Dionysos von Enno
Mitglied
Die schlanke Hand griff sich ins Haar,
bändigte es in der Spange.
Und sein Begehren wuchs und wurde roher,
wurde wahr,
so wahr wie dieses Morgenrot
auf ihrer jugendlichen Wange.
Er stand so wie ein Bettler um sie her,
als ob die Göttin sich ihm offenbare,
die anzurühren schon zu sterben wär,
und sank zurück hinter die Balustrade.
Atmete schwer und ließ den Pinsel sinken.
Nun kam das Licht auf ihrem Nacken zum Erliegen,
so sorgenlos, als hätte es bis eben dort gespielt.
Er schwieg und schwieg.
Und hätte ihre Schönheit auch noch angeschwiegen,
wenn längst nichts mehr in ihm die Sehnsucht nach ihr
hielt.
Ihr Atemzug kostete ihn Mut.
Wie Bildhauern, die vor dem Stein erblinden,
weil das verborgene Antlitz ausschließlich im eigenen Blut,
im eigenen Fleische war zu finden,
der Kampf bald übermenschlich wurde.
Er ließ die alten Wunden innen
nach ihr suchen.
Und nahm den Schatten unter ihren Brauen,
das warme Dunkel, das ihr Haar durchlief,
ihr ungeheures, ozeanisch-blaues Schauen
und diese Stimme, die wie fremde Seide
nach ihm rief.
Aus diesen Farben wollte er sie
nicht erfinden,
nicht erbauen,
nur ganz befreien –
die Schönheit, die noch ungeboren in ihr schlief.
Doch immer blieb ein Leuchten ungebunden,
das ihm durch alle Bilder, die er von ihr malte, fiel:
Sie selbst schien ihm am Ende immer wieder ganz entschwunden.
Und jedes Bild wurde ein Wandern durch den Winter,
ohne Mantel,
ohne Stiefel,
ohne Ziel.
Wie flehend führte sie die Hände ineinander.
Wie oft irrte ihr Blick ins Weite, ohne ihn zu sehn.
Es blieben seine Hände doch zwei ferne Wanderer,
Verirrte, die vor verlassenem Hause allein im
tiefen Winter stehen.
Nur einmal sollte sie den Blick zu ihm erheben.
Er bliebe ewiglich in ihm verwahrt.
Er hätte ihr das ganze ungelebte Leben
seiner Sehnsucht in ihrem Bildnis
offenbart.
Er konnte ihren Namen beinah sagen.
Er spürte seine Wärme schon im Mund.
Dann musste er ihn doch wieder begraben,
hinab, hinab, in seinen allertiefsten Grund,
denn nur von dort
kann er sie jemals wirklich
malen.
Sie ging. Die Tür fiel leise in die Zarge.
Ein Stuhl blieb leer. Ein Glas fing ihre Helligkeit.
Er saß davor, als säße er am Sarge
der einzig wahren Wirklichkeit.
Und nachts, wenn seine Hände sie erschufen,
war stets die eine Stelle unvollbracht:
der Mund, der niemals seinen Namen rufen –
und dennoch offen bleiben würde – Nacht.
youtu.be
bändigte es in der Spange.
Und sein Begehren wuchs und wurde roher,
wurde wahr,
so wahr wie dieses Morgenrot
auf ihrer jugendlichen Wange.
Er stand so wie ein Bettler um sie her,
als ob die Göttin sich ihm offenbare,
die anzurühren schon zu sterben wär,
und sank zurück hinter die Balustrade.
Atmete schwer und ließ den Pinsel sinken.
Nun kam das Licht auf ihrem Nacken zum Erliegen,
so sorgenlos, als hätte es bis eben dort gespielt.
Er schwieg und schwieg.
Und hätte ihre Schönheit auch noch angeschwiegen,
wenn längst nichts mehr in ihm die Sehnsucht nach ihr
hielt.
Ihr Atemzug kostete ihn Mut.
Wie Bildhauern, die vor dem Stein erblinden,
weil das verborgene Antlitz ausschließlich im eigenen Blut,
im eigenen Fleische war zu finden,
der Kampf bald übermenschlich wurde.
Er ließ die alten Wunden innen
nach ihr suchen.
Und nahm den Schatten unter ihren Brauen,
das warme Dunkel, das ihr Haar durchlief,
ihr ungeheures, ozeanisch-blaues Schauen
und diese Stimme, die wie fremde Seide
nach ihm rief.
Aus diesen Farben wollte er sie
nicht erfinden,
nicht erbauen,
nur ganz befreien –
die Schönheit, die noch ungeboren in ihr schlief.
Doch immer blieb ein Leuchten ungebunden,
das ihm durch alle Bilder, die er von ihr malte, fiel:
Sie selbst schien ihm am Ende immer wieder ganz entschwunden.
Und jedes Bild wurde ein Wandern durch den Winter,
ohne Mantel,
ohne Stiefel,
ohne Ziel.
Wie flehend führte sie die Hände ineinander.
Wie oft irrte ihr Blick ins Weite, ohne ihn zu sehn.
Es blieben seine Hände doch zwei ferne Wanderer,
Verirrte, die vor verlassenem Hause allein im
tiefen Winter stehen.
Nur einmal sollte sie den Blick zu ihm erheben.
Er bliebe ewiglich in ihm verwahrt.
Er hätte ihr das ganze ungelebte Leben
seiner Sehnsucht in ihrem Bildnis
offenbart.
Er konnte ihren Namen beinah sagen.
Er spürte seine Wärme schon im Mund.
Dann musste er ihn doch wieder begraben,
hinab, hinab, in seinen allertiefsten Grund,
denn nur von dort
kann er sie jemals wirklich
malen.
Sie ging. Die Tür fiel leise in die Zarge.
Ein Stuhl blieb leer. Ein Glas fing ihre Helligkeit.
Er saß davor, als säße er am Sarge
der einzig wahren Wirklichkeit.
Und nachts, wenn seine Hände sie erschufen,
war stets die eine Stelle unvollbracht:
der Mund, der niemals seinen Namen rufen –
und dennoch offen bleiben würde – Nacht.
Agalma
Die schlanke Hand griff sich ins Haar,bändigte es in der Spange.Und sein Begehren wuchs und wurde roher,wurde wahr,so wahr wie dieses Morgenrotauf ihrer juge...