Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5561
Themen:   95452
Momentan online:
549 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Willis Freitags-Gesetz
Eingestellt am 05. 11. 2013 17:34


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

Werke: 72
Kommentare: 59
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolfgang Bessel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Willis Freitag-Gesetz

Ich weiß nich, wie et andern Waidmännern kurz vor der Abfahrt in dat Revier geht. Ich jedenfalls hüppe rum wie auf heiße Kohlen, weil ich möglichst schnell abhauen möchte.
Wat dann aber noch so allet auf mich einprasselt, dat iss wirklich unbeschreiblich! Als wenn sich alle Welt gegen mich verschworen hätte! Dat geht mir derart auffen Zeiger, dat meine Stimmung bereits im Keller iss, bevor die überhaupt mein Gemüt erreicht. Der diabolische und logistische Blutdruck schnellt dann gefährlich inne Höhe.
Meistens iss dann irgendwo wieder en Lokus verstoppt und die Driete schwimmt angeblich schon im Bad rum. Oder et steht en Nachbar auffe Matte, wie heute der kauzige Köttelbeck. Der wollte uns abends unbedingt in sein Schrebergartenhäusken auf en lauwarmet Bier einladen. Der quatschte und quatschte und wollte zum Verrecken nich rutschen. Das iss son typischen bleibenden Bleiber. Ich wurde schon vor Wut grün im Gesicht, dat kümmerte den Quarksack überhaupt nich. Männeken, dachte ich, du kannz mich ma. Ich hab ihn überhaupt nich mehr beachtet, packte mein Jagdgerödel und ließ ihn einfach inne Bude stehn.

Bei solchen unvorhersehbaren Belästigungen passiert et mir regelmäßig, dat ich wat vergessen tu. Dat wird Ihnen so ähnlich ergehn, da bin ich mir sicher. Möglicherweise war dat auch der Grund, dat meine Berta mir gestern son paar Listen auffen Schreibtisch warf.
„Kuck ma, Willi“, sachte se katzenfreundlich, „ich hab keine Mühe gescheut, dat iss allet nur zu Deinem Besten.“
„Wat iss zu meinem Besten, Berta?“
„Willi, ich meinet gut mit Dir. Du hass keinen Speicher für dat Wesentliche.“ Gleichzeitig drückte se mir ne Großpackung „Ginkgo“ inne Hand. Kennen Se dat Zeug? Dat iss wat für die Hirndurchblutung, wenn Se verstehn, wat Berta damit meinte.
Ich sah mir den Kram an: Drei Checklisten hatte se mir geschrieben wat allet inne Jagdklamotten, den Rucksack und in dat Auto gehört.
„Nich schlecht, Berta, ehrlich, dat iss wirklich ma ne gute Idee.“
Mit die Vergesslichkeit hatte se ja son bissken Recht. Und warum sollte ich sie nich auch ma loben?
„Ja, Willi, da staunze über Deine Kräschkursjägerin? Halt Dich bitte daran, Du biss ja nich mehr der Jüngste und vergisst letzte Zeit schon ma wat. Sei froh, dat Du son aufmerksamet Frauchen mitgekriegt hass. ’Waidmannsdank’ hätteste ja ruhig ma sagen dürfen.“
„Berta, Du hass Recht. Weil Du so fleißig mit Deine Checklisten wars, darfse mich heute Abend beim Ansitz auf Sauen ma wieder begleiten. Können wir jetz endlich inne Jagd düsen oder musse noch ma ne Stunde inne Schminke?“

Wir fuhren gegen 16.00 Uhr los. Kurz hinter Bochum, auffe A 43 – vier Kilometer Stau! Auffe A 1 in Höhe Remscheid – Baustelle, drei Kilometer Stau.
Auffe A3 – Kölner Ring, sechs Kilometer Stau. Und zu guter letzt gab et noch en Unfall kurz vor der Abfahrt Dierdorf. Laut Verkehrsfunk: „Fahrstreifen in beiden Fahrtrichtungen für mindestens drei Stunden gesperrt“. Prost Mahlzeit! Ich hatte sooon Hals!

„Berta, ich bin et kotzeleid. Ich werde nächste Woche den Verkehrsminister anrufen und ihn auffordern, en Fahrstreifen für Fahrer mit hoheitlichen Aufgaben freizuhalten. Kein anderet popeliget Fahrzeug darf dann auf dieser Spur rumjuschen. Nur die Polizei, Feuerwehr, Rettungswagen und Jäger werden dort freie Fahrt haben. Ich weiß nich, warum unser Jagdverband dat nich schon längst mit die Kanzlerin ausgekungelt hat, man muss dat nur wollen! Aber die Jagdfunktionäre haben ja noch nie gewusst, wat dat jagende Fußvolk von ihnen erwarten tut. Um allet muss man sich selbst kümmern. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der Visionen hat und dafür kämpfen tut, ich bin quasi son echten Jagdvisionär.“

„Willi, bisse jetz völlig übergeschnappt? Visionen! Hoheitliche Aufgaben! Dat ich nich lache! Wat hass Du denn schon für hoheitliche Aufgaben? Kannze mir dat ma verklickern?“
„Berta, ich stelle immer wieder fest, dat Dein Wissen über wichtige jagdrechtliche Dinge sehr, sehr bescheiden iss. Klar, auf Kurzlehrgängen lernt man so wat Elementaret nich. Ein Jäger tut sogar ne ganze Menge für dat Gemeinwohl. Zum Lohn für seine kostenlose und aufwendige Maloche darf er für die rot-grünen Fatzken im Land auch noch Jagdsteuern abdrücken! Der Waidmann hat unter anderem dafür zu sorgen, dat Land- Forst- und Fischereigedöns nich durch Wildschäden vor die Hunde gehn. Darüber hinaus muss er die Wildarten erhalten und fürn kerngesunden Wildbestand im Land sorgen.
Die Wildbretbeschaffung für die ernährungsbewusste Bevölkerung muss der geplagte Jäger auch noch sicherstellen. Er soll außerdem Seuchenzüge vonne Tiere verhindern und dat Fallwild entsorgen. Jagdausübung liegt also sehr wohl im öffentlichen Interesse! Und weil ich heute Abend durch diesen verdammten Verkehr nich ansitzen kann, iss auch für heute Feierabend mit die Wahrnehmung von meine hoheitlichen Aufgaben.“
Berta war durch meine geschliffene BegrĂĽndung tief beeindruckt! Sie musste meine Worte erst ma verdauen.

Die nervige Schleich- und Zottelfahrt hatte aber auch wat Gutet. Ich hatte nämlich plötzlich ne Eingebung. Dat war et! Ich dankte im Stillen allen Jagdheiligen für diese Erleuchtung:
„Berta, ich sach Dir jetz ma wat, und dat iss ab sofort Gesetz!“
„Willi, wat soll denn dat schon wieder heißen?“ „Wat dat heißen soll?
Dat soll heißen, dat, dat Dein Willi schwer auf Zack iss. Wenn der Verkehrsminister sich weigert, einen Fahrstreifen für uns Jäger zu opfern, Willi Püttmann nie wieder freitags inne Jagd fahren tut. Damit iss dann endgültig Sense. Ich bin die elenden Staus stinkeleid! Du spürs doch null Vorfreude auffe Jagd, wenne für hundert Kilometer vier Stunden auffe Autobahn hängen muss.
Berta, die geistige Jagdvorbereitung sollte bereits ohne Hektik zu Hause beginnen. Mit Vorfreude im Herzen musse vonne Alltagsmühen ganz langsam loslassen. Die Fahrzeit sollte bereits der völligen Entspannung dienen – wie bei ner Blauen Stunde am Kneipentresen. Gedanklich musse beim Fahren schon auffe Kanzel hocken.
Der Freitag iss als Anreisetag bis zur Abklärung durch den Minister sofort für Willi Püttmann und seine Frau Ehegattin gestrichen! Wir fahren demnächst schon am Donnerstagabend, basta! Wofür hab ich denn in meiner Klempnerbude en Meister eingestellt, he? Wat hältze von Willis neuem Gesetz, mein Täubchen?“
„Willi, dat stimmt ja allet, die Staus nerven, aber bisse jetz nich son bissken größenwahnsinnig geworden? Wat meinze, wat Deine Mitarbeiter oder Deine Kundschaft dazu sagen, wenne schon donnerstags inne Jagd düsen tus? Die Leute meinen ja, Du hättes dat Arbeiten nich mehr nötig. Nee, Willi, nee, so einfach geht dat nich, werde mir nur nich leichtsinnig. Schon meine Mutter hatte mich immer vor Deiner Pflichtvergessenheit gewarnt und vonne Ehe mit Dir abgeraten“
„Berta, meine Entscheidung iss unwiderruflich, und komm mir nich immer mit die Hellseherei von Deine Mutter. Ich will so wat nich mehr hören, bin ich jetz ausnahmsweise ma verstanden worden?“
Berta widersprach nich. Dat bedeutete nach meinen langjährigen Erfahrungen: Der Alte hat zwar Recht, aber zugeben muss ich dat ja noch lange nich.
„Berta, ich sach Dir noch wat. Wenn ich dat Freitag-Gesetz nich sofort einführen tu, werd ich krank. Wahrscheinlich bin ich dat schon.“
„Wie, dat merkse jetz erst, Willi?“ Ich überhörte ihre spitze Bemerkung, weil ich von Natur aus en friedfertigen Mensch bin.
„Berta, ich muss Dir noch wat verraten: Wenn sich vor der Fahrt int Revier zu Hause allet noch so fies knubbeln tut und Du noch stundenlang seelenruhig vorm Spiegel stehs, spür ich im Balg regelmäßig son nervöset Flattern. Dat steigert sich von Minute zu Minute und haut ganz gemein auf meinen Magen-Darmtrakt. Et kommt dann zu schmerzhaften Krämpfen.“
„Willi, jetz übertreibse aber! Dat nimmt Dir doch kein Mensch ab, dat iss Willi-Latein.“
„Nein, Berta, dat iss leider so. Und dat iss noch nich allet. Dat verdammte Gehetze hat noch weit bösere Folgen. Dann passiert et auch schon ma, dat ich die Patronen oder dat Fernglas vergessen tu. Du hass dat nie mitgekriegt, ich hab Dir dat bewusst verschwiegen.“
„So, so, dat meinze auch nur. Sicher hab ich dat mitgekriegt. Ich wollte Dich schon immer fragen, wat Du ohne Patronen und Fernglas inne Jagd gemacht hass. Wat meinze wohl, warum ich Dir die Checklisten geschrieben hab?“

Ja, meine Berta hatte die unselige Neigung, mir die Wahrheit ungeschminkt vor die Birne zu knallen.
Bei meiner mutigen Entscheidung und konsequenten Umsetzung von dat Freitag-Gesetz dachte ich auch an ein Erlebnis, dat ich bisher versucht hab, zu vergessen:
Et war en lauen Spätsommerabend. Erwartungsvoll erklomm ich ne Kanzel am Waldrand und machte et mir da oben gemütlich. Ich beobachtete gerade akribistisch, wat sich so im Gelände tat, da hörte ich unter mir en Knacken.
Ich steckte vorsichtig den Kopp aussem Fenster und sah einen Meter vor der Kanzel en Bock stehn, en dreijährigen Gabler, son typischen Abschussbock. Mein Haupt zog ich im Zeitlupentempo wieder ein und wartete en Moment. Der Bock hatte nix von mir mitgekriegt und zog vertraut auffe Wiese.
Ich griff instinktiv zum Drilling, aber der stand nich an seinem Platz. Wo war denn der verdammte Püster? Ich äugte in alle Ecken rein – Fehlanzeige!
Wat war passiert? Willi Püttmann hatte seine Waffe inne Hektik vergessen! Einfach vergessen! Selbst bei die Abfahrt zum Ansitz hab ich Blödmann den Schießprügel nich vermisst.
Ne BĂĽchse vom JagdhĂĽter leihen, kam wegen die Blamage nich in Frage.
Wat machte ich? Ich peilte zwei Stunden entspannt inne Natur rein. Befreit vom Zwang, unbedingt wat zu erbeuten, beobachtete ich die Tierkes inne Luft und auffe Erde. Dat war herrlich!
Ich genoss die Stille um mich herum. Ich fühlte in mir starke Stimmungen, die mich allet Negative vergessen ließen, selbst die Pleite mit dem Drilling. Ich hatte sogar noch dat Glück, en besonders farbenprächtigen Sonnenuntergang zu beäugen.
Nach diesem „alternativen Jagderlebnis“ kam ich auf den Trichter, dat künftig auch en Fotoapparat in meinen Rucksack gehört.
Nun stellen Se sich vor, Berta hätte mich auffen Ansitz begleitet. Ganz fürchterlich wären ihre Demütigungen gewesen! Sie durfte nie Wind davon bekommen. Gar nich auszudenken, wie die mich verspottet hätte! Kommze bei Berta mit sonne Steilvorlage inne Schusslinie, kann se sehr gemein werden. Die Frau behandelt dich dann wochenlang wie en Trottel.

Ich baumte damals im letzten Büchsenlicht ab und fuhr zur Jagdhütte. Als ich zur Tür reinkam, muss ich wohl arg bedröppelt ausse Wäsche gepeilt haben.
„Willi, wat kuckse so traurig, hasse daneben geballert? Oder hasse nix gesehn?“
„Doch, Berta, doch, ich hab genug Rehwild vorgehabt, allerdings stand et zu weit, viel zu weit. Ich bin jetz müde, ich ess noch ne Kleinigkeit und hau mich dann hin. Morgen geh ich auch nich zum Ansitz. Ich muss mich ma schonen. Der wenige Schlaf bringt mir keine Erholung vom Stress der Woche. Vielleicht haben wir morgen früh auch ma en paar Minuten Zeit für uns. Et iss Brunftzeit, wenne verstehen tus.“ Hoffentlich hatte ich nich zuviel versprochen!

Berta verschränkte die Arme auffe Brust und lächelte. Dat war kein Balzlächeln. Ich fragte mich: Warum grinst die dich so herausfordernd an? Wat lässt die Frau jetz wieder vom Stapel?
„Komisch, Willi, ich denk, Du biss hier auffe Jagd. Plötzlich willze nich mehr ansitzen? Du möchtest Dich hier nur noch erholen und kuscheln. Dat iss aber seltsam. Kuck ma, Willi, iss dat hier vielleicht der Grund?“
Sie griff in den Waffenschrank und hielt mir den Drilling vor die Nase ...!

Der Fall hat mich noch wochenlang gewurmt. Wat sollz! Irren iss menschlich, Vergessen auch. Wenn ich heute darĂĽber berichte, grins ich im Stillen.
Ich denke, dat zeugt von inneren Werten – den so genannten guten Innereien, wenn man über seine eigenen Schwächen lachen kann, oder?





__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Fremdsprachiges und MundART Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung