Ameisen

Alfred S

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Der Vorteil von Freundschaften und zwischenmenschlichen Beziehungen liegt nicht allein in der emotionalen Wärme und Geborgenheit, die sie bestenfalls mit sich bringen, sondern manchmal schlicht darin, dass eine Person ohne falsche Rücksichtnahme ausspricht, was Sache ist.
Habentus, fahr mal einen Gang zurück und such dir verdammt noch mal ein anderes Hobby!“
In Anbetracht der Entwicklungen ein Satz, der sicherlich angemessen gewesen wäre.

Vermutlich hätte Habentus Tain auf einen derartig kritischen Hinweise nur mit einem verunglückten Gelächter reagiert. Zwischenmenschlich ausgewogenes Betragen war seine Sache nicht und nervöses Lachen gehörte mit zu seinem überschaubaren Repertoire an Erwiderungen, die ihm geeignet erschienen, emotionale Spannungen abzubauen. Da seine Freunde es aber dennoch gut mit ihm meinten, wäre er wohl trotzdem in die Verlegenheit geraten, erklären zu müssen, warum er ihre Bitten denn in den Wind zu schießen gedachte. Glücklicherweise besaß Habentus gar keine engen Freunde, ja, noch nicht einmal lose Bekanntschaften. In weiser Voraussicht hatte er bereits vor etlichen Jahren die Brücken zwischenmenschlicher Beziehungen nahezu vollständig abgebrochen.

Habentus war schon immer ein sehr in sich gekehrter Mensch gewesen. Irgendwann setzte sich in ihm daher konsequenterweise die Überzeugung durch, dass es vermutlich für alle Beteiligten besser wäre, wenn er von nun an seinen Weg alleine fortsetzen würde. Diese gewagte und unbeholfen vorgetragene These, sorgte bei seinen wenigen Freunden zunächst für gekränkte Verwunderung, dann für Trauer und Unverständnis. Habentus hielt aber unbeirrbar an seiner Entscheidung fest, auch wenn es ihm zu Beginn wirklich nicht leicht fiel. Doch er wusste, dass selbst die schönste Freundschaft am Ende eben doch nur ein Hindernis darstellte, das zwischen ihm und seiner persönlichen Freiheit stand. Glücklicherweise bekamen die Kumpel von diesem fragwürdigen Gleichnis nichts mit, denn mit Hindernissen verglichen zu werden, war nun einmal nicht schön und eine Sache, die sie sicherlich nicht widerspruchslos hingenommen hätten. Aber zu diesem Zeitpunkt lag ihre Verbundenheit ohnehin in den letzten Zügen und ihre Zuneigung gegenüber Habentus war bereits merklich abgekühlt.
Nachdem er die meisten seiner sozialen Bindungen erfolgreich gekappt hatte, fühlte er sich erleichtert. Doch erst als schließlich auch seine Eltern, denen er nun einmal schlecht die Freundschaft hatte aufkündigen können, aus dem Leben traten, fiel eine große Last von ihm ab. Die Erleichterung war dermaßen groß, dass ihn am Totenbett seiner armen Mutter ein glückliches Lachen entfuhr. Die übrigen Trauergäste hielten das Glucksen, in das sich Habentus zu retten suchte, für einen verunglückten Ausdruck von Trauer und sahen in Anbetracht der Situation, sowie aufgrund der Tatsache, dass es sich bei dem Verursacher des unpassenden Geräuschs nun einmal um den immer schon etwas seltsamen Habentus handelte, milde darüber hinweg. Für Habentus, der sich nun vollständig von allen sozialen Fesseln gelöst hatte, begann das Leben eigentlich erst richtig, nachdem er sich wortkarg von den anwesenden Trauergästen und dem Priester verabschiedet hatte, und mit beschwingtem Schritt den Friedhof verließ. Ihm war nach Singen zumute, was er aber sicherheitshalber bleiben ließ. Ein breites Grinsen konnte er trotz alledem nicht unterdrücken.

Der Umstand, dass Habentus nun nahezu vollständig alleine mit sich und seinen Gedanken war, wirkte sich, wenig verwunderlich, zunehmend auf seinen ohnehin schon immer etwas verqueren Geist aus. Es fehlte mitunter schlicht an dem gut gemeinten Korrektiv einer äußeren Perspektive. So hinderte ihn auch niemand ernsthaft daran, einem Hobby zu frönen, dass im Laufe der Zeit wirklich bedenkliche Ausmaße annahm.
Habentus war immer schon an der Natur interessiert gewesen. Insbesondere die geheimnisvolle Welt der Insekten hatte es ihm angetan. Doch draußen in der bedrohlichen Natur mit all ihren unkalkulierbaren Risiken herumzustapfen, um mit einer Lupe bewaffnet seinen Studienobjekten hinterherzuspüren und dabei vielleicht noch gebissen, gestochen oder tödlich vergiftet zu werden? Nein, nicht zuletzt aufgrund seiner vorsichtigen Art hatte Habentus bereits vor Jahren Abstand von derlei Abenteuerlichkeiten genommen. Stets auf ein gewisses Maß an Sicherheit bedacht, bewegte er sich mittlerweile nur sehr zögerlich außerhalb seiner eigenen vier Wände, die ihm mehr als Bollwerk gegen eine potenziell gefährliche Umwelt denn als bloßer Wohnort erschienen. Doch seiner Leidenschaft alleine in Buchform nachzugehen, erfüllte ihn ebenfalls nur unzureichend, auch wenn er selbstredend eine beachtliche Sammlung diverser Nachschlagewerke und Lexika zum Thema in seinem Besitz wusste. Nach einigem hin und her hatte Habentus schließlich Mittel und Wege gefunden, sein liebstes Studienobjekt, die gemeine Ameise, ausschließlich innerhalb seiner eigenen vier Wände zu studieren, ohne dabei die eigene Sicherheit aus den Augen zu verlieren. Angefangen bei einem überschaubaren Glaskasten mit schmalen fünfzig Tieren hatte er seine Ameisenfarm im Laufe der Zeit enorm ausgebaut. Unter den bohrenden Blicken seiner Nachbarin hatte er säckeweise Erde und Baumaterialien in den fünften Stock geschafft. Mittlerweile bedeckte dickes Glas jede seiner Wände, nahezu die gesamte Decke und einen Großteil des Bodens. Habentus hatte seine Wohnung in die größte Ameisenfarm der Stadt verwandelt und Stolz erfüllte ihn, wenn er seine freien Tage damit verbrachte, diese faszinierenden Tiere bei ihrem geschäftigen Treiben zu beobachten.

Dass ihn die Ameisen ihrerseits ebenfalls beobachteten, hatte Habentus zwar wahrgenommen, schob diese Tatsache aber, ebenso wie die Feindseligkeit, die er in schwachen Momenten in ihren schwarzen Insektenaugen zu erkennen meinte, auf seine eigene Verschrobenheit. Feindselige Ameisen. Die ihn beobachteten. Das war ja lächerlich. Folgerichtig brach Habentus dann auch jedes Mal in schrilles Gelächter aus, beschloss aber dennoch vorsichtshalber, die Ameisen für den Moment einmal Ameisen sein zu lassen, und sich stattdessen lieber mit einem Buch über das Lektoratswesen, seiner zweiten Leidenschaft, zu zerstreuen.
Die bemerkenswerten Umwälzungen, die sich in den vergangenen Wochen innerhalb der Ameisenfarm zugetragen hatten, waren Habentus beinahe vollständig verborgen geblieben. Ausgehende von einem, für Ameisenverhältnisse vermutlich ungewöhnlich kritischen Geist, waren einige Fragen grundlegender Natur in den Raum gestellt worden.
Erstens. Wer oder was, war dieses irritierend riesenhafte Wesen, dass sich an den Scheiben herumdrückte, mitunter in schrecklich glucksende Geräusche (vermutlich Drohgebärden) ausbrach und sie ihrer Privatsphäre beinahe vollständig beraubte?
Zweitens. Welche grausamen Gründe hatten den großen Unterdrücker dazu veranlasst, beinahe die Hälfte des vorhandenen Raumes durch dicke Glaswände abzutrennen und ihnen so den Raum zur weiteren Entfaltung zu verwehren?
Und schließlich drittens. Was gedachte eigentlich ihre Majestät gegen diese untragbaren Missstände zu unternehmen?
Die Antworten der Ameisenkönigin fielen indes wenig zufriedenstellend aus, woraufhin man nicht lange fackelte und sich kurzerhand dazu entschloss, die Königin mitsamt überschaubarer Anhängerschaft zu verspeisen. Von nun an wurde der gesamte Bau auf das gemeinsame Ziel eingeschworen, alsbald in einer konzentrierten Aktion das gläserne Gefängnis zu überwinden, den großen Unterdrücker niederzuringen und ein neues Zeitalter freier und selbstbewusster Ameisen einzuläuten. Habentus Tain, der über den Rand eines dicken Buches beinahe liebevoll die wuselnden Geschöpfe beobachtete, ahnte nicht, dass seine tierischen Mitbewohner ihn unlängst zu ihrem neuen Hauptfeind erkoren hatten.
Trotz ihrer geradezu pionierartigen Denkleistung, ein riesiges Wesen als Gefahr für das eigenen Kollektiv anzuerkennen und Schritte in Erwägung zu ziehen, die Ketten der eigenen Unterdrückung sprengen zu wollen, unterlief den Ameisen in ihrer Bewertung der Situation ein entscheidender Fehler. Irrtümlicherweise bestärkte die Tatsache, dass Habentus Tain aufgrund seiner fragwürdigen Vorstellungen über zwischenmenschlichen Kontakt, niemals Besuch empfing, die Ameisen in ihrer folgenschweren Annahme, bei ihm handele es sich tatsächlich um das einzige Exemplar eines ameisenhassenden Volks von Riesen, und es genüge, diesen Hünen in einem einzigen großen Kraftakt zu bezwingen. Diese Einschätzung, obwohl falsch, verlieh den Ameisen überhaupt erst die Moral, sich ernsthaft mit einem derartig kühnen Vorhaben auseinanderzusetzen. Wie so oft basierte auch in diesem Fall ein gewagtes Unterfangen zunächst auf einem groben Irrtum.

Habentus hatte zwischenzeitlich den Kontakt zu anderen Menschen weitgehend verlernt. Und wie alles, dass man nicht beherrscht, stieg auch bei Habentus zunehmend Unwohlsein, kam er mit anderen Personen in Kontakt. Um derlei unangenehmen Begegnungen vorzubeugen, entschloss sich Habentus dazu, dass Haus nur noch im absoluten Notfall zu verlassen. Auf seinen erzwungenen Expeditionen hastete er wie getrieben durch die Straßen und achtete penibel darauf, bloß nicht den Blick zu heben, um das Risiko, womöglich in irgendeine Art ausufernden Blickkontakt zu geraten, so gering wie möglich zu halten. Habentus Sozialphobie verlief phasenweise und befand sich momentan in einem besonders drastischen Zustand. Dass innerhalb dieser kritischen Zeitspanne das Haus nicht zu verlassen war, stellte für Habentus ein ebensolch unabänderliches Faktum dar, wie die Tatsache, dass der Regen nun einmal vom Himmel fällt oder, dass auf den Tag die Nacht folgt. Es stand schlicht nicht zur Debatte. Selbst wenn das Haus in Flammen gestanden hätte, wäre er vermutlich zunächst dazu gezwungen gewesen, erst einmal tief in sich zu gehen und darüber nachzudenken, ob ein Tod in den Flammen nicht vielleicht doch vorzuziehen war. Dass er ausgerechnet in dieser Verfassung auf Ameise 37012 traf, die gerade dabei war, die Lage außerhalb des Baus zu sondieren, war für ihn ein Schlag ins Gesicht und wahrlich kein feiner Zug, sollte sich herausstellen, dass hierhinter irgendwelche ominösen schicksalsgetriebenen Kräfte steckten.

Einige Stunden zuvor hatten die Ameisen ein winziges Loch in ihrem gläsernen Gefängnis entdeckt und sogleich beschlossen, das Habitat ihres Feindes zu erkunden. Eine Ameise namens A37012 hatte sich mutig freiwillig gemeldet, diesen gefährlichen Auftrag auszuführen, und wurde in einer wirklich hoch emotionalen Zeremonie in ihr Abenteuer verabschiedet.
„Viel Glück!“
A37012 hatte bereits mehrere Meter erfolgreich zurückgelegt und befand sich in einem Zustand euphorischer Erregung, als Habentus nichts ahnend das Zimmer betrat, zufällig die Ameise erblickte und reflexartig zuschlug. Der Schreck der restlichen Ameisen, die den unerwartet plötzlichen Heldentod von A37012 hatten mitansehen müssen, war gar nichts im Vergleich zu dem emotionalen Holzhammer der Habentus, in Form der schrecklichen Erkenntnis soeben eine Ameise a u ß e r h a l b der gläsernen Wände angetroffen zu haben, buchstäblich von den Füßen riss.
Der Grund für diese starke Reaktion lag nicht etwa in dem Ameisenaufstand, der sich drohend am Horizont abzeichnete, sondern in der abstrusen Widersprüchlichkeit, mit der Habentus sein Hobby betrieb. Denn der Grund, warum er sein liebstes Studienobjekt hinter dickes Glas sperrte, lag weniger am Wesen gängiger Ameisenfarmen, sondern war hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass Habentus wenig mehr verabscheute, als freilaufendes Krabbelgetier. Er ekelte sich und wurde von der irrationalen Vorstellung verfolgt, Insekten aller Art wären vorrangig darum bemüht, in jedwede seiner Körperöffnungen zu gelangen, wenn sich ihnen dazu die Gelegenheit bot.

Nachdenkliche Zeitgenossen mögen sich an dieser Stelle zurecht die Frage stellen, was Habentus in Anbetracht seiner ausgeprägten Phobien eigentlich geritten haben mag, ausgerechnet in ein derartiges Hobby so massiv zu investieren? Diese Frage ist schwer zu beantworten und lässt sich wohl nur über den streitbaren Charakter Habentus versuchen zu ergründen.
In Habentus gleichförmigem und von seiner Umwelt beinahe vollständig abgeschiedenen Leben verlieh ihm der Umstand, seine Wohnung mit Abertausenden Ameisen zu teilen, vermutlich einen gewissen Nervenkitzel. Vielleicht am ehesten vergleichbar mit einer ordentlichen Prise Pfeffer, die man einer langweiligen Suppe hinzugibt, um überhaupt irgendetwas zu schmecken. Zudem verschaffte es ihm wohl einige Befriedigung und ein Gefühl der Überlegenheit, dass es ihm gelungen war, seinen persönlichen Schrecken in seine gläsernen Schranken zu verweisen. Neben dem rein wissenschaftlichen Interesse mischte sich sicherlich auch immer das Gefühl, die Natur eigenhändig gezähmt und in eine Art harmlosen Einrichtungsgegenstand verwandelt zu haben.

Nachdem Habentus seinen ersten Schrecken einigermaßen überwunden hatte, machte er sich fieberhaft daran, entlang der gläsernen Wände nach winzigen Löchern oder Rissen zu suchen, durch die eine Ameise hätte hindurch schlüpfen können. Nach etlichen Stunden erfolgloser Herumkriecherei musste er ohne falsche Bescheidenheit konstatieren, dass er sich in einer beklagenswerten Situation befand. Draußen begann es zu dämmern und schwere Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Habentus brach seine ergebnislose Suche ab und zog sich wie der letzte Überlebende einer furchtbaren Schlacht auf seinen Sessel zurück, der ihm wie ein Rettungsanker inmitten des ins Wogen geratenen Raumes erschien. Dumpf betrachtete er die gläsernen Wände, die innerhalb nur eines halben Tages jeglichen Charme eingebüßt hatten. Rückblickend betrachtet war es wohl nicht seine beste Idee gewesen, die eigene Wohnung in einen Ort zu verwandeln, der nur durch ein winziges Loch jegliche Gemütlichkeit und Sicherheit einbüßte. Irgendwie waren die Dinge wohl etwas außer Kontrolle geraten, das musste er selbstkritisch zugeben. Vielleicht hätte er zumindest Buch darüber führen sollen, wie viele Ameisen sich mittlerweile hinter den Wänden tummelten. Was heißt ihr sollen? Müssen! Dann wäre er jetzt zumindest in der komfortableren Situation, ungefähr abschätzen zu können mit wie vielen dieser Biester er es möglicherweise in absehbarer Zeit zu tun bekommen würde. Schaudernd betrachtete Habentus die riesige Ameisenfarm, in der es erkennbar wimmelte. Neben dem Geräusch des Regens, der immer stärker zu werden schien, bildete er sich ein, Tausende von Insektenbeinchen hören zu können, die sich in ihrem Bau hin und her bewegten. Mittlerweile war es dunkel geworden und da Habentus es nicht mehr wagte, aus seinem Sessel aufzustehen, blieb ihm nur, durch das Entzünden dreier mickriger Kerzen für etwas spärliches Licht in seiner unmittelbaren Nähe zu sorgen. Flackernde Schatten krochen an den Wänden entlang und Habentus schien es beinahe so, als ob das unruhige Licht den Raum eher verdunkelte als erhellte. Aufgrund der schummrigen Lichtverhältnisse konnte er auch nicht mehr erkennen, was sich hinter den gläsernen Wänden abspielte, aber zu seinem großen Schrecken war ihm, als ob es in den dunklen Ecken des Raumes ebenfalls zu wuseln begonnen hatte. Unwillkürlich zog Habentus seine Beine an die Brust, um seine ungeschützten Füße vor den plötzlich unkalkulierbar gewordenen Gefahren des Fußbodens zu schützen. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf eine Ecke des Raumes. Tatsächlich, dort schien sich etwas zu bewegen. Allerdings war es ihm aufgrund der diffusen Lichtverhältnisse unmöglich zu sagen, ob seine in Mitleidenschaft gezogenen Nerven das Flackern der Kerzen falsch interpretierten, oder ob sich im Schutz der Dunkelheit eine wütenden Armee schwarzer Ameisen darauf vorbereitete, ihren gemordeten Artgenossen zu rächen und sich wie ein dunkle Welle auf Habentus zu stürzen.

Er war sich inzwischen ziemlich sicher, dass sich irgendetwas in den dunklen Ecken des Raumes tat. Habentus machte sich keine Illusionen mehr über seine derzeitige Situation. Es war ganz offensichtlich, dass er sich in einem Zustand der Belagerung befand. Allerdings ohne den entscheidenden Vorteil einer dicken Mauer zwischen sich und dem Feind. Fieberhaft ging er die begrenzten Möglichkeiten durch, die ihm blieben. Er konnte natürlich versuchen, um Hilfe zu rufen, um seine Nachbarin, die unter ihm wohnte, auf seine bescheidene Lage aufmerksam zu machen. Allerdings war die Dame bereits weit über 70 und taub wie ein Stück Holz, und es erschien ihm daher unwahrscheinlich, dass sie seine verzweifelten Hilferufe überhaupt wahrnahm. Außerdem war nun einmal nicht von der Hand zu weisen, dass sie ihrem äußeren Erscheinungsbild nach, eine gewisse Ähnlichkeiten mit Insekten hatte und nicht zuletzt aufgrund der feindseligen Blicke, die sie Habentus bei den seltenen Zusammenkünften im Treppenhaus zugeworfen hatte, war nicht abschließend geklärt, wo ihre Loyalität in einer derartigen Situation liegen würde. Nein, von dieser Seite war vermutlich keine Hilfe zu erwarten.
Auch das Naheliegendste, in einer Art Befreiungsschlag aufzuspringen, zur Wohnungstür zu hechten und sich draußen in Sicherheit zu bringen, war für Habentus keine Option. Zum einen fühlte er trotz der Gefahr, ein geradezu übermächtiges Verlangen innerhalb seiner Wohnung zu verbleiben. Es war ihm beinahe so, als existiere gar keine Wohnungstür mehr, ganz so, als befinde er sich in einem dunklen Verlies, dass ihm nicht erlaubte, es zu verlassen. Zum anderen wagte er es mittlerweile auch nicht mehr, in die dunklen Ecken des Raumes zu treten, da er befürchten musste, im Schatten sofort von allen Seiten angefallen zu werden, sobald er die trügerische Sicherheit des belagerten Sessels verlassen würde. Blieb also noch das altbewährte Mittel der Diplomatie. Leider nicht unbedingt eine seiner Kernkompetenzen, aber was sollte er schon anderes machen? Vielleicht gelang es ihm ja, die Wogen zu glätten, indem er einige beschwichtigende Worte in Richtung der Schatten richtete. Habentus räusperte sich und begann seinen unsicheren Vortrag damit, dass er versicherte, im Grunde ein großer Freund der gemeinen Ameise zu sein. Aus einer professionellen Distanz heraus fand er die Leistungen, die sich innerhalb des Baus zutrugen wirklich bewundernswert und er wolle an dieser Stelle zumindest einmal die Frage aufwerfen, ob es nicht im beiderseitigen Interesse war, in den Zustand zurückzukehren, in welchem sie so lange nebeneinander friedlich koexistiert hatten. Zeichnete sich der bisherige Monolog, trotz einiger nervöser Unsicherheiten in der Art und Weise wie Habentus sich ausdrückte, zumindest dadurch aus, dass er einen roten Faden erkennen ließ, kam er spätestens an der Stelle merklich ins Straucheln, an der er die Vorkommnisse rund um die Eskalation zum Nachteil von A37012 zu thematisieren suchte. Er druckste zunächst unbeholfen herum, murmelte etwas von „keine Absicht im herkömmlichen Sinne“, verlor dann weitestgehend den Faden und flüchtete sich schließlich in nervös glucksendes Gelächter.
Es wird wohl nie vollständig geklärt werden können, inwieweit der missglückte Schlichtungsversuch schlussendlich für die nachfolgende Eskalation der Ereignisse verantwortlich gemacht werden kann. Dennoch hätte Habentus vermutlich besser daran getan, sich nach Gegenständen umzusehen, mit denen er sich verteidigen konnte, womit zumindest in diesem konkreten Fall die steile These, die Feder sei mächtiger als das Schwert, als widerlegt gelten dürfte.
Noch während er unbeholfen vor sich hin gluckste, bliesen die Ameisen mit einem kollektiven „Jetzt oder nie!“, zum Angriff. Wie ein dunkle Welle schwappten die Tiere heran und erklommen an mehreren Stellen den Sessel. Habentus schlug in der Panik des Ertrinkenden wild um sich und im flackernden Licht der Kerzen spielten sich in den nachfolgenden Minuten nur schwer zu beschreibende Szenen ab. Immer mehr Ameisen wogten heran und fielen über den verzweifelt schreienden Habentus her. Nach etlichen Minuten intensiven Ringens strauchelte er, fiel zu Boden und wurde sofort von einer Welle wütender Ameisen umschlossen.

Einige Tage später beschwerte sich Frau Dürer beim alten Herrn Olsen, in ihrer unnachahmlichen Art darüber, dass im Treppenhaus Ameisen aufgetaucht waren. Ohne auf die Antwort des gutmütigen Olsen in irgendeiner Form zu reagieren, denn sie hörte sie nicht, fuhr Frau Dürer damit fort, sich weiter über die hygienischen Missstände im Hause zu echauffieren. Das Gezeter Frau Dürers gekonnt überhörend, machte sich Herr Olsen daran, langsam und vergnügt vor sich hin summend der Ameisenstraße hinauf in den fünften Stock zu folgen. Unentschlossen stand er schließlich vor der Wohnungstür Habentus Tains und überlegte, ob er anklopfen solle, denn es war nicht zu übersehen, dass die Ameisen aus dieser Wohnung kamen. Während sich Herr Olsen gedankenverloren am Kopf kratzte, berichtete hinter der Wohnungstür eine aufgebrachte Ameise von ihrem schlimmen Verdacht. Offensichtlich gab es dort draußen doch tatsächlich noch einen Weiteren dieser schrecklichen Riesen, was nur bedeuten konnte, dass sie es in Wirklichkeit mit zwei statt nur mit einem dieser Hünen zu tun hatten!
 

juliawa

Mitglied
Hey Alfred,

das ist ausgezeichnet geschrieben, aber ich würde den Text ein bisschen kürzen. Für eine Kurzgeschichte sind mir ein paar zu ausufernde Stellen drin und ich denke viele Leser verlieren dann die Geduld. Ist aber wohl Geschmackssache

Viele Grüße,
juliawa
 

Alfred S

Mitglied
Hallo Juliawa,

danke für deinen Kommentar! Da hast vermutlich schon recht damit, dass ich den Text an der ein oder anderen Stelle sicherlich noch ein wenig kürzen könnte. Teilweise sind da schon etwas sehr ausufernde Satzkonstruktionen dabei. Auf der anderen Seite haben die verschwurbelten Sätze für mich auch einen gewissen Charme des Textes ausgemacht. Ich werde mir den Text aber auf jeden Fall noch einmal anschauen und kürzen.

Viele Grüße,
Alfred

Hey Alfred,

das ist ausgezeichnet geschrieben, aber ich würde den Text ein bisschen kürzen. Für eine Kurzgeschichte sind mir ein paar zu ausufernde Stellen drin und ich denke viele Leser verlieren dann die Geduld. Ist aber wohl Geschmackssache

Viele Grüße,
juliawa
 

juliawa

Mitglied
Hallo Alfred,

du hast Recht, der Text hat Charme. Das Kürzen ist auch nur mein persönlicher Vorschlag. Andere Leser empfinden den Text so vielleicht als genau richtig

Liebe Grüße,
juliawa
 

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