Alter Mann mit Jeep

Sie waren einhellig der Meinung, daß sich der alte Mann seit dem Tod seiner Frau sehr verändert hatte. Sein bis dahin eigentlich ungebrochener Elan war dahin und er verschloß sich immer mehr in sich selbst.
Sie hatten einander mehr als 60 Jahre lang gehabt und durch ihren Tod hatte sich in ihm plötzlich eine Leere aufgetan, die um ein vielfaches größer war als die Anzahl ihrer gemeinsam
verlebten Jahre.
Um aus seiner Lethargie herauszukommen, begann er nach einiger Zeit wieder mit seinen täglichen Ausfahrten mit dem Jeep, bei denen er praktisch die Grenzen seines Besitzes abfuhr
und überall nach dem Rechten sah. Das hatte ihm vor dem Tod seiner Frau eigentlich immer
einen klaren Kopf gebracht und außerdem Spaß gemacht, da er auf seinen Fahrten immer mit
vielen Leuten in Kontakt kam und das Neueste erfuhr.
Seine Kinder befürchteten, daß ihm aufgrund seines so auffällig veränderten Verhaltens auf
diesen Jeepfahrten etwas passieren würde. So fällten sie eine Entscheidung, die ihm die täglichen Fahrten und den Jeep ließ, beauftragten aber gleichzeitig einen Mechaniker, der den
Motor des Jeeps so bearbeitete, daß praktisch nur eine „Schneckentempo“-Geschwindigkeit
möglich war. So fuhr der alte Mann von nun an unter dem Lächeln seiner Bediensteten und
der ihm entgegenkommenden Spaziergänger im Schrittempo um seinen Besitz herum.

Auf einer dieser Fahrten hielt ihn sein Enkelkind Kai an der Ausfahrt vom Hof an und bat
darum, mitgenommen zu werden. Nach anfänglichem Zögern - da die Eltern von Kai sicher
nicht wußten, daß dieser ihn gebeten hatte, mitfahren zu dürfen, willigte der alte Mann auf
das Bitten seines Enkelkindes ein und sie begannen die gemeinsame Fahrt. Sie hatten eine sehr
angenehme Fahrt, ausgefüllt mit dem ständigen Fragen des kleinen Kai und den ruhigen und
erfahrungsreichen Antworten des alten Mannes.

Bei der dicken Buche - einem weithin sichtbaren Aussichtspunkt des Besitzes - legten Sie
eine Pause ein, um sich das Butterbrot zu teilen, daß sich der alte Mann immer auf seine Fahrt
mitnahm. Nachher tollte Kai noch ein wenig in der Gegend herum und als der alte Mann ihn
aufschreien hörte, maß er diesem Aufschreien zunächst keine große Bedeutung zu. Als er dann
jedoch bei Kai war, sah er, daß dieser offensichtlich in einen sehr scharfen größeren Gegenstand
gefallen war, denn aus einer sehr weit auseinanderklaffenden Wunde am rechten Oberschenkel
trat stoßweise Blut aus. Der alte Mann war zunächst wie gelähmt und nicht in der Lage, spontan zu helfen. Dann fing er sich wieder und begann seinen Enkel zu trösten, sagte ihm, daß

er die Wunde jetzt abbinden und ihn dann mit dem Jeep auf schnellstem Wege zum Arzt auf dem Hof bringen würde, der dann die weitere Behandlung übernehmen werde. Zu seinem großen Schmerz konnte der alte Mann jedoch nicht die erforderliche Kraft aufbringen, um die weiter blutende Wunde wirksam abzubinden. So legte der alte Mann sein Enkelkind neben sich auf den Beifahrersitz und begann die Rückfahrt zum Hof und es schien ihm, daß das stoßweise Austreten des Blutes aus der Wunde von dem kleinen Kai im Gleichklang war mit dem langsamen Geräusch des Motors, der manipuliert worden war, um den alten Mann vor einem Unfall oder schlimmerem zu beschützen. Die Blicke von Kai waren während der ganzen Fahrt vertrauensvoll auf den alten Mann gerichtet und als sie in die Hofeinfahrt einfuhren, schien dem alten Mann für einen kurzen Augenblick alles wieder gut zu sein. Er nahm den Jungen aus dem Wagen und hielt ihn in seinen Armen - und in diesem Augenblick fühlte er an dem Gewicht des Jungen, daß dieser ihn und alle für immer verlassen hatte.

Der alte Mann veränderte sich nach diesem zweiten Todesfall in kurzer Zeit nicht in auffallender Weise - so schien es den anderen. Er hatte von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, daß der nicht schnell genug fahrende Jeep am Tod seines Enkel schuld war, und so war es nicht verwunderlich, daß er nach einiger Zeit seine Kinder darum bat, den Jeep durch den Mechaniker wieder in seinen ursprünglichen, schnell fahrenden Zustand zurück zu versetzen. Nach anfänglichem Zögern erklärte sich seine Familie hierzu bereit.

Seine erste Fahrt mit dem von der Geschwindigkeitsbegrenzung erlösten Jeep führte den alten Mann auf die gleiche Strecke, die er vor einigen Wochen mit seinem Enkelkind Kai gefahren war. Als der Jeep mit voller Geschwindigkeit frontal an der dicken Buche aufprallte, überdeckte das Rauschen der Bäume fast das Geräusch des Aufpralls und die Worte, die der alte Mann vorher gerufen hatte: „Kai, jetzt bin ich schnell genug, jetzt komme ich und helfe dir“.
 

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