Angst

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Rubsch

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Ihre Hände zitterten, ihr war kalt. Das Atmen fiel ihr schwer und sie schnappte nach Luft. Dennoch blieb sie still und bewegte sich nicht. Sie war regungslos, schien leblos zu sein und er fragte sie zum wiederholten Male vor was sie Angst hatte. Auch diesmal blieb sie stumm und schüttelte nur langsam den Kopf. Das Zittern wurde schlimmer. Er seufzte und zog sie näher zu sich heran, worauf sie zaghaft seinen Arm nahm und ihn fest umklammert hielt.
Sie zitterte nicht vor Kälte, das hatte er mittlerweile begriffen. Dass sie nachts weinte, keine Luft mehr bekam und nicht mehr sprach, lag nicht an ihm, das wusste er auch. Es war ihm ein Rätsel, vor was sie solche Angst hatte, dass sie jede Nacht wach lag. Jedoch war das schon immer so gewesen, all die Wochen, die er sie nun kannte.
Langsam rückte er noch näher zu ihr, er wusste, dass seine Nähe sie beruhigte. Er legte seinen Kopf an ihren Nacken, worauf sie kurz zusammen zuckte und stärker zitterte. Als sie sich versteifte und zusammen rollte, rückte er von ihr weg und strich ihr leicht über den Arm. Die vielen Narben hatten Kerben in ihrem Körper hinterlassen, manche von ihnen waren zu feinen weißen Linien verblasst, andere waren zu unschönen Striemen geworden, die ihre helle Haut zeichneten. Er erschrak, als er eine nicht verheilte Wunde berührte und Blut an seinem Finger spürte.
Sie fügte sich selbst Schmerzen zu, um die Angst nur für wenige Momente aus ihrem Herzen zu verbannen, die Stimme in ihrem Kopf nicht mehr zu hören. Die Rasierklinge war zu ihrem liebsten Begleiter geworden, während sein Begleiter die Befürchtung war, sie würde einmal mit mehr als nur Oberarmwunden aus dem Bad zurückkehren. Wenn er sie alleine ließ, war er sich unsicher sie jemals wieder zu sehen, er fürchtete sich vor ihren Drohungen, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Sie hatte ihm gezeigt was Angst war und darum blieben sie nun beide wach bei Nacht.
Er lauschte auf ihr schwaches Keuchen und das gelegentliche Wimmern. Er wusste, dass sie bald aufstehen würde, um ins Bad zu gehen. Er wusste auch, dass er sie wieder gehen lassen würde, um mit klopfendem Herzen zu hoffen, dass sie sich nicht mehr zufügte, als er aushalten konnte. Zu verhindern, was sie sich antun würde, hatte er aufgegeben. Das machte es nur noch schlimmer und nichts war ihm wichtiger, als ihre Schmerzen so gering zu halten wie möglich.
Sie hustete und gab ein leises Fiepen von sich. Es war soweit. Augenblicklich nahm er den Arm von ihrer Hüfte, dabei zitterten nun seine Hände. Schnell kroch sie unter der Decke hervor und stand auf. Fast rannte sie zur Tür. Die Narben auf ihrem ganzen Körper blitzen im Licht der Straßenlaterne. Lautlos huschte sie hinaus. Als er hörte wie sich die Badezimmertür hinter ihr schloss und sie den Riegel vorschob, zog sich sein Herz zusammen und seine Hände zitterten stärker. Er schnappte nach Luft.
Sie blieb länger im Bad als gewöhnlich. Eigentlich hätte sie schon längst zurück sein müssen. Noch einmal prüfte er das bereitgelegte Verbandszeug, die Pflaster und Salben, die er jederzeit griffbereit hatte. Langsam wurde er unruhig und schaute zum wiederholten Mal auf den Wecker auf seinem Nachttisch. Viertel nach vier. Eine Dreiviertelstunde war sie jetzt schon im Bad und mit jeder Minute, die sie weg blieb, drückte ihm die kalte Angst fester die Kehle zu. Er lag längst nicht mehr im Bett, sondern tigerte nervös im halb dunklen herum, bis er schließlich vorsichtig seine Türe öffnete. Das Licht im Bad war noch an, doch er hörte nichts. Es war eine beunruhigende Stille, die seinen Puls sofort auf 180 jagte. Als er sich an die schwere Holztür zum Bad lehnte, um zu horchen, gaben ihm fast die Beine nach. Warum hörte er nichts?
„Hey“, flüsterte er. „Wo bist du?“
Sein eigenes Wispern war ein grässlich lautes Dröhnen in seinen Ohren. Es war so furchtbar still! Nichts außer seinem eigenen schnellen Atem. Mit der flachen Hand schlug er gegen die Tür. Was war los? Warum sagte sie nichts? Er schluckte schwer und es brach ihm der Schweiß aus „Hey!“, innerlich flehte er nach einer Antwort. Wieder schlug er gegen die Tür, diesmal heftiger. „Mach die scheiß Tür auf! Hey!“
Er trat gegen die Tür, die leicht bebte sich aber nicht von der Stelle bewegte. In seinen Gedanken sah er sie auf dem weißen Fliesenboden liegen, in ihrem eigenen Blut, der entstellte Körper leblos. Die Angst machte ihn wahnsinnig und umklammerte eisig sein Herz. Er warf sich gegen die Tür, immer und immer wieder, schlug darauf ein bis seine Knöchel bluteten. „Hey!“, schluchzte er, „Lass mich rein. Bitte!“. Es blieb ruhig. Noch einmal warf er sich gegen die Tür und sank dann kraftlos zu Boden. Mit dem dem Ohr noch immer dicht an der Tür, lauschend. „Bitte!“, flüsterte er erneut und wurde dann still.
Wenige Minuten später zitterten seine Hände nicht mehr. Er hob sein nasses Gesicht und griff nach dem Telefon. Langsam wählte er 112, obwohl er wusste, dass es zu spät war.
 

Isengardt

Mitglied
Hallo Rubsch!

Puuh...ich versuche gerade die richtigen Worte zu finden, aber mir fällt nichts besseres ein, als das du
hier ein wirklich beklemmendes Stück Text aufzeigst, welches an die Grenzen geht.
Vielleicht liegt es daran das ich mit der Materie ein wenig vertraut bin und mich das Lesen der Geschichte
wirklich mitgenommen hat. Ich finde die Situation ist exzellent beschrieben und hat einen kontinuierlichen
Spannungsbogen der sich am Ende zuspitzt. Die Tragik dessen, was geschieht ist für mich voll und ganz
nachvollziehbar und auch das Ende ist schlüssig, wenn auch sehr dramatisch.
Chapeau...
 

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