abwracknacht

5,00 Stern(e) 4 Bewertungen

Dimpfelmoser

Mitglied
abwracknacht

in dieser nacht änderte sich alles
(du jedoch wirst dich niemals ändern)​
eine ahnung von unberechenbarkeit
erbrach sich in unsere realität
und gebar ihr wort
es kündete von neuer größe
und altem zorn

bescheidene besonnenheit verätzte es zu
zügelloser leidenschaft
(du kennst diese geile, brutale gier)​
fraß forderungen in unsere verwahrlosung:
verweigert euch belangloser verantwortung
vergesst längst verblichene schuld
vertraut eurer versteckten gesinnung
(du weißt genau, was ich meine)​

und wieder waren wir gehorsam
kreuzigten unsere zweifel
und verschrieben ihren kindern empfehlungen
gesammelt auf schwarzen listen
(du weißt, wie man befehle ausführt)​

zurück zu den waffen rief es uns
(du hörst das echo nicht)​
griff nach unseren hüllen
die noch immer tage schauten und welten spiegelten
und ihre oberflächen mit wokem lack schützten
vielleicht war es nur eine vermutung von liebe
(du willst es nicht verstehen)​

zurück in die schlacht warf es uns
das irre lachen hörten wir nicht
nur die sirenen und das geheul
der enthaupteten zukunft
(du bist ihr untotes gedicht)​

zum schluss erinnerten wir fragmente eines bildes:
geriatrische zehen in öligem terrain
virile tattoos auf kraftlosen muskeln
verbrannte augen im geschichtsblinden himmel
im hintergrund das stimmvieh im stillen gebet
an den müll der stadt
dazwischen, brennend auf einer matten scheibe, ein
NIE WIEDER
und, die szenerie dominierend, ein invertierter phallus
scheinbar unentschlossen über einem roten knopf schwebend

ja, in dieser nacht änderte sich alles
(du jedoch wirst dich niemals ändern)​
 

Dimpfelmoser

Mitglied
Liebe @Aniella & @Wordy,

ich danke euch sehr für die Beschäftigung mit dem Text. Mir war es wichtig, dies gerade heute, zum 8. Mai, hier einzustellen. Daher auch ein großes Dankeschön für die Bewertung.

Liebe Grüße
Dimpfelmoser
 

wiesner

Mitglied
Diesen dickflüssigen, zugleich brennenden Stil vermochten längst untergegangene Autoren/innen deren Zeitgenossen um die Ohren hauen.
Es müssen von Vietnam gebeutelte Menschen gewesen sein.

Ein wirklich brilliantes Gedicht!

Gruß
Béla
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Dimpfelmoser,

da ist kein Umherschwirren der Libellen, dieses Gedicht geht von seiner ersten Zeile eins bis zu seiner letzten über sie hinaus.
Das "NIE WIEDER" erinnert mich an die Leuchtreklamen in unserem Hirn.
Ein Gedicht, das sich nicht in die Erinnerung legt. Es ist ein Gedicht, das sie umwirft, aufgräbt und ihr zeigt, wo sie sich befindet. Großartig!

Liebe Grüße,
ubertas
 

Dimpfelmoser

Mitglied
Lieber Béla (@wiesner), liebe @Ubertas,

für eure Kommentare und die wunderbaren Bewertungen will ich euch herzlich danken. Einige Themen packen mich gegenwärtig ziemlich an und führen dann auch zu solch einem Text (über dessen Wirkung ich mir doch recht unsicher war). Umso mehr freue ich mich über eure Reaktionen.

Liebe Grüße
Dimpfelmoser
 



 
Oben Unten