Am Hafen (Sonett)

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James Blond

Mitglied
So friedlich wirkt im Abendlicht der alte Hafen,
wenn nur die Möwen scheinbar noch auf etwas warten,
die Männer still versunken sind ins Spiel der Karten,
die Boote längs vertäut an ihren Leinen schlafen.

Wo Netze über Molen ziehn, lang aufgereiht,
und Fischgeruch noch sanft in Meeressole döst,
ein Köter gähnend sich aus später Sonne löst,
die Pfützen ihre schillernd bunten Spiegel leiht,

wo manches träumt und schweigt, das nur die Zeit beweint,
beginnt ein halber Ring aus Steinen, Sand und Teer
als starker Arm, der alles im Vergessen eint.

Dort öffnet sich der kleine Hafen weit zum Meer,
dem Wellenspiel geduldig lauschend, und es scheint,
als käm die Ewigkeit auf einen Gruß hierher.
 
G

Gelöschtes Mitglied 23166

Gast
Wunderbar, wie du die Hafen-Atmosphäre eingefangen hast, James Blond. Man möchte gleich losfahren und sich am Hafen niederlassen …
 

wüstenrose

Mitglied
Doch noch ein-zwei Sätze, außer (aber das sagte ich bereits): Makellos still und schön!
Passt diese Weltvergessenheit noch in unsere heutige Zeit, braucht irgendwer solche Gedichte?
Ja, ich!
Es geht hier auch um das Thema Refugium, Meditation, Treiben im Wellenschlag des Nichts.
Dieses Thema ist zeitlos.
Das Gedicht nimmt mich an die Hand und weist mir (der ich in diesen Tagen als komplett reizüberflutetes Kamel irrlichtere) den Weg in die Stille.
 

James Blond

Mitglied
Liebe(r) wüstenrose,

ziemlich schön, was du mir unter mein Gedicht geschrieben hast!

Die Frage nach dem Zeitgemäßen ist leicht zu beantworten: Unzeitgemäß ist das, was einmal zeitgemäß war. Das Zeitlose aber ist (per definitionem) nie zeitgemäß und wird daher auch nie unzeitgemäß. ;)

Ich weiß nicht, wer (außer mir) noch solche Gedichte lesen will, doch sollte man sich dem Affenzahn der Zeit nicht unterwerfen. Auch die Leselupe ist ein Testfeld mit wandelnden Präferenzen.

Was dieser heute schreibt, lacht jener morgen aus,
wo jetzt noch Texte stehen, wird bald nur Wüste sein ...


Liebe Grüße
JB
 

Tula

Mitglied
Hallo James
Schön stimmig auf jeden Fall und gelungen.
Zwei kleinere Kritikpunkte wären, zumindest meinerseits
- der Wunsch nach einem klanglichen Kontrast in S1, '-arten' und '-afen' stehen sich sehr nah
- S1 hat nur weibliche weibliche und S2 nur männliche Kadenzen; Abwechslung oder nur eines von beiden wäre irgendwie schöner.

LG
Tula
 

James Blond

Mitglied
Hallo Tula,

danke für deine Worte!

Ich muss gestehen, dass mir die ähnlichen Reime und Kadenzen gar nicht so aufgefallen sind, folglich (zumindest mich) auch nicht sonderlich gestört haben. Dennoch sind deine Hinweise insofern auch für mich nachvollziehbar, als sie ästhetische Aspekte der Kontrastierung betreffen. Ich habe mich sodann gefragt, warum mich diese mangelnde Kontrastierung in diesem Fall nicht stört, und ob sie vielleicht der erwünschten Wirkung sogar entgegen kommt.

Das mag vermutlich daran liegen, dass das Gedicht zwar formal als Sonett gestaltet ist, aber inhaltlich keine sonetttypische Betrachtung zweier Thesen aufweist, die kontrastierend, erwägend gegenübergestellt werden. Im Gegenteil ist dieses Sonett eher auf eine inhaltliche Geschlossenheit ausgerichtet, die auch im Text selbst (S3;Z3) unerwähnt bleibt: 'als starker Arm, der alles im Vergessen eint.'

Dem Hafen als vereinendes Motiv entsprechen in seinen ähnelnden Motiven des Wartens, der Ruhe, des Schlafes, des Vergessenseins somit auch die formalen Aspekte des ähnelnden Reimes und der nicht wechselnden Kadenzen.

Auch wenn ich dir im Allgemeinen zustimmen möchte, in diesem Fall fände ich mehr Abwechselung nicht unbedingt passender.

Danke nochmals für deine aufschlussreichen Hinweise!

Liebe Grüße
JB
 

wüstenrose

Mitglied
das klingt zumindest für mich plausibel.
Ich empfinde es als statisches Gedicht, das von seiner Immobilität lebt.
Deshalb zieht es mich an, weil hier nichts bewegt und gerückt wird.
Gewiss kann man fragen, ob das Gedicht die Immobilität an sich oder ein Fließgleichgewicht beschwört, vielleicht doch eher letzteres wie seinerzeit unser Cornrad Ferdinand: "Und strömt und ruht."
 

Trist

Mitglied
Klasse, James.
Verzeih mir - bei so einer exzellenten Wortwahl muss ich hier einfach Sterne strahlen lassen ...

Liebe Grüße
Trist
 
Da isses ja wieder.
Ich erinnere mich an das Gedicht, vor langer Zeit, war es schon auf der Leselupe zu genießen und es ist mir als ein wirklich hervorragender Text in Erinnerung geblieben. Einfach weil es, wie ein guter Tee, eine kleine Meditation, eine Katharsis von aller Hast ist, langsam und fließend, ohne je zäh zu sein. Ich lese sogar langsamer als gewohnt. Es gibt diese Texte nicht oft, diese besonders gelungenen Versprachungen, dieses Stück gehört dazu. Und damit es nicht zu schleimig wird, box ich dir jetzt noch mit 5 Sternen ins Gesicht.
 

James Blond

Mitglied
Ja, Patrick,
da ist es nun wieder, wenn auch in leicht überarbeiteter Fassung: An vier Stellen habe ich noch etwas abgeändert und freue mich, dass dies bisher nicht negativ aufgefallen ist. Natürlich freue ich mich auch, dass du dich noch an die 1. Auflage von 2017 erinnerst, Patrick. Das Gedicht hatte damals schon eine etwas längere Entstehung hinter sich, ursprünglich bestand es nur aus den ersten beiden Strophen. Erst später habe ich es zum Sonett erweitert und in der Leselupe gepostet.

Ich muss auch gestehen, dass ich gern an älteren Texten herumbastle. Mit zunehmendem zeitlichen und innerlichen Abstand fallen mir zumeist ein paar 'Unmöglichkeiten' auf, die ich so nicht stehen lassen kann. Auch wandert dann einiges Unverbesserliches komplett in den Papierkorb. Selbst wenn sehr unterschiedliche Vorgehensweisen zur Erstellung präferiert werden, so kann ich diese Nachlese nur empfehlen. Einen Text aus zeitlicher Distanz zu überarbeiten, wird ihm in den meisten Fällen nicht schaden.

Liebe Grüße
JB
 
Kannn es sein, dass in der alten Fassung stand;

"So friedlich wirkt an Abenden der alte Hafen" ?

Denn so hab ich es in Erinnerung und so gefällt es mir persönlich auch etwas besser, denn der Abendlicht-Bezug ist fast ein wenig zu viel Poesie...

PS; und es stand da doch auch;

"die Männer stumm vertieft im trauten Spiel der Karten"

das wäre mir auch (fast) lieber.


PPS; es gibt nur ein Gedicht, das ich noch besser finde von dir. Nämlich "Novemberaquarell. Schon die erste Zeile ist ja traumhaft,; "du hast an trüben Wassern nicht gespart". Ich erwarte auch von dir, dass der Text pünktlich im November wieder auftaucht!
 
Zuletzt bearbeitet:

James Blond

Mitglied
Sehr schön, Patrick, dass du noch die alte Version erinnerst und etwas zu den Änderungen schreiben kannst.
Ich habe die Änderungen erst nach entsprechenden Hinweisen vorgenommen.

Den Vers
So friedlich wirkt an Abenden der alte Hafen

finde ich inhaltlich auch besser, weil er poetisch zurückhaltender ist und weniger schwelgt, allerdings störte mich hier die Nebenbetonung auf der letzten Silbe: 'Abenden'

Die Änderung von

wenn nur die Möwen scheinbar noch auf etwas warten,
die Männer stumm vertieft im trauten Spiel der Karten,
die Boote längs vertäut an ihren Leinen schlafen.


in

wenn nur die Möwen scheinbar noch auf etwas warten,
die Männer still versunken sind ins Spiel der Karten,
die Boote längs vertäut an ihren Leinen schlafen.

verhindert, dass neben den Booten an Leinen auch die Männer beim Kartenspiel schlafen, weil dem ursprünglichen Vers ein Verb fehlt (Ellipse)

Außerdem habe ich auf die Schlieren verzichtet:
Statt
die Pfützen ihre schillernd bunten Schlieren leiht.
nun
die Pfützen ihre schillernd bunten Spiegel leiht,

weil die Schlieren vom Öl, die Spiegel aber von der Sonne herrühren. Ob solche Details wirklich wichtig sind, weiß ich zwar nicht. Aber einen Versuch waren sie mir wert.

Vielen Dank für dein aufmerksames Lesen!

Liebe Grüße
JB

P.S. Das Novemberaquarell kommt!
 

AbrakadabrA

Mitglied
Herrlicher Kitsch, lieber James, der wie eine Tafel Schokolade im Alltagskampf lustvoll verknabbert wird.

Das Reizwort Möwe ist in Texten natürlich stets gefährlich ...

Wie auch immer, gut geschrieben, auch wenn es kein Sonett ist.
 


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