akt absurdum

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Tula

Mitglied
akt absurdum


Der Morgen rekelt sich auf der Leiste.
In mürrischen Falten die Gardine darunter
hängt noch etwas durch (sie mag
den alten Stänkerer ohnehin nicht).

Ein expressionistisches Stillleben die Küche:
Mülleimer (schnarcht mit offenem Mund) vor
Geschirr im Spülbecken (den Rausch ausschlafend),
im Hintergrund zerlaufen Kacheln.

Der Tisch, bereits wach, wartet geduldig auf
den ersten Kaffeefleck. Ich erbarme mich und lasse ihn
gnädigst vor sich hin dümpeln. Vorsichtig
taste ich mich durch das Kunstwerk. Respekt!

Über mir regt sich um diese Zeit gewöhnlich
der Hacken-Specht. Auch er hat heute frei.
Die treuen Gefährten der Nachbarn auf der Straße
ahnen nichts und glotzen sich verstört an.

Planung ist der halbe Sonntag. Nach dem dritten
Kaffeefleck habe ich mich endlich entschlossen:
Ich werde ein Gedicht von dir schreiben.
(ob es dich wirklich gibt?)
 

Perry

Mitglied
Hallo Tula,
mir gefällt dieses "expressionistische" Stillleben durchaus, würde auf deren explizite Benennung sowie den Hinweis darüber ein Gedicht zu schreiben aber verzichten. ;)
LG
Manfred
PS: Da Du bei "Stillleben" die neuere Schreibweise verwendest, wundert es mich, dass Du bei "rekeln" die ältere verwendest?
 

Tula

Mitglied
Hallo Manfred

Dank für deinen Gruß. Nun ja, der Expressionismus verbleibt ja in der Küche, da kann der Maler pinseln was er will ...

Ich sah gerade, dass "rekeln" wie "Stillleben" beides die empfohlenen Schreibweisen sind, es sei denn, dass selbst der Duden das durcheinander bringt. Mich durchaus, bei einigen neuen Regeln bin ich bis heute nicht sicher.

LG
Tula
 

Perry

Mitglied
Hallo Tula,
wenn ich mich nicht verlesen habe, wird seit der Reform 2006 rekeln als räkeln empfohlen.
LG
Manfred
 

Cellist

Mitglied
Ein Stilleben, denke ich mir beim Lesen, und dann: Doch nicht. Ja, was denn und dann auch noch geschludert bei der neuesten neuen Rechtschreibung? Duden befragen? Ich habe doch seit 1978 keine Ahnung mehr.

Das war es eigentlich, was ich zu sagen hatte.

Ach so: Toller Text, sehr gern gelesen! Und ich bin zusätzlich froh, dass es wohl am Ende mehr als einen Kaffeefleck gegeben hat. Wäre ja auch der Reinlichkeit zu viel gewesen. Wetten, dass ich im Duden Kaffeeflecken finde?
 

blackout

Mitglied
Da kann man Tula nur empfehlen, die Ärmel hochzukrempeln und in der Küche klar Schiff zu machen, statt beweisen zu wollen, dass man aus jedem Müll noch ein Gedicht zusammenbasteln und das Etikett "expressionistisch" draufkleben kann.

Was das "rekeln" angeht, damit die Herrschaften mal wieder Bekanntschaft mit ihrer Mutterschreibe haben: Die Neue Deutsche Rechtsschreibung legt "rekeln" fest. Als "räkeln" wurde dies bis zur neoliberalen Zerstörung der deutschen Rechtschreibung geschrieben.

blackout
 

Tula

Mitglied
Da kriecht unerwartet aus dunklem Schacht
die Kröte – abscheulich, gemein;
und schlägt auf das flimmernde Würmchen ein,
mit giftigem Speichel und lacht.


Wirklich ein Ekel, durch und durch .... igitt igitt
 

revilo

Mitglied
Hallo Tula, als ich das Gedicht las, musste ich schmunzeln, schrieb ich doch neulich ein ähnliches. Du hast hier eine schöne,authentische Geschichte erzählt, die mir gut gefällt.....
 

Tula

Mitglied
Hallo revilo
Vielen Dank!
Natürlich soll auch dieses nach Klamauk riechende Gedicht irgendwo eine Absicht haben. Immerhin begründet sich der Titel mit jener des hier parodierten Dichters, in seiner heillosen, wochenendlichen Abgeschiedenheit ein Liebeslied zu schreiben, obwohl er noch unschlüssig ist, ob es das angebetete Wesen überhaupt gibt, "da draußen", im realen Leben.
Ich dachte, dass auch dieser Wesenszug Teil von "uns" ist und auch sein muss. Dichtung ist gerade dies, Phantasie, einschließlich romantischer Verlust der Realität :)

LG
Tula
 

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