Ährensache - So netter Hintersinn

Walther

Mitglied
Ährensache


Der arme Dichter liebt Sonette, jene
So nette Form des strengen Versequälens,
Des freudvoll losgejambten Silbenzählens,
Was eine Kunst ist, wie ich kurz erwähne,

Und reine Form des Geisteskräftestählens,
Die manchen an den Rand des Wahnsinns brächte,
Versuchte er, des Guten voll, das Schlechte
Zu übertünchen, jenseits dieses Stehlens

Von Reimen durch die Softwareautomaten,
Die Google gerne zahlreich präsentierte,
Vor deren Augen führte faulen Fragenden:

Ganz unter dem Verzicht auf solche Taten,
Mit denen man Gedichte nicht verzierte,
Aus Rücksicht schon auf die sich redlich Plagenden.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo, Walther,
bei Deinem Sonett habe ich mir Zeit gelassen zum Kommentieren. Er gefällt mir insgesamt gut.

"Ährensache" erinnert mich an das "Ährenwort" der Dresdner Mühlen. Ich war leicht enttäuscht, keinen Zusammenhang zu Ähren zu finden, er liegt wohl in der Metaebene, wenn man das Gedicht als Feld betrachtet, in dem die Verse wie Ähren stehen.

Zu übertünchen, jenseits dieses Stehlens
Von Reimen durch die Softwareautomaten,
Hier würde ich eher erwarten "aus den Softwareautomaten".

In "Vor deren Augen führte faulen Fragenden:" verwendest Du eine Rückwärtsreferenz von Fragenden zu deren (bzw. öffnest eine Bindung, die erst am Ende des Verses gelöst wird). Das erscwert (absichtlich oder unabsichtlich) die Verständlichkeit.

und vor die Augen führte faulen Fragenden ... macht es mehr lakonisch, behält Erzählduktus, aber der wesentliche Punkt: Es lenkt nicht von der Änderung des Versendes, des Versmaßes ab, denn dieser Vers endet weder männlich noch weiblich, sondern mit reicher, gleitender Kadenz.
Das finde ich gut, weil das Gedicht selbstbezüglich wird und das Ausbrechen vom ursprünglichen Versmaß zeigt.

...

PS: Ich habe eine Verbindung gefunden: Der arme Dichter muss essen. Sein Brot verdienen. Ährensache.
 

Walther

Mitglied
lb Bernd,

danke für deine kenntnisreiche analyse und deine vorschläge.

die "Ährensache" ist (auch) eine verballhornung der "Ehrensache" und weißt damit auf die art des gedichts hin. die "ähre" ist übrigens in der heraldik gerne eingesetzt und sehr symbolschwanger. :)

ich werde mir deine tips anschauen und dann das eine oder andere umsetzen.

lieber gruß W.
 

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