Abgehört

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Kaetzchen

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Mit einem kurzen Aufschrei weckt sie die Anderen, die gerade in der Mittagssonne vor sich hin dösen und protestiert: „Habe ich mich erschrocken! Das ist ja eine Frechheit, den Spaten so unverhofft neben mir in die Erde zu rammen. Er hätte mich ja treffen können“. Einer Ohnmacht nahe läßt Möhri ihre langen Krauthaare hängen. „Naja, hoffentlich wird nun wenigstens mal das Unkraut ausgegraben“, meint ihre Nachbarin, „ich fühle mich schon so bedrängt“.
„Was heißt hier- Unkraut? Sie müssen mir keine Ausdrücke an den Kopf werfen, ich habe auch einen Namen. Außerdem bin ich ein Wildkraut und kann wachsen wo ich will“.
„Ha, wie ein Vagabund leben sie, haben nicht mal ein eigenes Beet“, kontert Möhri.
„Darf ich mich vorstellen, ich heiße Löwenzahn. Sie sehen ja meine gelbe Mähne, sie schlankes Persönchen“. Ein bißchen fühlt sich Möhri geschmeichelt und murrt deshalb nicht als Siebenhäutchen aus der nächsten Reihe etwas Luft abläßt und einen scharfen Gestank verbreitet, der nach oben entweicht. Aber die Gäste auf dem Hochbeet schimpfen: „Das ist ja nicht zum Aushalten, die da unten können sich nicht benehmen und verpesten penetrant die Luft“. Peterlieschen drückt es die Tränen durch den Stengel und sie tropfen von ihren Blättern herunter. Sie ist so sensibel.
Die Mütterchen nicken ihr mit ihren violetten Köpfchen zu und ihre gelben Gesichter lächeln gutmütig.
Herr Schnitti Lauchi sagt nichts dazu, er hat nur Augen für das zarte Rösl. Ihn macht ihr teures Parfüm so an und er ist verliebt in ihr rosiges Gesichtchen. Er würde ihr gern eines von seinen helllila Köpfchen schenken, aber er traut sich nicht.
Rösl steht in der Blumenrabatte und spricht nur selten mit den Anderen. Die kleinen Stinkerchen, die noch Studenten sind und in der ersten Reihe des Blumenbeetes wohnen, finden sie eingebildet und flüstern: „Die ist doch abgehoben, weil sie dem Flußmaler als Aktmodell dienen durfte und er ihr Abbild schuf, welches die Leute nur sehen dürfen, wenn sie selbst am Uferrand verweilt. Ansonsten versteckt er das Bild, deshalb ist es auch nicht berühmt geworden“. Aber Schnitti Lauchi würde das Rösl gern mal nackt sehen. Vielleicht kann er sie heimlich beim Regenduschen beobachten.
Aus dem Blumenbeet ertönt eine Stimme von ganz oben. Sie gehört der Madam, die den ganzen Tag ihr Gesicht der Sonne zuwendet und ihr schon ähnlich sieht. Es ist ein Wunder das sie noch keinen Sonnenbrand hat. „Habt ihr schon gehört, der Rabbi Kohl ist krank. Er hat große Löcher in seinem Blätterkleid und wird wohl bald völlig kahl dastehen. Täglich wird er von den Rechten Weißlingen überfallen, die wollen ihn fertig machen. Man sollte sie vergiften“. Alle recken ihre Köpfe nach oben, aber nur Rosmarie vom Hochbeet spricht aus was alle denken: „Wie kann man nur so herzlos sein! Wir wohnen doch hier im Biogarten“.
Sehen können sie den Rabbi Kohl nicht, er wohnt bei den Adligen im Gewächshaus. Auf die Adligen sind alle etwas neidisch. Die dürfen in dem stets klimatisierten Glashaus mit Belüftungsfenstern wohnen, bekommen jedes Frühjahr frische Erde und werden täglich mit der Handkanne von unten gegossen. Außerdem werden sie mit besonderen Leckerbissen verwöhnt.
„Die haben es gut“, haucht die dürre, lange Lotte, die eines der vielen Kinder der Familie Bohne ist.
„Die werden nicht jeden Morgen mit eiskalten Wasser bespritzt, welches wie Nadelstiche pieckt“. Lotte Bohne schüttelt sich bei diesem Gedanken.
Die Tür zum Luxushaus steht einen Spalt offen, so das der Kater Luzifer sich hineinschleichen kann.
Er liebt es sein Geschäft im Haus zu verrichten, denn die Erde ist dort so schön locker. Man hört furchtbares Geschrei: „Aua, der reißt mir mit seinem Gescharre die Wurzeln aus der Erde“! Die Hochbeetbewohner recken ihre Köpfe um durch den Türspalt zu sehen wer da schreit. „Es ist einer von den Weihnachtsbäumen mit den roten Kugeln“, klärt Schnitti Lauchi die Anderen auf. Gleich darauf hören sie ein vielstimmiges, langgezogenes „Iiiiiiiiiii“, denn der Kater beglückt sie mit einem riesigen, stinkenden Haufen. Luzifer denkt gar nicht daran sich die Mühe zu machen ihn zu verscharren. Er winkt grinsend und verschwindet.
„Da hat wieder einer vergessen die Tür vom Gewächshaus zu verschließen“, murren die Grünen, deren Vorsitzender der schwule Gurk ist. Er hängt lässig am Netz in voller Länge. Doch er ist altersschwach und vergilbt schon langsam, seine Tage sind gezählt. Um so mehr setzt er sich für die Umwelt ein. Aber die Roten, deren Sprecherin Tomatilda ist, protestieren: „Wir brauchen viel Luft“. Sie geraten ständig mit den Grünen in Konflikt, besonders Gurk und Tomatilda zoffen sich stets. Tomatilda soll ja mal scharf auf Gurk gewesen sein, aber er ließ sie abblitzen und sie war schrecklich beleidigt. Schon in der Babyschule im Wintergarten, wo die Samen ausgeworfen und hochgepäppelt werden, gab es immer viel Geschrei zwischen den beiden. Sie stritten um alles. Hätte jetzt Rabbi Kohl nicht wegen seiner Schmerzen aufgestöhnt, hätte es wieder einen ewigen Schlagabtausch zwischen ihnen gegeben.
„Rabbi Kohl muß nun ein Bioopfer werden“, flüstert Schnitti Lauchi vom Hochbeet. „Er wird ein Opfer des Fortschritts.
Plötzlich geht ein Raunen durch den Garten und Rösl wispert mit ganz verliebter Simme: „Seht doch, so seht doch, dieses Jahr gibt es zum ersten Mal blauen Regen“.
An der Pergola hängen die langerwarteten blauen Trauben, so schön, so jung, der Blauregen ist ein wahrer Adonis. Die alten Mädchen aus dem Staudenbeet blicken schmachtend zu ihm hoch und Rösl macht Schnitti Lauchi ganz eifersüchtig mit ihren Blicken nach dem Blauen. Alle Außenbewohner des Gartens sind entzückt und freuen sich über den neuen Bewohner.
Nun wissen es sie ganz genau und sind sich einig: „In diesem Garten läßt es sich glücklich leben“.
 

Lykill

Mitglied
Hallo Kaetzchen,

eine schöne Allelopathie hast Du da zusammengeschrieben, gefällt mir.

Liebe Grüße
Lykill
 

 
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