Mit ihren Fingern tastete sie auf dem Boden umher. Sie fand einen Krug mit Wasser und trank einen Schluck. Das Wasser schmeckte alt und faulig. Als sie den Krug wieder hinstellte gab er ein säuselndes Geräusch von sich. Maria zitterte. Ihr war kalt und sie hatte Hunger. Warum war es hier so dunkel? Maria stand auf und tastete sich vorwärts. Dann stieß ihr Fuß gegen etwas am Boden und sie wäre beinahe gefallen, wenn sie sich nicht plötzlich an der Wand abgestützt hätte. Mit den Händen tastete sie über das feuchte Mauerwerk. Sie ging nach links und kam an eine Tür, die sich nicht öffnen ließ. Sie tastete weiter. Ein Fenster, sehr klein und sehr hoch. Es war mit Brettern vernagelt. Maria stolperte weiter. Dann wieder etwas am Boden. Maria bückte sich. Sie fühlte einen Körper. Er war kalt und steif.
„Mama?“, fragte sie ängstlich. Sie fühlte erst ihre Hand, in der sie noch immer das Messer hielt, dann ihre Brust, dann ihr Gesicht. Vorsichtig nahm sie ihr das Messer aus der Hand und legte sich zu ihr. Vor der Kellertür hörte sie Geräusche. Männer unterhielten sich. Sie konnte nicht verstehen, was sie sagten. Als sie an der Tür ankamen, rüttelten sie daran. Ein paar fragende Worte, dann ein lauter Stoß. Stille. Maria blieb ganz ruhig und kuschelte sich an den Körper ihrer Mutter.
Die Stimmen der Männer entfernten sich.
„Weißt du Mariechen,“, sagte Maria und nahm das Messer in die rechte Hand. „wenn die Russen kommen, dann dürfen wir die Tür nicht mehr aufmachen. Dann haben wir lange Zeit nur das, was wir da haben. Und wenn das alle ist –“, Maria fing an zu kauen. „wenn das alle ist, haben wir nur noch uns.“ Maria schüttelte energisch mit dem Kopf, dann setzte sie das Messer an ihren Hals.
„Was kommt, das kommt.“, flüsterte sie. „Und was muß, das muß.“

Stille.
Maria öffnete die Augen. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Eine warme Hand strich ihr zärtlich über den kleinen Bauch. Sie hörte eine tiefe, beruhigende Stimme.
Was auch immer ihr diese Schmerzen bereitet hatte und noch immer in ihr war, hatte sich tief in ihren Leib zurückgezogen, zusammengekauert, ängstlich wimmernd. Sie fühlte, wie sich die Gelenkfesseln an ihren Händen und Beinen fast wie von selbst lösten, aufgingen und von ihr abfielen. Maria versuchte zu lächeln. Eine Hand strich ihr das schweißnasse Haar zurück, glitt unter ihren Hinterkopf. Die andere Hand nahm ihre Hüfte und zog sie langsam zu sich heran. Vorsichtig wurde sie vom Bett gehoben.
Sie fühlte den eiskalten Fußboden kaum, als die Hände sie ablegten. Wieder streichelte die warme Hand ihren Bauch.
„Du weißt, wer ich bin?“, fragte die Stimme.
Maria nickte. Der Mann ohne Beine hatte sich über sie gebeugt. Er stützte sich auf seinen Händen und den Stümpfen seiner Oberschenkel ab, dass sein Oberkörper wie eine unförmige Tischplatte über ihr schwebte. Im Takt ihres ruhigen Atems wippte er vor und zurück.
„Wer bin ich?“, fragte er.
„Du bist der, der es weg macht.“
„Verzeihe ich dir?“, fragte er.
„Ja.“, sagte Maria mit großer Gewissheit.
„Denn ich bin die Barmherzigkeit.“, flüsterte er und verlagerte das Gewicht seines Oberkörpers auf seine linke Hand.
Seine rechte Hand glitt fürsorglich über ihr Gesicht, ihren Hals und ihre Brüste. Die Hand berührte ihren Bauch und etwas erzitterte darin.
„Ich werde es jetzt fort nehmen.“, flüsterte er. Dann –

Dann drehte sie sich zum ersten Mal um. Blut rann ihr aus dem Mund und ein steifer Schwanz ragte daraus hervor, wie ein Stilett. „Nein!“, zischte sie. Ihre Hände gruben sich wie Baggerschaufeln in das blutüberströmte Fleisch des Soldaten, den sie gerade gepackt hatte. Mit einer einzigen zornigen Bewegung riss sie seinen Leib in zwei Hälften. Ein Soldat sprang auf sie zu, schrie und jagte eine halbe Salve in sie hinein, bevor sie seinen Kopf ergriff und ihn geistesabwesend gegen die Wand schleuderte. Zwei andere warfen sich wie Ringkämpfer auf sie, umklammerten sie. Sie wischte sie wie Unrat von sich fort.
„Weg!“, zischte sie und machte erst einen Schritt, dann einen zweiten. Ihre gewaltigen Beine stampften wie Baumstämme in den fliesenbedeckten Boden, der unter ihren Schritten erbebte, aufbrach und sich fast ehrfürchtig zerteilte. Die Soldaten sprangen aus ihren Verstecken hervor und eröffneten fast gleichzeitig das Feuer. Wirkungslos matschten die Geschosse in ihren Rücken, während sie mit unglaublicher Geschwindigkeit vorwärtsschnellte, die Hände ausgestreckt, die Finger wie Krallen und das Gesicht wie unter Schmerzen verzerrt.
„Nicht anfassen!“, brüllte sie.
„Nicht –“

„Nicht.“, flüsterte Dieter und erwachte wie aus einem Alptraum. Angewidert sah er, wie sich der Mann ohne Beine über Maria beugte, wie er vor und zurück wippte. Er sah den Speichel, der ihm aus dem Mundwinkel floss, über ihr Gesicht, wie er sie bestieg und ihr dabei ins Ohr flüsterte.
„Nicht.“, wimmerte er und fühlte, wie plötzlich der Boden erbebte.
Er zog das Gewehr an sich heran. Das Beben wurde lauter. Sein ganzer Verstand versank in seiner Heftigkeit. Dieter schloss die Augen.
Dann schoss er.


Ein seltsames Schreien ließ Maria erwachen. Sie befühlte ihr Gesicht. Es war heiß und aufgeschwollen. Plötzlich ängstlich ließ sie ihre Hände zu ihrem Bauch gleiten, fühlten – fühlten!
Maria seufzte erleichtert auf. Ihre Hände tasteten über die zierlichen Knochen ihrer Hüften, über ihre Scham, dann vorsichtig aufwärts zu ihrem Bauchnabel hin. Sie legte sie gespreizt über ihren flachen Bauch. Das seltsame Schreien wurde lauter. Maria versuchte die Augen zu öffnen. „Wer schreit da?“, flüsterte sie verwirrt.
Zwei Hände legten etwas auf ihre Brust – es kitzelte!
Maria fühlte mit den Händen danach, ertastete es und zog es an sich.
Zwei kleine Hände nestelten an ihrem Nachthemd. Eine kräftige Hand schob den Stoff fürsorglich zurück. Ein kleiner Mund begann sofort gierig an ihrer Brust zu saugen.

„Ist er nicht niedlich?“, fragte er und lächelte.
„Schau ihn dir ruhig an.“, sagte er und öffnete seine Hand.
Maria tastete ängstlich nach ihrem Gesicht. Sie konnte beobachten, wie ihre Fingerspitzen die frischen Nähte an ihren Augenlidern berührten.
„Das würde ich nicht tun.“, sagte er ruhig. „Du willst doch keine Blutvergiftung bekommen.“
Winzige scharfe Zähne bohrten sich plötzlich in ihre Brustwarze. Marias Hand zuckte hinab, der Mund weit aufgerissen vor Schmerz.
„Das müssen wir jetzt nicht sehen.“, sagte er ruhig und schloss ganz langsam die Hand.
Dunkelheit umfing Maria. Kalte Lederriemen schlugen wie Reitpeitschen über ihren Körper und fesselten sie an das Bettgestell.
Maria hörte sich kreischen.

Nach ein paar Stunden hörte sie nur noch das leise schmatzende Geräusch an ihren Brüsten.




„Lass mich immer an Dich denken und vergiss mich nicht, bis ich Deine Schönheit“( in der Hölle)“ schaue, wo ich Dich noch weit mehr loben und lieben werde, Du meine Mutter und Königin!

Gepriesen sei die heilige, Unbefleckte Empfängnis!“ *


Anhang:

„Cтойт.“ - Stehen bleiben.

„ЙДЙОТ!“ - Idiot!

“Кто вы?“ - Wer ist da?

„Слава богу!“ - Gott sei dank.


„Боже мой!“ - Mein Gott.

„Дьявольщйиа.“ - Teufelswerk.

„Черт поберй!“ - Hol´s der Teufel!

*) Jakob Lorbeer


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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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Rainer
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...spitzenklasse...

hallo marcus richter,

die lange fassung gefällt mir besser weil, ja weil sie dichter ist. ich weiß, das ist jetzt unlogisch, aber ich empfinde es so. nur der schluß ist mir zu wirr. beispielsweise der folgende satz
"...„Das müssen wir jetzt nicht sehen.“, sagte er ruhig und schloss ganz langsam die Hand."
da verstehe ich den zusammenhang zu ihrer hand nicht (wenn er der große unbekannte dämon, oder sein nachkomme ist, und es um ihre auf dem bauch gespreizte hand geht).
z.b. genial dagegen, und für mich erst aus der long version ersichtlich, das gegensätzliche paar russen - dämonen(?) und die daran geknüpften erwartungen.

den teil mit der russischen sprache und den ??? würde ich anders gestalten, irgendwie macht es dein tiefes werk noch schwerer lesbar.

wo ist der löwenzahn abgeblieben? daraus hättest du mit dieter doch noch einen schönen nebenschauplatz entwickeln können.

aber irgendwie ist mir das teil immernoch zu kurz, du packst ganz schön dicht und deswegen nicht immer nachvollziehbar.
ich schleime jetzt mal: ein buch von dir in gedruckter form würde ich gerne mal lesen - wenn so weit ist, sag mir bitte bescheid.

grüße + entspanntes wochenende

rainer
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Marcus Richter
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Hi Rainer,
erstmal danke, daß du dir die Zeit genommen hast.
Den Schluss finde ich OK, aber mehr auch nich - so, wie du sagtest. Nach dem bombastischen Finale fehlt irgendwie der bombastische, logische Schluss.

„Schau ihn dir ruhig an.“, sagte er und öffnete seine Hand.

Das mit der Hand bedeutet, ER öffnet SEINE Hand - und sie sieht sich selbst, obwohl ihre Augen geschlossen sind.
Also hat sozusagen etwas in der Hand, naja eigentlich zwei Sachen. Find ich aber selbst nicht so toll - is an den Haaren herbeigezogen.

Der Lewenzahn? Hast recht, dieser Faden sollte eigentlich durchgesponnen werden. Vielleicht läßt sich der Löwenzahnstrang mit einem alternativen Ende zusammenführen.
Ich sehe da Dieter auf dem Boden liegen, mit offenen Augen und er hält den zerknickten Blumenstrauß in den Händen.

Ein Buch? Na was meinste, warum ich hier bin? Hab tausend mal angefangen - und bin tausend mal kläglich gescheitert.
Is für mich einfach produktiv hier. Und solange meine Kurzgeschichten immer noch so unreif rüberkommen(will heißen, einfach unfertig bleiben) wird auch alles, was länger is, unfertig bleiben.
Darum will ich aus den Meinungen anderer erstmal lernen, mich auch anspornen lassen, an dem weiter zu arbeiten, was ich selbst für gut genug halte - es aber lange noch nich is.

Anjenehmes Wochende och dir,
Gruss
Marcus


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Michael Schmidt
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Hallo Marcus,

Einmal schreibst du wiederlich, einmal Hüftet, auch die Kommasetzung solltest du nochmals überprüfen, da bin ich mir aber nicht sicher, da bei der neuen Rechtsschreibereform einge weggefallen sind.

Einen der russischen Begriffe hast du vergessen, am Ende zu erläutern.

So zum Inhalt:
Dieters Rolle in der Geschichte ist ja eher der Gute, warum er am Ende umschwenkt, wird nicht so richtig deutlich.
Am Schluss sind einige logische Ungereimtheiten ( Der Beinlose hebt sie vom Bett. Liegend dreht sie sich herum und zerreißt einen Sodaten/ oder habe ich das falsch verstanden? ), wobei ich denke, dies ist so gewollt, oder?
Wie der Beinlose in der ursprünglichen Version an die Tür ( oder war es die Wand ) genagelt war, hatte mir gut gefallen, das solltest du hier auch verwenden.
Das Böse ist ja gestaltlos, anfangs auf die Russen gemünzt. Da könntest du auch, ähnlich der ersten Version, ein wenig mehr bringen, ohne dem Bösen Gestalt zu geben.

Ansonsten bin ich immer noch sehr beeindruckt, spannend und apokalyptisch. Und stimme Rainer zu, baue es ruhig nach und nach noch etwas aus, wobei es manchmal gut ist, ein wnig Zeit verstreichen zu lassen.

Du könntest noch die „unbefleckte Empfängnis“ selbst, also die Anfänge als Rückblende von Maria einbauen, vielleicht als Traum, der verschüttete Erinnerungen aufzeigt. Genauso ihre Erlebnisse mit der Mutter, die Zeit im Krieg.

Bis bald,
Michael

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Marcus Richter
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Hi Micha,
da seh ich doch schon wieder das alte Problem, daß die Geschichte zwar vor meinem inneren Auge recht verständlich abläuft, es aber immer wieder zu Mißverständnissen kommt.
- Ich kratze mich am Kopf - klasse!

In der ursprünglichen Version waren natürlich der Interpretation nur wenig Grenzen gesetzt. Jetzt mußte/wollte ich die Grundidee genau(er) darstellen.
Maria hat durch die Schocksituation(Tod/Kannibalismus der Mutter) vollkommen die Vorstellung angenommen, die Russen seien Teufel. Sei allgemeiner Gedanke einer erst hochmütigen, ostverachtenden - später verängstigten deutschen Gesellschaft. Ihre Tat(Kannabalismus der Mutter) eröffnet dem wirklichen Teufel die Möglichkeit, sich ihr zu nähern - sie hat ihn sozusagen dazu eingeladen.
Maria gibt ihre fixe Idee der Russenteufel an Dieter weiter. Er glaubt ihr erst nicht, wird aber durch die Vergewaltigungsszene(die Frau mit dem blutüberströmten Unterleib, ihre verschleppte 16jährige Tochter) ebenfalls ein "Gläubiger".
Warum die Russen plötzlich im Lazarett auftauchen, wird nicht gesagt, aber Dieter glaubt, daß sie gekommen sind, um Maria das Kind weg zu nehmen.
In diesem Punkt hat er die gleiche Intention, wie die Krankenschwester(DER Teufel). Er will sie beschützen.
Deshalb erschießt er zum Schluss auch den Mann ohne Beine(Jesus/Gott)- er ist derjenige, der Maria den moralischen, wenn auch "steinigen" Rückweg offen hält. Sie hat bis zum Schluss die Möglichkeit, sich zurück "in seine Arme" zu begeben. Dieter ist sozusagen nur ihr eigenes Schicksal. Ein Schicksal, das über der moralischen Einsicht, der Rückkehr zu Gott steht.
Sehe ich als schönes Bild zum moralisch rückkehrenden Nachkriegsdeutschland. Viele konnten vielleicht bereuen, aber das Schicksal(Russen, Hunger, Demütigung etc.) kam trotzdem über sie.

"( Der Beinlose hebt sie vom Bett. Liegend dreht sie sich herum und zerreißt einen Sodaten/ oder habe ich das falsch verstanden? ), wobei ich denke, dies ist so gewollt, oder?"

Die Krankenschwester ist das Böse, ohne irgendwelche Schnörkel( obwohl mir der Gedanke deiner Interpretation sehr gut gefällt!!). SIE zerreißt die Soldaten, sie steht an der Eingangstür und beschützt IHR Dern.

Oh Man, ich sehe, meine Erläuterungen(Rechtfertigungsversuche für unlogische Handlungsstränge?) werden fast so lang, wie der Text selbst. Ich werde mir also etwas einfallen lassen müssen.

Michael, schön, daß dir meine Geschichte, trotz diverser Ungereimtheiten, gefallen hat. Hoffe also sie hat die Zeit gelohnt. Hoffe auch, meine Erläuterungen können einige Probleme aus dem Weg schaffen, ohne die Geschichte in ein unschönes Licht zu rücken.

Grüsse, werde deine Hinweise berücksichtigen
Marcus



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Durs Grünbein

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Michael Schmidt
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Hallo Marcus,

die Zeit hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Dass die Krankenschwester das absolut Böse ist, war mir klar, nur der Sprung von Maria zu ihr an dieser Stelle war ein wenig unklar, mag aber auch am Seitenwechsel des Ausdrucks gelegen haben. Da sie aber so fürsorglich ist, hat sie ja auc ihre guten Seiten, was an sich auch kein Widerspruch ist. Reines Schwarz-Weiß gibt es ja nicht.

Die Rolle des Beinlosen hatte ich aber anders interpretiert, seine Jesus-Rolle ( bzw. die Befreier-Rolle ) war mir nicht so positiv, eher zweifelhaft und ein wenig Böse herübergekommen.

Und den Kannibalismus-Fall der Mutter hatte ich gar nicht verstanden.

Bis bald,
Michael
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Marcus Richter
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Und den Kannibalismus-Fall der Mutter hatte ich gar nicht verstanden.

Hallo Micha,
da kommt mir doch fast wieder meine alte germanistik-lieblingsfrage über die Lippen:
In wie weit muß die Schreibintention des Autors mit der Interpretation des Lesers übereinstimmen? Muß sie das überhaupt? Ich denke dann immer an David Lynch. Ich kann mir ein paar seiner Filme ein paar mal ansehen und denke, ok, hab ich jetzt verstanden - er meint DAS jetzt so und so, DAS ist nur Füllwerk, DAS,DAS,DAS. Aber habe ich DAS richtig verstanden? Viel wichtiger noch, wenn mich das "Machwerk" dazu zwingt, es mit "eigenen Worten" zu interpretieren und nicht mit den vorgefertigten des Autors, hat das dann einen Einfluss darauf, "wie ich es bewerte"?
Wird es dadurch persönlicher? Hat es dadurch einen größeren Einfluss auf mich, als lesender/sehender Konsument?
Ist, glaube ich, ein guter Gedanke für Theoretisches.
Wieviel Raum für Interpretation soll man dem Leser lassen?
Degrand ist ein gutes Beispiel dafür.

Ok, schönen Sonntag noch.
Marcus

PS: Natürlich ist es eine Gratwanderung, der Absturz in die Unverständlichkeit ist FAST unvermeidlich.
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