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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Verlorene Liebe
Eingestellt am 14. 04. 2016 16:13


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Maribu
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Registriert: Jun 2012

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Verlorene Liebe

Er hatte sich Samstagsmittag spontan entschieden, das Wochenende
an der Ostsee zu verbringen und telefonisch ein Hotelzimmer bestellt.
Die Temperatur war fast sommerlich, und Gr├Âmitz w├╝rde auch in der
Vorsaison schon etwas zu bieten haben.
Nach knapp zwei Stunden war er am Ziel, hatte seine Reisetasche
unausgepackt in den Schrank gestellt und versuchte, seine tr├╝ben Gedanken ebenfalls im Zimmer zur├╝ck zu lassen.
Er reihte sich ein in die Touristen auf der Promenade. Trotzdem wurde ihm das Alleinsein zwischen den sich in Gruppen oder paarweise an ihm vorbeischiebenden Menschen bewusst.
Vor einem Monat war eine dreij├Ąhrige Beziehung zu Ende gegangen.
Sie hatte seine 'Junggesellen-All├╝ren', wie sie es abf├Ąllig nannte, endg├╝ltig satt. Was das auch immer hei├čen mochte, und wenn sie in manchen Punkten auch recht hatte, hatte sie kein Recht, sein Leben nach ihren Vorstellungen umzukrempeln.
Er war nicht mehr jung genug, umgepolt zu werden, auch nicht bereit, auf Gewohnheiten, auf vieles Eingefahrene, zu verzichten!
Nachdem er das Kaffeetrinken auf der 'Strandterrasse' ausgedehnt hatte, um die noch w├Ąrmenden Strahlen der tiefstehenden Sonne zu genie├čen, genehmigte er sich drei Bier an verschiedenen Aussch├Ąnken, bevor er zur Seebr├╝cke ging.
"Abendfahrt mit MS Brandenburg. Musik und Tanz an Bord"
hatte er auf einem Plakat gelesen.
Da es bis zur Abfahrt um zwanzig Uhr noch eine halbe Stunde dauerte, war nur wenig Bewegung auf der Br├╝cke.
Viele Menschen schoben sich immer noch ├╝ber die Promenade, um zu sehen und gesehen zu werden, dr├Ąngten sich vor den Imbissbuden und Eisdielen. Die Strandk├Ârbe waren belegt. Einige Mutige planschten sogar im Wasser. Andere sa├čen bei Kaffee oder Tee in den Caf├Ęs, sorgten in den Restaurants f├╝r ihren Kalorienhaushalt oder lie├čen in Kneipen Stimmung und Alkoholpegel steigen.
Sie war ihm sofort aufgefallen. Ihr kastanienbraunes Haar fiel bis auf die Schultern und bewirkte einen eigenartigen Kontrast zum gelben Hosenanzug. Wie sie schlank und leichtf├╝├čig auf schwarzen hochhackigen Schuhen vor ihm hertrippelte, wirkte sie wie eine junge Frau. Mitten auf der Br├╝cke blieb sie stehen, st├╝tzte sich mit den Ellenbogen auf die Br├╝stung und sah einem Schwanenpaar zu. Er ging an ihr vorbei und stellte sich schr├Ąg gegen├╝ber an das Gel├Ąnder. Als die Frau sich zum Weitergehen umdrehte, traf ihn ein kurzer Blick, aber lang genug, um zu erkennen, dass sie auch die F├╝nfzig ├╝berschritten hatte.
Sie nahm am Ende einer Bank in der N├Ąhe des Anlegers Platz.
Er h├Ątte sich ohne etwas zu sagen an das andere Ende setzen k├Ânnen, aber wie w├╝rde er dann mit ihr ins Gespr├Ąch kommen?
Da ihm so schnell nichts Besseres einfiel, sagte er:
"Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?" Er entschied sich aber f├╝r die Bankmitte, genug Abstand haltend, um nicht aufdringlich zu wirken.
Sie lachte. "Was kann ich dagegen haben? Es ist eine ├Âffentliche Bank!"
Er f├╝hlte sich pl├Âtzlich wie vom Blitz getroffen. Diese Stimme kannte er! Aber woher? Bei den meisten Menschen ver├Ąnderte sich das Aussehen, nicht nur durch den Alterungsprozess.
Er musste das bei einem Klassentreffen nach ├╝ber drei├čig Jahren schmerzlich erfahren. Von achtundzwanzig ehemaligen Mitsch├╝lern hatte er nur zwei oder drei wiedererkannt.
Aber als sie sich der Reihe nach vorstellten, einen Abriss ihres Lebens gaben, hatte er die meisten als Jungen vor Augen.
Es war ihre Stimme, die blieb unverwechselbar.
Er dachte angestrengt nach, wie er weiter vorgehen konnte, ohne dass es allzu plump wirkte.
Allm├Ąhlich str├Âmten die Leute auf die Br├╝cke, die ersten hatten den Anleger erreicht, die B├Ąnke besetzt, und auch neben ihm hatte ein Paar die restliche Sitzgelegenheit in Anspruch genommen, so dass er die Chance wahrnahm, ein St├╝ckchen an sie heranzur├╝cken.
"Wollen Sie auch mit dem Schiff fahren?", fragte er dann doch etwas zu direkt.
"Vielleicht", antwortete sie, wandte den Kopf zu ihm und sah ihn forschend an.
Er bezog dieses "Vielleicht", verbunden mit ihrem Blick, auf sich. Sollte es von ihm abh├Ąngen? Dachte sie vielleicht, dass er ihr seine Begleitung anbieten w├╝rde? Und noch etwas hatte ihn ber├╝hrt: Ihr Profil, die breiten Nasenfl├╝gel und der ausgepr├Ągte Wangenknochen kamen ihm bekannt vor. Nur das kastanienbraune Haar irritierte. Er schloss die Lider, und vor seinem inneren Auge entf├Ąrbte es sich, wurde blond, zusammen gehalten von einem schwarzen Samtband.
Hanne! Ja, Hanne aus der Parallelklasse sa├č neben ihm! Er lie├č sich nichts anmerken. Vielleicht w├╝rde sie reagieren, wenn er sich vorstellte. "Ich hei├če ├╝brigens Werner", sagte er entschuldigend, als h├Ątte er es vers├Ąumt und sie schon Stunden miteinander gesprochen.
"Mit dem Vornamen oder mit dem Nachnamen?" Sie lachte. Und auch dieses Lachen schien ihm auf einmal vertraut. Manchmal, wenn er an seine Jugendzeit zur├╝ckgedacht hatte, erinnerte er sich auch an sie. Noch am Beginn dieser ersten Liebe war seine Familie mit ihm in einen anderen Stadtteil umgezogen.
"Das k├Ânnen Sie nehmen wie Sie wollen", antwortete er und lachte ebenfalls. "Meine Eltern besa├čen leider in dieser Hinsicht wenig Phantasie, so dass mein Vor- und Nachname identisch sind."
Sie stutzte, sah ihn ├╝berrascht an, und er hoffte, dass ein Ausdruck des Erkennens ├╝ber ihr Gesicht gleiten w├╝rde.
Aber auch sie offenbarte sich nicht, sagte: "Walter Werner h├Ątte ja noch gut geklungen, aber Werner Werner klingt ziemlich bescheuert!"
Er musste schmunzeln. Da war sie wieder diese Ehrlichkeit, die er so an ihr gesch├Ątzt hatte, und er erwiderte fast entschuldigend: "Auf meinen Vornamen hatte ich leider keinen Einfluss!"
Er schob eine l├Ąngere Str├Ąhne seines sch├╝tteren Haares ├╝ber den Kopf auf die rechte Stirnseite, als k├Ânne sie aus dieser eher komischen Bem├╝hung eine Verbindung zu seiner pomadegl├Ąnzenden Tolle von damals herstellen. Die Brille hatte sein Aussehen auch ver├Ąndert. Er nahm sie ab, massierte kurz mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel und sah sie erwartungsvoll an. Jetzt musste doch auch bei ihr die Erinnerung kommen!
Die kam auch, aber anstatt "Ich kenne dich!" vernahm er:
"Das kenne ich, das Gef├╝hl, wenn man die Brille den ganzen Tag ├╝ber getragen hat, und dann noch an einem so warmen Fr├╝hlingstag wie heute! Versuchen Sie es doch mal mit Kontaktlinsen! Es gibt weiche und harte. Ich komme mit den weichen wunderbar zurecht!"
Ver├Ąrgert setzte er die Brille wieder auf. Weshalb musste sie ihn l├Ącherlich machen und sich wie eine Verk├Ąuferin aus einem Optikerladen gerieren? Trotzdem lie├č er nicht locker: "Sie brauchen sich nicht vorstellen, ich kann Ihren Vornamen erraten!"
"Da bin ich aber gespannt!", antwortete sie mit einem L├Ącheln.
"Sie hei├čen Hanne!"
Sie tat nicht mal ├╝berrascht, schwieg einen kurzen Moment und antwortete ohne ihn anzusehen: "Hanne - das ist Vergangenheit!
Ich hei├če Hannelore! Vor langer, langer Zeit war ich Hanne!
Auch ein Junge, fast schon ein junger Mann, mit gleichen Vor- und Nachnamen nannte mich so. Dann ist er innerhalb der Stadt umgezogen und hat nie etwas von sich h├Âren lassen, als w├Ąre er an das Ende der Welt verschwunden!"
Er begann zu schlucken, hatte pl├Âtzlich einen Klo├č im Hals, war nicht in der Lage, darauf zu antworten.
Das Schiff hatte vor einigen Minuten angelegt, und die ersten Passagiere, die bereits vor der Gangway eine Schlange gebildet hatten um sich die besten Pl├Ątze zu sichern, waren an Bord gelassen worden.
Sie hatte ihren Kopf jetzt in Richtung Seebr├╝cke gedreht, ├╝ber die immer noch einige Menschen zum Anleger eilten. Pl├Âtzlich begann sie zu winken und jemand fiel in leichten Trab, legte die letzten vielleicht zwanzig Meter in schnellem Lauf zur├╝ck und stoppte abrupt vor der Bank. L├Ąchelnd, die Zunge wie ein hechelnder Hund bewegend, sich mit dem rechten Handr├╝cken
imagin├Ąre Schwei├čtropfen von der Stirn wischend, stand er vor ihr. Das volle dunkle Haar und der sonnengebr├Ąunte Teint passten zu seinem hellblauen Sweatshirt, den beigen Jeans und den klobigen Laufschuhen als Abrundung einer sportlichen Erscheinung.
"Geschafft!", rief er, immer noch Atemlosigkeit vort├Ąuschend.
Sie lachte herzhaft und erwiderte: "Du Schauspieler! Sch├Ân, dass du noch rechtzeitig gekommen bist!" Sie sprang in seine ausgebreiteten Arme.
Werner war entt├Ąuscht. Damit hatte er nicht gerechnet. Deswegen also ihr "Vielleicht"! Ohne ihn und mit ihm w├Ąre sie nicht gefahren! Ihr Lachen und ihre Stimme waren ihm sofort fremd geworden. Er hatte sich gefreut, seine Schulfreundin, seine erste Liebe, nach so vielen Jahren wieder getroffen zu haben, hoffte, auf der Fahrt bei Musik und Tanz Erinnerungen aufleben zu lassen. Vielleicht h├Ątte sich sogar etwas f├╝r die Zukunft ergeben?! Nun machte die Ankunft dieses Mannes alles zunichte!
"Wir m├╝ssen uns beeilen!", rief sie und nahm ihren Freund an die Hand. Und im Weggehen zu Werner, der unschl├╝ssig auf der Bank sitzen geblieben war: "Sie wollten doch mitfahren. Kommen Sie hoch, wir warten nicht auf Sie!"
Schweigend und gekr├Ąnkt blieb er sitzen. Warum musste sie das noch sagen und ist nicht einfach mit diesem Kerl abgehauen?
Doch im selben Moment wurde ihm bewusst: Sie musste damals sehr verletzt gewesen sein.
Er beobachtete noch, wie sie als eine der Letzten an Bord gingen, die Leine eingeholt wurde und das Schiff ablegte.

Er kam im Hotel aus dem Bad und traute seinen Augen nicht:
Hanne lag auf dem Bett, bekleidet mit einem durchsichtigen rosa Nachthemd, durch das sich die schon fraulichen Formen des noch m├Ądchenhaften K├Ârpers abzeichneten. Er betrachtete ihr junges Gesicht, streichelte ├╝ber das schwarze Samtband in ihrem blonden Haar und sagte erstaunt: "Dass du das noch hast!"
"Ich habe es aufbewahrt und f├╝r dich umgebunden!"
"Dann war das gestern eine kastanienbraune Per├╝cke? - Und wie hast du mich ├╝berhaupt gefunden?"
Sie lachte. "Das war bei deinem komischen Namen ├╝berhaupt kein Problem!"
"Und wo ist - er?"
"Ich habe ihn nach dem Anlegen des Schiffes verlassen. Schon an Bord, als er mit mir tanzte, habe ich nur an dich gedacht und wie ich so gemein sein und dich so traurig auf der Bank zur├╝cklassen konnte!"
Das ├╝berw├Ąltigte ihn. Er musste seine Tr├Ąnen zur├╝ckhalten und rief euphorisch: "Jetzt wei├č ich, weshalb ich nie geheiratet habe und meine Beziehungen immer wieder in die Br├╝che gingen!
Nach all den Jahren haben wir uns wieder gefunden. Es ist wie eine Bestimmung!"
Sie l├Ąchelte gl├╝cklich, legte die Arme sirenenhaft ├╝ber den Kopf, hob den Oberk├Ârper, dass ihre Br├╝ste unter dem d├╝nnen Stoff wirkten, als w├Ąren sie nackt. "Komm zu mir!" fl├╝sterte sie.
Z├Âgernd beugte er sich ├╝ber sie, legte seine Lippen auf ihre und k├╝sste sie zaghaft und scheu. Da sp├╝rte er sie wieder, diese bet├Ąubende aufregende S├╝├če des ersten Kusses, das prickelnde, unter die Haut gehende Gef├╝hl des Leichtseins, dieser Schwebezustand, als w├Ąren einem Fl├╝gel gewachsen. Auf einmal waren sie wieder da, diese jahrzehntelang verschollenen Empfindungen, die alle anderen Frauen nach ihr nicht erwecken konnten.
Doch ihr Kuss war anders als fr├╝her; wilder und fordernder. Sie griff nach seiner Hand und legte sie zwischen ihre Schenkel.
"Nein!" schrie er. "Du bist doch noch so jung!"
Schwei├čgebadet erwachte er. Einen Augenblick hatte er das Gef├╝hl, dass sie nur aufgestanden war und sich noch im Zimmer befand. Dann sp├╝rte er den Brummsch├Ądel, hervorgerufen durch etliche an der Promenade geschluckter Biere und erinnerte sich an den Gesch├Ąftsmann an der Hotelbar, der ihn ├╝ber Spesenkonto mit Whisky-Soda freigehalten und daf├╝r bis vier Uhr morgens mit seinen Problemen vollgelabert hatte.
Es war bestimmt schon mittags, die festgelegte Zeit f├╝r das Fr├╝hst├╝cksb├╝fett ├╝berschritten. Aber er hatte sowieso keinen Appetit; nur Nachdurst.
Er zog die Nachttischschublade auf und erschrak. Sein verkatertes Gesicht wurde schlagartig noch blasser. ├ťber der Armbanduhr und der Brille, die er hier vor dem Schlafen deponiert hatte, lag ein schwarzes Samtband.

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