Amok in der Fußgängerzone

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Der turnusmäßige Besuch beim Vater stand an. Die Mutter brachte die zwei Scheidungswaisen bis an die Haustür des Exmannes. Der Summer ertönte, der Sechsjährige drückte die Tür auf, verschwand im Hausflur, gefolgt von seiner vierjährigen Schwester wie von einem Schatten.

Die Kinder fanden den Papa heute etwas komisch - oder noch komischer als sonst. Merkwürdig, er wollte heute nicht mit ihnen daheimbleiben: "Wir fahren spazieren." Im Auto lagen hinten zwei Gasflaschen, wie der Junge vom Beifahrersitz aus staunend feststellte. Seine kleine Schwester drückte sich auf dem Rücksitz ängstlich in eine Ecke.

Es ging ins Stadtzentrum. "Papa, was machst du?! Wohin fahren wir?" Er war gerade von der Fahrbahn abgebogen und lenkte schon in die Fußgängerzone hinein. An ihrem Anfang liegt der Hauptplatz der Stadt, wo die Straßenbahnen und Busse abfahren und immer viele Leute warten. Ihr Papa fuhr wieder und wieder auf Menschengruppen zu. Die Leute sprangen panisch zur Seite und schrieen, und es schrieen auch die Kinder im Auto. Sie pressten sich gegen die Scheiben und sahen die Menschen draußen flüchten.

Dann flogen Gegenstände durch die Luft: Fahrräder, die Stühle eines Straßencafés. Sie schlugen von drei Seiten auf der Karosserie auf und blieben auf den Steinplatten liegen. Ihr Papa fuhr jetzt Slalom um diese Hindernisse. Kurz darauf kam das Auto plötzlich vor einem Baum zum Stehen. Es war sofort von Passanten eingekreist. Einige zertrümmerten schon mit den Stühlen die Scheiben. Der Papa schrie außer sich: "Alles umfahren - alles umbringen!" Ein Mann griff jetzt durch das Loch in der Heckscheibe und schraubte hastig die offenen Ventile der Gasflaschen zu.

Die Polizei war schon zur Stelle. Sie räumte gerade den Platz. Bald war alles vorbei. Der Papa war auf dem Weg in die Psychiatrie. Die Kinder noch unter Schock und schon bald wieder bei der Mutter. Einer Passantin war das Auto über den Fuß gerollt.
 

Duisburger

Mitglied
Löschen und nicht mehr drüber reden wäre schön.
Wenn schon, dann bitte mit Tiefgang und Geschichte drumherum und nicht in Bildzeitungsmanier.

Uwe
 
Duisburger, es ist schon in Ordnung, wenn dir der Text nicht zusagt. Eine Kritik, die ihre Zuflucht im sehr abgedroschenen Vergleich mit BILD sucht, kommt mir allerdings etwas schwächlich vor. Mein Text (nach einem realen Fall) verzichtet ganz bewusst auf "Tiefgang" und Draufsatteln. Er ist als Kürzestgeschichte fürs Internet, zu lesen innerhalb einer Minute, gedacht. Dabei benutzt er ausschließlich die Perspektive der beiden Kinder, denen das Geschehen gerade so vorgekommen sein dürfte: rasant, verstörend.

Nebenbei: Gerade das Bemühen nach "Tiefgang" zeichnet so manchen Dilettanten aus.

Arno Abendschön
 
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Rufus Grimwig

Gast
Wobei ich die Idee, das Geschehen aus der Sicht der Kinder zu beschreiben, gar nicht so uninteressant finde. Allerdings wird dieser Ansatz ja gar nicht durchgehalten; ich glaube nämlich, dass rasante Wahrnehmungen nicht kindliche Wahrnehmungen sind. Kindern geht doch immer alles zu langsam, sie wollen, dass alles immer schneller und schneller abläuft. Die Spannung des Moments, in dem die Kinder erkennen, dass etwas anders ist, sie aber gar nicht sagen können, was genau anders ist, müsste ein Kind doch halb in den Wahnsinn vor Neugierde treiben. Die Kinder hier nehmen aber einfach alles hin.

Außerdem halte ich den BILD-Vergleich für durchaus sinnvoll, immerhin bietet dein Text eine enorm verkürzte Ursachenherleitung an. Ich meine: 'der Vater ist der Exmann und der war ja immer schon komisch' ist nicht unbedingt das, was einem so komplexen Vorgang wie einem Amoklauf gerecht wird - vor allem dann, wenn es sich um einen realen Fall handelt. Meine Frage wäre, ob ein so kurzer Text überhaupt eine Rechtfertigung für die Tat aufweisen muss (oder sie gar geben kann). Da ist der Vorwurf der Oberflächlichkeit schon angebracht. So, wie der Text jetzt ist, löst er in mir gar nichts aus, obwohl ich mich oft inetnsiv mit solchen Fällen beschäftige und es mutig finde, darüber zu schreiben.
 
Rufus, so kurz die Geschichte ist, scheint sie nicht gegen Fehlinterpretationen gefeit zu sein, wie sie üblicherweise bei hastigem Drüberweglesen passieren. So enthält der Text gar keine "Ursachenherleitung", er verzichtet komplett darauf. Die Kinder nehmen bloß anfangs eine gewisse Veränderung im Verhalten des Vaters wahr, nichts weiter. Ferner trifft es nicht zu, dass die Kinder einfach alles hinnähmen, wie du in den Text hineinliest. Sie schreien vielmehr und pressen sich gegen die Scheiben. Mehr ist in der sehr kurzen Zeit auch kaum möglich. Da sie das Bedrohliche der Situation rasch erfassen, entwickeln sie gar nicht erst die sonst häufige Freude an schnellen Abläufen. Es soll doch vorkommen, dass Kinder, statt neugierig zu werden, weinen. Oder?

Klar, der Text war meinerseits ein (seltener) minimalistischer Versuch, und dass er so Ablehnung hervorruft, muss ich zur Kenntnis nehmen. Nur dass mich die Begründungen dafür nicht so recht überzeugen ... Es gibt gerade bei der Leselupe eine kritische Routine, die hauptsächlich aus Leerlauf besteht. Da wird instinktive Ablehnung, die sich gar nicht zu rechtfertigen bräuchte, mit scheinrationalen Argumenten zu untermauern versucht.

Dennoch profitiere ich natürlich von diesen Kommentaren. Sie zeigen mir, wie unausrottbar das Kausalitätsbedürfnis in den meisten von uns verankert ist.

Arno Abendschön
 

Dr Time

Mitglied
Aus Sicht der Kinder

Hallo Arno,
Auch mir ist die Geschichte leider etwas zu platt geraten - vor allem vor dem Hintergrund der Grausamkeit eines Amoklaufes. Aus Sicht der Kinder sei das zu betrachten, schreibst du. Aber dem ist doch gar nicht so. Der letzte Satz zum Beispiel:
Einer Passantin war das Auto über den Fuß gerollt.
Woher wissen die Kinder das? Da hätte wohl besser gepasst: Plötzlich bekam Marvins Hose einen Fleck zwischen den Beinen. oder sowas in der Art.

Übrigens habe ich auch mal einen Text über einen Amoklauf geschrieben und mich total gewundert, dass in diesem Forum Null Reaktion kam. Vielleicht, weil der Text etwas verstörend ist. Könnt ja mal lesen bei: Poesie eines Amoklaufes
 
Dr. Time, du stützt dich nur auf eine Stelle, wenn du die Perspektive der Kinder bestreitest - den letzten Satz des Textes. Und gerade dabei irrst du. Die Kinder sind schließlich ausgestiegen und werden dabei der verletzten Passantin begegnet sein. Nun nehmen Kinder bei Ereignissen oft andere Gewichtungen vor als Erwachsene. Der verletzte Fuß kann sie daher stärker beeindruckt haben als die viel größere Gefahr, in der sie zuvor geschwebt hatten. Der letzte Satz, von mir bewusst in diesem Sinn eingesetzt, ist also gerade ein Beleg für kindliche Perspektive.

Dein Argument, der Text sei angesichts der Grausamkeit von Amokläufen zu platt, verquickt eine ethisch begründete Forderung - "angemessen" über Schreckliches zu schreiben - mit handwerklicher Kritik. Diese Kategorien sollte man nicht vermengen.

Selbstverständlich gerät die ausufernde Debatte hier allmählich in einen komischen Kontrast zu ihrem Anlass. An dem Textlein ist ja wirklich nicht viel dran. Umso merkwürdiger die deutliche Ablehnung, wo man sonst gewöhnlich schweigt. Ich meinerseits ziehe mich jetzt zurück.

Arno Abendschön
 
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Rufus Grimwig

Gast
Lieber Arno,

interessantes Argument. Kausalität ist Teil einer Geschichte (vgl. hierzu u. a. Genette: Die Erzählung) und geht davon aus, dass alle Ereignisse einer Handlung chronologisch und kausal aufeinander aufbauen. Selbst dann, wenn der Verfasser glaubt, keine Kausalität hergestellt zu haben, existiert sein Werk lediglich in einem Dialog zwischen Leser (ich) und dem Text, nicht in einem Dialog zwischen Autor und Leser (vgl. hierzu u. a. Iser: Rezeptionästhetik). Sprich: Der Autor hat keine Deutungshoheit über seinen Text und, was noch viel wichtiger ist, er kann die Rezeption seines Textes kaum bewusst beeinflussen und somit auch nicht vorschreiben, ob Kausalität da sei oder nicht, die stellt nämlich der Leser her.

Wenn du nun in deinem Text angibst, dass der Vater noch komischer sei als sonst, darüber hinaus die eheliche Situation der Familie mit in das kurze Spiel deines Textes einbringst, so wird für mich relativ deutlich eine Kausalität zwischen der Vergangenheit der Familie und der Gegenwart der Figuren eröffnet. Zumindest würde ich gern wissen, wieso diese Informationen dann im Text stehen, wenn sie denn keine Kausalität herstellen sollten. Aber: Die formalistische Avantgarde, die du in deiner Antwort andeutest, nehme ich deinem Text nicht ab. Ich bin doch immer wieder verwundert, dass gerade diejenigen Autoren und Texte, die keine Kausalität herstellen wollen, die eindeutigsten Ereignisketten, Herleitungen und Kausalitäten erst erzeugen. Wenn es deine Aufgabe war, keine Kausalität herzustellen, so hast du diese Aufgabe meiner Meinung nach nicht erfüllt; dafür kann übrigens ich nichts und meine Lektüre auch nicht. Dein Text bietet so üppig viele Kausalitätsangebote, dass es schwierig ist, darum herum zu kommen.

Aus deiner Antwort auf meinen Kommentar lese ich heraus, dass meine kurze, vielleicht oberflächliche Lektüre deines Textes meine Fehlinterpretation herbeigeführt habe. Mag sein, aber dein Text war doch eine Kürzestgeschichte, oder? Also wie denn nun: Kürzestgeschichte mit kurzer Lektüre oder Langlesegeschichte mit Langlektüre? Oder: Oberflächentext mit oberflächlicher Lektüre oder tiefer Text mit tiefer Lektüre? Und diese Fragen sollte man doch wohl an deinen Text anlegen, nicht an meine Rezeption.

Mit besten Grüßen,

Rufus
 
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Architheutis

Gast
Lieber Arno:

Ich halte die BILD für die grösste Manipulationsmaschine und verachte sie zu tiefst. Eines aber muss man ihr lassen: Sie versteht es seit jeher, in kürzesten Sätzen knapp, klar und verständlich zu schreiben, selbst für den grössten Deppen. Ich verachte den Inhalt, aber der Stil der BILD ist handwerklich gekonnt.

Deine Geschichte ist leider misslungen. Auch knappe Erzählungen (!) brauchen Nachvollziehbarkeit.

Vater holt Kinder, fährt Amok, Fußgänger schrauben Gashhahn zu, Polizei sichert.

Damit wäre das Wesentliche deiner Erzählung gesagt, ohne den Leser mit unnützem Ballast zu langweilen.

Gruß,
Archi
 

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