Adam und Eva

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OKABEL

Mitglied
Adam kam aus einer, man kann sagen, heiligen Familie. Er hatte gute Manieren, hatte keine bösen Gedanken oder überhaupt Gedanken, die seinen Angehörigen missfallen könnten; er kannte seine Stärken, war überzeugt von ihnen, dachte jedoch nicht viel an sich oder daran, wie die Welt ihn sieht; er ging auf dieser Erde, probierte von allen guten Früchten, welche seine Umgebung ihm gab, wusste über alles Bescheid und hatte für alles einen Namen. Adam war sich nicht bewusst, dass seine Eltern ihm ein Paradies auf Erden schaffen wollten, aus dem er sich, früher oder später kämpfend befreien müsste. Sie hatten alles dafür getan, ihn vor Schlechtem zu bewahren. Manche sahen ihn auf der Straße spielen und es schien ihnen, als sähen sie ihn hinter einem Zaun - eine Art Schleier, der auf ihm lag und ihm die Möglichkeit verwehrte, zu merken, dass er geleitet, jedoch ohne Freiheit durch sein Leben schritt.
Mehr noch als andere Eltern, sahen Adams Eltern es als ihre Pflicht, ihn keinem bösen Einfluss auszusetzen, ja sie versuchten sogar, seine Freunde für ihn auszuwählen. Es kam aber eine Zeit des Aufwachens in ihm, eine Zeit der Ruhelosigkeit und der Ahnung, die ihn nach einiger Zeit mit Trägheit und Langeweile sitzen ließ. Was waren die Dinge, von denen bei ihm Zuhause nicht gesprochen wurde? Wann auch immer Adam etwas Kontroverses ansprach, bekam er einen strengen Blick von seiner Mutter, der ihn fühlen ließ, dass er noch ein Kind war und Kinder von solchen Dingen nicht reden dürfen. Aus gefühlter Herablassung folgte Verbitterung welche seine Gedanken verdunkelte und nach einiger Zeit wurde ihm klar, dass er belogen wurde und dass es mehr gab, als den Schein, den seine Eltern mit Erfolg bis jetzt auf ihn gedrückt hatten. Er nahm sich fest vor, den verbotenen Geheimnissen auf die Schliche zu kommen.
Mit 14 Jahren fing diese seine Wesensart an, in ihm zu gären. Es war Dezember und Weihnachten stand vor der Tür. Jedoch war nichts mehr wie letzte Weihnachten: Es schien ihm fremdartig und geheuchelt, mit seiner Familie zu feiern, und auch seine jüngeren Geschwister, von denen er zwei, ein Bruder und eine Schwester, hatte, waren jetzt Geschöpfe anderer Art für ihn. Wo er doch von den Eltern erwarten durfte, dass sie seine Gefühlslage vor langer Zeit auch erlebt haben müssen, war ihm klar, dass seine Geschwister so sicher noch nicht denken konnten, denn für sie war alles noch familiär und bequem im Paradies. Sie waren wie er früher war und wie er nie wieder sein konnte. Jedoch war der Unterschied zwischen ihnen noch nicht so groß, dass sie nicht von ihm verstanden wurden. Er verstand sie sehr gut und vielleicht hatte er auch eine heimliche Sehnsucht nach dem Zustand in dem sie waren und vielleicht war eben diese Sehnsucht der Grund seiner steigenden Verachtung ihnen gegenüber. Da er nie wieder so sein konnte wie sie, verachtete er sie. Natürlich war es keine bewußte oder gar gewollte Verachtung, aber er wollte einfach auch wieder so kindlich und zufrieden sein wie sie, wusste aber nicht, woraus er eine kindliche Freude ziehen konnte. Wo er vorher zu sehr ein Kind gewesen ist, wurde er jetzt desto schneller und verfrüht ein Erwachsener. Mit dem Gesicht eines Geächteten feierte Adam Weihnachten dieses Jahr mit seinen Eltern und Verwandten. Er fühlte sich von sich selbst verraten und vor den anderen gedemütigt. Was genau warf er den Eltern vor? War es, dass sie nicht die Fähigkeit besaßen, ihn als Kind zu erhalten? Natürlich wurde seine Gefühlslage, wahrscheinlich schon vor ihm, von seinen Eltern bemerkt. Sie versuchten, ihn über seine Lage auszufragen, aber er verriet ihnen nichts von seiner Verwandlung. Er hatte also zum ersten mal ein Zustand, welchen er selbst nicht beschreiben konnte vor seinen Eltern versteckt. Das Gefühl, einen Schritt vorraus zu sein, schaffte Platz für ein Gefühl der Überlegenheit, gemischt mit Angst. Angst hatte er, dass seine Eltern durch den Kokon, den er immer dicker baute durchsehen könnten. Und manchmal wiederum war er sich sicher, sie können es nicht. Aber auch Eltern waren mal Kinder, und so kannten sie seine Lage und in was Adam sich angefangen hatte zu verwandeln.
Das einzige, was einen ein langes Weihnachten durchstehen lässt, ist ein Licht am Ende des Tunnels: Silvester. Sein neues Lieblingsfest war es, seitdem Weihnachten mit den "Heiligen" ihm zuwider war. Aber eine Nacht, in der man sich mit Gleichgesinnten trifft, mit ihnen ein Feuerwerk beschaut oder selbst entzündet und sich ueber die Merkwürdigkeit dessen erfreut, dass das Datum nie wieder gleich geschrieben wird, Tage kommen wieder, Monate kommen wieder, Jahre jedoch kommen nicht wieder, war genau das, was ein junger Mensch braucht. Der Tag rückte schnell näher. Adam konnte jedoch seine Gemütsverfassung nicht klar zuordnen. Einerseits war da Aufgeregtheit: Er wird zum ersten mal mit seinen Freunden, ohne Eltern, in das neue Jahr gehen. Der Umstand, ohne Eltern das Jahr zu beginnen, gab ihm ein Gefühl des Erwachsenwerdens. Er hätte es nach dem letzten Weihnachten nicht ausgehalten, noch eine Feier mit ihnen, die er verachtete, zu haben. Der Aufgeregtheit war aber auch eine neue Art Vorfreude beigemischt. Nicht eine wie er sie vor Weihnachten hatte, als er noch, wie seine Geschwister jetzt, sich auf Geschenke freute. Diesmal war es eine, die sich auf etwas ganz neues freute. Auf etwas ausserhalb des Schleiers der sein Leben bedeckte und ihn klein ließ. Eines vor dem kein Kind beschützt werden kann, egal wie groß der erbrachte Aufwand der Elten war. Sein bester Freund nämlich sagte ihm, dass sein älterer Bruder ihm eine Kiste Bier besorgt hatte, welche er wie ein guter Kamerad und Freund mit ihm natürlich teilen würde. Martin hieß er. Obwohl Adams Eltern gegen diese Freundschaft waren, hatten sie es nie geschafft, dass Adam Martin abgeneigt war. Sie gehörten zusammen und früher oder später geben die Eltern ihre Bemühungen resigniert auf.
Noch vor einem Jahr hätte Adam nie geahnt, dass ihm so etwas Vorfreude geben konnte. Zum ersten mal hatte er Freude auf etwas, für seine bisherige Umgebung mit den Eltern, Böses. Als wäre das nicht ein ausreichender Gefühlssturm, bemächtigte sich seiner noch etwas: Schüchternheit. Seine Freunde nämlich, welche auch, im Gegensatz zu ihm, noch andere Freunde hatten, hatten mehr Leute eingeladen, was Adam unsicher und ängstlich machte. Er konnte seine Bedaenken kaum zurrückhalten, als Martin ihn versuchte damit zu beschwichtigten, dass auch Mädchen kommen werden. Mädchen? Ausser dem spielerischen Verhalten zu seiner jüngeren Schwester hatte er kaum erwähnenswerten Kontakt mit anderen Mädchen gehabt. Jedoch, ohne Rücksicht auf unserer trivialen Gefühle, kommen die Begebenheiten wie sie kommen müssen und Silvester rückte näher.
Kurz vor der Feier beruhigte sich sein erhitztes Gemüt ein wenig und er empfand nur noch die Vorfreude und kaum noch Angst oder Schüchternheit. Da die Eltern von Martin ihre Feier woanders hatten und somit das Haus frei war, traf man sich dort für das Fest. Adam war der erste der da war und half gerade beim Vorbereiten, als die ersten Gäste eintrafen. Er sah bekannte, aber auch unbekannte Gesichter, was in ihm wieder die vorherige Schüchternheit aufkommen ließ. Jedoch war die Stimmung so ausgelassen, dass niemand diesen Umstand an ihm bemerkte und alle sahen ihn weiterhin so, wie sie ihn vorher sahen.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, stand sie vor ihm. Obwohl er diesmal sehr darauf fokussiert gewesen war, wer kam, hatte er sie nicht bemerkt, was ihm die Möglichkeit nahm, sich auf sie vorzubereiten. Es war, als wäre sie hinter einem Busch hervorgetreten, nur um ihn zu erschrecken. Bei ihrem Anblick lähmten sich seine Glieder und er bekam schwitzige Hände. Das bemerkte er natürlich sofort, was seine Hände noch schwitziger machte. Die Musik um ihn herum wurde leiser und er hörte die anderen Stimmen um ihn herum nicht mehr. Es schien ihm, als höre er ihren Atem und mit einem mal wünschte er sich nichts sehnlicher, als ihren Hauch auf seiner Haut zu spüren. Aber er konnte nicht zu ihr hingehen. Er hätte ihr nicht einmal die Hand reichen können, wenn sie auf ihn zugekommen wäre, was sie auch, zu seinem Glück, nicht tat. Er konnte sich aber für eine Zeit auch nicht von ihrem Äußeren losreißen. Es schien, da sie etwas seitwärts zu ihm stand, dass sie ihn nicht bemerkte, was Adam Hoffnung gab, da er sich somit nicht völlig zum Esel gemacht hatte. Sie bemerkte ihn aber, tat jedoch so, als sehe sie ihn nicht. Ein Mädchen, wenn auch im jungen Alter, hat immer die Fähigkeit, sich als unerreichbar zu verkaufen, als sei sie in einem hohen Turm eingesperrt, um das ein gräßliches Ungeheuer schwebt, welches sie um jeden Preis beschützt. Adam wusste nichts davon, aber eine nie gekannte Furcht vor diesem Ungeheuer kam über ihn. Sie gab ihm die Kontrolle über seinen Körper wieder. Er drehte sich schnell weg, da er wirklich der Meinung war, sie habe ihn nicht gesehen und mischte sich unter die anderen Menschen auf der Suche nach Martin. Adam fand ihn in der Küche. Er holte gerade die bereits erwähnte Bierkiste hervor und gab Adam ein Bier, nachdem er es geöffnet hatte. Das gab Adams Gedanken eine neue Richtung und er vergaß von seinem vorigen Treffen. Sein erster Schluck Alkohol. Er fühlte ein leises sich Wiedersetzen in sich, den ersten Schluck zu nehmen und er meinte, dass die Augen der anderen Gäste auf ihm ruhten. Dies war jedoch nicht der Fall, da der Mensch sich selten um etwas anderes als um sich selbst kümmert, wobei es dem Lesers überlassen ist, sich über diese Eigenschaft von uns allen ein Urtel zu bilden. Der Widerwille gewann und er wollte gerade die Flasche absetzen, als plötzlich das Mädchen wieder auftauchte. Diesmal näher und jetzt war er sich sicher, dass sie ihn anguckte und dass ihr nichts entging was er gerade tat. Seine Seele protesierte, aber er achtete nicht darauf was in seinem Inneren vorgeht, was eine besondere Auszeichnung solchen Alters ist und nahm einen Schluck, da er ihren direkt auf ihn gerichteten Blick als Aufforderung sah. Alles hätte sie ihm mit diesem Blick entlocken können. Er musste sich um ihretwillen zusammenreißen, sein Gesicht nicht zu einer Grimasse zu verziehen, so abscheulich schmeckte ihm das Gesöff. Sie, sich ihrer Macht über ihn bewusst, lächelte und er, nicht wissend was Macht ist und somit ihr lächeln falsch interpretierend , fühlte sich ihr näher. Stolz darüber, die kleine Schlacht gegen seine innere Stimme, welche sich für den Rest des Abends nicht mehr rührte, gewonnen zu haben, leerte er die Flasche und nahm sich die nächste. Nach der zweiten Flasche, welche ihm kleiner und wohlschmeckender vorkam, fiel ein Großteil seiner Schüchternheit und auch ein Großteil der meisten anderen, ihn zurückhaltenden Gefühle, wie Ballast von ihm ab und seine Seele flog frei, wie schon lange nicht mehr.
Die Zeit aber flog auch und es war schon Mitternacht, als sich alle draußen versammelten, um das Neujahr mit Raketenfest zu feiern. Mit einem mal sah man ein buntes Feuerwerk und rings um ihn herum erschütterte alles ein lautes Krachen. Die ganze Welt war in Erwartung und halb ohnmächtig sahen alle zu wie unsere Welt aus der Dunkelheit erwachte. Blendendes Licht schien auf alles und es schien, als decke das flammende Schwert eines Cherubin alle Geheimnisse auf.
In diesem Getöse fand Adam sich wieder und um sich blickend wurde er gewahr, dass sie auf ihn zukam. Bevor er was sagen oder sich wehren konnte, legte sie ihre Hände um seinen Kopf und küsste ihn auf den Mund. Wie lange der Kuss dauerte, das wusste Adam nicht mehr. Er wusste nur noch, dass sich in ihm alles schmerzlich zusammenzog und es schien ihm, als wache er in einer anderen Welt auf. In einer Welt, in der es keine Geheimnis mehr gab - er hat von der verbotenen Frucht gekostet.
Nach einem ihn durchbohrenden, Blick in seine Augen sagte sie:"Hi. Ich bin Eva und wer bist du...?"
 

 
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