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Virtuoso

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Martin war der Name, den meine Eltern mir gaben und welchen ich auf den Tod nicht leiden konnte.
Martin ist auch der Name, der nun, nur dreiundzwanzig Jahre später ganz unten auf meinem Testament steht.

Ich war immer mit der Einstellung durchs Leben gegangen, dass am Ende des Tages alles so kommen wird, wie es kommen soll. Ich machte mir nichts draus, dass ich in der Schule nie wirklich herausarbeiten konnte, in welche Richtung es mein Leben verschlagen sollte. Ich dachte, es wäre normal, dass ich viele Dinge einfach ausprobieren müsste.
Und das tat ich dann auch. Doch was passiert, wenn dieses „Ausprobieren“ nichts bringt? Was passiert dann, wenn man kein Interesse für irgendwas aufbringen konnte?
Seit meinem Abitur 2018 waren bereits drei Jahre vergangen. Ich war achtzehn und sehr naiv. Ich freute mich auf das Ungewisse und konnte es kaum erwarten, mich beruflich auszuprobieren. In diesen drei Jahren, die vergangen sind, habe ich zwei Studiengänge besucht, vier Praktika von jeweils ungefähr vier Monaten Dauer absolviert und eine Ausbildung begonnen, die ich nach sechs Monaten kündigte. Alles davon interessierte mich einen Dreck und ich wusste noch immer nicht, wohin es mit mir gehen soll.
Über diesen gesamten Zeitraum verlor ich nach und nach mehr von meinem Selbstvertrauen. Die Tatsache, dass ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anstellen sollte, versetzte mich in einen depressionsähnlichen Zustand. Ich war nie der Typ Mensch, der schnell aufgab, allerdings war es dieses Mal anders. Es ging um mein Leben und komischerweise war Aufgeben da plötzlich so realistisch.
Dass meine Freunde alle schon ihre Bestimmung gefunden hatten, machte die ganze Situation nicht leichter. Andauernd sagten sie mir Dinge wie: „Ach das wird schon.“, oder „Du wirst deinen Weg auch noch finden!“. Aber wann!? Bin ich so anders? Warum fällt es mir so schwer, etwas zu finden, was mein Leben bereichert? Ist das wirklich so schwer?
Drei Jahre. Drei Jahre lang war ich auf der Suche und die einzige Frage, die ich mir stellte, war, wie es weitergehen sollte. Ich hatte bereits alles versucht. Selbst in Sachen Berufsberatung oder Informationsveranstaltungen habe ich alles durch. Es fühlte sich wie eine Qual an. Der Gedanke daran, dass es mein Leben nirgendwohin verschlägt, war die Härte.
Selbst meine Eltern gaben mich als eines ihrer zwei Kinder quasi schon auf. Sie sagten zwar, dass sie an mich glaubten, allerdings verlor diese Aussage schon nach meinem zweiten Studium-Abbruch ihre Bedeutung. Noch dazu konnten mir auch meine Freunde nicht mehr helfen, da sie mit sich selbst beschäftigt waren. Ich war auf mich alleine gestellt.
Und dann begann das Schicksal seinen Lauf zu nehmen.
Ich erkannte schnell, dass Drogen die einzige Möglichkeit waren, mich meiner eigenen Realität zu entfliehen und etwas wie Freiheit und Glück zu fühlen. Da ich zu viel Respekt oder eher Angst vor chemischen Drogen hatte, stieg mein ohnehin schon bestehender Graskonsum in die Höhe. Ich dachte beim Konsum immer, dass ich Herr meiner Psyche wäre, doch schon bald zeigte sich, dass ich mich irren sollte.

Ein weiteres Jahr verging und ich war zweiundzwanzigeinhalb Jahre alt. Um mein Geld zu verdienen, jobbte ich seit etwa sieben Monaten bei meinem Händler als Kurier. Da ich noch im Elternhaus wohnte, war es nur eine Frage der Zeit, bis meine Eltern davon Wind bekamen. Ich glaube, es hat drei Monate gedauert. Deutlich länger, als ich vermutet hätte.
Sie schmissen mich von Zuhause raus, versprachen aber der Polizei nichts zu sagen unter der Bedingung, dass ich mich nicht mehr blicken lasse und den Kontakt weitestgehend abbreche. Mein kleiner Bruder war inzwischen in seinem vierten Semester Pharmazie und deswegen schenkten meine Eltern ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Kurz gesagt, ich war unsichtbar für sie.
Jedenfalls kam ich bei meinem Händler unter, der inzwischen die einzige Bezugsperson war, die ich noch hatte. Frühere Freunde wandten sich inzwischen vollständig ab und auch meine restlichen Familienmitglieder wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich war am sozialen Tiefpunkt angekommen und alles hatte damit begonnen, dass ich nicht wusste, wohin es mit meinem Leben gehen sollte.

Als ich eines Tages, ungefähr zehn Tage vor meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag, erneut einen Auftrag durchführte, war etwas merkwürdig. Generell war das der erste Tag, an dem ich die grauenvollen Auswirkungen meiner Krankheit zu spüren bekam.
Ich bog gerade in die Straße ein, in der der Kunde wohnte, als ich plötzlich ein fast schon unmenschliches Geschrei hörte. Ich nahm an, dass das Geschrei von draußen kommt, dachte mir aber nichts weiter dabei und fuhr normal weiter. Doch selbst als ich vierhundert Meter weiter gefahren war, veränderte sich weder die Lautstärke, noch die Klangfarbe. Ich stieg aus, um das Geschrei zu lokalisieren. Es kam aus keiner Richtung. Ich wollte genauer hinhören, allerdings verschwand es dann plötzlich. Wo zur Hölle kam dieses Geräusch her? Ich dachte mir wieder nichts dabei. Ich war schließlich auch high.
Nachdem ich den Auftrag beendet hatte, kehrte ich normal zur Wohnung zurück, bis ich dasselbe Geschrei kurz vor der Ankunft wieder hörte. Ich bekam Gänsehaut und ich fühlte mich sehr unwohl. Auch der Schweiß lief an mir runter, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Ich bilde mir das ein, war das einzige, was ich noch dachte. Es gab keine andere Erklärung, aber es hörte trotzdem nicht auf.
Aus dem nichts tauchte auf einmal ein Polizeiauto mit Blaulicht in meinem Rückspiegel auf. Da ich noch Gras dabei hatte, trat ich aufs Gaspedal und fuhr so schnell ich konnte. Ich schwitzte immer mehr und konnte das Lenkrad schon fast nicht mehr festhalten. Als ich nach zehn Sekunden wieder in den Rückspiegel schaute, war der Wagen weg. War die Polizei überhaupt hinter mir? Habe ich mir das auch eingebildet? Mir wurde übel und ich war kurz davor zu brechen, schluckte es jedoch wieder runter. Ich zündete mir eine Zigarette an, in der Hoffnung ein wenig runterkommen zu können. Ich rauchte sie auf und zündete mir eine weitere an. Es schien tatsächlich zu helfen.
Als ich zumindest glaubte, wieder klaren Kopf gefasst zu haben, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich betrat das Gebäude und während ich die Treppe zur Wohnung hoch lief, dachte ich nur noch an mein Bett. Ich wollte schlafen. Oben angekommen, ging ich in die Wohnung und bog schon instinktiv Richtung Badezimmer ab, als ich realisierte, dass so ziemlich die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt war und auch mein Händler nirgends zu sehen war. Es war alles weg.
Ich schaute auf mein Handy und sah eine Sprachnachricht.

Jetzt sitze ich hier mitten im Nirgendwo. Irgendwo an einer Klippe Richtung Meer. Es war fast Mitternacht. Ich denke an die Sprachnachricht, die Fred, mein Dealer, Mitbewohner und einziger Freund mir, kurz bevor die Polizei bei ihm eingetreten ist, geschickt hat. „Danke für alles!“, sagte er. Ich weiß nicht, ob er noch am Leben ist, ob er eingesperrt wurde oder sonstiges. Ich weiß es nicht. Erreichen kann ich ihn nicht mehr. Meine Nachrichten kommen nicht an.
Die Traurigkeit, die ich spüre, ist auf einem ganz anderen Level. Mir wurde alles genommen. Ich hatte nichts mehr. Mein Testament ist eine leere Seite mit meinem Namen.
Die Polizei hat mir meinen einzigen Freund, mein Geld, mein Gras und auch meinen letzten Lebenswillen geraubt. Tiefer kann ich nicht fallen. Ich stecke in einem so tiefen Loch aus Verzweiflung aus dem ich nicht mehr rauskomme. Ich gebe auf. Ich bin nicht dumm und ich weiß auch, dass ich vieles falsch gemacht habe, aber das ist mir einfach alles egal. Ich weiß sogar, dass ich an einer Psychose erkrankt bin. Ich kann aber trotzdem nicht die Halluzinationen von der Realität unterscheiden. Vielleicht ist auch all das hier ein einfacher Alptraum aus dem ich bald aufwachen werde.
Ich hab mal gehört, dass eine Überdosis Schlaftabletten der angenehmste Tod sein soll und ich bin ganz ehrlich, zumindest das hier sollte jetzt angenehm sein.
Es ist nun Mitternacht.

Alles Gute zum Geburtstag Martin...
 

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