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Leselupe.de > Kindergeschichten
Unverhoffte Hilfe
Eingestellt am 09. 07. 2012 19:09


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Garde
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2011

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Lena sitzt auf den Steinen, an denen sich die Wellen brechen und die verhindern, dass der Sand weggespült wird. Sie malt gedankenverloren mit einem Stöckchen im Schlick des Wattenmeeres und hat keinen Blick für den Kiebitzregenpfeifer, der fleißig nach Wattwürmern pickt. An anderen Tagen kann sie ihn nicht genug bewundern, zumal sie weiß, er lässt sich nur selten sehen.
Sie ist traurig und hat Angst. Angst davor, dass sie mit ihren Eltern die Hallig verlassen muss. Ihr großes und starkes Pferd Pello, ein Schleswiger Kaltblütler, ist krank. Somit kann ihre Mutter - ihr Vater hat für fünf Monate auf einem Schiff angeheuert - den Acker nicht pflügen. Und wenn sie nicht pflügen kann, kommen keine Samenkörner in den Boden und es gibt kein Korn, keinen Hafer und keine Kartoffeln. Aber das brauchen sie, für die Tiere als Futter, und um es zu verkaufen.
Außerdem ist Lena ärgerlich auf sich. Sie hat letzte Woche auf dem Festland fast ihr ganzes Geld auf einem Rummelplatz ausgegeben. Nun kann sie der Mutter nicht mehr damit aushelfen.
Das Stöckchen gräbt immer tiefere Rinnen in den nassen Sand, die sich schnell mit Wasser füllen.
„Warum bist du traurig, kleines Mädchen“, spricht eine Stimme zu ihr.
Seltsamerweise erschrickt Lena nicht. Auch nicht, als sie das kleine Männchen neben sich sieht, mit den runden braunen Augen, den abstehenden Ohren und dem breiten, fast von einem Ohr zum anderen reichenden, Mund. Wie ein lustiger Kobold sieht es aus.
„Wer bist du?“, fragt sie statt einer Antwort neugierig.
„Ich bin Kian und ein Nakobo“, sagt der kleine Mann und streckt Lena seine knochige Hand entgegen.
„Was ist ein Nakobo“, fragt Lena, während sie seine Hand schüttelt.
„Ich bin ein Naturkobold und komme vom Planeten Nakobonien. Wir sind mit unserem Raumschiff vor einiger Zeit hier gelandet und wollen, mit und für die Kinder auf der Erde, die Natur erhalten“, sagt Kian und zieht dabei die rechte Augenbraue bis unter den Rand seiner grasgrünen Mütze.
„Meine Eltern schützen auch die Natur“, sagt Lena stolz. „Wir haben fünf Sattelschweine und über dreißig Ramelsloher Hühner. Das sind Tiere, die sonst aussterben würden.“
„Das habe ich gehört“, sagt Kian. „Aber sag, warum bist du traurig?“
Lena erzählt ihm von dem kranken Pello, von ihrem Vater, der auf einem großen Schiff arbeite, um Geld zu verdienen und dass sie Angst habe, ein anderer Pächter könne bald auf ihre Insel kommen.
„Die Halligen sind wichtig für den Küstenschutz, aber nur wenn sie bearbeitet werden. Wenn Pflanzen wachsen und Tiere den Boden festtreten. Wenn wir nicht dafür sorgen, müssen wir gehen.“
Kian schaut sie nachdenklich an. „Ich verstehe.“ Er fasst sich an die Nase und lässt beide Augenbrauen rauf und runter wandern. „Mach dir keine Sorgen, kleine Lena“, sagt er dann. „Mir ist schon etwas eingefallen.“ Er streicht ihr kurz über den Oberarm und ist verschwunden.
Lena reibt sich die Augen und sieht sich um. Kian ist weg, er hat sich in Luft aufgelöst. Genauso wie ihre Angst. Froh springt sie von den Steinen, watet mit den nackten Füßen durch den Schlick und sucht mithilfe des Stöckchens nach bunten Kammmuscheln. Manche sehen sehr schön aus und sie kann damit den Besuchern auf der Hallig eine große Freude machen.
In der Nacht träumt sie von einem Raumschiff, das im Watt gelandet ist, von vielen bunten Nakobos, die aus dem Gefährt steigen und von Pello, der munter auf der Weide grast. Ein Geräusch reißt sie aus ihrem Traum. Sie richtet sich auf und sieht vor dem Fenster Lichter, die immer wieder aufflackern.
Sie wirft ihre Decke zurück. Staunend drückt sie die Nase an die Scheibe. Auf dem Feld, das zwischen der Warft und dem Meer liegt, geht ein weißes Pferd. – Warft, so nennt man den Hügel, auf dem das Haus und die Ställe gebaut sind - Es ist ein großes, starkes Tier, das mit stolz erhobenem Kopf kraftvoll einen Pflug zieht. Der böige Seewind greift ihm immer wieder in die lange silbrige Mähne und wirbelt sie durcheinander.
Lena sieht erneut Lichter flackern, kann jedoch nicht erkennen, woher sie kommen. Sie zögert einen Moment, greift dann nach ihrer Jacke. Leise huscht sie die Treppe hinunter, schließt die Haustüre auf und läuft bis ans Ende der Warft. Sie sieht einige Männchen, die genau so aussehen wie Kian. Sie huschen, mit Lampen an den Mützen hin und her, werfen Saatkörner in die Furchen und glätten danach den Boden. Das geht schnell, genauso schnell, wie das weiße Pferd die Furchen zieht. Langsam wagt sich Lena näher heran. Sie erkennt Kian, der den anderen mit Händen und Füßen Anweisungen gibt. Er sieht sie kommen.
„Was machst du hier? Du solltest schlafen.“
„Ich habe etwas gehört und dann das Pferd gesehen“, sagt Lena. “Ist es ein richtiges Pferd?“
„Was ist schon richtig und was ist falsch, kleine Lena“, sagt Kian bedächtig und wiegt seinen Kopf hin und her. „Im Augenblick ist Ruttu ein Pferd, das den Pflug zieht. Auf Nakobonien hat es andere Aufgaben. Er fasst nach Lenas Hand und zieht sie zu Ruttu. Das Pferd dreht den Kopf und runde braune Augen, wie die von Kian, sehen Lena an.
„Wollt ihr mich von der Arbeit abhalten. Einen kleinen Moment noch, dann bin ich fertig“, sagt es und zieht eine Bahn.
Lena zuckt zurück. „Das Pferd kann ja sprechen.“
„Auf Nakobonien können alle Tiere sprechen“, antwortet Kian.
Lena staunt. „Das wäre toll, wenn wir auf der Erde auch alle Tiere verstehen könnten“, sagt sie nachdenklich.
Zwei Bahnen zieht Ruttu noch mit dem Pflug, dann ist das Feld gepflügt. Einige Nakobos füllen die Fugen und machen den Boden eben.
„Es ist alles ausgesät“, sagt Kian zufrieden. „Pello, euer Pferd wird auch wieder gesund. In ein paar Tagen ist er auf den Beinen. Euer Doktor hat ihn gut behandelt.“
Ruttu kommt näher. „Wenn ich schon mal hier bin, würde ich gerne ein wenig am Strand entlang laufen. Hast du etwas dagegen, Kian?“
„Nein“, sagt der. „Nimm Lena mit, die kann dir alles zeigen.“
„Ja, das wäre prima“, freut sich Lena. „Ich kenne mich sehr gut aus.“
Ein paar Minuten später galoppiert sie auf Ruttu am Ufer entlang. Es ist Ebbe, das Wasser hat sich zurückgezogen, und sie wagen sich ein wenig ins Wattenmeer hinaus. Lena strahlt. Die Sonne geht langsam auf und es ist wunderbar von oben die Welt zu sehen. Sie fühlt sich erwachsen und ist stolz auf dem Rücken des seltsamen, aber freundlichen Pferdes.
Und dann ist da noch die Vorfreude auf das Gesicht ihrer Mutter, wenn sie begreift, dass sie sich keine Sorgen mehr um die Aussaat machen muss.



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