Alarm im Kaufhaus

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Schrilles Piepen, als ich die elektronische Schranke passiere – nicht schon wieder! Es ist im vierten Stock eines Hamburger Warenhauses, am Durchgang zum WC.

Es hat vorhin auch am Eingang beim Reingehen gepiept, sage ich zur Toilettenfrau, neuerdings erlebe ich das öfter. Keine Ahnung, warum. – Dann weiß ich es auch nicht, ist die schmallippige Antwort der Alten. Dazu ein angedeutetes Lächeln, ein bisschen sybillinisch. Vielleicht meint sie: Das kann jeder sagen …

Ich öffne die Tür für Herren. Und während ich an einem der Becken kurz verweile, überschlage ich, wie oft ich zuletzt in Geschäften Fehlalarm ausgelöst habe. Nebenan im Elektronikfachmarkt zum Beispiel, beim Hineingehen hat es gepiept und beim Hinausgehen wieder. Ich ging damals auf den bulligen Gentleman zu, um die Sache zu klären. Nur eine DVD gekauft, versicherte ich, ganz normal gekauft. – Er zuckte mit den breiten Achseln: Es hat ja auch gepiept, als Sie vorhin reinkamen … So genau wird man also überwacht.

Dieses wohlbekannte Geräusch – es war unter anderem auch in zwei Textilkaufhäusern von mir ausgelöst worden, und zuletzt sogar in meinem Supermarkt auf dem Land, dort allerdings erst nach dem Bezahlen, nicht beim Hineingehen. Und begonnen hatte die Serie in einem Berliner Geschäft … Ich überlege: Was trage ich heute an mir, das ich mit Sicherheit auch damals am Leib hatte? Ich komme nur auf die Schuhe, aber die hatte ich schon letzten Sommer bei Einkäufen an, problemlos. Könnte es die Wäsche sein? Doch wer führt schon Buch darüber, wann er welche Unterhose benutzt? Oder der neue Spenderausweis, vielleicht falsch ausgefüllt?

Ich bin fertig. Im Waschraum macht sich jetzt die Sybille zu schaffen und wirft mir dabei schräge Blicke zu. Habe ich genügend Zeit gehabt, das Sicherungsetikett drinnen abzureißen, wegzuspülen? Sie geht vor mir hinaus, nimmt wieder Platz neben dem Teller, auf den ich eine Münze fallen lasse. Dann ab durch die Schranke, und es piept – nicht mehr. Jetzt zucke ich mit den Achseln und die Alte lächelt breit: Also doch … Wird sie mir den Kaufhausdetektiv hinterherschicken?

Er kam nicht. Es kommt übrigens nie einer. In Aschaffenburg sah ich einmal eine Frau ein Sommerkleid unverpackt, noch auf dem Bügel, rasch hinausschaffen, und der Alarm gellte durch die Fußgängerzone. Auch in diesem Fall geschah weiter nichts.

Nur für die argwöhnischen Blicke rundum hänge ich mir in Zukunft ein Stück Pappe vor die Brust oder auf den Rücken, darauf mit Filzschreiber gemalt: Bei mir piept es IMMER!
 

Cafard

Mitglied
Man bekommt fast Lust, es einmal auszuprobieren, mit einem unbezahlten Sommerkleid das Kaufhaus zu verlassen, und wenn man gestellt wird, zieht man diesen Text aus der Jackentasche - und beruft sich darauf.
 

Ofterdingen

Mitglied
Der Text behandelt ein großes Thema (der Mensch und die Tücken der Technik), für das andere ganze Bücher und Filme aufgewendet haben, an einem kleinen und überschaubaren Beispiel und mit leichter Hand. Gern gelesen.
 
Meinen verspäteten Dank, Cafard, für deine freundliche Reaktion auf meinen kleinen Text. Ich war mal wieder wochenlang abwesend.

Arno Abendschön
 
Ofterdingen, auch dich bitte ich um Nachsicht für mein scheinbares Ignorieren. Danke fürs Lob. Übrigens piept es bei mir nicht mehr, dafür zuletzt vermehrt bei anderen Kunden in meiner Nähe.

Arno Abendschön
 

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