Am grünen Fluss und sonstwo

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ackermann

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In dem Song "Green River" besingt John Fogerty seine Kindheitserinnerungen. Sein "Green River" war der Putah Creek der durch Nord-Californien fließt, und "Green River" nur eine Erfrischungs-Limonade. Mein "Green River" ist die Jagst - ohne Limonade.

Die Jagst ist mit 189 Kilometern Länge der längste Nebenfluss des Neckar. Die Jagst entspringt bei Walxheim und mündet bei Bad Wimpfen in den Neckar. Das Dörfchen Walxheim liegt in Nord-Württemberg und Bad Wimpfen weiter unten.

An der Jagst wurde ich geboren - in Jagstkirchen. Hätte ich damals schon aus dem Fenster der Geburtsklinik blicken können, ich hätte sie gesehen - die Jagst. Aber anstatt mir die Jagst zu zeigen, betrachtete die Hebamme meine Hände und sagte zu meiner Mutter: "Aus dem wird mal ein Maurer." Aber auch Hebammen können irren.

Die nächsten Dörfer flussaufwärts heißen Schrezheim, Saverwang und Schwabsberg. Das nächste Dorf flussabwärts heißt Rindelbach - scherzhaft auch als Rindelbeach-City bezeichnet. Das zweit nächste Dorf flussabwärts heißt Jagstzell. Aber da kam ich damals selten hin. Deshalb kannte ich es auch nicht.

Wenige Jahre nach meiner Geburt erbaute man ganz in der Nähe von Rindelbeach-City eine Kläranlage. Und der Chef der Kläranlage wohnte in der Nachbarschaft, er züchtete Hasen und seine Tochter hieß Marianne. Und er liebte Blumen und schmückte "seine" Kläranlage mit Geranien. Mit vielen, vielen Geranien. Und weil es die erste Kläranlage mit Geranien war, kam er in die Zeitung und der Bürgermeister verlieh ihm einen Orden mit Musik und Tralala - den Geranienorden von Jagstkirchen. Glaube ich.

Damals war der Himmel immer blau, es war immer warm und aus den Brunnen von Jagstkirchen flossen Milch und Honig. Im Mai flogen riesige Maikäferschwärme durch die Luft und im Sommer bogen sich die Büsche und Sträucher unter der Last der Zitronenfalter, die sich auf ihnen niedergelassen hatten. Bienen summten und Hummeln brummten, Vögel zwitscherten und die Glocken läuteten. Schon damals gab es viele Kirchen in Jagstkirchen. Und das ist auch heute noch so. Deshalb sagt man auch über Jagstkirchen: "Entweder die Sonne scheint oder die Glocken läuten."

Damals hießen die Mädchen Annette, Astrid, Bärbel, Marianne, Heidemarie, Monika, Veronika, Sigrid, Doris, Claudia und Sonja. Und die Buben hießen Anton, Michael, Robert, Rainer, Sigurd, Hans, Klaus, Werner, Thomas und - Silvan. Im Sommer trugen die Mädchen damals leichte Sommerkleidchen und Zöpfe. Im Winter trugen sie dicke Winterkleider und dicke Strumpfhosen. Und die Buben trugen im Sommer Seppelhosen ... und was sie im Winter anhatten, habe ich vergessen. Aber eigentlich war damals sowieso immer Sommer. Glaube ich.

Als ich 6 oder 7 Jahre alt war, nahm mir die Jagst einen Spielkameraden. Silvan hatte nicht aufgepasst. Er war beim Baden in der Jagst in den Sog des Jagst-Wehres geraten und ertrank. Silvan war ein Besatzungskind, seine Hautfarbe dunkel. Ein merkwürdiges Gefühl von Verlust und Traurigkeit durchströmte mich damals.

Glasperlenspiele

Eingekeilt zwischen Bahnlinie und Jagst liegt ein schmaler Streifen Gewerbegebiet. Vorne trennt eine Strasse das Gewerbegebiet von der Bahnlinie. Hinten verläuft ein schmaler Fußweg und trennt die Firmen-Hinterhöfe vom baumbestandenen Jagstufer. Nach dem Krieg hatte sich dort die Rhinestone GmbH angesiedelt. Rhinestone produzierte Glasperlen - facettenreiche, bunte Glasperlen.

Ich war 10, 11 oder 12 Jahre alt - glaube ich. Der Nachmittagsunterricht war vorbei. Und Robert und ich vertrödelten die Zeit. Und das Jagst-Wehr zog uns magnetisch an. Wir warfen Steine ins Wasser. Wir warfen Stöcke ins Wasser. Wir betrachteten unsere Zerrbilder im Wasser. Sonnenlicht brach sich im Wasser. Der Wind strich durch die Bäume. Es war warm und alles war grün. Sogar die Luft war grün. Und das Wasser der Jagst sowieso. Natürlich hatten wir auch Tütchen mit grünem Ahoi-Brausepulver dabei. Ja, hatten wir. Immer. Im Vergleich mit Ahoi-Brausepulver, mit Spucke in der Handfläche angerührt, ist Schöfferhofer Weizen ... Ach was, Ahoi-Brause mit Spucke ist unvergleichlich. Punkt. Doppelpunkt:

Irgendwann trödelten Robert und ich weiter, den schmalen Weg entlang, der die Jagst und die Firmenhinterhöfe im Gewerbegebiet trennt. Und dann entdeckten wir einen Schatz. Einfach so. Mal so nebenbei einen Schatz entdecken war damals kein Problem. Das passierte fast täglich. Direkt am Zaun der Rhinestone GmbH lag also ein Schatz. Perlen, Diamanten. Ein ganzer Haufen. Nein, viele Häufen. Glitzernde, facettenreiche und in allen regenbogenfarben schimmernde Glasperlen - Ausschuss. Wir waren dann oft dort. Eigentlich fast immer. Es war ein langer Sommer. In diesem Jahr gab es keinen Herbst. Und keinen Winter. Es war nur Sommer. Ein Sommer voller Glasperlen. Ja, so war das ...

Und unser Glück nahm kein Ende. Denn eines Tages trafen Robert und ich dort am Zaun eine gute Fee. Die Fee war eine Angestellte der Rhinestone GmbH und in den Händen hatte sie Schüsseln mit bunten Glasperlen - Ausschuss. Mit melodischer, sanfter Stimme sagte die gute Fee: "Kinder, nehmt euch soviel ihr wollt". Dann reichte sie uns die Schüsseln über den Zaun. Und als die Fee ein zweites Mal kam, da hatte sie außer weiteren Schüsseln mit buntem Strass auch noch Plastiktüten dabei. Als ich an diesem sehr späten Nachmittag nach Hause kam, schlug meine Mutter mehrfach die Hände über dem Kopf zusammen und hüpfte vor "Freude" an die Decke. Und die Rhinestone GmbH produzierte munter weiter bunte Glasperlen und - Ausschuss.

Irgendwann war meine Zeit als Glasperlenspieler und Rhinestone-Cowboy dann vorbei. Die Rhinestone GmbH wurde Jahre später von Swarovski aufgekauft und heute ist die Swarovski Rhinestone GmbH nur noch eine verwaiste Adresse im Internet.

So war das also - damals in Jagstkirchen. Glaube ich.
 

ackermann

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Sex in the City

Ich war 19 und es war Februar und Faschings-Dienstag. Die Narrenpolizei fegte mit ihren knallroten Autos durch die Strassen von Jagstkirchen und der Schmiedstrassen-Blues, die lokale Hymne, dröhnte aus den Lautsprecherboxen. Und meine Kumpels und ich dröhnten uns mit Slibowitz die Birne voll. Ein kalter Regen fiel und ich versaute mir meinen Parka an einem mit Wasserfarbe angemalten Faschingswagen. Meine Haare waren inzwischen schulterlang, ich hatte Pickel und man nannte uns Gammler und Langhaardackel. Längst hatten CCR "Green River" herausgebracht, Neil Young hatte "Heart of Gold" veröffentlicht und Thin Lizzy's "Whiskey in the Jar" hatte sich in meinem Kopf festgesetzt.

Nachdem wir den Faschingsumzug eine Weile begleitet hatten, zogen wir weiter Richtung Stadthalle, dem Finale entgegen. Wir querten den großen Bahnübergang, gingen über die Jagstbrücke und trafen auf Gudrun, die vor der Stadthalle wartete. Gudrun baggerte Paul an, Paul baggerte zurück. Und nach einer Weile fingen Gudrun und Paul an rumzuknutschen. Und nachdem die Beiden vor lauter herumgeknutsche dicke Lippen hatten, lieh sich Paul von Otto einen Pariser und verschwand mit Gudrun unter der Jagstbrücke. Ottos Blicke waren seltsam. Und als Gudrun und Paul nach einer Weile wieder auftauchten, glänzten ihre Augen und Ottos Blicke waren immer noch seltsam. Gudrun war seine Schwester. Aber auch Schwestern haben Bedürfnisse.

Canal Grande

Ich war immer noch 19, es war Spätsommer und ich fuhr mit meinem Fahrrad an die Jagst. Zwischen Schrezheim und Schwabsberg floss die Jagst damals in weiten, ausschweifenden Schlingen durch die Wiesen. Im Fachjargon nennt man das "Wiesenmäander", was sich auch nicht schlecht anhört. Lange war ich nicht mehr hier gewesen. Lange war ich nicht mehr eingetaucht in die Ufer-Wildnis. Lange war ich nicht mehr durch den Fluss gewatet. Und lange war es her, dass ich mich in kindlicher Naivität in Gefahr begeben hatte.

Früher spielten wir oft an der Jagst, wateten durch den Fluss um zu einer Sand- oder Kies-Bank zu gelangen, bauten Dämme und Kanäle und ließen die Jagst über die Ufer treten. Glaubten wir. Wir ließen Schiffchen, geschnitzt aus dicker Baumrinde, schwimmen und eines Tages lag ein kleines Floss am Ufer. Das war am Vortag noch nicht dagewesen. Waren wir etwa nicht die einzigen am Grünen Fluss? Wir enterten das Floss, ließen uns treiben und tauchten ein in die magische, grüne Welt unter dem Blätterdach überhängender Bäume. Die Jagst war nicht tief, an manchen Stellen aber doch und ich konnte nicht schwimmen. Unsere Eltern wussten nie, wo wir uns gerade herumtrieben. Es war auch besser so.

Der arme Poet

Gedankenversunken schob ich also mein Fahrrad am Jagstufer entlang, suchte meinen ehemaligen Lieblingsplatz und fand bald eine Stelle die so ähnlich aussah. Ich hatte eine Mission, ich wollte ein Gedicht schreiben, ein Gedicht für Erika. Erika, die viel lieber Nicole geheißen hätte, war ein besonderes Mädchen.

Sie war nicht so wie die triebhafte Gudrun. Sie war auch nicht so wie die Eine, die sich im "Pup" in der nächsten Stadt sinnlos betrank und dann von meinen Kumpels und mir im wahrsten Sinne des Wortes abgeschleppt werden musste. Auf dem Weg zum Bahnhof schlug sie wild um sich, beschimpfte uns und war doch auf uns angewiesen. Seit diesem Vorfall meide ich betrunkene Frauen wie der Teufel das Weihwasser.

Erika war auch nicht wie dieses elfenhafte Wesen im wallenden, weißen Gewand, das sich am Bahnhof von Jagstkirchen eine Packung Wrigleys Spearmint von mir schnorrte.

Erika hatte den Schalk im Nacken. Erika war schwer in Ordnung. Erika war knorke. Sie war ein Gedicht wert. Auf jeden Fall. Aber Erika, die viel lieber Nicole geheißen hätte, hat mein Gedicht nie gelesen. Ich habe es ihr auch nie gegeben. Ich weiß noch nicht mal, ob es überhaupt fertig geworden ist.

Und dann war die Lehrzeit vorbei, die Zugfahrten in die Berufsschule nicht mehr nötig und ich verlor Erika aus den Augen. Schade eigentlich.

Zeitgeist

Auch die Jagst wurde vom Zeitgeist nicht verschont, man kappte ihre Schlingen und nannte es Flurbereinigung. So ist die Jagst heute zwischen Schwabsberg und Schrezheim in weiten Teilen ein langweiliger Fluss. Doch ein paar Schlingen hat man ihr gelassen. Und da ist es noch wie damals ...

... als wir hinunter gingen an den Fluss und in das kühle Wasser eintauchten. Als wir am Ufer entlang rannten und barfuß im Sonnenlicht tanzten. Als Dinge passierten, an die ich mich heute erinnern darf … (*)

Dafür bin ich dankbar.

(*) inspiriert durch den Song „Green River“ von CCR.
 

ackermann

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Die letzte Beichte

Wenn ich morgens in die Arbeit fahre, weiß ich, dass ich am Abend wieder Zuhause sein werde. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, oder? Natürlich ist es nicht sicher. Eine falsche Bewegung des Zufalls und du bist tot.

Das Amen in der Kirche - wie seltsam. Ich kenne mich nicht mehr aus damit, das Amen ist mir fremd geworden. Eigentlich kannte ich mich damit noch nie aus. Aber man musste so tun als würde man sich auskennen. Bis man merkte, dass es sinnlos war. All die Jahre der Indoktrination - wenn ich das mal so hart sagen darf - haben nichts genutzt, waren verschwendete Zeit und die Erinnerung daran bald verblasst. Geblieben sind die zehn Gebote und ein diffuser naiver Glaube an Gott, der immer mal wieder im Hintergrund rumort, hüstelt und sich räuspert - ich nenne diesen Vorgang "Gewissen". Ich finde das nicht schlecht, lebe gut damit und mache mir deswegen keine Gedanken

Der Stadtpfarrer meiner Kindheit war ein blasser, fetter Mensch. Weder Fisch noch Fleisch, ein undefinierbares Wesen aus einer anderen Welt, in die er 1962 endgültig aufging. Alles an ihm war lila. Sein Wesen, die Adern in seinem Gesicht, die Knollennase, sein Gewand - alles. Ein Fleischberg in lila, so lila wie meine Schlaghosen in pubertären Zeiten.

Der Nachfolger war ein scharfer Hund, ein Glaubensmann von echtem Schrott und Korn, zwar auch lila, aber doch anders. Er war beseelt von einem missionarischen Eifer, der ihm aus allen Poren tropfte und einen Gestank verbreitete, der es mir unmöglich machte, ihm nahe zu treten. Er war der Grund, warum ich aus der Kirche ausgetreten bin.

Es war diese Beichte an jenem Samstagnachmittag in dem Beichtstuhl, in dem der Herr Stadtpfarrer saß, die dem Katholiken in mir das Genick brach. Noch heute höre ich es knacken. Es waren diese bohrenden Fragen auf mein nichtssagendes Beichtgeschwafel, es war dieses Zuviel an Rosenkranz und Vaterunser das mich rebellieren ließ und in mir die Erkenntnis reifen ließ, dass es den "Lieben Gott" - und den Herrn Stadtpfarrer schon dreimal nicht - einen Scheißdreck angeht, was ich in meinem Leben tue oder nicht. Er hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und wusste nicht, dass seine Rosenkränze und Vaterunser gegen "Wild Thing" und "You Really Got Me" nicht anstinken konnten. Er hatte seine Chance, aber er hat sie nicht genutzt.

Ich habe meine letzte Beichte damals nicht gefeiert. Ich war jung und hatte kein Geld. Und wenn es notwendig war, ging ich auch weiterhin in die Kirche. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir ungebeichtet die Oblate, die immer am Gaumen klebte, in den Mund legen ließ. Ich musste mir selber eingestehen, es war nicht weit her mit meiner Rebellion. Ich wahrte die Fassade, wie so viele. Aber diese Fassade zeigte deutliche Risse und fing an zu bröckeln. Ein schleichender, fast schon sanfter Vorgang, der sich über Jahre hinzog. Eine Abrissbirne war nicht nötig.

Der Austritt aus der Kirche, Jahre später, kostete mich 15 DM. Die Dame hinterm Tresen des Standesamtes in Jagstkirchen schaute unfreundlich. Und als ich das Rathaus verließ, war alles wie immer. Der Himmel verdunkelte sich nicht, Kein Blitz zuckte vom Himmel und erlöste mich von allem Übel. Nicht einmal die Glocken der Basilika läuteten. Wenn ich das gewusst hätte ...
 

ackermann

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Erinnerungen an den Spreewald

Es war im zweiten Sommer nach der Wende, als ich mich aufmachte den Osten Deutschlands zu besuchen. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen: Den Spreewald. Dass die Spree durch Berlin fließt war mir bekannt, aber vom Spreewald hatte ich noch nie etwas gehört, geschweige denn Bilder dieser Landschaft gesehen. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, als ich nichts ahnend an einer Buchhandlung vorbei lief. Im Schaufenster prangte ein Bildband mit einem atemberaubend schönen Titelfoto: Eine smaragdgrün schimmernde Wasserlandschaft, ein Kahn am Ufer und ein grünes Blätterdach, durch das wie Blitze die Strahlen der Sonne drangen. Ich bremste scharf, machte auf dem Absatz kehrt, drückte meine Nase an der Schaufensterscheibe der Buchhandlung platt und las: Spreewald. Gut, dachte ich, Spreewald also.

In der Buchhandlung gab es eine Lese-Ecke, ich suchte mir einen Platz und vertiefte mich in den prächtigen Bildband. Las über die Spreewald-Fließen, Schleusen und die Ureinwohnern des Spreewalds, den Sorben, die mitten im Wald lebten und wohnten. Ich war fasziniert. Und weil ich so fasziniert war, schwang ich mich an einem Freitag im zweiten Sommer nach der Wende in mein Auto und fuhr nach Lübbenau. In Lübbenau gab und gibt es das Schlosshotel. Und weil ich schon immer ein Faible für Schlösser und Burgen hatte, mietete ich mich am frühen Nachmittag im Lübbenauer Schlosshotel ein. Auf dem Parkplatz parkten Handwerker-Autos mit West-Kennzeichen und tief im Bauch des Schlosses dröhnten Bohrhämmer und die Dame an der Rezeption meinte entschuldigend: "Wir sind im Umbau."

Mein Zimmer im Schlosshotel hatte eine Höhe von gefühlt 5 Metern und an der Decke prangte die sozialistische Version eines Kronleuchters: Eine 3-strahlige Lampe mit 2 intakten Glühlampen. Doch die Leuchtkraft des "Kronleuchters" stand im keinem Verhältnis zur Höhe des Raumes. Die Einrichtung des Zimmers konnte man nur als karg bezeichnen. Sie bestand im Wesentlichen aus einem Schrank, einem Stuhl, einem Waschbecken, einem Nachtkästchen mit Lampe und einem Bett mit einer Matratze, deren Nutzungsdauer längst überschritten war. Der Preis für das Zimmer stand im krassen Gegensatz zum gebotenen Komfort und war eindeutig bereits auf West-Niveau: Er betrug 90 DM pro Nacht (mit Frühstück).

Die Etagendusche war riesig und in dem halbrunden Raum reihten sich circa 10 Duschkabinen aneinander. Und an der Decke verrichteten 2 Leuchtstoffröhren ihren Dienst - immerhin. An das Etagen-Klo kann ich mich nicht mehr erinnern. Warum weiß ich nicht. Nun ja, sehr schnell reifte in mir die Erkenntnis, dass es im zweiten Sommer nach der Wende wohl noch etwas zu früh war für einen Aufenthalt im Lübbenauer Schlosshotel. Aber ich nahm es sportlich und verbuchte es unter Abenteuerurlaub.
Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, tat ich das was ich damals immer tat, wenn ich irgendwo fremd war: Ich ging erst mal auf Nahrungssuche. Meine Suche war erfolgreich, ich fand eine Metzgerei, eine Bäckerei und Bier. Und auf einem Platz am Lübbenauer Spreewaldhafen wurden Gurken verkauft, Spreewaldgurken. Erste Pressung, feinste Bohne. Am Hafen pulsierte das Leben. Motorräder mit Berliner Kennzeichen machten sich lautstark bemerkbar und der Kiosk konnte sich über seinen Umsatz nicht beklagen. Es war früher Abend, es war Wochenende und Berlin war nicht all zu weit; Aufbruchsstimmung lag in der Luft.

Dann entdeckte ich einen Boots-Verleih. Dieser Boots-Verleih sollte im weiteren Verlauf meines Aufenthaltes im Spreewald noch eine entscheidende Rolle spielen. Gleich morgen früh, beschloss ich, würde ich dem Boots-Verleih einen Besuch abstatten. Ganz bestimmt.
Wieder im Schloss ging ich duschen. Es war nicht einfach, eine passende Duschkabine zu finden, denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Ich verwarf den Gedanken, mehrere Duschkabinen quasi gleichzeitig zu benutzen und versuchte es stattdessen mit einem Abzählreim.

Frisch geduscht genoss ich im Schein der Nachttischlampe ein opulentes Abendmahl auf meinem Zimmer. Die Schlossmauern waren erstaunlich dick und die Fensterbank eignete sich hervorragend als Ablage für Wurst, Käse, Brot, Gurken und Bier. Und auch ich fand noch Platz auf der Fensterbank. Spät nachts randalierten besoffene westdeutsche Handwerker im Schlosshof. Bierdosen schepperten und ich brüllte von hoch oben "Ruhe". Seltsamerweise trat dann tatsächlich Ruhe ein und ich konnte weiterschlummern im Bett mit der Matratze deren Nutzungsdauer weit überschritten war.

Am nächsten Morgen suchte ich den Bootsverleih am Lübbenauer Spreewaldhafen auf, den ich mir am Vortag ausgeguckt hatte. Ich hatte leichte Kreuzschmerzen und einen vollen Bauch. Die Kreuzschmerzen ließen sich unmittelbar auf die durchgelegene Matratze zurückführen und der volle Bauch auf ein reichhaltiges Frühstück. Ein großer hagerer Mann mit starkem Bartwuchs kam aus dem Bootshaus. Unter einem ausgebleichten braunen Cord-Hut lugten zottelige Haare hervor. Sein Dialekt war sehr gewöhnungsbedürftig und ich hatte Mühe ihn zu verstehen. Ich bildete mir ein, das müsse ein Sorbe sein. Die Tagesmiete in Höhe von 25 DM für ein Zweier-Kajak (ein Einer-Kajak war leider nicht verfügbar) war erstaunlich günstig und im Gegenzug erhielt ich einen schlecht kopierten Routenplan und ein Paddel. Meine Erfahrungen mit Wasserfahrzeugen beschränkten sich damals auf Tretbootfahren auf dem Nürnberger Dutzendteich während einer Klassenfahrt vor zig Jahren.

Und so schulterte ich meinen Rucksack und stieg unter den belustigten Augen des Bootsverleihers schwankend in das schwankende Kajak, hatte keine Ahnung von Nichts und paddelte irgendwie nach links. Weg vom Hafen und den großen Ausflugskähnen, denn ich wollte mich nicht zum Gespött der Leute machen. Als spätester möglicher Rückkunft-Termin war 17 Uhr vereinbart. Kein Problem dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn. Die Sonne schien, es war angenehm warm und ich paddelte fröhlich im Zickzack-Kurs vor mich hin und lies den lieben Gott einen guten Mann sein. Vom Spreewald war noch nicht so viel zu sehen. Meine Paddel-Tour führte mich erst mal durch Wiesen und Felder.

Mein unbekümmertes Paddeln erhielt allerdings recht bald einen Dämpfer, denn ich näherte mich unausweichlich einem Problem, mit dessen Auftreten ich so schnell nicht gerechnet hatte. Eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet. Ich hatte es verdrängt oder vergessen: Ich näherte mich einer Schleuse. Hmmm …
Natürlich wusste ich, wie eine Schleuse funktioniert, natürlich. Man macht das eine Schleusentor zu und das andere auf. Oder umgekehrt, alles ganz einfach. Doch wie sagte schon Goethe: Grau mein Freund ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldener Baum. Wahrscheinlich war dem ollen Goethe diese Weisheit eingefallen, als er vor einer Schleuse stand.

Und überhaupt, dachte ich, gehört zu einer richtigen Schleuse auch ein Schleusenwärter. Erst neulich hatte ich einen Reisebericht über französische Kanäle im Fernsehen gesehen. Da hatte jede Schleuse einen Schleusenwärter. Die französischen Schleusenwärter waren mir sehr sympathisch. Meist saßen sie direkt an der Schleuse auf einem bequemen Stuhl und flochten Weidenkörbe oder spielten Akkordeon. Und neben dem Stuhl stand ein Tischchen mit Rotwein, Weißbrot, Käse und Sonnenschirm. Und jedes Mal, wenn er die Schleusentore bediente, nahm der französische Schleusenwärter einen großen Schluck Rotwein und rief "Vive la France". Und am Abend, wenn er vom Rotwein den Kanal voll hatte, fiel er ins Wasser. Ja, so könnte es gewesen sein.

Nach einem waghalsigen Anlegemanöver beförderte ich mich mit einem beherzten Sprung ans Ufer und schaute mich erstmal um. Ich war allein auf weiter Flur und es herrschte eine himmlische Ruhe. Mir fiel auf, dass mir bisher kein einziges Kajak begegnet war. Niemand war mir entgegengekommen und keiner hatte mich überholt. Und das sollte auch – mit wenigen Ausnahmen – so bleiben.

Ich will jetzt nicht länger um den heißen Brei herumreden: Ich studierte dann die „Gebrauchsanweisung“ für die Schleuse, las von Ein- und Auslassventilen, die in der richtigen Reihenfolge am jeweiligen Schleusentor zu öffnen, bzw. zu schließen waren – und irgendwann waren mein Kajak und ich tatsächlich „unten“. Voller Stolz paddelte ich weiter. Und dann tauchte ich endlich ein in die zauberhafte, fast magische Wasserwelt des Spreewaldes. Man muss es erlebt haben, es lässt sich nur schwer beschreiben. Sanftes Dahingleiten unter einem Dach aus hohen Bäumen; Sonnenstrahlen drangen durch die Blätter; tanzende, schimmernde Lichtinseln auf dem Wasser, Libellen tanzten – herrlich.

Erwähnen muss ich noch den rostig-gelben Schwimm-Bagger, dem ich begegnete und natürlich das Wirtshaus im Spreewald – die Wotschofska. Nach einem weiteren waghalsigen Anlegemanöver aß ich hier zu Mittag – irgendwas mit Kartoffeln und Fisch. Ich wunderte mich, warum die anderen Gäste ihre Paddel mit in die Gaststätte nahmen. Ich hatte mein Paddel im Boot gelassen. Und es war nach dem Essen auch noch da.

So gegen 18:30 Uhr langte ich wieder am Bootsverleih an und kroch mit schmerzenden Schultern und Oberarmen aus dem Kajak. Ich hatte mich etwas übernommen. Sogar ziemlich. Aber das spürte ich erst so richtig am nächsten Morgen. Als der Bootsverleiher mich sah, meinte er nur: „Mit ihnen habe ich heute nicht mehr gerechnet. Habe gar nicht gemerkt, dass noch ein Boot draußen ist.“ Ich glaube, ich grinste etwas gequält, sagte Tschüss und machte mich auf den Weg zum Schloss.

Wenn ich Rückschau halte, dann kann ich sagen, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Bäume und die Spreewald-Fließen werden auch heute noch die gleichen sein, und auch die Wodschofska wird ihren rustikalen Charme bewahrt haben, aber so wie im zweiten Sommer nach der Wende wird es nie mehr sein. Schade eigentlich …
 

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