Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
159 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Wohnung Dreizehn
Eingestellt am 20. 11. 2003 11:22


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
MarleneGeselle
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 15
Kommentare: 229
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MarleneGeselle eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wohnung Dreizehn

Der Fernseher in der Ecke spulte sein buntes, hektisches Programm herunter, lautlos. Wie denn auch anders, Marion hatte wieder einmal vergessen, den Ton anzuschalten. Funktionierte nicht mehr so ganz das alte Teil. Immer zuerst die Power-Taste drĂŒcken und dann im Anschluss daran den Ton. Sonst Stummfernsehen.
War ihr aber heute Abend egal. Scheißegal wie alles andere auch scheißegal. "Ich hĂ€tte nicht herziehen sollen, nicht den blöden Job annehmen", murmelte sie leise vor sich hin. "Wer jobbt denn schon als einziger Mensch unter lauter AbfĂŒllautomaten und Verpackungsrobotern in einer vollautomatischen Fabrik am Kontrollbildschirm und zieht dann auch noch in so nen Wohnsilo - noch dazu in die Dreizehn. Kein Wunder, dass ich nen Rappel hab."
Die junge Frau warf sich auf die Schlafcouch, grabbelte nach der TĂŒte Chips auf dem Beistelltisch, drĂŒckte auf die Fernbedienung. Statt Schlagermusik kam agressives Brummen aus der Kiste, das Bild wurde zuerst flimmrig, ging dann ganz weg. "Auch das noch!" Marion rappelte sich vom Sofa hoch, schlurfte zum Fernseher, versetzte ihm einen kurzen, gezielten Hieb. Half nichts.
"Das nutzt dir nichts, SchÀtzchen." Die junge Frau stutzte. Wirklich, die Stimme kam aus der Glotze. Das Bild war immer noch fort, aber der Apparat gab wieder Ton von sich. "Vergiss es, SchÀtzchen", kam es wieder wispernd aus der Kiste. "Egal was du anstellst, es wird sich nichts tun. Du bist eine vergessene Seele. Man hat dich vergessen, SchÀtzchen. Ganz einfach vergessen. Und darum kannst du tun und lassen was du willst, du kannst nichts tun."
Marion schluckte. Seit vier Wochen wohnte sie hier jetzt in diesem Wohnsilo. Wochen, in denen sie nie jemanden angetroffen hatte, nicht auf dem Flur, nicht im Treppenhaus, nicht einmal im Trockenkeller. Egal wann sie kam, egal wann sie ging oder wohin sie ging, keine Menschenseele war ihr begegnet. Genau wie in der Fabrik. Fiel ihr alles jetzt erst auf. Und Post hatte wie wÀhrend der ganzen Zeit auch nicht gekriegt, nicht mal Werbung.
"Ich muss bekloppt geworden sein, dass ich hier rumhocke und mich mit der Glotze unterhalte." Ein wisperndes Lachen kroch aus dem Fernseher und machte sich im ganzen Zimmer breit. Marion begann zu frieren, trotz Sommerhitze. "Glaub mir SchĂ€tzchen, die Sache ist so wie sie ist." Marion wagte nicht, den Kopf unglĂ€ubig zu schĂŒtteln. "Man hat dich vergessen. Es gibt dich nicht mehr. Streng genommen hat es dich doch ĂŒberhaupt niemals gegeben, SchĂ€tzchen. Und das liegt daran SchĂ€tzchen, dass dich niemand mehr braucht."
Langsam war die junge Frau zurĂŒck zum Sofa geschlurft, hatte sich wieder auf das Sofa gehockt, mechanisch die Chips gegessen. Das da, das passierte ja gar nicht wirklich. Fernseher spielen nicht plötzlich den Geist aus einer anderen Dimension und lachen einen obendrein auch noch aus. Sie hatte einen Job nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit, sofort eine neue Wohnung gekriegt und war dabei, sich hier ein bisschen einzuleben.
Und da kam dieser Schrotthaufen von Fernseher daher und wollte den Gruseligen spielen!
"Niemand braucht dich wirklich SchÀtzchen - daran liegt das alles." Mit unertrÀglicher LautstÀrke boxte der Apparat den letzten Gedankenfetzen aus ihrem Kopf, brannte eine unertrÀgliche Leere in ihre Hirnwindungen, schrie in diese hinein, was sie nicht hören wollte.
"Du hast ja nicht mal Verwandtschaft, die dich nach Strich und Faden ausnimmt, geschweige denn welche, der du was Wert bist. Dein Macker hat lĂ€ngst ne Neue - und lĂ€ngst deine Telefonnummer aus dem Adressbuch gerissen. Halt dir ruhig die Ohren zu, SchĂ€tzchen, es nĂŒtzt nichts, denn du bist lĂ€ngst vergessen und kannst gar nichts mehr tun, weil du vergessen bist. Glaubst du etwa, in der Firma braucht man dich wirklich? Da lĂ€uft alles ohne dich. Du bist da nur die Tusse, die den Strom verbraucht fĂŒr die Zimmerlampe und den Kontrollmonitor. SchĂ€tzchen, du bist nicht nur zu nichts nĂŒtze, du bist streng genommen sogar schĂ€dlich."
"Ich werd irre, ich muss hier raus, muss unter Menschen."
Marion war von der Schlafcouch aufgesprungen. Mechanisch hatte sie nach dem SchlĂŒsselbund gegriffen, war in die Sneakers geschlĂŒpft. Gott sei Dank fanden ihre FĂŒĂŸe den Weg zur WohnungstĂŒre mittlerweile von alleine. Nur raus! Nur weg von hier! Fort von dem Irrsinn, von dem sie nicht einmal wusste, ob er aus der Glotze kam oder sich in ihrem Hirnkasten abspielte. Egal, nur raus.
"Vergiss es, SchÀtzchen, bist vergessen, bist gefangen. Bist streng genommen nicht mal mehr am Leben."
Ihre Finger waren ganz klamm von der KĂ€lte, die sie rings um sich herum spĂŒrte. Packten mit MĂŒh und Not den richtigen SchlĂŒssel, steckten ihn ins Schloss, drehten ihn herum. Nichts. Mit beiden HĂ€nden griff sie zur TĂŒrklinke, drĂŒckte sie runter, zog dran, rĂŒttelte. Nichts. Die TĂŒre blieb verschlossen.
"Vergiss es SchÀtzchen, es klappt nicht."
Die junge Frau ging einige Schritte rĂŒckwĂ€rts und warf sich mit ihrem vollen Gewicht gegen die TĂŒre. Arm und Schulter rebellierten gegen die höllischen Schmerzen, verweigerten jedweden Gehorsam.
"Vergiss es SchÀtzchen, du bist eine vergessene Seele. "Du hast Job und Bude vom PC. Nicht mal mehr die Leute vom Arbeitsamt und von der Personalabteilung wissen mehr, dass es dich jemals gegeben hat. Kapier doch endlich, SchÀtzchen! DU BIST EINE VERGESSENE SEELE !!!"
Noch immer stand Marion vor der WohnungstĂŒre, unfĂ€hig, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Überließ es einfach ihren FĂŒĂŸen, quer durch den Raum zu schlurfen, auf den Balkon zu gehen.
Draußen war strahlend heller Sonnenschein. Von ganz weit weg ein feiner Duft: Sommerflieder mit einem Hauch von Lavendel. Ein Schwarm Spatzen im klaren Sommerhimmel.
Fliegen, einfach nur fliegen.
Ist doch ganz einfach, sich nur fallen lassen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
Kommentare: 552
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Marcus Richter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Marlene,
weißt du, was mir zu deinem Text noch einfĂ€llt? American Werwolf - ja, die Szenen, wo die vom Werwolf getöteten Seelen, Anspruch auf den Tod erheben. Sie sagten dann immer solche Sachen, wie: "Hey, nimm einfach ne Pistole - ich kann dir eine besorgen." und ein anderer sagt: "Nee, das ergibt immer sone Sauerrei danach."
Und natĂŒrlich Jacobs Ladder etc.. Es lĂ€uft eigentlich immer auf das gleiche Thema hinaus, ein Mensch will nicht vom Leben loslassen - eigentlich heißt das, er möchte nicht von seiner "ScheinrealitĂ€t" loslassen. Ich glaube, das ist eine tiefsinnige Betrachtung, wenn man sie mal in grĂ¶ĂŸerem Rahmen ausfĂŒhrt. Denn schließlich verbirgt sich hinter dieser "Geschichte" oder diesem "MĂ€rchen", was ja alle Horrorgeschichte in ihrem Innern sind, die Frage, ist das ganze Leben vielleicht eine ScheinrealitĂ€t und wo fĂ€ngt sie an und wo endet sie vielleicht. Endet sie vielleicht erst mit dem Tod? Und natĂŒrlich, wenn wir jetzt kommerziell werden wollen, ist sie vielleicht nur Teil von unendlich vielen ScheinrealitĂ€ten?
Ja, so kommt man dann zu einem wunderbar dĂŒsteren Finale, in dem der einzige Ausweg fĂŒr die Hauptfigur der Wahnsinn ist, eingefercht in einer psychatrischen Anstalt lallte er, unter Drogen gesetzt, immer nur "Das ist alles nicht real, ich bin nĂ€mlich schon lĂ€ngst tot." Und der Psychater macht das Licht aus, schließt die TĂŒr und sagt irgendetwas tiefsinniges darĂŒber, daß manche Menschen sich doch in ScheinrealitĂ€ten flĂŒchten, um grausame Erinnerungen zu verdrĂ€ngen, wie etwa einen Hausbrand, bei dem man seine ganze Familie verliert.
Man drĂ€ngt dann den Leser wieder zu dem Glauben, daß das mit den ScheinrealitĂ€ten doch ein psychisches Problem ist, bis der ans Bett gefesselte schließlich aufwacht und feststellt, daß er wieder ganz wo anders, in einer ganz anderen RealitĂ€t ist.

Ja, schöner Gedankengang, Marlene und gut geschrieben,

Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂŒnbein

Bearbeiten/Löschen    


MarleneGeselle
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 15
Kommentare: 229
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MarleneGeselle eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
unsterbliche Seele

Hallo Marcus,

die Geschichte mit der RealitÀt, der oder die ScheinrealitÀten und die Frage, wo man denn gerade ist, wirft die Frage nach der un(sterblichen) Seele auf.

Muss sich die Seele teilen, wenn der Geist sich in den verschiedenen RealitĂ€ten verirrt? Muss die (m. E. dann ziemlich gequĂ€lte) Seele dem Geist ĂŒberall hin folgen? Und Wenn der Geist dann auch ausgelöst wird, hat die Seele dann einfach nur endlich ihre Ruhe - oder wird sie mit ausgelöscht???

Schöner Stapel Fragen. Und zumindest ich habe nicht die Spur einer Antwort.
Da wĂŒrde bestenfalls die Religion helfen.

GrĂŒĂŸe
Marlene

Bearbeiten/Löschen    


Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
Kommentare: 552
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Marcus Richter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das ist es doch, Marlene,
man suche sich alle die Antworten heraus, die die "frage" zu befriedigen scheinen und lĂ€ĂŸt sie dann nacheindander als ScheinrealitĂ€ten wegbrechen. Religion, Wahnsinn, Liebe - alle gĂ€ngigen Klischees, die immer wieder fĂŒr ein Happyend oder gĂ€ngiges Ende herhalten mĂŒssen, mĂŒssen sich letztenendes auch immer dem Vorwurf der Scheinheiligkeit und Unwirklichkeit stellen. Klar, wĂ€re das nicht gerade eine Geschichte, die man sich beim lauschigen Lagerfeuer vorliest, weil das Leben so schön ist etc., aber man könnte ein paar sehr schöne Fragen an das Leben in so einer Geschichte verpacken - man beantwortet diese Fragen dann natĂŒrlich nicht, aber man hat die Möglichkeit, bestimmte GedankengĂ€nge durch zu spielen, die an eine Art krankhafte und verirrte Philosophie denken lassen, die fast instinktiv ihre Umgebung betrachtet und dabei von einer Angst befallen wird, die nur in dem Sinn nĂ€her definiert wird, daß man sie in Worte fast. Ich habe mich schon des öfteren gefragt, in wie weit kommerzielle Literatur fĂŒr soetwas geeignet ist. Ich weiß, sie muss dafĂŒr geeignet sein, sonst hĂ€tte es keine Leute wie E. Poe gegeben, Menschen, die eben diese instinktiven Ängste in Gruselgeschichten packten und sie derart umformuliert haben, daß sie (auf irgendeine Art und Weise) fĂŒr einen Außenstehenden verstĂ€ndlich und, vielleicht auch nur instinktiv, nachvollziehbar sind.

Mhm, ist die Frage, ob das nicht schlecht hin die Aufgabe der Literatur ist. Könnte jedenfalls eine Teilaufgabe sein. Das Äußern von Bedenken, in Form von Sprache, ohne beweisbar zu sein, aber doch so lebensecht und real geschrieben, daß sich die Berechtigung der Frage aus ihrer RealitĂ€tsnĂ€he oder besser scheinbaren RealitĂ€tsnĂ€he ergibt. D.h. schreib, daß es einen zweiten Erdmond gibt und alle glauben es, dann gibt es auch diesen zweiten Mond.

Ich bekomme ein bisschen ANgst, wenn ich hier jetzt weiter denken wollte. Ist aber auch irgendwie ein Beitrag zum Thema ScheinrealitÀt.

Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂŒnbein

Bearbeiten/Löschen    


bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

Werke: 23
Kommentare: 77
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um bluesnote eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Sein oder Nichtsein?

Hallo Marlene

Ich finde, du hast das Thema in dieser Story gut rĂŒber gebracht.
FĂŒr mich befindet sich Marion noch in der RealitĂ€t, allerdings in der der Maschinen.
Und von allen anderen vergessen.
Die kurze Story, was Sache ist, einfach gehalten.
Gut!

Viele GrĂŒsse.

Udo

Bearbeiten/Löschen    


Edgar Wibeau
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo, Marlene!

Eine packende Geschichte. Sind wir allein? Sind wir vergessen? Bilden wir uns unser Sein nur ein? Ich lasse in den nÀchsten Tagen wahrscheinlich den Finger von der Power-Taste meines Fernsehers...
Ein bißchen Gemecker kann ich mir nicht verkneifen. Die junge Frau "schlurft" dreimal durch die Wohnung. Ich finde das in solch einem kurzen Text etwas zuviel. Und halte mich fĂŒr einen ErbsenzĂ€hler, doch ich glaube, die Zahlenmystik in Deiner Geschichte kollidiert mit der Numerierungspraxis in Wohnanlagen. Wohnung 13 wĂ€re demnach korrekt 013 und damit im Erdgeschoß. Irgendwie raubt das dem Sturz der Protagonistin etwas die Dramatik ;-). Aber das ist Hausmeisterlatein und Ă€ndert nichts daran, daß mir Dein Text gut gefĂ€llt.

Gruß

Christian

Bearbeiten/Löschen    


MarleneGeselle
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 15
Kommentare: 229
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MarleneGeselle eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Edgar,

danke fĂŒr deine Kommantare.

Das viele Rumgeschlurfe habe ich seinerzeit mit Absicht eingebaut, um die Monotonie und Erschöpfung der Prot. zu beschreiben. Vielleicht fÀllt mir da noch was Besseres ein.

Wohnung 13 ist die Nr. 3 im ersten Stock. In dem Hochhaus, in dem ich frĂŒher mal gewohnt habe, wurde so gezĂ€hlt. Zuerst der Stock, dann die Wohnungsnummer. Bei sehr großen Einheiten oder in BĂŒrotĂŒrmen wird so gezĂ€hlt wie bei dir.

GrĂŒĂŸe
Marlene

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!