09:00 Uhr Mitteleuropäische Endzeit

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09:00 Uhr Mitteleuropäische Endzeit

Wie gebannt blicke ich auf die Uhr. Noch fünf Sekunden… Vier… Drei… Zwei… Eins… Nichts passiert. Keine Schreie, keine Sirenen. Vögel zwitschern. Es ist 09:00 Uhr und die Welt ist nicht untergegangen.
Es vergehen noch einige weitere Sekunden, ehe meine Frau ihre Hand langsam aus meiner befreit. „Ich muss jetzt aber wirklich los, sonst wird das heute Abend wieder nichts mit unserer Shoppingtour.“ Sie zögert kurz. „Die Chinesen haben es da besser als wir. Die können sich abends schön einkuscheln und müssen sich keine Sorgen darüber machen, ob die Chefin sie gleich wieder zusammenstaucht.“
„Sieh es lieber so“, antworte ich, „wenn du morgens stirbst, sparst du dir einen ganzen Arbeitstag.“
„Und du musst das ganze so sehen“, kontert sie, „Wenn ich nicht mit dir hier auf der Couch säße, sondern pünktlich um 08:00 Uhr hier losführe und dann im Büro umkäme, dann wäre das ein Arbeitsunfall und du würdest mehr Geld von der Versicherung bekommen. Außerdem solltest du mal einen Atlas aufschlagen und dir ansehen, wie Zeitzonen funktionieren. Du hast ja sonst nichts zu tun heute.“
Sie gibt mir noch schnell einen Kuss auf die Wange und dann bin ich allein. Ich habe tatsächlich Zeit, denn im Angesicht des drohenden Untergangs erscheint es mir sinnlos, meine potentiell letzten Stunden auf der Arbeit zu verbringen. Natürlich können sich nicht alle Kollegen frei nehmen, irgendwer muss ja das Geschäft am Laufen halten, aber ich hatte das Glück, fast einen ganzen Monat Zeitausgleich auf meinem Überstundenkonto zu haben. Inzwischen ist zwar nur noch die Hälfte übrig, aber es ist unwahrscheinlich, dass die Situation noch viel länger andauert. Die Nerven liegen ja nicht nur bei mir blank.
Ziellos laufe ich durch die kleine Wohnung. Seit ich den Kaktus vor zwei Tagen endgültig ertränkt habe, ist mein letztes Bisschen Tagesroutine hinfällig geworden. Ratlos setze ich mich nun auf die Couch und schalte den Fernseher ein. Es läuft ein Nachrichtenprogramm. Ich hole mein Handy heraus und suche nach einem Bild der Zeitzonen. Währenddessen verkündet der Moderator das Übliche: Doppelblockade der Fram-Straße, massiver Wassermangel bis an die Alpen, willkürliche Bombardements irgendwelcher Landstreifen, Defcon 5, Bikini RED und irgendwas auf Russisch.
Ausgehend vom Alpha-Ridge-Patt hat sich die globale Lage infolge einer Kombination hervorragenden Taktierens, unglaublicher Inkompetenz und wahnsinnigen Zufalls von einem Jahrhundert- über ein Jahrtausendereignis hin zu einer Singularität der Erdgeschichte entwickelt. Sicher ist nur: Wenn es knallt, dann um 09:00 Uhr. Das ist völkerrechtlich so geregelt.
Ich lege das Handy wieder weg, ohne verstanden zu haben, worauf meine Frau hinauswollte.

Als ich gegen 17:00 Uhr neben ihr in unserem Polo sitze, habe ich die Frage längst vergessen. Wir sind auf den Weg zu einem Ramschladen, um unser Erspartes zu verprassen. Das ist zumindest meine Sicht der Dinge. Aber es stört mich etwas weniger als sonst, weil… nun ja…
„Guck mal“, sagt sie wenig später und streckt mir ein ungewöhnliches Stück Galgenhumor aus der Kleinkinderabteilung entgegen, „Für unseren kleinen Damokles.“
Es handelt sich um ein Mobile, bei dem anstatt der üblichen Tiermotive kleine Schwerter von der Decke baumeln.
„Lass uns lieber erst nochmal den Termin bei der Klinik abwarten“, versuche ich abzuwehren.
Sie wird etwas lauter: „Klar, weil es wirklich eine gigantische Geldverschwendung wäre, falls wir doch kein Kind bekommen sollten, weil wir vorher sterben!“
„So meine ich das doch gar nicht. Aber wir wissen halt noch nicht, wo das Problem liegt, warum es bisher nicht geklappt hat. Und wenn die Ärzte uns helfen können, dann haben wir immer noch neun Monate Zeit, um dieses Verbrechen am guten Geschmack zu kaufen. Wahrscheinlich sogar zum Schnäppchenpreis wenn die politische Lage sich erstmal beruhigt hat!“
Ich schaue mich um, aber niemand scheint uns zu beachten. Ich hätte gedacht, dass entweder deutlich mehr oder weniger Menschen als üblich einkaufen würden, aber alles scheint so, wie man es an einem ganz gewöhnlichen Donnerstagabend erwarten würde. Einzig das Sortiment ist wegen der andauernden Fram-Blockade etwas ausgedünnt.
Als wir uns etwas später mit unserem Einkaufswagen voller Hoffnungen und Träume zur Kasse begeben, fällt mein Blick auf das Süßwarenregal. Die Schokoriegel sind wegen kurzer Resthaltbarkeit stark reduziert. Ich drehe mich zu meiner Frau. „Was ist der Unterschied zwischen mir und diesem Schokoriegel?“
Sie runzelt die Stirn.
„Es gibt keinen. Wir sind beide nur noch mindestens bis morgen 09:00 Uhr haltbar.“
„Du bist echt unerträglich.“ Sie muss trotzdem ein wenig schmunzeln.
In der Schlange hinter uns starrt ein Mann auf sein Smartphone. Plötzlich wirft er die Arme in die Luft und ruft: „Ja! Endlich mal Fortschritte!“
„Was ist denn?“, fragt ihn meine Frau neugierig.
„Das 09:00-Uhr-Abkommen soll auf einen wöchentlichen Rhythmus verlängern. Ab nächster Woche ist ein Abschuss nur noch dienstags erlaubt. Es gibt sogar schon einen Termin für den nächsten Gipfel, dann wird sich bestimmt darauf geeinigt, Atomwaffen komplett vom Tisch zu nehmen.“
Den letzten Punkt bezweifle ich, trotzdem werde ich von einer spontanen Leichtigkeit erfasst. „Das sind doch wirklich mal gute Nachrichten.“
Auch meine Frau lacht und legt mir ihren Arm auf die Schulter. „Das ist bestimmt der Verdienst von Leuten wie dir.“
„Wie meinst du das?“
„Das Einzige, worin sich alle Länder einig sind, ist, dass die ganzen todesstarren Arbeitnehmer mit ihren Sonderurlauben und Kündigungen die Wirtschaft lahmlegen. Dir ein Gefühl von Sicherheit zu geben, ist der einzige Weg, einen ökonomischen Zusammenbruch zu verhindern.“

Während ich zu Hause die Einkäufe ausräume, sehe ich, wie meine Frau mit geschlossenen Augen auf dem Sofa liegt. „Kannst du schlafen?“, frage ich.
„Ja, eigentlich ganz gut. Während ich schlafe mache ich mir wenigstens keine Sorgen“
Ich setze mich zu ihr. „Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst. Falls wir morgen aufhören zu leben, will ich meine letzten Stunden nicht im Schlaf verschwendet haben.“
„Meine Chefin hat das heute ganz schön formuliert: Ich habe keine Ahnung, ob wir morgen überleben. Aber auch vor Alpha-Ridge hättest du jeden Tag sterben können. Die Wahrscheinlichkeit ist wohl etwas gestiegen, klar, aber was heißt das überhaupt, mit 60% Wahrscheinlichkeit zu sterben? Auch wenn täglich nur einer von 10.000 Menschen von einem Laster überfahren wird, du könntest dieser Pechvogel sein. Dazu kommt, dass weder ich noch du ja wahrscheinlich niemand auf der ganzen weiten Welt dieses Chaos versteht. Niemand kann dir eine solche Prozentzahl nennen. Aus meiner Sicht steht es 50/50, dass wir morgen überleben. Genauso, wie an jedem anderen Tag.“
„Oder, dass wir morgen sterben.“
„Ja, wir könnten auch sterben. Aber erst morgen. Jetzt machen wir uns erstmal einen gemütlichen Abend.“
Ich nicke. Sie lächelt.
„Willst du einen Schokoriegel?“
Und mit diesen wunderschönen Worten sehe ich im Westen die Sonne aufgehen.
 



 
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