abgenutzt

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Frodomir

Mitglied
Hallo halblicht,

heute ist mir dein Gedicht begegnet. Es ist ein Text, der gezeichnet ist von dem Leid dieser Welt. So enthält er eine starke Resignation über die Beschaffenheit dieser Erde, während er aber heimlich doch noch etwas in sich trägt, was über dieses Leid hinaus geht. Es wird nicht ausgedrückt, aber durch die Deutlichkeit, mit der sich dein Text aus einer Not heraus der Abnutzung anpassen muss, entsteht auch gleichzeitig ein implizites Gefühl dafür, was verloren gegangen ist. Auch dahin lohnt es, den Blick zu richten, auch wenn deine Zeilen in die andere Richtung weisen.

Am Ende deines Gedichtes folgt der Ratschlag, sich sozusagen ein dickes Fell zuzulegen. Wie ein Elefant, der sich mit Dreck bewirft, um seine Haut zu schützen und zu pflegen. Darin erkenne ich auch einen großen Kampfgeist, sich den Bedingungen dieses Lebens zu stellen. Unter diesen Bedingungen fühlt sich dein Gedicht durchaus dunkel, aber auch kämpferisch an, obwohl ich, wie eingangs erwähnt, auch das nicht mehr so sichtbare Helle darin erkennen kann.

Wenn du mir gestattest, würde ich noch einen Gedanken äußern. In Vers 5 schreibst du: nichts ist wie es war

Hier hatte ich beim Lesen die Idee, dass ein Enjambement die Hoffnungslosigkeit und Resignation dieser Passage noch mehr unterstreichen könnte:

nichts ist
wie es war


Dadurch würde das Gefühl der Leere und der Sinnlosigkeit noch mehr Raum bekommen und so noch fühlbarer werden und das nichts ist würde auch in der Form noch besser zu ist alles passen, sodass man darin eine Dichotomie erkennen könnte.

Insgesamt habe ich mich gern mit deinem Gedicht beschäftigt.

Viele Grüße
Frodomir
 

Hanna Marie

Mitglied
hallo Halblicht, schon dein Name scheint ein Hinweis auf Kryptisches zu sein. Mein Vorredner hat schon viel Kluges gesagt.
Diese Leere und Sinnlosigkeit in deinem Gedicht kann ich deutlich fühlen. Nur die Erde auf die Haut zu legen, scheint mir nicht auszureichen, um vor dem Leid
geschützt zu sein. Dein Gedicht bietet also keinen Ausweg, warum auch? Es gibt eben keinen. Das ist glaubwürdig.
Ein gutes Gedicht, es beschönigt nicht.
LG Hanna
 

halblicht

Mitglied
Hallo Frodomir


Danke dir für das feinfühlige Feedback.


Besonders interessant für mich ist, dass vor "dann wider nach vorn" in einer früheren Version mal die zusätzliche Zeile "du siehst dich um" stand. Mein Blick ging da eher suchend durch den Staub, deiner geht dorthin, was verloren ging. Aber dass der Text genau an dieser Stelle die Pause braucht, die du füllst, bestätigt mir, dass das Streichen der Zeile dem Text hilft.


Zu deinem vorgeschlgenen Enjambement: Eine starke Beobachtung. Es würde der Zeile genau diese Leere geben, die du beschreibst. Ich habe mich hier bewusst für den langen Fluss entschieden, damit das freistehende "das" direkt danach wie eine Wand wirkt, mit einem Umbruch davor hätte das "das" für mich etwas von seiner abrupten Härte verloren. Aber ich sehe genau, was deine Version an dieser Stelle gewinnen würde.


Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass du dich so gern mit dem Text beschäftigt hast, und besonders, dass du auch das Helle im Text spürst, obwohl es unter einer dicken Staubschicht liegt.


Liebe Grüsse

halblicht
 

Ubertas

Mitglied
Liebes halblicht,

als ich dein Gedicht zum ersten Mal las, hatte es mich schon ver-fasst. Dann ließ ich es lesen, lesen in mir. Dabei hat es eines nicht erreicht: sich abzunutzen, in Vergessenheit zu geraten, aufgewirbelt zu verschwinden.

Hier meine Leseeindrücke, nur ein Ausschnitt daraus:
„im staub / treibt dein gesicht“ etwas ist noch sichtbar, wird verschleiert, aber es treibt und ist nicht vergangen.
„treibt dein gesicht / furchen in die felder“ dieses Antlitz verändert vermeintlich? den Boden, den Grund oder wirft Falten in seinem Werde-gang, in das Feld, es bearbeitet sich selbst, wird bearbeitet
„dann wider nach vorn und“ ein Wider, ein Entgegen, ein Paradox nach vorn und ein „und“, das eine Wiederholung beifügt, etwas Hinlängliches, das es nicht sein wird
„nichts ist wie es war“ revidiert durch ein Wider, dem zuwider sein
„das“ dahinter kein Fragezeichen, vielmehr ein Ausrufezeichen! Für meine Lesart
„ist alles“ allein zu lesen oder im Verbund mit „was hier normal ist“

Ist alles eine Frage? Ist alles hier normal?

Wieder ein Verharren „bleib“, fast wie eine Anrufung des Gesichts im Staub, samt seiner Furchen.
„klopf den staub aus“ so rätselhaft er erscheinen mag, ein „klopf“, ein Reinigungsvorgang ist es mir nicht im Lesen, mag es ausklopfen, klopf!, ihm folgt
„leg die erde auf deine haut“ etwas umfasst, kehrt zurück, will etwas darüber legen in Schichten, will es aufbrechen, nur da sein – gelegt auf deine haut. Keine Erde, kein Ende. Erkenntnis, zur Rückkehr vielleicht in „leg die erde auf deine haut“
Dahinter viel mehr, es ist kein Begräbnis darin.
Eine Offenbarung.
Ich habe den heimlichen Imperativ hinter „das“ und den unheimlichen Wunsch, dieses Gedicht wieder zu lesen.

So manches Gedicht geht den stillen Weg, nicht den breiten.

Ich bin begeistert von deinen Worten.

Liebe Grüße,
ubertas.
 



 
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