Als das Christkind Anna zurückbrachte (Erzählgeschichte zu Weihnachten)

Betcy

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Als das Christkind Anna zurückbrachte

Es war das letzte Weihnachtsfest vor dem Krieg. Der Schnee hatte das kleine Dorf in Ostpreußen fast ganz unter sich begraben. Nur mit dem Pferdeschlitten konnte man die Christmesse in der kleinen Dorfkirche besuchen. Anschießend versammelte sich die Familie an dem großen Wohnzimmertisch. Bevor die herrlich duftende Weihnachtsgans aufgetragen wurde, gab es zum Aufwärmen eine leckere Hühnersuppe mit Eierstich und vielen Klößen. Nachdem auch der Bratapfel verzehrt war, stand die Bescherung auf dem Programm. Unter dem prachtvoll geschmückten Tannenbaum standen Teller mit allerlei Gebäck, Nüssen, Schokolade und einer dicken Apfelsine. Dahinter lagen kleine, hübsch dekorierte Päckchen.

Es sollte noch ein Weihnachtslied gesungen werden, doch die kleine Margret wollte nicht länger warten. Ziemlich rabiat riss sie ihr kleines Paket in Stücke. Zum Vorschein kam eine wunderschöne Stoffpuppe mit großen Kulleraugen, roten Bäckchen und zwei langen Zöpfen. Margret hüpfte vor Freude in die Luft. Genau so eine Puppe hatte sie sich gewünscht. Sie nannte sie Anna. In den kommenden Wochen und Monaten sah man Margret fast nie ohne Anna. Sie nahm sie mit ins Bett und setzte sie beim Essen neben sich auf einen Stuhl. Nur mit in die Schule durfte Anna nicht.

Doch die unbeschwerten Zeiten waren bald vorbei. Beim nächsten Weihnachtsfest herrschte schon Krieg. Der war zunächst weit weg und schien keine Bedrohung zu sein. Erst als die Post die Todesnachricht von Margrets Onkel Hans brachte, änderte sich das schlagartig. Auch Margret bekam mit, dass sich die Welt der Erwachsenen geändert hatte. Immer mehr Männer wurden eingezogen und die Frauen mussten viel öfter und länger auf dem Feld arbeiten. Als auch der Vater in den Krieg ziehen musste, war ihr einziger Trost die Stoffpuppe Anna, mit der sie jeden Tag spielte, auch wenn sie jetzt schon fast zu alt dafür war.

Als die Russen immer näher rückten, packte die Mutter das Nötigste zusammen und man schloss sich den Flüchtlingstrecks in Richtung Westen an. Der Vater war im Krieg und Margrets kleiner Bruder hatte gerade erst laufen gelernt. Da die Pferde längst abgeholt worden waren, zogen Margret und ihre Mutter den Handkarren viele Kilometer bis zum Bahnhof in der Kleinstadt, die Stoffpuppe immer in der freien Hand. Sie hatten Glück und erreichten einen der letzten Züge, der sie bis nach Lüneburg brachte. Beim Aussteigen hätte Margret Anna fast verloren. Doch ein anderes Kind brachte ihr die Puppe. Sie wurden auf einem nahen Bauernhof untergebracht. Die Mutter musste arbeiten, während Margret auf ihren kleinen Bruder aufpasste. Für Anna hatte sie jetzt kaum noch Zeit.

Als einige Monate später der Vater aus dem Krieg heimkehrte, zog die Familie weiter nach Westen ins Emsland. Dort fanden Annas Eltern Arbeit und einige Jahre später konnten sie sich sogar ein kleines Häuschen leisten. Margret machte nach der Schule eine Ausbildung, heiratete und gründete eine eigene Familie. An ihre Kindheit in Ostpreußen erinnerte sie nur noch Anna, die bei jedem Umzug sorgfältig eingepackt wurde. Allerdings landete der Karton zuletzt in einer Ecke auf dem Dachboden.

Viele Jahre vergingen. Margret wurde Oma und sogar Uroma. Irgendwann merkte sie, dass sie immer öfter Dinge vergaß. Auch brachte sie die Namen der Enkel und Urenkel immer wieder durcheinander. Zuletzt erkannte sie ihre eigenen Kinder nicht mehr. Nach einem Schlaganfall musste sie schließlich in ein Altersheim umziehen.

Nur zu Familienfeiern wurde sie noch nach Hause geholt. So verbrachte sie auch das Weihnachtsfest im Kreise ihrer großen Familie. Am Heiligen Abend saßen alle zum Racletteessen an dem großen Esszimmertisch. Nachdem man sich mit Leckereien den Bauch vollgeschlagen hatte, war die Bescherung angesagt. Reihum durfte man seine Geschenke auspacken. Man musste dazu aber zuerst eine Sechs würfeln. Margret saß teilnahmslos, mit trüben Augen in ihrem Rollstuhl. Alle Menschen im Raum waren ihr fremd.

Doch als sie eine Sechs würfelte, holte ihre Urenkelin Lisa eine kleine Stoffpuppe hervor, die sie auf dem Dachboden gefunden hatte. Plötzlich erhellte sich Margrets Gesicht. Sie lachte und weinte gleichzeitig. „Anna, du bist Anna. - Wo warst du die ganze Zeit“? Und dann begann sie aus ihrer Kindheit in Ostpreußen zu erzählen. Alle hörten gebannt zu, während im Hintergrund leise eine CD mit alten Weihnachtsliedern lief. Die Kinder probierten das neue Spielzeug aus. Für die Erwachsenen stand eine große Schüssel mit Punsch auf dem Tisch. Insgesamt war es ein sehr schöner Weihnachtsabend. Zu später Stunde wurde Margret ins Bett gebracht. Mit Anna im Arm und einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein. - Am nächsten Morgen wachte sie nicht mehr auf.
 



 
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