Alles eine Frage der Technik

4,00 Stern(e) 6 Bewertungen

Frederik

Mitglied
Ist es ihnen schon einmal aufgefallen? Wir Deutschen sind technikbesessen. Alles muss technisch absolut perfekt sein.
Nehmen sie einen deutschen Mittelklassewagen. Niemand wird mehr mit einer Fensterkurbel überfordert. Elektrische Fensterheber bewahren die Insassen vor Zeitverschwendung, durch kurbeln. Es ist fast nebensächlich, dass der „Zeitersparer“ hin und wieder über Nacht die Batterie entleert. Wurde der Dreitonner erst einmal die Garageneinfahrt hochgeschoben, lässt er sich nahezu problemlos anschieben, soweit nicht ein Automatikgetriebe oder eine Tiptronic dem morgendlichen Unterfangen entgegensteht.
Ein Highlight für den Grobmotoriker: Strassenkartenfalten ist obsolet. Der Wagen kennt den Weg nach Hause.
Im Inneren erkältet sich der Fahrer bei angenehmen zwanzig Grad, während draußen der Asphalt in der Sonne schmilzt. Die Fahrwerksregulierung lässt sich achtzig Zentimeter hochfahren, weil der innovative Pendler ständig Offroad-Strecken im Asphaltdschungel überwinden muss. Überhaupt darf ein ABS, ASR, elAsp, YMCA nicht fehlen, wenn das neue vierrädrige Familienmitglied dem Nachbarn vorgestellt wird. Dass der Mittelklassewagen genauso viel kostete wie ein amerikanisches Einfamilienhaus, wird zur Nebensächlichkeit. Schließlich entsprechen amerikanische Häuser auch nicht dem deutschen Stand der Technik. So haben wir nur einen mitleidigen Blick übrig, wenn die Nachrichten weggeflogene amerikanische Häuser senden. Ein deutsches Haus könnte problemlos einen Tornado trotzten, wenn es in Deutschland Tornados gäbe. Das Gebäude ist technisch perfekt, ferner gibt es dreihundert Jahre Garantie auf die Bausubstanz. Das deckt sich immerhin mit der durchschnittlichen Kredittilgungsdauer.
Beobachten wir für einen Augenblick den Bau eines solchen deutschen Hauses. Versucht ein unerfahrener Bauarbeiter eine überstehende Holzlatte mit einer Handsäge zu kürzen, so wird er für diesen Faux pas die Missgunst der gesamten Baubranche ernten. Irgendein Kollege wird um Einhalt bitten, um seine Black & Decker Futura 2004 zu holen. Er steigt auf sein Fahrrad und macht sich auf dem Weg. Dank der einundzwanzig-gängigen Kettenschaltung, lässt sich die Strecke in zwei Stunden bewältigen. Das lohnt sich, denn die Black & Decker kann schrauben, hämmern, bohren, schneiden, tackern, schweißen, Bier holen und natürlich sägen. Außerdem muss das Fahrrad sowieso bewegt werden. Es kostete schließlich soviel wie ein amerikanischer Mittelklassewagen. Dafür ist der Chevy technisch deutlich unterlegen und hat auch keine einundzwanzig Gänge. Zugegeben, der alltägliche Fahrer benutzt nur die Gänge Vierzehn bis Einundzwanzig. Sollte er sich jedoch auf den Weg zur Arbeit einmal verfahren und in die Verlegenheit kommen den Brenner überqueren zu müssen, so sind Steigungen bis sechzig Prozent stilvoll in den Gängen Sieben bis Vierzehn zu meistern. Ein solches Szenario ist natürlich nur vorstellbar, wenn das Fahrradnavigationssystem ausfällt.
Sie erliegen übrigens einem Irrtum, sollten sie annehmen unser tapferer Radfahrer sei nach seiner Odyssee nassgeschwitzt. Schnelltrocknende Funktionswäsche aus Hightech-Fasern wie Cool-dry oder Tactel wissen dies zu verhindern. Er riecht zwar wie ein Puma, aber eben nur wie ein trockener Puma. Technik auf hohen Niveau ist nun einmal unerlässlich.
Das gilt auch für Computer. Kein Stammtischhasardeur mit einem Funken Selbstachtung prahlt noch mit den angeblichen vier Frauen der letzten Nacht. Nein, er betritt sein gewohntes Etablissement mit einem überlegenen „Ich habe jetzt zwei Gigahertz!“ Somit ist auch Anstand nur eine Frage der Technik geworden.
Der Deutsche hat für gewöhnlich irgendwo einen Turm von Hightech-Geräten. Pflicht ist allerdings, dass eine lernfähige Fernbedienung alle Geräte mit einem Knopfdruck abschalten kann. Hören sie also gerade eine CD, während sie unter Berieselung des Radioreceivers eine DVD im Fernsehen anschauen, brauchen sie nur den roten Knopf drücken, und schon haben sie ihre wohlverdiente Ruhe. Allerdings haben sie sich dann auch schon als anachronistisch enttarnt, denn das MP 3 Format ist technisch interessanter als der CD-Player.
Der gewiefte Leser wird nun einwenden, dass unsere Nachbarn auch nicht anders sind. Der Schweizer zum Beispiel trägt im Allgemeinen ein Paradebeispiel an Präzisionstechnik am Handgelenk. Die Schweizeruhr. Tatsächlich ist das Schweizeruhrwerk geradezu ein Synonym für Präzision. Allerdings wird jedes Uhrwerk in stundenlanger Handwerkskunst handgefertigt und kann letztendlich gerade mal die korrekte Uhrzeit anzeigen, soweit es gestellt und aufgezogen ist. So etwas lässt sich in Deutschland kaum verkaufen. Wir wollen einen futuristisch anmutenden Chronographen, dem irgendwo innerhalb von Sekunden mit Hilfe eines japanischen Digitaluhrwerks Leben eingehaucht wurde. Nach wochenlangem Studium kann der glückliche Uhrbesitzer die Mondphasen ablesen, per GPRS seinen Aufenthaltsort feststellen, die Uhrzeit in vierzig Nachbarländern abrufen, beim Tauchen die Tiefe feststellen, sich wecken lassen und im Notfall sogar die Uhrzeit ablesen. Die Uhr stellt sich sebstständig per Funkübertragung und versorgt sich über eine Solarzelle, so dass in den nächsten zwei Millionen Jahren mit einer Abweichung von über eine Sekunde nicht zu rechnen ist. Damit ist für alle alltagstypischen Situationen eine Anzeige vorhanden. Nein, die Schweizer wissen nicht was wahre Technik ist.
Anfang des Jahres wurde mir der Katalog eines Erotikversandes zugestellt, irrtümlicher Weise, wie ich selbstverständlich hinzufügen möchte. Nach eingehender Lektüre war ich traumatisiert und desillusioniert. Da mein Schamgefühl und meine neuerworbenen Minderwertigkeitskomplexe mich auch Wochen später noch in Badehose duschen ließen, fragte ich einen Therapeuten um Rat. Er heilte mich mit einem kompetenten Hinweis. „Es ist doch letztendlich alles eine Frage der Technik.“
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
nu,

icke als frau hab ja von technik keine ahnung, aber amüsiert hab ich mich trotzdem.
die story könnte stärker gegliedert sein für besseren lesefluss und n paar tippfehler wären zu bemängeln, aber ihre lacher findet die geschichte allemal.
ganz lieb grüßt
 

Frederik

Mitglied
Re: nu,

Ursprünglich veröffentlicht von flammarion
icke als frau hab ja von technik keine ahnung, aber amüsiert hab ich mich trotzdem.
die story könnte stärker gegliedert sein für besseren lesefluss und n paar tippfehler wären zu bemängeln, aber ihre lacher findet die geschichte allemal.
ganz lieb grüßt

Hallo,

danke für die Antwort.
Die zum Teil fehlende Gliederung ist mir auch aufgefallen. So richtig allerdings erst nachdem der Blocksatz nicht übertragen wurde. Alles eine Frage der Technik.
Aber ernshaft ich danke für die Resonanz.

Frohe Ostern wünscht
Fredrik
 

GabiSils

Mitglied
Lieber Frederik,

herzlichen Dank für ein besonderes Lesevergnügen :) Sprachlich geschliffen und unnachahmlich trocken beschreibst du ein bekanntes Phänomen mit genau der richtigen Portion Ironie.
Zur Abrundung vermisse ich als Deutsche in der Schweiz lediglich die Betrachtung eines noch wichtigeren Utensils: des Schweizermessers! Das tut der Wertung "10" jedoch keinen Abbruch.

Viele Grüße und mit der Bitte um mehr,
Gabi
 

Frederik

Mitglied
Ursprünglich veröffentlicht von GabiSils
Lieber Frederik,

herzlichen Dank für ein besonderes Lesevergnügen :) Sprachlich geschliffen und unnachahmlich trocken beschreibst du ein bekanntes Phänomen mit genau der richtigen Portion Ironie.
Zur Abrundung vermisse ich als Deutsche in der Schweiz lediglich die Betrachtung eines noch wichtigeren Utensils: des Schweizermessers! Das tut der Wertung "10" jedoch keinen Abbruch.

Viele Grüße und mit der Bitte um mehr,
Gabi

Liebe Gabi,

schon diese Antwort motiviert mich weiterzumachen. Danke!

Ich muss mich tatsächlich für den nahezu unverzeihlichen Faux pas, bei allen Schweizern entschuldigen. Das Schweizermesser, Inbegriff des multifunktionalen Werkzeugs, Ersatz für einen kompletten Werkzeugschrank ... hätte tatsächlich eine nähere Betrachtung verdient gehabt.

Frohe Ostern wünscht Frederik.
 

Oben Unten