Ich war auf dem Weg zum Bahnhof, als ein kleines Kind auf einem Cityroller dicht an mir vorbeifuhr. Für einen Augenblick geriet es in jene unsichtbare Zone, die ich um mich herum mitführe, ohne sie je genau benennen zu können, und deren Existenz mir erst bewusst wird, wenn sie verletzt wird. Der Abstand war gering genug, um mich zu verärgern, aber nicht eindeutig genug, um diesen Ärger als gerechtfertigt zu erkennen.
Vielleicht war es gar kein Ärger. Vielleicht war es nur die plötzliche Berührung einer Grenze, die ich sonst so zuverlässig verteidige, dass ich sie selbst für eine Tatsache halte.
Das Kind war längst weitergefahren. Es war zu jung, um irgendeine Absicht zu tragen, die sich gegen mich hätte richten können. Und doch blieb etwas zurück, das sich nicht sofort einordnen ließ. Ich beschloss, mir nichts anmerken zu lassen. Als der nächste Passant mir entgegenkam, hob ich den Blick etwas zu früh, als würde ich prüfen wollen, ob meine unsichtbare Grenze noch sichtbar war.
Im Zug setzte sich ein Mann neben mich, der auf sympathische Weise zerknittert wirkte, als hätte ihn die Welt bereits mehrfach gefaltet und wieder entfaltet, ohne sich ganz für eine endgültige Form zu entscheiden. Er sprach mit niederländischem Akzent und versuchte mehrfach, die Tür zur Toilette zu öffnen. Jedes Mal antwortete ihm eine Computerstimme mit derselben geduldigen Bestimmtheit, dass das WC defekt sei.
Die Tür blieb dabei vollkommen ruhig. Sie sagte nichts. Und gerade darin lag ihre Unnachgiebigkeit.
Der Mann drückte erneut. Die Stimme blieb bei ihrer Einschätzung. Es war eine merkwürdige Szene: ein Mensch, der an einer Grenze rüttelte, und eine Maschine, die diese Grenze nicht begründete, sondern nur wiederholte. Nach einigen weiteren Versuchen gab er vorerst auf und wandte sich meiner Zeitung zu.
„Darf ich lesen?“
Ich hielt lediglich eine Seite der Zeitung in den Händen; der Rest lag neben mir. Doch noch bevor ich antworten konnte, meldete sich ein älterer Reflex: ein leiser Eigentumsimpuls, schneller als jede Großzügigkeit.
Für einen Moment überlegte ich, ob sich Besitz teilen ließe, ohne ihn zu verlieren. Dann reichte ich ihm die ganze Zeitung.
Er lächelte dankbar. Ich lächelte zurück. Und für einen kurzen Augenblick schien die Grenze zwischen uns weniger stabil, als ich angenommen hatte.
Zu meiner Überraschung stellte sich ein Gefühl von Geborgenheit ein, das weniger mit ihm zu tun hatte als mit der Tatsache, dass jemand für einen Moment dieselbe Oberfläche berührte wie ich.
Danach lasen wir beide. Jedenfalls versuchte ich zu lesen.
Mein Sitznachbar entwickelte jedoch einen eigenwilligen Umgang mit Papier. Während ich die Seiten vorsichtig umschlug, als wären sie eine kontrollierte Erweiterung meiner Aufmerksamkeit, schien er mit der Zeitung zu ringen, als wolle er sie zu etwas zwingen, das sie nicht sein wollte. Es raschelte, knisterte, knallte und schepperte in Abstufungen, die mich an eine fragile Ordnung denken ließen, die jederzeit in Geräusch zerfallen konnte.
Ich vermied es, ihn anzusehen. Nicht aus Ärger, sondern aus Rücksicht. Vielleicht, weil ich spürte, dass auch Beobachtung eine Form von Grenzverletzung sein kann.
Eine halbe Stunde lang kämpfte er mit dem Papier. Ob er dabei tatsächlich las, war unklar. Vielleicht war Lesen nur ein Vorwand für eine andere Tätigkeit: das gemeinsame Aushalten derselben Zeit.
Schließlich legte er die sichtbar mitgenommene Zeitung neben mich und wandte sich erneut seiner ursprünglichen Grenze zu.
Er drückte auf den Knopf der Toilettentür. Die Computerstimme meldete sich sofort.
„Entweder ist die Toilette kaputt oder derjenige darin ist eingeschlafen“, sagte er nachdenklich, als würde er die Grenze interpretieren, statt sie zu akzeptieren.
Ich schwieg.
Denn inzwischen hatte ich verstanden, dass die Tür nicht kaputt war. Sie war nur entschieden.
Kaum war die Durchsage verklungen, erschien der nächste Reisende. Er drückte den Knopf, als könne Wiederholung eine Tatsache verändern. Die Stimme blieb unbeeindruckt. Die Toilette blieb, was sie war. Dann kam der nächste. Und der nächste. Und der nächste.
Es war, als hätte sich im Waggon die stille Überzeugung verbreitet, dass eine Grenze durch Beharrlichkeit weich werden müsse, dass Realität eine Art Verhandlungspartner sei.
Alle ignorierten den Hinweis. Bis auf einen. Ein einzelner Reisender blieb vor der Tür stehen. Er las das Schild.
„This toilet is out of order.“ Er tat nichts weiter. Kein Drücken, kein Versuch, keine Nachfrage. Nur ein kurzes Anerkennen der Grenze.
Dann ging er weiter. Ich sah ihm nach, als hätte ich etwas beobachtet, das seltener ist als Einsicht: eine Übereinkunft mit der Wirklichkeit, die ohne Widerstand auskommt.Als ich den Zug verließ, suchte ich eine öffentliche Toilette auf.Als ich wieder herauskam, stand vor dem Drehkreuz mein ehemaliger Sitznachbar.
Er wirkte erleichtert, als hätte er eine Grenze gefunden, die sich schließlich doch hatte überreden lassen.„Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag“, sagte er.
Ich erwiderte den Gruß. Auf dem Weg hinaus fragte ich mich, ob Geborgenheit vielleicht genau dort entsteht, wo zwei Menschen für einen kurzen Moment dieselbe Grenze anerkennen, ohne sie benennen zu müssen.
Vielleicht war es gar kein Ärger. Vielleicht war es nur die plötzliche Berührung einer Grenze, die ich sonst so zuverlässig verteidige, dass ich sie selbst für eine Tatsache halte.
Das Kind war längst weitergefahren. Es war zu jung, um irgendeine Absicht zu tragen, die sich gegen mich hätte richten können. Und doch blieb etwas zurück, das sich nicht sofort einordnen ließ. Ich beschloss, mir nichts anmerken zu lassen. Als der nächste Passant mir entgegenkam, hob ich den Blick etwas zu früh, als würde ich prüfen wollen, ob meine unsichtbare Grenze noch sichtbar war.
Im Zug setzte sich ein Mann neben mich, der auf sympathische Weise zerknittert wirkte, als hätte ihn die Welt bereits mehrfach gefaltet und wieder entfaltet, ohne sich ganz für eine endgültige Form zu entscheiden. Er sprach mit niederländischem Akzent und versuchte mehrfach, die Tür zur Toilette zu öffnen. Jedes Mal antwortete ihm eine Computerstimme mit derselben geduldigen Bestimmtheit, dass das WC defekt sei.
Die Tür blieb dabei vollkommen ruhig. Sie sagte nichts. Und gerade darin lag ihre Unnachgiebigkeit.
Der Mann drückte erneut. Die Stimme blieb bei ihrer Einschätzung. Es war eine merkwürdige Szene: ein Mensch, der an einer Grenze rüttelte, und eine Maschine, die diese Grenze nicht begründete, sondern nur wiederholte. Nach einigen weiteren Versuchen gab er vorerst auf und wandte sich meiner Zeitung zu.
„Darf ich lesen?“
Ich hielt lediglich eine Seite der Zeitung in den Händen; der Rest lag neben mir. Doch noch bevor ich antworten konnte, meldete sich ein älterer Reflex: ein leiser Eigentumsimpuls, schneller als jede Großzügigkeit.
Für einen Moment überlegte ich, ob sich Besitz teilen ließe, ohne ihn zu verlieren. Dann reichte ich ihm die ganze Zeitung.
Er lächelte dankbar. Ich lächelte zurück. Und für einen kurzen Augenblick schien die Grenze zwischen uns weniger stabil, als ich angenommen hatte.
Zu meiner Überraschung stellte sich ein Gefühl von Geborgenheit ein, das weniger mit ihm zu tun hatte als mit der Tatsache, dass jemand für einen Moment dieselbe Oberfläche berührte wie ich.
Danach lasen wir beide. Jedenfalls versuchte ich zu lesen.
Mein Sitznachbar entwickelte jedoch einen eigenwilligen Umgang mit Papier. Während ich die Seiten vorsichtig umschlug, als wären sie eine kontrollierte Erweiterung meiner Aufmerksamkeit, schien er mit der Zeitung zu ringen, als wolle er sie zu etwas zwingen, das sie nicht sein wollte. Es raschelte, knisterte, knallte und schepperte in Abstufungen, die mich an eine fragile Ordnung denken ließen, die jederzeit in Geräusch zerfallen konnte.
Ich vermied es, ihn anzusehen. Nicht aus Ärger, sondern aus Rücksicht. Vielleicht, weil ich spürte, dass auch Beobachtung eine Form von Grenzverletzung sein kann.
Eine halbe Stunde lang kämpfte er mit dem Papier. Ob er dabei tatsächlich las, war unklar. Vielleicht war Lesen nur ein Vorwand für eine andere Tätigkeit: das gemeinsame Aushalten derselben Zeit.
Schließlich legte er die sichtbar mitgenommene Zeitung neben mich und wandte sich erneut seiner ursprünglichen Grenze zu.
Er drückte auf den Knopf der Toilettentür. Die Computerstimme meldete sich sofort.
„Entweder ist die Toilette kaputt oder derjenige darin ist eingeschlafen“, sagte er nachdenklich, als würde er die Grenze interpretieren, statt sie zu akzeptieren.
Ich schwieg.
Denn inzwischen hatte ich verstanden, dass die Tür nicht kaputt war. Sie war nur entschieden.
Kaum war die Durchsage verklungen, erschien der nächste Reisende. Er drückte den Knopf, als könne Wiederholung eine Tatsache verändern. Die Stimme blieb unbeeindruckt. Die Toilette blieb, was sie war. Dann kam der nächste. Und der nächste. Und der nächste.
Es war, als hätte sich im Waggon die stille Überzeugung verbreitet, dass eine Grenze durch Beharrlichkeit weich werden müsse, dass Realität eine Art Verhandlungspartner sei.
Alle ignorierten den Hinweis. Bis auf einen. Ein einzelner Reisender blieb vor der Tür stehen. Er las das Schild.
„This toilet is out of order.“ Er tat nichts weiter. Kein Drücken, kein Versuch, keine Nachfrage. Nur ein kurzes Anerkennen der Grenze.
Dann ging er weiter. Ich sah ihm nach, als hätte ich etwas beobachtet, das seltener ist als Einsicht: eine Übereinkunft mit der Wirklichkeit, die ohne Widerstand auskommt.Als ich den Zug verließ, suchte ich eine öffentliche Toilette auf.Als ich wieder herauskam, stand vor dem Drehkreuz mein ehemaliger Sitznachbar.
Er wirkte erleichtert, als hätte er eine Grenze gefunden, die sich schließlich doch hatte überreden lassen.„Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag“, sagte er.
Ich erwiderte den Gruß. Auf dem Weg hinaus fragte ich mich, ob Geborgenheit vielleicht genau dort entsteht, wo zwei Menschen für einen kurzen Moment dieselbe Grenze anerkennen, ohne sie benennen zu müssen.