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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weit fort
Eingestellt am 28. 03. 2006 21:34


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anbas
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Weit fort

Es war ein grauer k├╝hler Fr├╝hlingstag. Einer jener Tage, die f├╝r den schlechten Ruf Hamburgs hinsichtlich seines Wetters verantwortlich sind. Durch die Stadt kroch der Feierabendverkehr. Das tr├╝be Licht erzeugte eine Stimmung, die irgendwo zwischen ged├Ąmpfter Monotonie und eifriger Betriebsamkeit lag.
Wie an fast jedem Tag um diese Zeit war er auch heute wieder zum Steintordamm gegangen, dieser Br├╝cke hinter dem Hauptbahnhof, unter der die Bahnsteige weit aus dem Bahnhof hinausragten. Von hieraus erstreckten sich die Gleise wie unermesslich lange Arme in die Ferne. Zwar verschwanden sie schon nach einem kurzen St├╝ck hinter der Altmannbr├╝cke, die parallel zum Steintordamm verlief, doch seine Phantasie reichte aus, um ihnen in Gedanken weiter in den S├╝den zu folgen. Er beobachtete, wie die Z├╝ge aus der Ferne. auf den Bahnhof zuschlichen, hineinfuhren und dann kreischend anhielten. Er sah ihnen zu, wie sie langsam anfuhren, sich ratternd und klackernd, ├╝ber Weichen quietschend aus dem Bahnhof zw├Ąngten, um dann immer schneller werdend auf diesen schier endlos langen st├Ąhlernen Armen zischend zu fernen Orten zu jagen. Wenn die Z├╝ge dann unter der Altmannbr├╝cke hindurchfuhren und aus seinem Blickfeld verschwanden, war es f├╝r ihn jedes Mal so, als w├╝rden sie durch ein riesiges Tor in eine ferne fremde Welt gleiten.
Seine Frau wusste nicht, dass er t├Ąglich nach Dienstschluss zu dieser trostlosen Br├╝cke am Hauptbahnhof ging. Er hatte ihr irgendwann einmal gesagt, dass er nach der Arbeit immer noch ein wenig spazieren gehen w├╝rde und deshalb nie direkt nach Hause k├Ąme - was ja auch nicht gelogen war. Er w├╝rde sie niemals bel├╝gen. H├Ątte sie genauer nachgefragt, so h├Ątte er ihr davon erz├Ąhlt. Aber sie hatte es nicht getan - auch daf├╝r liebte er sie.
Schr├Ąg unter ihm - fast zum Greifen nahe - lag der ├╝berdachte Bahnsteig der Gleise 13 und 14. Von seinem Platz aus konnte er die Menschen, die am Gleis 14 standen, gut beobachten. Er sah ihnen zu, wie sie sich begr├╝├čten oder verabschiedeten. P├Ąrchen warteten eng umschlungen auf die Ankunft des Zuges. Einzelreisende standen oder sa├čen neben ihrem Gep├Ąck, telefonierten, lasen Zeitung oder hingen ihren Gedanken nach. Durch die Fenster der Waggons konnte er zusehen, wie die Reisenden ihr Gep├Ąck verstauten, ihre M├Ąntel aufh├Ąngten, den Proviant und etwas zu lesen hervorholten, um es sich dann in ihren Sitzen bequem zu machen. Zwischendurch schallten Lautsprecheransagen weit aus dem Bahnhof hinaus in den grauen Himmel Hamburgs hinein, w├Ąhrend auf den anderen Gleisen Nahverkehrsz├╝ge und S-Bahnen regelm├Ą├čig ein- und ausfuhren.
Langsam verlie├č ein ICE den Bahnhof, Richtung Stuttgart - er wusste es genau. Stets hatte er einen aktuellen Fahrplan in seiner Aktentasche dabei, in dem nur die Z├╝ge aufgef├╝hrt waren, die Hamburg anfuhren oder verlie├čen. Viele von ihnen kannte er inzwischen auswendig. Schlie├člich kam er nun schon seit ├╝ber drei├čig Jahren fast t├Ąglich dorthin - egal bei welchem Wetter. Nur an den Wochenenden, an Feiertagen oder in seinem Urlaub kam er nicht zum Steintordamm. Dann widmete er sich ganz der Familie, dem Garten oder der Lekt├╝re von Reiseberichten, die er sich regelm├Ą├čig kaufte oder aus Zeitungen und Magazinen ausschnitt, um sie dann fein s├Ąuberlich, in Klarsichth├╝llen gesteckt, in gro├čen Ordnern zu sammeln.
Heute hatte ihn sein Abteilungsleiter bei einer Dienstbesprechung vor allen Kollegen gelobt, weil er die vom Staatsrat angeforderten Informationen so schnell und gr├╝ndlich zusammengestellt hatte. Es war ihm irgendwie unangenehm gewesen dieses Lob. Galt er doch sowieso schon in seiner Abteilung als der strebsame Musterbeamte, ÔÇ×der zwar nie wirklich Kariere gemacht hatte, der aber daf├╝r ja regelm├Ą├čig von den Vorgesetzten gestreichelt werden w├╝rdeÔÇť, wie er gerade k├╝rzlich aus einem Gespr├Ąch zwischen zwei Kollegen erfuhr, welches er in der Kantine zuf├Ąllig mit angeh├Ârt hatte. Lachend hatten sie dann noch einem Kollegen aus einer anderen Abteilung erz├Ąhlt, dass er in seiner eigenen Abteilung hinter vorgehaltener Hand eigentlich nur noch 'Herr B├╝ckling' genannt wurde. Sp├Ąter, als er die Kollegen wieder traf, hatte er sich nicht anmerken lassen, dass er deren Gespr├Ąch mit angeh├Ârt hatte.
Seit etwa zwanzig Minuten stand er nun schon dort oben auf der Br├╝cke. Bald w├╝rde es Zeit werden, nach Hause zu gehen. Er hatte sich mit beiden Unterarmen auf das Gel├Ąnder gelehnt und die alte braune Aktentasche zwischen seine F├╝├če gestellt. Ungef├Ąhr eine halbe bis dreiviertel Stunde lang verbrachte er normalerweise dort. An jenem Tag, an dem er das Gespr├Ąch der beiden Kollegen mit angeh├Ârt hatte, waren es mehr als eineinhalb Stunden gewesen. Seiner Frau hatte er deshalb extra einen gro├čen Blumenstrau├č als Entschuldigung f├╝r die Versp├Ątung mitgebracht. Auch damals hatte sie nicht weiter nachgefragt, und er hatte ihr bis jetzt auch noch nichts von diesem Vorfall erz├Ąhlt. Nun dachte er dar├╝ber nach, wie sich die Kollegen wohl das Maul ├╝ber ihn zerrei├čen w├╝rden, nachdem er heute vor der gesamten Abteilung so gelobt worden war.
Er schaute auf die Uhr. Eigentlich hatte er es sich abgew├Âhnt, auf die Uhr zu sehen, wenn er dort oben stand. Stattdessen war es eine innere Stimme, die ihn irgendwann dazu anhielt, sich auf den Heimweg zu machen. Doch heute war es irgendwie anders. Es war kurz nach halb f├╝nf. In etwa f├╝nfundzwanzig Minuten w├╝rde der ICE nach M├╝nchen abfahren. Dieses war sein Lieblingszug. Er fuhr weit in den S├╝den. Mit ihm hatte man Anschluss nach Italien, in die Schweiz und zu anderen Orten Europas. Dieser Zug war f├╝r ihn der Schl├╝ssel in die Ferne. Immer, wenn er zu Hause einen Reisebericht las, bestieg er in Gedanken zun├Ąchst genau diesen einen ICE. Die meisten Orte aus seinen Reiseberichten waren mit ihm zu erreichen. Er wusste genau, wo er umsteigen musste, wenn er nach Z├╝rich, Wien, Prag, Paris oder Mailand fahren wollte. Zwar gab es teilweise auch Direktverbindungen dorthin, doch hatte es ihm dieser eine ICE so angetan, dass er unbedingt mit ihm seine Reisen beginnen wollte. Nat├╝rlich kannte er auch die Z├╝ge, die nach Berlin, Warschau oder Kopenhagen fuhren. Doch der S├╝den lockte ihn mehr. Als Kind war er einmal in den S├╝den gefahren - in den Schwarzwald, mit seinen Eltern. Seit jener Fahrt tr├Ąumte er von langen Bahnfahrten in die Ferne, in den S├╝den.
Seine innere Stimme sagte ihm, dass es Zeit wurde, sich auf den Heimweg zu machen. Der Eingang zur U-Bahn-Station befand sich auf der anderen Seite des Steintordamms. Langsam machte er sich auf den Weg dorthin. Er lie├č sich Zeit. Immer wieder schaute er hinunter auf die Gleise.
Am Morgen hatte ihm seine Frau nach dem Abschiedskuss l├Ąchelnd gesagt, dass sie Butterkuchen backen w├╝rde, seinen Lieblingskuchen. In etwa vierzig Minuten w├╝rde er zu Hause sein, sich ins Wohnzimmer setzen und wie jeden Nachmittag zusammen mit ihr Kaffee trinken. Bei Kaffee und Kuchen w├╝rde sie ihm dann erz├Ąhlen, was sie den Tag ├╝ber getan und erlebt hatte. Anschlie├čend w├╝rden sie sich noch ein wenig ├╝ber die Kinder, die Nachbarn, die Verwandten oder ein aktuelles Tagesgeschehen unterhalten. Er war sich noch nicht sicher, ob er ihr von diesem Lob erz├Ąhlen sollte, dass er von seinem Abteilungsleiter erhalten hatte. Es war ihm immer noch irgendwie unangenehm.
Noch etwa f├╝nfzehn Minuten - dann w├╝rde der ICE nach M├╝nchen abfahren. Er blieb stehen und holte sich aus seiner Aktentasche zwei Apfelst├╝ckchen heraus, die von der Fr├╝hst├╝ckspause ├╝brig geblieben waren. W├Ąhrend er sie a├č, fiel ihm ein, dass er schon lange nicht mehr direkt im Bahnhof gewesen war. Er liebte die Atmosph├Ąre, die dort herrschte, die ein- und ausfahrenden Z├╝ge, die Lautsprecheransagen, das Gewusel von Menschen und das Gewirr von Stimmen und Ger├Ąuschen.
Langsam ging er zu der n├Ąchsten Ampel, ├╝berquerte die Stra├če und betrat die Bahnhofshalle. Schon nach wenigen Sekunden versp├╝rte er eine unerkl├Ąrliche Unruhe in sich aufsteigen. Er bem├╝hte sich, ruhig zu bleiben, und schlenderte vorbei an den L├Ąden, in denen man sich mit Proviant, Zeitungen und anderen Reiseutensilien versorgen konnte. Immer wieder blieb er stehen, beobachtete die Z├╝ge und betrachtete das Treiben um sich herum. Auf der H├Âhe von Gleis 11 blieb er stehen. In wenigen Minuten w├╝rde von dort der ICE nach M├╝nchen abfahren.
Ihm fiel wieder die Fahrt in den Schwarzwald ein, die er als Kind gemacht hatte. Fr├╝hmorgens waren sie mit dem Bus zum Hauptbahnhof gefahren. Seine Eltern hatten viel M├╝he damit gehabt, sich sowohl um das Gep├Ąck als auch um die vier Kinder zu k├╝mmern. Fast eine halbe Stunde lang hatten sie dann an Gleis 11 warten m├╝ssen, weil sie viel zu fr├╝h von zu hause aufgebrochen waren. Doch dann war der Zug endlich da. Und endlich durften sie einsteigen. Und ganz aufgeregt waren sie gewesen, w├Ąhrend sie auf die Abfahrt gewartet hatten. Und dann fuhr der Zug endlich ab. Er erinnerte sich daran, dass die Fahrt sehr lange gedauert hatte. Seine Geschwister waren schon nach kurzer Zeit unruhig geworden und hatten nur noch gequengelt. Er dagegen hatte die gesamte Fahrt ├╝ber am Fenster gesessen und nach drau├čen geschaut. Selbst, als es sp├Ąter schon dunkel geworden war, hatte er weiterhin in die Nacht hinausgestarrt. Seine Mutter hatte ihn sogar sehr nachdr├╝cklich daran erinnern m├╝ssen, dass er zwischendurch auch einmal etwas a├č oder trank.
W├Ąhrend er so seinen Erinnerungen nachgehangen hatte, war er hinunter auf den Bahnsteig gegangen. Der Zug wurde ├╝ber den Lautsprecher angek├╝ndigt und fuhr wenig sp├Ąter langsam ein. Direkt vor ihm ├Âffnete sich eine der T├╝ren. Die Menschen, die auf dem Bahnsteig gewartet hatten, dr├Ąngelten ungeduldig beim Einsteigen. Dann ert├Ânte ein Pfiff, es folgte die Aufforderung zur├╝ckzubleiben, und ohne weiter dar├╝ber nachzudenken, was er da eigentlich tat, stieg auch er noch schnell vor der sich schlie├čenden T├╝r ein.
Der ICE war gut besetzt. Trotzdem fand er einen Sitzplatz am Fenster. Sie verlie├čen den Bahnhof. Schon nach kurzer Zeit ├╝berquerten sie die Norderelbe. Wenig sp├Ąter folgte die S├╝derelbe, und dann kam auch schon der erste Halt in Hamburg-Harburg. Die ganze Zeit ├╝ber hatte er wie versteinert auf seinem Platz gesessen, seine Aktentasche festgehalten und auf die R├╝ckseite des Sitzes vor sich gestarrt. Der Zug fuhr wieder an. Aus dem Lautsprecher erklang die Stimme des Zugbegleiters, der die Reisenden begr├╝├čte. N├Ąchster Halt war Hannover.
Er lehnte sich zur├╝ck und schloss die Augen. Er sa├č in 'seinem' ICE. Er fuhr in Richtung M├╝nchen, in den S├╝den. Er war einfach eingestiegen und fuhr nun in den S├╝den! Er sp├╝rte, wie sich seine Kehle zusammendr├╝ckte und wie sein Herz raste. Er krallte seine Finger in die Aktentasche.
Der Zugbegleiter kam, um seine Fahrkarte zu sehen.
Er h├Ârte sich sagen, dass er eine Fahrkarte Richtung M├╝nchen nachl├Âsen wolle, einfache Fahrt, keine R├╝ckfahrt. Er h├Ârte kaum zu, als der Zugbegleiter ihn darauf hinwies, dass der Platz auf dem er sa├č ab Hannover reserviert sei, dass dies aber kein Problem w├Ąre, da es noch gen├╝gend freie Pl├Ątze im Zug g├Ąbe. Er reagierte auch nicht, als er ihm dann noch eine gute Fahrt w├╝nschte.
Drau├čen sauste die Landschaft an ihm vorbei. So wie damals vor ├╝ber vierzig Jahren starrte er einfach nur hinaus. Seit der Fahrt in den Schwarzwald war er nie wieder weite Strecken mit der Bahn gefahren. Es hatte sich einfach nicht ergeben. Entweder fehlte das Geld oder es war irgendetwas dazwischen gekommen. Au├čerdem reiste seine Frau nicht gerne. Sie liebte den Garten - er hatte ihn irgendwann zu sch├Ątzen gelernt. Auch die Kinder waren in den Garten immer ganz vernarrt gewesen. Selbst in den Ferien, als ihre Schulkameraden weite Reisen unternommen hatten, waren sie lieber daheim geblieben, hatten im Garten gespielt, ihre eigenen Beete gepflegt oder den Eltern bei der Gartenarbeit geholfen. Nur einmal hatten er und seine Frau sie in ein Ferienlager geschickt. Doch es hatte ihnen dort nicht gefallen. Seitdem hatten sie dann die Ferien wieder stets im Garten verbracht. Er musste l├Ącheln, als er an diese Zeit zur├╝ckdachte: die Gartenarbeit mit den herumtollenden Kindern, die Grillabende im Sommer, das Pfl├╝cken der ├äpfel im Herbst und den leckeren Apfelkuchen, den seine Frau immer gleich am Abend des ersten Erntetages gebacken hatte.
Doch nun fuhr er in Richtung S├╝den. Wieder l├Ąchelte er in sich hinein. Ja er, der Herr B├╝ckling, hatte sich einfach so in den Zug gesetzt und fuhr in den S├╝den. Was die Kollegen wohl f├╝r Augen machen w├╝rden, wenn sie von ihm, der doch noch gar nicht mit seinem Urlaub dran gewesen w├Ąre, aus Mailand, Paris oder Athen eine Postkarte bek├Ąmen. ÔÇ×B├╝ckling gr├╝├čt den Beh├Ârdenmob!ÔÇť, w├╝rde er schreiben. Er w├╝rde im Mittelmeer baden, fremde St├Ądte besichtigen, in Caf├ęs sitzen und es sich gut gehen lassen. All die Orte, die er aus seinen gesammelten Reiseberichten her kannte, w├╝rde er besuchen. Zeitpunkt der R├╝ckkehr? Unbekannt!
Er sp├╝rte, wie er noch aufgeregter wurde. Seine Finger durchkneteten die Aktentasche und seine Augen wanderten unruhig hin und her. Er wagte kaum zu atmen. Ein leichtes Glucksen machte sich in seinem Hals bemerkbar und er sp├╝rte, wie seine Augen feucht wurden. Wieder lehnte er sich zur├╝ck und atmete tief durch.
Ein W├Ągelchen mit Getr├Ąnken wurde durch das Abteil geschoben. Er kaufte sich einen Kaffee. Beim Bezahlen fiel sein Blick auf das Foto seiner Frau, das er immer in seinem Portemonnaie bei sich trug. Sie w├╝rde sich jetzt sicherlich schon Sorgen um ihn machen. Sie hatte sich darauf gefreut, ihm von ihrem Tag zu erz├Ąhlen. Sie liebte diesen Teil des Tages mit diesen h├Ąufig doch recht belanglosen Gespr├Ąchen. Sie hatte extra f├╝r ihn Butterkuchen gebacken. Sie wartete auf ihn! Sie wartete jetzt gerade auf ihn....
In Hannover stieg er aus dem Zug wieder aus. Mit seinem letzten Geld kaufte er sich eine Fahrkarte und fuhr mit der n├Ąchsten Bahn zur├╝ck nach Hamburg. Ein dicker Klo├č, der ihm kaum noch Platz zum Atmen lie├č, hatte sich in seinem Hals festgesetzt. Er nagte an seiner Unterlippe. Er nagte so sehr, dass sie ihm wehtat. Seine H├Ąnde pressten die Aktentasche fest an seinen Bauch. W├Ąhrend der gesamten R├╝ckfahrt starrte er nur noch auf die R├╝ckseite des Sitzes vor sich.
Als er dann am sp├Ąten Abend zu Hause ankam, seine Frau ihm die T├╝r ├Âffnete, ihn mit gro├čen, verst├Ârten Augen ansah, und ihn sorgenvoll mit leiser, fast zitternder Stimme fragte, wo er denn so lange gewesen sei, sagte er nach einer kurzen Pause, ebenfalls leise und mit einem leichten Glitzern in den Augen: ÔÇ×Weit fort. Ganz weit fort!ÔÇť.

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no-name
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lieber anbas,

ich schrieb dir ja schon, wie wundervoll und ber├╝hrend ich diese kurzgeschichte von dir finde, die ich die erst k├╝rzlich in der anthologie "kranichherz" gelesen habe.

vielleicht ber├╝hren mich deine zeilen deswegen so, weil ich dieses gef├╝hl, einfach mal aus allem auszubrechen, sehr gut kenne und deswegen nachempfinden kann.
bitte nicht lachen, aber ich hatte beim lesen deiner geschichte spontan den song von udo j├╝rgens "ich war noch niemals in new york", der exakt dieses thema "besingt", im ohr. (nein, ich bin kein udo j├╝rgens-fan!)

am anfang deines textes dachte ich, 'himmel, der protagonist wird sich doch jetzt wohl nicht umbringen und auf die gleise st├╝rzen'(?!) - ich war froh, dass sich deine geschichte dann doch in eine andere, weniger dramische richtung entwickelte.
du merkst also schon, ich war beim lesen voll in deiner geschichte drin, f├╝hlte mit deinem protagonisten mit und genauso so soll es doch bei guter literatur sein!

f├╝r mich ist deine geschichte brilliant! nach meinem empfinden stimmt einfach alles! (anbas, ich gestehe, ich h├Ątte sie gern selbst geschrieben...;-))

danke f├╝r dieses tolle leselerlebnis, anbas.

herzliche gr├╝├če von no-name.

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anbas
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Hallo no-name,

vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar, ├╝ber den ich mich total gefreut habe. Es ist einer der Texte, an denen ich sehr lange gearbeitet habe (rund 6 Jahre). Immer wieder habe ich ihn liegen lassen, wieder hervorgeholt und weiter gefeilt. Ein Kommentar, wie Du ihn geschrieben hast, belohnt dann diese M├╝he.

Urspr├╝nglich sollte das Ganze mal ein Lied werden - mein Schwerpunkt beim Schreiben war in den letzten Jahren eher die Liedermacherei. Doch ich merkte bald, dass ich das, was ich ausdr├╝cken will, nicht in ein Versma├č 'gezw├Ąngt' kriege. Und so entstand dann die Geschichte.

An Udos Song habe ich dabei aber weniger gedacht. Allerdings gibt es ein altes St├╝ck von Truck Stop - 'Amerika' - in dem es um den (unerf├╝llten) Kindheitstraum geht, einmal nach Amerika zu reisen. Daran mu├čte ich ab und zu mal denken.

Spannend finde ich auch die folgende Diskussion, die ich hinsichtlich der Geschichte bisher im Bekanntenkreis miterleben durfte:
Die einen sagen, dass der Protagonist versagt h├Ątte. Er h├Ątte es nicht geschafft, sich seinen Traum wirklich zu erf├╝llen, und w├╝rde es vermutlich auch nie wieder versuchen. Die andere Postion ist die, dass es ein erster Schritt war. Diesem Schritt k├Ânnen durchaus weitere folgen. Er hat es erstmals gewagt, seinen engen Rahmen zu verlassen. - Ich pers├Ânlich favorisiere eher die zweite Position, kann aber auch die andere gut nachvollziehen.

Also, noch einmal lieben Dank f├╝r Deine Worte und die Bewertung.

Liebe Gr├╝├če

Andreas
__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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