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Leselupe.de > Erzählungen
Und er bleibt doch mein Sohn
Eingestellt am 30. 04. 2018 16:39


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Ruedipferd
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Und er bleibt doch mein Sohn

Ich hatte den Brief nur √ľberflogen. Es war nicht n√∂tig, ihn genauer zu lesen. Ich wusste, was drin stand und was meine Schwester von mir erwartete. Die Entscheidung, die ich so viele Jahre vor mir her geschoben hatte, stand nun an. Zittrige H√§nde legten das Papier zur Seite. Ich ging zum Stubenschrank und blieb vor einem Foto stehen. Ein kleiner blonder Junge von f√ľnf Jahren lachte mich fr√∂hlich an und trieb mir Tr√§nen in die Augen. Melf war mein Kind. Mein eigenes Fleisch und Blut, das ich unter Schmerzen geboren hatte und das damals zur unpassendsten Zeit mein Leben aus den Fugen warf. Die Turbulenzen dauerten nicht lang an. Meine Schwester Rieke war seit drei Jahren mit einem Bauern verheiratet gewesen. Sie bewirtschafteten einen Hof und bem√ľhten sich verzweifelt um Nachwuchs. Riekes Mann, mein Schwager Frank, war unfruchtbar, wie sich herausstellte. Als Melf in meinen Armen lag, z√∂gerte Rieke nicht lange. Sie fragte direkt heraus, was ich in meinem jetzigen Zustand mit einem Kind wollte. Sie w√ľrde sich um Melf k√ľmmern, so dass ich meinen eigenen Weg gehen konnte. Ich war damals mit dieser L√∂sung mehr als einverstanden. Auch meine Eltern und die restliche Familie fand nichts dabei.

Ich schluckte schwer, ging auf den Flur und nahm meine Jacke in die Hand. Raus, nur weg, dachte ich. Der Wind wehte steif, wie man hier in Hamburg, in meiner Wahlheimat, sagte, als ich endlich vor der T√ľr stand. Ein Fr√∂steln konnte ich nicht unterdr√ľcken und wusste nicht, ob es an den anstehenden Ver√§nderungen oder doch nur an der K√§lte lag. Es war mir auch egal. Ich war in den vergangenen f√ľnf Jahren eine saum√§√üige Mutter gewesen. Hatte meinen Sohn bei meiner Schwester gelassen, um mich von meinem weiblichen Geburtsgeschlecht verabschieden zu k√∂nnen. Seit knapp zwei Jahren lebte ich nun als Mann. Inzwischen war die Personenstands√§nderung durch und aus Levke war Jens geworden. Meine Familie hatte es mir damals nicht leicht gemacht, den transsexuellen Weg zu gehen. Meine Eltern sahen zwar schon sehr fr√ľh ein, dass ich kein richtiges M√§dchen sein konnte, aber auf die Idee, dass bei mir eine transsexuelle Pr√§gung vorhanden sein w√ľrde, waren sie nicht gekommen. Ich hatte selbst als Jugendlicher recherchiert und f√ľr mich stand fest, dass ich mein Heimatdorf verlassen musste, wollte ich jemals in meinem gef√ľhlten Geschlecht auch leben. Etliche Diskussionen schlossen sich an, bei denen es nicht immer fair zuging. Vater und Mutter und auch meine Schwester dachten daran, was wohl die Leute sagen werden und was das alles mit ihnen machen w√ľrde. Das ich unter meiner Pr√§gung am meisten litt und auch zweimal versucht hatte, mir das Leben zu nehmen, ignorierten sie. Ich war damals wutentbrannt von zuhause abgehauen, mit gerade mal sechzehn Jahren einfach in den n√§chsten Zug gestiegen. In Hamburg fiel ich am Bahnhof einem jungen Mann auf, der mich mit zu sich nach Hause nahm.
Jetzt, am Hafen, blickte ich auf die sch√§umende See vor mir und alles kam wieder hoch. Der junge Mann hie√ü J√∂rn und gaukelte mir damals vor, mich zu verstehen. Es war nicht schwer f√ľr ihn, mich noch am ersten gemeinsamen Abend dazu zu bringen, mit ihm ins Bett zu steigen. Ich vertraute ihm und erlebte aus meiner Sicht zwei wundersch√∂ne Wochen. Meiner Schwester schrieb ich eine SMS und teilte ihr meinen Aufenthaltsort mit. Das war mein Gl√ľck gewesen.
J√∂rn zeigte n√§mlich wenig sp√§ter seinen wahren Charakter. Er kam eines Tages nach Hause, erz√§hlte mir von gro√üen Schulden und das sein Freund ihm ein unmoralisches Angebot gemacht h√§tte. Er w√ľrde ihm die Schulden erlassen, wenn, ja, wenn er eine Nacht mit mir verbringen durfte. J√∂rn hatte emp√∂rt abgelehnt. Aber da waren seine Schulden und der andere drohte ihm mit Pr√ľgel. Einen Tag sp√§ter war ich weich geklopft und willigte ein. Aus diesem einen Mal wurden zwei, drei und dann, als ich mich einmal weigerte, mit einem fremden Kerl ins Bett zu gehen, bekam ich drei Ohrfeigen von J√∂rn. Er hatte in mich investiert, ich hatte Schulden bei ihm, die ich nun abarbeiten musste. Ich kapierte schnell. J√∂rn war st√§rker als ich und er besa√ü viele Freunde im Stadtteil. Nach und nach lernte ich die anderen M√§dchen kennen, die f√ľr ihn anschafften. Ich erz√§hlte ihm auch von meinem transsexuellen Problem und bat ihn, mich wenigstens als Jungen auf den Strich zu schicken. Ich wollte einen Teil des Verdienstes f√ľr mich behalten und sparen, damit ich f√ľr die geschlechtsangleichende Operation Geld h√§tte. J√∂rn war wider Erwarten einverstanden. Hauptsache, er bekam seinen Anteil, meinte er trocken. Statt der M√§dchenkleidung trug ich ab sofort Hosen und kurze Haare, band mir meine kleine Brust ab und steckte mir einen t√§uschend echt aussehenden Dildo in die Unterhose, mit dem ich sogar im Stehen pinkeln konnte. Ich war ohnehin der passive Teil und die Freier merkten nichts.

Irgendwie begann mein Leben eine nicht ganz geplante, aber dennoch f√ľr mich akzeptable Eigendynamik zu entwickeln. Bis zu dem einen Tag. Rieke und meine Eltern tauchten bei mir auf. Ich war nach einer anstrengenden Nacht am fr√ľhen Nachmittag noch im Bett gewesen, als sie an unserer T√ľr klingelten. Es gelang mir nur mit M√ľhe, sie davon zu √ľberzeugen, dass ich okay w√§re. Ich schaffte ja inzwischen mit vollem Bewusstsein an und betrachtete J√∂rn schon lange nicht mehr als meinen Zuh√§lter. Er war heterosexuell und sah auch nur einen Kumpel in mir, der ihn in einer Zweckgemeinschaft mit Knete versorgte. Ich ging also freiwillig auf den Strich. Konnte ich das meinen Eltern erz√§hlen? Nein, konnte ich nicht. Ich log, dass sich die Balken bogen. Mama und Papa schluckten es. Rieke nicht. ‚ÄěIch wei√ü, was du machst. Du gehst mit fremden Kerlen wie ein Strichjunge ins Bett. Warum tust du das Levke oder meinetwegen auch Jens? Mach eine Ausbildung, dann bist du krankenversichert und kannst alles auf legalem Weg bekommen‚Äú, sagte sie am n√§chsten Tag, als wir uns ohne die Eltern noch einmal kurz trafen.‚Äú Ich nickte stumm. Ja, sie hatte eigentlich Recht. ‚ÄěIch hab am Anfang als Frau f√ľr J√∂rn angeschafft, weil er mich dazu gezwungen hatte. Sp√§ter bin ich mit ihm √ľbereingekommen, dass ich als Strichjunge auf die Stra√üe gehe. Inzwischen teilen wir den Verdienst. Ich bekomme in einer einzigen Nacht so viel, wie du in einem Monat als Verk√§uferin in eurem B√§ckerladen.‚Äú Rieke schwieg darauf betroffen. ‚ÄěGut, kannst du dich jederzeit von ihm trennen?‚Äú, fragte sie. ‚ÄěIch denke schon. Er wei√ü nicht, wo ich zuhause bin und wenn ich keinen Bock mehr habe, setz ich mich in den Zug und komme wieder zu euch.‚Äú Erleichtert umarmten wir uns.

Zwei Monate sp√§ter merkte ich, dass ich schwanger von J√∂rn war. Er hatte mich in betrunkenem Zustand vergewaltigt und war wieder in die Stelle meines K√∂rpers eingedrungen, die ich eigentlich so schnell es ging, zun√§hen lassen wollte. Ich sagte es ihm und erkl√§rte, ich m√ľsste jetzt erst mit meinen Eltern reden. Er lie√ü mich ohne ein Wort zu verlieren ziehen. Die Verantwortung f√ľr ein Kind wollte er auf gar keinen Fall √ľbernehmen. Vater und Mutter nahmen mich liebevoll auf. Rieke war bereits verheiratet und w√ľnschte sich nichts sehnlicher als ein Kind. Aber ihr Mann war nicht zeugungsf√§hig. Nach langen Diskussionen fanden wir alle, dass es besser w√§re, ich w√ľrde mein Kind zu Rieke als Pflegekind geben und k√∂nnte so meinen eigenen Weg gehen. Ich hatte damals genug Geld gespart, so dass ich auch ohne Hilfe der Krankenkassen meine OP bezahlen konnte. In Selbsthilfegruppen hatte ich einen Operateur gefunden und bemerkte die Schwangerschaft nur, weil ich mich beim Urologen f√ľr den Beginn der gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung vorstellen wollte. Mit J√∂rn verband mich nichts mehr, aber das Baby in meinem Bauch war ein Teil von mir. Ich blieb bis zur Geburt zu Hause und √ľberlie√ü meinen kleinen Melf meiner Schwester. Dann ging ich den transsexuellen Weg, erhielt m√§nnliche Hormone, bekam einen Stimmbruch, sp√§ter sprie√üte der Bart, und im folgenden Jahr lie√ü ich mich operieren. Alles klappte. Die Personenstands√§nderung kam zusammen mit der Vornamens√§nderung. Ich konnte unerkannt in Hamburg meinen Freuden nachgehen und schrieb mich in der Volkshochschule f√ľr die Mittlere Reife ein. Mein Ziel war, das Abitur am Tageskolleg dranzuh√§ngen und sp√§ter zu studieren. Abends arbeitete ich in Bars und nat√ľrlich auch weiterhin auf dem Jungenstrich. Wie bei Transm√§nnern √ľblich, sah ich zu Beginn der Hormonbehandlung noch aus wie ein vierzehnj√§hriger Bengel. F√ľr Melf sollte ich sein Onkel Jens werden. Ich fuhr an Weihnachten und zum Geburtstag meines Kleinen stets nach Hause. Rieke sprach unsere Mutter mit Mama an und Melf tat von sich aus mit Rieke dasselbe. Sie brachten es mir schonend bei, aber es war okay f√ľr mich. Melf wurde ein fr√∂hlicher aufgeweckter Lausejunge. Wir spielten zusammen, ich verw√∂hnte ihn mit Jungenspielzeug, das ich selbst als M√§dchen nie bekommen hatte und erlebte meine eigene Kindheit wieder. Als ich h√∂rte, wie er Frank mit Papa ansprach, gab es mir einen kurzen Stich, aber dann besann ich mich. Es war das Beste f√ľr meinen Sohn. Er sollte bei Rieke unbek√ľmmert aufwachsen und ich wollte ihn nicht verwirren. Doch er war nun f√ľnf Jahre alt geworden und in seinen Papieren stand immer noch mein M√§dchenname. Das wollte Rieke jetzt √§ndern, denn nach dem Kindergarten k√§me im n√§chsten Jahr die Einschulung. Ich atmete tief aus. Rieke und Frank wollten Melf endg√ľltig adoptieren. Er w√ľrde Franks Namen tragen und offiziell ihr Kind sein. Das letzte Band zu meinem Jungen wurde damit durchtrennt. Mein Herz schmerzte, meine Seele schrie auf, als ich am Quai stand und auf den Hamburger Hafen blickte. Ich musste eine Entscheidung treffen, die meine Kr√§fte und M√∂glichkeiten √ľberstieg. Mit der Unterschrift w√ľrde ich mein Kind f√ľr immer weggeben. Gab es eine andere L√∂sung? Ich √ľberlegte und mir fiel nichts ein. Wenn Melf als Pflegekind bei Rieke und Frank blieb, w√ľrde er weiterhin meinen Namen tragen und auch ich w√§re in seiner Geburtsurkunde als Mutter vermerkt. Er kannte mich jedoch nur als Onkel Jens, wie sollte ich ihm begreiflich machen, dass ich in Wirklichkeit seine Mutter und seine Mama nur seine Tante war? Tr√§nen liefen mir √ľbers Gesicht. Ich heulte wie ein Schlosshund und bemerkte die Polizeistreife nicht, die hinter mir anhielt.

‚ÄěKann ich Ihnen helfen?‚Äú, fragte eine markante m√§nnliche Stimme. Ich drehte mich um und blickte total verheult in die sanften Augen eines jungen Mannes, der wohl mit mir im selben Alter war. Er trug eine Polizeiuniform. Oh je. Ich l√§chelte spontan. ‚ÄěDanke, ich glaube, es geht schon. Ich hab da eine kleine Lebenskrise zu bew√§ltigen.‚Äú ‚ÄěDas sehe ich. Kommen Sie, erz√§hlen Sie. Sie stehen mir zu nahe am Hafenbecken und das Wasser ist sehr kalt. Ich m√∂chte genau wie meine Kollegin heute Abend ungern noch in den Hamburger Hafen springen m√ľssen, um Sie herauszufischen.‚Äú Er reichte mir seine Hand. Ich schlug ein. W√§rme str√∂mte mir entgegen und ich ging voller Vertrauen auf ihn zu. Seine blonde Kollegin war inzwischen auch ausgestiegen, l√§chelte mich an und sagte: ‚ÄěWissen Sie, der Polizeipsychologe hat uns erkl√§rt, wir sollen in kritischen Situationen, wenn jemand vielleicht Suizid gef√§hrdet ist, ganz locker sagen: Lassen Sie uns doch erst mal reden, umbringen k√∂nnen Sie sich ja sp√§ter immer noch.‚Äú Ich lachte auf. ‚ÄěSo schlimm ist es bei mir wirklich nicht. Aber, wenn Sie schon mal hier sind, k√∂nnen Sie mir auch einen Rat geben. Haben Sie Kinder?‚Äú Beide verneinten. Wir setzten uns ins Polizeiauto und ich begann meine Geschichte zu erz√§hlen. Von meiner transsexuellen Pr√§gung, den Eltern, wie ich weggelaufen war, vom Strich und von J√∂rn und ja, dann kam Melf an die Reihe. Beide sahen mich verst√§ndnisvoll an, als ich geendet hatte. Doch ehe sie etwas entgegnen konnten, kam ein neuer Einsatzbefehl per Funk. ‚ÄěBleib sitzen, Jens. Wir fahren zum Einsatz. Du bist dann ein Stricher, den wir gerade auf Drogen kontrolliert haben. Dann kannst du noch eine Weile bei uns bleiben und wir sprechen nachher √ľber dein Problem‚Äú, sagte Marie, die mir nach meinen ersten Enth√ľllungen genauso wie Achim das Du angeboten hatte. Meine Sorgen rutschten in den Hintergrund und ich blieb gespannt auf meinem Platz sitzen. Auf dem Kiez, gleich neben der Freiheit, hatte es eine Rangelei zwischen betrunkenen Besuchern gegeben. Ein Mann war dabei schwer gest√ľrzt. Er blutete am Kopf. Marie rief den RTW. Achim nahm die Personalien der Kontrahenten auf und lie√ü sich den Hergang erz√§hlen. Routinearbeit. Beide schnauften, als der RTW mit dem Verletzten ins n√§chste Krankenhaus abfuhr. ‚ÄěSo, jetzt kommen wir wieder zu den wirklichen Problemen. Das ist schon eine hei√üe Kiste, mit dir. Aber ich denke, dass es f√ľr Melf jetzt am besten w√§re, er w√ľrde nach der Adoption auch in den Papieren den Namen tragen, den er kennt und den er eigentlich schon all die Jahre f√ľhrt. Es sind doch nur Schriftst√ľcke. Das Wichtigste ist eure Beziehung‚Äú, meinte Achim. Marie l√§chelte vielsagend. ‚ÄěDas Wichtigste ist deine Liebe, Jens. Du bist jetzt ein Mann und kannst ihm keine Mutter mehr sein. Vielleicht wirst du ihm im Herzen immer wie eine Mutter zugetan bleiben, aber das macht doch auch nichts. Er hat auf diese Weise zwei Mamas und ja, mit Frank und dir, sogar zwei Papas. Ganz am Ende steht ja auch noch J√∂rn. Ob der als Vater erstrebenswert ist, brauchen wir aber noch nicht zu kl√§ren. Jetzt lasst ihr alles beim Alten und er kann mit dem Namen deines Schwagers eingeschult werden. Er ist doch noch so klein und braucht Sicherheit.‚Äú Marie hatte Recht. Ich war sehr egoistisch gewesen und hatte nicht daran gedacht, was im Augenblick f√ľr meinen Sohn das Beste war. Ich sagte es ihr. ‚ÄěIrgendwann, wenn er Elf oder Zw√∂lf ist, nicht fr√ľher, aber auch nicht sp√§ter, auf keinen Fall, wenn er pubertiert, nimmt ihn Rieke zur Seite und erz√§hlt ihm als Mutter seine Geschichte. Sie wird das gut machen, denn sie liebt ihn auch und er muss noch vor der Pubert√§t die Wahrheit √ľber sich kennen. Da hat er dich als liebenden Onkel erlebt, Frank ist und bleibt sein sozialer Vater und Rieke seine Mutter. Es kann sein, dass er dann J√∂rn kennenlernen will. Ich denke, du solltest versuchen, J√∂rn zu finden und mit ihm sprechen, ob es ihm genehm ist, seinen Sohn zu sehen. √úberlasst Melf danach die Entscheidung, als was er euch ansieht und einordnet‚Äú, meinte Achim. Ich f√ľhlte mich erleichtert. Das klang gut. Damit konnte ich leben. Mit Rieke w√ľrde ich das hinkriegen und was J√∂rn betraf, hatten wir noch massenhaft Zeit. Vielleicht w√ľrde mein Zuh√§lter ja auch irgendwann die Kurve kriegen und halbwegs anst√§ndig durchs Leben gehen. Viel Hoffnung hatte ich allerdings nicht. Aber J√∂rns Gene steckten auch in Melf und es war wichtig, dass der wusste, welch einen Filou er zum leiblichen Vater hatte. Mit Frank w√ľrde er sich danach sicher noch besser verstehen und von Rieke konnte man sich ohnehin nicht abwenden. Was mich anging, w√ľrde ich ihm von meiner Transsexualit√§t erz√§hlen und wie schwer es mir gefallen war, ihn zu seinem Wohl und um ihn nicht zu verwirren, bei seiner Tante Rieke zu lassen. ‚ÄěIch m√∂chte mich bei euch beiden bedanken. Ihr habt mir sehr geholfen. Ich w√ľrde mich freuen, wenn das hier keine Eintagsfliege bleibt und wir unsere privaten Handynummern austauschen. Ich werde alles f√ľr Melf in die Wege leiten und euch dann anrufen und zum Essen einladen. Und mit dir Achim, muss ich sowieso zusammenbleiben, denn deine Connections zu den Dauerkarten der Freezers kann ich mir nicht entgehen lassen‚Äú, erwiderte ich. Marie gab mir als erstes ihre Nummer, Achim folgte. Ich wollte aussteigen, aber die T√ľr in einem Polizeiauto lie√ü sich f√ľr die im Fonds sitzenden nat√ľrlich nicht einfach √∂ffnen. Ich sah die beiden √ľberrascht an. Belustigt drehte sich Marie um und bat mich, ihr meine H√§nde zu zeigen. Irritiert tat ich, was sie wollte und war im n√§chsten Augenblick mit Handschellen gefesselt. Achim grinste. ‚ÄěSo, mein lieber Strichjunge, ganz umsonst sind Polizeiausk√ľnfte nat√ľrlich nicht. Du begleitest uns jetzt aufs Revier. Da werden wir deine Personalien aufnehmen und dich in unserer Hamburger Kartei speichern. Du fehlst uns n√§mlich noch. Und da wir deine Wohnung noch nach Drogen absuchen wollen, bleibst du heute Abend eine Weile unser Gast. Marie und ich haben um 22 Uhr Schichtwechsel. Dann lassen wir dich aus deiner Zelle und fahren in unseren Privatautos noch zu einem Umtrunk zu dir. Das hei√üt, Marie, als gestandene Antialkoholikerin f√§hrt und wir zwei g√∂nnen uns ein Bier auf den n√§chsten Sieg der Freezers. Ich besorg uns die Karten.‚Äú Ich setzte am√ľsiert eine schuldbewusste Miene auf und f√ľgte mich meinen beiden Ordnungsh√ľtern. Mit Achim verband mich eine gemeinsame homosexuelle Ausrichtung. Das bedurfte keiner Worte und Marie w√ľrde uns eine liebe Freundin sein. Ich dachte daran, mich beruflich einmal von ihnen beraten zu lassen. Es w√ľrde etwas dauern, bis ich mein Abitur h√§tte, aber eine Ausbildung bei der Polizei konnte ich mir vorstellen.
Um 22 Uhr verlie√ü ich die Zelle. Achim hatte Wort gehalten. Zwei Tage sp√§ter sa√ü ich im Zug und √ľberraschte Rieke und Frank mit der Zusage, die Papiere gleich zu unterzeichnen, sobald der Anwalt alles aufgesetzt h√§tte. Wir sprachen √ľber Melfs Zukunft und ich erz√§hlte von meinem Erlebnis am Hafenbecken. Sie fanden beide den Vorschlag gut. Ich hatte ein Video der Freezers auf mein Handy geladen und zeigte meinem Sohn im Anschluss die Aufnahme mit den kleinsten Eishockeyspielern beim Training. Wie erwartet war er hell auf begeistert. Ich hatte ihm auch einen Eisb√§ren und ein Eishockeyspiel mitgebracht und fragte ihn, ob er, wenn Mama und Papa es erlauben, mit zu mir nach Hamburg kommen m√∂chte. Wir w√ľrden ihm Kleidung und Schlittschuhe leihen und er d√ľrfte mit mir aufs Eis. Wenn er dann brav w√§re und auch im n√§chsten Jahr artig zur Schule gehen w√ľrde, k√∂nnten wir √ľber den Vereinsbeitritt sprechen und ich w√ľrde ihn zweimal in der Woche zum Training abholen. Melf schlang seine kleinen Arme um mich und jauchzte √ľbergl√ľcklich. ‚ÄěIch hab dich ganz doll lieb, Onkel Jens!‚Äú Ich hielt ihn, w√§hrend mir Rieke ihre Hand gab. Es war ein Gef√ľhl wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag.

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