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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwei Clowns
Eingestellt am 02. 10. 2017 17:11


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Mondviole
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2017

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Zwei Clowns

Jennifer steigt langsam die Kellertreppe hinunter. Sie balanciert einen großen leeren Karton in den HĂ€nden vor sich her und tritt vorsichtig von Stufe zu Stufe. Aufatmend setzt sie ihn ab, als sie ihr Ziel, den zur Wohnung gehörenden Kellerverschlag ihrer Großmutter, erreicht hat. Sie öffnet die TĂŒr. Oh, Jennifer stöhnt leise vor sich hin, es ist viel schlimmer, als sie erwartet hatte. Oma, ach Oma, komm doch bitte schnell vom Himmel herunter und hilf mir. Doch Oma kommt nicht mehr und lĂ€sst sie allein mit einem Keller voller GerĂŒmpel und staubiger Kisten. Auch Benny, ihr Bruder, scheint vergessen zu haben, dass er ihr helfen wollte, dass hatte sie auch nicht wirklich erwartet. Zuerst den SperrmĂŒll, denkt Jennifer, nachdem sie den ersten Schock ĂŒberwunden hat und beginnt alte StĂŒhle, kaputte Lampen, schmutzige Teppiche und diverse Flaschen und GlĂ€ser die Treppe hinauf zum MĂŒllcontainer zu schleppen. Zwei Stunden spĂ€ter sieht zumindest der Keller schon um einiges besser aus. Bis auf drei fest verschlossene Kisten ist er leer. Jennifer, mit ihrem zerzausten Haar, einer staubigen Hose, abgebrochenen FingernĂ€geln und Schmutzspuren im Gesicht, dafĂŒr wesentlich schlechter. Zum GlĂŒck hat sie eine Flasche Wasser dabei, die sie jetzt schnell austrinkt. Noch die Kisten. Sie sind aus Holz und jede mit einem VorhĂ€ngeschloss gesichert. Jennifer hat keine Geduld mehr. Sie findet in der Kellerecke eine kurze Eisenstange und versucht die erste Kiste aufzuhebeln. Es gelingt ihr nur mit viel Kraft und Gewalt. Die Bretter brechen, dass Schloss reißt sie zusammen mit der Halterung heraus, ein Holzsplitter dringt in ihren Handballen aber die Kiste ist offen. Jennifer holt tief Luft und greift hinein. Das Erste, was sie in ihren HĂ€nden hĂ€lt ist rot und rund. Eine Clownsnase!

Benny ist wĂŒtend. Das ist Benny öfter, fast immer. Bei ihm reicht es, das seine WohnungstĂŒr ein wenig klemmt und schon tritt er zweimal krĂ€ftig dagegen. Danach ist der herbeieilende Hausmeister, der das Splittern der TĂŒr gehört hat, wĂŒtend, brĂŒllt etwas von sinnloser Zerstörungswut und Anzeige bei der Polizei, was Benny veranlasst, auch nach dem Hausmeister zu treten. Seitdem ist die WohnungstĂŒr offen fĂŒr alle und den Hausmeister hat er nie wieder gesehen. Heute ist auch nicht sein Tag. Er telefoniert und lĂ€uft dabei mit großen Schritten in der Wohnung hin und her.
„Wieso können wir uns heute nicht treffen?“, brĂŒllt er in das Handy.
Er zieht sich dabei die rutschende Jogginghose mit der freien Hand hoch.
„Es ist...weil..., die Stimme seiner Freundin Lea klingt leise und ein wenig verschreckt.
„Musst du arbeiten?“ Bennys Stimme ist ruhiger geworden, aber nicht viel.
„Nein, ich weiß nicht, ich möchte ...“, sie stockt und spricht noch leiser: „Es ist besser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen.“
„Alles klar, das war`s dann wohl mit uns!“
Das Handy landet, nachdem es kurz die Lampe streifte, auf der Couch und Benny muss sich auch erst einmal hinsetzen. Da sitzt er nun, der große, krĂ€ftige Kerl, den Kopf mit den raspelkurzen blonden Haaren auf die Unterarme gestĂŒtzt und die sonst hellen blauen Augen dunkel vor Zorn.
„Schlampe“, seinen Schrei hört niemand und auch die Couch reagiert nur mit einem Knacken auf die drei Fausthiebe die sie treffen.
Lea, ihr Name ist auf seinen linken Unterarm tĂ€towiert und „Benny“ steht auf ihrem. Eine Stimme in seinem Kopf sagt ihm, dass er doch noch einmal in Ruhe mit Lea sprechen sollte, sie waren immerhin ein halbes Jahr zusammen und es fĂŒhlte sich so gut an, sonst enden seine Beziehungen meistens schon nach drei- oder vier Wochen. Die Stimme ist viel zu leise. Benny starrt noch einmal auf seinen linken Unterarm und verlĂ€sst zwei Minuten spĂ€ter, eine schwarze WollmĂŒtze auf dem Kopf, dem Reißverschluss des dicken grauen Pullovers bis unters Kinn hochgezogen, die Wohnung. Kalter Oktoberwind fĂ€llt ihn an und Laub raschelt unter seinen FĂŒĂŸen.
Wie aus dem Nichts stehen plötzlich zwei kleine Gestalten vor ihm, durch die Alienmasken vor ihren Gesichtern tönen zwei fröhliche Stimmen: „SĂŒĂŸes oder Saures!“
Benny kapiert erst einmal gar nichts. „Was wollt ihr?“, knurrt er.
„Na, na es ist doch Halloween!“, stottert einer der beiden.
„Haut bloß ab!“
„Der ist richtig böse und hat nicht `mal ein KostĂŒm“ sind sich die beiden Kleinen einig und laufen weg.
Der Böse steht immer noch im Herbststurm und da hat er eine Idee, keine gute.

Jennifer legt die rote Nase vorsichtig beiseite. Dann nimmt sie den Bogen vergilbtes Seidenpapier, der den restlichen Inhalt der Kiste verbirgt, herunter und – das ist doch, ja sie ist es! Opas Clownsjacke, gelb mit schwarzen Karos und drei großen blauen Knöpfen. Die rote PerĂŒcke, das kleine schwarze HĂŒtchen und seine Sonnenblume aus Papier, die er sich immer an die Jacke steckte, sind auch noch da. Jennifer vergisst fĂŒr einen Moment, dass sie sich in Omas altem Keller befindet. Es muss ein Zauber sein, der von Opas Clownsköstum ausgeht. Sie stĂŒlpt sich die Nase ĂŒber und setzt das kleine HĂŒtchen auf ihre zerzausten Haare und da fĂ€llt es ihr wieder ein:
Geburtstagskaffee bei den Großeltern. Sie war vier und Benny sechs Jahre alt. Das Kaffeetrinken mit den Erwachsenen langweilte sie, bis einer von ihnen dieses Lied anstimmte. Alle sangen es mit ganzem stimmlichen Einsatz, meistens nur den Refrain, der ĂŒbrige Text war wohl zu schwierig oder ging im allgemeinen GelĂ€chter unter:

„Oooh, mein Papa waaar eine wuuuunderbare Clauaunn.
Oooh, mein Papa waaar eine grooße Kiiiiinstler.
Hoch auf diiie Seeeil, wie waaar er herrrrlich anzuschaun.
Oooh, mein Papa waaar eine groooße Clauaunn!“

WĂ€hrend sie inbrĂŒnstig sangen, betrat Opa in seinem ClownskostĂŒm die ShowbĂŒhne. Seine Nummer war nicht sehr anspruchsvoll aber fĂŒr Jennifer und Benny war er der beste Clown der Welt. Ein paar Hopser, er zog dabei die Knie bis fast unter die Achseln und dann holte er aus den Ohren der Herren Eier und aus den DekolletĂ©s der Damen Papierblumen hervor. Die Kinder durften sich wĂŒnschen, wo und was er aus ihnen herausholen sollte. Außer Eiern und Blumen konnte er auch Bonbons zaubern. Einmal wĂŒnschte sich Benny Geld. „Ganz viel Geld“, forderte er lautstark von ihm. Clown Opa schĂŒttelte die weiten Ärmel seiner Jacke und – im Wohnzimmer schwebten bunte Seifenblasen in allen Farben schillernd. “Steck dir das Clownsgeld ein!“ Benny versuchte angestrengt Seifenblasen in seine Hosentaschen zu bekommen bis alle ihr Lachen nicht mehr unterdrĂŒcken konnten.
„Och Opa, Geld kannste nicht“, klagte Benny enttĂ€uscht.
„Neeiin, ich bin eine wuuunderbare Clown und bringe Freeiide und Liiiebe.“
Er zog aus Jennifers und Bennys Nasen noch einige Bonbons und beendete unter gebĂŒhrenden Applaus seine Vorstellung.

Jennifer atmet tief durch. Jetzt bloß nicht sentimental werden. Ob Opa im Himmel fĂŒr Oma und die Engel auch den Clown spielt? Wo Benny bloß bleibt? Das man sich auf ihn auch nie verlassen kann. Er hat versprochen, ihr beim AusrĂ€umen des Kellers zu helfen und nun? Nicht einmal die Hoffnung, dass Oma in dem Keller etwas Wertvolles versteckt haben könnte, mit dem sich seine stĂ€ndig klamme Kasse auffĂŒllen ließe, treibt ihn hierher. Was soll`s, denkt sie und rĂ€umt weiter die Kisten aus. Und ihre MĂŒhe wird belohnt. Jennifer streckt den rechten Arm nach oben, ballt die Faust und zieht ihn mit einem Ruck an den Körper: „Jahhh“! Unter Opas ClownskostĂŒm kommt das Kaffeeservice der Großeltern zum Vorschein, auf der Unterseite der weißen Tassen und Teller die blauen Schwerter. Echtes Meißner! In den anderen beiden Kisten findet sie BĂŒcher, Omas alte NĂ€hmaschine mit Fußpedal, eine Dose mit Knöpfen, einige davon noch aus dem vorigen Jahrhundert und KleidungsstĂŒcke. Außerdem einen Karton mit alten schwarz-weiß Fotos, obenauf Omas und Opas Hochzeitsfoto. Jetzt kullern doch ein paar TrĂ€nen ĂŒber Jennifers Gesicht und hinterlassen zwei Spuren auf ihren Wangen. Mit dem HandrĂŒcken wischt sie sie weg, was ihr Aussehen auch nicht verbessert. Sie nimmt nicht wahr, dass sie laut „Danke“ sagt und dabei an die Kellerdecke blickt. Benny muss her! Sie wĂ€hlt seine Nummer. Nichts, sein Handy - sicher kein Netz, nicht geladen oder nicht auffindbar, eben Benny. Dann werde ich ihn ĂŒberraschen, und wie! Irgendwann muss er in seiner Wohnung auftauchen, es ist ja nicht weit. Jennifer zieht Opas KostĂŒm an, entfernt sich mit einem Tuch notdĂŒrftig den Schmutz aus ihrem Gesicht und holt aus ihrer Tasche Lippenstift und Puder. Kurz darauf steigt ein lachender Clown die Kellertreppe hinauf.

Benny erreicht inzwischen den Supermarkt. Heute ist Halloween, da fĂ€llt sein Kauf, eine weiße Maske, die nur Augen, Nase und Mund freilĂ€sst, ein langer schwarzer Mantel und verschiedene FarbsprĂŒhdosen, nicht weiter auf.
„Na dann kann die Party ja steigen und nicht vergessen – SĂŒĂŸes oder Saures“, sagt die VerkĂ€uferin noch zu ihm.
Er antwortet nicht und hat auch nicht im Entferntesten die Absicht auf eine Halloweenparty zu gehen, zu diesem amerikanischen Kinderkram. Wenig spĂ€ter ist er zuhause und seine Verwandlung beginnt. Lea soll spĂŒren, was es heißt, ihn einfach so am Telefon abzuservieren.
Die Stimme in Benny fragt noch einmal: „Anrufen, Reden, eine Chance?“
Sie bekommt ein klares „Nein!“
Und danach gibt es Benny nicht mehr. Er wird einer von ihnen, beherrscht vom Hass. Im Gesicht ein großes, fahlgelbes Gebiss mit zwei schwarzen LĂŒcken, die Augen nicht zu erkennen, ein Glimmen aus tiefen dunklen Höhlen, die weiße SchĂ€deldecke blutverschmiert und ĂŒber den Ohren rote HaarbĂŒschel. Die rechte Hand, die aus dem Ärmel ragt, schwingt drohend einen Hammer. Ein Gruselclown betritt die Straße.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Der Nebel kriecht durch die BĂ€ume und legt sich feucht und kalt auf das bunte Laub am Boden. Die kleinen Halloween-Gespenster sind schon lange zuhause. Der Gruselclown lĂ€uft mit großen Schritten die Straße entlang. Außer ihm ist nur ein Ă€lteres Ehepaar mit einem Hund unterwegs, das sich entsetzt in den nĂ€chsten Hauseingang flĂŒchtet als sie ihn sehen.
„Ruf die Polizei!“, flĂŒstert die Frau.
Der Mann greift zitternd nach seinem Handy und versucht die Nummer zu wÀhlen.
Der Böse lĂ€uft weiter, die rechte Hand schwingt den Hammer mit aller Kraft wie ein Pendel vor und zurĂŒck. Als wenige Meter vor ihm plötzlich der andere Clown auftaucht, einer mit lachendem Gesicht und einer großen Sonnenblume am karierten Jackett, braucht der gruselige Kerl nur loszulassen. Der Hammer trifft die Schulter des eben noch Lachenden. Er verliert auf dem feuchten Laub den Halt, stĂŒrzt auf die Straße und bleibt regungslos liegen. Die Sirenen des Polizeiautos sind schon ganz nah.

Drei Jahre spĂ€ter. Benny kommt mĂŒde nach Hause.
Er schließt die TĂŒr auf und ruft: „Hallo, Jennifer, möchtest du Kaffee? Ich habe auch Kuchen mitgebracht.“
„Oh ja“, meldet sie sich von oben.
Kurz darauf steigt er mit dem Tablett die Treppe hoch. Jennifer klappt den Laptop zu und Benny schiebt sie in ihrem Rollstuhl an den Tisch.
„Ach Benny, wenn ich dich nicht hĂ€tte. Heute sind die Schmerzen auszuhalten, also her mit dem Kuchen.“
Benny stellt alles auf den Tisch, sieht an Jennifer vorbei und denkt: Ich muss es ihr endlich sagen.




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