Gut, dass du es aufgeschrieben hast.
Lieber tokolit,
keine Sorge – diese Story kommt an. Ich habe sie bis zur letzten Zeile genossen und kann mit Überzeugung behaupten, dass hier eine große Liebe mal ganz ohne Kitsch und Schnörkel beschrieben ist. Wohl mit einem gewissen Hang zur Redundanz, die aber nicht umständlich wirkt, sondern fesselt und tief in das Geschehen hineinzieht. Vorsichtig gefühlvoll und verhalten wehmütig bewegst du dich durch die einzelnen Stationen der Handlung, ohne je den Faden zu verlieren, ohne auch nur im Geringsten langweilig zu klingen. Dein Erzählstil wirkt sicher und – was besonders schön ist – auf seine Art einzigartig. Deine zyklische Gliederung gefällt mir. Die 11 Zigaretten für eine Mark bilden ja fast eine Art Rahmenhandlung. Man merkt, dass du sehr sorgfältig vorgegangen bist.
Einige Kleinigkeiten, die mir auffielen:
„Der direkte Nachbar war irgendwie interessant“
Das ist mir zu vage. Inwiefern war er interessant? Das wird hier nicht näher erläutert. Wenn es für den Handlungsablauf nicht wichtig ist, könnte das „irgendwie“ doch wegfallen. So weckt es nur eine Neugierde, die nicht weiter befriedigt wird.
„In der Zeit, in die meine Erinnerung schweift, hatte mein Blick aus dem Fenster als Ziel stets die Telefonzelle am Rondell; sie war mit ihrer Beleuchtung auch abends und selbst im gerade ausklingenden Sommer durch die noch voll im Grün stehenden Vorgärten hindurch gut zu sehen und stand in dieser bestimmten Zeit für den Kontakt zu meiner großen Liebe.“
Ein weiterer Beweis dafür, dass lange Sätze durchaus ihre Berechtigung haben, wenn sie so elegant „gewebt“ sind wie dieser hier.
„...ich denke, das erleben und durchleben viele Jugendliche in dieser Zeit.“
Dieser Satz wirkt deplaziert. Er passt nicht in die Handlung und durchbricht die Erzählung. Der Leser möchte hier an dieser Stelle nicht wirklich mit den Vermutungen des Autors konfrontiert werden. Weißt du, was ich meine?
„Heute kaum noch denkbar, dauerte es damals tatsächlich wohl zwei Monate, bevor es nicht mehr vermeidbar war, daß wir endlich mal telefonieren mußten.“
Das gibt es auch heute noch!
„Ich konnte auf den Wolken bleiben und ging auf ihnen den kurzen Weg zurück vom Platz unter den Birken, hatte das Gefühl, als könnte ich direkt durchs Fenster in mein Zimmer im ersten Stock einsteigen. Ich mußte dringend einen Brief schreiben . . . „
Schön! Das nenne ich doch mal Literatur...
„Diese Vorliebe ist mir lange erhalten geblieben, das ganze Studium hindurch hatte ich intensive Briefwechsel mit ganz verschiedenen Partnerinnen, allerdings nie mehr mit einer aktuellen Freundin. Da gab es nur noch einige wenige lange Schreiben in Krisen oder zum Ende von Beziehungen.“
Dieser Rückblick passt nicht in den Ablauf der Handlung. Gerade noch ist da der intensive Briefkontakt mit Linda und plötzlich erfolgt ein Zeitsprung, der völlig unvermittelt von späteren Kontakten erzählt. Ich dachte schon, die Geschichte findet hier ihr Ende.
„ein besonders dicker Brief, so ein dicker, gepolsterter Umschlag,...“
dicker – dicker – unschöne Wiederholung.
„Noch heute sind der Anblick oder die Erwähnung von Mozartkugeln für mich automatisch und untrennbar mit der Erinnerung an diese wunderbare Zeit mit Linda verbunden.“
Das ist zauberhaft!
„Die Monate gingen ins Land, es ging bei mir auf das Abitur zu, ...“
gingen – ging – Wiederholung
„Linda hatte neben ihrer einfach wunderbaren Art zu sprechen und zu lachen und ihrer Leidenschaft zu küssen einen Lippenstift - eine Art lip gloss - mit einem Geschmack, den ich bei der Erinnerung noch heute spüre.“
Schön, aber der Leser möchte dennoch wissen, wie Linda nun genau gesprochen hat. Was in ihrer Art zu sprechen machte sie so wunderbar?
Und sie hatte etwas gegen das Rauchen - und so wurde ich eine Woche lang zum Nichtraucher. Um nichts in der Welt hätte ich auch nur auf einen einzigen Kuß von ihr verzichtet !
Das ist durchaus nachvollziehbar.
„Immerhin kriegte ich mit, daß es ein trauriger Film war, und ...“
Na ja, „kriegte mit“ klingt nicht besonders fein. Es wird der dem Text immanenten Wortgewandtheit nicht gerecht.
„Das war zugleich natürlich traurig, da irgendwie endgültig, aber auch gut so, daß wir nicht unsere verbleibende Zeit mit unwahrscheinlichen Geschichten und verzweifelten Plänen verschwendeten, sondern einfach jede Stunde genossen, die wir noch miteinander hatten.“
Diese Textstelle habe ich herausgepickt, weil sie gleichzeitig so traurig und doch auf brutale Art abgeklärt erscheint. Das gefällt mir.
LG
Majissa