Als du gestorben bist

Als du gestorben bist, haben wir das nicht gleich gecheckt.
Sicher warst du schon nicht mehr unter uns, derweil ich auf diesem Sommerfest in die Nacht gefeiert hatte.
Das war an jenem Tag.
Deine Frau, meine Mutter, ist nachmittags für dich in die Apotheke gegangen und hat dir Medikamente geholt, die du nicht mehr brauchen würdest. Als sie in die Wohnung zurückkam, warst du so ruhig, hat sie im Nachhinein immer wieder erzählt. Sie hat gedacht, du würdest schlafen. Aber hast du nicht gemacht. Deine Frau hat sich noch gewundert, dass kein Laut und keine Regung aus deinem Zimmer kam und war vielleicht fein damit, weil du meistens eben ganz anders warst.
Der Anruf erreichte mich kurz vor Mitternacht. Mamas Stimme war tränenerstickt, als sie sagte: „Hallo? Ich glaube, euer Papa ist tot…“
Ich weiß nicht mehr, wen sie zuerst angerufen hat: Mich, meine Schwester oder die Rettung.
Ich wusste auch nicht, was man darauf antworten soll, wenn dir jemand sagt: „Ich glaube, dein Vater ist tot.“
Was habe ich geantwortet? Ich erinnere mich nicht. „Oh Gott, nein!“ oder ungläubig: „Bist du sicher? Hast du den Puls gefühlt? Du musst Hilfe holen!“ oder auch gar nichts. Irgendwas werde ich schon gesagt haben.
Ich war schon im Pyjama und musste mich erst wieder anziehen, das weiß ich noch. Denn natürlich muss man umgehend hin zur elterlichen Wohnung rasen, wenn so ein Anruf kommt. Man muss sich beeilen, als würde man es wollen, obwohl sich innerlich alles sträubt.
Bei meinem Eintreffen war die Schwester, deine jüngere Tochter, schon da. Sie war mal wieder schneller als ich, sie hatte eine kürzere Anfahrt.
Die Rettung war auch schon dagewesen und hat dich aber freilich nicht mehr retten können.
Im Stiegenhaus stand ein Polizist vor der Wohnungstür, welche sperrangelweit offenstand. Der Uniformierte hat mich mit „Beileid“ begrüßt. Er musste aufpassen, bis ein Arzt den Totenschein ausstellen würde, weil das mit deiner Todesursache noch nicht feststand. Hätte ja sein können, dass wir dich ermordet hätten und jetzt würden wir Spuren verwischen und Beweise verschwinden lassen.
Im Moment, da ich die Schwelle in die Wohnung übertrat, zeigte mir die Schwester sogleich ihr tränennasses Gesicht. Sie schluchzte und hatte dich schon gesehen, wie du tot in deinem Bett lagst.
Ob ich dich auch sehen dürfte? – fragte ich den Polizisten und er sagte Ja.
Ich bin dann durchs Wohnzimmer durch und hinten rein in diesen Raum, in dem du lagst. Du lagst seitlich und sahst nicht so aus, als würdest du schlafen. Dein Gesicht war lila und blau und die Körperhaltung war befremdlich. Ich habe mich umgeschaut, ob mich der Polizist oder sonst wer beobachtet und habe ein Foto gemacht. Vielleicht, um mich später dran zu erinnern. Vielleicht, um zu dokumentieren, dass deine relativ entspannten Gesichtszüge auf einen relativ sanften Tod hinweisen. Vielleicht auch nur, um irgendwie zu reagieren.
Die Schwester kam nun ebenfalls herein zu uns, sah dich an und heulte aufs Neue los. Sie war völlig außer sich und sicherlich hat sie gemerkt, dass sich bei mir nicht viel tat. Es würde dauern, bis mir die Tränen einschießen sollten.
Das erste Mal so richtig um dich geweint habe ich ein paar Tage danach beim Geschirrwaschen in meiner Küche, als ich ganz allein war. Später dann unter Zeugen bei deiner Beerdigung. Ich hatte schöne Musik für dich ausgesucht. Musik, die wir beide mochten. Es gab nicht viel, was wir beide mochten, aber Simon & Garfunkel gehörten dazu und das venezianische Stück mit der elegischen Oboe hätte dir ebenso gefallen, weil in Venedig bist du gewesen.
Aber da fing es schon an, seltsam zu werden zwischen der Schwester und mir. Sie fand, ich sollte weinen in diesem Moment, da wir erstmals vor deiner Leiche standen. Sie fand, es wäre ordentlich was falsch mit mir und dass wir für deine Verabschiedung besser was Gängiges wie Time to say goodbye spielen sollten.
Auf dem Laminatboden vor deinem Bett war eine merkwürdige Pfütze, eine klare Flüssigkeit, das war eindeutig supereklig, auch wenn wir nicht genau wussten, was es war.
Nach einer angemessenen Zeit, in der wir dich andachtsvoll anstarrten, gingen wir hinüber in unser ehemaliges Kinderzimmer, nunmehr das Zimmer unserer Mutter. Die Mutter, die Witwe, weinte und wimmerte ebenfalls, natürlich. Ich habe sie umarmt, obwohl wir sowas sonst nie machen und habe versucht, irgendwas Tröstendes zu sagen. Dass du vermutlich friedlich gestorben bist, einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, das wünschen sich doch alle am Ende.
Ich habe nicht geheult, ich habe geradeaus gedacht. Ich war es gewohnt, in dieser Familie klaren Kopf zu bewahren, während alle anderen im Affekt und im Chaos versinken.
Die Mutter erzählte wiederholt, dass sie am Nachmittag in die Apotheke gegangen war und es war so außergewöhnlich ruhig im hinteren Raum, aber sie hätte sich nichts dabei gedacht. Sie sagt, sie hätte es wissen müssen, weil du noch nicht mal aufgestanden bist, um aufs Klo zu gehen oder um dir einen Snack aus der Küche zu holen…
Wir sagten ihr, dass sie sich keine Vorwürfe machen soll.
Die Notärztin, die den Totenschein ausgestellt hat, sagte das Gleiche. „Totauffindung um 23:30 Uhr“ hat sie auf das Formular, das „Totenbeschauschein“ heißt, draufgeschrieben. Die Sparte mit „gewaltsamer Todesfall“ hat sie durchgestrichen, daraufhin konnte der Polizist an der Tür wieder abziehen.
Man könne davon ausgehen, dass du bei deinem Sterben nicht leiden musstest, meinte auch die Ärztin. Ich habe mich nicht getraut, nach der Pfütze neben deinem Bett zu fragen. Ehrlich gesagt, ich wollte es auch gar nicht so genau wissen. War eh alles schrecklich genug ohne explizit grausige Wörter wie „Leichensaft“, „Sekret“ und was es nicht alles gibt. Die Ärztin nickte sehr viel zu dem, was wir zu sagen hatten und hatte sicher alles schon gesehen und gehört.
Was ich dann aber gar nicht glauben konnte, war, dass dich niemand mitgenommen hat. Nicht die Rettung, nicht die Polizei, auch nicht die Ärztin. Die haben dich, die Leiche, einfach hiergelassen, hinten in deiner Schlafhöhle. Ganz sicher war ich mir gewesen, dass dich gleich jemand in einen Sarg packt und abtransportiert, aber die Ärztin hatte weder einen Sarg noch das passende Fahrzeug dabei. Im Ernst solltest du noch die ganze Nacht über hierbleiben und erst am nächsten Tag sollte jemand vom Bestattungsinstitut kommen, um alles Weitere in die Wege zu leiten.
Das stürzte uns in ein ganz neues Dilemma. Es bedeutete, wir würden die Nacht zusammen verbringen müssen. Wir vier als Familie, wie früher, einmal noch, das letzte Mal.
Es ging ja nicht an, dass die Witwe in diesem Ausnahmezustand allein bei dir verbleibt und dass wir allesamt abhauen und dich, den Leichnam, einfach zurücklassen, erschien uns ebenfalls nicht richtig. So blieb uns nichts anderes übrig.
War klar, dass wir nicht viel würden schlafen können, aber um wenigstens so zu tun als ob, dafür fehlten schon die Möglichkeiten. Es gab ja nur dieses eine Bett, in dem du gestorben bist, das mit der merkwürdigen Pfütze davor; ein Bett, in dem nie wieder jemand schlafen würde - es würde das erste sein, was wir rauswerfen beim Entrümpeln – und das Bett meiner Mutter. Keine Couch im ehemaligen Wohnzimmer, das du mit allerlei Kram vollgestopft hast, keine Luftmatratze.
Im Bett meiner Mutter war theoretisch Platz für zwei, auch wenn dieser Zweite niemals du gewesen bist, nicht in diesem Bett, nicht in den vergangenen zwanzig Jahren, so war das mit euch, aber eure Ehe hat bis zum Schluss gehalten, was auch immer das heißt.
Für drei war das Bett jedenfalls zu klein und jemand würde mit dem Kopf nach unten, bei den Füßen der beiden anderen schlafen müssen. Es war von Anfang an klar, dass ich das sein würde.
Ich hatte nichts mitgebracht. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, an diesem Tag nicht wieder nach Hause zu kommen zu meinem selbstgewählten Umfeld und zu meiner hübschen Kommode mit Schlafgewändern drin, so musste ich mir von deiner Frau, meiner Mutter, ein Nachthemd borgen. Sie gab mir ein überlanges T-Shirt, das ihr ohnehin nie gefallen hat.
Erinnerungen kamen hoch.
Du warst allein da drüben und wir quetschten uns zusammen im ehemaligen Kinderzimmer. Wie damals. Wie früher, wenn mal wieder alles drunter und drüber ging und Mama hat sich bei uns versteckt, weinend, weil du mal wieder exzessiv durchgedreht bist und pausenlos an die Tür gehämmert hast. Wutgeschrei. Schimpftiraden. Hass. Wie oft bin ich wie ein Botschafter zwischen euch hin und her und habe versucht zu vermitteln! Nie mit Erfolg, aber wenigstens ist es dann nicht vollends eskaliert. Eskaliert ist es immer dann, wenn ich nicht da war. Wenn ich bei meiner Oma oder auswärts geschlafen hatte, das waren dann die Tage, an denen du die Glastüren kaputtgeschlagen hast und an denen die Polizei kommen musste. Heute war die Polizei das letzte Mal gekommen, deinetwegen, soviel stand fest.
In dieser Sommernacht.
Du lagst da drüben und wir hockten dicht aufeinander und waren froh, dass kein Mucks von dir kam, denn es hätte bedeutet, alle Horrorfilme wären Wirklichkeit.
Die Schwester wusste auf einmal ganz komische Dinge. Sie sagte, wir müssen eine Kerze anzünden und ein Fenster aufmachen, damit deine Seele entfleuchen kann. Ich fragte mich, woher sie sowas wusste, denn ich hatte sowas noch nie gehört und ihr sind doch auch nicht mehr Menschen gestorben als mir.
Aber gut. Wir zündeten eine Kerze an und machten alle Fenster auf, auch, weil es Juli und stickig war. Dann gingen wir nicht mehr rüber zu dir. Wir ließen dich in Frieden.
Ich glaube, ich schlief nicht wirklich. Es war heiß und eng und wir schwitzen und schwiegen in Mutters Bett. Es rührte sich kein Lüftchen, links und rechts reckten sie mir die Zehen ins Gesicht, es war wirklich alles maximal unangenehm. Ein paarmal muss ich doch weggedämmert sein, denn die Nacht ging schneller zu Ende als befürchtet.
In der Morgensonne langst du immer noch tot auf deiner Schlafstatt im hinteren Raum.
Ich ging duschen wie damals, bloß dass die Fliesenfugen in der Zwischenzeit nur noch schimmliger geworden sind und die Ablagerungen in der Badewanne hatten sich merklich verbreitert. Hätte nicht gedacht, dass ich hier nochmal würde duschen müssen, in diesem Bad, das man nicht mehr reinigen, nur noch kärchern oder abreißen kann. Du weißt, manchmal bin ich noch zum Putzen in diese Wohnung gekommen, auch in den letzten Jahren noch, das Gröbste zumindest habe ich stets versucht, gutzumachen, mehr ging nicht.
Nach der Dusche fühlte ich mich trotz allem erfrischt. Wir haben Kaffee gekocht und die Schwester hat in ihren kleinen blauen Aschenbecher geraucht. Der war immer noch da, als hätte er auf sie und auf diesen Tag gewartet.
Die Bestatterin kam gegen acht.
Sie hatte einen Sarg und Sargträger dabei. Sie fragte nach Kleidung, die man dir anziehen sollte. Sie fragte allerhand Sachen zu dir und deiner Person.
„Es war nicht einfach mit ihm“, sagte ich an einer Stelle, die vermutlich zu früh und unpassend war.
Die Schwester hat mich entsetzt angeschaut. Fortan würden wir uneins sein in der Art, wie wir uns an dich erinnern. Die Schwester würde nun oft davon erzählen, was du ihr alles beigebracht hast und was sie mit dir erlebt hat, als wäre ihre Kindheit etwas, was lächeln und wehmütig macht. Liegt vielleicht daran, dass sie dir ähnlich ist. Sie hat zurückgeschrien, wenn du sie angebrüllt hast, hat zurückgespuckt und gekontert, während ich lieber das Weite gesucht und Abstand gehalten habe. Sie war mit dir Fußballspielen und in Venedig, während ich daheim bei der Mutter blieb, wo wir außerordentlich ruhige Zeiten hatten. Die Schwester hat dich ertragen und sie war quitt mit dir, als sie schließlich weggegangen ist. Sie hat sich keinen Kopf mehr um deine Einkäufe, deine Medizin oder um dein dreckiges Bad gemacht.
Drei Tage nach deinem Tod würde die Mutter zu mir sagen, dass du mich auf deine Weise geliebt und dass du viel von mir gehalten hast, da würde ich kurz weinen müssen. Weinen muss ich auch, wenn ich darüber nachgrüble, wie deine Gesundheit nach und nach zum Teufel ging und welche Träume sich nicht für dich erfüllt haben. Was du alles nicht mehr geschafft hast. Ich wusste, sie würden dich bei deinen Eltern eingraben. Bei meiner lieben Oma, mit der du kein Wort mehr geredet hast, seit ich sieben war. Auch für sie hattest du nur Schimpf- und Schandworte, warum auch immer. So warst du eben und ich würde meiner Mutter in drei Tagen antworten, dass du dort, wo du jetzt bist, vielleicht von diesem ständigen Hass wegfinden wirst.
Es würde noch dauern, bis alles eine Routine bekommt. Das erste Weihnachten ohne dich. Dein erster Geburtstag, den du nicht mehr erlebt hast und der Jahrestag deines Todes. Es würde alles anders werden, aber noch lang nicht alles gut.
Wir ahnten das an diesem Morgen, an dem sie dich dann doch noch abholten.
Die Bestatterin und der Gehilfe mit dem Gesichtstattoo zogen sich in deine Räumlichkeiten zurück, um an dir herumzuwerken. Als wir das nächste Mal nachschauen gingen, warst du schon in einen Anzug und in Fichtenholz verpackt und die Pfütze vor deinem Bett war verschwunden. Ich dachte mir noch, dass es echt ekelhafte und unterbezahlte Jobs gibt, dann haben sie dich endlich hinausgetragen. Aus dem Fenster habe ich zugesehen, wie sie deinen Sarg in das lange schwarze Auto hievten. Auch davon habe ich ein Foto gemacht. „Papas letzte Reise“ habe ich leise gesagt, als würde das Foto einen Titel brauchen.


Zum 19. 07. 2026
 

John Goodman

Mitglied
Moin, Dichter Erdling


In der Geschichte schwingt schon einiges an Bissigkeit. Schwingen ist vielleicht zu viel gesagt, aber so zwischen einigen Zeilen hat er mich immer wieder an den trockenen britischen Humor erinnert. Jedenfalls habe ich die Geschichte gerne gelesen.


Gruß

John
 



 
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