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Leselupe.de > Horror und Psycho
Wespennest
Eingestellt am 12. 02. 2014 11:27


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Martin Ekdahl
Hobbydichter
Registriert: Feb 2014

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Ich war gerade fertig mit der Uni und hatte das Diplom in Sportpsychologie in der Tasche, als ich den Job bekam. Es war ein Angebot, das meine Eltern unglaublich stolz machte und die anderen aus meinem Kurs grĂŒn vor Neid.

Ich sollte mit Ålkrokens neuer Hockeymannschaft und großen Helden, den „Ålkroken Hornets“ arbeiten. Der Verein war so etwas wie Schwedens Sportwunder. Die Hornets oder –Wespen- wie sie im Volksmund genannt wurden, spielten erst ein paar Jahre zusammen und hatten schon eine ganze Reihe von Siegen hinter sich. Der Werdegang dieser Mannschaft hatte praktisch die ganze Sportwelt Schwedens verblĂŒfft. Vor fĂŒnf Jahren hatte ein ortsansĂ€ssiger GeschĂ€ftsmann, Herbert Sjöström, bekannt gegeben, er wolle einen zweiten Eishockeyverein in der Stadt grĂŒnden und finanzieren. Damals sah niemand einen Sinn darin, noch einen weiteren Klub in einer Kleinstadt wie Ålkroken zu etablieren. Es gab schon einen Verein und der war außerdem bereits in der Schwedischen Premiumliga platziert. Hatte allerdings erhebliche ökonomische Probleme und große Schulden, balancierte lĂ€ngere Zeit am Rande des Konkurses und wurde in letzter Sekunde durch die Kommune gerettet.

Sjöströms Idee war Ă€ußert gewagt. Innerhalb von 7 Jahren wĂŒrden die „Hornets“ die Eliteserie gewonnen haben, und Schwedens erfolgreichste Eishockeymannschaft sein, hatte er versprochen. Diese Behauptung war damals der Scherz des Jahres und ging durch die Medien, vom FrĂŒhstĂŒcksfernsehen bis hinein in die Sportseiten der Abendpresse. Doch den Journalisten und den SachverstĂ€ndigen sollte bald der Hohn und das GelĂ€chter im Hals stecken bleiben, zusammen mit dem ersten Brötchen am Morgen. Die junge Mannschaft flog von Sieg zu Sieg und landete mit rasender Geschwindigkeit in der Eliteserie. Mit ihrer gefĂŒrchteten Energie und ihrem unermĂŒdlichen Kampfgeist schienen die „Hornets“ durch nichts und niemand zu bremsen. Konnte das mit rechten Dingen zugehen? Wie war das möglich?

Es war ein Nachmittag Ende September als ich in Ålkroken ankam. Aus der kurzen Stellenbeschreibung, die ich vom Trainer des Vereins erhalten hatte, ging nur hervor, dass es einen unmittelbaren Bedarf an einem Psychologen gab, da, der derzeitige seinen Posten wegen einer Reihe von VorfĂ€llen, plötzlich und unangekĂŒndigt verlassen hatte. Ich vermutete hinter der vagen Andeutung das typische Beispiel eines Konflikts innerhalb einer noch jungen Organisation. Wenn ein Betrieb, ein Verein oder eine Organisation sehr schnell wachse, hatte ich von meinem Professor gelernt, geschehe es oft, dass kleine Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedern auftreten und diese sich zu einem umfassenden BĂŒrgerkrieg auswachsen wĂŒrden. Das sei natĂŒrlich und werde innerhalb der Psychologie KĂŒrbiskonflikt genannt.

Die Hornets kannte jeder. Aber ĂŒber ihren Werdegang wusste ich ehrlich gesagt, nicht viel. Was ich wusste, hatte ich im Internet gegoogelt oder bei Wikipedia gefunden. Ich wusste, dass der GeschĂ€ftsmann Herbert Sjöström vor 10 Jahren eine GetrĂ€nkefabrik hier in der Stadt errichtet hatte, mit Geld, das er in den USA bei einem geglĂŒckten GeschĂ€ft verdient hatte. Eines seiner Produkte, der Energiedrink „Sting Ray“ wurde ein großer Verkaufserfolg und machte Sjöström zum MultimillionĂ€r. Einen bedeutenden Teil seines Gewinnes hatte er in seinen Eishockeyklub und in die neue Arena -Ålkroken Hockey Stadion- gesteckt. Ein steuertechnischer Kniff, schnaubten die Zyniker. Einen großzĂŒgigen Beitrag fĂŒr den Jugendsport bezeichnete es der stĂ€dtische Finanzbeirat vor den versammelten Medien anlĂ€sslich der Stadioneröffnung. Sjöströms Geld war ein willkommener Zuschuss zur Stadtkasse war und sein Betrieb leistete einen bedutenden Beitrag zur senkung der Arbeitslosenzahlen.

Ich fuhr mit dem Zug nach Ålkroken. Ich hatte kein Auto. In Stockholm hatte ich keines gebraucht. Aber allmĂ€hlich sollte ich einmal daran denken, mir eines zu kaufen. Ein kleines gebrauchtes wĂ€re gut, dachte ich. Vielleicht ein VW oder Toyota Corolla oder so was. Der erste Lohn spukte mir schon im Kopf herum. Es war nicht wenig, was man mir angeboten hatte, fast ein kleines Vermögen fĂŒr jemanden in meinem Alter. Ich hatte noch keine Zeit gehabt mich um eine Wohnung zu kĂŒmmern. Die Anstellung kam so plötzlich, dass ich es noch nicht auf die Reihe bekommen hatte. Auch sonst hatte ich noch keinen Plan fĂŒr mein zukĂŒnftigen Leben. Der Klub hatte fĂŒr mich ein Zimmer im -Ålkroken Stadthotel- gebucht. „Wir zahlen die Rechnung“, hatte der Trainer gesagt, als ich protestierte. „Check einfach aus, wenn du etwas Passendes gefunden hast und gib mir die Rechnung. So machen wirÂŽs ok!“ Denen war wahrhaftig viel daran gelegen, dass ich schnellstens anfange. Das war zwar schmeichelhaft aber auch ganz schön stressig.

Als ich aus dem Zug stieg, war es draußen schon dunkel obwohl es noch nicht mal abends 8 Uhr war. Das ist der Preis, den man bezahlt wenn man in diesen Breitengraden lebt, dachte ich. Kurt Lindström wartete auf dem Bahnsteig. Wir tauschten ein paar Höflichkeiten: „War die Reise angenehm, bequem mit dem Zug?“ Und „welch Wetter!“, wĂ€hrend ich meine Reisetasche vom Waggon herunterhob. Lindström war ein Mann in den oberen Vierzigern. Ganz klar, er hatte einmal rabenschwarzes Haar, aber der Charme der grauen SchlĂ€fen hatte schon vor lĂ€ngerer Zeit den zerzausten Haarschopf aufgesucht. Er war drahtig wie ein Leichtathlet und hatte breite eckige Schultern. Sein Gesicht war hager und gekennzeichnet von tiefen Furchen rund um den Mund und Falten auf der Stirn. Ich erinnere mich noch, dass ich mich fragte, ob er frĂŒher einmal drogenabhĂ€ngig gewesen war oder ob es das harte Sportsleben und der Stress waren, die ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatten. Sein Kopf wurde von einer großen Nase und großen Ohren dominiert. Mir war das sympathisch. War das Sokrates, der gesagt hatte, dass ein vollendeter Kopf durch eine große Nase und große Ohren gekennzeichnet sei? Ich glaube ja. Um jedoch einen völlig angenehmen Eindruck zu hinterlassen stierten seine rotumrĂ€nderten Augen zu sehr. Der Mann vermied zu zwinkern, wĂ€hrend er mich ansah, dadurch ruhte sein Blick einen winzigen unangenehmen Moment zu lange auf mir. Er schien als wollte er gleich einschlafen oder in eine kurzzeitige Trance fallen. Entweder er war vollstĂ€ndig am Ende oder er litt an einer Form von Narkolepsie, dachte ich wĂ€hrend wir die pflichtschuldigen Kommentare ĂŒber den Herbst oder den kommenden Frost austauschten.

Als ich mich anschickte, mit der einen Hand meine Sporttasche aufzuheben und mit der anderen die Henkel der Reisetasche nahm, griff Lindström plötzlich nach meiner linken Schulter. Er Starrte in mein Gesicht, mit mĂŒden nervösen Augen: „Bist du bereit Achterbahn zu fahren?“ Ich fuhr instinktiv zurĂŒck, bevor ich meine Fassung wiederfand. Zögernd antwortete ich: “Jaahh.“ „Gut“, sagte er und lies gleichzeitig meine Schulter los, „das wirst du auch mĂŒssen.“ Das Hotel lag nicht weit vom Bahnhof. Kurt verabschiedete sich vor dem Eingang. „Ich muss meine Kinder abholen„, entschuldigte er sich. „Sie sind heute nach dem Kindergarten zur Großmutter. Ihre Mutter ist ein paar Tage in Mora. Eine Kommunalveranstaltung, die Gewerkschaft, du weißt.“ Er schĂŒttelte meine Hand und wĂŒnschte mir gute Nacht. „Ich kann morgen Vormittag vorbeikommen und dich abholen wenn du willst. Wir können dann gemeinsam zur Arena fahren.“ „Gehrne, gute Idee” antwotete ich. Ich wĂŒnschte ihm auch gute Nacht und sagte: “Also, dann bis morgen.“ Der Trainer ging rasch fort, zum nahen Parkplatz. Plötzlich drehte er sich noch einmal um: “Du, es gibt ne ganz gute Bar da im Hotel, schau mal rein!“

Nachdem ich Ihn im Schatten hatte verschwinden sehen, nahm ich meine Taschen und betrat das Hotel. Der Mann an der Rezeption gab mir den SchlĂŒssel und sagte, dass das Restaurant noch eine Stunde geöffnet habe. Ich dankte ihm und fuhr mit dem Aufzug in den 3. Stock. Mein Zimmer hatte die Nr. 320. Es war ein kleines Standardzimmer mit Einzelbett, TV und Bad. Ich zappte ein wenig durch die KanĂ€le und stellte fest, dass es nicht möglich war Pornos im Zimmer zu sehen. Draußen vor dem Fenster jagte die stĂ€dtische Straßenbeleuchtung die herbstliche Dunkelheit fort und hĂ€ngte goldgelbe Kugeln aus Licht in den feuchten Nebel. Ich ließ meine Taschen ungeöffnet und fuhr hinunter ins Restaurant. Wenn ich etwas zur Ruhe gekommen bin, werde ich mich nach einer kleinen Wohnung umsehen, dachte ich, wĂ€hrend ich wartete, dass eine Kellnerin im leeren Raum erscheinen wĂŒrde. Ich könnte am Wochenende auch zurĂŒck nach Stockholm fahren, Umzugskartons besorgen und sie schon mal zu meinen Eltern bringen. Wenn ich dann eine Wohnung hĂ€tte, könnten Papa und ich einen kleinen LKW mieten und alle meine Sachen nach Ålkroken bringen. Vielleicht könnte Mama auch mitkommen. Ich hörte Lachen aus der KĂŒche. Die MĂŒdigkeit machte meinen Körper schlaff und ich wurde schlĂ€frig. Der harte Restaurantstuhl fĂŒhlte sich fast wie ein Sofa an. Ich stellte mir meine zukĂŒnftige Wohnung vor, fantasierte, wie ich sie streichen wollte und ĂŒberlegte, ob es in Ålkroken Ikea gibt. Wahrscheinlich nicht.

Nach einer Weile tauchte eine Kellnerin aus der KĂŒche auf. Sie sah verwundert aus, als sie mich bemerkte. „Ich dachte nicht, dass wir heute noch GĂ€ste bekommen wĂŒrden“, sagte sie entschuldigend und gab mir die Karte. Ich sah kurz hinein und bestellte einen Lachssalat und ein Bier. Sicherlich ist Lachssalat keine typische SpezialitĂ€t aus der Gegend, aber es schien mir noch das Beste auf der Karte. Das Bier jedoch kam von der hiesigen Brauerei. Nach dem Essen wollte ich noch auf einen Sprung in die Bar. Sie war aber zu, wegen Renovierung. Auch gut, dachte ich, dann bin ich wenigstens frisch am ersten Tag meiner Arbeit. Ich kehrte in mein Zimmer zurĂŒck, packte halbherzig aus und machte mich fertig. Dann legte ich mich ins Bett unter die dĂŒnne, weiße Decke und versuchte zu schlafen. Draußen summte der Verkehr. Ein paar randalierende Jugendliche zogen vorbei und ihre Stimmen schickten ein Echo aus der Ferne, begleitet vom GerĂ€usch einer an der Trottoirkante zersplitternden Flasche. Kurt Lindströms Blick verfolgte mich bis in die frĂŒhen Morgenstunden.

***

„Guten Morgen!” Lindström wirkte bedeutend frischer als am Tag zuvor, jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte. Die Nacht hatte mir nicht viel Schlaf gewĂ€hrt und der FrĂŒhstĂŒckskaffee im Hotel hatte mich auch nicht von meiner MĂŒdigkeit befreit. „Wie hast du geschlafen?“ fragte er, wĂ€hrend er in einen Kreisverkehr einschwenkte. „FĂŒrchterlich“ antwortete ich aufrichtig. „Ich konnte fast gar nicht schlafen. Ich hatte ja auch noch keine Zeit mich zu akklimatisieren.“ „Akklimatisieren“ sagte Lindström, „Oh Mann, du bist mir ein Herzchen, akklimatisieren!“ „Apropos, was war eigentlich mit meinem VorgĂ€nger, warum ist er gegangen?“ Lindström trat so plötzlich und abrupt die Bremse, dass sich das Auto querstellte und mit einem Ruck stehen blieb. Der Sicherheitsgurt schnitt tief in meine Schulter.

„Verdammter Idiot“, schnauzte der Trainer und drĂŒckte die Hupe, die ein langgezogenes, zorniges Tuut brĂŒllte. Dann kurbelte er mit hastigen, ruckartigen Bewegungen das Seitenfenster herunter und hĂ€ngte fast den halben Oberkörper hinaus: „Wie fĂ€hrst du eigentlich, du verdammter Idiot?“ schrie er und fuchtelte mit der linken Hand nach einem Radfahrer, der erschrocken auf uns zu schlingerte und vor uns auf dem Zebrastreifen zum Stehen kam. Der Radfahrer erwiderte etwas, das ich nicht verstand und setzte sich wieder auf den Sattel. „Halt dich gefĂ€lligst von der Autospur fern“ bellte Lindström hinter dem Radfahrer her, der wackelnd um die Ecke bog und hinter einer Buchsbaumhecke verschwand. Lindström schickte ihm ein „verdammter Blödmann“, hinterher. Das Auto hinter uns tutete. „Soll dich der Teufel holen“, fluchte der Trainer, wandte sich halb zu dem Fahrer hinter uns und legte den ersten Gang ein. Mit einem Ruck bewegte sich das Auto vorwĂ€rts. Lindström streckte dem Fahrer seine Faust mit dem abstehenden Mittelfinger als Gruß entgegen und fuhr dann weiter.

„Diese Idioten, die nicht wissen wo die Radspur aufhört und die Autospur anfĂ€ngt,“ entschuldigte er sich, wobei er mir einen kurzen Blick zuwarf. „Was hast du eben gesagt?“ „Ich, ja, also ich wollte nur“, sagte ich, sprach aber nicht weiter, weil Lindström plötzlich nach links abbog und auf einen großen Parkplatz fuhr. „So, da wĂ€ren wir“, sagte er triumphierend. „Ålkrokens Hockey Stadion, was sagst du?“

Die Arena war großartig. Gar zu großartig fĂŒr eine Stadt von der GrĂ¶ĂŸe Ålkrokens sollte man meinen. Aber Sjöström hatte mit der reinsten, grĂ¶ĂŸten Überzeugung auf die Skepsis der Journalisten geantwortet, dass Ålkroken eine Stadt sei, die die Zukunft noch vor sich habe. Wer weiß, in 20 Jahren könne man den versammelten Medien erklĂ€ren, dass die Arena zu klein geworden sei, meinte er damals und fĂŒgte grinsend hinzu ob denn die Journalisten glaubten immer Recht zu haben? Wie auch immer, jedenfalls war das ein Riesenstadion mit Platz fĂŒr 4000 Zuschauer und ein GebĂ€ude, das die Anlagen der ĂŒbrigen Vereine in den Schatten stellte. Eine Arena mit soviel PlĂ€tzen in einer Stadt von etwa 10 000 Einwohnern, kann mit guten Grund als unsinnig betrachtet werden. Aber Sjöström meinte, die Stadt hĂ€tte Potenzial jenseits aller BefĂŒrchtungen seitens der Kritiker.

Wir stiegen aus dem Auto und gingen Seite an Seite auf das blendend weiße, kubusförmige GebĂ€ude zu. Ich beschloss, die Frage nach dem frĂŒheren Psychologen fallen zu lassen. Ich glaubte zu verstehen, dass das eine heiße Kartoffel war und fragte stattdessen nach dem GebĂ€ude. „Das ist ein hollĂ€ndischer Architekt, der den Auftrag bekommen hat“, erklĂ€rte Kurt Lindström. „Frag mich nicht, wie er heißt, aber er ist weltberĂŒhmt bei den Fachleuten. Er entwarf schon HĂ€user in Dubai, New York, Moskau und so. Wolkenkratzer und solche Sachen und ein verdammt großes Ding in Peking. Ausgebucht bis ĂŒber beide Ohren. Aber als Herbert, also Sjöström, anrief, lies er alles liegen und stehen und entwarf die Bude praktisch im Handumdrehen. Drei Jahre hat es gedauert, bis die Arena fertig war. Was mich betrifft, wĂ€re ich ja schon mit einem weniger prunkvollen Kasten zufrieden gewesen, aber was sollÂŽs! Hier geht’s rein.“

Lindström öffnete eine StahltĂŒr mit einem großen, goldfarbenen C und hielt sie fĂŒr mich auf. Ich ging vor ihm ins GebĂ€ude und fand mich in einer breiten, hohen Halle, erhellt von entfernten Leuchtstoffröhren und deckenhohen Fenster. „Das ist die C-Halle“, erklĂ€rte Lindström. „Hier sind die Umkleidekabinen.“ Der Trainer zeigte auf eine Reihe TĂŒren zur Linken. „Rechts ist der Eingang zu den BĂŒros. Da ist auch dein Kabuff und dort drĂŒben ist das Gym. Das kannst du auch benĂŒtzen, wenn du willst. Aber nicht, wenn ichÂŽs fĂŒr die Jungs gebucht hab. Da ist eine Liste, da kannst du dich eintragen.“ Lindström zeigte auf eine Korktafel. „Dort ist die Sauna und der Whirlpool. Auch alles zu deiner VerfĂŒgung.“ Wir gingen weiter durch eine enorm große TĂŒr am hinteren Ende. Auf der TĂŒr stand: -Eishalle-Eingang-C- aufgemalt mit roten Buchstaben. „und hier haben wir das Heiligtum“, der Trainer öffnete eine kleine TĂŒre gegenĂŒber der großen.
Die Eishallte lag im blauweißen Licht von starken Scheinwerfern. Auf der riesigen FlĂ€che drehte eine Maschine ihre Runden und polierte das Eis. Zwei MĂ€nner standen auf der TribĂŒne und sahen zu. Nach ihrer lebhaften Gestik zu urteilen, waren sie in eine heftige Diskussion verwickelt. Der eine war gekleidet in Anzug, Hemd und Krawatte. Das zurĂŒckgekĂ€mmte und blondierte Haar stĂŒlpte sich wie ein Helm ĂŒber den Kopf. Der andere Mann war untersetzt und trug einen gestrickten, bunten Pullover. Er hatte einen zerzausten Schopf und seine Haare standen in alle Richtungen ab. Ich erkannte ihn wieder, von den Schwarzweiß Fotos aus der Zeitung. Es war Herbert Sjöström. „FĂŒhl dich geehrt, wir haben feinen Besuch heute“, sagte Lindström. Sein Gesichtsausdruck war unmöglich zu deuten. „Der Besitzer der -Ålkroken Hornets- höchstpersönlich. Der andere ist unser GeschĂ€ftsfĂŒhrer.“ Der Trainer beschleunigte seine Schritte, ging quer ĂŒbers Eis und verlies es durch eine kleine Pforte in der mit Plexiglas auf 3 Meter erhöhten Bande.

Wir kletterten die TribĂŒnentreppe hoch bis wir den Rang erreichten, auf dem die beiden standen. Als wir uns nĂ€herten, hörten sie auf zu gestikulieren und wandten sich uns zu. Der dicke Sjöström trat einen Schritt auf uns zu und streckte uns beide HĂ€nde entgegen. Unter dem gestrickten PulloverĂ€rmel glĂ€nzte eine goldene Uhr hervor. „Unser neuer psychologischer Beistand, richtig“, sagte er und streifte den Trainer mit einem kurzen Blick, wĂ€hrend er meine Hand in einen harten, festen Griff nahm. „Schön, dass wir uns treffen. Ich bin Herbert. Der Boss, wie sie sagen.“ Er wandte sich halb gegen den anzuggekleideten GeschĂ€ftsfĂŒhrer und beschrieb mit seinem linken Arm einen Halbbogen. „Und hier haben wir Niklas Hansson, unseren GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Finanzchef und mein stĂ€ndiges schlechtes Gewissen.“

Hansson trat einen halben Schritt vor und gab mir seine perfekt manikĂŒrte rechte Hand. Er hatte vierkantige goldene Manschettenknöpfe an den frischgebĂŒgelten HemdsĂ€rmeln. Auf dem saphierblauen Schlips steckte eine kleine goldfarbene Nadel, eine Mickey Mouse. Bestimmt das Geschenk eines Kindes. Er war sicherlich wie der Trainer Ende Vierzig. Aber im Vergleich sah er mindestens 20 Jahre jĂŒnger aus. “Hej, Niklas“, stellte er sich vor. „Wie gesagt, das schlechte Gewissen des Klubs. Leider muss ich auch schon weg, muss zu einem Meeting, aber vielleicht können wir spĂ€ter einen Kaffee zusammen trinken?“ Sein Blick schwebte ĂŒber uns hinweg. „Prima, warum nicht! Ist noch frĂŒh am Tag“, sagte ich. Lindström bemerkte rasch, dass er nicht lange bleiben könne. Er mĂŒsse nur ein paar Papiere durchsehen, mir mein BĂŒro zeigen und den SchlĂŒssel geben. Er mĂŒsse bald wieder nach Hause. Auch kĂ€mme seine Frau mit dem 5 Uhr Zug und er mĂŒsse sie vom Bahnhof abholen. Sjöström seufzte, auch er mĂŒsse bald verschwinden, er hĂ€tte heute Abend noch eine wichtige Veranstaltung und mĂŒsse sich vorher noch umziehen. Er machte eine entschuldigende Geste, indem er seine HĂ€nde hob und die HandflĂ€chen zeigte. Vorher mĂŒsse er noch etwas zwischen die ZĂ€hne bekommen und sich ein bisschen um seine Frau kĂŒmmern. Er schielte zu mir und hielt seinen verstohlenen Kinderblick eine halbe Sekunde. Er sah aus, als wĂ€re er dabei, seiner kleinen Schwester schmutzige Worte beizubringen. Der LĂ€rm der Maschine stieg gleichmĂ€ĂŸig lauter oder leiser werdend zu uns empor, je nachdem ob sie sich uns nĂ€herte oder sich von uns entfernte auf ihrer eisigen Bahn innerhalb der Balustrade. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer sagte noch ein paar Worte zu Sjöström aber sie ertranken im betĂ€ubenden LĂ€rm der Poliermaschine und meine Ohren erreichte nicht mehr als ein schwaches Murmeln oder zusammenhanglose Wortfetzen wie Reklame
., Derby,
 wichtig
.Billet
.Ende. Dann klopfte er mir auf die Schulter und sprach in meine Richtung. Ich konnte Worte wie Kaffeetrinken und spĂ€ter heraushören. Er nickte den beiden anderen zu und ging. Der LĂ€rm der Maschine wurde schwĂ€cher. Sie entfernte sich und polierte am anderen Ende der EisflĂ€che. Der Trainer wĂŒnschte Sjöström ein schönes Wochenende. Ich schĂŒttelte ihm die Hand und sagte etwas wie: „Ich wĂŒnsche ihnen einen schönen Abend und wir sehen uns sicher nĂ€chste Woche.“

Danach folgte ich Lindström durch die Halle und die beide TĂŒren zurĂŒck in den BĂŒrotrakt. „Du musst die kĂŒhle Stimmung entschuldigen“, sagte Lindström als er die TĂŒre hinter uns schloss, „ich stehe zur Zeit auf keinem guten Fuß mit unserem GeschĂ€ftsfĂŒhrer. Es ist nichts persönliches, nur wegen eines Einkaufs sind wir uns nicht einig.“ Ich merkte, dass ich die Wahrheit im Moment nicht herausfinden konnte und beschloss, die Sache erst mal auf sich beruhen zu lassen. Lindström zeigte mir mein BĂŒro. Es war ein kleiner Raum im ersten Stock. Schreibtisch, Stuhl uns Aktenschrank. Auf dem Tisch lag immer noch ein hoher Stapel Papieren meines VorgĂ€ngers. „Er verlies uns Hals ĂŒber Kopf“, sagte Lindström. „Aber zum Teufel, so einen Saustall wie diesen hat wohl selten einmal einer hinterlassen. Na ja, ich kann sehen ob ich heute noch hier aufrĂ€umen kann, damit du am Montag das BĂŒro ĂŒbernehmen kannst. Du kannst hierbleiben wenn du willst. Die Alarmanlage schaltet um 8 Uhr am Abend ein, bis dahin musst du draußen sein. NĂ€chste Woche bekommst du deine eigene ID-Karte damit du selbst den Alarm an der EingangstĂŒr abschalten kannst.” Ich dankte ihm und sagte, dass ich gerne noch bleiben wĂŒrde und mich noch in der Nachbarschaft meines BĂŒros etwas umschauen wolle und warten ob Niklas Zeit fĂŒr einen Kaffee haben wĂŒrde.

Als der Trainer gegangen war, ging ich auf Entdeckungsreise. Ich machte einen Rundgang durch den Korridor. Vorbei am Wasserspender, den Toiletten und dem Kopierraum. Ich fischte eine Limo aus dem KĂŒhlautomaten im Aufenthaltsraum und setzte meinen Gang bis zum hinteren Ende des Korridors fort. Nach einer Weile sah ich ein, dass es fĂŒr heute nicht mehr viel zu entdecken gab und ging zurĂŒck in mein BĂŒro. Da fiel mir ein, dass wir die ganzen FormalitĂ€ten noch gar nicht erledigt hatten. Ich hatte weder einen Arbeitsvertrag, noch eine SchweigepflichtserklĂ€rung unterschrieben. Sie hatten auch meine Bankdaten nicht. Ich war praktisch noch nicht angestellt. Ich setzte mich an den Schreibtisch und fing an die Papiere etwas zu ordnen. Es waren Rechnungen, Quittungen und Notizen. Ich beschloss, einen Karton zu suchen und das ganze darin zu verstauen.

Als ich mich vom Stuhl erhob, sah ich Niklas Hanson, der im TĂŒrrahmen stand und mich beobachtete. Wie lange stand er schon da? Warum hatte er nicht geklopft oder sich gerĂ€uspert oder sonst wie versucht meine Aufmerksamkeit zu erwecken? Er stand nur da, ganz still und stierte mich mit einem unergrĂŒndlichen Blick an. „Was, wie? Du hier?“ stotterte ich hervor. Niklas Hanson ging schnell und ruckartig auf mich zu. Dabei stolperte er und riss den Stuhl um. „Zum Teufel,“ schrie er. Er beugte sich so schnell nach dem umgefallenen Stuhl, dass er mit dem Kopf an die Schreibtischkante stieß. „Zur Hölle, Satans Hölle, nein“, schrie er geradewegs in den Raum. Von der Stirne rann Blut. Ich schoss um den Stuhl uns brachte mich rĂŒckwĂ€rts vor dem zornigen gereizten GeschĂ€ftsfĂŒhrer in Sicherheit, bis ich mit dem RĂŒcken an das Fenster stieß. Ich erkannte die geschniegelte Person nicht wieder, die ich eine Stunde vorher in der Eishalle getroffen hatte. Niklas hielt sich mit beiden HĂ€nden den Kopf und schwankte mit dem Oberkörper hin und her. „Entschuldigung, entschuldige mich, es war ungeschickt, nicht meine Absicht.“ Er ließ seinen Kopf los und suchte Halt an meiner Schulter. Sein Griff war so fest, dass ich befĂŒrchtete, er könnte sie zerquetschen. Er stierte mich dumpf an. „Hast du ein Problem mit mir, oder was?“ Speichel rann aus seinem Mund und landete als kleiner Tropfen in meinem Gesicht. „Selbst schuld, wenn du da rumstehst.“ Er stieß mich so hart zurĂŒck, dass ich mit mit dem Hinterkopf gegen das Fenster krachte. „Hast du verstanden“, sagte er mit zitternder Stimme, „schau selbst wie du klarkommst, ich hau ab.“

Bis ich Zeit hatte mich zu sammeln, war Niklas schon aus dem Zimmer gestĂŒrzt. Ich rannte in den Korridor, aber er war schon fort. Ich hörte schnelle Schritte die Treppe hinunter Richtung C-Halle eilen und das laute Zuschlagen der TĂŒr. Dann war es vollkommen still. Einen Augenblick ĂŒberlegte ich, ob ich jemanden anrufen sollte, den Wachdienst oder die Polizei, aber ich verwarf den Gedanken wieder. Niklas Hansons Betragen war indiskutabel und vollstĂ€ndig absurd ohne Frage, aber wirklich unbegreiflich fand ich allein diese besinnungslose und unprovozierte Gewalt gegen mich. Warum war er so erbost, was hatte ich ihm getan? Nichts soweit ich wusste. War da ein Muster in diesem wahnwitzigen Verhalten? Keine Ahnung! Ich stĂŒtzte mich auf den Schreibtisch. Der Stuhl, den Niklas Hanson umgeworfen hatte, lag noch immer auf dem Boden, aber ich war nicht in der Lage, ihn aufzuheben. Schmerzen fingen an sich ĂŒber meinen Hinterkopf auszubreiten. Draußen war es schon dunkel. Vereinzelte große Regentropfen klatschten schwer gegen die Scheiben. Bald könnte es stark regnen. Ich hĂ€tte mit dem Trainer heimfahren sollen. Jetzt war es zu spĂ€t. Wie sollte ich ins Hotel kommen, ohne Auto? Mist!! Ich befĂŒhlte meinen Kopf und massierte meine SchlĂ€fen ein wenig mit dem Handballen. Ich wollte nicht lĂ€nger hier bleiben. Gerade als ich mich vom Schreibtisch aufrichtete, blieb mein Blick an einem kleinen Zettel mitten im ĂŒbrigen Chaos auf der Tischplatte hĂ€ngen. Auf den Zettel hatte jemand in großen, schwarzen Buchstaben -HAKAYUZA- geschrieben.

Ich hatte die Gelegenheit mit dem Hausmeister zurĂŒck ins Hotel zu fahren. Er schloss gerade sein Auto auf als ich auf den Parkplatz gelaufen kam. „Du hast GlĂŒck“, sagte der kleine, hagere Mann als wir uns ins Auto setzten. „Es schĂŒttet wie aus Eimern, du hast GlĂŒck, dass ich noch da bin.“ Ich ĂŒberlegte, ob ich ihm von meinem Zusammenstoß mit Niklas Hanson erzĂ€hlen sollte, entschied mich aber, darauf zu verzichten. „Ich bin verwundert“, sagte der Hausmeister und kratzt sich an der Nasenspitze, wĂ€hrend er aus dem Parkplatz fuhr. „Ich bin verwundert, dass du den Job hier angenommen hast. Nichts persönliches, wirklich, aber schon irgendwie ungewöhnlich, meine ich. Es geht ganz schön ruppig zu hier, manchmal.” „Jaah
ich denke, das hab ich schon gemerkt“, antwortete ich zögernd, „aber was ist hier eigentlich los? Hier liegen merkwĂŒrdige Dinge in der Luft.“ Der Hausmeister zog die Augenbrauen hoch „hat dir niemand was gesagt? OK, das erklĂ€rt einiges.“ Er streckte sich im Fahrersitz. „Was war passiert? Oder vielmehr, was war hier vielleicht auch unterblieben?“

Der Hausmeister fing an zu erzÀhlen.

„Es hat vor ungefĂ€hr 3 Monaten angefangen. Ich war im Magazin, da hörte ich einen höllischen Radau draußen in der Halle. Es war eines unserer neuen Talente, Oskar Dahlgren, der schimpfte und schrie. Er behauptete, er wĂ€re von einem unserer jungen Spieler des Mordversuchs bezichtigt worden und er könnte ihm den SchĂ€del einschlagen. Kurre, also der Trainer, versuchte ihn zu beruhigen, prallte dabei aber selbst so hart gegen die Bande, dass sie ihm spĂ€ter im Krankenhaus am Kopf mit 5 Stichen nĂ€hen mussten. Robban, also ich meine dein VorgĂ€nger, du kennst ihn nicht, versuchte auch mit allen Mitteln, wirklich, dem Spieler zu besĂ€nftigen, aber der Junge war so außer Rand und Band, dass es nicht funktionierte. Er brĂŒllte, dass er jeden todschlagen wĂŒrde, der versuchen sollte in seine NĂ€he zu kommen. Dann ging er schimpfend und polternd weg. Wir waren gezwungen ihn sofort zu sperren, unterließen es aber Anzeige gegen ihn zu erstatten. Sjöström wollte nicht, das wegen dieser Geschichte der gesamte Verein in Verruf kĂ€me. Auch war es ein junger Kerl am Anfang seiner Karriere und deshalb wollte Sjöström kein Aufhebens in der Lokalpresse. Was der Trainer ĂŒber die Sache dachte, da hab ich keine Ahnung. Eine Woche spĂ€ter oder waren es zwei, trainierten ein paar Nachwuchsspieler Torschiessen in der großen Halle. Es musste irgendwas passiert sein, dass die GefĂŒhle hochkochen lies. Ich weiß nicht was, letztendlich, wie auch immer endete das Ganze blutig. Bevor die Juniortrainer eingreifen konnten, hatten sich zwei der Spieler schon gegenseitig so zugerichtet, dass sie in die Klinik mussten. Und das ist noch nicht alles. Ein Spieler, Jonte Nilsson, also das war der, der Oskar Dahlgren des Mordversuchs bezichtigt hatte, hatte einem anderen Spieler den HockeyschlĂ€ger ins Gesicht geschlagen. Ich weiß nicht wie oft er zuschlug, aber der Junge hatte keinen Zahn mehr im Kiefer. Seine Nase war an drei Stellen gebrochen und musste mit Stahldraht geflickt werden. Sie mussten sein Gesicht schienen. Das Essen erbrach er. Ein paar Tage spĂ€ter bekam er eine Hirnblutung. Er lebt, stammelt aber nur wirres Zeug wenn er spricht und kann sich an nichts erinnern. Jonte wartet auf seine Verhandlung und sitzt im Oberlandesgericht. Ich hoffe, er bekommt mildernde UmstĂ€nde, er ist noch so jung. Verdammte Zeit was? Drei Spieler weg, in zwei Wochen. Nicht mal mehr auf dem Eis ist man sicher. Da gibt’s nun Kamera und VideoĂŒberwachung und all das Zeug. Werden da Drogen eingesetzt heutzutage? War der völlig zu? Was weiß ich. Kann man nicht mal mehr zum Briefkasten gehen ohne dass man niedergeschlagen wird. Von einem Skinhead, AuslĂ€nder oder Rowdy? Ist die Hemmschwelle so niedrig?“

Der Hausmeister rieb sich nachdenklich die Nasenspitze mit Daumen und Zeigefinger.

„Ja, und damit war immer noch nicht Schluss. Ein paar Tage spĂ€ter gerieten der Trainer und Robban aneinander und hatten einen riesenstreit. Das war nach einem Meeting im Aufenthaltsraum. Es waren nur ich, Kurre und Robban noch im Haus. Ich war gerade zum Pinkeln draußen. Dann wollte ich eigentlich nach Hause zu meiner Frau. Als ich wieder in den Korridor kam, stieß ich auf Robban. Er war außer sich. Er sagte, dass Kurt bloß aufpassen solle. Der Trainer kam seinerseits aus dem Aufenthaltsraum gestĂŒrzt. Er schien ganz wirr und boxte Robban so hart in den RĂŒcken, dass dieser in die Garderobe rumste. Robban rappelte sich auf und versuchte nach dem Trainer zu greifen. Der aber erwischte ihn erneut und stieß in wieder zurĂŒck, dass er vor Schmerz aufschrie. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Bevor ich eingreifen konnte, hatte Robban sich hochgerappelt und stĂŒrzte schluchzend davon. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gesehen. Seltsame Geschichte was? Kurre sagte keinen Mucks von der Sache. Es schien fast als ob es gar nicht stattgefunden hĂ€tte. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Sind alle verrĂŒckt geworden. Sjöström, der jeden Tag da gewesen ist und rumgeschnĂŒffelt hat, lĂ€sst sich seither immer seltener blicken. Ich meine, er baut eine Arena mit Trainingsanlagen fĂŒr weiß Gott wie viele Millionen, macht einen Mordszirkus um das Ganze, im Fernsehen, in der Zeitung und dann zieht er sich einfach zurĂŒck. Ich habe ihn, wenn’s hoch kommt, vielleicht 3-mal gesehen in den letzten Monaten. Ich weiß, dass er beschĂ€ftigt ist mit all seinen anderen Projekten. Aber das ist doch merkwĂŒrdig, oder? Und was noch merkwĂŒrdiger ist, du musst wissen, ich glaub er ist ein bisschen verrĂŒckt! Also, ich hörte ihn, das ist ein paar Tage her, also, er stand im Kopierraum und sprach mit sich selbst. Er war ziemlich wĂŒtend. Erst dachte ich, er telefoniert. Aber dann sah ich, dass er mit dem Kopierapparat redete. Spinnst du? Er war wĂŒtend und schimpfte mit dem Kopierer. Als er mich sah, verstummte er und glotzte in meine Richtung, so als ob ich es wĂ€re auf den er wĂŒtend war. Ich ging vorbei ohne ein Wort. Welch ein GlĂŒck fĂŒr ihn, dass nur ich es gewesen war und kein anderer. Das wĂ€re wirklich peinlich fĂŒr ihn gewesen.“

Die Worte des Hausmeisters verfolgten mich noch weit bis in den Abend. Das vage Bild eines verschwommenen, drohenden, zerrenden Unheils erstand vor meinem inneren Auge. Was hier vorging gehörte nicht zu den Themen, die im Kurs Sportpsychologie an der Uni behandelt wurden. Das war eher ein Fall fĂŒr die Rechtspsychologie oder den psychologischen FĂŒrsorgenotdienst. Als wir vor dem Hotel anhielten fragte ich den Hausmeister ob er das Wort -Hakayuza- kennen wĂŒrde? Aber seinem fragenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es offensichtlich, dass er das Wort noch niemals zuvor gehört hatte. Ich dankte ihm fĂŒrs mitnehmen und wĂ€hrend ich aus dem Auto kletterte, sagte er zu mir: „Du, ich mag den Job hier. Ich hatte niemals zuvor einen besseren. Der Lohn ist gut. Ich möchte keine Probleme. Weißt du was ich meine?“ Ich sagte, dass ich das verstehen wĂŒrde und er antwortete: „Ich will mit nichts, aber auch gar nichts zu tun haben!“

Nachdem ich etwas gegessen hatte, setzte ich mich aufs Bett und nahm meinen Laptop auf die Knie. Das Hotel hatte Wifi und ich war neugieriger als Sherlock Holms und Auguste Dupin zusammen. Zuerst suchte ich nach Niklas Hanson. Ich fand 250 000 Treffer. Unter anderem einen Taucher, einen Golfspieler, einen Forscher der Uni Göteborg, die alle Niklas Hanson hießen. Aber als ich die Suche eingrenzte unter BerĂŒcksichtigung seines Berufes, Arbeitsplatzes und Heimatstadt fand ich ihn zum Schluss. Auf der Seite, Freunde suchen frĂŒhere Freunde, konnte ich ein wenig in seinem Leben stöbern. Niklas Hanson war 42 Jahre alt, jĂŒnger als ich geglaubt hatte. Nach seinem Fotoalbum zu urteilen liebte er es zu fischen, zu segeln und schnelle Motorbote zu fahren. Er schien ziemlich normal, vielleicht eine Spur zu prahlerisch. Er lebte das typische Leben der oberen Mittelschicht. Er war verheiratet und Vater zweier Kinder. Er hatte frĂŒher mal ein kleines WerbebĂŒro und war Mitglied der BWLer. Nichts weiter, nichts, das auf einen Psycho hindeutete. Einen Psycho, der seine Kollegen angreift.

Mehr fand ich ĂŒber unseren aller Chef, Herbert Sjöström. Die Ă€lteren Artikel waren hauptsĂ€chlich ĂŒber seine Jugendzeit in Skövde, seine steile Karriere in den USA und ĂŒber sein großes, persönliches Vermögen, das er im Unterschied zu anderen schwedischen GeschĂ€ftsleuten nicht in exotischen Steuerparadiesen zu verstecken suchte. Stattdessen hatte er in zwei große Projekte investiert. Zum einen in die GetrĂ€nkefabrik Ålkroken Softdrinks, dessen alleiniger Inhaber er war und zum zweiten in den bereits erwĂ€hnten Hockeyklub. Sjöström hatte sich niemals in Konkurrenz mit Ålkrokens Brauerei begeben. Er war ausschließlich Limonadenhersteller. Auf seiner Erfolgsliste stand der koffeinhaltige Coladrink „Wasp“ der Sportdrink „Sting Ray“ und das geschmackvolle Wasser, das unter dem Namen „Hive“ vertrieben wurde. Sjöström war bei den Rotariern, in der philanthropischen Vereinigung „Schwedens Forscherfreunde“ und Mitglied im Golfklub der besser Bemittelten. Er hatte vom König eine Medaille fĂŒr seinen Einsatz im Jugendsport bekommen und war sogar in dessen Jagdgesellschaft aufgenommen worden. Mit einem Wort, ein richtiger Ehrenmann.

Kurt Lindström, auch genannt Kurre oder nur, der Trainer, hatte eine lange Karriere im Sport hinter sich. Er hatte die Königsdisziplin fĂŒr die Jugend arrangiert, Medaillen im Orientierungslauf und Weitsprung gewonnen und Generationen von Hockeyspielern trainiert. Außerdem lief er bei VĂ€tternrundum, Stockholms Nattmara und Vasaloppet mit. Seine Sportinteressen oder Vorlieben schienen keine Grenzen zu haben. Der große Durchbruch allerdings war, als er Trainer bei den Hornets wurde. Von einem Tag auf den anderen hatte er den Sprung gemacht vom enthusiastischen, unbezahlten, Wochenende fĂŒr Wochenende mit einem Pott kochendheißem Kaffee auf dem Eis stehenden, schwedischen Amateurtrainer zum Profi bei einem Verein, der auf dem Weg zur Spitze war. Feuereifer, KĂ€mpfernatur und unermĂŒdliche Energie waren einige der Attribute, die ich im Text ĂŒber seine Person fand.

Über Oskar Dahlgren fand ich nicht viel. Er war ein junger Spieler, geboren und aufgewachsen in Örebro. Oskar hatte eine kurze Karriere in VĂ€sterĂ„s hinter sich als er von den Hornets weggekauft wurde. Auf dem Eis war er mit glĂŒhendem Ernst bei der Sache. Er hatte eine unglaubliche Trefferquote und die Zukunft vor sich. Aber, nachdem er vom Klub gesperrt worden war, war er gĂ€nzlich aus der ganzen Hockeywelt verschwunden. In einer kurzen Chronik im Ålkroken Tagblatt signiert von J. Walltin las ich: „Waren die Erwartungen an den jungen Spieler völlig ĂŒberzogen und zu hoch angesetzt? Reichten seine Leistungen nicht um alle zufrieden zu stellen. Vielleicht war es so? In letzter Zeit glaubte ich eine neue Seite an dem jungen Talent zu sehen. Anstelle der ungestĂŒmen Energie, die das Markenzeichen der Spieler und des Klubs waren, sah ich einen mĂŒden, zersplitterten und unkonzentrierten Dahlgren. Einen Spieler, den ich nicht wiedererkennen konnte und wollte.“

Über Robert Johansson fand ich zu meiner EnttĂ€uschung nichts. Wie es schien, hatte sich seine Person in Rauch aufgelöst, ebenso auch seine IdentitĂ€t im Cyberspace, falls er jemals so etwas hatte.

Am nĂ€chsten Tag ging ich nach dem FrĂŒhstĂŒck in die Stadt. Schon bevor ich nach Ålkroken gefahren war, hatte ich einen Stadtplan aus dem Internet kopiert. Ich faltete ihn zusammen und steckte ihn in meine Jackentasche. Es nieselte leicht. Die Temperatur war betrĂ€chtlich gesunken und das schöne Wetter, noch vor ein paar Wochen, war nur noch Erinnerung. Ich schlenderte Engelbrektsleden westwĂ€rts und folgte dann Sofiedalsgatan bis zum Ende. Nach einer Weile streifte ich frei herum ohne den Stadtplan zu benĂŒtzen. Ich hatte ein Ziel und wusste ungefĂ€hr wie ich meinen Weg finden wĂŒrde. Ich wollte zu Herbert Sjöströms GetrĂ€nkefabrik.

Ålkroken ist eine kleine, uralte Stadt. Vom Anfang des 5. Jahrhunderts bis Mitte des 6. Jahrhunderts nach Christus stand hier eine alte Burg „Holmeborgen“. Die Ruine kann heute noch besichtigt werden. Sie liegt etwas außerhalb des heutigen Ålkroken. Die Stadt bekam ihre Privilegien im 13. Jahrhundert. Aber schon im 10. Jahrhundert ist Ålkroken als Siedlung erwĂ€hnt. UrsprĂŒnglich hieß die Stadt wahrscheinlich Alkrughi, was eine Zusammensetzung der alten schwedischen Wörter al = Å (kleiner Fluss) und krughi = krök (Biegung), Åkrök (Flussbiegung) ist. Der Name wurde 1286 latinisiert zu Alkrugae. Im Laufe der Zeit wurde durch mehrere Lautverschiebungen Ålkroken daraus. Also die Stadt, die an einer Biegung eines kleinen Flusses liegt der sich durch die NĂ€rkischen WĂ€lder und Ackerlandschaften im VĂ€stmanland schlĂ€ngelt und weiter östlich in den MĂ€laren mĂŒndet.

Der kalte Regen hatte aufgehört und der Himmel riss auf. Vor der strahlenden Sonne stand ein klarer, reiner Regenbogen und spannte sich von Ost nach West. Die eiskalte Herbstluft fĂŒllte meine Lungen und machte das Gehen leich. Trotzdem ĂŒberfiel mich ein dchwermĂŒtigrd grfĂŒhl. Verszeilen eines Leonhard-Cohen-Songs, den ich schon lange nicht mehr gehört hatte, stiegen aus dem untersten Labyrinth meines Bewusstseins herauf und wiederholten sich hartnĂ€ckig immer und immer wieder:

„It®s four in the morning, the end of December. I®m writing You now just to see if You’re better. New York is cold, but I like where I®m living. There is music on Clinton Street all through the evening.”

Es duftete nach modernden HerbstblĂ€ttern, feuchter Erde und RegenwĂŒrmern. Ich fand mich in einem grĂ¶ĂŸeren Industriegebiet wieder. In der Ferne brannte ein Haufen alter Äst und Zweige. Die schwache herĂŒberziehende Rauchluft verdĂŒnnte sich in die AtmosphĂ€re und rief in meiner Erinnerung einen lange zurĂŒckliegenden Nachmittag hervor, den ich bei meinen Großeltern in deren SommerhĂ€uschen auf KummelnĂ€s verbracht hatte. Ein Hund bellte einsam und verlassen. Ein Appell an seine Kumpels in der Nachbarschaft. Sein hohles Bellen hallte ĂŒber die Gegend wider bis es schwĂ€cher wurde und in den langsam dĂ€mmernden Nachmittag verschwand. Noch war der Himmel zwischen den milchweißen Wolken klar blau, aber ich wusste, bald wĂŒrde die DĂ€mmerung einsetzen und das Himmelsgewölbe allmĂ€hlich in glĂ€nzendes Gold tauchen. Ich pflĂŒckte einen knallroten Apfel, von einem Baum, der hinter einem halbverfallenen, rostigen Drahtzaun im GestrĂŒpp stand. Der Apfel war sauer aber frisch und saftig und machte mich hungrig. Vor mir sah ich ein gelbes Schild, das sich noch immer mit halbem Engagement am Zaun festhielt. Es erzĂ€hlte, dass hier einmal die Fima Meka Tools AB stand. Aber das musste schon vor lĂ€ngerer Zeit gewesen sein. Nur noch das Schild und ein aufgegebenes, verrammeltes FabrikgebĂ€ude petzten davon. Hier waren jetzt nur Disteln und das heruntergekommene Revier war jetzt die DomĂ€ne der Hundehaufen.

Sjöström war nicht der einzige Industrieelle der jetzt in der Stadt Wurzeln geschlagen hatte. Es gab Maschinenbauindustrie und und technische WerkstĂ€tten. Von Computertechnik ĂŒber Metallkonstruktionen zu hydraulischen Apparaturen produzierten, arbeiteten und reparierten in der Stadt diverse Unternehmen. Aber Ålkroken war auch eine Stadt, die die Schließung großer Industriebetriebe hinnehmen musste. Das Ende von ABB:s und Volvo Aeros traf die Stadt hart und machte viele Leute arbeitslos. Nun waren SAAB, das Materialmagazin der StreitkrĂ€fte und Ålkroken Softdrinks die grĂ¶ĂŸten Arbeitgeber.

Weit hinten an seinem Ă€ußersten Ende traf der kleine Weg auf eine grĂ¶ĂŸere, belebtere, verkehrsreichere Straße. An dieser fand ich mein Ziel. Das GebĂ€ude von Ålkroken Softdrinks tĂŒrmte sich vor mir auf. Ein Tempel aus Aluminium und rostfreiem Stahl hinter einem doppelt 2m hohen Eisenzaun. Auf einer riesigen Zisterne am einen Ende des GebĂ€udes war ein knallrotes Rechteck gemalt. Auf dessen FlĂ€che war mit gelben großen Buchstaben ein Text gedruckt: Ålkroken Softdrinks. Über den Lettern thronte ein gelbes, liegendes Sechseck, geschmĂŒckt mit einer stark stilisierten, schwarzgelben Wespe im Profil. Ich ging am Zaun entlang bis zum Haupteingang. Neben dem Tor stand eine große Aluminiumtafel. Darauf stand:

Ålkroken Softdrinks - HauptbĂŒro und AbfĂŒllanlage
Bergslagen und VĂ€stmanland - GegrĂŒndet 1998

Die amerikanische Firma mit der Sjöström zusammengearbeitet hatte, hieß Strangewall. Durch Zufall war ich auf einen Artikel ĂŒber dieses Unternehmen gestoßen. WĂ€hrend der Bahnfahrt irgendwo zwischen SödertĂ€lje und Nykvarn blĂ€tterte ich in einem jener Journale, die fĂŒr gewöhnlich in den ZĂŒgen liegen. Ich hatte ja Sjöströms Biographie bei Wikipedia gelesen und deshalb wusste ich, dass der Artikel war ĂŒber die Firma ging, in der Sjöströms Karriere begann. Laut des Artikels wurde Strangewall im Jahre 1980 in Santa Cruz, Kalifornien, gegrĂŒndet. Das Unternehmen stellte FruchtsĂ€fte her und auch die art von Energieriegeln, die die Leute nach dem Sport futtern. In den 80ern und der ersten HĂ€lfte der 90er wuchs das Unternehmen rasant schnell. Aber die Erfolgsgeschichte endetet abrupt, als man im Jahre 1996 in deren Apfelsaft E-Kolibakterien fand. Nach diesem Vorfall sanken die Verkaufszahlen um ĂŒber 90 Prozent. Aber das Unternehmen ĂŒberlebte die Krise und es kamen wieder bessere Zeiten. 2001 wurde es von einem internationalen GetrĂ€nkeriesen fĂŒr geschĂ€tzte 100 Mill. Dollar gekauft. Als Teilhaber der Firma verdiente Sjöström einen ganz schönen Batzen. Geld, das er in seine Projekte zu Hause in Schweden investieren konnte.

Nach einer Weile wurde es langweilig dazustehen und auf die Fabrik zu starren. Ich verstand auch nicht mehr ganz, was ich hier eigentlich wollte oder was ich geglaubt hatte, hier zu finden. Ich trug nur eine dĂŒnne Jacke und es fing schon an kĂŒhler zu werden. Ich wendete auf dem Absatz, dabei fiel mein Blick auf ein orange-schwarzes Ding auf dem Boden.

Das war schon sehr, sehr seltsam! Eine Wespe, viel, viel grösser als alle, die ich jemals zuvor gesehen hatte. Sie war maustot. Ich hob das Wesen vorsichtig auf. Mit Daumen und Zeigefinger fasste ich es an jeder Seite des starren Hinterkörpers, schreckensgelĂ€hmt als könnte es durch meine KörperwĂ€rme plötzlich wieder zum Leben erwachen und mich in die Hand stechen. Welch ein Untier! Der weitgeöffnete Kiefer war sicherlich einen halben Zentimeter breit. Die beiden KieferhĂ€lften glichen einem liegenden Papageienschnabel. Vom Kopf bis zum hinteren Ende musste es bestimmt 5 cm lang sein. Wie es so auf meiner HandflĂ€che lag erinnerte es an einen SkarabĂ€us mit ausgebreiteten FlĂŒgeln. Von FlĂŒgelspitze zu FlĂŒgelspitze war es breiter als meine Hand.

Dass ich dieses Ding auf dem Boden vor dem Logo der Firma gefunden hatte ĂŒberwĂ€ltigte mich. Ich schaute abermals auf das Hexagon mit der stilisierten Hornisse. Wie verhielt sich das alles nur? Hornissen, Wespen, Schwarm? Das ich das nicht frĂŒher gesehen hatte. Was war das eigentlich mit Sjöströms Projekt, das mich so lockte? Ich ging nachdenklig in Richtung Hotel und trug das brandgelbe Monster vorsichtig wie einen kostbaren Schatz. Ich fĂŒhlte mich wie ein ArchĂ€ologe der hoch im Himalaya das mystische Agharti gefunden hatte oder die Ă€gyptische Unterwelt mit all ihren fantastischen ReichtĂŒmern. Das spöttelnde entflohene Muster empor wie eine langsam dĂ€mmernde Einsicht, eine Spinnwebe, die sich in der Morgensonne goldener Strahlen zu erkennen gibt. Ich musste sofort die Stadtbibliothek aufsuchen. Ich bat bei meiner Seele, dass sie samstags geöffnet hatte.

Ich rannte los in Richtung Stadtkern. Atemlos erreichte ich die Bibliothek und wĂ€re fast in die TĂŒr gefallen. Es war 13.56 Uhr, sie schloss um 14 Uhr. Ich kam heim ins Hotelzimmer, mit einem Leihausweis in der Tasche und einem Stapel BĂŒcher unter dem Arm. Die Bibliothekarin, eine Frau Mitte 50, hatte die Gelegenheit ergriffen, neue Kundschaft zu werben und gleichzeitig fand sie offenbar eine Herausforderung darin mir zu helfen, alle BĂŒcher ĂŒber Entomologie zu finden, ĂŒber die die Bibliothek verfĂŒgte. Es störte sie auch nicht im Geringsten, dass es bereits nach 14 Uhr war und Wochenende. Vielleicht kamen nicht viele Besucher und schon gar nicht an einem Samstag. Ich sah auf jeden Fall niemanden außer mir. Nur ein paar Ă€ltere Herren saßen in der Zeitschriftenabteilung und lasen Zeitung. Die BĂŒcher landeten in einem Haufen auf meinem Bett. Mit der Entschlossenheit eines Kriminalreporters stĂŒrzte ich mich in die kriechende, wimmelnde Welt der Langbeinigen, welcher LinnĂ© den Namen Insecta gegeben hatte. In einem Buch mit dem Titel „Insekten und andere GliederfĂŒĂŸler“ von Marcus Brock fand ich meine neuen Freundin. Die asiatische Riesenhornisse, Vespa Mandarinia.

Die asiatische Riesenhornisse, genannt auch Mandarinenwespe oder die tropische, asiatische Hornisse. Sie ist die grĂ¶ĂŸte aller Wespenarten in der Welt. Vespa Mandarinia hatte eine FlĂŒgelspannweite bis zu 7 cm und eine KörperlĂ€nge bis zu 5 cm. Das Gift der Hornisse, das das Zellgewebe auflöst, ist sehr stark und kann fĂŒr Menschen tödlich sein. Die Königin ist das einzige Tier, das den Winter ĂŒberlebt. Ins Nest, welches sie in ein Loch unter der Erde baut legt sie die Eier aus denen das Volk werden soll. Das Nest wird mit einem Brei aus gekautem Holz verschlossen. Es kann 1m im Durchmesser und grĂ¶ĂŸer werden und hat meist 9 Stockwerke. Die Eier (bis zu 400 am Tag) sind nach einer Woche ausgebrĂŒtet. Die Larven verpuppen sich 2 Wochen nachdem sie aus den Eiern geschlĂŒpft sind. Die Wespen, die wĂ€hrend des FrĂŒhlings ausgebrĂŒtet werden, sind ausschließlich Weibchen. Im Herbst wird die Königin schwĂ€cher und legt die Eier, die sich spĂ€ter zu MĂ€nnchen und der neuen Königin entwickeln. Nach dem SchwĂ€rmen sucht die Königin Schutz und schlĂ€ft bis zum FrĂŒhling. Die asiatische Riesenhornisse hat ein ausgeprĂ€gtes Verteidigungsverhalten. FĂŒhlen sich die Wespen angegriffen, bilden sie einen Schwarm und attackieren jeden, der sich dem Nest nĂ€hert.

WĂ€hrend des Herbstes hungern sich die Arbeiterinnen zu Tode und lassen die schlafende Königin zurĂŒck im Nest. Die Wespen ernĂ€hren sich hauptsĂ€chlich von Insekten und kleineren Wespenarten. Mit ihren krĂ€ftigen Kiefern enthaupten sie ihre Beute oder zertrĂŒmmern deren Körperpanzer. Sie können auch grĂ¶ĂŸere Beute mit ihrem Gift töten. Die Beute fĂŒttern sie den Larven in Form eines gekauten Breis. Da die erwachsenen Individuen Protein nicht selbst lösen können, fressen sie einen nahrhaften Speichel, genannt VAAM, den die Larven produzieren. Einzelne Hornissen werden ausgesandt um nach Futter zu suchen. Werden die SpĂ€her fĂŒndig, locken sie die anderen mit Hilfe von Pheromonen. Die japanische Honigbiene hat eine Methode gefunden, wie sie ihre Kolonien vor den Attacken der Hornissen schĂŒtzen kann. Sie kann sich mit ihrem eigenen zu schwachen Gift nicht verteidigen und hat eine andere Strategie entwickelt. Sie bettet den SpĂ€her in einen Schwarm von Bienen ein und erhöht mittels Körpervibration die Temperatur im Innern auf 47 Grad Celsius. Das ist absolut tödlich fĂŒr die Hornisse.

Ich riss die Seite aus dem Buch, faltete sie zusammen und legte sie mit meiner neuen Freundin neben die Gideon Bibel in die Schublade des NachtkÀstchens. Mein heimliches Schatzversteck.

In dieser Nacht trĂ€umte ich, ich irrte in einem Kellerlabyrinth umher, voll von GerĂŒmpel und Kisten. Ich hatte meine Begleiter verloren und je mehr ich versuchte daraus zu fliehen, desto tiefer geriet ich hinein. Jemand in meiner Begleitung hatte gesagt, dass, wenn man sich lĂ€nger in dem Kellergewölbe aufhielte, man einen Anfall von mörderischer Raserei erleiden könnte. Die, welche lĂ€nger dort gewesen wĂ€ren, wĂ€ren mörderischer und unberechenbarer, als jene, die nur kurze Zeit da gewesen wĂ€ren. Als ich in einen großen Raum am Ende eines langen Ganges kam, traf ich auf eine fremde Gesellschaft. Die musste sich auch in den KellergĂ€ngen verirrt haben. Waren die hier schon lĂ€nger? Sie sahen normal aus, aber wĂŒrden sie mich nicht doch umbringen, wenn ich mich nicht schnellstens davon machte? Sie kamen aus allen Löchern auf mich zu. Neben mir auf einer Holzkiste sah ich eine Axt und entschied schnell zu handeln.

Ich ergriff das Beil und trieb das scharfe Blatt in die Stirn am nĂ€chsten stehenden Person. Das Blut pulsierte aus der klaffenden Wunde wĂ€hrend sie rĂŒckwĂ€rts umfiel. Ich stĂŒrmte in alle Richtungen hauend mitten durch die Menschen zu einer TĂŒr am hinteren Ende des Raumes. Ich stĂŒrzte hindurch, verfolgt vom Geschrei des Schreckens im Raum hinter mir. Ehe mich jemand einholen konnte, verriegelte ich die StahltĂŒr mit einem großen Schloss. Sicherheitshalber schob ich noch einen Archivschrank und einen Stuhl, den ich gefunden hatte, vor die TĂŒre, damit sie keine Möglichkeit hatten sie zu öffnen. Nun konnten sie gut da drinnen bleiben. Nach genĂŒgend langer Zeit wĂŒrden sie verrĂŒckt genug sein, sich gegenseitig umzubringen. Ich ging weiter durch den Gang durch welchen sie gekommen sein mussten und sah, dass er zu einer Treppe fĂŒhrte, nach oben! Oh, mein Gott! Nicht sie, ich war lange Zeit im Keller gewesen. Mein Magen rumorte als ich erwachte. Alles schmerzte, an und in mir. Ich wĂ€lzte mich aus dem Bett. Mir war zum kotzen.

Am Montag schlug die Bombe ein. Der Trainer, also Kurre, hatte seine Frau und seine Kinder abgeschlachtet. Am Samstag waren sie draußen auf dem Land bei Gottlunda und hatten Äpfel gepflĂŒckt. Danach machten sie den Wochenendeinkauf bei ICA und fuhren heim. Zuhause ging Kurre auf die Veranda und verstaute die Gartenmöbel. Die Sommer war definitiv zu Ende. Der Frost hatte schon begonnen morgens die Wiesen silbrig zu fĂ€rben. Kurre hatte die Möbel in die geheizte Garage gestellt. Einer der StĂŒhle hatte einen Riss. Das Holz arbeitete. Es war der schnelle Temperaturwechsel. Es quoll auf und trocknete wieder, dabei baute sich enorme Spannung auf. Das Holz sprang und riss auseinander. Das war Ă€rgerlich. Dann hatte Kurre einen Hammer genommen, war ins Haus gegangen und hatte seine Familie erschlagen.

Die Nachbarn, Stefan und Gunilla Karlsson, hatten die Polizei gerufen. Sie hatten LĂ€rm in Kurres Haus gehört. Sie dachten, eine Bande Jugendlicher hĂ€tten bei Lindströms eingebrochen. Karlssons wohnten nun schon 20 Jahre neben Lindströms und hatten ein „gutes VerhĂ€ltnis“, wie Stefan sich ausdrĂŒckte. Kurre war Ende der 90er der Weitsprungtrainer von Mikaela, Stefans und Gunillas Tochter, bis sie ins Teenageralter kam. Nun studierte sie Physiotherapie an der UniversitĂ€t Örebro in Kopparberg und hatte mit dem Sport aufgehört. Diesen Sommer hatten Gunilla und Margit, Kurres Frau, zusammen einen Spanischkurs besucht. Sie hatten rumgealbert, ob sie nicht alle vier eine Reise nach Marbella nĂ€chstes FrĂŒhjahr machen sollten. Außerdem hatte Kurre, der ein talentierter Schreiner war, vor ungefĂ€hr fĂŒnf Jahren Stefan geholfen, den Dachboden auszubauen. Stefan war Tiefbauingenieur und nicht sehr geschickt im Verlegen von Fußboden und im sanieren von Dachstuhlen. Die MĂ€nner schienen beide Spaß an diesem gemeinsamen Projekt zu haben. Die Welt des Heimhandwerks hatte sie zusammengebracht in mĂ€nnliches Einvernehmen. Zumindest dachte das Stefan. SpĂ€ter aber hatte er bemerkt, dass Kurre auswich und es vermied zu grĂŒĂŸen wenn sie sich am Morgen in der Einfahrt trafen. Er machte einen gestressten, fast irritierten Eindruck. Margit jedoch war nett wie immer wenn sie sich manchmal im Konsum trafen, wo Stefan auf dem Nachhauseweg von der Arbeit einkaufte.

Margits Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, als die Polizei sie fand. Sie lag in der offenen WaschhaustĂŒr, die in den hinteren Garten hinausgeht. Sie war wohl auf der Flucht vor Kurre gestolpert und hingefallen. Kurre musste sich wohl mit einem Knie auf Ihren Brustkorb gekniet haben und schĂ€tzungsweise 30 bis 40 Mal mit dem Hammer in ihr Gesicht geschlagen haben. Die Kinder fand man im Wohnzimmer. Lena war 8 und Mats 12. Mit Kurres guter Kondition und seinen starken, muskulösen Armen hatte es nicht viele SchlĂ€ge gebraucht, die dĂŒnnen KinderschĂ€del einzuschlagen. Die Polizei hatte Lena in einer unnatĂŒrlich verdrehten Stellung in einer Ecke des Wohnzimmers gefunden. Der Position nach zu schließen hatte Kurre seine Tochter mit solcher Gewalt an die Wand geschleudert, dass ihr sofort das RĂŒckgrat gebrochen war. Mats lag halb mit dem Gesicht nach unten ĂŒber einem zersplitterten Glastisch. Der Rechtsmediziner hatte den Verdacht, dass er sofort nach dem ersten Schlag auf den Hinterkopf Tod war. Er hatte aber auch große Mengen Blut verloren. Etwas scharfes hatte die Halsschlagader aufgeschlitzt. Ein Glassplitter des Tisches. Auch das konnte die Todesursache sein. Die Polizei hatte Kurre fast sofort gefunden. Er saß mit dem RĂŒcken an der hinteren Wand seines Hauses. Den blutigen Hammer hatte er neben sich auf den Rasen gelegt. Er sah ruhig aus, fast als ob er schlief. Er reagierte nicht, als sich die Polizisten nĂ€herten, und als sie mit ihm zum Auto gingen machte er einen abwesenden und verwunderten Eindruck. Beim Verhör konnte er nicht erklĂ€ren, was ihn getrieben hatte, seine Familie zu ermorden. Der einzige Grund, den er angeben konnte, war, dass Mats vergessen hatte, sein Rad in die Garage zu stellen.

Eine Psychologin hatte ihn spĂ€ter als apathisch, anĂ€misch und abgeschirmt von der Wirklichkeit beschrieben. Womöglich die Folge eines Traumas, vielleicht auch die Folge einer SchĂ€digung des zentralen Nervensystems. Bei der letzten Möglichkeit hatte sie ErklĂ€rungsschwierigkeiten, kein Wunder, denkt man an die UmstĂ€nde. „Aber“, sagte sie „es passiert manchmal, dass ein TĂ€ter einen Blackout oder Ă€hnliches erleidet wĂ€hrend er die Tat begeht aufgrund der außerordentlichen Gewalteruption.“ Vielleicht war es so, wer weiß?

Als ich am Montagmorgen in die Arbeit kam, war der Zirkus schon in vollem Gange. Die Medien hatten sich bereits auf dem Platz neben der Arena ausgebreitet. Sie waren offenbar auch eben erst angekommen und unvorbereitet, so gelang es mir an ihnen vorbeizukommen ohne dass mir jemand eine Frage gestellt hĂ€tte. Das wĂ€re auch sinnlos gewesen. Ich war ja selbst ein einziges Fragezeichen. Einmal im BĂŒro, stieß ich auf eine völlig entnervte SekretĂ€rin. Sie hatte keine Ahnung wer ich war und wollte mich hinauswerfen, im Glauben, ich sei jemand unverschĂ€mt freches von der Presse. Als ich mich vorstellte, sagte sie aufgeregt, dass Sjöström mich sofort sprechen wolle. Sie ging mit mir in ein BĂŒro auf dem gleichen Korridor auf dem auch meines lag. “Kurt Lindström Trainer“ stand auf einem kleinen Metallschild neben der TĂŒr. Herbert Sjöström sah fertig aus. Er saß hinter einem Schreibtisch Ă€hnlich voll mit Papieren wie meiner. Seine Haare, die schon beim ersten Mal als ich ihn sah in alle Richtungen standen, endeten jetzt in drei abstehenden BĂŒscheln. Zwei vorn ĂŒber der Stirn und einer am Hinterkopf. Er hatte ein offenes Hemd und eine etwas zu kleine braune Jacke an. Vor ihm stand ein Pokal. „Der TV-Puck“, sagte er auf meine nicht gestellte Frage. Ich glaubte erst nicht, dass er mein Eintreten bemerkt hatte. Er hob mĂŒde seine linke Hand von der Tischplatte und zeigte in die Dunkelheit hinter mir. Dort standen noch andere Pokale. „Alle Kurres!“

Ich wandte mich um und schaute. In der Ecke stand eine Glasvitrine auf vier Beinen. Der Schrank war voll mit Medaillen und Pokalen und einer großen Holzfigur, einen Hockeyspieler darstellend. Das Glas der Vorderseite war gebrochen und der Boden war mit Scherben und Splittern ĂŒbersĂ€ht. „Du, du hast Psychologie studiert“, sagte Sjöström, mehr als Frage, denn als Feststellung, „kennst du Jung?“ Ich antwortete ihm, dass ich sicher Karl Gustav Jung kennen wĂŒrde, wir hĂ€tten natĂŒrlich ĂŒber ihn und seine Theorie gesprochen. Aber meine Richtung wĂ€re mehr mentales Training als analytische Psychologie. Jungs Lehre lĂ€ge sehr weit weg von meinem Gebiet. Sjöström schaute mich mit einem mĂŒden, fast abwesenden Ausdruck in den Augen an. Nach einer Weile sprach er weiter. Zögernd fragte er: “Glaubst du, dass wir...“ Er unterbrach sich.

Die TĂŒr öffnete sich in meinem RĂŒcken und die SekretĂ€rin kam herein. „Herbert, da sind zwei von der Polizei, kannst du mit ihnen sprechen?“ Herbert schaute auf die SekretĂ€rin und antwortete kraftlos: „Karin
.kannst du nicht?.. OK! Sind sie draußen?“ Karin nickte und schickte einen Ă€ngstlichen Blick zur TĂŒr, so als könnten die Polizisten plötzlich hereinstĂŒrmen und sie verhaften. „Sie stehen im Korridor“, flĂŒsterte sie. Herbert strich sich mit der rechten Hand ĂŒber den SchĂ€del. Hinter seiner Hand erhoben sich die drei Hörner wieder und es sah wie eine verĂ€chtliche, trotzige Geste gegen den Hochmut seiner Hand aus. „Bitte sie herein.“ Herbert nickte in meine Richtung. „kannst du spĂ€ter wiederkommen, wenn die gegangen sind?“

Ich begleitete Karin hinaus und ging im Korridor an zwei uniformierten Polizisten vorbei. Einem Mann mit dunklen, kurzgeschnittenen Haaren und einer jungen Frau mit blonder Pagenfrisur. Karin fĂŒhrte die Polizisten steif in Kurres BĂŒro und ich ging weiter in den Aufenthaltsraum. Ich nahm mir einen Drink aus dem KĂŒhlschrank, setzte mich aufs Sofa und wartete. Jemand hatte die Sportseite von NĂ€rikes Allerlei aufgeschlagen auf dem Sofatisch liegenlassen. Dort war zu lesen: „Ålkroken Hornets im entscheidenden Derbymatch gegen IFK Ålkroken. Am Freitag findet endlich das große langerwartete Zusammentreffen zwischen den Ålkroken Hornets (besser bekannt als die \'Wespen\') und IFK Ålkroken statt. IFK ist der Verein, der vor ein paar Jahren gefĂ€hrlich nahe am Abgrund des Ruins manövrierte und praktisch in letzter Minute mit Steuergeldern gerettet wurde. Spannend ist
“

Die Polizisten gingen eilig an der offenen TĂŒr des Aufenthaltsraumes vorbei und warfen einen raschen Blick auf mich. Als ich in Kurts BĂŒro zurĂŒckkam, hatte sich Herberts Befinden um 180 Grad gedreht. Weg war der verwirrte und deprimierte Industrielle. Stattdessen traf ich einen Herbert Sjöström voll von Eifer und beschissener Anmaßung. „Wir brauchen einen neuen Trainer“, sagte der GetrĂ€nkefabrikant entschlossen. „Vergiss Kurre! Er bedeutet nichts fĂŒr den Verein. Der Klub, das sind die Hornets und nicht Kurt Lindström. Er war nichts, nur ein alter, abgehalfterter Gestriger, der nichts bedeutet hat. Ich werde einen richtigen Trainer finden. Einen vom NHL oder der russischen Top-Liga. Nach einem Tag, schon morgen hab ich einen neuen Trainer, als Ersatz fĂŒr Kurre. Der Raum hier soll sofort ausgemistet werden, dass der neue einziehen kann. Am Freitag ist das Derby gegen IFK. Verdammt, wir werden diese Aase vom Platz fegen!“ Herbert Sjöström erhob sich mit einem Ruck und schlug gleichzeitig mit der knochigen rechten Faust auf die Tischplatte, dass der Pokal, der darauf stand, umfiel. Seine Augen stierten hasserfĂŒllt durch mich hindurch. Ich weiß nicht, was er hinter meinem RĂŒcken gesehen hatte? Vielleicht war es Kurre? Vielleicht war es der gesamte IFK Ålkroken der aufgereiht dort im Dunkeln stand. VollstĂ€ndig bekleidet mit Helmen, Schilden, Hand- und Schlittschuhen. Mit den SchlĂ€gern in den HĂ€nden, fertig zum Angriff? Vielleicht waren das seine inneren DĂ€monen? Ich weiß es nicht, aber von diesem Moment an wusste ich, auch Herbert Sjöström hatte den Boden unter den FĂŒssen verloren.

Am Nachmittag hatten wir Krisensitzung in der Trainingshalle. Die ganze Mannschaft und eine Menge Leute, die ich nicht kannte und die ich auch niemals kennenlernen sollte, waren versammelt. Es war merkwĂŒrdig, dass ich die Spieler dann zum ersten Mal traf, nachdem deren Trainer seine Frau und seine Kinder erschlagen hatte. Es war unruhig, an der Grenze zur AggressivitĂ€t. Keine Trauer, kein MitgefĂŒhl, das ich in meiner NaivitĂ€t erwartet hatte, sondern Rachsucht. Rachsucht? Ja, tatsĂ€chlich! Das Thema ging schnell ĂŒber von Kurt Lindström zu IFK Ålkroken. Es schien fast, als wĂ€re Kurre niemals Trainer gewesen oder dass die Mannschaft ĂŒberhaupt keinen Trainer brĂ€uchte. Herbert fing an eine Hetzrede zu halten. Der IFK solle zerschlagen werden, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln. Er wandte Begriffe an wie „deren Moral zerquetschen“, „zur Hölle mit denen“, „aufmischen“, „ein fĂŒr alle Mal“. Seine Stimme grollte wie ein ankommendes Bombengeschwader ĂŒber die halbdunkle Halle. Mir schienen diese drastischen AusdrĂŒcke ziemlich deplatziert, angesichts von Kurres Amoklauf, aber die Spieler sogen jedes Wort gierig ein, als wĂ€ren sie göttlicher Nektar. Es wurde stickig und roch nach dem Schweiß der rasenden, testosteronstrotzenden MĂ€nnern. Die gereizte Masse johlte und schrie immer lauter. Die AtmosphĂ€re war bedrĂŒckend, bedrĂ€ngend und bedrohlich. Ich konnte nicht mehr lĂ€nger bleiben. Ich lief vorbei an Spielern und SprossenwĂ€nden dem Schild „Notausgang“ entgegen, das mit seinem vertrauensvollen Schein am anderen Ende des Raumes leuchtete. Auf meinem Weg hinaus glaubte ich mich von gehĂ€ssigen Blicken verfolgt und als ich mich gegen die TĂŒr warf, dass sie mit einem Knall aufsprang, glaubte ich meinen Namen zu hören. Die Halle erschien mir wie ein Tempel in dem böse Geister beschworen werden.

Meine Lungen bekamen fast einen Schock vom schnellen Temperaturwechsel. Drinnen der warme, mĂ€nnliche Körperdunst, draußen die eiskalte, klare Abendluft. Es roch nach Schnee obwohl der Herbst gerade erst begonnen hatte. Eine Bö fuhr in die Baumkronen und die aufgescheuchten BlĂ€tter raschelten leise. Die BĂŒsche rund um die Arena bildeten eine bedrohliche Kulisse um meine erbĂ€rmliche Gestalt. Keine Journalisten belagerten mehr das Stadion. Sie hatten wohl neueren Sensationen nachzugehen. Ich ging schnell um die Ecke ĂŒber den Parkplatz in Richtung Gehsteig und stolperte vor Schreck als unerwartet ein Schatten neben mir auftauchte. Ich unterdrĂŒckte einen Schrei und schĂŒtzte meine Brust mit meinen gekreuzten Armen, so als wolle ich mein Herz daran hindern zu zerspringen und aus dem Brustkorb zu fallen.

Das Gesicht des Hausmeisters schĂ€lte sich aus der Dunkelheit. „Ah, du bist auch gegangen. Ich hab dich doch in der Halle gesehen!“ Ich murmelte, dass ich es eilig hĂ€tte und weg mĂŒsse. Der Hausmeister glaubte mir kein Wort. „Ich hatte auch keine Lust mehr zu bleiben“, sagte er und angelte den AutoschlĂŒssel aus der Hosentasche. Er zeigte auf seinen roten Fiat. „Soll ich dich mitnehmen?“ Ich war wie benommen. Warum? Ich weiß es nicht, aber mir schien als sĂ€he ich die Welt zum ersten Mal in ihrer wahren Gestalt. Die Welt, das waren nicht BĂ€ume, BĂŒsche, Erde und Wiesen. Die Welt, das war Fleisch, Blut und es waren die Schmerzensschreie der geschundenen Kreatur. Ich entfernte mich rĂŒckwĂ€rts, nur weg von dem kleinen Mann. „Nein, nein, ich muss in diese Richtung“, und zeigte in die SchwĂ€rze hinter dem grellen Scheinwerferlicht. Der Hausmeister schaute mir skeptisch nach. „Ich dachte, du hast es eilig und willst ins Hotel? Du kannst doch nicht den ganzen Weg zu Fuß gehen.“ Ich drehte mich so schnell um, dass ich fast hingefallen wĂ€re und fing an zu laufen. Fort, fort, nur fort! „Ich muss gehen“, rief ich und lief im Zickzack durch die parkenden Autos. Nur weg von der Gefahr, die sich in meinem RĂŒcken aufbaute. Das Letzte, das ich von ihm hörte, war ein schwaches, hohles Rufen: „Das ist der falsche Weg“ oder rief er: „Du bist auf dem falschen Weg!“

Ich weiß nicht, wie lange ich bei der Arena herumgeirrt war, irgendwann kam ich auf einen beleuchteten Joggingpfad. Als ich dem mit SĂ€gespĂ€nen bestreuten Weg folgte, begann ich zu weinen. Ich weinte, ohne mich darum zu kĂŒmmern, dass mir der Rotz aus der Nase lief, oder, dass mich jemand hören könnte. Wer sollte mich hier im Wald hören? Ich kĂŒmmerte mich nicht darum, wohin mich der Pfad fĂŒhrte. Alles außerhalb der schmalen Lichtspur der Beleuchtung war dunkel. Plötzlich erloschen die elektrischen Lampen. Die Dunkelheit umgab mich wie eine schwarze Wand. Nirgends ein Schimmer. Auch in meinem Inneren war nur SchwĂ€rze. Mir war als ob jemand auch in meiner Seele das Licht ausgeknipst hĂ€tte. Jemand rannte auf mich zu. Ich hörte schnelle, federnde Schritte auf dem weichen Untergrund des Pfades. Ich schrie auf, ein gellender Schrei der Panik und Todesangst, langgezogen und unterbrochen von kurzen AtemzĂŒgen. Ich rannte in die Dunkelheit, fiel ĂŒber etwas und fĂŒhlte einen Schmerz sich ausbreiten, vom Knie aufwĂ€rts durch den Schenkel. Mein Bein wurde feucht und warm und ich begriff, dass ich es an etwas scharfem aufgeschlagen hatte. Ich kroch aber weiter, durch GebĂŒsch, GestrĂŒpp und Reisig. Der weiche Rhythmus der schnellen Schritte wechselte ĂŒber in Rascheln, als mein Verfolger vom Pfad abwich und mir in den Wald folgte. Ich hörte kurze, unregelmĂ€ĂŸige AtemzĂŒge. In einem verzweifelten Versuch davon zu kommen machte ich einen Sprung und schlug mit dem Kopf an etwas Hartes. Ein knirschendes GerĂ€usch, gefolgt von einem GefĂŒhl als fiele ich kopfĂŒber in ein Loch. Das Letzte, das ich mitbekam bevor ich ohnmĂ€chtig wurde, war eine entfernte MĂ€nnerstimme und eine Hand, die mich grob im Nacken packte.

Das klare Licht stach mir in die Augen und fĂŒhlte sich an, als wĂ€re es ein Eispickel, der weiter wollte in mein Gehirn. Hatte ich getrĂ€umt, war der Alptraum Fantasie oder bin ich Tod und bin vielleicht im Himmel aufgewacht? Munterer Vogelgesang tönte wie Engelstrompeten ĂŒber die Baumwipfel. Ich zwang meine Augenlider sich zu öffnen. Sie fĂŒhlten sich dick und geschwollen an. Nein, das konnte nicht der Himmel sein. Es war viel zu kalt. Ich fror und zitterte am ganzen Körper. Mein Kopf pochte und als ich mit der HandflĂ€che ĂŒber meine Haare strich, merkte ich, dass sie zu feuchten, klebrigen BĂŒscheln zusammengeklumpt waren. Ich lag, oder lehnte in einer verdrehten Stellung unter einer hohen Kiefer. Mir gegenĂŒber lag etwas, nein, nicht etwas, jemand. Ein Mann lag dort und schlief. Ich erkannte ihn wieder. Niklas Hansson, GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Finanzchef. Seine Hose war halb bis zu den Knien heruntergelassen und entblĂ¶ĂŸte seine bleichen Storchenbeine und den verschrumpelten Penis. Ich sah an meinem eigenen Körper hinunter. Meine Hose war ebenfalls niedergerissen. Da waren Stellen von schwarzem, geronnenem Blut. Mein Slip war mit solcher Gewalt aufgerissen worden, dass der Gummizug gerissen war. Nun hing er um meine bloßen Schenkel wie ein entzweigerissenes Segel.

Ein eiskaltes, dumpfes GefĂŒhl von GleichgĂŒltigkeit erfĂŒllte mich, als ich begriff, was mir passiert sein musste. Ich sammelte alle meine KrĂ€fte und drehte mich auf den RĂŒcken. Ich schrie vor Schmerz. Es war ein reiner Willensakt, dass ich es schaffte, meinen Hintern vom Waldboden zu heben und meine kaputte Jeans hochzuziehen. Dann rappelte ich mich mit Hilfe des Baumes auf, der letzte Nacht, der schuldlose, stumme Gehilfe meines Vergewaltigers war. Übelkeit stieg in mir hoch. Ich stĂŒtzte mich an den Stamm und erbrach. Mir war elend und ich zitterte vor Schmerz und KĂ€lte aber ich war entschlossen. Niklas Hansson schlief immer noch und schnarchte leise. Er sah friedlich aus. Leise, wie als schlich ich durchs Schlafzimmer um ja nicht den eben eingeschlafenen Sprössling zu wecken, wankte ich vorsichtig an ihm vorbei. Ein StĂŒck entfernt fand ich was ich suchte. Einen Stein, etwas grĂ¶ĂŸer als ein Tennisball. Er hatte die Form eines WĂŒrfels und scharfe, glatte Kanten. Er war perfekt. Wie als ob die Schicksalsgöttin ihn persönlich hierher geworfen hĂ€tte, damit ich ihn zwischen dem Blaubeerkraut finden sollte. Ich ging zurĂŒck zu dem ruhig schlafenden Mann und beendete sein Leben mit meiner eben gefundenen Waffe.

Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer erwachte beim ersten Schlag. Er fing an wild um sich zu schlagen und zu schreien. Ich hatte mich aber schwer auf seinen Brustkorb gesetzt und mit jedem Schlag wurde sein Gefuchtel schwĂ€cher und seine Schreie leiser. Am Ende waren es kaum noch merkbare Muskelzuckungen und aus seiner Kehle kamen nur mehr schwache gurgelnde Laute. Nachdem ich mich sorgfĂ€ltig und mit wiederholtem Schlag meiner Hand gegen seinen Kopf davon ĂŒberzeugt hatte, das ich meine Tat vollbracht hatte, legte ich den Stein auf seine Brust und erhob mich. Der Sieg ĂŒber meinen ÜberwĂ€ltiger fĂŒhlte sich wie ein Brand in meiner Brust an. Ich ließ seinen toten Körper am Baum liegen und suchte den Weg zurĂŒck auf den Joggingpfad.

Es lag ein schwacher Nebel ĂŒber dem Wald aber er konnte sich schnell lichten, denn die Sonnenstrahlen erwĂ€rmten schon die Morgenluft. Auf dem Weg zurĂŒck zur Arena traf ich eine Jogger und dessen Hund. Der Mann sah entsetzt auf meine blutige und zerschundene Gestalt und der Hund schnĂŒffelte neugierig nach meinen Beinen. Ich ignorierte beide und ging einfach vorbei. Ich hatte ein Ziel.

Du kannst es Intuition nennen oder Eingebung, wie du willst. Aber ich fĂŒhlte es wirklich in mir, das Wespennest muss brennen! Verstehst du, warum ich gezwungen war das zu tun? Als ich sah, wie die Flammen zum Himmel schlugen und als ich den beißenden, stechenden Rauch in meiner Nase fĂŒhlte, da wusste ich, der ganze Spuk ist vorbei. Es ist vielleicht Ironie des Schicksals, dass ich mich vor ein paar Jahren entschlossen habe Psychologie zu studieren und jetzt hier gelandet bin um mit dir zu plaudern bis ans Ende aller Tage. Man kann auch sagen, der Kreis hat sich geschlossen. Du verstehst, dass ich eine große Genugtuung empfand, als ich den Artikel ĂŒber Herbert Sjöströms Selbstmord las, in dem Zeitungsausschnitt, den sie so sorgfĂ€ltig versuchen vor mir zu verstecken. Es stimmt, ich hatte Recht. Die Königin ist tot, Ihr Verein aufgelöst und das Unternehmen in tausend StĂŒcke zerschlagen. Den Rest kann das Finanzamt auffegen.

Weißt du etwas ĂŒber die Mantodea - die Gottesanbeterin? Nicht? Das ist eine Tötungsmaschine. Ich las das in einer dieser Wissenschaftszeitungen, die hier im Gemeinschaftsraum rumliegen. Die Weibchen sind die am meisten gefĂŒrchtesten RĂ€uber in der Insektenwelt. Sie fressen im Prinzip alles. Eidechsen, Vögel, MĂ€use, manchmal sogar den eigenen Partner. Im Prinzip alles. Aber es gibt ein Insekt, das frisst Gottesanbeterinnen. Eine noch schlimmere Mördermaschine. Ganz genau. Die asiatische Riesenhornisse „Vespa Mandarinia“. Die Wespen kauen den Kopf der Gottesanbeterin und machen einen Brei aus deren Gehirn. Den Brei kann die Wespe aber doch nicht verdauen, sondern sie fĂŒttern ihre Larven damit. Warum mich das so interessiert? Ja aber, verstehst du denn nicht? Die Wespe ernĂ€hrt sich von einem Sekret, dass aus der Larve kommt. Und es ist dieses Sekret, VAAM, das sie so aggressiv macht. 30 Hornissen können eine Kolonie von 30.000 Honigbienen an einem Tag ausrotten.

Die Japaner haben gelernt VAAM herzustellen um die Leistung ihrer Sportler zu erhöhen ohne illegale DopingprĂ€parate zu verabreichen. Unter anderem testete man VAAM bei der erfolgreichen OS-Mannschaft in Sydney 2000. Das wusstest du nicht? Dann sag ich dir noch was! Manchmal, Ă€ußerst selten, passiert es, dass der Kampf zum Vorteil der Gottesanbeterin entschieden wird. Zuweilen, manchmal geht die Gottesanbeterin als Gewinnerin aus einem Kampf mit der Hornisse hervor. Na, was sagst du?
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Viele zerbrechen sich den Kopf darĂŒber, wie man die Menschheit Ă€ndern könnte, aber kein Mensch denkt daran, sich selbst zu Ă€ndern. (Leo Tolstoi)

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lapismont
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Herzlich Willkommen in der Lupe!

Ich habe den Text freigeschaltet, obwohl er noch etliche Schreibfehler enthĂ€lt und auch noch einige Überarbeitungsmöglichkeiten bietet, gerade was die Verwendung von Hilfsverben anbelangt.

Aber die Story hat einen fiebrigen Drive, der mir sehr gefiel.

cu
lap
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Martin Ekdahl
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Danke CU,

Ich hoffe, meine Geschichte wird von den Lesern genossen.
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