Abspülen

Wordy

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Sie stand in der kleinen Küche an der mit braunem Kunststoff emaillierten Spüle, die schon weitaus bessere Tage gesehen hatte. Unter sich spürte sie den weichen, verblichenen PVC-Boden an ihren nackten Füßen. Warmes Wasser spülte den weißen Schaum von Geschirr und Händen. Ein fast schon meditativer Vorgang. Jedenfalls entspannte es sie und es erfüllte sie mit tiefer Zufriedenheit, eine so einfache Arbeit im Gegensatz zu ihrem sonst stressigen Job und Familienleben auszuführen.

Ein Summen unterbrach den wundervollen Klang der Stille und eine recht beachtliche Fleischfliege platzierte sich auf dem Wasserhahn.

“Bah, bist du eklig!", sagte sie laut, schauderte, konzentrierte sich dann jedoch schnell wieder auf den Spülvorgang.

“Wenn ich eklig bin, was bist dann du?”, sprach die Fliege.

Das Wasser lief noch ein paar Sekunden. Dann drehte sie es ab und starrte ungläubig auf die Fliege, die sie mit ihren roten Augen begutachtete.

“Ich fand eure Haut schon immer abstoßend”, fuhr die Fliege fort. “So weich und diese kleinen Härchen. Und euer Geruch erst: diese Parfums, mit denen ihr versucht, eure wahre Natur zu beschönigen… Dafür gibt es gar kein Wort. Als Leichen seid ihr mir lieber. Meine Kinder lieben das. Das könnten die jeden Tag essen. Besser als so ein windiger Regenwurm. Da ist ja im Grunde auch nichts dran, wenn man mal ehrlich ist. Aber man nimmt, was man kriegen kann. - Warum benutzt Du eigentlich nicht einfach die Spülmaschine?”
 
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Aniella

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Witzigerweise habe ich mir gerade vorgestellt, wie es wäre, wenn sie von nun an diese Fliege immer träfe, wenn sie abspült, und sich daraus irgendwie eine Art "Freundschaft" entwickeln würde … ;-)
 



 
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