50:50

Zettelin

Mitglied
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„Atmosphäre stabilisiert – Kapsel verriegelt. Setzen Sie sich! Anschnallen! Notstart in 15 Sekunden!“ Die weibliche Computerstimme wirkte völlig surreal. So ruhig, so sanft. Auch wenn er die Stimme seit Monaten kannte – heute wirkte sie unpassend. Aber dennoch: sie versprach ihre Rettung.Leon und Diana schnallten sich auf gegenüberliegenden Plätzen an.
‚Verdammt! Los jetzt!‘, schrie es in Leons Gedanken. Nur Sekunden bis zum Start. Aber die Zeit zog sich scheinbar ins Unendliche. Er sah zu Diana. Sie wirkte ruhig. Kühler Blick. Ihr Brustkorb hob und senkte sich immer langsamer. Nur ihre Hände verrieten ihre Anspannung. Mit weißen Knöcheln umklammerte sie das blutverschmierte Messer in ihrer Hand. Ein Ruck durchfuhr die Kapsel und presste sie in die Sitze. Durch das Fenster des Kapselschotts sah er das Raumschiff. Es wurde schnell kleiner.
„Seltsam. Von außen ist es völlig intakt. So, als wäre nichts.“, sagte Leon.
„Was?“, Diana schreckte aus ihren Gedanken auf.
„Das Schiff! Es sieht aus wie immer. Als wäre nichts passiert.“ Leon deutete mit einem Finger in Richtung Luke.
„Ein scheiß Blechsarg ist es! Das ist alles was es ist. Egal wie es von außen aussieht!“, spie Diana ihre Wut in die Kapsel.
Leon zuckte zusammen. Seine Hand sank zurück in seinen Schoß.
„Mhm“, gab er leise zurück. „Aber bist du denn gar nicht froh? Wir leben!“
„Ja – WIR leben! Und alle anderen? Die eine Hälfte grünäugige Monster und die andere ist immun. Aber die werden von den verdammten Infizierten zerfetzt und gefressen. Das waren unsere Freunde!“
Sie stierte aus dem Fenster der Luke. Leon konnte die Anspannung ihrer trainierten Muskeln sehen. Sie hatte gekämpft und ihnen den Weg durch das wütende Chaos der Infizierten auf der Station gebahnt. Ohne Diana hätte er es nicht geschafft. Er kannte sie schon einige Zeit und war immer von ihrer Fitness und Abgeklärtheit beeindruckt gewesen. Aber das, was sie in den letzten Stunden geleistet hatte war übermenschlich. Und es hatte ihnen beiden das Leben gerettet.

„Startvorgang beendet - Reiseflugphase. Zeit bis zur nächsten Raumstation: zwei Tage und sechzehn Stunden“, ertönte es wieder sanft, aber seelenlos aus dem Lautsprecher. Die Startdüsen waren ausgebrannt. Die Kapsel trieb nun ruhig durchs All.
„Danke…“, sagte er leise.
Dianas Blick fixierte weiter die schwarze Unendlichkeit außerhalb der Kapsel. Aber die Spannung wich aus ihrer Hand. Das Messer entglitt ihr. Es tanzte kreisend durch die Schwerelosigkeit. Leon löste seinen Gurt. Er blickte sich um. Das Messer rotierte nun in der Mitte zwischen ihm und Diana. Das rote Blut bildete einen scharfen Kontrast zur klinisch weiß gehaltenen Innenverkleidung der Kapsel. Blutstropfen lösten sich und trieben wie kleine rote Monde im Orbit des Messers.
„Du hast recht! Es ist egal. Wir haben es geschafft. Das ist was zählt!“, murmelte Diana unvermittelt in die Stille hinein. Sie wandte sich von der Luke ab und sah zu Leon. Diana lächelte ihn an. Ihre Augen hatten einen feuchten Glanz. In ihm spiegelte sich das gedimmte Licht der Kapsel. Wie ein Stern in einem interstellaren Nebel – einem grünen Nebel.

‚Nein!‘, schrie alles in ihm. Gedankenfetzen durchzuckten seinen Kopf: ‚Dreißig Sekunden! Mensch oder Zombie! Fünfzig – fünfzig!‘. Seine Schläfen pumpten.
‚Ich kann das nicht!‘ – ‚Doch – du musst! Sie ist so schon sehr stark. Als Infizierte kannst du sie nie besiegen!‘ - ‚Aber sie könnte auch immun sein!‘ – ‚Könnte…‘

„Was ist?“, fragte Diana.
Leon presste seine Füße gegen die Verkleidung seines Sitzes. Seine Beinmuskeln spannten sich an.
„Leon…?!“
Seine Augen fixierten das Messer.
Dianas Lächeln gefror. Ihre Hände schnellten zum Gurtverschluss.
Leon stieß sich ab.

In der Mitte tanzte die rote Klinge.
 



 
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