Abendessen

Amo Kamano

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Abendessen

Das Abendessen begann wie so oft nicht mit einem gemeinsamen Moment, sondern mit Geräuschen.
Ein Stuhl wurde über den Boden geschoben.
Jemand ließ eine Gabel fallen.
Aus der Küche kam das leise Klirren von Tellern.
„Es ist fertig“, sagte Mama, ohne laut zu werden.
Nach und nach kamen sie.
Nie alle gleichzeitig.
Tobi zuerst, weil er immer Hunger hatte.
Manuel, langsamer, mit einem Buch in der Hand, den Finger noch zwischen zwei Seiten.
Kevin schlurfte, als würde er erst prüfen, ob es sich überhaupt lohnte.
„Was gibt es?“
„Das, was es immer gibt, wenn du so fragst“, antwortete sie ruhig.
Er setzte sich trotzdem.
Der Tisch war schon gedeckt. Nicht perfekt – aber vollständig.

Ein Glas stand schief. Einer der Teller hatte einen kleinen Sprung. Niemand tauschte ihn aus.
Ich setzte mich zuletzt.
Kai kletterte auf seinen Stuhl und brauchte zwei Versuche, bis er richtig saß … als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er schon dazugehörte.
Dann sah er in die Runde, als müsste er kurz überprüfen, ob noch alle da waren.
„Fangen wir an?“, fragte ich.
„Wir warten noch auf Andreas“, sagte Mama.
Als wäre das ein Gesetz.
Als hätte jemand beschlossen, dass es erst dann wirklich beginnt.
Man hörte Schritte im Flur, dann kam er, ein wenig außer Atem, als hätte er die Zeit vergessen.
„Entschuldigung“, sagte er, leiser als nötig.
„Setz dich“, sagte sie nur.
Dann begann es.
Löffel tauchten ein. Brot wurde weitergereicht.
„Gib mal bitte“, sagte jemand, ohne aufzusehen.

Irgendwer anderes nahm sich mehr, als gedacht war.
„Nicht so viel“, kam es von der Seite.
„Ich ess’ das schon.“
„Das hast du letztes Mal auch gesagt.“
Ein kurzes Grinsen. Dann wurde weitergegessen.
Kai hielt seinen Löffel zu fest und kleckerte ein wenig.
Ein Tropfen landete auf dem Tisch.
Er sah ihn an, dann zu mir, als müsste ich entscheiden, wie schlimm es war.
Ich reichte ihm wortlos ein Tuch.
Er wischte langsam, sehr konzentriert, als wäre es eine wichtige Aufgabe.
Als er fertig war, nickte er sich selbst kaum sichtbar zu.
„Gut gemacht“, sagte ich leise.
Niemand kommentierte es. Aber es blieb im Raum.
„Wart ihr heute draußen?“, fragte ich.
„Ja“, sagte Tobi sofort.
„Kommt darauf an, was man unter draußen versteht“, murmelte Andreas.
„Frische Luft zählt“, sagte ich.
„Dann nein“, meinte Kevin und griff nach dem Brot.

Für einen Moment wurde es still. Keine unangenehme Stille. Eher eine, die Platz machte.
Man hörte das Kauen.
Das leise Klirren von Besteck auf Tellern.
Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Mama stand auf, holte noch etwas aus der Küche und stellte es dazu, ohne etwas zu sagen.
Ich sah ihr kurz nach.
Es war nichts Besonderes. Und genau das war es.
Kai lehnte sich ein Stück gegen meinen Arm, ohne den Blick vom Teller zu nehmen.
„Papa, ist noch was da?“, fragte er leise.
Diesmal sah er mich nicht an, als müsste ich es erlauben.
„Genug“, sagte ich.
Er nickte.

Ein paar Minuten später wurden die Bewegungen langsamer.
Die Teller leerer.
„Ich bin satt“, sagte Manuel und schob seinen Teller ein Stück weg.
„Dann bring ihn bitte schon mal rüber.“
Mama stand auf, nahm den Teller, zögerte kurz – und nahm dann gleich noch einen zweiten mit.
Ohne Kommentar.
„Ich auch gleich“, sagte Kevin, aß aber weiter.
„Natürlich“, murmelte Andreas.
Ein leises Lachen ging über den Tisch.
Kai gähnte.
Ich strich ihm kurz über den Rücken.
„Müde?“
Er schüttelte den Kopf, gähnte noch einmal und lehnte sich dann einfach an.
„Nur ein wenig.“
Am Ende blieb, wie immer, etwas übrig.
Nicht viel. Aber genug, dass niemand genau sagen konnte, wer eigentlich wie viel gegessen hatte.
Mama setzte sich wieder. Jetzt auch.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Der Tisch war unordentlicher als vorher.
Ein paar Krümel. Ein Glas halb leer.
Eine Serviette, achtlos gefaltet.
Ich sah in die Runde.
Alle da.
Und ich merkte erst jetzt, dass ich vorher gezählt hatte.
Jetzt wirklich.
Mehr brauchte es gerade nicht.
 



 
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