Ihr Lieben! Silberne Delfine, Patrick, Tula, Fee, Chandrian, Johnson, Dio, Charlotte und große(r) Unbkannte(r)!
Ich bin einigermaßen überwältigt von Besternung und den vielfältigen Kommentarstimmen - ich hätte wirklich nicht gedacht, dass diese Zeilen (oder die Erwähnung von google oder beides?) in solchem Ausmaß eine Entschlüsselungslust motivieren, die tatsächlich fast sämtliche Anspielungen zutage gefördert hat.
Insofern jetzt nochmal als Kurzabriss die Anspielungen (sonst "verrate" ich die eigentlich bei Gedichten nicht - aber erstens hab ich hier mit dem google wohl eine gewisse Rätselnussknackerwartung zumindest in den Raum gestellt (was man bei einem Gedicht im Allgemeinen durchaus auch kritisch sehen kann
@fee_reloaded - da bin ich bei Dir - vielleicht mag dieser Text einmal als Ausnahme akzeptabel sein) und zweitens will ich zu Eurer Recherche natürlich nochmal etwas feedbacken (wobei ich hier keine Deutungshoheit besitze, finde ich: Leser*in und Autor*in sollten beim Interpretieren mindestens gleichberechtigt sein).
Ich würde vielleicht mit der äußeren Form beginnen: Von der Zeileneinteilung her spielt das Gedicht auf die elisabethanischen Sonette an, wenn man so will also auf den Typen aus Stratford - natürlich nicht in Bezug auf (den fehlenden) Reim oder die Metrik. Und bei den Sonetten von Will ist ja ein häufiges Thema, dass die geliebte, besungene Person durch das Gedicht sozusagen "verewigt" wird (was dialektisch betrachtet eine Reflexion über das Gegenteil - die Sterblichkeit auch unserer Geliebtesten darstellt).
Darum geht es auch in diesem Text: Eine Verewigung von Anna, bei der zugleich Krankheit und Verfall (die Schneeberg-Krankheit, die Anfälligkeit des Körpers für exogene Schädigungen etwa durch Radioaktivität) präsent sind. Dem wird in alter Lyriktradition die Lobpreisung der geliebten Person entgegengestellt. Hier ergibt sich auch die Anknüpfung an die Anna Blume - das Schwittersgedicht ist ja ein geradezu hymnischer Preisgesang auf die Geliebte. Ebenso wird der ikonische Korkenzieher von Alessi hier mit ins Boot geholt. Auch dieser ist, wenn ich richtig informiert bin, eine Verbeugung vor einer realen Person. Und im Rahmen dieser Verewigung wird dann auch Uran (insbes. Uran-238 mit seiner Halbwertszeit von >4 Milliarden Jahren) als Metapher für Dauerhaftigkeit umgedeutet. So kommt dann auch das Anna-Gelb ins Spiel, eine typische Farbe von Urangläsern. Und die Zerfallsreihe von Uran-238 beinhaltet dann auch das Radon, welches als Gas in die Lungen gelangt und dort Krebs auslösen kann, wobei vermutlich die terminalen Bronchien = "das Ende der Bronchien" besonders vulnerabel sein könnten (diese Theorie ist allerdings noch Gegenstand von Untersuchungen und etwas wacklig). Was steckt sonst noch so in dem Gedicht? Ein bisschen vielleicht der kindlisch-naive Schnee-Engel, dann die Bergbauarmierungen, die Steinstaublunge ("versteinerter Atem") und wahrscheinlich noch ein paar unwichtigere Aspekte. Das entscheidende ist, dass Anna, die doch so zerbrechlich wie (Uran-)Glas ist, doch ein kleines Scheibchen Unterblichkeit abbekommt (zumindest insofern der alte Slogan, dass das Internet nichts vergisst, noch gültig ist).
Und wo lässt uns das "technisch"? Auf alle Fälle hab ich hier ordentlich Bildungsballast reingepackt. Das kann man mögen oder sogar abstoßend finden oder ein bisschen lächerlich oder altmodisch oder elitär oder verschroben. Ich denk mir das so: Gedichte sollten für jeden etwas bieten, also von Menschen mit intellektueller Beinträchtigung bis zu IQ-Monstern, von Kindern über Erwachsene bis zu ganz alten Menschen mit vielleicht stattgehabtem kognitiven Abbau, von Spielkindern bis zu philosophisch angehauchten Mitmenschen usw. Nur kann das natürlich kein einzelnes Gedicht alles leisten. Daher ist es gut, ab und zu (nicht zu häufig) auch mal ein Gedicht für Bildungs-gesättigte Mitmenschen zusammenzuzimmern.

Und natürlich lässt sich, auch wenn man kein Spezialist für Geowissenschaften und Strahlenphysik ist, sehr viel googeln. Wenn man denn will. Gut (besser) ist es natürlich für ein Gedicht, wenn es auch beim ganz "naiven" Lesen ohne Suchmaschinen zumindest teilweise "funktioniert".
Das wars.
Bis auf: Ganz ganz liebes Dankeschön an Patrick für die Empfehlung. Die ehrt mich sehr und spornt an.
LG!
S.