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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zelle
Eingestellt am 27. 11. 2002 15:31


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Zelle

Nachdem die Blase an meinem Mittelfinger aufgegangen war, wollte ich aufgeben. Es ist sehr schmerzhaft, einen Füller an das rohe Fleisch zu drücken. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Fühle nur noch das Pochen Es wird schließlich nicht mehr sehr lange dauern.
…..nicht mehr sehr lange dauern - schreibe ich.
Sie haben mir nach der Verhaftung alles abgenommen, so auch die Armbanduhr.
Ich darf keine Pausen machen, der Blick des Offiziers ist auf meine Schreibhand gerichtet.
….Mein Gehirn weigert sich, noch Sätze zu bilden. Ob dies mein letzter Satz war? Worte gehen noch. Tinte, Gott, Graben, Aale, Asche, Daniel, Ziegenmilch, Maria, Erde, Glas, Gas, Lachgas, Lachsplitter, verfressen, Durst, Marx, Gott ist tot, Vernichtung, niemand wird es merken, niemand kennt mich, ich bin niemand, der große Niemand, Müdigkeit…, schreibe ich.
Ob bisher zwölf Stunden vergangen sind? Oder bereits ein Tag und eine Nacht?
Mein Bewacher hatte sich zwischenzeitlich von einem jungen Polizisten ablösen lassen. Der stieß mir bei der kürzesten Schreibpause mit dem Gewehrlauf in den Nacken. Selbst wenn ich nur den lecken Füller nachtanken musste. Jetzt ist der Offizier wieder da. Pfeift leise. Sie hatten fünf Tintenfässchen vor mir aufgebaut. Eine lächerliche Drohung.
Schreiben! Nicht nachdenken.
….Wörter, Zeitung, meine Zeitung, meine wichtige Zeitung, meine winzige wichtige Zeitung. Ich will schreien. Warum fallen mir jetzt nicht all die klugen Dinge ein, die ich in einzelnen Bleibuchstaben gegen die Regierung schrieb? Nun wäre es egal. Alles könnte ich schreiben. Demokratie! Volksabstimmung, Wahlen. Uninteressant. Das Blatt ist gleich voll.
Verbrenn es doch, du Arschloch!
Schon hat er das Papier an sich genommen, ĂĽberfliegt es. Lacht beim letzten Satz. Dann klickt wieder das Feuerzeug. Brennend sinken meine Worte zu Boden, gesellen sich zu dem lockeren Haufen Asche neben dem Schreibtisch.
Weiter! Es ist egal was, nur weiter!
….Überfluss, Leichtigkeit, Liebe, Notstand, General, die Berge, Niemand, Geister, Freunde, Wäscheleine, Mutter, gib mir Milch, Konserven, Dürre, Versteck, Fels, Nächte, viele Nächte, obwohl, es ist gleichgültig, es gibt keine Seele, keinen Hunger mehr. Glaubt doch was ihr wollt. Keiner wollte auf mich hören. Kriechen, ich will nicht kriechen. Solange ich schreibe, krieche ich nicht, oder? Warum höre ich nicht auf….
Ich habe keine Angst, will sie bestrafen für ihre Macht. Will sie niederzwingen. Mit Worten, die sie sogleich verbrennen. Lächerlich. Das Wort ist machtlos.
….Dichter - lächerliche Figuren. Und was bin ich? Kein Dichter. Will gut sein! Noch schlimmer. Richtig, das sie meine Texte verbrennen….
Sie verhafteten mich, als ich den Schuppen verließ, in dem die Druckerei versteckt ist. Eigentlich nicht viel mehr, als einige Rollen schlechtes Papier, Farbe und einige Satzkästen. Immer fehlten Buchstaben einer Schriftart. Die Zeitung sah aus, als wäre sie von Kindern gemacht. Dennoch gelte ich als Staatsfeind.
….Zeig mir deine Feinde trallala, Steine, Benzin, Fäuste, Messer, doch nur Worte….
Sie brachten mich ins Polizeipräsidium, etwas Hoffnung hatte ich noch. Wenn sie mich in ein Gefängnis brächten – ich hätte überleben können. Aber sie führten mich direkt in den Keller. Niemand hatte dieses Untergeschoß gesehen, niemand kannte es. Aber alle sprachen darüber. Der Ort der verschwundenen Menschen.
….Schreiben! Ich fühle den Blick seiner Augen auf meiner Hand, ich weiß, er beobachtet mich, ich weiß, ich wiederhole mich, wiederhole mich, wiederhole mich. Das Gehirn, gesprungen wie eine alte Schallplatte. Offizier Schnittertod, Schnattertod, Schattenrot, Morgentod, so werde ich dich nennen. Du bist ein Schwein. Endlich könnte ich alles schreiben. Mir egal, ob du es verbrennst, ich merke, du liest es vorher, wenn auch nur flüchtig. Deutlich schreiben. Die billige Schreibfeder ist verbogen, krumm und auseinandergespreizt an der Spitze. Tintenkleckse gesellen sich zu kaum lesbaren Doppelspuren. Er soll es alles lesen. Heute herrscht ihr, aber morgen schon werdet ihr wie die Schweine geschlachtet, auf den Straßen gelyncht, getreten, gemartert. Ihr sollt büßen. Sie werden gegen euch aufstehen….
Nein, werden sie vermutlich nicht. Sie haben Angst um ihr Leben, um das ihrer Kinder.
….Und es gibt keine Hölle. Nur für euch müsste es sie geben. Keinen Gott, keinen Himmel, aber die ewige Hölle für solche Menschen wie euch. Müde. Müde, müde. Müdin, sagte einmal eine Freundin schläfrig, als wir Rum tranken. In Rum ist Müdin.
Ausgelacht. Ausgetrunken, ausgebadet, ausgelebt, wer als letzter geht, macht das Licht aus. Wenn ich jetzt lache? Vielleicht ärgert es ihn, jedenfalls so lange er noch nicht gelesen hat, dass ich versuche, ihn zu reizen.
Ich habe gelacht. Hörte in meinem Rücken, wie er die Zeitung sinken ließ.
….Ich bin ein Jammerlappen. Sollte wirklich etwas Bedeutendes schreiben. Einen wahren Satz. Wahrer als nur den Tatsachen entsprechend. Habe ich das in meiner Zeitung je getan?
Aber es ging ja auch um Widerstand. Wie soll da Wahrheit entstehen?....
Seine Hand kam früher als erwartet, ich hatte noch etwas Platz auf dem Bogen. Wohl weil ich so lange gelacht habe. Jetzt höre ich sein hustendes Gelächter. Wieder das Feuerzeug. Noch ein Blatt das brennend hinabsinkt.
….Warum denkt ihr, dies sei euere Land? Weil ihr reich seid? Weil wir dumm sind? Wir sind dumm. Ich weiß es. Würdet ihr uns doch etwas mehr hungern lasse. Aber dazu seid ihr zu schlau. Rache. Ja, ich gebe es zu, ich will Rache. Grausame Rache. Diese Worte vertreiben für einen Augenblick die Schläfrigkeit. Bestialische Rache. Und du hast geglaubt, ich sei ein friedfertiger Mensch. Ich bin fertig mit dem Frieden, Schluss….
In Handschellen wurde ich den langen, hell erleuchteten Kellergang entlang geführt. Viele grün gestrichene Türen aus Eisen. Nur mit Sehschlitz. Keine Öffnung um Essen durchzureichen. Mich brachten sie in diesen Raum. Ich war erstaunt, wie sauber, geradezu kultiviert er aussah. Ein fast leerer Schreibtisch, ein bequemer Ledersessel dahinter, ein Holzstuhl davor. Es war keine Zelle, eigentlich ein normales Zimmer. Hinten an der Wand, ein Sofa, Beistelltisch und ein kleines Bücherregal. Sogar ein Fernsehgerät. Es wirkte zu privat für diesen Keller, dieses Gebäude.
Ich musste mich auf den Stuhl setzten, jetzt bemerkte ich den dicken Stapel weißen Papiers vor mit, dazu die Tintenfässer und den Füller.
Eine Weile blieb ich alleine.
Der Offizier kam so elegant, so gelassen durch die Tür. Einen Augenblick dachte ich wieder, es gäbe noch Hoffnung.
….Schreiben! Worte, Wien, wieder nichts. Niemandsland. Mohn, Schlafmohn, sauerer Wein, immer ist es heiß, nur hier nicht. Zum Glück liebt mich keiner. Oder ist es traurig? Sie müssen mich nicht vergessen, sie werden einfach nicht an mich denken. Aber das wollte ich so. Und jetzt? Wünsche ich mir Tränen? Jeder will beweint werden. Oder doch nur die Schwachen? Betteln. Um Leben betteln. Ich schreibe jetzt, bitte lasst mich am Leben. Würde ich überlaufen, wenn sie es mir anbieten? Nein, natürlich nicht, nicht mit meinem Kopf. Aber ich will nicht sterben. Ich weiß, ich versuche den Offizier mit Worten zu verführen. Krieche…
Nachdem er den Raum betreten hatte, nahm er mir die Handschellen ab, setzte sich auf seine Seite des Tisches, die Seite der Macht.
Er lächelte, als er mich fragte, ob ich gerne schreibe. Ich nickte.
Könnte man sogar sagen, Schreiben sei dein Leben? Ich erwiderte ein heiseres, ja. Sah ihn nicht an.
Er deutete auf das Papier, dann schreib so lange du kannst. Es ist ab jetzt wirklich dein Leben um das Du schreibst. Du kannst selber bestimmen, wann es zu Ende gehen soll. Wenn du die Feder niederlegst, werde ich dich erschießen. Er sagte es so beiläufig, ich war zu benommen um den Sinn der Worte sofort zu erfassen.
Seitdem schreibe ich.
….Warum werfe ich nicht das Tintenglas nach ihm, lasse mich erschießen. Er weiß, wie schwach und selbst verliebt ich bin. Jede Zeile ist ein Stück von mir. Mir fällt nichts mehr ein. Schon seit Stunden. So wie jetzt. Ich schreibe, schreibe, schreibe. Schreibe: Schreiben. Außerdem will ich ihn noch treffen, mit einem Wort. Worte können vernichten. Sagt man. Sagte ich auch – früher, damals. Was könnte diesen Mann verletzen? Sicher nicht, wenn ich schreibe: Die ganze Stadt steigt zu deiner Frau ins Bett. Sie ist eine Hure. So wie Deine Mutter. Gleich wird er diese Worte lesen. Er wird merken, wie verloren ich bin. Beschimpfungen eines Gassenjungen.
Leider kenne ich ihn nicht. Wäre er wichtig, würde ich ihn natürlich kennen. Aber wer kennt schon jeden Offizier in diesem Land der Militärs. Mit mir kann er spielen, aber hat seine Meinung Gewicht? Bei den Großen? Den Generälen? Oder ist er nur ein armseliger Sadist, der hier im Keller - wie eine Schabe - seinen Gelüsten frönt?
Warum kommt er nicht? Das Blatt ist bis an den unteren Rand voll geschrieben. Ich lege es beiseite, nehme das nächste. Sein Atem ist gleichmäßig, er schläft. Schreiben, damit er nicht aufwacht, wenn die Feder nicht mehr über das Papier kratzt.
Ich schreibe:
….Als ich merkte, dass der Offizier eingeschlafen war, stand ich leise auf. Die Pistole lag auf dem Tisch neben dem Sofa. Halb bedeckt von der Zeitung. Lautlos bewegte ich mich durch das Zimmer. Stand vor ihm. Sein Gesicht war nicht einmal im Schlaf entspannt. Sah aus, als würde er Befehlen lauschen. Sein Mund zuckte. Ich beugte mich herunter, vorsichtig zog ich die Waffe unter der Zeitung hervor. Entsichert war sie schon. Ohne mich lange zu besinnen, drückte ich dem Offizier den Lauf an die Stirn. Schoß sofort.
Schreiben….
Mein Bewacher rege sich, gähnt und steht langsam auf, kommt zu mir hinüber. Sieht das beschriebene Papier, auch diese Seite ist bald voll. Mürrisch greift er das letzte Blatt.
Schreiben…
Trotz meiner Erschöpfung bemerke ich befriedigt, diese Worte liest er anders. Meine, den Groll zu spüren. Es dauert dieses mal länger, bis das Feuerzeug aufklickt. Ich höre das langsame Reiben des Steins, dann noch einmal.
Ich schreibe:
…Jetzt entzündet die Flamme meine Gedanken, meine Wut, die Rache. Er wird sie nicht ganz verbrennen können, meine Worte. Auch diese Worte werden bleiben. In seinem Kopf. Sicherlich nur kurz. Aber es ist die Wahrheit, ich habe ihn durchschaut. Und? Bin ich jetzt mächtiger als vorher? Der Erkenntnis folgt Ekel. Soll ich stolz sein, worauf? Von so einem armseligen Wicht ermordet zu werden? Oder ärgert er sich nur über sich selber, weil er eingenickt war?
Er geht zum Sofa zurück, ein metallisches Geräusch.
So haben die Worte doch gesiegt, er will nicht weiter lesen.
Ich aber, will weiter schreiben. Fühle den Druck der Mündung auf meinem Hinter…




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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
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hallo kyra,

danke fĂĽr deine grandiose geschichte. zum gedanklichen feierabend werde ich wohl nun heute nicht so schnell kommen, da mich die vorstellung deiner geschichte sehr berĂĽhrt. musste an eine mischung von e. mĂĽhsam und lateinamerikanischen staaten (klischee, ich weiĂź, sowas passiert auch in europa) denken.

gruĂź

rainer

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Kyra,

Wow!

Ich bin nachhaltig beeindruckt von von dieser Wortgewalt.
Man merkt, dass Du während des Schreibens emotional in diesem Zimmer warst, an diesem Schreibtisch.

Eine tolle Leistung, fĂĽr die Du von mir die volle Punktzahl bekommst.

GruĂź

Arno


quote:
Noch schlimmer. Richtig, dass sie meine Texte verbrennen….


quote:
….Warum denkt ihr, dies sei euere euer Land?


quote:
WĂĽrdet ihr uns doch etwas mehr hungern lassen.


quote:
Mein Bewacher reget sich, gähnt und steht langsam auf, kommt zu mir hinüber.


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Frieda
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 38
Kommentare: 182
Die besten Werke
 
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Liebe Kyra,

auch ich bin total beeindruckt, du schreibst so lebendig und glaubwürdig, als hättest du es selbst erlebt. Also auch von mir volle Punktzahl.

Liebe GrĂĽĂźe
von Frieda

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