Als die Buchstaben auf das Papier trafen

Eines Tages zogen 26 Buchstaben durch eine mittelalterliche Stadt am Rhein. Jeder der 26 Buchstaben hatte seine ihm zugeschriebene Aufgabe. Wenn ein Fluss zu überqueren war, musste sich beispielsweise das „H“ stark machen, denn es sah aus wie eine Brücke. Alle anderen aus der Alphabetfamilie konnten nun bequem das Hindernis überqueren. Die Tage vergingen und die Abende waren lang.

In dieser Nacht sollte jedoch alles anders werden. Etwas Unheilvolles lag in der Luft als die Buchstaben gemütlich am Lagerfeuer saßen, sich wärmten und über Erinnerungen aus alten Zeiten plauderten. In weiter Entfernung befand sich eine Taverne, in der es jedem Abend hoch herging. Knechte und Mägde saßen beim Wein zusammen und sangen lauthals zur Musik des Flötenspielers.

Auch der Holzschnitzer Johannes feierte mit. Seit Jahren schon überlegte das Erfindergenie, wie man Informationen auf dafür vorgesehene Tafeln bringen konnte. Bisher war es eine schwierige Aufgabe gewesen, in Bildform die gewünschten Aussagen zu formulieren und zu übermitteln. Es müssten Zeichen sein, die jeder verstehen könnte und die schnell auf Papier zu bringen sind, dachte Johannes. Seit einigen Tagen bemerkte er den Lichtschein eines Lagerfeuers im angrenzenden Wald des Ortes. Er wusste, dass es sich um einige Wesen handeln musste, die als Buchstaben bekannt waren, denn die Gespräche und das Gemurmel waren weithin zu hören. Ständig kamen auch wieder kleinere Wesen hinzu.
Am Abend beschloss er sich in die Nähe des Feuers zu begeben und den Tönen und Gesängen zu lauschen. Jeder dieser Wesen machte ein anderes Geräusch und, wenn sie zusammenkamen, wurde der Ton länger. Es klang fast wie ein Wort, wenn mindestens drei der kleinen Gestalten zusammentrafen. Johannes beschloss dem Treiben ein Ende zu setzen und diese Gestalten einzufangen, ehe sie wieder ihren Aufenthalt abbrachen und weiterzogen, denn er hatte eine Plan. Wenn er jedem Buchstaben eine Stellung zuordnen würde, könnte man Worte bilden und diese ergaben aneinander gereiht Sätze. Auf gewisse Art und Weise könnte dies wesentlich die Informationsgabe zwischen den Menschen, die weit auseinander wohnten, erleichtern. Grundlage wäre natürlich, dass sie diese Sätze lesen konnten. Märchen, Geschichten und vieles andere ließ sich so für die Nachwelt erhalten. Es müssten Einrichtungen geschaffen werden, in denen Menschen erfahren, wie man diese Buchstaben zusammensetzt und somit lesen kann. Johannes wurde immer wilder in seinen Gedankengängen und Visionen.

In den frühen Morgenstunden zog er los und setzte sein Vorhaben um. Drei Kiepen voller Buchstaben sperrte er in den Hungerturm vor den Toren der Stadt ein. Das Gemurmel der kleinen Wesen war fast unerträglich, denn sie wussten nicht, was Johannes mit ihnen vorhatte. Grauenvolles Stöhnen und Wehklagen drang durch die Gemäuer und das Marktgesindel tuschelte, was dort wohl vor sich ging.

Die Tage zogen ins Land bis einige Holz- und Steinplatten in der Werkstatt auf ihre Weiterverarbeitung warteten. Johannes suchte nun immer noch nach einer Möglichkeit die Buchstaben zu befestigen. Er war mächtig stolz nun bald Orts- und Hinweisschilder herzustellen. Keiner der Kaufleute nahm dann die verkehrte Abzweigung, vorausgesetzt er konnte die Buchstaben aneinanderreihen und lesen. Gelehrte sollten diese Kunst übernehmen und ihr Wissen weiterverbreiten. ,,So könnte doch die Zukunft aussehen!“, murmelte Johannes zufrieden in seinen Bart.

Nach getaner Arbeit musste er jedoch feststellen, dass er alle Buchstaben zu schnell aufgebraucht hatte, noch ehe die Information fertig war. Die Buchstaben vermehrten sich nicht so schnell, wie er dachte. Etwas anderes musste die Lösung sein. Auch sprangen sie immer wieder von den Holzplatten ab oder wechselten einfach ihre Position. Die Buchstaben derweil waren einerseits froh eine Aufgabe zu bekommen und nicht mehr umherziehen zu müssen, andererseits vermissten sie auch ihre Freiheit. Im Hungerturm war es schmutzig und es stank fürchterlich nach Schimmel und verdorbenen Lebensmitteln, so war es schon mal eine Wohltat auf dem Holz umherzutanzen.

Johannes beschloss in dieser Nacht weiter über das Problem nachzudenken und erst einmal die Stallung aufzusuchen. Zwei seiner Ziegen waren sehr unruhig und die Pferde wieherten unaufhörlich, irgendetwas stimmte nicht. Mit etwas Futter betrat er den Stall und sah sich zunächst um. Es musste der Vollmond sein, der die Tiere nervös werden ließ, denn auch mit der Lampe konnte er keinen Räuber entdecken. Plötzlich spürte er einen heftig stechenden Schmerz in der Sohle. Laut jammernd besah er das Unheil. Ein alter Hufnagel durchbohrte seine Galosche und seinen darin liegenden Fuß. Vorsichtig streifte er das Schuhwerk ab und zog den Nagel aus dem Fleisch. Das Problem war jedoch noch nicht gelöst, denn der Nagel ließ sich nicht aus dem Holzschuh entfernen. Um den Schmerz zu stillen, diente ein alter Lumpen zunächst als Verband und Polster für die Galosche. Ohne diesen würde er nicht gehen können und so beschloss er den Nagel aus der Holzsohle zu ziehen. Doch so sehr er sich auch mühte, es wollte ihm nicht gelingen. Um wenigstens den Innenteil gangfähig zu machen, hatte er eine Idee. Er schlug den Nagel einfach ein wenig krumm. Durch den Verband war die Druckstelle kaum spürbar gewesen und so musste er wenigstens nicht barfuß nach Hause gehen. Das nun geprägte Gangbild war etwas gewöhnungsbedürftig, denn der an der Sohle verbliebene Rest des Nagels ließ nur ein vorsichtiges Auftreten zu. Am nächsten Tag wollte er die Galosche dem Schuster Hans zeigen, denn so konnte es unmöglich bleiben.

Am folgenden Morgen freuten sich die Pferde sehr, dass sie noch etwas Hafer bekamen. Die Fütterung der Ziegen ging ihm heute langsamer von der Hand. Als er nun endlich fertig war und die Stallung verlassen wollte, fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Überall, wo er gestern Nacht hingetreten war, hatte er einen Sohlenabdruck hinterlassen. Die Spur war von dem eingetretenen Nagel gekennzeichnet. Es sah fast aus wie ein kleiner Siegelabdruck. Plötzlich durchschoss ihn ein Gedanke. Er könnte vielleicht die Buchstaben in eine Art Holzrahmen drücken und so immer wieder verwenden. Die Nägel blieben den Buchstaben so erspart.

In dieser Nacht wollte Johannes auf keinen Fall mehr schlafen. Er beschloss noch in den nächsten Stunden eine derartige Vorrichtung zu schaffen. Auch am nächsten Abend ward Johannes nicht in der Taverne gesehen. Tagsüber murmelten die Leute schon beim Markttreiben über den Grund seines Fernbleibens. Viele Stunden vergingen und Johannes sah wegen des fehlenden Schlafes schon sehr mitgenommen aus.

Nach anstrengenden Stunden war es ihm endlich geglückt. Der Buchdruck war erfunden! In Holzrahmen aneinandergereihte Buchstaben waren zu Worten geworden und diese konnte er beliebig oft drucken, indem er sie auch noch einmal kurz in Tinte baden lies. Kein Buchstabe musste mehr leiden oder wurde auf Grund der zu wenig vorhandenen Anzahl gezwungen Nachkommen zu schaffen. Die Tür des Turmes, in dem die Buchstaben lebten, wurde offen gelassen.

Unter dem Alphabet gab es jetzt eine Stellenausschreibung. Wer beim Buchdrucker arbeiten wollte, musste sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt melden und wurde zum Dienst eingeteilt. Voraussetzung war natürlich Zuverlässigkeit, Teamgeist und Belastbarkeit, denn wer wollte schon schiefe und krumme Buchstaben lesen? Natürlich kam es manchmal zu Engpässen einiger Vokale und Konsonanten. Das war jedoch sehr selten. Die Fehlstelle wurde dann mit einem anderen Buchstaben ausgeglichen. So entstanden die Schreibfehler, die sich noch heute manchmal einschleichen.
 

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