1.Monatsgewinner: Speaker's Corner

Steltz

Mitglied
Speaker’s Corner


“Whenever you feel like criticizing anyone, just remember that all the people in this world haven’t had the advantages that you’ve had.“
The Great Gatsby, F. Scott Fitzgerald


In die Stadt, in der er wohnte, war er erst vor kurzer Zeit aus einer verschwiegenen Kleinstadt in Norddeutschland gezogen. Dieser Schritt war nötig gewesen, da die Großstadt die eindeutig besseren beruflichen Perspektiven bot. Irgendwann hatte er nun auch mal auf eigenen Füßen stehen müssen. Er hatte jetzt eine Ausbildungsstelle und eine Zweizimmerwohnung, die er sich mit Hilfe der finanziellen Unterstützung seiner Eltern auch problemlos leisten konnte. Sein Job war klasse, eine Anstellung für die man gerne einen Umzug in Kauf nimmt. Eigentlich war es absehbar gewesen, daß er mit seinem durchaus guten Schulabschluß auch eine annehmbare Anstellung finden würde.
Der aufregende Charakter des Neuartigen lag schon nicht mehr über den Straßen seiner Wahlheimat, als er auf seinem Fahrrad unterwegs war. Der frühe Freitag Winterabend kündigte sich mit seiner schnell hereinbrechenden Dunkelheit an. Er war auf dem Weg ins Kino, um sich einen Film anzusehen, von dem eine Arbeitskollegin in den höchsten Tönen geschwärmt hatte. Auch die sonst so anspruchsvollen Kinokritiker hatten uni sono ein Loblied auf „Beyond the Silence“ gesungen, ein guter Film also stand auf dem Programm. Genau genommen, sollte „Beyond the Silence“ auf dem Programm stehen, denn er war bereits etwas spät dran und es war unwahrscheinlich, daß er noch rechtzeitig zum Kino schaffen würde. Dem zum Trotz pfiff er fröhlich die Melodie eines Popsongs vor sich her. Es war eines dieser Lieder, die zwar nicht besonders gut sind, dafür aber direkt ins Ohr gehen.
Erfüllt von dem erst vor kurzem erworbenen Gefühl des Vertrauten, erkannte er plötzlich mehr wieder als nur die Reihenfolge der Geschäfte, die Parfümerie, auf die die Bäckerei folgte, wo er morgens seine Brötchen holte, und schließlich der Plattenladen an der Ecke, zu dessen Stammkunden er sich bereits zählen durfte. Neben diesen Örtlichkeiten gab es noch etwas anderes, das er wiedererkannte, aber nicht unbedingt erwartet hatte. Er hörte einen alten Depeche Mode Song („Words like violence break the ...“), der schon immer zu seinen Lieblingsliedern gezählt hatte. Als Quelle der Musik machte er eine Kneipe direkt über dem Plattenladen aus, die ihm bisher gar nicht aufgefallen war, weil seine Aufmerksamkeit wohl stets den Neuerscheinungen im Schaufenster gegolten hatte. Die Neonreklame kennzeichnete die Kneipe als „Speaker’s Corner“, und er brauchte nicht lang, um seine Pläne für den Abend über den Haufen zu werfen. Der Film hatte schon begonnen, er war bereits zu spät, weil er Zuhause noch einen unerwarteten Anruf erhalten hatte. Außerdem war er schon zulange fremd in seiner Stadt, im „Speaker’s Corner“ konnte man sicherlich eher jemanden kennenlernen als im Kino.
Die Musik wurde lauter, als er das Treppenhaus betrat, und noch einmal, als er die Tür zur Gaststätte öffnete. Sein Blick fiel zuerst auf einen Kickerautomaten, der links von der Eingangstür postiert war, und dann zur Theke, von wo aus ihn der Wirt musterte. An der Bar saßen drei Männer, die von seinem Eintritt keine Notiz nahmen. Nachdem er kurz in dem Laden umhergeblickt hatte, bestellte er ein Bier und setzte sich neben die Männer an der Bar, wobei er einen Hocker Zwischenraum ließ. Außer den Leuten an der Bar saß noch eine Gruppe junger Männer an einem Tisch, die ungefähr in seinem Alter waren. Unlängst davon war ein weiterer Tisch von zwei Mädchen und einem Jungen besetzt, allesamt auch ungefähr in seinem Alter. Weitere Gäste wurden durch das Aufeinanderschlagen von Billardkugeln verraten. Der Billardtisch mußte rechts hinter den Sitzgruppen sein, wo der Raum eine Biegung machte. Über der Bar an der Wand war ein Fernseher aufgehängt, über den Videoclips flimmerten. Die Musik kam aber von der Anlage und nicht vom Fernseher, was die Stars im Clip ziemlich blöd aussehen ließ. Seine Aufmerksamkeit galt dem Tisch mit den zwei Mädchen und ihrem Begleiter. Das eine hatte rötlichblonde Haare, eine Brille und gefiel ihm auf den ersten Blick sehr gut. Ihre Freundin war mit dem Jungen in ein anregendes Gespräch vertieft, sie redeten und gestikulierten sehr lebhaft. Leider war die Musik zu laut, als daß er Wortfetzen von ihrem Tisch hätte ergattern können. Was er hören konnte, waren die drei älteren Männer neben ihm, die über Fußball redete, was ihn dann doch nicht sonderlich interessierte. Die Rötlichblonde erweckte den Eindruck eines etwas schüchternen, aber aufgeschlossenen Mädchens. In der Gesprächsrunde war sie sehr zurückhaltend, sie beschränkte sich zumeist darauf, entweder durch Kopfschütteln oder durch bejahendes Nicken auf ihre Freundin einzugehen, wenn diese sich an sie wandte, um sie mit einzubeziehen. Der Junge sprach eigentlich nur mit der zweiten jungen Frau, die schwarze Haare hatte und mit spontanen Beifallsbekundungen und eigenen, reich mit Gestiken ausgeschmückten, Erzählungen die Szenerie beherrschte. Die Dreiergruppe von der Theke aus beobachtend, schlußfolgerte der vermeintliche Kinogänger, daß es sich bei dem Jungen und der Dunkelhaarigen um ein Paar handelte und daß das süße Mädchen mit der Brille in der unangenehmen Situation war, die der Volksmund als das fünfte Rad am Wagen bezeichnet. Eine ganze Zeit lang beobachtete er das Trio, wobei ihm besonders gefiel, wie aufmerksam die Frau, die sein Interesse geweckt hatte, das Gespräch verfolgte, obwohl sie selbst so gut wie gar nicht daran teilnahm. Eine Strähne ihres leicht gelockten Haares verirrte sich dann und wann in ihr etwas blasses Gesicht, so daß sie es mit einer reflexhaften Handbewegung hinter ihr Ohr strich. Welche Eleganz in dieser Angewohnheit lag, dachte er bei sich. Die Augen hinter der Brille konnte er von seinem Sitzplatz aus nicht genau erspähen, dazu waren die Tische zu weit von dem Tresen entfernt, aber er malte sich aus, daß es äußerst stille und tiefe Augen waren. Die Art Augen, in die man stundenlang schauen konnte, ohne das Verlangen zu spüren, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Er hatte erfahren, daß in einem solchen gegenseitigen In-die-augen-tauchen mehr Leidenschaft liegen konnte als in einem Kuß. Nachdem er anfangs noch ab und zu im Raum umhergeblickt hatte, um sein stilles Beobachten nicht zu auffällig werden zu lassen, blickte er nun so unverblümt auf das Mädchen, das es schon „gaffen“ war. Keinen Augenblick ließ er sie aus den Augen, innerlich hoffend, sie möge mit ihrem Blick durch die Gegend schweifen und auf seinen treffen. Doch er hoffte vergebens; nicht ein einziges mal schien die Konversation ihrer beiden Begleiter so an ihr vorbeizugehen, daß sie ihr Interesse einem anderen Gegenstand zuwandte. Vielleicht fühlte sie auch, wie seine Augen auf ihr ruhten, und mied deshalb den Blickkontakt.
Zumindest der Wirt beachtete ihn sofort, als er sich wieder umwandte, um ein weiteres Bier zu bestellen. Eigentlich hätte er lieber Wein getrunken, aber es gab keinen. In vino veritas. Wahrheit war etwas, das er momentan gut hätte gebrauchen können. Der Anruf, den er zuvor am Abend erhalten und der ihn vom Kino ferngehalten hatte, bewegte ihn. Telefonanrufe waren in den letzten Wochen für ihn eine Seltenheit geworden, und wenn sich sein Apparat mal zu Wort gemeldet hatte, dann um ihm die Stimme seiner Mutter oder seines Vaters zu übermitteln. Die Frauenstimme, die an diesem Tag an sein Ohr gedrungen war, konnte er zunächst nicht einordnen. Diese Unsicherheit war ihm zwar unangenehm gewesen, doch mußte sie die Frau am anderen Ende der Leitung um so vieles mehr belastet haben, wollte sie doch ein ernstes Anliegen vorbringen. Die Frau, die ihn angerufen hatte, war die Mutter seines ehemals besten Freundes Tom. Ein höchst unerwarteter Anruf, da er Tom seit mindestens 6 Jahren und seine Mutter seit einem noch längerem Zeitraum nicht mehr gesehen hatte. Tom und er waren verschiedene Wege gegangen seit Tom in der neunten Klasse die gemeinsame Schule verlassen hatte. Schade eigentlich, dachte er während er sein Bierglas zu einem erneuten Schluck anhob, hätte er damals den Kontakt zu Tom gehalten, hätte er ihn vielleicht positiv beeinflussen können. Damals hatte er auch nicht verstehen können, warum sein Freund sich so kampflos geschlagen gab und die Schule verließ. So wie er die Sache sah hatte Tom sich einfach nicht motivieren können, mit der richtigen Einstellung hätte er in der Schule mit Leichtigkeit mithalten können. Nun hatte Toms Mutter ihn angerufen, eine ferne Stimme, die in der Vergangenheit bereits einen Ton der Verzweiflung gehabt hatte. Sie hatte ihm, dem viel Jüngeren, ihr Herz ausgeschüttet, sie hatte ihm erzählt, wie Tom auch auf der Realschule nicht zurechtgekommen war und letztlich ganz ohne Abschluß die Schule hatte beenden müssen. Eine Ausbildungsstelle hatte sie ihm über Beziehungen besorgt, nur um einmal mehr von ihrem Sohn enttäuscht zu werden. Die Arbeit bei der Post habe ihm einfach nicht gefallen und leider Gottes konnte sie sich dem Eindruck nicht erwehren, daß Tom wieder einmal die weiße Flagge gehißt habe ohne vorher die Fäuste zu ballen. All das hatte Toms Mutter zu berichten gewußt und dann hatte sie den ehemaligen Schulfreund ihres Sohnes um Hilfe gebeten. „Du bist meine letzte Hoffnung, auf Dich wird er bestimmt hören, wo Du doch so gut mit dem Leben zurecht kommst. Weißt Du, meine gutgemeinten Worte treffen bei ihm nur noch auf verschlossene Ohren. Wenn Toms Vater noch am Leben wäre, würde der ihm schon den Kopf zurechtrücken“, das waren die Worte gewesen, über die er jetzt nachdachte.
Er lachte kurz, als er auf dem Ferbsehbildschirm eine berühmte Sängerin aus Portsmouth eines ihrer herzergreifenden Liebeslieder singen sah, während seine Ohren E-Gitarren aus den Lautsprechern vernahmen. Was ihn früher so an Tom gestört hatte, war daß der sich nie selbst in die Verantwortung genommen hatte, immer war jemand anders der Schuldige, der Lehrer, die Freunde, die ihn runterzogen usw. Als er sein Bierglas geleert und wie eine abgeschlossene Akte auf den Tresen zurückgestellt hatte, war er sich sicher, was er machen würde: Am nächsten Tag würde er zu seinen Eltern fahren und dann am Abend mit Tom reden, irgend jemand mußte ihn ja zur Vernunft bringen. Wie schwach doch die Leute sind, die sich immer wieder an Ausreden klammern, dachte er sich nicht ohne Stolz über seine eigene Situation, als der Tisch, den er so genau beäugt hatte, abermals sein Aufsehen erregte. Der Junge und seine vermutliche Freundin hatten den Tisch verlassen. Sie standen nun in der Nähe des Eingangs am Kickerautomaten, wo sie sich heftig gestikulierend stritten. Es traf ihn mindestens so unverhofft wie die Telefonbeichte am frühen Abend, als er direkt in die Augen des Mädchens mit der Brille blickte, als er sein Augenmerk von dem Streit abwandte. Wie hypnotisiert hafteten seine Augen an dem Blick der Schüchternen, bis sie ihm, die Schultern zuckend, zulächelte. Daß sie ihn doch noch beachtete, machte ihm neuen Mut und er ging zu ihr hinüber. Charmant war sein selbstbewußtes Lächeln, freundlich erklang seine Stimme, als er zu ihr sagte: „ Hi, Deine Freunde scheinen ja ganz schön Streß zu haben, aber ich wollte Dich trotzdem ansprechen. Ist bestimmt eine blöde Situation für Dich, oder? Ich heiße Felix, darf ich fragen wie Du heißt?“
Das Mädchen guckte ihn einen kurzen Moment mit nichtssagenden Augen an, strich sich dann die rebellische Strähne aus dem Gesicht und drehte sich von ihm weg, um in der Seitentasche ihrer Jacke, die über der Lehne ihres Stuhles hing, zu kramen. Sein oft erfolgreiches Siegerlächeln, das selbstredend Selbstvertrauen symbolisierte, verlor seinen Ausdruck. Sie reichte ihm einen Zettel. Er las. Schweigend verließ er die Kneipe „Speaker’s Corner“ und auch am nächsten Tag sprach er mit niemandem.
 

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