Alles auf Grün

Eliphas Kramer

Mitglied
  • Neuralabdruck: korrupt
  • Alter: 4 Jahre
  • Synapsencluster: 51
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  • Restassoziationen im Sprachzentrum: Alles auf Grün
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„Ich soll also glauben, dass Grün schon immer dein natürlicher Teint war?“
„Glaub, was du willst.“
Eine weitere Böe kletterte über die Reling, erpicht darauf mich in ihr salziges Reich zu zerren. Ich flüchtete mich tiefer in den Mantelkragen, liess das iPhone aber in der Witterung ausharren. Das Gesicht zwischen den Icons zeigte sich nach wie vor skeptisch.
„Ist dir klar, was hier auf dem Spiel steht?“
„Glasklar, Liz, danke der Nachfrage.“
In den digitalen Augen brodelten Sturmwolken, nicht weniger entschlossen mich über die Weltmeere zu jagen.
„Der Rat hat genug Fehlschläge zu verbuchen. Falls du der Sache nicht gewachsen
bist, dann sag es jetzt.“
„Komm schon, Liz“, antwortete ich, den Spitznamen genüsslich ausgewalzt. Sie hasste den englischen Stumpf.
„Habe ich dich jemals enttäuscht?“
Als CMO war Elisabeth eine andere Art von Meeting gewohnt: Meetings nach dem Schema der Befehlsausgabe, mit einer Zuhörerschaft aus demütigen Angestellten. Aber ich gehörte nicht zum regulären Personal. Und von diesem Meeting gäbe es kein Protokol.
„Verbock das nicht.“
Das Smartphone schien sich zu erwärmen.
„Die Rotmeier Gruppe muss vor Monatsende auf Grün eingeschwenkt sein.“
Ich tauchte in eine Containerschlucht ein. Die Blechwände dämpften die Gewalt des Atlantikatems.
„Entspann dich. Alles ist unter Kontrolle.“
„Unter Kontrolle?“
Der Bildschirm war kurz davor, den Schmelzpunkt zu erreichen.
„Kein Presseportal würde dieses Unterfangen als eine Demonstration von Kontrolle interpretieren.“
„Und doch rufst du an. In einem verzweifelten Versuch, die Situation zu kontrollieren.“
Jenseits der Schluchtwände hob metallisches Wehklagen an. Ich verlagerte mein Gewicht synchron mit dem Schiffsrumpf, ohne das Tempo zu verlangsamen. Mittlerweile hatte ich genug Tage auf der Anna zugebracht, um für ihre Signale empfänglich zu sein. Nicht dass davor keine Verbindung zwischen uns bestanden hätte. Mein Magen hatte ihr schon im Hafenbecken den Krieg erklärt und erst nach Abwurf des Medikamentencocktails aufgegeben. Seither hatte sich die Beziehung in eine positive Richtung entwickelt.
„Hältst du diese Krise für einen Scherz?“
Ich vergrub mein Grinsen im Kragen. „Alles ist ein Scherz, Liz. Das 21. Jahrhundert und seine Heiligen sind der, über den momentan gelacht wird.“
Die Blechschlucht entliess mich in ein Hügelland aus Planen, unter dem sich wuchtige Umrisse verbargen.
„Dann sieh zu, dass nicht auch über uns gelacht wird.“
Ich antwortete nicht sofort. Mein Blick war an einem Riemen hängengeblieben, der frei umherpeitschte. „Wart mal kurz, Liz.“ Ich liess das CMO-Gesicht in meinen Mantel gleiten und bückte mich nach der Schnalle. Ein Spalt gewährte mir Einblick ins Zwielicht unter der Abdeckung, wo Reifen und ein zerkratztes Volkswagenlogo Asyl gefunden hatten.
Nach einer Minute, die von Flüchen und moderater Gewalteinwirkung auf klammes Metall geprägt war, versah der Riemen seine alte Pflicht. Beim Aufstehen schweifte mein Blick über die Planenbuckel, hin zur offenen See. Die afrikanische Küste war eine verrostete Säge in trübem Grau. Der Nebel machte die Klippen zu einem Bollwerk aus grauer Vorzeit. Zur Grenze der bekannten Zivilisation, die ihrem Bezwinger magische Lande und Reichtümer eröffnen würde.
So musste sich der Kontinent den europäischen Seefahrern präsentiert haben, als zur Deckung von Staatsbudgets noch in die Taschen fremder Völker gegriffen wurde. Nun kehrte ein Nachfahre der Imperialisten zurück. Um den Kreislauf fortzusetzen.
„Dir ist hoffentlich bewusst, dass ich Besseres zu tun habe, als den Dreck in deinen Taschen anzustarren?“
Elisabeths Nörgeln schleifte mich zurück an Deck.
„Ich stelle bloss sicher, dass unsere Fracht in tadellosem Zustand bleibt.“
Meine Linke wühlte nach dem Telefon. Während der Auszeit in der Jackentasche war der Gärungsprozess des Frauengesichts rapide vorangeschritten.
„Warum beruhigt mich das nicht?“
„Weil wir beide Lügner sind“, sagte ich mit einem Zwinkern. Ein Ruf ertränkte die Antwort des CMO. Der Erste Offizier war auf dem Laufgang erschienen.
„Der Kapitän will dich sprechen, Schlipsträger.“
Ich senkte das Smartphone.
„Melde mich später wieder, Liz.“

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Kapitän Gustav Sorenson als den fleischgewordenen Stereotypen eines Nordländers zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung gewesen. Vielmehr hätte er die Originalschablone für den Stereotyp sein können: schroffe Ehrlichkeit, überwachsen von einem feuerroten Bartforst. Es brauchte wenig Vorstellungskraft, um den jugendlichen Sorenson auf Wahljagd oder im Ringkampf mit mythologischen Seemonstern zu sehen.
„Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir auf Gefahr zusteuern. Die Art von Gefahr, die Schiffe versenkt.“
Sein Blick löcherte mich über den Tisch hinweg, grub verblichene Überreste von Scham aus meinem Bewusstsein. Der alte Kapitän hatte manchem Wellengang getrotzt. Er hätte seine Uniform an den Nagel hängen und auf ein erfülltes Seemannsleben zurückblicken können. Statt dem Ruhestand war jedoch ein Konzernsoldat gekommen. Ein Konzernsoldat, der die raue See der globalen Marktwirtschaft zu durchqueren trachtete.
„Sie machen sich zu viele Sorgen, Kapitän. Alles läuft nach Plan.“
Die Venen auf Sorensons Handrücken wandelten sich zu Stricken, als er die Tischkante packte.
„Dieser kalte Nebel ist nicht normal. Nicht in diesen Gewässern. Ich erkenne ein schlechtes Omen, wenn ich eines sehe.“
„Beklagen Sie sich beim Klimawandel.“
Sorensons Daumen folgte einer Linie auf der Karte. „Der von Ihnen vorgeschlagene Kurs bringt uns gefährlich nahe an den Golf von Guinea.“ Der Finger hatte unter der Nase des Kontinents angehalten. „Euch Büromatrosen dürfte entgangen sein, dass dieses Gebiet ein Piratennest ist. Somalia ist dagegen ein Planschbecken.“
„Ich bin mir dessen bewusst, Kapitän.“
„Warum beharren Sie dann auf dieser Route?“
Sorensons Rage liess die Brücke erzittern. Ich hob meine Hände.
„Lassen Sie mich erklären…“
„Ihre Vorgesetzten haben explizit auf Sicherheitskräfte verzichtet. Ich werde meine Anna und ihre Mannschaft nicht gefährden, bloss weil ein Anzugträger auf Safari gehen will.“
Ich wies zur Navigationskonsole, deren altertümliche Monitore im kühlen LED-Schein modernerer Exemplare zu versinken drohten. Momentan prangte auf den Bildschirmen einzig das Logo der Rotmeier Gruppe.
„Wir haben ein weitaus effizienteres Sicherheitsdispositiv auf unserer Seite als menschliche Schlagkraft.“
Der Kapitän schnaubte. „Ihr Anzugträger und eure Spielzeuge. Für euch ist Technologie einfach die Antwort auf alles. Aber ich werde mein Wohlergehen nicht in die Hände einer Maschine legen.“
„Das ist keine simple Maschine, von der Sie da reden, Kapitän.“ Ich versuchte meinen Ton entschieden zu halten, ohne in die Arroganz des Experten zu verfallen. Es war offensichtlich, dass Sorenson kein Freund der digitalen Geschäftswelt war. Von einem Vertreter jener Welt belehrt zu werden, wäre erst recht nicht nach seinem Geschmack.
„Aus diesen Bildschirmen spricht der mächtigste Intellekt des Planeten. Er wird mit allem fertig, was uns der Golf von Guinea entgegenwerfen könnte. Und das, während er uns die verschiedenen Gründe für einen Sieg des Rüpel-Donalds erläutert.“
Ich kehrte mich vom Tisch ab. „Denken Sie ans Geld, Kapitän Sorenson. Sie sagten Ihre beiden Töchter wären in Uppsala eingeschrieben, oder? Ein weiteres Loch in der Glasdecke und ein noch grösseres in ihrer Geldbörse.“
Das Kohlefeuer in Sorensons Augen folgte mir zu den Fenstern. „Sie haben recht: Ich schlage eine unorthodoxe Route vor. Aber die Mannschaft der Anna wird dafür reichlich entlohnt werden, darauf haben Sie mein Wort.“
Der unnatürliche Nebel drückte gegen die Scheiben, auf der Suche nach einem Einfallstor. Das Containerlabyrinth befand sich längst in seiner Gewalt. Nebelfinger rüttelten an den Schlössern, hinter denen unsere motorisierten Investitionen über ihren Sünden brüteten.
Ich hörte das Seufzen des Kapitäns.
„Ihre Vorgesetzten sitzen auf grossen Beträgen. Trotzdem macht dieser Umweg für mich keinen Sinn. Wir nehmen bereits die lange Route um das Kap. Warum noch mehr Wochen zwischen uns und Singapur bringen?“
„Singapur ist das Reiseziel der Anna“, sagte ich und drehte mich um. „Aber ihre Fracht ist für einen anderen Ort bestimmt.“
Meine Hand tätschelte die Navigationskonsole.
„Es verhält sich leider so, Kapitän Sorenson, dass die Piraten von Guinea unsere Abnehmer sind.“

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Ich lehnte mich über die Reling, um den toten Giganten in Augenschein zu nehmen.
„Das Werk unserer Freibeuterfreunde?“
Der Erste Offizier schüttelte den Kopf, bevor er sich eine Zigarette anzündete.
„Viele Unternehmen haben die Bucht als Endlager für ihre Kähne entdeckt. Niedrigere Recyclingkosten.“
Ich nickte.
„Macht Sinn.“
Die Anna stiess vorsichtig in den Friedhof vor. Schiffe unterschiedlicher Herkunft und in unterschiedlichen Stadien des Verfalls säumten unseren Pfad. Frachter. Kreuzer. Fischerboote. Einige waren aufgebrochen, andere reckten mit Tang behangene Schrauben zum Himmel. Die sterbende Sonne versah die Rümpfe mit rotem Lack, während das Meer am Eisen nagte.
Ich suchte die Uferhütten nach Anzeichen der Plündererhorde ab. Doch die einzige Bewegung, die ich ausmachen konnte, war das Pendeln überladener Wäscheleinen in der Ostbrise.
„Sie kriechen nach Sonnenuntergang aus ihren Löchern“, raunte der Erste Offizier, wie wenn er meine Gedanken gelesen hätte. Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Er schien den Wetterumschwung besser zu verkraften als ich. Selbst mit einer Lupe hätte sich auf seiner Stirn kein Schweisstropfen finden lassen. Der Beweis, dass weder Irrtum noch Schwärmerei den Namen Rodriguez seinem kaukasischen Erscheinungsbild zugeteilt hatten. Mein eigener Körper sehnte sich hingegen nach dem regulierten Umfeld von Betondschungeln und Unterführungen.
„Du solltest diesen Mantel ausziehen.“
„Gewohnheiten. Schwer zu ändern.“
Der Erste Offizier nahm einen tiefen Zug.
„Aye.“
Ich wandte mich ab und lief zur Treppe.
„Ich hoffe, du weisst, in was du uns da hineinsteuerst, Schlipsträger. Ich habe schon eine Piratenattacke überstanden und stelle mein Glück ungern auf die Probe.“
„Es wird alles glatt gehen Rodriguez, versprochen.“
Die Bedenken des Seemanns folgten mir die Stufen hinauf. Erst als die Automatikgeschütze in Sicht rückten, fielen sie zurück. Ich machte mich an der Brückentür zu schaffen. Die 0.55 Kaliber Läufe beobachteten jeden meiner Handgriffe. Lauernd. Falls tatsächlich alles glatt ginge, müssten sie nie etwas anderes tun.
Sorenson begrüsste mich mit stiller Ablehnung. Ich bezog hinter der Navigationskonsole Stellung.
„Bin zurück, Delphi.“
Die LED-Monitore erwachten aus ihrem Schlummer.
„Stimmauthentifizierung akzeptiert. Willkommen zurück, Agent 0.“
Aus den Augenwinkeln sah ich Sorenson das Kreuzzeichen formen.
„Initialisiere einen vollen Systemcheck.“
Neue Gebiete tauchten auf den Schirmen auf, nur um von Tabellen und Diagrammen kolonisiert zu werden.
„Starte Hardwarediagnose: Warenbestand komplett und Marktwert unverändert. Warnung: beschädigter Bolzen an Container 546.“
Der Bericht wand sich über die Armaturen. Wie die ölige Zunge eines Wals, der aus Untiefen jenseits des menschlichen Erkenntnishorizonts emporgestiegen war.
„Besatzungsmitglied 21 begeht Selbstvergiftung, Entzugsmassnahmen empfohlen.“
Ich kämpfte darum, meine Mundwinkel unten zu halten.
„Lass dem guten Mann seinen Frieden. Wir haben eine lange Nacht vor uns.“
„Agenteninput akzeptiert, höflicher Vorbehalt zur Einsicht in Cloudspeicher abgelegt. Überprüfe Defensivschnittstellen: antipersonen Waffen online. Beschwichtigungsschwarm bereit für den Einsatz.“
Der Kapitän hatte sich hinter der Steuerkonsole verschanzt. „Sie sollten diesem Ungeheuer den Stecker ziehen. Bevor es meine Anna in die Luft sprengt.“ Ich widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen.
„Dieses Ungeheuer wird dafür Sorge tragen, dass uns nicht einmal der Wind ein Haar krümmt.“
Und so begann das lange Warten. Mit dem Rückzug des Sonnenlichts fiel das klebrige Schwarz einer Tropennacht über die Anna her. Ich trieb zwischen den Datentabellen und den Fenstern, verfolgte die Arbeiten auf dem Deck. Es war eine auserlesene Schar, die der Finsternis trotzte. Sie verrichtete ihre Aufgabe sang- und klanglos, mit dem klaren Ziel, sich möglichst rasch in die stählernen Eingeweide zu verkriechen.
Nachdem die letzte Luke zugefallen war, herrschte ich allein über die Container-Festung. Mit einem Beraterstab, der sich aus einem digitalen Titanen und einem nervösen Kapitän zusammensetzte. Ich schaltete die Lampen über den Blechschluchten aus, trotz Sorensons Protest. Wenigstens für eine Nacht sollte die Anna ein piratenfreundliches Schiff sein. So piratenfreundlich, wie es eine Dame ihrer Gewichtsklasse sein konnte.
Die Stunden sickerten dahin. Von draussen kam das Stöhnen einsamer Wracks und hungriger Raubtiere. Ich zögerte die Ankunft der Müdigkeit hinaus, indem ich zwei Tassen Pulverkaffee herunterwürgte. Die KI war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und half mit ihrem eigenen Muntermacher nach. Die selbstzufriedenen Gesichter von CNN rafften den freigemachten Bildschirm umgehend an sich. Sorenson outete sich innerhalb der ersten Minuten als einer von Hillarys Getreuen. Nicht, dass es die schwaffelnden Porträts interessierte. Ihr Themenschwerpunkt lag auf dem grossen Mysterium des Donalds und den Graden an Unangemessenheit, die man durch Ergreifen bestimmter Teile des weiblichen Körpers erreichen konnte.
Um 2 Uhr morgens erfüllte sich die Prophezeihung des Ersten Offiziers.
„Unbekannte Schnellboote in Annäherungsvektor.“
Der Kaffeebecher wäre mir beiahe aus den Händen geglitten. Ich hastete zu den Monitoren, wo die Aufnahmen der Steuerbordkameras die restlichen Feeds verdrängt hatten. Menschliche Silhouetten. In wildem Ritt durch das Farbmeer des Wärmefilters.
„Wie es aussieht, wollen die Freibeuter spielen.“
Sorenson murmelte ein Gebet in seinen Bart. Ich beobachtete den hektischen Tanz seiner Finger auf dem Armaturenbrett und versuchte einzuschätzen, ob der Kapitän ein Risiko darstellte. Mein Verstand schalt mich sogleich dafür, diese Frage mit meiner mageren Denkleistung bearbeiten zu wollen.
Letzendlich war die Anna nicht mehr Sorensons Anna. Der digitale Wille der Rotmeier Gruppe war in die Eisenbraut gesickert, spukte in ihren Korridoren. Sie war ein Geisterschiff. Eines, das jeden Risikofaktor eliminieren würde. Selbst wenn sich besagter Faktor in der Person seines Kapitäns fände.
Die nächtlichen Besucher umkreisten die Anna in grosszügigem Abstand, ehe sie sich dem Bug näherten. Sie hatten angebissen.
„Lass sie an Bord kommen, Delphi. Aber halt dich bereit.“
„Werte Nutzervorschlag aus“, entgegnete die synthetische Stimme. Sie unternahm nur minimale Anstrengungen, ihre Skepsis zu kaschieren. Wie so oft stellte ich mir die Frage, ob der Hauch von Emotion echt war oder doch eher das Produkt eines ausgeklügelten Schauspiels.
War die KI tatsächlich skeptisch? Oder hielt sie es lediglich für optimal, mir Skepsis vorzugaukeln? Und wenn die Gefühlsregung ein Fake war, machte dass dann nicht auch den Kaschierungsversuch zu einem Fake? Zu einem weiteren Spezialeffekt im Streben einer deterministischen Intelligenz, den widersprüchlichen Brei menschlicher Vernunft zu imitieren?
„Strategiemodifikation akzeptiert.“
Ich nahm das Megafon und Sorensons Feldstecher vom Tisch. „Sobald ich ans Fenster klopfe, ist es Zeit für die Lichtshow.“
Die Züge des Kapitäns waren in grimmiger Resignation festgefroren. „Sie sind wahnsinnig.“ Ich hörte den Türriegel einrasten, als ich aufs Laufgitter hinaustrat.
Die Nacht deckte mich sofort mit brütender Hitze und einem unheilschwangeren Summen ein. Ich hob den Kopf gerade rechtzeitig, um einen Drohnenrumpf mit der Finsternis verschmelzen zu sehen. Der Schwarm war entfesselt. Mechanisierte Sicherheit, dazu entworfen, jeden Eindringling mit geladener Beschwichtigung zu empfangen.
Im Blechdschungel schlichen bereits die ersten Ziele umher. Neugierige Lichtkegel begutachteten die Containerschlösser. In seliger Unwissenheit über den PR-Alptraum, der dahinter lauerte. Ich hob den Feldstecher, in Erwartung auf die Protagonisten des klassischen Afrikadramas zu treffen: vermummte Einheimische mit russischen Friedensstiftern und schartigen Macheten.
Doch die Linsen zeigten mir Szenen aus einem anderen Film. Massgeschneiderte Anzüge und Gesichter, die definitiv nicht einem Uterus dieser Region entsprungen waren. Ich rieb mir die Augen.
„Was zur Hölle…“
Hinter mir knirschte die Luke. Sorensons Gesicht erschien im Spalt. Offensichtlich hatte Neugier über Furcht gesiegt.
„Und?“
Ich hielt ihm den Feldstecher hin.
„Schauen Sie selbst.“
Der Kapitän gesellte sich zu mir ans Geländer. Sein überraschtes Einatmen liess mich wissen, dass er denselben Film vorgesetzt bekommen hatte.
„Chinesen?“
„So scheint es.“
Meine Gedanken rasten, suchten nach einer Möglichkeit, unplausible Realität mit plausibler Fiktion zu versöhnen. Schlussendlich blieb nur eine vernünftige Antwort: Pragmatik.
„Wir halten uns an den Plan.“
„Sind Sie verrückt?“ zischte Sorenson. „Das sind keine Piraten.“
„Und doch wirkt dieser Besuch alles andere als offiziell. Oder sehen diese Anzüge für Sie nach Beamtenuniformen aus?“
Der Kapitän verengte die Augen. Unter seiner Mähne arbeiteten die Kolben. Ich lehnte mich vor und aktivierte das Megafon.
„Willkommen an Bord der Anna, meine Herren. Wie können wir Ihnen helfen?“
Der Vormarsch der Eindringlinge geriet ins Stocken. Taschenlampen hüpften ertappt umher, ehe sie ein Ruf auf unseren Laufsteg zentrierte. Ich winkte und durchforstete mein Gedächtnis zugleich nach obskuren Verhaltensnormen, welche die Geste für Asiatenaugen zu einer Beleidigung konvertiert hätten. Allerdings war diese Situation ziemlich bizarr. So bizarr, dass sich nicht einmal im allumfassenden Verhaltenskodex des japanischen Kaisers ein Schema dafür gefunden hätte.
„Der stattliche Mann an meiner Seite ist Kapitän Sorenson. Was meine Wenigkeit betrifft, so agiere ich derzeit als sein Berater in diplomatischen Angelegenheiten. Darf ich Sie darum bitten, den Grund für Ihren Besuch zu nennen?“
Die Fremden tauschten verwunderte Blicke aus. Nach einer angespannten Pause senkte einer von ihnen seine Lampe.
„Wir gehören zur Küstenwache.“
„Natürlich tut ihr das.“
Ich bereute die Worte sofort. Zu meiner Erleichterung war der Sprecher unempfänglich für Sarkasmus. Der Strahl seiner Taschenlampe zeigte uns einen Ausweis. Sorenson drehte hektisch an den Rädern des Feldstechers, als ob die Linsen jederzeit auf eine andere Realität hätten umschalten können.
Ich senkte das Megafon.
„Sieht das Papier echt aus?“
„Alles was ich sehe, sind ein Foto und ein paar Stempel. Die Fälschungen des Quartiermeisters sind übezeugender.“
Ich reaktivierte das Megafon. „Verzeihen Sie mir die Fragerei, Herrschaften. Aber wir haben nicht damit gerechnet, dass die lokalen Behörden auf diese Weise bei uns vorstellig werden. Vielleicht könnten Sie ein wenig Licht ins Dunkel bringen?“
Der zweifelhafte Ausweis verschwand in seidenen Untiefen. „Die Regierung hat unsere Organisation mit der Hafensicherheit betraut.“ Ich nickte und versteckte mein Grinsen dabei hinter dem Megafon.
Das Licht war da und es war gut. Ich hatte es mit externen Dienstleistern zu tun. Zivilisierten Söldnern, deren Loyalität nicht der lokalen Bevölkerung gehörte sondern dem höchsten Gehaltscheck. Genau die Art von Leuten, die ich zu finden gehofft hatte.
Nun, da ich klareres Bild von unseren Gästen hatte, liess sich auch das Motiv hinter dem Entermanöver erraten.
„Ihr habt uns noch nicht den Grund eures Besuchs genannt.“
„Guinea erhebt seit Neuem eine Verwaltungsgebür für Schiffe in seinen Hoheitsgewässern.“
Der Mann trat einen Schritt vor und betonte dadurch subtil die Wölbung unter seiner Brust.
„Wir sind hier, um einzukassieren.“
Unsere Blicke hatten sich ineinander verhakt. Mein Lächeln schwand nicht, ungeachtet dem Messer, das im Samt der Asiatenstimme verborgen lag.
„Und wir teilen mit Freude aus.“
Egal ob Delphis Launen algorithmische Täuschung waren oder nicht, sein Gefühl für den dramatischen Moment war perfekt. Die Geschütze entlang der Brücke erwachten aus ihrem Schlummer, verbissen sich wütend in ihren Munitionsgürteln. Unter den Geldeintreibern erging ein Warnruf. Taschenlampen hefteten sich an die Rotoren einer vorbeirauschenden Drohne.
„Ich habe womöglich vergessen zu erwähnen, dass die Anna ein sehr reizbares Schiff ist. In bestimmten Situationen lässt sich ihr Temperament einfach nicht im Zaum halten. Besonders in Situationen, wo sie sich mit bewaffneten Entermannschaften konfrontiert sieht.“
Das Deck versank in Wortgefechten, als die Selbstsicherheit der Erpresser ins Wanken geriet. Für westliche Ohren war der Disput ein misstönendes Rätsel, aber Gewalt bildete mit Sicherheit das Hauptthema. Etliche Männer präsentierten schon ihre bleihaltigen Accessoires. „Meine Herren, bitte. Lassen Sie sich nicht zu voreiligen Handlungen hinreissen. Sie werden bekommen, weswegen Sie hier sind.“ Ich wandte mich Sorenson zu.
„Zeit, die Stimmung aufzuhellen.“
Das Antlitz unter dem Bart hatte merklich an Farbe eingebüsst. Interessanterweise hatte die Furcht Sorenson zu einem besseren Handlanger geformt, denn er stürmte prompt in die Kabine. Wenige Herzschläge später entflammten die Flutlichter unter dem Hauptkran. Ihr stechendes Weiss enthüllte die Koffer, welche sich auf einer Plane aneinanderschmiegten.
Meine Augen ruhten noch immer auf dem Wortführer der Asiaten. Nicht alle Informationen des menschlichen Soziallebens schlugen sich in Wortform nieder. Und obwohl die Worte der Dienstleister für mich verschlüsselt waren, entlarvte ihr Gebaren den Sprecher als den Anführer. Das Los der Entermannschaft lag in seinen Händen. Und es waren seine Ohren, für die meine Einladung bestimmt war.
„Guineas Behörden sollen angemessen für ihre Mühen entschädigt werden“, verkündete ich, die Arme feierlich ausgebreitet und wohl wissend, dass die Koffer nie eine lokale Institution von innen sehen würden.
„Nur zu. Sie gehören Ihnen.“
Der Anführer des Erpressertrupps hielt meinem Blick für fünf weitere Sekunden Stand, bevor er der Verlockung nachgab. Er arbeitete sich zum Kran durch, vorbei am Hügelland der Planen und den wachsamen Pistolen seiner Begleiter. Misstrauen und Vorfreude kämpften in seiner Miene um Vorherrschaft, als er sich ins Kreuzfeuer der Scheinwerfer hinauswagte.
Er öffnete den ersten Koffer. Die Aufhellung in seinem Gesicht war die Bestätigung, dass ein Stapel toter US-Präsidenten auch die Herzen des Morgenlandes mit Glück erfüllte.
„Jetzt, da wir die Formalitäten hinter uns haben, würde ich gerne mit dem höheren Management sprechen.“

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>>>>>> Error: Neuralreferenz ungültig, wechsle zu zweitem Superblock in 0x75ACFD21
>>>>>> Fortsetzung mit Addressabstand 0x000089CA

Ich lehnte mich zurück, während mein Blick erneut das Niemandsland auf dem Konferenztisch durchquerte. Auf der anderen Seite erhob sich die chinesische Mauer. Stark und fugenlos, ohne ersichtliche SchwachstelIen.
Ich hatte mich stets über dem Stumpfsinn der Masse gewähnt. Insbesondere über dem europäischen Unvermögen, asiatische Gesichter auseinanderzuhalten. Mittlerweile hatte ich jedoch erkennen müssen, dass meine Fähigkeiten nicht über dem Durchschnitt lagen. Schlimmer noch: Die wenigen Gesichter, die herausstachen, lieferten mir nichts. Sie waren lebende Versionen der Porzellanstatuen in den Wandnischen. Blass und in Freundlichkeit erstarrt.
Bis jetzt hatten die lächelnden Mienen nur Eines preis gegeben: Sie gehörten nicht zu der Sorte, die Schiffsdecks nach Geldscheinen durchkämmte. Nein, diese Leute machten ihre Beute in einer anderen Welt. In meiner Welt.
Ich räusperte mich. Zum zweiten Mal.
„Verzeihung, ich hatte Ihren Namen nicht ganz verstanden, Herr…?“
„Qiang Xin Zhang“, antwortete der Mann, der mir unmittelbar gegenübersass. Er war der älteste Pfeiler in der Mauer. Ohne Zweifel der Boss.
„Ach ja, genau.“
Mein Verstand klammerte sich ans letzte Wort, getrieben von der Hoffnung, dass es sich dabei tatsächlich um das Äquivalent eines Nachnamens handelte. Die Überforderung beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit.
„Falls mir die Neugier gestattet sei, hätte auch ich einige Fragen zu Ihrem Namen.“
Zhangs Hände wendeten noch immer die Karte, die ich über das polierte Niemandsland geschoben hatte.
„Ich kenne Deutschland von früher, aber Ihr Name mutet mich dennoch seltsam an. Ist das der Titel eines Adelsgeschlechts?“
Nun war es an mir, die Lachmuskeln spielen zu lassen. „Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin alles andere als ein Edelmann, Herr Zhang.“ Ich beobachtete das alte Gesicht eindringlich, wartete auf einen Funken von Irritation. Doch die Falten liessen mich im Unklaren darüber, ob ich die korrekte Anrede gewählt hatte.
„Sie haben ein Auge für Namen. Für mich wiederum ein Zeichen von Weisheit. Der Name eines Mannes ist die einzig relevante Marke in seinem Leben. Er muss auf die Rolle zugeschnitten sein, die er auf der Weltbühne einzunehmen trachtet.“
Die Falten zeigten sich weiterhin unbeeindruckt.
„Und welche Rolle nehmen Sie ein?“
Meine Gedanken schweiften zur Anna. Ein dösender Koloss in der Bucht, vollgefressen mit 8756 Tonnen Klimaschaden. Sorenson hatte seine Hände bestimmt auf der Ankersteuerung. Obwohl unsere Asiatenfreunde seiner Braut eine kleine Flotte zur Seite gestellt hatten.
„Ich glaube, wir beide haben dieselbe Rolle in unterschiedlichen Imperien: Die Rolle des Kundschafters, der neue Gebiete erschliesst und die ertragreichen Zahlen in die Höhe treibt.“
Ich deutete mit dem Kinn in Richtung Fenster. Das Glas war ausreichend getönt, um den heissen Zorn der Guineasonne zu mildern.
„Oder warum rühren die Chinesen mit ihren Essstäbchen in Afrika?“
Zhang spreizte die Finger auf dem Tisch.
„Peking hat grosse Pläne für den Kontinent. Mit unserer Unterstützung wird er den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen.“
Weder seine Diplomatenstimme noch das Porzellangesicht liessen eine alternative Interpretation der Aussage zu. Und doch spürte ich, dass ihm ebenso klar war wie mir, wer die grossen Sprünge machen würde: Jinpings Schosshunde.
„Die Nan Offensive hat sich der Reform von Guineas Infrastruktur verschrieben“, fuhr Zhang fort. „Unser aufwendigstes Projekt wird der Umbau des Hafens sein.“
Das Gesicht zu Zhangs Rechten flüsterte ihm etwas ins Ohr. Selbst für meine Europäeraugen waren seine Konturen eindeutig weiblich. Und auch bei fehlender Eindeutigkeit hätten mir die Businessbluse zusammen mit den lackierten Fingern den richtigen Weg aufgezeigt.
Was auch immer die Frau sagte, es löste ein entschiedenes Nicken aus. „Unsere geschätze Huilang würde sie noch einmal gerne auf die Möglichkeit hinweisen, von der Garderobe Gebrauch zu machen.“ Seine Augen schleiften mich bereits zu den Kleiderbügeln. „Dieser Mantel ist nicht unbedingt vorteilhaft in einem Land, das nur die Spitze der Temperaturskala kennt.“
Ich richtete meinen Kragen.
„Danke, aber ich fühle mich so ganz wohl.“
Ich hatte nicht gelogen. Die Klimaanlage hatte für eine Minieiszeit gesorgt. Wären die Fenster nicht auf das braune Slumporträt hinausgegangen, hätte das Meeting in Berlins Geschäftsviertel stattfinden können. Sogar mein Versuch, mehr Nuancen im Porträt auszumachen, war zum Scheitern verurteilt. Der Konferenzraum schwebte so hoch über dem Elend, dass seine Existenz nicht über alle Zweifel erhaben war.
Das Flurnetzwerk des Nan-Turms war nicht Teil Guineas. Es formte einen eigenen Mikrokosmos. Einen Mikrokosmos, der auf den Urknall aus Peking wartete. Und nach seiner Expansion wäre die Wiege der Menschheit ausradiert.
„Ausserdem schadet es nie, zusätzlichen Stauraum zu haben.“
„Offensichtlich benötigen Sie den Stauraum nicht für Waffen. Es sei denn, das Lobbypersonal hat etwas übersehen.“
Zhangs Bemerkung schaffte die Gratwanderung zwischen unschuldigem Witz und versteckter Drohung.
„Nur schlechte Unterhändler benötigen bleihaltige Argumente.“
„Guinea hat ein paar gefährliche Strassen. Besonders für Leute mit Ihrem historischen Ballast.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Eines Tages werden Sie sich vielleicht sehr wohl in einer Krise widerfinden, die nur mit bleihaltigen Argumenten bereinigt werden kann.“
Er liess die Prognose für eine Weile im Raum stehen, bevor sein Tonfall einen abrupten Kurswechsel vollzog.
„Verzeihen Sie mir das Verhör, aber eine Person wie Sie trifft man nicht oft, Herr Van …“
Die leidenschaftslosen Augen sprangen wieder zur Karte, bemühten sich darum, Silben in Laute zu konvertieren. Nach zwei weiteren Anläufen gab sich Zhang geschlagen.
„Sie platzen mit Geldkoffern und grossen Namen in Afrikas Hinterhof und wirken dennoch schlecht für die lokalen Umstände gewappnet.“
Mein Lächeln schwand nicht.
„Hat ihr Schlägertrupp die Anna als schlecht gewappnet beschrieben?“
Der Chinese lehnte sich vor.
„Im Gegenteil, sie beschrieben ein Schiff mit einem Waffenarsenal auf Militärniveau. Vor diesem Hintergrund stellt sich mir jedoch die Frage, welch kostbare Fracht derartige Sicherheitsvorkehrungen erfordert?“
Ich richtete mich auf. Zeit, die Abgase aus dem Sack zu lassen.
„Möglicherweise sagt Ihnen der Name Dieselgate etwas.“
Überraschung zerrütete die Gesichter entlang der Tafel. Ich hatte die grosse Mauer ins Wanken gebracht.
„Um es kurz zu machen: Volkswagen hat schwere Klimasünden zu beichten und die Rotmeier Gruppe sitzt gleich neben ihr auf der Anklagebank.“
Ich verschränkte die Arme. „Derzeit ist die Medienwelt noch auf VW eingeschossen. Aber wenn ihr einmal die Schlagzeilen ausgegangen sind, wird sie sich nach neuen Storys umsehen. Storys, die vielleicht um die Herkunft der getürkten Motorensoftware kreisen.“
Ein wissendes Funkeln erhellte die Brunnenschächte von Zhangs Augen.
„Die Amerikaner sind nicht gerne in der Rolle des Getäuschten.“
„Offensichtlich nicht. Wir rechnen damit, dass einige unserer Tochtergesellschaften mit VW auf dem Schafott enden werden.“
Ich legte eine Pause ein und zählte im Stillen die Sekunden für einen optimalen Spannungseffekt.
„Inmitten all der Empörung und PR-Floskeln ist eine Frage allerdings vergessen gegangen.“
Die chinesische Mauer hatte ihre Gleichgültigkeit zurückerlangt, doch ihre Augen hingen an meinen Lippen. Ich stand auf und gestattete ihnen somit nicht, mich im Stuhl festzunageln.
„Eine gewichtige Frage. So gewichtig, dass sich eine ganze Flotte ihrer annehmen muss.“
Ich schlenderte zu den grinsenden Statuen. Aus der Nähe erschloss sich mir der Grund für ihre Zufriedenheit: ein edelsteinbesetztes Fettpolster wie das ihre hätte aus jedem Miesepeter einen Optimisten gemacht. Schätze aus dem lokalen Boden, da bestand kein Zweifel.
„Dieselfahrzeuge sind im reformierten Westen nicht gern gesehen und manipulierte Dieselfahrzeuge schon gar nicht.“
Von der chinesischen Mauer gingen stille Pfeile auf meinen Rücken nieder, als ich aus dem Fenster spähte.
„Aber der Westen ist nicht die ganze Welt. Es finden sich gewiss noch Orte, die ein Herz für Flüchtlinge mit bewegter Vergangenheit haben.“
Am Horizont vermischte sich das Elend mit der Brühe des Ozeans. Zhang hüstelte. „Sie präsentieren uns äusserst interessante Fakten. Aber was erhoffen Sie sich von diesem Gespräch?“
Ich wandte mich der lächelnden Mauer zu. „Unsere Imperien würden beide von einer Zusammenarbeit profitieren. Die Anna hat ungefähr 4000 Fahrzeuge geladen. Dutzende Schiffe ihres Volumens warten in den Häfen Europas und der Ostküste auf grünes Licht.“
Das Mauerwerk bröckelte, destabilisiert durch den Aufschrei der üblichen Skrupel. Ich kehrte an den Tisch zurück, versenkte meine Finger in der Stuhllehne.
„Was werden Guineas neue Autobahnen wert sein, wenn die Zufahrten durch Viehherden verstopft sind? Welche Waren sollen im Hafen umgeschlagen werden, wenn der Grossteil der Bevölkerung noch immer Eimer zu Wasserlöchern schleift?“
Ich legte mehr Wucht in meine Stimme.
„Hat sich die Nan Offensive diese Expansion auch gut überlegt? Denn um dieses Kaff ins nächste Zeitalter zu katapultieren, wird eine Pferdestärke nicht ausreichen.“
„Die Nan Offensive erfreut sich guter Beziehungen zu asiatischen Autoherstellern.“
Zhangs Konter besass nicht mehr die gelassene Präzision seiner vorangegangenen Äusserungen. Meine Worte hatten eine Bresche geschlagen. Nun galt es, sie zu erweitern.
„Lassen Sie sich nicht zu falschen Schlüssen hinreissen, meine Damen und Herren. Diese Autos leiden an mangelhafter Beliebtheit, nicht mangelhafter Technik. Ich biete Ihnen deutsche Qualität als Kraftstoff für Ihre Afrikaoperation.“
Unterdrückte Gier verpestete den Raum, bereit, eine unheilige Allianz mit dem Plastikgeruch aus den Lüftungsfiltern einzugehen. Und in diesen Minuten hatte ich die Gewissheit, dass die Mauer fallen würde. Es gab nur noch einen letzten Pfeiler. Ich entschied mich dazu, den Rammbock auszupacken.
„Ich will ehrlich mit Ihnen sein: Unsere Organisation wird auf der Siegerseite dieser Ökokrise stehen und zwar genau hier, auf dem fruchtbaren Boden der Afrikamärkte. Fürs Erste müssen wir jedoch auf dem Kontinent Fuss fassen. Und dafür benötigen wir einen Brückenkopf.“
Mein Blick bohrte sich in Zhangs graue Brunnenschächte. „Die Frage ist, ob die Nan Offensive diesen Brückenkopf bereitstellt oder ob die Odyssee der Anna weiter andauert.“ Ich stellte mir Liz vor: ein nervöses Koffeinwrack in der Tafelrunde, von jedem Flackern des Smartphones zu einer weiteren Fahrt auf der Gefühlsachterbahn genötigt.
„Die Rotmeier Gruppe muss auf Grün einschwenken und sie muss es schnell tun.“
Der alte Chinese senkte den Blick. Drei seiner Handlanger waren schon aufgestanden, um sein linkes Ohr zu belagern. Das andere Ohr hatte sich die Frau gesichert. Nach einer getuschelten Ewigkeit lösten sich Zhangs Handflächen von der Tischplatte. Die Berater zogen sich sofort zurück.
„Wie könnte die Nan Offensive ein solch grosszügiges Angebot ausschlagen?“
Ich streckte meine Hand aus.
„Dann haben wir einen Deal.“
Zhang liess meine Finger im Niemandsland hängen. Das höfliche Lächeln war zurückgekehrt. „Wir können Sie doch nicht mit einem Handschlag verabschieden. Was für ein Bild hätten Sie von unserer Gastfreundschaft? Bitte, setzen Sie sich.“ Ich zögerte. Aber mein Instinkt warnte mich davor, gegen die Spielregeln der Chinesen aufzubegehren. Während ich mich ins Polster sinken liess, rasten die schwarzen Frauennägel über ein Huawei.
Die Tür sprang auf und flutete den Raum mit einer Armee identischer Servierer. Dampfende Reishügel und gebratenes Fleisch errichteten einen neuen Wall zwischen mir und Zhang. Die Geschwindigkeit, mit der das Essen den Tisch einnahm, kündete von Planung. Die Nan-Strategen hatten mit einem positiven Ausgang gerechnet. Oder zumindest mit taktvoller Uneinigkeit.
Eine verzierte Tasse landete vor mir. Der Strahl der Teekanne stürzte sich aus der Höhe herab.
Zhang hatte seine eigene Tasse bereits gehoben.
„Auf ein neues Guinea und eine grünere Zukunft!“
Ich griff nach dem Tee, betrachtete die Wirbel auf der smaragdfarbenen Oberfläche. Die Ironie der Situation entging mir nicht. Ich hatte nach einem Halsabschneider mit Augenklappe und Buschmessern gesucht. Stattdessen hatte ich einen mit Anzug und Krawatte gefunden. So oder so, meine Mission war erfüllt.
„Auf eine grünere Zukunft!“

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