Anthrax – Teil 12

Sonja59

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Anthrax - Teil 11

Anthrax
Teil 12

46
In Gedanken versunken, die frische Brise und die Sonne genießend, schaute Peggy Shumaker über die glitzernde Wasseroberfläche, als sie beobachtete, wie ein metallisch dunkelgraues Objekt vielleicht zweihundert Meter vor dem Bug auftauchte.
Das ist doch ein Tauchboot, oder spinne ich? Sie schaute noch einmal genauer hin. Ja, es war eindeutig ein U-Boot, nur war ihr dieser Bootstyp gänzlich unbekannt.
Sofort lief Peggy zur Bugspitze, steckte von jeder Hand zwei Finger in den Mund und formte damit einen schrillen Pfiff, den sie zur Brücke hinaufschickte. Kapitän Sayed Khairat schaute fragend zu ihr hinunter und blickte dann in die Richtung, in die Peggy zeigte. Sofort stoppte er die Maschinen und gab den Alarm für den Verband. Schnell rannte die Frau vom Bug aus die Reling entlang zur Treppe und stieg gleich zwei Stufen mit einem Mal nehmend hinauf, um zur Brücke zu gelangen. Kurz nach ihr trafen auch Pitt, Sebastian und der ägyptische Oberstleutnant ein.
Jeder griff sich ein Fernglas und blickte in die von Peggy angegebene Richtung.
„Es ist eines von den Tauchbooten von der Baureihe, wie wir sie schon kennen“, stellte Sebastian fest. „Es hat keine Bewaffnung.“
„Stimmt“, erwiderte Pitt. „Aber einen großen Stauraum und eine große Schleuse für Taucher. Es muss einen Grund haben, dass sie hier vor uns aufgetaucht sind. Und ich denke da nicht unbedingt an einen guten. Außerdem könnten sie durchaus auch solche Boote mit Waffen ausgerüstet haben. Wer sagt uns, dass sie alle von der gleichen Bauart sind wie die letzten?“
„Ich sehe nur zwei Möglichkeiten“, stellte Sebastian mit ruhiger, konzentrierter Stimme fest. „Erstens: Wenn sie uns mit ordentlich viel Sprengstoff an Bord rammen, fliegen wir samt ihnen in die Luft. Zweitens: Wenn nicht, schicken uns die Kerle Weihnachtspakete rüber, die uns auch nicht bekommen dürften.“
„Aber wieso haben sie uns schon wieder so schnell gefunden? “, fragte Oberstleutnant Kebier.
„Wir oder eines der Begleitboote muss einen Sender am Rumpf kleben haben“, schlussfolgerte Peggy.
„Nein, wir haben schon auf der Fahrt zum Flugzeugträger die Bäuche unserer Schiffe gesäubert. Da ist nichts mehr drunter. Wann hätten die danach wieder rankommen sollen?“, widersprach Sebastian.
„Ich habe mich nur auf die Minen konzentriert, als ich im Wasser war. Eines der fremden Boote war doch aber zu der Zeit noch in der Nähe. Oder? Was spricht dagegen, dass sie einen Taucher losgeschickt haben könnten?“, überlegte Peggy laut. Woraufhin die Männer sie mit unsicheren Blicken bedachten.
„Ja, das könnte durchaus sein.“, schlussfolgerte der Kapitän.
Der Staffelführer der Tomcats meldete sich und fragte, ob er das Ziel zerstören solle.
„Waldkauz an Staffelführer Black Mamba. Nein, danke. Vorerst nicht. Wir kümmern uns darum. Ende.“ Alle sahen Pitt nach der von ihm abgegebenen Antwort auf die Frage des Staffelführers erstaunt an.
„Was ist, Leute?“ Seht ihr das etwa anders? Klar, einfach abschießen und die Sache ist erledigt. Klingt gut. Nur glaube ich nicht, dass die uns das so leicht machen. Ich will wissen, was da in dem Tauchboot drin ist und was die Taucher vorhaben, sollte es welche geben. Wir müssen runter, und zwar alle“, entschied Pitt, während Mahmud mit den Männern der Küstenwache und dem Flugzeugträger sprach.
Noch während sie sich unterhielten, schien das Wasser um das U-Boot herum zu kochen. Große Luftblasen stiegen am Rumpf auf.
„Scheiße! Die tauchen wieder!“, rief Sebastian mit sich überschlagender Stimme.
Als der Kapitän den Alarm für die Marinetaucher auslöste, waren Pitt, Sebastian und Peggy bereits auf dem Weg in den Equipmentraum.
„Wir nehmen die Vollgesichtsmasken“, rief Sebastian laut auf Arabisch, damit es alle Männer hören konnten. „Damit wir auf Besuch vorbereitet sind, bewaffnet euch mit den ‚HK P11‘, die wir von den Kerlen geschenkt bekommen haben. Vergesst nicht, mitzuzählen. Jede Pistole hat nur fünf Schuss. Wir bleiben als Gruppe zusammen, bis andere Befehle kommen.“
Pitt wiederholte alles noch einmal auf Englisch für die acht US-SEALs. „Ich trage im Notpack das Serum bei mir. Der Rest ist an Bord. Also, sollte es einen erwischen, dann sofort Bescheid geben. Eigentlich habt ihr genug von dem Zeug in euren Körpern. Aber seid trotzdem vorsichtig“, ergänzte er noch.
Jens, der durch den Alarm und die Durchsage vom Kapitän wach geworden war, tastete sich aus dem Raum und ging, wenn auch langsam, den ihm bekannten Weg hoch zur Brücke des Schnellbootes, den er auch mit geschlossenen Augen finden konnte. Sayed führte seinen Freund sofort auf seinen Platz und drückte ihm die Sprechgarnitur in die Hand, die Jens schnell über seinen Kopf stülpte.
Nacheinander meldeten sich die Taucher: „Im Wasser und Bereit.“
„Wanderfalke und Waldkauz, hier Bussard“, hörten alle Taucher seine Stimme auf Arabisch über ihre Ohrhörer. „Arbeitet euch zum U-Boot vor. Ich will wissen, ob es eine Falle ist. Der Rest sichert weiträumig unseren Verband. Haltet die Augen offen, Jungs.“ Die einzelnen Gruppenführer teilten ihre Männer selbstständig zum Schutz der vier Boote des Verbandes ein.
Peggy entschloss sich, da sie keiner Gruppe zugeteilt worden war, Sebastian und Pitt zum Tauchboot zu folgen, welches wieder auf dreißig Meter abgetaucht war.
Kurz nachdem die beiden Freunde das Tauchboot erreicht hatten, schrie Pitt plötzlich laut auf:
„Hier Waldkauz an Bussard. Ich benötige dringend Hilfe. Wanderfalke muss sofort abgezogen werden! Der Junge dreht gerade durch! Ich wiederhole: Holt mir Sebi hier schnellstens weg, ehe ich ihn nicht mehr halten kann. In dem Boot sitzen seine Zwillinge und auch die kleine Anja von Andy und Anne, sowie Annes Eltern, und unsere beiden Jungs, Kasim und Hasan. Beeilt euch. Bussard, teilte drei der Männer dafür ein, mir Sebi vom Hals zu schaffen. Ich kann ihn nicht mehr lange aufhalten.“
Peggy, die gerade das Tauchboot erreicht hatte, erfasste sofort die Situation. Sie meldete sich bei Jens, dass sich das mit den drei zusätzlichen Tauchern erledigt hätte.
„Ich mache das schon. Brauche dann nur einen Mann, der ihn abholt“, sagte sie abschließend.
Versiert holte sie eine ihrer speziellen Spritzen aus ihrem Gurt hervor. Noch zwei kräftige Flossenschläge trennten sie von den Männern, die miteinander rangen. Peggy konzentrierte sich auf den Kleineren von beiden, ganz in Schwarz gekleideten Tauchern, und stach ihm die Nadel unvermittelt in den Oberarm und drückte den Inhalt aus dem Kolben. Das Mittel wirkte sofort und Sebastian wurde in den Armen seines Freundes schlaff, noch bevor dieser erfasst hatte, was gerade genau mit ihm passiert war.
„Hier Peggy, euer Wanderfalke ist raus aus dem Rennen. Er braucht nur noch abgeholt zu werden. Ich kümmere mich mit Waldkauz um den Rest. Es müssen noch feindliche Taucher in der Nähe sein, die entweder nur verduften oder aber angreifen wollen. Zwei von ihnen liegen schon auf dem Meeresgrund. Sorry, ging nicht anders“, hörten Jens und die anderen über ihren Funk die Stimme von Peggy.
Einmal mehr war Jens beeindruckt von der Leistung dieser Frau, die ihm Paul vom Pentagon geschickt hatte. Er schob aber schnell diese Gedanken beiseite und koordinierte die Taucher neu. Er schickte Tyler und Brandon, die am nächsten waren, los, um Sebastian abzuholen und zurück aufs Schiff zu bringen. Wenig später kamen Meldungen über Kampfhandlungen mit feindlichen Tauchern von den anderen Gruppen herein.
Jens atmete tief durch. Er trennte im Geist die vielen einlaufenden Informationen voneinander und sortierte sie nach ihrer Priorität. Aufrecht, schon fast steif auf dem Stuhl sitzend, grub er seine Finger tief in die Armlehnen, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, alles zu koordinieren. Wo es möglich war, zog er Leute zu anderen Handlungsschwerpunkten ab oder beorderte sie zurück, wenn es notwendig war. Die Marinetaucher waren alle in schwere Kämpfe verwickelt und voll gefordert. Jens musste darauf achten, dass ihre Leistungsgrenze nicht zu weit überschritten wurde. Er wollte nicht einen einzigen dieser Männer mehr verlieren.
Dabei hörte er aber weiterhin genau den Gesprächen von Pitt und Peggy zu, die das U-Boot umrundeten und nach Sprengfallen Ausschau hielten, und die, die sie fanden, einander beschrieben.
Oberstleutnant Kebier meldete die Situation an den ägyptischen Küstenschutz und an den Kapitän des Flugzeugträgers weiter. Geschwaderkommandeur Mike Reed schickte daraufhin seine Aufklärer in das Gebiet, um eine Überwachung des gesamten Raums sicherzustellen, wo mit weiteren Angriffen zu rechnen war. Dazu löste er zusätzlich den Bereitschaftsalarm für die Techniker und Piloten der zweiten Staffel aus, um diese zur Not losschicken zu können.
Nacheinander meldeten die Taucher, dass sie die Angreifer überwältigen konnten und mit ihnen zur ‚Sinai‘ zurückkehrten. Kurz darauf schickte Jens die nicht verletzten Männer wieder los, um die Bootsrümpfe nach Peilsendern abzusuchen. Die anderen beorderte er zum Arzt, damit sie sich behandeln ließen und um vorsichtshalber noch eine Seruminjektion abzufassen.
„Hier Bussard. Waldkauz und Peggy, wie sieht es bei euch aus?“, fragte Jens, als etwas mehr Ruhe im Funkverkehr eingekehrt war, nachdem die Taucher damit begonnen hatten, die Schiffsrümpfe abzusuchen.
„Wir sind dran, Bussard“, hörte Jens die samtig-rauchige Stimme der Frau. „Sieht aber nicht gerade rosig aus. Hier sind mehr Sprengfallen, als uns lieb ist. Dabei sinkt da drin in der Büchse der Sauerstoffanteil rapide. Wir brauchen hier auf jeden Fall wenigstens Pressluft oder Sauerstoff. Je nachdem, was ihr habt. Allerdings wissen wir noch nicht, wie wir die Frischluft ins Innere des Tauchbootes bekommen. Wir sind noch auf der Suche.“
„Sehe zu, dass du den Kleinen wieder munter bekommst, den Peggy in den Schlaf geschaukelt hat. Vielleicht hat er ja eine Idee. Aber pass gut auf ihn auf, er war nicht mehr er selbst, als er seine Kinder hier gesehen hat“, sagte Pitt und warnte im selben Atemzug.
„Ich schlage vor, das U-Boot an einem der Begleitboote mit minimaler Besatzung festzumachen, damit wir nicht von der Strömung abgetrieben werden. Dann könnten wir sogar bei kleiner Fahrt hier weiterarbeiten. Nur sollte sich das Schiff dann doch etwas von den anderen entfernt halten. Sie wissen schon, für den Fall der Fälle, den wir aber alle nicht wollen. Wir können aber auch nicht höher kommen, da ich hier Tiefenmesser entdeckt habe, die mit den Sprengladungen gekoppelt sind“, erklärte Peggy ruhig. „Übrigens: Mein offizieller Code- und Rufname, den sie mir aufgedrückt haben, ist ‚schwarze Witwe‘. Red Sonja war ja leider schon vergeben“, sagte Peggy lachend. Wobei man hören konnte, dass es kein echtes, sondern ein erzwungenes Lachen war.
„Ein männerfressendes Ungeheuer also“, stellte Pitt trocken über Funk fest. „Na, wenn das nicht bezeichnend für dich ist, nach den zwei Kerlen und nun unserem Sebi, dann weiß ich ja nicht.“
„Ja, Sir. Ich versuche, meinem Namen immer gerecht zu werden und ihm alle Ehre zu machen. Ich tue, was ich kann dafür“, antwortete Peggy scherzend. Dabei war ihr ruhiger Atem zu hören. „Aber schaue dir lieber das hier mal an. Wenn wir clever genug sind, könnten wir das System an dieser Stelle überlisten und ins U-Boot gelangen“, sagte sie wenig später. Dabei schaute sie immer wieder besorgt durch das Bullauge zu den drei kleinen Kindern und den vier Erwachsenen im Innenraum des Bootes, die, wie es aussah, alle nur friedlich schliefen.
Zumindest hofften Pitt und sie das. Sie schlossen absichtlich alles andere von vornherein aus, um sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren zu können.
Pitt tauchte zu ihr und schaute sich an, ob Peggy tatsächlich eine Schwachstelle gefunden hatte, die sie nutzen konnten.
„Hier Waldkauz an Bussard“, meldete sich Pitt bei Jens. „Unsere schwarze Witwe hat da wirklich etwas gefunden. Wenn wir an der ‚Giftun‘ hängen, schicke nur einfach zwei neue Flaschen zu uns herunter.“
„Wird gemacht“, antwortete Jens. „Die Mannschaft der ‚Giftun‘ wechselt gerade auf die anderen Schiffe. Nur Said ist noch mit sechs freiwilligen Tauchern auf dem Boot geblieben, die euch mit allem Nötigen versorgen werden. Sie werden sich dann langsam mit euch von uns absetzen, sobald ihr bei ihnen am Tau hängt. Eigentlich wollten alle bleiben und sogar noch Leute von uns hinüber zur ‚Giftun‘ wechseln, um euch zu helfen. Also seht zu, es in den Griff zu bekommen. Hier stehen alle bereit, um euch zu helfen. Ihr braucht nur einen Ton zu sagen.“
Jens war überrascht, dass sein Freund die Entschärfung nicht wie sonst für ihn üblich allein durchziehen wollte, sondern sich sofort auf die Hilfe dieser Frau verließ.
Pitt ließ so etwas nur dann zu, wenn er mit der Aufgabe nicht allein fertigwerden konnte, sondern einen zweiten Mann brauchte. Und bei der Wahl seines zweiten Mannes war für ihn das sichere Gefühl, dass sein Partner genau wusste, was er tat, am wichtigsten. Pitt hatte schon früher sogar andere Sprengstoffexperten bei seiner Arbeit abgelehnt, bei denen er kein gutes Gefühl hatte, obwohl sie ebenfalls Profis waren und die gleiche Ausbildung wie er hinter sich hatten.
Jens vertraute Pitts Menschenkenntnis, was sein Bild von Peggy, als Mannweib und als eine absolute Kampfmaschine weiter festigte. Dazu auch noch dieser Skip, den sie sich, wie es sich anhörte, nicht selbst ausgesucht hatte. Rasch schob er diesen Gedanken wieder beiseite und konzentrierte sich weiter auf das Wesentliche.
Vom Flugzeugträger gingen Meldungen über Schiffsbewegungen in Richtung des kleinen Verbandes ein. Das machte Jens stutzig.
Was wollen die noch von uns?, überlegte er in dem Moment unbemerkt, laut. „Wir haben zwar ihre Leute als Gefangene. Aber denen müsste doch klar sein, dass wir schon alle Informationen weitergegeben haben, die wir von denen bekommenhaben. Was ist ihnen also so wichtig daran, uns aufzuhalten und vernichten zu wollen?“
„Sie, und ihre Männer, Sir“, kam die Antwort von Peggy, die noch immer mit Pitt an einem der Sprengsätze arbeitete. „Sie stehen auf ihrer Abschussliste ganz oben. Deshalb wurde ich geschickt.“
Pitt unterbrach seine Arbeit, als er das in seinen Lautsprechern hörte, und sah die Frau neben sich mit durchdringendem Blick an.
„Ihr habt eure Leute bei den Kerlen schon eingeschleust. Liege ich da richtig?“, fragte er und sah die Frau neben sich herausfordernd an. „Ihr habt schon länger davon gewusst und habt geglaubt, allein damit klar zu kommen.“
„Nein. Es wäre zwar toll gewesen. Ist es aber nicht. Denn dann würden wir sicher jetzt nicht hier an dem U-Boot hängen. Wir haben nichts davon gewusst. Es ist nur eine einfache Vermutung meiner Vorgesetzten beim Pentagon gewesen, weil ihr solchen Leuten nicht das erste Mal in die Suppe spuckt“, antwortete Peggy ehrlich. „Wärt ihr nicht durch einen Zufall auf das Flugzeug gestoßen und hättet die Sache beharrlich weiterverfolgt, hätten wir jetzt vielleicht schon einen Weltkrieg, der durch Worte und Vernunft nicht mehr zu stoppen wäre.“ Während Peggy das sagte, arbeitete sie trotzdem konzentriert weiter.
„Es sind zwei Taucher zu euch unterwegs. Sie bringen euch frische Luft und haben die Taue dabei, um das Tauchboot an die ‚Giftun‘ zu hängen“, meldete Jens, ohne auf das andere Gespräch einzugehen, das er so wie die anderen auch, mitgehört hatte.
Pitt forderte, dass die Taucher aber auf keinen Fall zu nah herankommen sollten. Sie würden sich die Flaschen und Taue von ihnen abholen.
Kurz darauf meldeten sich Tim und William. Pitt wollte, dass Peggy am U-Boot bleibt und weiterarbeitet, während er zu den beiden Männern tauchte und sich dabei von ihnen helfen ließ, seine Pressluftflasche auszutauschen. Bereits zwei Minuten später kehrte er mit dem ersten Tau zurück und machte es vorsichtig an dem hinteren Haken fest. Dann löste er Peggy ab, damit sie ihre Flasche ebenfalls wechseln konnte. Noch während Tim und William ihre Flasche tauschten, kam die Meldung von Jens, dass Sebastian wieder wach und mit auf der Brücke sei.
„Na du alter Schwede, alles wieder in Ordnung mit dir?“, fragte Pitt so locker, wie es nur möglich war.
„Ja. Sorry, Waldkauz, aber als ich die Kinder da drin gesehen habe …“, sagte Sebastian und unterbrach sich selbst mitten im Satz. „Die schwarze Witwe hat ganz schön zugebissen. Ich komme mir jetzt noch vor, als hätte ich eine ganze Packung Valium geschluckt. Also, was wollt ihr von mir wissen, dass mich Samuel so unsanft aus meinem Dornröschenschlaf wecken musste?“
Pitt überlegte kurz, wie er es seinem Freund am schonendsten beibringen konnte, dass den Leuten im U-Boot langsam die Luft knapp wurde und sie von ihm eine gute Idee erwarteten. Während er noch darüber nachdachte, hörte er bereits Peggys Stimme in seinem Kopfhörer.
„Hier schwarze Witwe an Wanderfalke. Ich habe gehört, du und Jack, ihr seid hier die beiden Spezialisten für U-Boote, die wir zur Verfügung haben. Ich habe davon leider keine Ahnung, da war ich wohl bei meiner Ausbildung gerade Kreide holen“, sagte sie so locker wie möglich, als würde es um nichts Wichtiges gehen. Während sie weitersprach, kam sie mit dem zweiten Tau zum Tauchboot zurück. Sie betrachtete sich den Haken am Bug des Bootes genauer, bevor sie das Tau dort einhängen wollte.
„Schwarze Witwe an Waldkauz. Entschuldige, aber wir müssen unsere Plauderei mal kurz unterbrechen und uns hier um den Haken kümmern. Der ist nicht ganz so sauber und ich mag keinen Dreck. Leider habe ich aber gerade nur eine Hand frei und bräuchte dafür doch beide“, sagte Peggy wie nebenbei.
Pitt wusste genau, was sie meinte, und tauchte sofort zu ihr. Als er bei ihr ankam, zeigte sie auf die Innenseite des dicken Stahlhakens.
„Bussard, hier Waldkauz. Sieht so aus, als hätten die Kerle damit gerechnet, dass wir das Boot in Schlepp nehmen wollen. Die haben uns nämlich einen Knallfrosch an die Innenseite vom Bughaken geklebt“, erklärte er und machte sich schon an die Entschärfung, während Peggy sich etwas absetzte, um Pitt nicht bei der Arbeit zu behindern.
Sie nutzte diese Zeit, die sie warten musste, um das Gespräch mit Sebastian weiterzuführen.
„Sorry, für die kleine Unterbrechung. Also zurück zum U-Boot. Waldkauz und ich hatten hier nämlich eine heiße Diskussion, wie wohl die Luftzirkulation und die Sauerstoffzufuhr in dem Ding funktionieren könnte. Uns interessiert besonders der Aufbau des Luftsystems und dabei die Verbindungen zu den Außentanks, die wir hier an dem Teil entdeckt haben. Wäre toll, wenn du uns was dazu sagen könntest, ehe wir uns hier noch länger drüber streiten und deshalb in die Wolle kriegen.“
Pitt musste grinsen, als er das mithörte. Peggy hat es wirklich ziemlich gut herübergebracht, um Sebastian nicht gleich in Angst und Schrecken zu versetzen. Und ihr dabei herauszuhörender sächsischer Dialekt, erinnerte ihn an den von Anne und ihren Eltern.
Allerdings war Sebastian durch die ruhige Gelassenheit, die man gern mit dem sächsischen Dialekt in Verbindung brachte, nicht hinters Licht zu führen. Ihm war schon klar, dass sie diese Frage nicht nur einfach so gestellt hatte. Schließlich war er nicht dumm. Aber trotzdem dankbar, dass sie das so verpackt hatte.
„Kann es sein, dass du, kleine hässliche Spinne, mich auf den Arm nehmen willst?“, fragte er ebenfalls ruhig. „Ich bin vielleicht noch etwas benebelt von dem Scheißzeug, was du mir gespritzt hast, der Arm tut mir jetzt noch weh davon, aber deshalb bin ich doch nicht auf der Wurstbrühe hergeschwommen oder mit dem Klammersack gepudert. Denen da drinnen geht die Luft aus“, stellte er besorgt fest. „Ich hänge mich mit Jack gleich dran und gebe Bescheid, sobald wir eine Lösung gefunden haben. Lieber wäre mir allerdings, wenn ihr die kleinen Mäuse und unsere Freunde schon vorher raus hättet.“
„Uns auch, Kleiner. Uns auch. Wir arbeiten daran. Nur müssen wir an alle Gefahren denken, um sie schon im Vorfeld ausschließen zu können und nicht erst, wenn die Zeit dafür drängt“, erklärte Pitt und fügte noch hinzu: „Kennst mich doch.“
„Ja, eben deshalb mache ich mir ja Sorgen, du Clown“, konterte Sebastian. „Du brauchst immer ewig, nur um irgendwelche läppischen Drähte durchzuschnippeln, als wäre das eine Wissenschaft.“ Doch dann wurde seine Stimme wieder ernst. „Tut euer Bestes und seht zu, dass ihr die kleinen Mäuse und die anderen heil zu uns hochbekommt. Wir unterstützen euch dabei, so gut es uns möglich ist.“
Pitt hatte den Sprengsatz am Haltehaken in der Zwischenzeit entschärft und abgenommen. Peggy kam auf sein Zeichen hin, mit dem Tau heran und klinkte es ein.
„Okay, wir hängen fest“, meldete er nach oben. „Wir machen uns jetzt wieder an die Arbeit an der Schleuse. Wie sieht es bei euch da oben aus? Was ist mit den gesichteten Schiffen?“
„Unser großer, starker Freund kümmert sich gerade mit seinen Bienchen darum. Sie liefern sich bereits ein kleines Feuergefecht. Die Schnellboote vom ägyptischen Küstenschutz, mischen dabei alles fleißig von hinten auf“, berichtete Jens. „Unsere Bäuche sind auch wieder clean. Wir waren bespickt wie Kaninchenrücken mit Speck in der Pfanne. Peggy lag also richtig mit ihrer Vermutung.“
Dann hörte Jens das leise Pfeifen seines Freundes aus den Lautsprechern. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es knifflig wurde und Pitt sich voll konzentrieren musste. Gespannt verfolgten die Männer auf der Brücke und den anderen Booten die kurzen Wortfetzen und Anweisungen, die sich Pitt und Peggy gegenseitig gaben. Jens war sofort klar, dass sie an einer Zwillingsschaltung arbeiteten.
Sebastian und Jack kamen auf die Brücke zurück. Sie hatten einen möglichen Weg gefunden, wie man eventuell Frischluft in das U-Boot leiten könnte. Gerade als Sebastian sofort ganz aufgeregt davon berichten wollte, hielt Jens die Faust, als Zeichen, leise zu sein, nach oben.
Sebastian lauschte ebenso wie die anderen den Worten, die nur leise aus dem Lautsprecher an ihre Ohren drangen.
„Scheiße, wo kommen die denn auf einmal her? Pitt mach du allein weiter, ich kümmere mich schon darum. Bin gleich zurück“, hörten sie Peggys Stimme plötzlich wieder lauter sagen.
Den Männern auf den Booten fuhr der Schreck in die Glieder.
„Schwarze Witwe, hier Bussard. Was ist da unten los?“, wollte Jens wissen.
„Hier Waldkauz, die Spinne kann gerade mal nicht. Sie ist mit drei ungeladenen Gästen beschäftigt. Es sind Tec-Taucher, die uns wohl mit einer Schießscheibe verwechselt haben. Aber ich kann hier gerade nicht weg, um ihr zu helfen. Muss etwas auseinanderhalten, bis sie wieder da ist. Ich hoffe nur, da kommen nicht noch mehr, um mit uns zu spielen.“
„Hat es einen von euch erwischt?“, fragte Jens besorgt.
„Mich nicht. Ich habe sie auch gar nicht bemerkt, bevor Peggy es sagte“, antwortete Pitt ruhig, der sich weiter auf seine Arbeit konzentrieren musste.
Gerade als sich die Taucher für einen Kampfeinsatz unter Wasser fertig gemacht hatten, um zur Hilfe zu kommen, war die Frauenstimme wieder zu hören.
„Hier schwarze Witwe. Ich schicke drei Päckchen nach oben. Wäre schön, wenn ihr sie auffischt. Tut mir leid, ganz heil sind sie leider nicht mehr. Ging aber nicht anders“, sagte sie
etwas außer Atem. Erstaunt schauten sich die Männer an. Es konnten nicht mehr als sechs Minuten vergangen sein, seit sie von den Angreifern erfahren hatten.
„Sebi, seid ihr sicher, dass Peggy eine Frau ist?“, fragte Jens leise, das Mikrofon mit seiner Hand zuhaltend. Dabei wandte er sich in die Richtung, wo er seinen Freund vermutete.
„Dessen bin ich mir nun nicht mehr so ganz sicher“, antwortete Sebastian ebenso leise.
„Ich will wissen, in welchem Zustand die drei Besucher sind. Mich interessiert, wie sie die so schnell außer Gefecht gesetzt hat. Schau dir die Kerle mal an, sobald sie hier ankommen“, forderte Jens seinen Freund auf. Dann hörten sie wieder Peggys Stimme, als wäre nichts gewesen, weiter mit an der Entschärfung des Zwillingsauslösers arbeitend.
„Bussard“, meldete sich Pitt nach einer Weile. „Wie sieht es aus, haben Jack und Sebi schon eine Lösung für die Luft gefunden?“
„Ja, vielleicht“, antwortete Jack, holte tief Luft und wollte gerade anfangen, es zu erklären, als Pitt ihn unterbrach.
„Schon gut, Jack. Wir haben eine bessere Lösung. Kommt einfach in etwa einer Viertelstunde mit ein paar vollen Flaschen runter und holt die Blechkiste hier endlich hoch. Wir sind gerade fertig und gehen schon mal rein, um uns drinnen nach weiteren Sprengladungen umzusehen. Und ehe ihr anfangt, laut zu schreien: Ja, wir haben uns vorsichtshalber das Serum gespritzt, um böse Überraschungen zu vermeiden.“
Die Männer auf den Schiffen atmeten erleichtert auf.
Sebastian kam zurück auf die Brücke gelaufen und erzählte Jens, dass die drei Froschmänner, die sie aus dem Meer gefischt hatten, noch nicht einmal leichte Stichwunden oder Schnitte vom Peggys Kampfmesser aufwiesen.
„Stattdessen waren die Kerle aber verschnürt wie Weihnachtspakete. Und stell dir vor, die waren noch immer bis an die Halskrause bewaffnet. Sie sind gerade erst wieder zu sich gekommen. Peggy muss zweien von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Atemregler direkt bis hinter in den Hals reingedroschen haben. Die Kerle spuckten Blut und ihre vorderen Beißerchen dabei mit raus, als unsere Männer ihnen die Regler aus dem Mund zogen. Der Dritte pennt einfach nur.“
„Das meinst du nicht wirklich ernst?“, fragte Jens mit ungläubig klingender Stimme.
„Ich würde es auch nicht glauben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Diese Frau hat bestimmt einen Waffenschein, wo in der Zeile für die Waffennummer ihr Name steht. Ich möchte ihr mit Sicherheit nicht mit unehrenhaften Absichten im Dunkeln begegnen und werde mich schwer hüten, auch nur noch einen blöden Spruch gegen sie loszulassen, das ist mir zu gefährlich. Da beiß ich mir in Zukunft lieber auf die Zunge, das kann ich dir sagen. So was habe ich noch nie gesehen.“
Jens konnte es kaum glauben, doch an der Stimme seines Freundes hörte er, dass er es sehr ernst gemeint hatte.
Nach einer kurzen Pause, die er brauchte, um das Gehörte für sich zu verarbeiten, war Jens wieder voll bei der Sache.
„Macht euch fertig und holt unsere Leute sicher hoch, damit wir hier wegkommen“, sagte er an Sebastian und Jack gewandt. „Vergesst nicht, auch frische Flaschen für Pitt und Peggy mit runterzunehmen.“
Das ließen sich die Männer nicht zweimal sagen. Sofort liefen sie los und zogen sich ihre Tauchanzüge über. Adam und David halfen beim Anlegen der Ausrüstung. Als sie im Wasser waren, reichten die ägyptischen Marinetaucher die zusätzlichen Pressluftflaschen zu ihnen hinunter, die sich Jack und Sebastian mit Spezialhaken an den Jacketts befestigten.
„Jens“, meldete sich Oberstleutnant Kebier über Bordfunk. „Ich glaube, das wird dir nicht gefallen. Aber diese drei Kerle sind von einem der Schiffe, die von unseren Freunden und dem Küstenschutz aufgebracht wurden. Sie haben mir gerade geflüstert, dass noch mindestens sechs weitere Taucher vom Boot entkommen konnten, bevor die anderen verhaftet wurden.“
„Danke, Mahmud. Du hast recht, das gefällt mir ganz und gar nicht“, antwortete Jens.
Gerade als er es an die Taucher im Wasser weitergeben wollte, meldete sich Pitt.
„Hier Waldkauz. Schon gut Bussard, wir haben es mitgehört. Das U-Boot ist sauber. Swordfish 5 und Wanderfalke können ungehindert durch die Schleuse rein und damit auftauchen. Laut der schwarzen Witwe sind die Kinder und auch Walter und Erika okay. Sie schlafen wirklich nur. Wahrscheinlich wurden sie betäubt. Der Arzt soll sich aber trotzdem mit seinen Leuten bereithalten. Hasan und Kasim sind verwundet. Wir haben sie notdürftig versorgt. Wir halten die Augen offen und kümmern uns um die ungebetenen Gäste, sollten sie hier auftauchen. Unsere schwarze Witwe ist schon ganz heiß darauf.“
„Sollen wir euch nicht doch lieber Verstärkung schicken?“, fragte Jens hörbar besorgt.
„Negativ, Bussard. Mit sechs Fröschen werden wir auch allein fertig“, hörte er die Antwort von Peggy und schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
Das kann keine Frau sein, dachte er. Was hat mir Paul da nur geschickt?
„Weißt du, was mich wundert, Jens?“, fragte Oberstleutnant Mahmud Kebier leise und unterbrach damit seine Gedanken.
„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Weder Andy und Anne noch Kim oder Abdul oder Gerhard Hartmann haben sich hier gemeldet, um uns zu informieren, dass die Kinder und die anderen weg sind. Meinst du nicht, dass sie versucht hätten, Sebi, Pitt oder dich zu erreichen? Dabei müssen sie doch spätestens schon gestern Nachmittag entführt worden sein, um heute hier aufzutauchen.“
„Du hast recht, Mahmud“, stellte Jens beunruhigt fest und dachte kurz nach. „Ich hoffe, da ist nicht noch mehr passiert. Aber ehe wir die Pferde scheu machen, versuchen wir erst einmal Abdul zu erreichen.“
Kapitän Sayed Khairat hatte das Gespräch mitgehört und stellte rasch die Verbindung zum Militärlazarett her. Als sich der Generalstabsarzt ganz normal meldete, war Jens zumindest etwas beruhigter.
„Hallo Doc, hier ist Jens. Sag, wie geht es deinen Problempatienten?“
„Oh, frag mich lieber nicht, sie sind kaum noch in den Betten zu halten. Aber wie sieht es bei euch aus? Ich habe da nicht gerade viel Gutes gehört.“
„Ich denke, du wirst wieder etwas Arbeit bekommen. Ich hoffe, ihr habt auch einen guten Augenarzt, der ebenso zaubern kann wie du. Aber das ist jetzt hier nicht das Thema. Weißt du genau, wo Anne und Andy jetzt gerade sind?“, wollte Jens wissen. „Und hast du vielleicht zufällig auch eine Ahnung, wo sich Gerhard und Kim im Moment aufhalten?“
„Ja, klar doch. Warum fragst du? Anne und Andy habe ich zur Bettruhe verdonnert, sie sind auf ihrem Zimmer, und Gerhard sitzt schon die ganze Zeit mit hier und hilft mir etwas, Andy und Anne zu zügeln. Zu meinem großen Glück hört Andy wenigstens auf ihn. Auch Kim ist hier. Wir sind schon seit drei Tagen nicht mehr aus dem Lazarett gekommen. Willst du Gerhard sprechen, dann hole ich ihn dir“, sagte der Arzt.
„Nein, ist nicht nötig. Aber sollten sie nach den Kindern oder Annes Eltern fragen. Die sind hier bei uns. Das Wieso und Warum erzähle ich dir, wenn wir zurück sind. Bis dahin haben wir noch etwas zu tun. Wir werden morgen hoffentlich spätestens am Nachmittag eintreffen und dann gibt es jede Menge Arbeit für dich und deine Kollegen. Aber rechne mal lieber damit, dass wir etwas eher da sind. Zumindest werden wir es versuchen. Grüß die Vier schön von uns. Jens Ende“, sagte er, und der Kapitän trennte die Verbindung. Erleichtert atmeten die Männer auf der Brücke auf. Sie waren froh darüber, dass den anderen nichts passiert war.


47
Jack und Sebastian übergaben zwei von den vollen Stahlflaschen an Pitt und Peggy. Dann schlüpften sie durch die Schleuse ins U-Boot, wo sich Sebastian zuerst den drei Kindern zuwandte und sie liebevoll streichelte und auf den Scheitel küsste.
Jack öffnete in der Zwischenzeit die beiden Pressluftflaschen, die sie mitgebracht hatten, und ließ die Luft in den Raum zischen. Dann setzte er sich nach vorn ans Steuer. Schnell nahm auch Sebastian neben ihm Platz. Er schaute aus dem Bullauge und suchte nach Pitt und Peggy, die noch das Boot von den Tauen lösten. Geduldig wartete er, bis die beiden danach weit genug entfernt waren, um sie bei dem Wendemanöver und beim Auftauchen des U-Bootes nicht zu gefährden. Als er sah, wie ihm Pitt das Okay-Zeichen gab, starteten sie die Maschinen, um zu wenden, und tauchten schon wenig später am Heck der ‚Sinai‘ auf, wo sie bereits von den Männern erwartet wurden.
Vorsichtig reichte Sebastian erst die Kinder aus der Luke, dann kamen die beiden verletzten Freunde an die Reihe und danach die Eltern von Anne.
Jens meldete sich über sein Headset bei Sebastian und bat ihn, bei den Kindern und Annes Eltern zu bleiben, damit sie jemanden Bekannten sehen, wenn sie wach werden, und nicht erschrecken.
Dann verfolgte er weiter den Funkverkehr zwischen Pitt und Peggy. Beide waren in der Nähe des kleinen Schiffsverbandes auf der Suche nach den feindlichen Tauchern, die sich noch in der Gegend aufhalten mussten und zu einer großen Gefahr für die Boote werden könnten.
Auf der Suche gingen sie langsam höher bis in den Fünfzehnmeterbereich, um ihre Dekompressionszeit verkürzen zu können. Aber sie waren dabei auch jederzeit bereit, erneut tiefer abzutauchen, wenn sie die Taucher weiter unten entdecken sollten.
„Hier Waldkauz. Zieht den Schiffsverband so eng zusammen, wie es euch möglich ist. Das erleichtert uns die Überwachung“, schlug Pitt vor. Schon kurz darauf waren die deutlichen Geräusche der Schiffsschrauben zu hören, die das Wasser hinter sich aufwühlten. Beide beobachteten, wie sich die Bootsrümpfe über ihnen langsam enger zusammenschoben.
In Jens’ Ohrhörer ploppte wenig später die rauchig klingende Stimme von Peggy auf.
„Hier schwarze Witwe, an Bussard. Wäre schön, wenn ihr uns an einem Seil zwei Flaschen mit Regler und Oktopus auf fünfzehn Meter runterlassen könntet, damit wir etwas für den schnellen Notfall haben.“
Jens brauchte gar nichts erst zu sagen, denn auch die Matrosen und SEALs hatten es mitgehört und kümmerten sich bereits darum.
„Hier Bussard. Die Flaschen sind unterwegs. Was habt ihr vor?“, wollte Jens wissen. Doch es kam keine Antwort, stattdessen war nur lautes, schnelles Atmen zu hören.
„Die übernehme ich. Diese Kerle sind meine!“, hörte man dann Peggys wütende Stimme aus dem Lautsprecher. „Keiner schießt ungestraft auf mich! Das lasse ich die gleich spüren.“
„Pass auf, die haben nicht gerade kurze Messerchen in der Hand!“, war Pitts Warnung zu hören, als die Taucherin bereits mit kräftigen Flossenschlägen unterwegs war.
„Das habe ich auch, aber ich brauche es nicht. Nur keine Sorge“, kam die Antwort zurück. „Halte nur einfach Ausschau nach den anderen, damit sie mich hier nicht stören.“
„Wow. … Wahnsinn“, hörten die Männer auf der Brücke nach nur kurzer Zeit Pitts erstaunte Stimme. „Bussard, da kommen gleich ein paar komische Bojen hoch. Einer dürfte einfach nur pennen und der andere hat garantiert keine Schneidezähne mehr und wird wohl bewusstlos sein. So was habe ich noch nie gesehen. Die schwarze Witwe trägt ihren Namen wirklich zu Recht. Wobei ich mir für sie nun auch einen anderen Namen vorstellen könnte. Und da wären Rocky Balboa oder Rambo noch geschmeichelt.“
„Unter dir“, war die warnende Stimme von Peggy in Pitts Ohrhörer zu hören. „Pass auf!“, schrie sie dann plötzlich, dass die Lautsprecher auf der Brücke dröhnten. Danach hörte man die Frau leise fluchen. Und wieder waren für einige Zeit nur die Atemgeräusche der beiden Taucher zu hören. Die Anspannung bei den Männern auf den Schiffen wuchs von Minute zu Minute. Die ersten ägyptischen Marinetaucher machten sich bereits für ihren Einsatz fertig und warteten nur noch auf den Befehl dafür. Dabei lauschten sie weiter auf den Funkverkehr der beiden Taucher, der noch immer über die Bordlautsprecher übertragen wurde.
Und endlich war wieder die Stimme der Frau zu hören: „Pitt, wie geht es dir? Ich kann dir jetzt noch nicht helfen. Halte durch. … Los, halte dich hinten an meiner Flasche fest, damit du nicht absacken kannst. Ich nehme dich an den Haken. Aber lass die Luft aus deinem Jackett, sonst behinderst du meine Tarierung, wenn ich mir die Kerle vorknöpfe. … Gut so. ... Also, dann geht es jetzt los.“
„Hier Bussard. Was ist da unten los?“, fragte Jens ganz aufgeregt. „Ich schicke euch Taucher zur Hilfe.“
„Hier schwarze Witwe. Negativ, Bussard. Wir kommen schon klar. Waldkauz ist verletzt, sieht aber nicht allzu gefährlich aus. Habe ihn Huckepack, damit er nicht abtrudeln oder hochschnippen kann. Ich muss mich hier aber erst noch um das Ungeziefer kümmern, dann kommen wir langsam hoch“, kam die schnaufende Antwort. „Aber ich kann nicht versprechen, dass ich die Kerle auch heil hochbringen kann.“
„Machen Sie sich darum keinen Kopf. Handeln Sie so, dass Sie sich selbst nicht gefährden. Es ist Notwehr“, sagte Jens schnell.
„Ich melde mich wieder, wenn wir mit dem Aufstieg beginnen“, kam nur kurz von Peggy zurück.
Die Spannung, bei den Männern auf den Schiffen, stieg ins Unermessliche, als sie nur noch den schnellen Atem von Peggy und den deutlich schwereren von Pitt hörten. Jeder fieberte mit den beiden, die da irgendwo in der Tiefe unter den Booten waren. Sie schauten über die Bordwand aufs Wasser, wo die vielen Luftblasen sprudelnd aufstiegen und an der Oberfläche zerplatzten.
Die SEALs und die ägyptischen Taucher hielten es nicht mehr aus. Sie sprangen nacheinander ins Wasser.
„Bussard, hier ist Adam, Swordfish 3. Wir gehen runter. Vielleicht können wir helfen“, meldete sich der junge SEAL und tauchte auch schon mit den anderen ab.
„Nicht mehr nötig, Jungs. Danke. Hier schwarze Witwe, beginne mit Waldkauz den Aufstieg. Aber ihr könnt mir hier ein paar Läuse abnehmen, die ich mit auf dem Pelz kleben habe, die mich aber etwas stören, während ich mich um Waldkauz kümmere. Eine Laus ist allerdings zu den Fischen unterwegs. Das konnte ich leider nicht verhindern.“
„Kommen Sie nur einfach mit Waldkauz wieder hoch, schwarze Witwe. Gute Arbeit“, lobte Jens erleichtert. „Wir hängen weitere Flaschen mit angereichertem Sauerstoff und Atemregler für euch auf zehn Meter. Da entfällt das lästige Wechseln.“
„Danke, Sir. Die werden wir auch brauchen. Es wird also eine Weile dauern, bis wir wieder da sind“, antwortete Peggy.
„Lasst euch Zeit. Wir fahren bestimmt nicht ohne euch“, gab Jens zurück.
Von da an war die Funkverbindung zu Pitt und Peggy getrennt.
Adam und Tyler tauchten gemeinsam zu Pitt und Peggy hinunter, um die überwältigten Angreifer abzuholen. Peggy hatte zwei mit einem Karabinerhaken an den beiden Leinen, an denen die vollen Pressluftflaschen hingen, festgemacht. Den Dritten hielt sie seitlich von sich und Pitt hatte sie vor sich an ihrem Jackett eingehakt. So schwebte sie, gut austariert auf gleicher Höhe bleibend, und beobachtete die SEALs, wie sie die beiden Taucher losbanden.
Sie teilte sich mit Pitt die Luft aus einer Flasche und stieg dabei langsam, auf ihren Tauchcomputer achtend, weiter auf. Peggy war froh, als die Männer ihr den bewusstlosen Taucher abnahmen und ihn zusammen mit den anderen beiden nach oben brachten. So konnte sie sich voll auf den verletzten Fregattenkapitän und auf den weiteren Aufstieg konzentrieren.
Nach dem letzten Dekompressionsstopp löste sie den Karabinerhaken, mit dem sie Pitt an ihrem Jackett befestigt hatte, und stieg, den Mann fest an seiner Tarierweste haltend, mit einem Flossenschlag, langsam die letzten fünf Meter zur Wasseroberfläche auf. Dort angekommen bediente sie sofort seinen und ihren Inflator. Rasch füllten sich die Jacketts daraufhin prall mit Luft, sodass sie wie Schwimmwesten funktionierten und sie so sicher über Wasser hielten. Beide trugen ihre Vollgesichtsmasken nicht mehr, sondern hatten nur die Atemregler der Ersatzflaschen im Mund.
Vorsichtshalber hatte Peggy Pitt ihre Nasenklammer, die sie für den Notfall immer in ihrem Jackett bei sich trug, auf die Nase aufgesteckt. Damit hatte sie ihm ein leichteres Atmen durch das Mundstück ermöglicht und verhindert, dass er, sollte er bewusstlos werden, unkontrolliert durch die Nase zu atmen beginnt: Denn in dem Fall hätte er Wasser geschluckt und hätte dadurch ertrinken können. An der Wasseroberfläche angekommen, zog sie Pitt die Nasenklammer vorsichtig wieder ab und zwinkerte ihm fröhlich zu. Gemeinsam schwammen sie zum Heck, wo die Männer Pitt aus dem Wasser halfen. Erst da entdeckten sie den Harpunenpfeil an seinem Unterschenkel, der perfekt abgebunden war. Sofort wurde er ins Behandlungszimmer zum Arzt gebracht.
Peggy hatte ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht. Sie schaffte es nicht mehr, allein mit ihrer ganzen Ausrüstung aus dem Wasser hinauf auf die Plattform zu klettern. Also legte sie ihr Jackett schon im Wasser ab und schwamm damit an die Leiter heran. Zwei Matrosen nahmen ihr zuerst die von ihr nach oben gereichten Flossen ab, zogen dann das gut 45 Kilogramm wiegende Equipment aus dem Wasser und halfen ihr danach, über die Sprossenleiter nach oben. Kaum auf dem Deck angekommen, ließ sie sich erschöpft an der Bordwand auf den Boden sinken, lehnte den Kopf nach hinten ans Schanzkleid der Reling und schloss schwer atmend die Augen.
„Peggy, sind sie hier irgendwo?“, hörte sie nach einer Weile die Stimme des Flottillenadmirals und schaute in die Richtung, woher sie kam. Und sah, wie sich der Mann langsam an der Reling entlangtastend auf sie zubewegte.
„Ja, Sir, ich bin hier. Aber verzeihen Sie, wenn ich nicht sofort aufstehe. Ich muss mich kurz erholen“, antwortete sie leise.
Jens tastete sich bis zu ihr vor und ließ sich dann einfach neben sie nieder. Er reichte in ihre Richtung eine Flasche Wasser. Dankbar nahm Peggy diese an, trank hastig ein paar Schlucke und behielt die Flasche auf ihren Oberschenkeln.
Eine ganze Weile saßen sie einfach nur so da, ohne dass einer von ihnen ein Wort sprach.
„Der Arzt kommt gerade“, informierte Peggy ihn.
„Wie sieht es aus, Samuel? Was ist mit Pitt?“, fragte Jens den Schiffsarzt.
„Es ist nur eine Fleischwunde. Er hatte Glück, sein Muskelgewebe ist zwar mit betroffen, es ist aber nicht ganz so schlimm. Doch mit all den anderen Verletzungen der letzten Tage, dem Schlafmangel und den Strapazen mit dem Nervengift, war es wahrscheinlich einfach zu viel für ihn. Er hat seine Grenze überschritten. Aber er erholt sich schnell wieder“, antwortete der Arzt und schaute dabei prüfend auf die Frau, die noch immer neben Jens saß, und sagte: „Und ich glaube, unsere Freundin hier, braucht auch dringend Hilfe.“ Er rief zwei Matrosen zu sich, die Peggy aufhalfen und sie stützend in den Behandlungsraum brachten.
In der Zwischenzeit hatte der kleine Verband wieder Fahrt aufgenommen.
Jens erhob sich schwerfällig und tastete sich an der Reling entlang, um zu der Kabine zurückzukommen. Er war erschöpft und müde. Seine Augen schmerzten und etwas von dem Gift schien sich noch immer in seinem Körper auszutoben. Bei der Mannschaftsunterkunft angekommen, lauschte er in den Raum. Nichts war zu hören. Er war allein. Geschafft schleppte er sich mit vorgestreckten Händen in Richtung des Bettes. Dabei stieß er immer wieder an und fluchte leise. Als er endlich am Ziel war, setzte er die Sonnenbrille ab und legte sich, gequält aufstöhnend, auf sein Bett.
In seinem Kopf schwirrten die Gedanken durcheinander. Sein Magen knurrte und es fiel ihm ein, dass er als Letztes das Frühstück an Bord des Flugzeugträgers zu sich genommen hatte. Doch nun musste es später Nachmittag, wenn nicht sogar schon Abend oder Nacht sein. Er wusste es nicht genau. Also entschied er sich, einfach liegen zu bleiben. Er hatte zwar Hunger, aber er fühlte sich zerschlagen und seine Müdigkeit war stärker. Schon wenige Minuten später schlief er traumlos ein.


48
Ganz aus der Ferne drangen leise gesprochene Worte an sein Ohr.
„Jens … Sir. Captain Eric Greenman vom Flugzeugträger möchte Sie sprechen.“ Es war die Stimme von Master Chief Petty Officer Shumaker.
„Was will der denn mitten in der Nacht?“, fragte Jens verschlafen. „Oder ist schon wieder die Kacke am Dampfen?“, bei diesem Gedanken war er sofort hellwach.
„Nein, Sir. Wir haben schon Mittag. Sie haben so lange geschlafen. Wir wollten Sie nicht wecken. Captain Greenman möchte sich gern von ihnen verabschieden. Er hat den Einsatzbefehl für die Stellungen auf den Dahlak-Inseln erhalten. Die Regierung von Eritrea hat ersten Verhandlungen zugestimmt. Das geheime Treffen mit den anderen Regierungen soll auf dem Flugzeugträger stattfinden“, erklärte die Frau ruhig und gab Jens die Sonnenbrille in die Hand, damit er sie nicht erst suchen musste und gleich aufsetzen konnte, um seine Augen zu schützen.
„Es wäre vielleicht besser, wenn Sie die Augen noch etwas geschlossen lassen, damit die Augentropfen besser wirken können, die ich Ihnen vorhin gegeben habe.“
„Wann haben Sie sich an meinen Augen zu schaffen gemacht? Ich habe nichts davon gemerkt“, grummelte Jens bärbeißig und zog sich das Shirt über, welches ihm die Frau direkt in die Hand gegeben hatte.
„Aller vier Stunden die ganze Zeit über und das letzte Mal kurz bevor ich Sie weckte. Sie sind ein braver Patient. Haben nicht einmal weggezuckt, sondern geschlafen wie ein Bär, Sir“, antwortete Peggy belustigt. „Übrigens auch mit den dazugehörigen Geräuschen. Sodass unsere Leute das Weite gesucht und lieber auf dem Vorderdeck geschlafen haben.“
„Ich schnarche nicht“, wehrte Jens sofort ab. „Das hätte ich gehört, denn ich hasse Schnarcher, da kann ich immer nicht schlafen.“
„Nein, Sir. Mit Verlaub, Sie haben nicht nur geschnarcht, sondern ganze Regenwälder gerodet. Mich wundert, dass Sie davon keine Halsschmerzen haben.“
„Die habe ich“, gab Jens zu, räusperte sich und merkte, dass ihm das Schlucken schwerfiel. Im nächsten Moment spürte er eine kleine Flasche Wasser in seiner Hand. Er bedankte sich und trank sie gleich halb leer.
Okay, nun lassen wir aber den Cap nicht länger warten“, meinte Jens und stand auf, wobei er sich den Kopf an der Kante des oberen Bettes stieß. Er hatte nicht mehr daran gedacht, dass er hier auf dem Marineschnellboot in der unteren Koje eines Doppelstockbettes gelegen hatte. Nur war der Stoß irgendwie nicht so hart, wie es dafür eigentlich hätte sein müssen. Peggy hatte ihre Hand schützend dazwischengehalten und den Stoß abgefangen. Als Jens das bewusst wurde, war es ihm peinlich und er entschuldigte sich dafür bei der Frau.
„Nicht der Rede wert, Sir.“
Als sie sich bei ihm unterhakte, um ihn zu führen, bemerkte er, dass ihm am Oberarm nicht die Haut von ihrer Hand, sondern Stoff oder so etwas Ähnliches streifte. Erst danach fühlte er die Haut des Unterarmes der Frau. Abrupt blieb er stehen.
„Peggy … geben Sie mir bitte ihre Hand“, forderte er und hielt ihr seine bereits offen entgegen. Die Frau stutzte kurz, aber legte ihre freie Hand in die seine. Jens betastete sie vorsichtig und fragte dann: „Warum tragen sie Neoprenhandschuhe?“
„Wegen der Kinder, Sir. Entschuldigen Sie bitte, ich habe mir dafür Ihre ausgeliehen, meine wären mir im Moment etwas zu eng.“
„Wie meinen sie das? Wegen der Kinder?“, wollte Jens neugierig geworden wissen.
„Ich habe vorhin mit ihnen gespielt und ihnen das Schiff gezeigt. Dabei wollte ich nicht, dass sie über irgendetwas erschrecken. Auch die Männer haben ihre Verbände, so gut es ihnen möglich war, unter ihrer Kleidung versteckt. Ich wollte, dass alles ganz normal für die kleinen Mäuse wirkt. Sie haben genug durchgemacht. Na ja, und ich brauchte dafür eben ihre Taucherhandschuhe für mich“, erklärte Peggy, während sie Jens übers Deck zur Brücke führte.
„Dann sollte ich mich wohl vor den kleinen Geistern verstecken“, meinte Jens.
„Schlecht möglich, Sir. Sie haben schon nach ihrem Onkel Jens gefragt und Sebastian hat ihnen versprochen, dass Sie dann zu ihnen kommen, wenn die Kleinen ausgeschlafen haben. Sonst hätten sie keinen Mittagsschlaf gemacht und gestreikt. Ich habe die Latexmanschetten für ihre Unterarme schon mit dabei. ... Wir sind gleich auf der Brücke angekommen, Sir“, sagte sie und öffnete die Tür, noch bevor sich Jens erkundigen konnte, was denn mit ihren Händen sei, weshalb sie seine Handschuhe trug.
Peggy führte ihn zum Sessel des Kapitäns, der sofort für ihn Platz gemacht hatte. Jens begrüßte die Brückencrew und ließ sich dann die Verbindung zum Flugzeugträger herstellen. Er war sehr froh darüber, dass Eritrea endlich einlenkte und die Hilfe bestimmt annehmen würde.
Eric Greenman berichtete über die bereits begonnenen Verhandlungen und dass auch einige Länder der arabischen Staatengemeinschaft und andere Länder zu ihrer Unterstützung kommen und sie als gemeinsamer Verband gegen diese verbrecherische Organisation vorgehen werden.
„Es war eine knappe Sache. Aber die Auslieferung des Kreuzers konnte gestoppt werden, noch bevor er die Werft verlassen konnte. Also danke für den Tipp. Die Männer, die ihn übernehmen wollten, wurden übrigens von den Ukrainern festgenommen“, berichtete Eric seinem Freund weiter. „Jens, eine solch gute Zusammenarbeit zwischen so vielen Ländern mit unterschiedlichsten Weltanschauungen und Glaubensrichtungen, habe ich noch nie erlebt. Alle haben das gleiche Ziel, diese Welt vor einem allumfassenden Krieg zu bewahren. Das ist ein sehr gutes Gefühl. Ihr habt Großartiges geleistet. Danke dafür. Ich glaube, jetzt verstehe ich sogar besser, was euch antreibt, so viel auf euch zu nehmen.“
Jens war einfach nur froh und sichtlich erleichtert, das zu hören. So waren all die Opfer, Mühe und Qualen, denen sie die letzten Tage ausgesetzt gewesen waren, nicht umsonst gewesen. Sie hatten teuer dafür bezahlt.
Er unterhielt sich noch eine Weile mit Eric Greenman und wünschte ihm dann viel Glück und Erfolg für den Einsatz. Am Ende des Gespräches sagte Jens noch, dass er sich sehr freuen würde, wieder von ihm und Geschwaderkommandeur Mike Reed zu hören, was der Captain gern versprach.
Nachdem die Verbindung getrennt war, wandte es sich an den Kapitän: Sayed, wo genau schippern wir eigentlich gerade herum?
„Wir werden in etwa anderthalb Stunden, im Marinehafen einlaufen“, antwortete Kapitän Sayed Khairat. „Du und deine Begleitung hier, ihr habt seit mehr als vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen, Jens. Sehe also zu, dass du runter in die Messe kommst. Meine Leute haben sich extra angestrengt und für euch etwas Leckeres gekocht. All deine Lieblingsspeisen sind dabei.“
Jens horchte auf.
„Peggy, warum haben Sie noch nichts gegessen? Sie hatten doch Zeit dafür“, fragte er.
„Sie hat es vorgezogen, nicht von deiner Seite zu weichen. Sie hat dich bewacht wie eine Glucke ihre Küken. Und wenn sie dich doch mal allein gelassen hat, dann nur, um den Kindern das Schiff zu zeigen, damit Annes Eltern und Sebi in Ruhe essen konnten, oder um sich nach Pitt, Hasan und Kasim zu erkundigen und dort zu helfen. Denen geht es allen dreien, übrigens auch wieder besser“, antwortete Oberstleutnant Mahmud Kebier, der mit auf der Brücke war, für die Frau, die hinter dem Sessel stand, in dem Jens saß.
„Das müsstest du sehen, Jens. Selbst jetzt steht sie wie ein Bodyguard breitbeinig und stramm, hinter dir. Ich glaube, sie würde jedem von uns die Augen auskratzen und in der Luft zerfetzen, wenn wir dich auch nur anrempeln sollten“, sagte der Kapitän auf Arabisch, weil er noch nicht wusste, dass Peggy diese Sprache mehr als nur gut beherrschte.
Ups, dachte Jens und wartete gespannt auf Peggys schlagfertige Antwort darauf. Doch die Frau sagte nicht ein einziges Wort dazu. Sie tat einfach so, als hätte sie es nicht verstanden, und lächelte die Männer nur freundlich an.
„Wollen wir jetzt etwas essen gehen?“, fragte sie stattdessen leise, an Jens gerichtet, und bot ihm ihren Arm an, damit er sich an ihr orientieren konnte. Im Hintergrund hörte er noch, wie Mahmud dem Kapitän etwas ins Ohr flüsterte, und er konnte sich sehr gut vorstellen, wie Sayed danach blass vor Schreck wurde. Er musste bei diesem Gedanken laut loslachen und ergriff den Arm der Frau, die er noch immer nicht ein einziges Mal gesehen hatte und über die er so gut wie nichts wusste.
„Sie nehmen ihren Befehl sehr ernst, den Ihnen Paul gegeben hat, nicht wahr, Peggy?“, stellte Jens fest, während sie auf dem Weg zur Messe waren.
„Nein. Ich tue es nicht nur wegen des Befehls, Sir“, antwortete sie leise.
„Wollten wir das ‚Sir‘ nicht endlich mal lassen?“, fragte Jens. „Ich habe doch einen einfach auszusprechenden Namen. Ich fühle mich unwohl in der Rolle eines ‚Sirs‘, und Sie wollen doch nicht, dass ich mich unwohl fühle. Oder? Also bitte einfach nur Jens. Das ist nun ein Befehl von mir.“
Er sah nicht, wie Peggy verlegen lächelte, als sie „Jawohl, Sir … äh … Jens“ sagte.
„Gut. Ich hoffe, wir müssen das nicht noch einmal wiederholen und üben“, meinte er mit gespielter Strenge in der Stimme. „Würden Sie mir jetzt bitte die Manschetten geben, im Falle, dass die drei kleinen Monster schon von ihrem Mittagsschlaf wach sind?“
Peggy half ihm beim Überstreifen der eng anliegenden Armmanschetten, dann betraten sie die Messe.
„Wir sind, bis auf den Smutje, allein hier, Si … Jens“, informierte sie den Mann neben sich und führte ihn zu einem Tisch, der bereits für sie beide eingedeckt war. Peggy erklärte ihm kurz, welche Speisen sich auf dem Teller vor ihm befanden. Sie half ihm unauffällig, die schon für ihn zurechtgeschnittenen Happen auf die Gabel zu bekommen, und beobachtete ihn heimlich dabei, wie genussvoll er aß.
„Ich mag die ägyptische Küche, Peggy“, erklärte Jens mit vollem Mund.
„Ja, das sieht man. Ich mag sie auch. Wann immer es mir möglich war, kochte ich auch selbst solche Gerichte für meine Freunde und mich“, antwortete sie und schob ihm einen weiteren Bissen auf die Gabel. „Nur beherrsche ich diese Kunst nicht so gut wie der Smutje auf diesem Schiff.“
„Oh, nichts gegen den Koch hier. Aber warten Sie erst mal ab, wenn Ahmed und Rashid von der ‚Amun-Re‘ für uns alle kochen“, schwärmte Jens. „Die beiden gehören ebenfalls zu unserem großen Freundeskreis. Sie arbeiten als gleichberechtigte Partner für die beiden Tauchbasen von Anne, Andreas, Pitt, Sebi und Kim. Sie fahren mit ihnen und den Tauchtouristen raus zu den Riffen. Die beiden sind in meinen Augen die absoluten Meisterköche. Was sie da in der kleinen Kombüse zaubern, ist einfach super und durch nichts zu übertreffen. Vor allem der kleine Ahmed ist ein Meister“, schwärmte er.
Peggy hörte die Leidenschaft in der Stimme von Jens und musste lächeln. Sie mochte die ganze Art dieses Mannes. Wie er sich gab und sich auch ihr gegenüber verhielt. Ihr kam es so vor, als würde sie ihn schon ewig kennen. Sie bewunderte seine Stärke und Willenskraft ebenso wie die Sorge um seine Leute und die Begeisterung, die er, wie jetzt gerade, zeigen konnte. Und ja, sie fand die Grübchen neben seinen Mundwinkeln niedlich, wenn er lächelte. Sie fühlte sich von ihm, seiner Größe, seiner Kraft und dem muskulösen Körper angezogen. Am liebsten würde sie ihm jetzt durchs Haar fahren und die eine etwas abstehende Locke bändigen. Peggy ertappte sich dabei, wie sie den Mann genau musterte und in ihr Gefühle für ihn aufstiegen. Schnell wandte sie den Blick wieder ab und konzentrierte sich wieder darauf, ihm den nächsten Bissen auf die Gabel zu schieben. Dabei schimpfte sie sich selbst in Gedanken: eine blöde Kuh. Sie war froh, dass der Mann sie in diesem Moment nicht hatte sehen können.
Jens hörte, wie die Tür zum Speisesaal aufgestoßen wurde.
„Liege ich richtig, dass jetzt hier die kleinen Monster im Anmarsch sind?“, fragte er leise. Peggy bejahte das.
„Sagen Sie mir nur schnell, wer hier der erste von Sebis Zwillingen ist, der bei mir ankommt“, bat Jens. „Danach komme ich schon allein zurecht.“
„Max ist der Erste, der da sein wird“, flüsterte Peggy ihm zu und war gespannt darauf, wie Jens mit den Kindern umgehen würde.
Flink wie kleine Wiesel kletterten die Zwillinge auf den Schoß von ihrem Onkel Jens, der sie lachend empfing, fest an sich drückte und küsste. Sebastian gab ihm vorsichtig auch noch die kleine Anja, die zweijährige Tochter von Andreas und Anne, mit auf den Arm.
Jens erhob sich mit allen drei Kindern in den Armen. Er drehte sich schnell mit ihnen im Kreis herum, dass sie fröhlich quietschten, und setzte sich dann neben dem Stuhl mit ihnen auf den Fußboden. Er ließ sich mit Anja, schützend im Arm haltend, von den Zwillingen niederringen und rang spielerisch mit ihnen. Dabei lachten alle vier ausgelassen. Jens achtete aber auch darauf, dass sich keiner der Kinder wehtat und Anja, die immer wieder nach der Sonnenbrille zu greifen versuchte, diese nicht erreichen konnte. Er wollte nicht, dass sich die Kinder wegen seiner roten Augen erschraken. Laut rief er im Spaß immer wieder um Hilfe, was die kleinen Zwerge noch mehr anstachelte und sie sich erneut auf ihn warfen. Er kitzelte sie durch und wehrte sich, so gut er konnte, gegen die Invasion von diesen Rabauken. Nach einer Weile ergab sich Jens, noch immer lachend. Aber Sebastian und Peggy erkannten an seinem Gesichtsausdruck, dass er wohl langsam Probleme bekam, seine stärker werdenden Schmerzen zu unterdrücken. Noch bevor sie eingreifen konnten, halfen schon die Zwillinge ihrem geliebten Onkel Jens, den sie so selten sahen, um etwas Zeit mit ihm zu verbringen, wieder auf die Beine.
„Hast du Aua weh, Onkel Jens?“, fragte die kleine Franziska besorgt und streichelte ihm zärtlich über die Manschette an seinem Unterarm.
„Ja Franzi, Onkel Jens hat sich etwas wehgetan“, antwortete er leise und drückte das kleine Mädchen liebevoll an sich. „Ist aber nicht schlimm. Das wird ganz schnell wieder heile.“
„Musst du und Onkel Pitt auch ins Krankehaus zu Onkel Abdul, wie Mama, Onkel Andy und Tante Anne, damit er euch wieder heile machen kann?“, fragte dann der kleine Maximilian.
Jens schmunzelte. „Ja, ich denke schon, Mäxchen. Aber Mama, Tante und Onkel geht es bestimmt schon wieder viel besser. Onkel Abdul macht uns alle wieder gesund“, antwortete Jens einfühlsam. Dann wandte er sich Sebastian zu, der neben ihm stand. „Wieso ist Kim im Krankenhaus? Ich dachte, sie war da nur bei Anne und Andreas zu Besuch. Das hier klingt aber anders. Warum weiß ich nichts davon?“, flüsterte er, damit die Kinder es nicht hören konnten, die alle drei wieder auf seinem Schoß saßen und sich an ihn schmiegten.
„Blinddarm-OP. Habe es auch erst hier von Erika und Walter erfahren. Sie wollten uns damit nicht zusätzlich belasten“, antwortete Sebastian. „Ist aber alles gut gegangen. Du weißt doch, wenn es kommt, dann gleich ganz dick.“
„Hey, ihr zwei Racker, habt doch bald euren vierten Geburtstag“, sagte Jens dann wieder fröhlich. „Was wünscht ihr euch eigentlich?“
„Mit den Delfinen von Onkel Andy und euch allen schwimmen gehen. Das macht so Spaß“, kam es wie aus der Pistole geschossen von den Zwillingen.
„Ein großer Wunsch“, meinte Jens und verlieh dabei seiner Stimme einen ernsten Klang. „Da müsst ihr aber sehr artig gewesen sein. Und was wünscht ihr euch von mir?“, fragte er vorsichtig weiter. Die Zwillinge schauten sich kurz an.
„Dass du lange bei uns bleiben kannst und nicht immer gleich wieder so schnell weg musst“, sagte Franziska leise und küsste den Mann sanft auf die Wange. Ganz fest drückte Jens die drei Kinder an sich. Peggy entdeckte bei ihm eine Träne, die unter dem Rand seiner Sonnenbrille auftauchte und die Wange herunterlief.
„Ich werde es versuchen, ihr Schätzchen“, flüsterte Jens gerührt. „Ich versuche es. Versprochen.“
Peggy war beeindruckt, wie zärtlich und einfühlsam, ja geradezu weich dieser große, zu sich selbst immer so harte und starke Mann, zu den drei Kindern seiner Freunde war. Und wie die Kinder ihn liebten.
Nach einer Weile sorgten Sebastian und die Eltern von Anne dafür, dass die drei wieder von Jens abließen. Denn es war wieder Zeit für seine Augentropfen und einen Verbandswechsel.
„Wisst ihr was? Oma und Opa Kamp gehen mit euch zu Onkel Mahmud und Onkel Sayed auf die Brücke. Vielleicht dürft ihr mal das große Schiff steuern, wenn ihr ganz lieb fragt. Danach freut sich bestimmt Onkel Pitt über einen Besuch von euch“, schlug Jens vor. „Ich muss noch mal mit eurem Papi etwas arbeiten.“ Er winkte ihnen lächelnd nach.
Nachdem Erika und Walter mit den drei Kindern den großen Speiseraum verlassen hatten, wurde Jens wieder ernst.
„Sebi, wie haben die Mäuse ihre Entführung verkraftet?“, wollte er wissen.
„Sie haben nichts davon bemerkt. Erika und Walter sagten, sie hätten da schon geschlafen. Auch die beiden haben nur kurz etwas davon mitbekommen, weil sie einen kurzen Schusswechsel hörten“, antwortete Sebastian. „Wie Hasan sagte, sind die drei ägyptischen Soldaten, die bei ihnen waren, bei der Wache überrascht und wahrscheinlich getötet worden. Kasim ist noch immer nicht wieder zu sich gekommen. Mahmud hat schon Leute zum Anwesen geschickt, doch sie konnten noch keinen der drei Männer finden. Taucher suchen derzeit noch die Bucht nach ihnen ab.“
„Samuel hat genug zu tun. Also übernehmt ihr meinen Verbandswechsel“, entschied Jens und stand vom Stuhl auf. „So ein bisschen Salbe draufklatschen könnt ihr auch selbst. Den Rest werden dann die Ärzte im Lazarett erledigen müssen.“
Peggy und Sebastian führten Jens zurück in die Kabine und setzten ihn auf den Hocker. Gemeinsam kümmerten sie sich erst um den frischen Verband, dann träufelte Peggy ihm wieder die Tropfen in die Augen und reichte ihm die Sonnenbrille. Jens nahm sie in die Hand, aber setzte sie noch nicht auf. Er blinzelte angestrengt und versuchte, etwas zu erkennen.
Nichts. Noch immer nichts. Ich sehe nullkommanichts. Verdammt.
„Jens, Sie müssen die Augen schon noch etwas geschlossen halten, damit die Tropfen besser wirken können. Sie sollten sich noch nicht so anstrengen, etwas sehen zu wollen“, riet die Frau mit sanfter Stimme und legte dabei eine Hand auf seine Schulter. Sofort erinnerte er sich wieder an die Handschuhe, die sie trug.
„Entschuldigen Sie, Peggy“, sagte er kurz entschlossen. „Aber könnten Sie mich mit meinem Freund mal kurz allein lassen.“
Peggy stimmte zu und meinte, dass sie noch einmal nach Pitt schauen würde.
Kaum dass sie den Raum verlassen hatte und Jens hörte, wie die Tür sich schloss, richtete er sich an seinen Freund.
„Was ist mit ihren Händen los?“, fragte er mit angespannter Stimme.
„Ich weiß nicht, Großer. Sie sind eingewickelt wie die Hände eines Boxers vor einem großen Kampf, bevor er die Boxhandschuhe überzieht. Samuel hat mir nichts gesagt, als ich danach fragte, sondern nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Als ich Pitt danach fragte, meinte er, ich solle lieber nicht fragen, die Frau sei einfach nur eine Bombe und hätte Dampfhämmer benutzt. Ich bin nicht draus schlau geworden. Ich glaube, der Junge ist noch nicht wieder auf dem Damm und steht deswegen noch unter Schock, was er da gesehen hat. Aber fest steht, dass er von dem, was er gesehen hat, sehr überrascht und beeindruckt war“, antwortete Sebastian vorsichtig, nichts Falsches sagen zu wollen.
„Hat sie sonst noch Verletzungen?“, wollte Jens weiter wissen.
„Ja, aber warum fragst du sie denn nicht selbst? Redet ihr denn nicht miteinander, oder traust du dich nicht?“
„Letzteres“, gab Jens ehrlich zu. „Also, was hat sie sonst noch für Verletzungen? Und was ist das für eine Frau? Ist sie überhaupt wirklich eine?“
„Also, wenn du mich das so fragst. … Ich habe mich noch nicht getraut, genauer nachzusehen. Ich hätte Schiss vor ihrer Reaktion darauf“, witzelte Sebastian, aber wurde sehr schnell wieder ernst, als er in das Gesicht seines Freundes schaute, der das absolut nicht lustig fand.
„Sie hat noch eine Schussverletzung am Bein, weshalb sie leicht humpelt, dazu eine unterhalb des unteren Rippenbogens, eine Stichwunde am Oberarm und kleinere Schnittverletzungen von Messern. Wie Samuel mir sagte, wollte sie sofort wieder aus dem Behandlungsraum raus und zu dir. Ich glaube, sie war die Einzige, die dein lautes Schnarchen ertragen hat und nicht geflüchtet ist“, antwortete er schnell. „Sonst noch eine Frage?“
„Ja. Wie sieht sie aus?“, fragte Jens geradeheraus und begründete seine Neugier damit, dass er ja nichts sehen könne, aber wissen wolle, mit wem er es da zu tun hatte.
Doch Sebastian war klar, dass dieses Interesse eher persönlicher Natur war, und grinste Jens breit an. Er freute sich diebisch darüber, dass er seinen Freund einmal dermaßen verunsichert erleben durfte. Er überlegte kurz, wie er die Wahrheit sagen, aber dennoch alles offenlassen konnte.
„Na ja, schwer zu erklären“, fing er an und grinste dabei übers ganze Gesicht, was Jens aber zum Glück nicht sehen konnte. „Größer als ich, aber vielleicht zwanzig Zentimeter kleiner als du. Also, ein weiblicher Fast-Riese von 1,75 Meter, und sie sieht aus wie ne Bombe.“
Sebastian amüsierte sich köstlich über die Gesichtszüge seines Freundes, der sich nun versuchte, die Frau nach dieser Beschreibung vorzustellen.
„Wie gesagt, ich möchte ihr nicht im Dunkeln ohne guten Schutz von mindestens zehn starken Männern begegnen“, setzte er dann noch eins drauf. Dabei hatte er schwer zu kämpfen, sich nicht durch seine Stimme zu verraten, und musste sich das Lachen verkneifen.
„Ihr habt ihre Akte gelesen. Wie alt ist sie?“, fragte Jens ernst weiter.
„Oh, ich glaube, sie ist fünfunddreißig oder sechsunddreißig und schon fünfzehn Jahre, also von jung auf, bei dem Verein, wenn ich mich richtig erinnere. Also so ein richtiges altes Eisen bei der Navy.“ Bei dieser Antwort bog sich Sebastian vor Lachen und hielt sich den Mund zu, damit sein Freund es nicht mitbekam. Dann entschuldigte er sich eilig bei ihm, weil er nach seinen Zwillingen und Anja sehen müsse, und ließ Jens, mit seinen Gedanken einfach allein, in der Kajüte sitzen. Auf dem Weg zur Brücke schüttete er sich fast aus vor Lachen, als er sich die Fantasie seines Freundes, nach der vagen Beschreibung von ihm, vorstellte. Und wenn er an seinen Gesichtsausdruck dabei dachte, bekam er sich kaum wieder ein vor Lachen.

Jens blieb noch eine Weile nachdenklich auf dem Hocker sitzen, dann setzte er die Sonnenbrille auf und ging nach draußen. Er stellte sich an die Reling und horchte auf die Geräusche der Schiffsmotoren. Sie liefen nur noch mit halber Kraft und das Schreien von Möwen war zu hören. Ein sicheres Zeichen, dass sie sich schon in Küstennähe befinden mussten.
„Die drei Männer wurden gefunden“, vernahm Jens die Stimme von Peggy neben sich. „Sie konnten sich auf einen der Bucht vorgelagerten Felsvorsprung retten. Sie leben, aber sind schwer verwundet und leiden an starker Dehydration. Sie werden gerade ins Lazarett gebracht.“
„Gut. Und wie geht es Pitt?“, fragte Jens.
„Schon viel besser. Er erholt sich schnell und will nicht mehr liegen bleiben. Samuel hat alle Hände voll zu tun, um ihn im Bett zu halten. Wo Sie übrigens eigentlich auch noch hingehören“, antwortete die Frau.
Jens drehte sich zu ihr um.
„Und Sie etwa nicht?“, fragte er mit strenger Stimme. „Ich weiß um ihre Verletzungen. Warum haben Sie mir nichts davon gesagt? Aber kommen Sie mir nicht wieder mit der Einzelkämpfernummer. Ich weiß, dass Sie für Spezialeinsätze ausgebildet wurden. Aber hier sind Sie in einem Team.“
„Entschuldigen Sie, Sir … äh … Jens. Doch erstens war ich ja beim Arzt. Zweitens sind die Verletzungen nicht so schwer, und wenn ich Sie und Ihre Freunde sehe, ist keiner von ihnen anders. Nur weil ich eine Frau bin, heißt das noch lange nicht, dass ich unbedingt empfindlicher bin oder in Watte gepackt werden muss. Ich habe meinen Job von der Pike auf gelernt und meine Befehle sind eindeutig. Also lassen Sie mich meinen Job machen. Außerdem haben Sie mich nicht danach gefragt, und angejammert komme ich prinzipiell nicht, denn so einen Befehl habe ich nicht bekommen“, konterte Peggy. Ihre Stimme hörte sich dabei für Jens sehr angriffslustig und schneidend an.
Doch davon ließ er sich nicht einschüchtern.
„Was hat es mit den Verletzungen Ihrer Hände auf sich? Keiner konnte mir dazu etwas sagen. Und wie haben Sie die Taucher außer Gefecht gesetzt? Ich habe gehört, dass sie größtenteils auf Ihr Messer zur Verteidigung verzichtet haben. Und auf Ihre Waffe sogar ganz. Dafür waren aber die Angreifer noch voll bewaffnet, als sie hochkamen. Das war Wahnsinn in der Situation. Ja, ich weiß, ein paar haben Sie auch zu den Fischen geschickt, zwei haben Sie einfach betäubt, was auch schon verrückt genug war, denn dazu mussten Sie erst bis auf Körperkontakt an sie heran. Und erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass Sie das mit Ihren weiblichen Reizen geschafft haben. Das kaufe ich Ihnen nämlich nicht ab“, sagte Jens mit strenger, lauter Stimme.
„Ich habe meine eigene Unterwasserkampftechnik entwickelt. Die Verletzungen an den Händen sind Schrammen und aufgeschlagene Knöchel, weil ich mit den Fäusten gegen die Atemregler der Kerle geschlagen habe. Damit rechnet kaum einer. Ich nutze dafür eine Art Karatetechnik die ich fürs Wasser verfeinert habe, um die Geschwindigkeit und Schlagkraft der Fäuste zu erhöhen, die unter Wasser, wie bekannt ist, sonst herabgesetzt ist. Ich habe diese Technik nur noch nie so oft hintereinander anwenden müssen. Deshalb die aufgeschlagenen Knöchel. Und was die Betäubungsspritzen angeht, so muss ich zugeben, dass ich, wenn ich zwei oder mehrere gleichzeitig gegen mich habe, sie sehr gern als Notversicherung immer schon in der Hand halte. Daher auch mein Codename ‚schwarze Witwe‘. Ich bin der einzige Navy SEAL, der das so anwendet. Vielleicht ja, weil ich nur eine hilfsbedürftige Frau bin. Und was die Bewaffnung der Kerle angeht … Ich brauche sie nicht noch extra zu entwaffnen, wenn sie eh nicht mehr herankommen, weil ich sie schon verschnürt habe. Das wäre schade um die wertvolle Zeit“, erklärte Peggy.
Jens hörte deutlich aus ihrer Stimme heraus, dass sie sich nicht gut dabei fühlte, sich nun auch noch ihm gegenüber verteidigen zu müssen, und deshalb wohl auch ziemlich gereizt war.
„Sie schlagen Ihren Gegnern wirklich den Atemregler mit voller Kraft zwischen die Kauleisten?“, fragte Jens ungläubig, lächelte jedoch dabei, um wieder die Lockerheit in das Gespräch zurückzubekommen.
„Ja, Sir … äh … Jens. Ich hatte damit bisher immer den Überraschungseffekt auf meiner Seite, weil keiner damit rechnet. Der Rest war dann meist ganz einfach.“
„Jetzt verstehe ich auch das überraschte ‚WOW‘ von Pitt, als er das sah“, meinte Jens erheitert. „Es stimmt, was Sebi sagt. Ihnen sollte man sich nicht, mit schlechten Absichten, im Dunkeln nähern. Und einen Waffenschein auf ihre Fäuste ausschreiben zu lassen, wäre vielleicht auch nicht verkehrt. Ich hoffe, Sie können mir diese ausgefallene Technik mal zeigen. Aber nach Möglichkeit nicht gerade an mir. Ich möchte meine Vorderzähne nämlich noch etwas behalten. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich so hartnäckig darauf bestanden habe, dass Sie mir das sagen. Aber wenn ich schon nicht sehe, was um mich herum vorgeht, so möchte ich es doch wenigstens wissen“, meinte Jens und reichte ihr die Hand zur Versöhnung. Dabei fragte er sie dann besorgt nach ihren Schussverletzungen, ob sie sehr schmerzten und ob sie nicht lieber etwas dagegen nehmen möchte oder er ihr dabei aus seinem Notpack helfen könne.
In seiner Vorstellung stand nun ein Schrank von Frau vor ihm, bepackt mit Muskeln, dass sie sich kaum noch normal bewegen konnte. Immerhin hatte sie sich ja auch in den Kampf gestürzt, obwohl sie seinen Freund Pitt auf ihren Rücken geschnallt hatte, der mit seinen 1,93 Metern Größe nicht gerade leicht und handlich war.
Jens bestand darauf, dass sie sich sofort nach Ankunft noch einmal in ärztliche Behandlung beim befreundeten Doc begeben sollte, und begründete es damit, dass auch er das tun würde. Peggy versprach es.

„Oh Jens, gut, dass ich dich hier gleich finde“, sagte Oberstleutnant Kebier, als er seinen Freund mit der Frau an der Reling stehen sah. „Ich habe soeben die Meldung erhalten, dass die Maschine, die die Gefangenen abholt, die gefallenen Männer nicht mitnimmt. Die Regierung hat entschieden, dass die beiden mit ihren Angehörigen in einer Extra-Maschine heimgeholt werden sollen. Allerdings wird diese erst später eintreffen. Dafür kommen aber die Angehörigen der Männer, auf ihren eigenen Wunsch hin, bereits jetzt schon mit der Maschine mit. Sie beabsichtigen, euch, die SEALs, und uns kennenzulernen. Und vor allem möchten sie wohl Anne danken, dass sie den Tod der beiden Männer quasi gerächt hat. Ich habe schon für ihre Unterbringung im Hotel von unseren Freunden gesorgt. Ich finde es einen guten Zug von der amerikanischen Regierung, so zu handeln.“
„Ja, Mahmud. Das ist es auch. Dann werden die Angehörigen auch sehen, mit welchem Respekt ihre Toten hier behandelt werden, und sie können sich auch vor dem großen Trubel in den Staaten schon mal von ihnen in Ruhe verabschieden“, meinte Jens. „Es ist gut, dass sie nicht mit diesem Pack zusammen in einer Maschine in die Staaten zurückgebracht werden müssen, die eigentlich ihre Mörder waren.“
„Aber ich denke, die hat Anne Wildner schon erledigt?“, fragte Peggy nun etwas durcheinander.
„Ja, das hat sie, aber auch die werden zusammen mit den Gefangenen überführt. Wenn auch in einem Leichensack“, antwortete Jens erklärend.


49
Als die ‚Sinai‘ in den Hafen einlief, standen die Freunde eng nebeneinander an der Reling. Peggy trug wieder ihre Uniform und hatte ihr Haar streng nach hinten gebunden hochgesteckt. Auch Jens hatte seine Uniform wieder angezogen, obwohl sie wegen des dicken Verbandes, über dem Rücken spannte und ihm zusätzliche Schmerzen verursachte. Peggy fand, dass dieser Mann sehr schnittig in seiner Uniform aussah, auch wenn der Anlass, warum er sie jetzt trug, kein schöner war.
Noch während des Anlegemanövers schrie Peggy plötzlich laut auf. „Das kann ja nicht wahr sein! Entschuldigen Sie mich bitte.“ Und schon rannte sie davon, ohne dass einer der Männer wusste, was los war.
„Na, das fasse ich ja jetzt nicht“, sagte Pitt, der neben Jens und Sebastian stand. Seine Überraschung war ihm deutlich anzuhören.
„Was ist denn nun schon wieder? Was ist auf einmal mit Peggy? Hat sie etwas vergessen?“, fragte Jens mit besorgter Stimme. Denn er konnte noch immer nicht sehen.
„Nein, wohl eher im Gegenteil. Sie hat etwas gefunden. Peggy ist, kaum dass wir angelegt haben, noch bevor der Steg anlag, wie von der Tarantel gestochen in ihrem wirklich engen Rock, über die Reling an Land gesprungen, und liegt sich jetzt mit Pitts Frau Hatifa in den Armen“, beschrieb Sebastian für Jens, was er sah. „Die beiden heulen wie die Schlosshunde vor Freude. Da haben sich wohl zwei gute Freundinnen wiedergefunden.“
„Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ausgerechnet Peggy diese Freundin ist, von der mir Hatifa immer erzählt hat. Sie hat ihr ägyptisches Arabisch und ihre Freundin hat Hatifa dafür Deutsch und Englisch beigebracht. Die beiden waren kaum zu trennen, haben alles gemeinsam gemacht und voneinander gelernt. Bis die Eltern ihrer Freundin bei einem Tauchunfall hier im Roten Meer ums Leben kamen und sie siebzehnjährig, in die Staaten zurückgeholt wurde. Da haben sie sich dann aus den Augen verloren“, erzählte Pitt, noch immer ganz überrascht, wie geistesabwesend. „Mir hat also ausgerechnet Hatifas beste Freundin das Leben gerettet. Ich habe es nicht einmal in Erwägung gezogen oder geahnt, dass diese Freundin ausgerechnet Peggy sein könnte.“
Wie versteinert standen die drei Deutschen an der Reling und hörten vereinzelte Wortfetzen des aufgeregten Geschnatters der Frauen, die vom Wind zu ihnen herübergetragen wurden. Die beiden schienen zu versuchen, sich binnen kürzester Zeit alles zu erzählen, was in den fast zwanzig Jahren, in denen sie sich nicht mehr gesehen hatten, vorgefallen war. Als Peggy so erfuhr, dass Hatifa Krankenschwester im Militärlazarett und mit Pitt Dressler seit einem Jahr verheiratet war, bekam sie ganz große Augen und konnte es kaum glauben.
„Du bist mit Fregattenkapitän Pitt Dressler verheiratet?“, fragte sie noch einmal überrascht und fassungslos nach. Als sie sah, wie Hatifa glücklich nickte, umarmte sie ihre Freundin wieder. „Das kann doch nicht wahr sein. Und ich wusste nichts davon. Was für ein schöner Zufall. Ich bin so glücklich, dass wir uns wiedergefunden haben“, sagte Peggy mit Tränen der Freude in ihren Augen. Während die beiden Frauen sich noch in den Armen hielten, winkten sie den Männern an der Reling zu, die noch immer wie angewurzelt dastanden und völlig ungläubig und fassungslos zu den beiden Frauen hinunter schauten.
Jens dachte über das, was Pitt gerade erzählt hatte, nach. Peggy hatte immer so gesprochen, als ob ihre Eltern noch lebten. Dabei hatte sie diese bereits im Alter von siebzehn Jahren verloren.
Vielleicht hat das diese Frau ja so hart zu sich selbst werden lassen, dachte er. Aber wie konnte sie ausgerechnet zu den Tauchern gehen, wo sie doch die Eltern bei einem Tauchunfall verloren hatte? … weil sie durch sie schon zu einer guten Taucherin geworden war und tun wollte, was sie am besten konnte. Tauchen. Deshalb vielleicht die Entscheidung für die schwere Laufbahn bei den SEALs, gab er sich gleich selbst die einzig mögliche Antwort auf diese Frage. Dabei war er sich keineswegs sicher, ob das auch so stimmte.
Beide Frauen kamen an Deck. Hatifa begrüßte zuerst liebevoll ihren Mann und danach auch die andern. Wobei sie die Männer alle gleich wegen ihrer Verletzungen mit den Augen abcheckte. Peggy ging zu Jens und hakte sich so wie schon die ganze Zeit über wie selbstverständlich bei ihm unter, um ihn sicher über den schmalen Steg von Bord zu führen.
Walter und Erika kümmerten sich in der Zwischenzeit um die Kinder.
Zuerst wurden die schwerer Verwundeten vom Schiff gebracht und sofort von den Ärzten und Pflegekräften des Lazaretts übernommen. Danach trugen die ägyptischen Marinesoldaten gemeinsam mit den SEALs die amerikanischen und ägyptischen Gefallenen, die in einer Kühlkammer gelagert worden waren, durch ein gebildetes Ehrenspalier von Bord. Zuletzt waren dann die Gefangenen und deren Tote an der Reihe. Sie wurden sofort in Lkws verladen und zum Flughafen abtransportiert, wo die Besatzung einer amerikanischen Militärtransportmaschine bereits auf sie wartete.
Jens bestand darauf, ebenso wie all seine Freunde, nicht sofort hoch zum Lazarett gefahren zu werden. Sondern sie folgten den gefallenen Kameraden und Kampfgefährten, die auf Tragen ins Leichenschauhaus der Militärbasis, die sich gleich neben dem Lazarett befand, gebracht und aufgebahrt wurden, wo die Angehörigen bereits versammelt waren.
Obwohl das helle Neonlicht blendete und ihm zusätzliche Schmerzen bereitete, nahm Jens die schützende Brille ab und klemmte seine Schirmmütze unter den linken Arm. Geführt von Peggy, schritt er jeden Einzelnen der betroffenen Angehörigen der Opfer gemeinsam mit seinen Freunden ab und hatte für alle, egal ob Ägypter oder Amerikaner, tröstende, ehrlich gemeinte Worte. Zu jedem der Männer wusste er etwas zu sagen und zu erzählen. Er hatte sie alle kennen und schätzen gelernt. Auch wenn er den amerikanischen Hubschrauberpiloten nicht persönlich begegnet war, aber doch mit ihnen über Funk gesprochen hatte, konnte er auch zu ihnen etwas sagen. Jens erinnerte sich an jeden einzelnen der gefallenen Männer und teilte den Angehörigen genau mit, welchen Kontakt er mit ihnen hatte und was er bei ihrem Verlust empfand. Allen gab er persönlich die Hand und verneigte sich ehrfurchtsvoll vor jedem Einzelnen. Auch Pitt, Sebastian, die amerikanischen SEALs und die ägyptischen Freunde taten es ihm gleich. Dabei entgingen den Angehörigen der Gefallenen nicht die schweren Verletzungen der Männer. Besonders fiel ihnen die ebenfalls bandagierte Frau in der amerikanischen Navy-Uniform auf, die den deutschen Flottillenadmiral führte, der bei dem Kampf schwerste Verletzungen erlitten haben musste und, wie es schien, sein Augenlicht verloren hatte. Auch bei den anderen Männern entdeckten sie Verbände und bemerkten, wie schlecht und übermüdet sie aussahen. Daran erkannten sie, dass die Worte, die sie in Trauer und als Trost zugesprochen bekamen, auch ernst gemeint und aufrichtig waren.
Peggy und die anderen Navy SEALs, zu denen auch wieder Tom Cater und Max Simpsen gestoßen waren, die hier im Lazarett für Anne Blut gespendet hatten, waren zutiefst beeindruckt von dem Verhalten der deutschen und ägyptischen Männer.
Peggy, die den Arm von Jens hielt, um ihn zu führen, merkte deutlich, wie sehr den Mann das mitnahm. Sie erkannte, dass auch nicht eine Geste von ihm gespielt oder nur aufgesetzt war. Alles waren echte Gefühle, die er zum Teil sogar noch unterdrücken musste, um seine Fassung zu bewahren. Die Navy SEALs, ägyptischen Matrosen und Marinetaucher wurden danach vom Lazarettpersonal abgeholt und in die Behandlungsräume geführt.
„Jens, Sir, das reicht jetzt. Sie können nicht mehr“, flüsterte Peggy ihm zu, als er sie darum gebeten hatte, ihn mit in die Leichenkammer zu führen, wo die zehn Männer für ihre Angehörigen aufgebahrt worden waren.
„Nein, Peggy, es reicht noch lange nicht. Wenn Sie das nicht können, dann bleiben Sie hier. Aber das Mindeste, was diese Männer und ihre Angehörigen verdienen, ist, dass wir ihnen unseren nötigen Respekt zollen“, erklärte Jens ebenso leise. „Sebi, Pitt führt ihr mich mit rein. Die Lady kann nicht mehr“, sagte er dann an seine Freunde gewandt.
„Nein, ich kann das. Ich dachte dabei nur an Sie“, wehrte Peggy sofort ab, fasste fest die Hand von Jens und drückte zu, dass er sich wunderte, woher diese Frau die Kraft dafür nahm.
„Okay, Peggy. Bitte führen Sie mich jetzt in die Mitte vor die Särge und stellen Sie sich mit neben uns auf“, sagte Jens fest und bestimmt. „Aber hören Sie bitte auf, meine Hand zu zerquetschen, wenn Sie nicht wollen, dass ich mich deshalb vor Schmerzen krümme und zu schreien anfange.“
Erschrocken sah die Frau auf, entschuldigte sich und ließ den festen Griff ihrer Hand schnell wieder locker.
Gemeinsam mit den drei Freunden, Oberstleutnant Kebier und den vier Kapitänen der ägyptischen Marineschnellboote betrat sie den abgedunkelten, klimatisierten Raum, der nur von Kerzen erhellt wurde. Peggy führte Jens, so wie von ihm gewünscht, direkt in die Mitte vor die zehn Särge. Pitt, Sebastian, Mahmud und die Kapitäne traten links und rechts neben sie. Gemeinsam verneigten sie sich tief vor den Särgen mit den gefallenen Soldaten. Jens sprach ein Gebet, das beiden Religionen entsprach, auf Deutsch, welches erst Sebastian ins Arabische und dann Pitt ins Englische übersetzte. Dabei legten die SEALs und die ägyptischen Marinesoldaten Flaggen der jeweiligen Nation auf die entsprechenden Särge und salutierten gemeinsam mit den Freunden davor. Danach drehten sie sich auf das leise Kommando von Jens um einhundertachtzig Grad und verneigten sich ebenso tief vor den Hinterbliebenen der Gefallenen. So leise, wie sie den Raum betreten hatten, verließen sie ihn auch wieder gemeinsam im Gleichschritt, um den Angehörigen die für sie nötige Zeit des Abschiedes zu lassen.
Draußen auf dem Gang wartete schon der Generalstabsarzt mit seinen Leuten. Sofort trat der kleine Ägypter auf Jens zu und schaute in seine blutunterlaufenen Augen.
„Peggy, wenn ich vorstellen darf. Dieses kleine, nervige Männlein ist unser guter Freund Generalstabsarzt Professor Doktor Mechier, oder einfacher gesagt unsere gute Seele und kurz genannt Doc“, stellte Jens den Arzt vor.
„Doc, und das ist Master Chief Petty Officer Peggy Shumaker, die ich gern in deine Hände geben möchte.“ Freundlich reichte der Arzt der Frau die Hand und sah die dick getapten Verbände um ihre Hände.
„Doc, schau dir bitte ganz besonders ihre Hände an, aber auch ihre Schussverletzungen und die diversen Stich- und Schnittwunden. Und lasse dich nicht von ihr aufs Glatteis führen“, sagte und warnte Jens den Arzt.
„Oh, bei Allah. Nein, nun sag nur nicht, dass sie ebenso verrückt ist wie ihr Deutschen!“, rief der Doktor erschrocken aus.
„Ich denke schon, ja, Doc. Zumindest kam sie mir so vor“, antwortete Jens lächelnd.
„Allah bewahre mich vor weiteren Verrückten wie euch“, flehte Kebier und lachte dabei. „Lady, ich hoffe, Sie sind vernünftiger als diese Sturköpfe“, sagte er an Peggy gerichtet, dann wandte er sich wieder Jens zu. „Ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass du außer dem Problem mit den Augen auch Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf dem Rücken hast. Bist du damit nun rundum gut durchgebraten oder was hast du sonst damit bezweckt? Ich schaue mir das dann persönlich an, nachdem du beim Augenarzt warst und ich mir die Lady angesehen habe. Ich weiß, dass du mich eh nicht eher an deinen Rücken heranlassen würdest. Also spare dir die Puste. Ich weiß nicht, ob du diesen Blödsinn von Andy hast oder Andy von dir. Da steige ich nie dahinter. Oh, Pitt und bevor du zu Hatifa abhaust und sie von der Arbeit abhältst, schaut dich mein Kollege an. Und du, Sebi, bekommst Kim auch erst zu sehen, wenn du von meinem anderen Kollegen hier freigegeben wirst. Und bevor ihr noch herummault: Alle anderen verletzten Männer sind auch schon auf dem Weg ins Lazarett“, verteilte der Generalstabsarzt gleich den geballten Rundumschlag zwischen den Freunden. Er kannte sie einfach schon zu gut, um anders mit ihnen zu reden.
Peggy imponierte das. Sie musste laut lachen, als die Männer knurrend und widerwillig den Ärzten folgten.
„Nun, kleine Miss Peggy, wie hätten sie es gern?“, fragte der Arzt dann plötzlich. „Auf Arabisch, Englisch oder Deutsch? Sie sind mir nun aber ganz schön über den Kopf gewachsen.“ Abrupt blieb die Frau stehen. Diese Anrede weckte Erinnerungen in ihr. Forschend sah sie in das Gesicht des kleinen Ägypters, der sie regelrecht anzustrahlen schien.
„Du … Verzeihung, … Sie … waren mein Onkel Doktor Abdul“, erinnerte sich Peggy wieder. „Sie haben mir die Mandeln rausgenommen und mich danach mit einem Eis wieder zum Lächeln gebracht. Und du hast immer meine kleinen Wehwehchen versorgt.“
„Richtig, mein Kind. Ich habe dich sofort wiedererkannt. Außer dass du noch mal ganz schön gewachsen und so eine richtig schöne Frau geworden bist, hast du dich überhaupt nicht verändert. Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Und nun schauen wir uns mal an, wovon Jens gesprochen hat“, sagte der Arzt und schob die Frau in einen der Behandlungsräume.
Während Doktor Mechier Peggys Wunden genau ansah und behandelte, erzählte sie ihm, was sich in der Zwischenzeit bei ihr alles ereignet hatte. Dabei runzelte der Arzt mitunter besorgt die Stirn und hörte weiter gespannt zu.
„Hat es dich denn nie wieder hierher zurückgezogen, Kleine?“, fragte er nach einer Weile.
„Doch schon. Aber ich habe mich nie so richtig getraut, Doktor. Ich hatte Angst vor der Erinnerung an die Vergangenheit“, antwortete sie.
Der Arzt wusste genau, was sie meinte.
Damals hatte sich die tragische Rettungsaktion ihrer Eltern für sie selbst sehr traumatisch gestaltet. Peggy musste mitansehen, wie sie starben. War sie doch an diesem Tag mit ihren Eltern zum Tauchen gewesen und konnte, als Einzige lebend, geborgen werden.
„Weißt du was, Kleine, bleib einfach bei Onkel Doktor Abdul oder wie die deutschen Chaoten mich gern nennen, bei Doc oder einfach Abdul. Ich freue mich sehr, dass du nun doch hier bist und du, wenn auch nur notgedrungen, bei deinem alten Doktor vorbeischaust. Du bist eine wunderhübsche Frau geworden. Da du ja, wie du sagst, für Jens, Pitt, Andy und Sebi eingeteilt bist, werden wir uns bestimmt öfter sehen, denn er wird sicher wieder bei seinen Freunden Andreas, der kleinen Anja, Anne sowie mit ihren Eltern, Pitt und Hatifa wohnen. Na ja, und die wohnen alle mit mir zusammen. Sebastian und Kim mit ihren Zwillingen sind auch sehr oft zu Gast im Palast, und werden in den nächsten Wochen da auch einziehen. Außerdem bekommen wir immer sehr viel Besuch von guten Freunden. Es wird dir gefallen. Da bin ich mir ganz sicher“, erzählte der Arzt euphorisch.
„Aber was ist mit deinen beiden Söhnen, deiner Frau und deinen Eltern? Ihr habt doch den Palast allein bewohnt. Haben die nichts dagegen, wenn auf einmal da so viel Trubel herrscht?“, fragte Peggy und bereute im nächsten Moment diese Frage, als sie in das Gesicht des kleinen, lieben Mannes sah.
„Das stört sie ganz bestimmt nicht. Sie sind vor fünf Jahren in der Wüste bei einem feigen Anschlag im Granatenhagel ums Leben gekommen“, antwortete der Arzt traurig. „Aber diese Männer, mit denen du gekommen bist, haben vor drei Jahren gemeinsam mit ihren anderen Freunden, ihre Mörder entlarvt und fassen können.“ Dann hellte sich sein Gesicht wieder auf und er lächelte die Frau an. „Für mich allein war der Palast einfach viel zu groß geworden. Ich brauchte ihn nicht mehr. Ich habe ihn Andy und Anne überschrieben. Sie suchten gerade ein neues Zuhause, weil ihrs in die Luft geflogen war. Aber das ist eine lange Geschichte. Auf jeden Fall haben sie den Palast nur unter der Bedingung bezogen, dass ich auch da bleibe. Nun habe ich mit Anne und Andreas eine neue große Familie bekommen. Diese Familie ist durch Kinder und gute Freunde schnell gewachsen und macht mir viel Freude. Es wird nie langweilig. Auch wenn sie alle zugegeben etwas verrückt sind, wie man ja wieder einmal sieht.“
„Was meinst du, Doktor Abdul? Wird Jens Arend wieder sehen können?“, fragte Peggy nach einer Weile. Dabei hörte der Arzt deutlich die Besorgnis in der Stimme der Frau heraus, die er schon als kleines Mädchen kannte.
„Du magst diesen Mann. Habe ich Recht.“
„Ja, Doktor Abdul. Ich glaube schon. Es gibt nur ein Problem: Er hat mich noch nie gesehen und ich glaube, er stellt sich mich als Monster oder Mannweib vor. Zumindest kommt es mir manchmal so vor. Er hält immer gebührenden Abstand und ist sehr förmlich mir gegenüber. Dabei ist er aber immer höflich und korrekt. Ja, manchmal sogar besorgt. Oder hat er zu Hause eine Frau und Familie, die auf ihn wartet?“
„Nein. Kleines. Er hat keine Familie. Ebenso wie du hat er immer den Dienst vorn angestellt. Dass er dich aber als Monster oder Mannweib sieht, glaube ich nicht. Auch wenn er dich nicht sehen kann. Außer du hast ihm dazu Anlass gegeben, das zu denken“, sagte der Arzt und schaute forschend in ihr Gesicht und stellte dann trocken fest: „Du hast also … wirklich?“
„Aber, Doktor. … Ich habe doch nur meinen Job gemacht und befolge meine Befehle“, rechtfertigte sich Peggy.
„Weißt du Kleines, egal aus welchem Land sie kommen oder welcher Religion sie vielleicht angehören, solche Männer wollen beschützen und nicht beschützt werden, und das betrifft vor allem das schwache Geschlecht. Auch wenn es, wie in deinem Fall, sehr stark sein kann. Männern macht eine starke Frau, die mit allem allein zurechtkommt, einfach nur panische Angst“, erklärte Doktor Mechier.
Als es an der Tür klopfte, verstummte ihr Gespräch. Kurz darauf betrat Jens das Sprechzimmer.
„Nur keine Sorge, ich kann eh nichts sehen“, sagte er entschuldigend, zeigte auf den dicken Augenverband und schloss hinter sich die Tür. „Einer deiner Sanis hat mich hergebracht. Wie sieht es aus, Doc? Bekommst du Master Chief Petty Officer Shumaker wieder hin?“, fragte er, um Lockerheit bemüht.
„Wenn du meine kleine Miss Peggy meinst, die ich schon als kleines Mädchen behandelt habe, dann kann ich dir sagen: Ja. Sie wird schon in wenigen Tagen wie neu sein“, antwortete der Arzt und musste über das erstaunte Gesicht seines Freundes schmunzeln. Dabei zeigte er Peggy, dass sie ganz leise sein solle.
„Wie? Kennst du diese Frau etwa auch?“, fragte Jens interessiert und ließ sich von Abdul zur Behandlungsliege führen. „Wie geht es ihr? Hast du etwas gegen ihre Schmerzen getan? Sie muss schlimme Schmerzen haben, die sie aber sicher überspielt, denn Sebi sagte mir, dass sie manchmal ziemlich stark hinkte, wenn sie sich nicht beobachtet fühlte“, sagte Jens besorgt, während er sich auf die Liege setzte und sein Uniformhemd auszog. Dabei sah der Arzt deutlich, dass ihm jede Bewegung schmerzte. Am liebsten hätte Peggy sofort geholfen, doch Abdul hielt sie mit einer leichten Geste zurück.
„Es geht ihr den Umständen entsprechend gut, Jens. Du brauchst dir keine Sorgen machen“, versuchte Abdul, seinen Freund zu beruhigen.
„Aber hast du dir auch ihre Hände, vor allem die Knöchel und Mittelhandknochen, angesehen und sie vorsichtshalber röntgen lassen? Diese kleine Miss, wie du sie nennst, hat damit nämlich wie ein Dampfhammer zugeschlagen. Ich persönlich möchte nicht einer der Kerle gewesen sein, die sie mit ihren Fäusten getroffen und in den Schlaf geschickt hat“, sagte Jens.
Abdul schaute erstaunt zu Peggy hoch, die in der Ecke stand und nur verlegen die Schultern hob.
„Ich habe mir ihre Hände angesehen“, antwortete Abdul ganz ruhig und fragte dann noch: „Aber warum hätte ich sie röntgen sollen?“
„Weil die Knochen bei solch einem Schlag einfach nicht heilbleiben können. Und Peggy hat diesen Schlag bei mehreren der Kerle angewendet“, erklärte Jens nun schon leicht gereizt. „Doc, wenn man unter Wasser gegen einen Atemregler drischt, dass die Zähne nach hinten wandern, obwohl der Kerl das Mundstück dabei noch fest zwischen den Kauleisten hält, weil er glaubt, dass der Regler ihm rausgerissen werden soll, ist es wie wenn man mit voller Wucht gegen eine Betonwand schlägt. Du musst dir ihre Hände noch einmal ansehen. Auch wenn es halbe Hämmer sind, da kann nichts heilgeblieben sein.“
„Aber Jens, was erzählst du da für einen Schwachsinn? Peggy hat ganz normale, zierliche Frauenhände und sie konnte alle Finger bewegen, also keine Anzeichen für einen Bruch“, antwortete Abdul Mechier leise. Jens lachte kurz auf.
„Ja klar, Doc. Zierliche Hände. Und da passen ihr ausgerechnet meine Neoprenhandschuhe. Wenn Peggy zierliche Hände hat, dann sind meine Backerschaufeln nur Kleinkindhändchen, denn ich würde mir das nicht zutrauen. Und wenn, dann wären meine Mittelhandknochen jetzt zumindest stark geprellt oder eben gebrochen. Nein Doc, das schafft kein normaler Mensch. Also schaue dir ihre Hände bitte noch einmal genauer an“, verlangte er.
„Ich habe mir die Hände genau angesehen, Jens. Es handelt sich dabei um Abschürfungen. Ja, und zugegeben auch um ziemlich starke Prellungen und Stauchungen. Dazu an den Handflächen ein paar, wenn auch große, aufgestochene Blasen, die aber gut abheilen. Nicht mehr“, antwortete Abdul Mechier noch immer ruhig und schnitt dabei seinem Freund den Verband auf.
„Und die Schusswunde?“, wollte Jens nicht locker lassend wissen. „Was ist damit? Sebi sagte, sie hätte gehinkt wegen der Verletzung am Bein. Und was ist mit der Verletzung am unteren Rippenbogen?“
„Jens, beruhige dich doch endlich wieder. Die Pfeilprojektile hat Samuel schon auf dem Boot herausgeholt und die Wunden sehen gut aus. Was willst du eigentlich?“, fragte der Arzt seinen Freund nun selbst genervt und zwinkerte dabei aber Peggy in der Ecke zu.
„Doc, mit diesen Verletzungen hat sie sich noch unseren fetten Pitt aufs Kreuz gebunden und weiter gekämpft“, erklärte Jens. Nun schaute Abdul noch erstaunter in Richtung der Frau. Wieder hob sie nur die Schultern und lächelte dem Arzt verlegen zu.
„Mensch, Abdul. Sie hat Pitt das Leben gerettet, indem sie ihn erst schnell notdürftig versorgt und ihn sich dann über ihre Stahlflasche auf den Buckel geschnallt hat. Und mit Pitt so in voller Montur auf dem Rücken, der sich kaum noch rühren konnte, ist sie noch mal losgezogen und hat vier weitere Kerle ausgeschaltet, bevor sie mit ihm und drei der Kerle wieder hochgekommen ist. Erzähle du mir nun nicht, dass das normal ist. Schon gar nicht für eine Frau, die noch dazu um einiges kleiner als Pitt ist. Weißt du, mit welcher Wasserverdrängung und welchem Widerstand sie da so ganz nebenbei noch zusätzlich zu kämpfen hatte?“
„Aber du hast doch an Anne gesehen, wie eine Frau über sich hinauswachsen kann. Und wenn ich dich hier ansehe, dann bist du auch wieder weit über deine Grenzen gegangen. Warum sollte das eine Frau nicht können? Eine Frau kann vielleicht mehr Schmerzen ab als wir meinen. Denke doch nur mal ans Kinderkriegen. Ich glaube, wir Männer wären da um vieles wehleidiger“, setzte der Freund entgegen. „Auch wenn du es nicht verstehen oder wahrhaben willst, Peggy ist wirklich eine ganz normale, hübsche Frau.“
„Wenn man Panzer, als Frauen mag, dann inschallah Abdul. Sprich, so Gott will“, sagte Jens, leise vor sich hin murmelnd, und legte sich bäuchlings auf die Liege. Laut sagte er dann aber: „Wichtig ist mir hauptsächlich, dass es Peggy schnell wieder gut geht. Also tue alles für sie, was in deiner Macht steht, Doc. Ich will nicht, dass sie Schmerzen hat. Sie ist ein guter Mensch und eine sagenhafte Frau.“
Doktor Mechier nahm vorsichtig die großen Kompressen vom Rücken seines Freundes und schaute sich sowohl die Verbrennungen als auch die anderen Verletzungen an.
„Na, viel ist von deinem Rücken ja wirklich nicht übrig geblieben“, stellte er fest. „Und wie sieht es mit den Schmerzen aus? Aber ehrlich, und zwar ganz ehrlich.“
„Kurz vor meiner oberen Grenze, die ich selbst gerade noch beherrschen kann. Aber das liegt wohl auch an dem restlichen Nervengift, das noch nicht aus dem Körper raus ist. Es ist, als würde ich auf einem feinen Feuerchen von innen geröstet“, antwortete Jens ehrlich. Peggy, die noch immer hinten in der Ecke stand, hielt sich vor Schreck die Hände vor den Mund.
„Also sind die Schmerzen, mal für normale Menschen übersetzt, unerträglich. Und warum hast du dann nicht noch was von dem Serum, gegen das restliche Nervengift genommen?“, fragte der ägyptische Militärarzt.
„Weil ich keines mehr habe. Wir haben einen Teil auf dem Flugzeugträger gelassen. Die vorletzten Einheiten haben Sebi, Jack, Pitt und Peggy mit runterbekommen und auch gebraucht. Dann habe ich Samuel gebeten, vorsichtshalber Pitt heimlich noch eine Dosis zu spritzen. Hätte er es gewusst, dann hätte er sich geweigert, sie zu bekommen. Ich kenne den Sturkopf doch. Aber weil er zusammengebrochen war und auch noch Restgift im Körper hatte, habe ich darauf bestanden. Und die letzte Ballonspritze habe ich Peggy heimlich injiziert, als ich kurz wach wurde und merkte, dass sie neben mir am Bett auf dem Stuhl eingeschlafen war. Sie hat den Einstich nicht einmal gemerkt, so kaputt war sie“, erzählte Jens. „Verstehst du, Doc? Ich wollte einfach sicher gehen, dass sie nicht doch das Gift erwischt hat.“
„Aber sie hatte doch schon genug Gegenserum im Körper gehabt. Und da hast du ihr noch deine letzte Ration gegeben, obwohl dir das Blut in den Adern kocht und dir doch klar sein muss, dass deine Augen davon bestimmt nicht besser werden? Mensch, Junge, das Zeug zerfrisst dich!“, warf der Arzt dem deutschen Flottillenadmiral vor. „Bloß gut, dass wir für Anne nicht das ganze Serum gebraucht haben. Bleib hier liegen und hau ja nicht ab. Ich bin gleich wieder da. Ich hole es nur schnell.“
Dann hörte Jens die Schritte vom Doktor und lauschte angespannt, als er noch weitere Schritte vernahm, die sich ebenfalls in Richtung Tür entfernten.
Peggy. Das war gerade Peggy, schoss es ihm durch den Kopf. Sie war also doch noch mit im Raum gewesen. Nun betitelte sich Jens selbst als einen Vollidioten. Warum hatte ihm der Doc nicht gesagt, dass sie noch im Zimmer war? Und warum hat sie nichts gesagt? Gerade sie sollte doch nichts von seinen Schmerzen erfahren. Er ließ sich noch mal durch den Kopf gehen, was er alles vor dem Doc über sie gesagt hatte. Jens kam zu dem Schluss, dass er viel mehr als nur ein Vollidiot gewesen war und wohl in jedes Fettnäpfchen getreten war, das sich im Umkreis von mehreren Meilen finden ließ. Er musste nun vor Peggy wie ein Macho und Ekelpaket dastehen.
Jens hörte den Arzt zurückkommen. Kurz darauf merkte er den Einstich der Nadel in seinem Oberschenkel, und den leichten Druck, als das Serum durch die Kanüle in seine Muskulatur gedrückt wurde. Die zweite Injektion setzte Abdul Mechier dann in die Halsschlagader seines Freundes. Danach kümmerte sich der Arzt wieder um die Verbrennungen auf dem Rücken des Mannes und entschied sich für einen operativen Eingriff unter Vollnarkose, um die Hautstruktur durch Transplantationen zu verbessern und eine schnellere Heilung zu gewährleisten.
Als Jens dazu schwieg, was Abdul so von ihm nicht kannte, wusste er Bescheid.
„Du weißt also, dass Peggy noch mit im Zimmer war“, stellte er leise fest.
Jens nickte nur.
„Jetzt ist sie nicht wieder mit da. Ich habe sie vorsichtshalber doch noch zum Röntgen geschickt.“
„Gut“, kam nur kurz von Jens zurück. Mehr sagte er nicht. Was für ihn untypisch war. Bereitwillig ließ er sich für die Operation fertig machen. Als er in den Operationssaal geschoben und an die Überwachungsgeräte angeschlossen wurde, war er bereits vor Erschöpfung fest eingeschlafen.

Fortsetzung folgt

 



 
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