Andere Zeiten

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Oliver Uschmann

Gast
ANDERE ZEITEN


Ich glaube, was die Religion angeht, hatte ich eine typische Kindheit in einem typischen Haus. Der Kommunionsunterricht zum Beispiel. Das dunkle, etwas modrig riechende Altbauhaus unserer Kommunionslehrerin versprühte schon eine leicht merkwürdige, bedrohliche Atmosphäre. Sie sickerte durch unsere Haut und pflanzte in uns eine Art ungewisse Ehrfurcht – vor was und warum, weiß man als Kind nicht so genau. Überhaupt konnten sie einem damals viel erzählen von Jesus und der Krippe,von Betlehem und den heiligen drei Königen und davon, daß da einer gestorben sei, um die Menschheit zu erlösen.

Was unsere großen Kinderaugen und sensiblen Kinderseelen wirklich beeindruckte, das war von ganz anderem Holz geschnitzt. Die hohen, uneinsehbaren Winkel im Dom, die man beim letzten Gottesdienst vor den Ferien mit den Augen absuchte, diese alte, geheimnisvolle Architektur,die während der morgendlichen Stunde den unheilvollen Kontrast bildete zu der guten Laune all der Schüler in bunten Pullovern, die sich auf den Ferienbeginn in ein paar Stunden freuten.

Die seltsamen Dias, die die Religionslehrerin im dunklen Klassenzimmer zeigte, während der Staub durch den Lichtstrahl tanzte und manche lieber die weichen Linien der Mädchen im Halbdunkel schmachtend anhimmelten.
Abstrakte, zackige Bilder von Schuld und Sühne, von Leidenswegen und heiligen Legenden ; sie verwandelten den Klassenraum in eine bedrohliche Welt von Mysterien – ohne Milchtüten, FC Köln-Schals und bunte Strohhalme.

Und so war es auch bei unserer Kommunionslehrerin – es war mehr dieses merkwürdige Haus und das seltsame Gefühl, dort hingehen zu müssen, welches hängenblieb und weniger die Geschichten und Lehren. Ich erinnere mich, wie wir nach dem Unterricht im verwilderten Garten Tischtennis spielten, rumalberten und lachten und wie doch jeder heimlich darauf
achtete, nicht ins dornige Gebüsch abgedrängt zu werden in der stillen Angst, dort könne etwas Böses lauern.

Christ sein – das sollte man eigentlich jeden Tag, hat man uns gesagt. Im Büro, in der Schule – im ganz normalen Alltag zwischen Milchtüten, Fußball und bunten Pullovern.
Aber wir erlebten es anders. Das Haus unserer Kommunionslehrerin und dieser Garten – das hatte mit der normalen Welt von bunten Strohhalmen und Hausaufgaben nichts zu tun.
Selbst unsere eigene Wohnung, ja selbst unsere Kinderzimmer wurden am Tag unserer Kommunion verwandelt – aus den vielfarbigen, alltäglichen Räumen wurden Zimmer, die einen erschreckend an Räume im Pfarrhaus erinnerten.
Da wurden alte Möbel und Beistelltische geholt, Kerzen wurden aufgestellt,unser gemütliches Wohnzimmer wurde durchzogen von einer monströsen,perlweiß betuchten Tafel und wir Kinder wurden das erste Mal in unserem Leben in kleine schwarze Anzüge gestopft und als wir im Pfarrzentrum unsere Freunde trafen, mußten wir alle lachen und kichern, aber der Anlaß war dafür zu ernst.
Die Mädchen steckten in blütenweißen Kleidchen und kicherten noch viel mehr und wenn diese Einführung in das Christ-Sein irgendwas mit unserem Alltag zu tun haben sollte, dann weiß ich’s nicht.

Jedenfalls erinnerten wir uns hinterher nur noch daran, wie man sich an einen Urlaub erinnert, weit weg von zu Hause und lange vorbei. Die Firmung war dann schon eher Routine und wenn man mal Sonntags mit der Familie in die Kirche ging, dann war das wie eine eigene Welt mit eigenen Regeln, die mit der hinter den bunt-verschleiernden Mosaikfenstern sehr wenig zu tun hatte.
Die Orgelmusik dröhnte durch das Gotteshaus und meistens saßen wir eine Reihe vor Herr Kampen, einem schwerhörigen alten Stammgast, der sich beim Singen nicht richtig hören konnte und dementsprechend immer noch ‚ne Schippe draufpackte, um überhaupt mitzkriegen, ob er richtig singt, was natürlich nicht der Fall war.
Meine Oma und meine Mutter rollten sich dann gegenseitig mit den Augen zu und man wußte, daß dies ein Gesprächsthema beim Kaffee werden würde. Kurz danach kam dann immer die Stelle, an der sich alle die Hände in Frieden reichen und meine Oma drehte sich ruckzuck um und schüttelte gütig lächelnd Herrn Kampes Hand.
Ich liebte diesen Moment und schüttelte rekordverdächtig viele Hände in der kurzen Zeit ; bis auf die von Herrn Drüse, die schrecklich verschwitzt waren. An Weihnachten ging man natürlich erst recht in die Kirche und ich kann nicht sagen, daß ich es nicht gemocht hätte.
Die Atmosphäre stimmte halt, eine große grüne Krippe war aufgebaut, es waren viele Familien da und an den Wänden der Kirche flossen Dämmerlicht und Weihnachtswärme zusammen, in die der Pastor mit seiner warmen Stimme seine Geschichten schickte.
Man saß da und dachte an den Abend, freute sich auf die Geschenke, auf die Familie unterm Weihnachtsbaum und das golden-grünliche Licht, mit welchem Baum und Kerzen den Raum ausfüllten.
Es war so, als würde man auf einmal in einer Hütte im Wald wohnen und das friedliche Gefühl einer einsamen Wanderung im Wald hätte jeden und alles erfasst und man wußte, daß es höchstens bis Silvester anhält.

Es machte mir auch Spaß, andere zu beschenken, es war fast das Beste daran. Für meine Mutter erdachte ich jedes Jahr neue Kreationen, schrieb Geschichten, bastelte Kalender und gab mir richtig Mühe hinter der geschlossenen Tür meines Fensters, während aus der Küche Plätzchengeruch und aus dem Wohnzimmer die alte, liebgewonnene Weihnachts-LP herüberwehte.
Es war die Zeit der dunklen Tage, wenn die Laternen vor dem Fenster den Schnee glitzern ließen und man sich auf jeden nächsten Tag freute.
Diese paar Wochen zwischen (Vor-)Weihnachten und Silvester waren wie eine Höhle, in der man sich verkriecht, jeden Ton deutlicher hört, jeden Lichtschein klarer sieht und jeden Luftzug wie einen edlen Duft genießt.
Mit dem normalen Leben hatte diese Zeit nie viel zu tun und wie damals im Schulgottesdienst war mir ein Blick auf dieses merkwürdig-schummrige Licht des Baumes mehr wert als die tausend Worte des Pastors.

Und nun ? Die Zeiten haben sich geändert. Die bunten Pullover, die Dias im Klassenzimmer und der schiefe Gesang von Herrn Kampen sind Vergangenheit.
Ich habe viel erlebt, viel gesehen und viel gelernt – vor den undurchsichtigen Mosaikfenstern des Kirchengemäuers.

So, wie die Zeiten vorbei sind, als Descartes noch einfach sagen konnte, daß Gott uns die Vorstellungen und Ideen eingespeist hat, so sind die Zeiten vorbei, in denen ein wilder Garten oder ein flackender Kerzenschein mich davon
überzeugen konnte, daß „da schon was dran sein muß, mit Gott und so.“ Die Tage werden wieder kürzer, der erste Schnee beginnt zu fallen und ich will wieder in meine Höhle, meine Weihnachtshöhle.
Es ist mir egal, was in meinem Kopf ist, mein Herz will diese paar Wochen goldgrüner Beruhigung und da ich mittlerweile nur noch selten in meiner Heimatstadt bin- in der das alte Kommunionshaus steht und Herrn Drüsens
Hände immer noch schwitzen – ziehe ich also meine Jacke über und gehe in Richtung Stadt.
Der Weihnachtsmarkt ist aufgebaut, der erste Advent steht vor der Tür und langsam muß ja mal Stimmung in mir aufkommen, also hurtig !

Kontinuität – der Markt ist immer noch derselbe. Vorm großen Kaufhaus die berühmte Frittenbude und das kandierte Obst, vor der Parfümerie das Kinderkarussel.
Ich gehe durch die Menschenmenge und versuche, zu erkennen, was die Buden alles so anbieten, aber sobald mein Blick sie wieder verlassen hat, hab ich’s schon vergessen.
Auf einer Bank unterhalten sich zwei Mütter über den neuen Spielwarenladen, der mit seinen Preisen den alten Händler wohl blitzschnell aus der Stadt jagen wird. Ich denke an den alten Laden, rieche die Luft, spüre den weichen Teppich unter meinen Füßen und denke an die Zeit, in der ich
dort mit großen Augen auf etwaige Geschenke gestarrt habe.
Ein paar Schritte weiter bauen ein paar Leute eine Orchesterbühne auf. Hey, das sind ja alte Kumpels von mir ! Aber sie sehen mich nicht, schrauben am Schlagzeug herum und ich ertappe mich beim unauffälligen weitergehen, denn es graut mir davor, mir den Auftritt mit den Weihnachtsliedern anzusehen und es graut mir davor, daß mich das auf einmal graut.
Meine Güte, egal wo ich hinsehe, es ist, als wäre ich ein Fremder und ich laufe schneller und verschwinde in der Einkaufspassage , denn eigentlich wollte ich ja Milch holen.
Ein Weihnachtsmann steht in der Mitte der Passage und als er gerade auf ein Kind zugehen und sein Sprüchlein sagen will, da würdigt ihndas Kind keinen Blickes und trottet gleichgültig am Arm der Mutter weiter.
Der Weihnachtsmann guckt etwas verdutzt und bringt sich etwas geniert wieder in Position.
Ich will zu ihm hingehen und sagen :“ey, Kumpel, mach Dir nichts draus, das Blag hat wahrscheinlich diese Werbung gesehen, in der ein Discounter sein Angebot mit dem Sack eines Weihnachtsmanns vergleicht und der steht dann blöd da...“, denn schließlich könnte ich das, wird ja wohl auch
nur ein Student hinter dem Bart stecken.
Aber irgendwie vermeide ich es, ihn anzusehen, denn das da ist für mich kein Student, das ist auf einmal der Weihnachtsmann und er steht da, hilflos im Zentrum der Einkaufspassage und anstatt, daß sich die Kinder
auf seinen Schoß setzen, muß er ihnen hinterherhetzen, da er mit seinem Angebot hintenansteht.
Ich schäme mich für all die Kinder und ich fühle mich selbst wie ein Kind, welches sein Spielzeug zerbricht und es tut ihm hinterher schrecklich leid. Ein undankbares Kind, welches durch seine eigene Stadt rast, als
wäre es auf der Flucht.


Die Stadt des Doms, des wilden Gartens, des schief singenden Herrn Kampen und des alten Spielzeugladens, der nun bald pleite geht.
Ich liebe diese Stadt, ich liebe es, hier zu sein.Aber heute scheint es grad so, als schreien sie auf mich ein „Genieße es ! Weihnachten hat begonnen, los, genieße es, Du undankbarer Fratz !“´und nachdem ich schnell die Milch gekauft habe, nehme ich den Hintereingang
der Einkaufspassage und verschwinde in den normalen Straßen – ohne Weihnachtsmusik, Buden oder Kindern.

Ich gehe über den kleinen Spielplatz zu meinem Haus und frage mich, was mit mir los ist. In der Stadt stehen die Menschen an den Buden,die Männer trinken ihren Glühwein und grinsen breit, reden und lachen mit tiefkehligen Stimmen, der Glühwein tropft vom Schnäutzer und die Frauen kommen gerade von der Bude nebenan mit ihrer hübschen Kleinigkeit für’s Wohnzimmerfenster.

Und ich, ich schleiche hinter dem nächsten Block an der Häuserwand entlang mit meiner 89-Pfennig-Milch in der Hand und frage mich, was aus diesem Weihnachten werden soll.
Frage mich, ob ich mich verändere oder die Welt um mich rum, frage mich, warum die Männer mit den Glühweintropfen im Bart, die doch so viele Jahre älter sind als ich und viel mehr erlebt haben, sich so kindisch amüsieren können.
Frage mich, warum mir diese Zeit überhaupt noch was bedeuten soll,jetzt, wo ich kein Kind mehr bin.

Und ich schlurfe durch den kleinen Stadtwald vor unserer Straße, frage mich, ob ich den Eingang zu meiner Weihnachtshöhle noch finden werde und ganz kurz zuckt ein Bild durch meinen Kopf – ein Barbecue im Sommer, an einem unbedeutenden Tag zu einer unbedeutenden Zeit.
Niemand hat dafür Werbung gemacht, keine Kapelle spielt den
Sommer-Blues und keine Mutter rennt mit aufgescheuchten Rehaugen und Plastiktüten durch die Stadt.
Es gibt keinen Anlaß, keine Deko und keine Garantie, daß es gut wird. Lediglich ein paar Kumpels und ich, Würstchen, Bier und ein klappriger Kasi und wenn’s nur Abhängen ist.
Doch ich renne weiter auf der Suche nach der Höhle und der goldgrünen Zeit und ich weiß genau, ich werde enttäuscht sein, wenn ich sie nicht finde, denn sie bedeutet mir immer noch was.

Trotz der Jahre. Trotz der Bücher. Trotz des Wissens.
Trotz all der lehrreichen Reflexion. Trotz Nietzsche. Trotz K.

Obwohl mein Kopf voll ist. Obwohl ich kein Kind mehr bin.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hallo,

eine recht angenehme weihnachtsgeschichte ist dir da gelungen. liest sich gut. man möchte direkt noch mehr über diesen menschen erfahren. ganz lieb grüßt
 

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