Aber Hallo!

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molly

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Aber Hallo!

Ich wünschte mir einen Freund, einen Weggefährten, der mich um einen Kopf überragte und mich mit blauen Augen anstrahlte. Bei einer Lesung in der Stadtbücherei traf ich meinen Traummann, schöner, als ich ihn in meinen Träumen ausgemalt hatte. Er hieß Christopher , nannte sich aber Chris, wie Chris Hemsworth. Meine Freundinnen beneideten mich, meine Mutter lehnte ihn ab. Nicht, dass sie etwas gegen ihn gesagt hätte. Ihr Missfallen erkannte ich an der linken Augenbraue, die sie leicht nach oben schob.

Zum Glück hatte ich eine eigene Wohnung, direkt über meiner Arbeitsstelle. Ich arbeitete im Sekretariat des Pastors und bewohnte im Pfarrhaus eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Nasszelle. Sie lag unter dem Dach, war winzig klein, aber sehr gemütlich. Ich besaß sogar einen Ohrenbackensessel, mein liebster Platz zum Lesen.

Zur Walpurgisnacht lud ich Chris zum ersten Mal in meine Wohnung ein, um mit ihm in den Mai zu tanzen. Ich bezog mein Bett mit der blau-schimmernden Satinwäsche, deckte danach auch die Staffelei ab. Das Bild zeigte ein Lavendelfeld mit einem Bauernhaus. Es würde ein Geschenk für ihn werden, eine Überraschung nach dieser Nacht. Chris schwärmte von der Provence. Chris und Lavendel, ich sah uns schon an einem Feld entlang schlendern. Vorsichtshalber verschloss ich die Schlafzimmertür. Dann staubte ich mein Bücherregal ab. Es fiel mir schwer, mich nicht zwischendurch in den Sessel zu setzen und zu lesen. Ich mochte meine Bücher, sie trösteten mich, wenn ich Chris nicht treffen konnte.

Chris kam eine Stunde zu früh. Nach einer kurzen Begrüßung löste ich mich und begleitete ihn in meine Wohnung. „Mach es Dir gemütlich, bediene Dich aus dem Kühlschrank.“ Dann hastete ich zurück. Ich verließ nur ungern mein Büro während der Arbeitszeit.

Pfadfinder-Häuptling Ulrich erwartete mich schon, diese Nervensäge fehlte mir gerade noch.
„Wo warst du solange? Ich brauche den Schlüssel für die Clubhütte. Heute Abend ist doch tanzen angesagt. Bist herzlich willkommen.“

„Nein, ich tanze nicht ums Lagerfeuer, großer Häuptling“, murmelte ich und gab ihm den Schlüssel.“ Tanzen in der Clubhütte? Das käme Chris bestimmt nicht in den Sinn. Er hatte einen Tisch im Hotel Dorner bestellt und nach dem Essen wurde im Saal getanzt. Ich summte leise. In Chris Armen und mit meinen Schmetterlingen im Bauch würde ich über die Tanzfläche schweben. Als ich hochsah, befand sich Ulrich noch immer im Büro, lümmelte sich vor dem Regal mit den Broschüren.

„Uli, bitte, willst du hier Wurzeln schlagen oder brauchst du noch was?“

„Du hast Besuch, ich habe das Schlenkerbein gesehen.“

Typisch Uli, immer eine freche Lippe. Von wegen Schlenkerbein, Chris trat stets elegant auf. Und Pfadfinderklamotten würde er niemals tragen.

„Ja, Chris ist gekommen und ich möchte so schnell wie möglich meine Arbeit hier beenden.“

„Und wann gehst du mal mit mir essen?“

Ich seufzte laut und schaute zur Decke.

Tschüssi, Liebes, ich wollte nur noch sehen, wie du mit den Augen rollst. Pass auf deinen Riesen auf. Heute Nacht sind noch andere Hexen unterwegs.“ Er warf mir eine Kusshand zu und verließ endlich mein Büro.

Ich hatte nichts gegen Uli, er war ein netter Kerl, tüchtiger Handwerker, aber einfach nicht mein Typ, braune Haare und kaum größer als ich. Dass er mich „Liebes“ nannte, störte mich nicht mehr, schließlich sagte er zu meiner Vorgängerin „Liebste“, und sie war schon 75 Jahre alt.

Nach einer halben Stunde hatte ich meine Büroarbeit erledigt. Wie rücksichtsvoll von Chris, er hatte mich weder mit einer SMS, noch mit einer Mail bei meiner Arbeit gestört. Ich fuhr den PC herunter, löschte das Licht und schloss die Tür ab. Dann sprang ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf.

Chris öffnete die Tür, nahm mich in die Arme und endlich gelang es mir, durchzuatmen, mich zu entspannen. Es duftete angenehm nach Tee. Ich schaute auf den kleinen Wohnzimmertisch. Wie liebevoll er ihn gedeckt hatte! Dann fiel mein Blick auf mein Bücherregal. Ein Schmerz fuhr durch meinen Bauch, der mich wimmern ließ. Meine Bücher!
Die Bibel lag neben einem Krimi, Fachliteratur neben Romanen, Kochbücher bei Gedichten, alle bunt durcheinander, aber nach Größe sortiert.

Fassungslos setzte ich mich in meinen Sessel, streckte die Beine weit von mir und fragte: „Christopher, warum hast du es dir nicht gemütlich gemacht?“
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(c)M.R
 

Ji Rina

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Fassungslos setzte ich mich in meinen Sessel, streckte die Beine weit von mir und fragte: „Christopher, warum hast du es dir nicht gemütlich gemacht?“

(c)M.R
Du hast nicht erwähnt, dass Du ein Messer in der Hand hattest....:D
Bücher sind uns heilig. Nichts schlimmeres, als ein Buch verleihen zu müssen. Ich habs ein paar mal getan und musste sie dann nachkaufen.
Christopher hatte da anscheinend nicht viel Feingefühl.
Liebe Grüsse, Ji;)
 

molly

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Liebe Ji,

Danke fürs Lesen und Deinen Beitrag. Wahrscheinlich hätte die Erzählerin nichts dagegen gehabte, wenn er ihre Fenster geputzt hätte. Aber ihre Bücher nach Größe zu sortieren, muss ein Schock für sie gewesen sein. Ein Messer in der Hand hätte sie bestimmt fallen lassen.

Ich wünsche Dir gute Ostertage, bleib gesund! "Daumen hoch"

molly
 

hein

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Hallo molly,

irgendwie fehlt am Ende etwas:
Wenn Chris schon am ersten Abend anfängt dein Leben umzuordnen solltest du ihn gleich in den Wind schießen.

Ansonsten schöne Geschichte, gefällt mir.

LG
hein
 

molly

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Hallo Hein,

vielen Dank für Dein freundliches Echo und die Sterne. Ich habe die Geschichte extra offen gelassen. Vielleicht gab sie ihm ja noch eine Chance. Auf jeden Fall hat der Traummann Risse bekommen, denn sie nennt ihn nicht mehr Chris sondern Christopher.

Ich wünsche Dir ein schönes Osterfest.

Viele Grüße

molly
 

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