Affe, Vogel, Pfeil und Kreis

Wegen ihrer enormen Abmessungen sind sie vollständig nur aus großer Entfernung zu erkennen, vorzugsweise von Hügeln, oder noch besser, aus einem Flugzeug. Affe, Vogel, Pfeil und Kreis: mysteriöse Geoglyphen in Form von Scharrbildern in der Atacama-Wüste Perus. An diesen Anblick aus der Vogelperspektive erinnerte sich Dr. Patrick Burger nun beim Anflug auf die Stadt Tacna. Er hatte nur noch schwache Erinnerungen an diese Gegend, denn er war gerade acht Jahre alt gewesen, als er mit seinen Eltern einige Tage hier am Rand der Atacama-Wüste in Peru verbracht hatte. Mit seiner Mutter war er seinerzeit in diese peruanische Wüstenstadt gereist, wo die beiden seinen Vater besuchen wollten. Der hatte als einer der ersten Läufer überhaupt, hier die trockenste Wüste der Welt zu Fuß durchquert. Nun, fünfundzwanzig Jahre später, blickte Patrick auf diese riesigen steinernen Piktogramme, die sogenannten Nazca-Linien, jetzt aus der Sicht eines Wissenschaftlers. Er war auf dem Weg zu einem archäologischen Kongress an der Universidad Nacional in Tacna. Hier sollte ein internationaler Erfahrungsaustausch über archäologische Grabungen in der Nasca-Ebene stattfinden. Auf der Basis neuer Erkenntnisse amerikanischer Forscher galt es, eine exakte Deutung des archäologischen Status' zu bestimmen. Ergebnisse früherer Jahrzehnte, dokumentiert von der deutschen Forscherin Maria Reiche und interpretiert vom umstrittenen Erich von Däniken, waren offenbar widerlegt worden. Das Symposium endete mit einem Eklat; die Anhänger einer eher esoterischen Sichtweise auf das hiesige Phänomen hatten lautstark und fast übergriffig die Veranstaltung dominiert. Der Geomorphologe Dr. Patrick Burger teilte diesen Veranstaltungsverlauf seinem Auftraggeber, Deutsches Archäologisches Institut in Berlin, mit. Er reiste anschließend aus Tacna ab. Allerdings nicht auf direktem Weg zurück nach Deutschland, sondern er folgte Aufzeichnungen seines verstorbenen Vaters in Richtung San Pedro de Atacama, im Norden Chiles. Dieses Oasendorf, mit einem in einer solchen Wüste selten vorkommenden unterirdischem Wasserzulauf inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung gelegen, ist zu einem Hotspot verschiedenartiger Expeditionen geworden. San Pedro ist Basislager für Forscher und inzwischen auch Anlaufpunkt für Abenteurer jeglicher Couleur geworden. Um den Ort herum, eine Landschaft wie auf dem Mond. Gebiete, in denen es seit Jahrzehnten nicht geregnet hat. Riesige, in der Hitze flirrende Salzseen reichen bis an die Grenze zu Bolivien, wo der mächtige Kegel des Vulkans Licancabur diese faszinierende Kulisse überragt.

Von hier aus startete Patrick in Richtung des ca. 80 km entfernten Geysir-Felds, El Tatio. Für diese Strecke auf dem Altiplano benötigt ein ortskundiger Fahrer mit einem Allradfahrzeug gut zwei Stunden. Dort endet die befahrbare Piste. Patrick Burger verabschiedete sich hier vom Guide. Er hatte nun eine Trekkingstrecke von zwei Tagesmärschen vor sich. Die dampfenden Säulen der hoch aufschießenden Fumerolen der Geysire von El Tatio hatte er bald hinter sich gelassen. Hier, auf fast 4000m Höhe, gab es bis zu seinem Ziel, eine unerforschte Höhle bei Ollagüe, keine nennenswerte Ansiedlung mehr. Eine Ansammlung windschiefer Hütten andiner Alpaka-Hirten waren die letzten Anzeichen menschlicher Existenzt. Selbst für Bergwanderer mit guter Kondition bedeutet solch ein Marsch in sauerstoffarmer Gebirgsluft eine enorme Anstrengung. Patrick Burger erreichte den Eingang der Höhle am frühen Morgen des dritten Tages. Die Weg-Beschreibung seines Vaters hatte exakt den vorliegenden Gegebenheiten entsprochen.


Am Fuße eines Hügels quetschte er sich durch einen engen Eingang ins Innere der Kaverne. Der zitternde Strahl seiner Stablampe wies ihm den Weg tief in den Untergrund eines gewaltigen Bergmassivs hinein. Durch einen tunnelartigen Gang erreichte er eine große, fast runde Höhle von beträchtlicher Deckenhöhe. Er leuchtete diesen Raum, mit den Ausmaßen eines Ballsaals, weitflächig aus. Und was er im Lichtkegel seiner Lampe erblickte, verschlug ihm den Atem. Er schaute auf rundum glatte Wände, die deutliche Bearbeitungsspuren aufwiesen. Vor der Stirnwand lagen systematisch angeordnete Steinblöcke, die wie Möbel zu einer Sitzformation angeordnet waren, alle glatt und eben. Und davor, schräg über dieser 'Sitzgruppe', ein in Stein gehauenes Tableau voller Zeichen und Symbole. Das Ganze hatte für ihn die Aura eines Lehrsaals. Er konnte es nicht fassen, was er dort sah: miniaturisierte maßstabgerechte Abbildungen der riesigen Nazca-Linien. Neben etlichen anderen Zeichnungen waren auch seine Symbole zu erkennen: Affe, Vogel, Pfeil und Kreis. Mit Höhlenzeichnungen anderer Gegenden im Stil steinzeitlicher Malereien der Cro-Magnon-Menschen wie im französischen Lascaux hatten sie keine Ähnlichkeit. Diese Darstellungen hier wirkten wie aus einer anderen Welt. Dem Forscher kamen sie in ihrer Anordnung vor wie technische Anleitungen oder verschlüsselte Abbildungen für ein Periodensystem. Burgers erster Gedanke war, Erich von Däniken mit seinem außerirdischen Geschwurbel, konnte und durfte nicht recht haben. Aber wie sollte er diese Entdeckung hier deuten? Es gab für ihn keine Schlüsse auf Querverweise zu ihm bekannter Formen. Stand er hier möglicherweise vor einer Darstellungsform ganz anderen Ursprungs, einer nie für möglich gehaltenen neuen Quelle? Gab es sie doch, unbekannte Vorläufer in der Evolutionskette, die die Spezies Mensch als Medium auf ihr System vorbereiten wollten? Unvorstellbar. Einen extraterrestrischen Zusammenhang hatte er bisher kategorisch ausgeschlossen. Aber wer waren die Erschaffer dieser 'Dokumente' aus Stein?

Patrick Burger spürte jetzt die Erschöpfung. Allein die Positionswechsel für seine fotografische Dokumentation bereiteten ihm Mühe. Sauerstoffarme Gebirgsluft und abgestandene Höhlenluft raubten allmählich seine Kräfte. Er schaffte es gerade noch, Proben von einigen Zeichnungen abzukratzen und kleinere der offensichtlich systematisch angeordneten Steinbrocken an sich zu nehmen. Der Weg zurück zum Höhlenausgang wurde zur Qual. Beim Herauskriechen durch den engen Ausgang verhakte sich sein Rucksack mit seinen darin enthaltenen Geräten und rutschte zurück in die dunkle Höhle. Er hatte nicht mehr die Energie, das Gepäckstück zu bergen. Mit großer Mühe kroch er ans Freie. Die Luft war hier klarer, aber viel sauerstoffreicher war sie in dieser Höhe nicht. Es war kein geordnetes Gehen mehr für ihn möglich, eher ein Stolpern, Fallen und Kriechen. Er stürzte und rollte den letzten Hang hinunter bis vor eine Hütte der Lama-Hirten. Hier verlor er das Bewusstsein. Zwei Wochen später erwachte Patrick Burger im Centro Medico Antofagasta an der chilenischen Pazifikküste aus dem Koma. Er wies noch erhebliche kognitive Defizite auf, und die Neurologen konnten aktuell keine genaue Prognose über seine Wiederherstellung abgaben. Zudem redete der deutsche Forscher wirr. Begriffe wie, Affe, Vogel, Pfeil und Kreis, auf Deutsch gestammelt, waren das einzig Vernehmbare, das er von sich gab. Die in seiner Kleidung verbliebenen Gegenstände wurden nach Deutschland geschickt. Darunter befand sich auch eine Gesteinsprobe, die seine Chefin, Professorin Can Tho, in ihrem Institut in Berlin nicht identifizieren konnte. Sie reichte dieses Muster zur Begutachtung an ein Labor der NASA in Houston weiter. Das Ergebnis: Die eingesandten Gesteinsfragmente stimmten zu einhundert Prozent mit denen überein, die die amerikanische Marssonde 'Preseverance' aus dem Jezero-Krater auf dem Mars entnommen hatte. Mögliche Abweichung: none.
 



 
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