Als wenn Sommer wäre

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Cafard

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Wenn man viel Zeit hat, kann man sich selbst beobachten, man kann sich dabei beobachten, wie man zum Frühstück Marmorkuchen ißt, Marmorkuchen mit guter Butter drauf.

Kurzfristig erschien es mir wie eine Sünde, wobei es weitaus schlimmere Sünden gibt. Die Nacht war unruhig, ich war nicht ausgeruht, ein Traum hatte mich vorzeitig aus dem Schlaf gerissen, ich hatte den Kuchen verdient, entschied ich dann, ich ließ es aber bei einem Stück.

Dass ich überhaupt Marmorkuchen im Haus habe, ist mehr oder weniger sensationell.

Der Mann auf dem Faltrad überholte mich auf dem Gehweg, er stoppte vor der Bäckerei, er lehnte das Rad an das riesige Schaufenster, und kurz bevor ich nach rechts in den Laden bog, schlüpfte er vor mir an die Theke.

Seine Bestellung verwirrte mich, ich hatte noch nie gehört, wie jemand einen halben Marmorkuchen und einen halben Zitronenkuchen bestellt. Ich beobachtete mich, ich fragte mich, ob man nur deswegen verwirrt sein darf, geringfügige Abweichungen von der Normalität versetzen mich in eine Vorform von Ekstase, und es gibt keine Lösung für dieses Problem. (Keine Lösung, aha, also gibt es auch kein Problem, sagt der glücklichste Mann der Welt.)

Ich vergaß die Situation nicht, ich würde gleich nach meiner Bestellung gefragt werden, ich musste eine Antwort parat haben, ich konnte nicht sagen: Bitte warten Sie, bis meine Selbstbeobachtungen abgeschlossen sind, das geht doch nicht, ich kam jetzt dran, ich sagte fest entschlossen:

Ich nehme die andere Hälfte von dem Marmorkuchen, im Sommer mag ich auch gerne Zitronenkuchen.

Ich rechnete mit einem kleinen Gespräch, dass Zitronenkuchen zu jeder Jahreszeit passt, aber nichts dergleichen, sie packte den Marmorkuchen kommentarlos in einen Frischebeutel, so etwas enttäuscht mich. Ich habe zwar kein Recht auf ein Gespräch, aber schön wäre es doch.

Draußen fummelte der alte Mann an seinem Faltrad, ich schaute ihm zu, ich bedankte mich für seine Bestellung, auf die Art und Weise war ich endlich wieder an Marmorkuchen gelangt. Er sagte, er sei sehbehindert, eigentlich dürfe er das Rad nicht mehr benutzen. Tatsächlich standen seine Augen wässrig hervor.

Ich verzichtete auf weitere Nachfragen, ob das nicht zu riskant sei, ich beschloss, mich jedesmal zu freuen, wenn ich ihn beim Bäcker treffe, und beim nächsten Mal nehme ich einen halben Zitronenkuchen, als wenn Sommer wäre.

Bob Dylan hat immer noch nichts gesagt, ich las, er hätte unsere Köpfe befreit, meinen Kopf hat er noch nicht befreit, ich kann nicht einmal Marmorkuchen zum Frühstück essen, ohne ein Problem daraus zu machen.

Aber wenn man so will... jetzt ist es raus.
 

 
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