Alles auf Anfang

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tantan1234

Mitglied
Erinnert ihr euch noch an euren allerersten Schultag? Alles ist neu, anders und ungewohnt. Die ganze Zeit habt ihr euch auf den Moment gefreut, habt euch älter gefühlt, erwachsener, gegenüber den kleineren Kindern, die weiterhin im Kindergarten bleiben mussten. Die Tage bis zum Übertritt sind euch ewig vorgekommen. Habt mir euren Eltern eure Schulutensilien gekauft und damit Daheim schon Schule gespielt und euch in eurem Kopf ausgemalt, wie es dort wohl sein könnte. Eventuell habt ihr größere Geschwister, von denen ihr schon etwas mitbekommen habt, eventuell aber auch nicht und könnt euch gar nicht vorstellen, was auf euch zukommt.
Doch wenn der Tag dann wirklich vor der Tür steht, wächst mit jeder Minute eure Angst. Ihr werdet immer nervöser. Die Ungewissheit wächst in euch. Euch fällt auf, dass es kein zurück mehr gibt. Sobald ihr das neue Gebäude betretet, heißt es für immer Abschied vom wohl bekannten, heimeligen Kindergarten zu nehmen. Doch ihr nehmt allen Mut zusammen und bringt den ersten Tag hinter euch. Ihr seid überglücklich, dass eure Eltern diesen mit euch verbringen; den „ersten Schritt“ mit euch gehen. Ihr nehmt die neuen Gerüche wahr, angenehm oder auch unangenehm. Ihr sucht euch einen Sitzplatz, am liebsten neben einem vertrauten Gesicht. Und mit der Zeit wird euch bewusst, dass alles nicht so schlimm ist, wie ihr es euch noch Minuten vorher ausgemalt habt. Jeden Tag kommen neue Erfahrungen hinzu und so werden aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate. Und plötzlich habt ihr euch in die neue Umgebung eingelebt. Habt vielleicht sogar Spaß daran gefunden jeden Tag etwas neues dazuzulernen. Und so vergehen die ersten Schuljahre.

Doch schon kurz danach beginnt das gleiche von vorne. Der nächste Schulwechsel steht an. Wieder freut ihr euch auf das neue Abenteuer, das vor euch liegt. Fühlt euch wieder ein Stück erwachsender als die Kinder, die gerade im ersten Schuljahr stecken. Seid gewachsen mit den neuen Aufgaben, die sich euch auf dem Weg gestellt haben. Doch nun beginnt die Angst schon etwas eher zu wachsen. Man muss sich zum ersten Mal darüber Gedanken machen, was man vielleicht mal werden will. Aus Prinzessin oder Cowboy werden nun vielleicht Berufe wie Astronaut, Feuerwehrfrau, Schauspieler oder vielleicht Sportler? Die Diskussionen beginnen, auf welche Schule eure Freunde wechseln und ob ihr folgt oder nicht. Müsst ihr euch eventuell alleine dem neuen Abschnitt stellen? Man muss die Entscheidung treffen, ob man einem Traum oder den Freunden folgt. Hat man sich dann doch für den Traum entschieden, dem man allerdings alleine nachgehen muss, da alle anderen sich für einen anderen Weg entscheiden haben, werden die kommenden Tage schwerer. Man schwört sich zwar die ewige Freundschaft, weiß aber, dass man sich auseinanderleben wird. Die Zweifel steigen in einem. Vielleicht hätte man doch die andere Schule wählen sollen. Doch nun ist es zu spät. Und so vergehen die letzten Tage in eurer alten Schule. Ihr versucht nochmal die Gerüche, die für euch anfangs so ungewohnt und neu waren, mit der Zeit aber immer vertrauter geworden sind, aufzunehmen und abzuspeichern. Man denkt nochmal an den Spaß zurück, denn man in den Klassenzimmern und auf dem Pausenhof hatte. Aber vielleicht auch an so manchen Streit. Es werden die letzten Chancen genutzt, die Freundschaftsbücher zu füllen. Und so vergehen die Tage schneller, als man dies erwartet hätte und die neue Schule wartet auf euch.

Wieder steigt die Nervosität, die Angst. Ihr fühlt euch klein und hilflos an eurem ersten Tag an einer neuen Schule. Diesmal habt ihr keine helfende Hand, keinen Freund bei euch. Ihr müsst diesen Schritt alleine wagen. Aber da euch keine Wahl bleibt, betretet ihr auch hier wieder das neue Gebäude, versucht euch zu orientieren und das beste daraus zu machen, so schwer es euch auch fallen mag. Und so schaut ihr euch in eurem neuen Klassenzimmer um und sucht nach einem möglichen Verbündeten um die nächsten Jahre zu meistern. Ihr setzt euch an einen Platz, der frei ist. Und so geht der erste Tag los. Den meisten scheint es genauso zu gehen wie euch. Es werden schüchterne Blicke ausgetauscht. Vielleicht sogar schon ein paar Wörter gewechselt. Ihr versucht mit eurem neuen Tischnachbarn Kontakt aufzunehmen, egal was euer erster Eindruck ist. Möglicherweise sitzt schon neben euch euer neuer bester Freund, nur wisst ihr es noch nicht. Denkt euch vielleicht anfangs noch, dass ihr mit dieser Person nie etwas zu tun haben werdet. Aber schon nach ein paar Tagen merkt ihr, dass ihr mehr gemeinsam habt, als ihr zunächst gedacht hättet. Und so entwickelt sich doch langsam eine Freundschaft, mit der ihr niemals gerechnet hättet. Und wieder habt ihr einen Gefährten gefunden, mit dem ihr die nächsten Wochen, Monate, Jahre hinter euch bringt. Ihr habt euch schnell eingewöhnt. Der Alltag wird immer einfacher, regelmäßiger. Ihr rechnet fest damit, dass ihr die nächsten Jahre so verbringen werdet. Doch dann bekommt ihr wieder mal zu spüren, dass nichts so gewiss ist, wie Veränderung….

Für mich hieß es ‚zurück auf Start‘. Und so stehe ich also jetzt wieder mal vor einer neuen Schule und verspüre die gleiche Nervosität wie auch schon zuvor beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule und dann in die weiterführende Schule. Der Rucksack hängt über der schlaffen Schulter, das Herz schlägt wie verrückt und die Füße würden am liebsten wegrennen.
Ich hatte eigentlich fest damit gerechnet an meiner alten Schule meinen Abschluss zu machen und dann zu entscheiden, ob eine Ausbildung oder ein Studium folgen wird. Doch leider wurde mein Vater von seiner Arbeit an einen neuen Ort, 200 km von unserer ursprünglichen Heimat entfernt, versetzt. Und so hieß es, neues Haus suchen und das alte Leben einpacken. Wieder musste ich mich von meinen Freunden verabschieden. Man konnte zwar mittlerweile leichter in Kontakt bleiben, aber wie oft würde man sich schon wirklich besuchen, wenn man erst einmal 200 km hinter sich bringen musste und das ohne Auto, da man erst 16 und somit noch zu jung zum fahren ist. Also wieder mal auf in ein neues Abenteuer.

Ich irre durch die neue Schule und versuche das richtige Klassenzimmer zu finden. Das neue Schuljahr hat bereits begonnen. Ich vermisse jetzt schon die Anonymität an meiner alten Schule. Hier wird mich jeder anschauen und hinter vorgehaltener Hand flüstern: „Das ist also die Neue“. Die Neue. Das wird erstmal mein Name werden. Meine alte Schule war nicht sehr groß. Man hat sich gekannt, aber jeder hatte so seine Gruppe, der er angehört hat. Es gab ein gewisses System, in dem man seinen Platz gefunden hatte. Zu den beliebten habe ich nie gehört, aber zumindest auch nicht zu denen, die ständig geärgert wurden. Ich hatte ein recht ruhiges Dasein und war zufrieden damit. Aber hier muss ich wahrscheinlich lange warten, bis das passieren wird, wenn es je passieren wird. Und so mache ich die Tür zum Klassenzimmer auf, um das schlimmste schnell hinter mich zu bringen, wie beim Abziehen eines Pflasters. Der Klassenlehrer sitzt schon an seinem Pult, und auch die meisten Plätze im restlichen Zimmer sind schon besetzt. Jeder schaut zur Tür und ich merke sofort, wie mein Gesicht rot und mir immer wärmer wird. Ich versuche die Blicke meiner neuen Mitschüler zu ignorieren und gehe direkt zum Lehrer. Wie mir vorher mitgeteilt wurde, heißt er Jürgen Schmitt. Ich muss feststellen, dass er wirklich gut aussieht und auch noch relativ jung zu sein scheint. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er der Lieblingslehrer der Mädchen dieser Schule ist. Ich gehe langsam durch den Raum auf ihn zu und stelle mich vor. „Mein Name ist Nora. Ich bin neu hier. Man hat mir gesagt, dass ich zukünftig in dieser Klasse sein werde?“ Er lächelt freundlich und sagt mir, dass das richtig sei und dass ich herzlich Willkommen bin. Anschließend zeigt er mir meinen neuen Platz. Der Stuhl neben mir ist noch frei. Nervös packe ich also meine Stifte sowie einen Block aus und versuche ruhig zu atmen. Da verschiebt sich neben mir der Stuhl, genau zeitgleich zum klingeln der Schulglocke.

Herr Schmitt beginnt die Stunde damit, mich offiziell vorzustellen. Und wieder drehen sich alle Köpfe in meine Richtung. Ich versuche zu lächeln, bin mir aber relativ sicher, dass mein lächeln eher wie das Grinsen vom Joker aussieht. Peinlich berührt schaue ich sofort nach unten auf meinen Tisch und bin beruhigt, als Herr Schmitt mit dem eigentlichen Unterricht beginnt. Vorsichtig versuche ich einen Blick nach rechts zu werfen, um zu sehen, wer neben mir sitzt. Und mein Herz fängt wieder an, schneller zu schlagen. Neben mir sitzt lässig im Stuhl lehnend ein durchtrainierter, kurzhaariger, in Jeans, weißem T-Shirt und Sneaker gekleideter Junge. Schnell schaue ich wieder zurück auf meinen Block und hoffe, dass er meinen Blick nicht bemerkt hat. Ich kann das Ende des Schultages gar nicht erwarten., aber wie es immer ist, ziehen sich die Stunden ewig hin. Doch irgendwann ist es dann so weit. Langsam packe ich meine Sachen zusammen und als die meisten bereits aus dem Klassenzimmer gegangen sind, wende auch ich mich der Tür zu. Nur leider merke ich nicht, dass ein Stuhl an einem Tisch weiter vorne nicht ganz am Tisch steht und bleibe mit meinem Fuß hängen, stolpere und lasse meine Tasche fallen. Die restliche Schüler, die noch im Zimmer waren, fangen das Lachen an. Mir steigen sofort die Tränen in die Augen, aber ich versuche mich zusammenzureißen, das würde es sonst nur schlimmer machen. Ich packe meine herausgefallenen Sachen so schnell wie möglich in meine Tasche zurück und laufe aus dem Klassenzimmer. Am liebsten würde ich sofort im Erdboden verschwinden. Auf dem Weg nach Hause lasse ich mir den Tag nochmals durch den Kopf gehen. Bis auf meinen letzten Auftritt ist er eigentlich recht erfolgreich rumgegangen. Auch die nächsten Tage gehen ruhig vorbei.

Zum Glück spricht am nächsten Tag niemand die Sache mit dem Stuhl an. Stattdessen fragt mich mein neuer Sitznachbar nach meinem Namen, den ich ihm schüchtern nenne, angeblich hätte er ihn gestern nicht richtig verstanden. Er heißt Tino. Er fragt mich nach meiner alten Heimat, wieso wir umgezogen sind und ob ich es sehr vermisse. Doch lange können wir nicht reden, da Herr Schmitt mit dem Unterricht beginnt. Ich fühl mich schon etwas wohler, zumindest fühle ich mich nicht mehr, als wäre ich eine außerirdische. Doch kann ich nicht verstehen, wieso genau dieser Platz neben Tino noch frei war. Sollten sich nicht alle Mädchen regelrecht darum prügeln, nehmen ihm sitzen zu können? Oder zumindest seine Freunde? Oder wie ich mir vorstellen kann seine Sportkameraden. Aber das muss wohl warten. Vielleicht klärt sich das ja von selbst. In der Pause gehe ich wieder raus in die Sonne. Ich habe am Tag zuvor einen Platz an einem Baum gefunden, von dem man aber gleichzeitig auf den Schulteich blicken konnte. Hier war alles friedlich. Hier konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Doch als ich so da sitze und die Sonne auf meine Haut strahlen lasse, merke ich plötzlich, dass jemand vor mir steht und ich dadurch im Schatten sitze. Ich mache vorsichtig die Augen auf und sehe Tino. „Wir hatten gar nicht die Chance vorhin fertig zu sprechen“, sagt er als er sich zu mir an den Baum setzt. Ich weiß im ersten Moment gar nicht, was ich erwidern soll, also lächle ich nur. Da ich anscheinend keine andere Wahl habe, versuche ich da weiterzuerzählen, wo ich vermutlich vorher aufgehört habe. Immer wieder stellt er weitere Fragen, bis er doch fürs Erste mit meiner Erzählung zufrieden ist. Da ich nicht noch mehr nur über mich erzählen will, frage ich ihn also, ob ihn seine Freunde nicht vermissen würden. Doch er lacht nur und meint, dass sie ihn noch genug zu Gesicht bekommen würden. Doch gleichzeitig merke ich, wie uns einige aus unserer Klasse neugierig beobachten. Anscheinend ist es nicht normal für ihn, sich um die neuen Mitschüler zu kümmern. Vielleicht fühlt er sich verantwortlich, da ich neben ihm sitze. Ich kann es nicht verstehen. Doch dann ist die Pause auch schon vorbei und wir machen uns gemeinsam auf den Weg zurück ins Klassenzimmer. Im Unterricht schweigen wir uns wieder an. Und auch danach wechseln wir kein Wort mehr.

Still verlasse ich am Ende des Tages das Klassenzimmer und mache mich auf den Weg nach Hause. Bevor ich einschlafe, versuche ich zu verstehen, wieso er mit mir gesprochen hat. Irgendwie habe ich Angst, dass es nur ein Spiel bzw. ein größerer Witz ist. Aber dennoch kann ich nicht leugnen, dass es sich gut angefühlt hat von anderen beobachtet zu werden. Mal nicht außen zu stehen und nur zuzuschauen, sondern mittendrin zu sein. Und auch im Mittelpunkt zu stehen war gar nicht so schlecht, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Vielleicht könnte dieser Schulwechsel ja die Chance für mich sein, neu anzufangen, etwas ganz anderes auszuprobieren. Was habe ich schon zu verlieren. Allerdings ist es auch absolut unrealistisch jetzt eine 180-Grad Drehung zu machen. Wie sollte sofort aus einer schüchternen Person ein aufgeschlossener, interessanter Mensch werden. Aber schließlich kann ich mich ja nicht mein ganzes Leben lang in meinem Schneckenhaus verkriechen. Und so fasse ich den Beschluss für den Rest des Schuljahres jeden Monat etwas neues auszuprobieren. Morgen könnte ich mich in der Schule nach der ersten Möglichkeit umsehen. Vielleicht gäbe es einen interessanten Club, dem ich mich anschließen könnte, oder eine Sportart, in der ich nicht total versagen würde. Die halbe Nacht liege ich wach, da ich es auf der einen Seite nicht erwarten kann, allerdings gleichzeitig ängstlich bin. Was ist, wenn ich mich blamiere? Aber könnte ich nicht selbst daraus etwas lernen? Ich überlege noch lange hin und her aber irgendwann überwiegt doch die Müdigkeit und ich schlafe endlich ein.

Nur um früh festzustellen, dass ich viel zu wenig Schlaf abbekommen habe und am liebsten im Bett liegen bleiben würde. Aber ich schäle mich trotzdem aus dem Bett und merke, dass heute ein wundervoller Tag ist. Die Sonne scheint bereits, es ist keine Wolke am Himmel und auch die Vögel zwitschern bereits. Es ist ein perfekter Herbsttag. Als ich vor dem Kleiderschrank stehe, überlege ich wie jeden Tag, was ich anziehen könnte. Doch statt meinen üblichen Anzug ähnlichen Hosen, die ich normalerweise trage, ziehe ich eine schwarze, enge Hose mit Löchern an den Knien aus tiefsten Tiefen meines Schranks und kombiniere diese mit einem weißen T-Shirt, packe meinen Rucksack, nehme mir noch ein Toast mit auf den Weg und mache mich auf zur Schule. Ich habe noch etwas Zeit bevor der Unterricht beginnt, also versuche ich gleich früh den ersten Schritt für meinen neuen Plan zu machen und schaue ans schwarze Brett, ob ich Aktionen finde, an denen ich teilnehmen könnte. Es ist ein Winterfest geplant, für das sie noch Helfer suchen, außerdem gibt es einen Schachclub, das Fußballteam sucht nach Verstärkung, sowie der Theaterclub. Da ich erstmal darüber nachdenken will, mach ich mich weiter auf den Weg zum Klassenzimmer und warte an meinem Platz. Währenddessen gehe ich die Optionen in meinem Kopf durch. Bei dem Winterfest würde ich mit anderen zusammenarbeiten müssen. Schach und Fußball fallen für mich raus, ich bin in beiden schlecht und hätte dazu auch kein Interesse daran. Aber dann wäre da noch der Theaterclub. Das wäre natürlich auch eine Herausforderung. Ich müsste mit anderen zusammenarbeiten und gleichzeitig vor einem Publikum auftreten. Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerke, wie sich Tino neben mich setzt. „Na wovon träumst du gerade“, ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und schaue mich verwirrt um, bis ich bemerke, dass Tino neben mir sitzt und mich angesprochen hat. Ich lache und erwidere, dass es nichts wichtiges war. Er kann nicht weiter darauf eingehen, da Herr Schmitt zur Tür herein kommt und gleich um Stille bittet. Und so drehe ich mich von ihm weg, zurück Richtung Tafel. Doch bevor Tino mich angesprochen hat, habe ich mich dafür entschieden, mich beim Theaterclub zu bewerben. Wenn sie mich nicht nehmen würden, hätte ich immer noch die Möglichkeit des Winterfests.
Mit diesem Beschluss mache ich mich nach dem Unterricht nochmals auf zum schwarzen Brett und schaue nach, wann sich der Theaterclub immer trifft bzw. wen ich ansprechen muss, um dem Club beitreten zu können. Also lese ich dieses mal das Plakat richtig und nicht nur flüchtig und stelle fest, dass nächste Woche ein Vorsprechen stattfinden soll. Wenn man teilnehmen will, soll man sich bei Nico melden. Soweit so gut. Nur habe ich keine Ahnung, wer das eigentlich ist. Plötzlich bemerke ich, dass neben mir jemand steht. Erschrocken weiche ich etwas zur Seite, nur um festzustellen, dass es wieder Tino ist. „Na, interessiert am Theaterclub?“ fragt er mich. „Ja, eigentlich schon. Nur scheitere ich schon an der Bewerbung. Ich hab nämlich keine Ahnung wer Nico ist.“
„Dabei kann ich dir behilflich sein. Er ist in unserer Parallelklasse. Ich kann dich ihm morgen vorstellen, wenn du willst.“
Dankbar lächle ich ihn an. „Das wäre toll.“
Wir machen uns auf den Weg aus der Schule und gehen noch ein Stück zusammen , bis er schließlich abbiegen muss, um nach Hause zu kommen.
Er ist wirklich nett. In meine Gedanken versunken laufe ich weiter. Vielleicht könnte das wirklich ein guter Neustart für mich sein. Nochmal ganz von vorne anfangen. Hier hab ich die Chance dazu. Mittlerweile habe ich mich recht gut damit abgefunden, dass wir umgezogen sind. Ich fühle mich langsam wohl hier...

Wie mit Tino gestern vereinbart, treffen wir uns etwas eher vor der Schule und er bringt mich zu Nico .

„Hey man, darf ich dir unsere neue Klassenkameradin vorstellen? Nora. Sie würde gerne bei eurem Theaterstück mitmachen.“
„Oh Hi, nett dich kennenzulernen. Ich denke ich hab dich in den letzten Tagen schon mal gesehen. Ich bin Nico. Du kannst gerne vorsprechen. Wir suchen immer Leute für unsere Theaterstücke. Hast du schonmal bei einem mitgespielt?“
„Danke, wenn man das Theaterstück in meiner Grundschule mitzählt, dann schon,“ erwidere ich mit einem leichten lachen.
Nico lacht auch und meint, dass wir es gerne zählen lassen können. „Wenn du willst, können wir uns schon vor dem eigentlichen Vorsprechen treffen und es mal durchgehen, dass du weißt, was auf dich zukommt“
„Das wäre toll, Danke“. Ein breites grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit. Wir vereinbaren, uns Samstag Nachmittags zu treffen und Tino und ich verabschieden uns und laufen zu unserem Klassenzimmer.
„Na das lief gut, würde ich sagen, ich bin gespannt, welche Rolle du bekommen wirst“.
„Wenn ich Glück habe, bekomme ich ja vielleicht einen Satz.“
„Ich denke du bekommst bestimmt eine große Rolle mit deiner riesen Erfahrung“, scherzt er.
„Na wir werden sehen“. Ich lache mit ihm . Mittlerweile haben wir unser Klassenzimmer erreicht. „Und nochmals danke, dass du mich Nico vorgestellt hast, das war wirklich eine große Hilfe“.
„Gerne doch, wenn du groß rauskommst, kannst du mich ja als deinen Manager einstellen“.
„Auf jeden Fall“. Wir lachen beide, bis Herr Schmitt um Ruhe bittet. Ich muss allerdings immer noch grinsen.

Die restliche Woche vergeht schnell und schon ist es Samstag. Aufgeregt überlege ich, was ich anziehen soll. Aber eigentlich ist es ja egal. Ist ja nicht so, als wäre es ein Date. Aber ich bin trotzdem aufgeregt und finde einfach nichts, was mir gefällt. Nach einer Ewigkeit entscheide ich mich einfach für eine Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Das kann doch nie verkehrt sein.
Es ist schon kurz vor Drei. Ich habe mit Nico ausgemacht, dass ich um Drei bei ihm bin. Also nehme ich meinen Rucksack, und schwinge mich auf mein Fahrrad, da er nicht all zu weit von mir entfernt wohnt, wie wir festgestellt haben.
Kurz nach Drei bin ich bei ihm und klingle. Es dauert nicht lange und er macht die Tür auf und führt mich ins Wohnzimmer.
Das Haus ist wirklich schön. Wie die meisten Häuser in der Umgebung, hat es einen ähnlichen Stil wie unseres. Kleiner Vorgarten, zwei Etagen, großen Eingangsbereich und einen offenen Koch-und Wohnbereich. Hintenraus ist eine Terrasse und ein großer Garten mit Swimmingpool, wie bei uns.
Wir setzen uns beide aufs Sofa, er holt mir noch etwas zu trinken und drückt mir Zettel in die Hand.
„Das ist der Text, der beim Vorsprechen durchgegangen wird. Du wirst genauso wie jetzt die Zettel bekommen, also keine Panik. Wahrscheinlich werden Mia oder ich mit euch die Szene durchsprechen. Das einzige auf das du dich also konzentrieren solltest, ist den Text nicht nur abzulesen, sondern schon etwas zu spielen. Aber das kriegst du bestimmt leicht hin.“
Ich schaue ihn etwas nervös an, aber zu wissen, dass er anwesend sein wird und ich schon mal eine Person kennen werde, beruhigt mich etwas.
„Na gut, wollen wir vielleicht mal die ersten paar Sätze durchgehen? Du kannst ja anfangen und dann sprechen wir darüber“
„Ok, aber bitte nicht lachen. Denk dran, das letzte Mal, dass ich das gemacht habe, war in der Grundschule. Also sei bitte etwas großzügig“.
Er lacht nur und meint, dass er sich zusammenreißt.
Also fange ich an, die ersten Sätze mit ihm durchzugehen. Er lacht wie versprochen wirklich nicht. Stattdessen schaut er sogar eher erstaunt.
„Und du hast das wirklich nur einmal in der Grundschule gemacht? Bist du dir wirklich sicher? Das war schon wirklich gut. Ich hab eigentlich nicht mal etwas zu bemängeln. Und ich bin normalerweise sehr kritisch, wie du bestimmt noch irgendwann feststellen wirst“
Ich merke wie meine Backen rot werden. Ich bin mir nicht sicher, ob er das einfach so sagt, aber ich habe mich nicht mal so schlecht dabei gefühlt. Es hat sogar wirklich Spaß gemacht. Und so machen wir weiter, bis wir die Szene das erste mal durchhaben. Ein paar Anmerkungen hat Nico dann doch und so gehen wir es noch dreimal durch. Wir sind beide recht zufrieden. Da wir schon eher fertig sind, als wir gedacht haben, beschließen wir noch einen Eiscafé zu trinken und machen uns auf den Weg zur nächsten Eisdiele. Ich erzähle ihm, wie es zum Umzug kam, er erzählt mir etwas über die Stadt, die Schule und die Schüler darin. Wir verstehen uns wirklich gut. Es ist leicht bei ihm ich selbst zu sein. Erstaunlicherweise kann ich gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Das bin ich gar nicht gewohnt von mir. Aber es ist schön.
„Aber sag mal, was läuft denn mit dir und Tino? Ich mein, man sieht euch ja doch viel zusammen.“
„Er will bestimmt nur nett sein, weil ich neben ihm sitze. Er ist bestimmt zu jedem so oder nicht?“
„Naja, er ist generell schon nett, aber normalerweise interessiert er sich nicht wirklich für Menschen außerhalb seinen Freundeskreises. Und erst recht nicht für neue wie dich. Aber gut. Bei dir kann ich es irgendwie verstehen, dass er Interesse zeigt.“
„Wie meinst du denn das?“
„Na komm schon, als ob du es nicht wüsstest.“
„Ich weiß wirklich nicht was du meinst!“
„Hm ok…nun ja, ich kann mir vorstellen, dass er dich nicht gerade hässlich findet, um es mal so auszudrücken.“
„Was? Ich? Naja. Das glaube ich nicht“ Ich wurde etwas rot. Ich fand mich zwar nicht unbedingt hässlich, hatte auch einen recht vorteilhaften Körperbau, recht sportlich und das obwohl mein Sportlevel nicht sehr hoch war. Aber als hübsch hab ich mich nie angesehen. An manchen Tagen finde ich, sehe ich ganz passabel aus, aber mehr nicht.
„Ach komm schon. Das muss dir doch bewusst sein.“
„Nein wirklich nicht.“
„Na gut, ich glaube dir das jetzt einfach mal, aber behalte es im Hinterkopf.“ Er zwinkert mir zu. Ich schaue schüchtern zu Boden.
„So, aber ich denke wir sollten uns langsam auf den Weg machen, immerhin ist es jetzt doch schon Zehn Uhr. Ich habe morgen früh Fußballtraining.“ Mit diesem Satz winkt er der Bedienung zu und sagt, dass wir gerne zahlen würden. Nachdem wir gezahlt haben machen wir uns auf den Weg. Ich geh noch schnell mit zu ihm, da ich meinen Rucksack bei ihm gelassen habe, und verabschiede ich mich und sage noch mal Danke für seine Hilfe.
„Gerne, und keine Angst, das wird auf jeden Fall was beim Vorsprechen am Mittwoch, wir sehen uns Nora.“
Und damit fahre ich mit meinem Fahrrad nach Hause. Das war ein wirklich toller Tag. Und ich kann Mittwoch gar nicht erwarten.
Am Sonntag genieße ich nochmal den schönen Herbsttag und lese mir das Skript an unserem kleinen Sandstrand bei unserem Naturpool durch.

Als ich am Montag in die Schule laufe treffe ich auf Tino. Ich winke ihm einfach zu und lächle, laufe aber weiter. Im Hinterkopf höre ich Nico . Nicht gerade hässlich. Ich. Das hätte ich nicht gedacht. Kann es aber einfach nicht glauben und mir nicht vorstellen, das Tino mich so sehen sollte. Gerade Tino.
Doch als ich nochmal in die Richtung schau, wo Tino gestanden war, ist er plötzlich nicht mehr da, stattdessen sehe ich ihn auf mich zulaufen. Ich tu so, als hätte ich ihn nicht gesehen, aber er läuft recht schnell und erwischt mich noch, bevor ich die Schule betreten kann.
„Na wie ist der Privatunterricht bei Nico gelaufen? Hat alles geklappt? War er eine große Hilfe?“
„Ja, danke. Er hat mir wirklich geholfen. Laut ihm habe ich mich gar nicht mal so blöd angestellt. Aber vielleicht hat er das auch nur gesagt, um mich zu motivieren.“
„Er hat bestimmt gemeint, was er gesagt hat. Dann wird es ja vielleicht doch etwas mit einer größeren Rolle.“
„Ja sicherlich. Ich komme bestimmt ganz groß raus“, meine ich sarkastisch, muss aber dabei lachen.
„Wer weiß, wer weiß Nora. Vielleicht ja schon. Einen Zuschauer hast du auf jeden Fall der Jubeln wird.“ Er grinst mich an und jubelt leise „Nora, Nora“.
Ich muss mittlerweile wirklich lachen. Aber wieder merke ich, dass wir von einigen Mitschülern beobachtet werden. Tino scheint das gar nicht aufzufallen, oder er hat gelernt es zu ignorieren. Zusammen machen wir uns auf den Weg zum Klassenzimmer.


Fortsetzung folgt...
 
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