Anthrax – Teil 13

Sonja59

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Anthrax - Teil 12

Anthrax
Teil 13

50
Langsam kam der Mann wieder zu sich. Er spürte, wie ihm die Lippen befeuchtet wurden. Ein regelmäßiges, leises Piepen war anfangs wie aus nebliger Ferne, lauter werdend neben ihm, zu hören. Er fühlte sich schlaff und müde. Trotzdem wollte er die Augen öffnen, um der Dunkelheit zu entfliehen. Es gelang ihm nicht. Nur langsam setzte die Erinnerung ein. Natürlich, er trug einen Augenverband. Leicht öffnete er den Mund und sog die kühle, erfrischende Flüssigkeit von seiner Unterlippe.
Jens war noch benommen und spürte keinerlei Schmerzen. Wie aus weiter Ferne drang die rauchige Stimme von Peggy an sein Ohr.
„Jens? Sir?… Wie geht es Ihnen?“
Noch während er leicht nickte, döste er bereits wieder weg.
Als er erneut wach wurde, hörte er ein seltsam klingendes Flüstern, als säße er in einem Blecheimer und die Stimmen tanzten um ihn herum. Aber er konnte nichts verstehen, so sehr er sich auch darauf konzentrierte. Dann spürte er eine warme Hand am Handgelenk und wie Finger nach seinem Puls tasteten.
„Ihr braucht nicht nach dem Puls zu fühlen. Ihr hört doch das Piepsen in dem Kasten, der meinen Herzschlag überwacht, also wisst Ihr auch so, dass ich lebe. Stellt das Ding endlich ab, das nervt“, grummelte Jens, die Lippen dabei kaum bewegend. Er hörte ganz in seiner Nähe ein erleichtertes Auf- und wieder Ausatmen. Direkt neben sich erkannte er die Stimme seines Freundes Doktor Mechiers.
„Du hast uns hier ganz schön auf Trab gehalten, mein Freund. Herzlich willkommen zurück. Wie geht es dir?“
„Wenn du es, so wie ja immer, ehrlich wissen willst: beschissen. Und das, obwohl ich keine Schmerzen habe. Was war denn los? Wie geht es den anderen?“, kam leise, eigentlich fast unverständlich genuschelt von Jens zurück, sodass Abdul mit seinem Ohr ganz nah an ihn heranrücken musste, um es überhaupt zu verstehen.
„Ihnen geht es allen besser als dir. Du solltest noch etwas schlafen, um dich zu erholen“, antwortete der Arzt und drückte auch schon ein Medikament in den gelegten Venenzugang an seinem Handrücken. „Damit wird es dir bald wieder besser gehen“, kommentierte er es und überprüfte die Infusionsgeschwindigkeit des Tropfes.
„Hatifa, sieh zu, dass der Bursche, immer wenn er wach ist, so viel wie nur möglich trinkt, auch wenn es ihm zu den Ohren wieder herauslaufen sollte“, sagte der Arzt dann an Pitts Frau gewandt, die ebenfalls eine gute Freundin war und bei ihm im Lazarett als Krankenschwester arbeitete. „Und lasse dich dabei ruhig von Peggy ablösen. Sie tut das sicher gern.“
„Eiyoua, Doc“, antwortete die zierliche Frau und setzte sich auch schon an die Seite von Jens, als er gerade wieder wach wurde, und führte eine Schnabeltasse an seine Lippen.
„Was ist das?“, wollte Jens wissen, bevor er davon trank.
„Tee, du Macho-Held“, antwortete Hatifa lächelnd. „Nun trink schon. Du hast den Doc gehört.“
„Na toll, Peggy hat dir schon brühwarm von meinem verbalen Tritt in alle Fettnäpfchen dieser Welt, erzählt“, murmelte Jens wenig begeistert. Er trank den ersten Schluck des Tees. „Igitt, ist das Zeug eklig.“ Angewidert verzog er das Gesicht und drehte den Kopf weg.
„Sie ist jetzt sauer auf mich. Stimmt’s? Hilf mir bitte, Hatifa, damit ich das wieder gutmachen kann“, sagte er mit fast schon flehender Stimme.
„Ich bin nicht sauer“, hörte er nahe bei sich Peggys ruhige und doch immer noch wie aus einem Blecheimer klingende Stimme. „Eher im Gegenteil. Noch nie hat sich jemand, seit meinem 17. Lebensjahr, wieder so viele Sorgen um mich gemacht. Das Gefühl kannte ich schon gar nicht mehr. Danke, Sir. Und was die Dampfhämmer betrifft, so nehme ich es großzügig als Kompliment.“
Jens’ Gesicht verfärbte sich zunehmend rot und er musste schwer schlucken.
„Bitte verzeihen Sie mir, Peggy“, brachte er noch immer schwach und leise, ganz verlegen, heraus. „Aber ich habe so etwas einfach noch nie zuvor gehört.“
„Ist schon gut, Sir. Es steht unentschieden. Sie waren dafür nicht ehrlich zu Ihren Freunden und mir, weil Sie nichts von Ihren wahren Schmerzen gesagt haben, es aber von den anderen und mir immer verlangten“, konterte sie und legte ihre verbundene Hand auf die seine, die er nur sehr vorsichtig und locker umfasste.
„Danke, Peggy“, sagte er erleichtert und bemerkte, dass sie zumindest an ihrer rechten Hand, keinen Gips, sondern einen ziemlich dicken und festen Verband trug. Er traute sich, den Verband genauer zu befühlen, froh darüber, dass Peggy ihre Hand nicht gleich wieder wegzog.
„Den hat aber unmöglich Abdul oder eine der Schwestern gebunden“, stellte er vorsichtig fest. „Das ist ein Verband, wie ihn die Boxer unter ihren Handschuhen tragen.“
„Richtig erkannt, Sir“, antwortete Peggy.
„Aber Sie wollen doch hier nicht in den Ring steigen oder gar mich zu Boden schicken, wenn ich dieses scheußliche Zeug nicht trinke?“
„Nein, das nicht unbedingt. Aber jetzt, wo Sie es sagen … Ja, das wäre eine Überlegung wert. … Aber im Ernst. Ich finde diese Verbände für mich und meine Arbeit einfach praktischer. Sie sind mit Absicht so fest“, antwortete Peggy sicher. „Ich bin immer noch im Dienst, Sir“, erklärte sie und nahm Jens damit schon die Frage ab, wofür die Verbände so praktisch und fest sein müssen, wie für einen Schläger. „Aber jetzt trinken sie den Tee. Und keine Widerrede. Sonst überlege ich mir das mit dem blauen Auge für Sie doch noch anders.“ Vorsichtig hob sie dabei den Kopf von Jens leicht an und führte die Schnabeltasse an seine Lippen, die ihr Hatifa gereicht hatte.
Artig trank Jens weiter den Tee, der ihm scheußlich bitter schmeckte und aus wer weiß was für Kräutern des befreundeten Beduinenvolkes gebraut sein musste, mit denen Hatifa und seine Freunde regen Kontakt pflegten.

Jeden Tag saß Peggy mehrere Stunden am Bett von Jens und vertrieb ihm die Zeit mit Gesprächen oder las ihm vor, während er noch streng liegen musste. Sie begleitete ihn zu Behandlungen und erzählte ihm, was sie alles gesehen und erlebt hatte, wenn sie in Hurghada unterwegs gewesen war.
„Jens, morgen kommt die Maschine, um die beiden gefallenen SEALs und ihre Angehörigen abzuholen“, informierte sie ihn, bevor sie sich zum Abend von ihm verabschiedete. „Der Doc hat gesagt, Sie dürfen mit raus, sollen sich aber nicht zu sehr anstrengen. Ich habe Ihre Uniform dafür schon reinigen lassen. Wir sehen uns also morgen auf dem Flugfeld. Ich werde die Angehörigen vom Hotel zum Flughafen begleiten, wenn Sie nichts dagegen haben. Pitt, Sebi und Andy werden Sie von hier abholen und zum Flughafen begleiten.“
„Wann kommt die Maschine?“, wollte Jens wissen.
„Schon am frühen Morgen. Aber die Zeremonie ist, wegen des hohen Luftaufkommens auf dem Flugplatz, erst für fünfzehnhundert geplant“, antwortete Peggy und wunderte sich etwas darüber, dass Jens davon noch nichts wusste.
Bevor sie ging, bat er sie noch darum, ihm doch bitte den Doc vorbei zuschicken.
Kaum, dass Abdul Mechier das Zimmer betreten hatte, ahnte er bereits, was auf ihn zukommen würde.
Jens stand mitten im Raum, die Fäuste in seine Seiten gestemmt, den Kopf zur Zimmerdecke erhoben, und lauschte auf die Schritte, die sich ihm nur langsam näherten.
„Doc, ich brauche einen dünneren Verband und die Augenverbände müssen runter“, forderte er mit fester Stimme. „Ich will morgen nicht als Krüppel da im Spalier stehen. Und ich will wissen, ob ich wieder richtig sehen kann, und wenn es auch nur ein paar Schatten wären.“
„Rege dich nicht auf. Ich habe schon mit dem Augenarzt gesprochen, weil ich mir das denken konnte. Er kommt dann gleich zu dir und dann sehen wir weiter“, meinte der Arzt beruhigend. „Eigentlich finde ich es nicht gut, dass du auch im Spalier stehen willst. Ich dachte eigentlich eher daran, dass du da eben nur so am Rand mit dabei bist und dich jederzeit zurückziehen kannst. Denn eigentlich solltest du noch jegliche Art von Anstrengung meiden. Aber ja … ich weiß, dass ich dich nicht davon abbringen kann. Nur wirst du die starke Hitze auf dem völlig ungeschützten Flugfeld unmöglich lange aushalten. Und du weißt auch, dass du danach, egal wie lange du die sengenden Strahlen der Sonne auch erträgst, wieder hier einziehen wirst.“
„Oh nein, Abdul. Bitte tue mir das nicht an. Ich kann doch ebenso bei euch zu Hause in meinem Zimmer oder am Pool herumliegen, um mich zu erholen. Bitte, ich war doch jetzt die Tage wirklich sehr geduldig“, wand sich Jens regelrecht, um den Arzt zu überzeugen. „Und du musst zugeben, dass ich ein guter Patient war.“
„Ja, das warst du. Allerdings nur so lange, wie es dir noch echt dreckig ging, warst du ein sehr artiger Patient“, antwortete Abdul Mechier lachend. „Jens, du bist dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen. Wir mussten dich zweimal zurückholen und dachten deshalb schon, dir würde der Platz neben Allah besser gefallen als der bei uns. Das ist erst ganze vier Tage her. Gib deinem Körper doch bitte eine Chance.“
„Aber das tue ich doch, Doc. Ich verspreche, mich zu schonen. Nur du weißt auch, dass ich mir nie verzeihen könnte, morgen nicht dabei zu sein. Es ist für mich sehr wichtig“, erklärte Jens und ließ sich von dem Arzt und guten Freund den Verband erneuern. Dann warteten sie gemeinsam auf den Augenarzt. Abdul blieb auf Wunsch von Jens während der Behandlung bei ihm. Eigentlich wäre er auch so geblieben, weil er selbst auf das Untersuchungsergebnis gespannt war. Doch dass Jens ihn explizit darum gebeten hatte, empfand er als sehr angenehm. Es zeigte ihm aber auch, dass sein Freund wegen dieser für ihn so wichtigen Untersuchung verunsichert und vielleicht im Inneren etwas ängstlich war und ihn als Vertrauten zur Unterstützung an seiner Seite haben wollte.
„Mister, Arend“, sagte der Augenarzt streng, nachdem er den Verband entfernt und seine Augen im dunklen Raum genau untersucht hatte. „Ich lasse den Verband ab. Aber nur unter einer Bedingung. … Ich bestehe darauf, dass sie ihre Sonnenbrille immer tragen. Immer wenn Sie sich außerhalb von abgedunkelten Räumen aufhalten. Immer wenn Räume hell erleuchtet sind. Immer wenn Ihnen wegen welchen Lichteinfalls auch immer die Augen zu brennen beginnen. Selbst wenn Sie der Meinung sind, es sei dunkel genug, so muss das nicht so sein. Nicht Ihr Verstand, sondern nur Ihre Augen werden Ihnen sagen, wann es dunkel genug ist, um auf diese Brille zu verzichten. Ansonsten könnte es passieren, dass sie nie wieder etwas sehen können. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“
„Ja, Doktor. Ich glaube schon.“
„Wie Sie bemerken, können Sie bereits wieder etwas sehen, wenn auch noch nicht viel. Eigentlich ist das ohne den Verband noch zu früh. Aber der Generalstabsarzt hat da harte Überzeugungsarbeit geleistet. Trotzdem. Ihre Augen brauchen unbedingt weiterhin alle Schonung, die sie bekommen können, wenn Sie wieder besser sehen wollen“, sagte der Augenspezialist des Militärlazaretts im strengen Tonfall einer Respektsperson und drückte Jens eine Tube Augensalbe und ein Fläschchen mit Tropfen in die Hand. „Geben Sie das Zeug bitte Miss Peggy, sie weiß dann schon Bescheid.“
Nachdem der Augenarzt das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm Jens den kleinen ägyptischen Freund fest in seine Arme und drückte ihn erleichtert und froh an seine Brust.
„Mensch Abdul. Ist das schön. Ich kann dich endlich wieder sehen, wenn auch noch nicht ganz scharf. Trotzdem tut das gut, alter Freund. Danke. Ich danke dir und deinem Team. Du weißt gar nicht, wie froh ich bin“, sagte Jens sichtlich erleichtert.
In dieser Nacht konnte er kaum schlafen. Er konnte endlich wieder etwas sehen. Wenn auch noch nicht richtig. Aber immerhin.
Er nutzte die Zeit, die er ohnehin nicht schlafen konnte, um nochmals über die Aktion mit dem plötzlich vor ihnen aufgetauchten U-Boot nachzudenken. Das ergab für ihn alles keinen Sinn. Es hatte nicht viel gefehlt und sie hätten dem Zerstörungsbefehl zugestimmt, wenn Pitt nicht noch in letzter Sekunde interveniert hätte. Sie wären fast selbst an dem Tod der Kinder, Annes Eltern und ihrer beiden ägyptischen Freunde schuld gewesen. Das war haarscharf und wäre für sie alle unerträglich geworden. War es vielleicht genau das, was die Kerle beabsichtigt hatten? Und überhaupt, woher wussten diese Mistkerle, wo sie wohnten und wie sie an sie herankommen konnten? Was steckte dahinter? Oder aber vielleicht die interessanteren Fragen: Nicht was, sondern wer, steckte dahinter? Konnte es sich bei dem noch nicht identifizierten Kopf von „New Empire“ um dieselben Gestalten handeln, mit denen sie es schon einmal vor drei Jahren zu tun gehabt hatten? Damals wurde Anne entführt und in einer Glastaucherglocke mit nur geringen Luftreserven versenkt. Konnte das möglich sein? Hatten sie damals vielleicht doch nur einen Teil von den Männern erwischt, die dann vielleicht diese neue Organisation gebildet hatten?
Bisher hatte er seine Freunde noch nicht in diese Überlegungen einbezogen. Irgendwie war immer wieder etwas dazwischengekommen. Und morgen, morgen würde die Gelegenheit dafür auch schlecht sein. Mit diesen Gedanken, die sich immerzu, wie in einer Unendlichkeitsschleife zu drehen schienen, schlief er schließlich doch ein.


51
Schon früh am Morgen war Jens wach und nahm in seinem zusätzlich abgedunkelten Raum das Frühstück ein.
Das erste Mal konnte er die Sonnenbrille, die er von Peggy bekommen hatte, nicht nur betasten, sondern auch sehen. Er betrachtete sie in aller Ruhe. Es war eine der Gesichtsform angepasste, leicht gewölbte Sportbrille, deren Verspiegelung in einem übergehenden Farbspiel aus Grün und Blau, manchmal auch mit einem rötlichen oder orangefarbenen Schimmer, metallisch glänzte. Er setzte sie auf und besah sich damit im Spiegel. Auch wenn er sich nur verschwommen sah, so erkannte er doch, dass ihm die Brille wirklich gut stand und perfekt passte.
Ja, die gefällt mir. Peggy hat einen ausgezeichneten Geschmack. Wie sie ihr wohl gestanden haben muss?, überlegte er und stellte sich dabei eine große, muskelbepackte Frau mit einem Körperbau wie den von Pitt oder Andy vor. Dazu ein kantiges, grimmiges Gesicht mit zwar langen, schwarzen Haaren und einer Hautfarbe, die eine Mischung aus der ihrer deutschen Mutter und der ihres Vaters, eines Diné (Navajo), war. Bei der Vorstellung schüttelte er leicht den Kopf. Okay, ich bin auf alles gefasst. Trotzdem ist sie eine wirklich angenehme Person. Na, mal sehen.
Er nahm die Brille ab und betrachtete seine Augen genauer. Mein Gott, sieht ja richtig eklig aus, dachte er und setzte die Brille rasch wieder auf. Er ging in sein Zimmer zurück und zog die Vorhänge auf, damit er sich langsam an das Licht gewöhnen konnte. Ganz bewusst sah er sich in dem kleinen Raum um.
Auf einem Stuhl entdeckte er die säuberlich militärisch korrekt auf Kante zusammengelegten Kleidungsstücke seiner Uniform, samt der Unterwäsche. Daneben am Schrank hingen seine Uniformjacke und über den Steg des Bügels die perfekt auf Bruch gebügelte Hose dazu.
Er musste lächeln, als er feststellte, dass Peggy die Kleidungsstücke, selbst die Unterwäsche und Socken, in der Reihenfolge, wie sie angezogen werden sollten, griffbereit übereinandergelegt hatte. So schnell wie möglich, zog er sich, trotz des kleinen Handicaps mit dem Verband und der Schmerzen, die sich selbst bei der kleinsten seiner Bewegungen meldeten, an. Gerade als er noch im Bad stand und seine Krawatte zurechtrückte, klopfte es an der Tür.
„Kommt rein, Jungs“, rief Jens laut, nachdem er sich auf die Kante seines Bettes gesetzt hatte.
Pitt, Sebastian und Andreas betraten das Zimmer.
„Wie sieht es aus, Alter, können wir gehen?“, fragte Pitt und wollte Jens seinen Arm reichen, um ihn zu führen.
„Lass bloß die Pfoten von mir“, sagte Jens und schlug nach der Hand seines Freundes, bevor der ihn überhaupt berühren konnte. Erstaunt sahen sich die drei an.
„Hey, unser Kleiner kann ja wieder sehen“, stellte Sebastian trocken fest. „Mist, verdammter. Damit ist die schöne Zeit vorbei, in der wir vor ihm offen und ungestraft Fratzen schneiden konnten.“
„Siehst du wirklich wieder alles?“, wollte Pitt wissen und schaute Jens fragend an.
„Noch nicht so richtig scharf. Aber eure Visagen sehe ich schon“, antwortete Jens und erkannte deutlich die Erleichterung in den Gesichtern der drei Freunde. Er lächelte ihnen kurz zu. Doch dann wurde er wieder ernst, als er fragte: „Wie kommen wir zum Flughafen?“
„Der Oberstleutnant hat uns zwei Wagen geschickt. Mahmud selbst ist schon vor Ort und bereitet alles mit seinen Männern vor“, antwortete Andreas.
Gemeinsam verließen die vier Männer in ihren schicken Uniformen das Lazarett und stiegen in die für sie bereitstehenden Fahrzeuge.
Im Wagen erklärte Sebastian, dass je drei SEALs, zusammen mit drei ägyptischen Marinetauchern die Särge übernehmen. Und sich dann mit den nächsten ebenso gemischten Gruppen abwechselnd, vom Flughafengebäude aus, über das gesamte Rollfeld, durch ein gebildetes Spalier von Marines der Amerikaner und Ägyptern, über einen roten Teppich tragen werden.
Dann übernahm Pitt und erklärte weiter, dass sie selbst ganz vorn bei der Maschine stehen würden.
„Übrigens, Lieutenant General Paul West ist mit der Maschine mitgekommen. Er wird uns mit zwei seiner Offiziere und Peggy gegenüberstehen“, informierte Pitt zusätzlich.
„Paul West wird einen Tag unser Gast sein, bevor er Captain Eric Greenman einen Besuch auf dem Flugzeugträger abstattet. Die Angehörigen der gefallenen Männer haben gewünscht, dass Anne gemeinsam mit Andy, Kim und mir, entgegen, des sonst üblichen Reglements, die Flaggen über die Särge legen und sie begleiten sollen. Andy und ich, wir werden uns also erst ziemlich spät ins Spalier einreihen. Anne und Kim begleiten die Angehörigen und werden die gesamte Zeit über bei ihnen bleiben“, erklärte dann Sebastian den weiteren Verlauf der Zeremonie.
Jens nickte ihm, als Zeichen, dass er alles verstanden hatte, zu.
Am Flughafen angekommen, der während der Dauer der Zeremonie für jeglichen Flugverkehr gesperrt worden war, reihten sich Pitt und Jens neben ihrem Freund Oberstleutnant Kebier und den ägyptischen Marinetauchern und Matrosen ein. Im Stechschritt, der von Jens, wie er für sich zugeben musste, doch mehr abverlangte, als er anfangs gedacht hatte, gingen sie hinaus aufs Flugfeld und nahmen rechts und links des ausgerollten roten Teppichs Aufstellung. Dabei ließen Pitt und Jens die Lücken für ihre Freunde Sebastian und Andreas zwischen sich frei.
„Chef, wenn du es nicht schaffst, dann gib uns nur ein kleines Zeichen“, mahnte Pitt. „Sehe blöd aus, wenn du hier abkippen würdest. Jeder würde es verstehen, wenn du zurücktrittst. Sie wissen alle, dass du heute den ersten Tag aus dem Bett bist, auch die Angehörigen wissen das. Alle würden es also verstehen, wenn du dich zurückziehst. Ich habe doch mitbekommen, dass dir gerade der Rücken mörderisch geschmerzt haben muss. Die OP-Wunden sind noch so frisch. Wäre blöd, wenn die ganze schöne neue Haut, die sie dir mühevoll draufgetackert haben, wieder abgestoßen wird“, flüsterte Pitt Jens zu.
„Vergiss es. Ich bleibe“, zischte Jens zurück, nachdem er sich neben ihm in Grundstellung aufgestellt hatte. Dabei schaute er anfangs auf seine Fußspitzen, um sich zu konzentrieren.
Er wusste, dass Peggy sich ihm gegenüber mit Paul West aufgestellt hatte. Er war unheimlich neugierig, wie sie in echt, außerhalb seiner Vorstellung, aussehen mochte, doch im Moment hatte er noch mit sich selbst zu tun. Denn jetzt spürte er zusätzlich zu dem schon vorhandenen Schmerz auch die heiße Sonne auf seinem Rücken, die sich versuchte, dort auf der nun stark hitzeempfindlichen Haut einzubrennen.
Er brauchte nicht lange zu warten, und schon waren auch Sebastian und Andreas neben ihn getreten. Er hielt den Kopf weiter tief gesenkt und konzentrierte sich. Doch als der Trommelwirbel einsetzte, erhob er seinen Kopf, nahm Haltung an und richtete seinen Blick, dabei salutierend, wie alle anderen auch, auf die beiden Särge, welche die US-Navy-SEALs und ägyptischen Marinetaucher trugen und kurz vor ihm stoppten.
Es erklang die amerikanische Nationalhymne. Laut donnernd ertönten die Salutschüsse, die der Schall über das riesige Flugfeld, weiter durch die Wüste bis hin zu der Gebirgskette im Westen zu tragen schien.
Lieutenant General West, als Repräsentant der US-Streitkräfte, Oberstleutnant Kebier als Vertreter der ägyptischen Marine, die am Einsatz beteiligt waren, und Flottillenadmiral Arend, als deutscher Vertreter, traten wie auf Kommando aus ihrer Reihe hervor. Sie verneigten sich tief vor den Särgen der beiden gefallenen Marines. Gemeinsam mit den SEALs und Marinetauchern trugen sie die mit Trauerbeflaggung bedeckten Särge das letzte Stück bis in die bereitstehende Militärmaschine.
Danach reihten sie sich wieder ins Spalier ein und salutierten, während sich die Heckklappe des militärischen Transportflugzeuges ‚Ariane C-27‘ langsam schloss. Die Männer schwenkten um und bildeten so eine Gasse für die Angehörigen der gefallenen Marines, die durch das Spalier gehend, über die seitliche Gangway das Flugzeug bestiegen.
Erst als die Gangway abgezogen war und die Maschine in Startposition rollte, schaute Jens ganz bewusst auf die andere Seite. Jens kannte Paul Wests Gesicht schon von den Videokonferenzen. Obwohl er ihn auf die Entfernung noch nicht richtig erkennen konnte, wusste er doch, dass er es war. Neben ihm stand eine ebenso große Frau, in ihrer schnittigen, weißen Uniform, die ihren wohlgeformten Körper zusätzlich betonte. Ihre schönen langen Beine, die sie unter einem knielangen Rock versteckte, schienen endlos. Jens konnte den Blick kaum von ihr lassen.
„Pitt“, flüsterte er leise. „Wer ist die Frau da neben Lieutenant General West und wo ist Peggy?“
„Kannst du wieder nichts mehr sehen?“, fragte Pitt besorgt und sagte dann noch: „Das ist doch Peggy.“
„Bist du sicher?“, fragte Jens ungläubig.
„Ja, klar doch. Wir sagten doch, dass sie eine Bombe ist“, antwortete Pitt und überlegte kurz. „Jetzt sag nicht, dass du das mit der Bombe auf die plumpe Form und nicht auf die scharfe Ladung bezogen hast?“
„Doch, hatte ich“, gab Jens ehrlich, davon selbst überrascht, zu. „Ihr hättet ruhig genauer sein können in eurer Beschreibung. Sebi dafür reiße ich dir den Kopf ab, sobald wir hier weg sind“, zischte Jens leise.
„Wieso, Boss? Ich habe dir doch die Wahrheit gesagt. Sie ist eine richtig scharfe Bombe. Oder etwa nicht?“, rechtfertigte sich Sebastian und grinste seinen Freund frech an.
Jens ließ die Frau nicht mehr auch nur einen Moment aus den Augen. Er beobachtete, wie sie ihre weißen Handschuhe abstreifte, und entdeckte dabei, die fest verbundenen Hände, die sie aber zu verstecken versuchte. Sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Nur ihr streng zu einem Knoten gebundenes Haar, auf dem der Uniformhut saß, entsprach seinem von ihr gemachten Bild. Ihr Gesicht konnte er noch nicht erkennen. Dazu war sie für ihn mit seinen noch schlechten Augen zu weit entfernt.
Mit Pitt, Andreas und Sebastian ging er auf den Lieutenant General zu, um ihn zu begrüßen. Dabei hielt sich Peggy aber im Hintergrund, sodass Jens ihr Gesicht noch immer nicht sehen konnte.
Gemeinsam liefen die Männer über das Rollfeld zurück zu den Wagen. Paul West war beeindruckt davon, wie Sebastian mit seiner Beinprothese vollkommen normal gehen konnte, während er selbst aber einen Stock benutzen musste.
Jens übernahm die Vorstellung von Oberstleutnant Mahmud Kebier. Fregattenkapitän Andreas Wildner stellte seine Frau Anne, sowie Kim und Hatifa vor, die bereits am Ausgang des Flughafengebäudes warteten, und lud den Lieutenant General als Gast in den Palast ein, wo bereits die Zimmer zurechtgemacht worden waren.
Sie bestiegen die bereitstehenden Wagen und fuhren mit Geleit der ägyptischen Marinesoldaten durch die Stadt zum Palast. Jens ärgerte sich, dass er noch immer keinen Blick auf Peggys Gesicht erhaschen konnte, da sie in einen der anderen Wagen eingestiegen war.
Und, sind sie zufrieden mit der Hilfe, die ich ihnen geschickt habe?“, fragte Paul West, der auf der hinteren Sitzbank des Fords, neben Jens Platz genommen hatte. „Ich hörte, Sie hatten da einige Probleme damit, dass der Master Chief Petty Officer Shumaker eine Frau ist.“
„Wer hat Ihnen das nun schon wieder gesteckt, Paul?“, fragte Jens erstaunt.
Der Mann neben ihm musste lachen. „Jens, ich arbeite nicht umsonst im Pentagon. Wir bekommen alles auf den ein oder anderen Weg heraus und haben so unsere Quellen. Aber vergessen Sie es. Ich verrate meine Informanten prinzipiell nicht.“
„Schade, denn dem würde ich nur zu gern den Hals umdrehen. Aber Sie haben recht, Paul. Ich hatte so meine Bedenken und kann es mir jetzt, wo ich Master Chief Petty Officer Peggy Shumaker heute das erste Mal überhaupt sehen konnte, nicht vorstellen, wie sie das geschafft hat“, gab Jens zu.
„Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Das sieht man Peggy nicht an. Aber diese Frau ist eine Waffe“, sagte Paul West.
„Und was für eine, Paul. Selbst meine Männer wollen lieber nicht ihre Feinde sein und sich auf einen Kampf mit ihr einlassen. Sie war uns wirklich eine große Hilfe.
„Ich verzichte zwar sehr ungern auf sie. Aber ich werde sie nicht abziehen, solange sie es nicht selbst will. Ich denke, sie wird weiter freiwillig bis zum Ende dieses Einsatzes für die Sicherheit von Ihnen und Ihren Männern verantwortlich sein wollen. Sie wissen doch, Sie alle stehen auf der Abschussliste dieser Kerle ganz oben. Und bevor Sie und Ihre Männer nicht wieder voll auf dem Posten sind, wird Shumaker ihren Dienst hier verrichten. Sie verlängert dafür extra ihre Dienstzeit“, erklärte der Lieutenant General.
„Wie meinen Sie das, Paul?“, fragte Jens, hellhörig geworden.
„Nun, sie hatte, noch bevor hier der Einsatz losging, ihr Abschiedsgesuch eingereicht. Und das wurde bewilligt. Als sie jedoch von Ihnen und den Schwierigkeiten durch die schweren Verletzungen Ihrer Männer erfuhr, meldete sie sich sofort für den Einsatz und verlängerte die Dienstzeit, um genau noch diesen letzten Auftrag zu erledigen. Wobei sie auch darauf bestand, ihn bis zum Ende durchziehen zu dürfen. Eigentlich wäre sie jetzt schon seit drei Tagen aus dem aktiven Dienst ausgeschieden“, berichtete Paul West. „Ja, Jens, Sie und Ihre Männer sind ihr letzter Auftrag, den sie übernommen und selbst verlängert hat. Sie hat mir erst vorhin mitgeteilt, diese Mission unbedingt noch zu Ende bringen zu wollen. Und das, obwohl ich ihr, nachdem sie selbst verwundet worden war, angeboten hatte, sie durch zwei meiner besten Männer ablösen zu lassen. Sie hat einfach abgelehnt. Sie müssen wissen, Shumaker hat bis jetzt noch jeden angenommenen Auftrag immer selbst zu Ende geführt, egal wie schwer und gefährlich er auch war. Und das wird sie bei ihrer letzten Mission nicht anders machen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Da habe ich nichts zu sagen, obwohl ich eigentlich ihr Vorgesetzter bin. Shumaker hat ihren eigenen Kopf und kann stur wie ein Panzer sein. Wenn sie sich einmal etwas in ihren hartnäckigen Schädel gesetzt hat, dann zieht sie das erbarmungslos durch. Glauben Sie mir, Jens, dafür kenne ich diese Frau schon lange genug“, ergänzte er noch, als er sah, wie erstaunt Jens ihn anschaute. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Oh nein. Sie befolgt die ihr gegebenen Befehle, nur eben manchmal auf ihre ganz eigene Art. Aber, und das ist uns wichtig, immer im Rahmen der Gesetze und mit Erfolg. Ihr Ehrgeiz dabei ist sprichwörtlich. Sie hat noch nie aufgegeben, wenn sie von einer Sache überzeugt war. Das ist es, was sie einzigartig und für uns so wertvoll machte.“
Die Wagenkolonne bog von der Straße ab und fuhr auf den, den Palast angeschlossenen Parkplatz. Gemeinsam gingen sie mit ihren Gästen, den zehn Navy SEALs, Peggy und dem Lieutenant General mit seinen ihn begleitenden Offizieren durch das schmiedeeiserne Tor und gelangten in den großzügig angelegten orientalischen Garten. Ein frischer, teils süßlicher Duft der verschiedensten Blüten empfing seine Gäste und wurde vom Gezwitscher der zwischen den Sträuchern und Bäumen lebenden Vögel begleitet. Die Gäste waren angenehm überrascht von der Vielfalt der Natur, die sich ihnen in diesem wunderschön angelegten Garten bot. Sie folgten den Deutschen weiter zum Haupthaus, dessen Anblick sie erneut in Erstaunen versetzte.
„Fühlen Sie sich hier ganz wie zu Hause. Pitt zeigt ihnen gern Ihre Zimmer. Wenn Sie sich etwas frisch gemacht haben, erwarten wir Sie auf der Terrasse zu einem kleinen Essen“, begrüßte Anne, die sich bei ihrem Mann untergehakt hatte, die Gäste, während sie dem Gebäude, welches tatsächlich das Aussehen eines Palastes hatte, der aus dem Märchen „Tausend und eine Nacht“ entsprungen sein könnte, langsam näher kamen.
Andreas stellte dem Lieutenant General, seinen ehemaligen Fluglehrer und Freund, Generalmajor a. D. Gerhart Hartmann vor, dank dessen Hilfe sie auf die Spur der Organisation gekommen waren und der ihnen auch weiterhin sehr geholfen hatte. Er berichtete Paul West auf dem Weg durch den weitläufigen Garten davon, wie Gerhart Hartmann seine Frau, als sie schwer verletzt worden war, ausgeflogen hatte. Und er danach auch die beiden Navy SEALs Lieutenant Tom Cater und Lieutenant Junior Grade Max Simpsen zur schnellen Blutspende abgeholt hatte.
Noch immer hatte Jens nicht die Möglichkeit gehabt, Peggy genauer zu betrachten, geschweige denn ihr Gesicht zu sehen. Denn seit sie aus den Autos gestiegen waren, ging sie einige Meter vor ihm.
Ihm blieb kurz die Luft weg, als sie den Hut abnahm, nach hinten griff und eine Haarnadel aus dem strengen Haarknoten herauszog und dezent den Kopf schüttelte. Wie von Zauberhand löste sich der strenge Knoten und das schwarze, in der Sonne schon fast etwas bläulich glänzende Haar, fiel spielerisch über ihre Schultern den Rücken hinunter, der zugegeben ein wohlgeformtes V bildete, bis zu ihrer schmalen Taille.
Wow, was für ein Anblick, war alles, was er in dem Moment denken konnte.
Da war absolut nichts von einem muskelbepackten, strengen Mannweib zu sehen. Alles, was er sah, war eine weibliche, in ihrer Uniform fast zierlich erscheinende, ihn anziehende, wunderschöne Figur mit anmutigen Bewegungen.
Wie hatte er in seiner Fantasie nur so falsch liegen können?
Wäre es denn anders gewesen, wenn die Jungs sie anstatt mit einer Bombe mit einer Granate verglichen hätten?, überlegte er und schüttelte unmerklich mit dem Kopf. Was wäre gewesen, wenn er sie schon gleich nach ihrer Ankunft auf dem Flugzeugträger gesehen hätte? Hätte er sie dann jemals dieser Gefahr der Unterwassereinsätze ausgesetzt? Diese Fragen musste er alle ehrlich für sich verneinen. War er etwa doch ein Macho, der einer Frau so etwas nicht zutraute und der Meinung war, dass eine Frau nichts beim Militär in solch einer Waffengattung zu suchen hatte? Er musste eindeutig seine Einstellung zum weiblichen Geschlecht revidieren.
Diesem Gedanken noch nachhängend betrat er das Zimmer, das er immer bewohnte, wenn er bei seinen Freunden zu Gast war. Rasch zog er die Uniform aus und schlüpfte in bequemere, leichte Sachen, die er für seine Besuche hier schon in dem Schrank deponiert hatte.
Anne und Andreas hatten auch an die Navy SEALs gedacht, und für sie sommerliche Outfits in den passenden Größen besorgen lassen. Paul West und seine Offiziere hatten ihre eigene private Kleidung dabei, die ihnen bereits auf ihre Zimmer gebracht worden waren.
Als sie sich frisch gemacht und umgezogen hatten, kamen sie auf die Terrasse. Paul West war erstaunt von der Größe und der Schönheit des Palastes und seiner Anlagen.
„Wie sind Sie nur zu solch einer Perle von Schloss gekommen?“, fragte er ganz begeistert.

„Eigentlich ist es das Anwesen unseres guten Freundes Generalstabsarzt Professor Doktor Abdul Mechier“, antwortete Andreas freundlich. „Er entstammt einer alten Scheichfamilie und dies war ihr Zuhause und quasi Regierungssitz“, erklärte er bereitwillig. „Er hat uns den gesamten Palast mit allem Drum und Dran großzügig überschrieben, damit wir ihn wieder mit Leben erfüllen. Das war seine Bedingung dabei, nachdem ich Annes Haus vor etwas mehr als drei Jahren mit einem der Ganoven in die Luft gejagt hatte. Abduls ganze Familie war bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Nun wohnt er hier mit uns. Er bestand darauf, im Nebengebäude wohnen zu wollen, welches Sie gesehen haben, als wir durch den Garten hierhergekommen sind. Wir hätten ihn viel lieber hier im Haus gehabt. Denn wir haben es unsererseits zur Bedingung gemacht, dass er auch hierbleibt, als er uns dieses Anwesen schenkte“, erzählte Andreas bereitwillig.
„Da der Palast für uns viel zu groß ist, leben hier auch meine Eltern. Unsere Freunde Pitt mit seiner Frau Hatifa und Sebastian mit Kim und den Zwillingen haben bereits Zimmer hier und werden schon bald fest einziehen. Gäste sind immer willkommen, Platz ist genug da, wie Sie sehen. Damit erfüllen wir Abduls Wunsch und eigentlich auch unseren eigenen, denn es tut sehr gut, Freunde um sich zu haben und mit ihnen zu leben“, ergänzte Anne und bat die Gäste zu Tisch.
Die Kinder spielten ausgelassen am Pool, wo sie in der Zwischenzeit von einer ägyptischen Frau und Freundin beaufsichtigt wurden.
Jens saß Peggy an der Tafel direkt gegenüber und konnte zum ersten Mal ihr Gesicht sehen.
Sie ist wunderschön, dachte er. Ihr langes Haar, mit dem eine leichte Brise spielte, umrahmte ein Gesicht mit hohen Wangenknochen. Sanft gebogene, schwarze Brauen über mandelförmigen Augen mit langen, dichten Wimpern zogen ihn in ihren Bann. Eine kleine Nase, die an den Nasenflügeln etwas breiter ausfiel, erinnerte an das Erbe des Navajostammes ihres Vaters, ebenso wie ihre bernsteinfarbene Haut. Alles wurde durch volle, verführerische Lippen abgerundet. Ein Gesicht, nach dem sich die Männer auf der Straße garantiert umdrehen würden. Dazu die Farbe ihrer Augen, die ihn an die eines sanften Rehs erinnerte. Nur trug ein Reh keine Waffe, wie er sie aber gerade bei ihr in einem Schulterholster unter ihrer leichten Jacke entdeckt hatte, von ihrer Kampftechnik unter Wasser ganz zu schweigen. Nein, Peggy Shumaker war kein kleines ängstliches Reh. Auch wenn man sie, wenn man sie nicht kannte, durchaus dafür halten konnte. Bestimmt wurde sie deshalb von ihren Gegnern schon oft unterschätzt.
Unerwartet für Jens sah sie ihn mit eben diesen mandelförmigen Rehaugen direkt an, sodass er verlegen seine Lider niederschlagen musste. Dabei konnte Peggy doch unmöglich seinen Blick durch die dunkle Brille bemerkt haben. Nach einer Weile sah er wieder zu ihr auf und studierte ihr Gesicht weiter. Wenn sie während des Gespräches mit den anderen lächelte, zog sie den rechten Mundwinkel etwas höher als den linken. Zumindest sah es für ihn anfangs so aus, dann entdeckte er aber direkt am Mundwinkel an der Oberlippe eine kleine, unscheinbare Narbe, die sich bei ihrem Lächeln etwas vertiefte. Auch ihr Kinn zierte mittig eine kleine Narbe, die man, so wie Peggy geschickt ihr Make-up aufgelegt hatte, auch für ein Grübchen halten konnte. Ihre Körpersprache mit ihren eher sparsamen Gesten beim Sprechen und den geschmeidigen Bewegungen dazu sagte ihm viel über sie aus.
Sie kann es nicht leugnen, sie ist eindeutig angespannt. Als läge sie auf der Lauer, jederzeit bereit für den Sprung, schlussfolgerte Jens. Klar, wozu auch sonst jetzt die Pistole unter der Jacke. Ob sie das gleiche dachte wie er? Dass da noch irgendetwas im Busch, und die Sache noch lange nicht ausgestanden war? Er musste auf jeden Fall noch mit den anderen darüber reden.
Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, die ihn aus seinen Gedanken riss und sogleich laut auflachen ließ. Peggy schob ihm doch tatsächlich so unbemerkt wie möglich einen Bissen auf seine Gabel, die er, während er sie beobachtet hatte, gänzlich vergessen, am Rand seines Tellers festhielt.
„Recht herzlichen Dank, Peggy. Aber ich glaube, das ist nicht mehr nötig“, sagte er dann leise. „Das bekomme ich nun auch allein wieder auf die Reihe. Ich kann bereits wieder etwas sehen. Noch nicht wirklich gut, aber um das Essen auf meine Gabel zu schieben und dort zu halten, reicht es schon. Allerdings hat mir der Arzt verboten, ohne diese Brille ins Licht zu gehen. Sprich: Ich bin noch ein lichtscheues Element und Sie können die Brille deshalb noch nicht wieder zurückhaben. Aber versprochen, ich besorge mir morgen eine eigene.“
Sogleich hellte sich ihr Gesicht auf und sie lächelte ihn an.
„Sir … Jens … Sie können wieder sehen? Oh, das freut mich sehr. Warum haben Sie mir denn nichts davon gesagt?“, rief sie laut aus, ohne ihre Gefühle und Freude darüber zu verheimlichen.
„Aber das tue ich doch gerade. Außerdem dachte ich, Sie wüssten es bereits“, antwortete er etwas verlegen. „Wir hatten heute ja noch nicht die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Nun brauchen Sie nicht mehr meinen Blindenhund zu spielen. Das ist wie ein Stück zurückgewonnene Freiheit für Sie“, versuchte er zu scherzen. Irgendwie kam das bei ihr nicht ganz so an, denn sie verzog unmerklich das Gesicht, holte tief Luft, um etwas zu erwidern, überlegte kurz, ließ es dann aber.

Nach dem Essen gingen Paul und Jens, jeder mit einer Flasche Bier in der Hand, über die Terrasse, am Pool vorbei, bis zur Steinbalustrade, um sich in Ruhe zu unterhalten. Dabei erzählte Jens dem Amerikaner von seinen Überlegungen bezüglich des Zwischenfalls mit dem U-Boot, in dem die Familienangehörigen ihrer kleinen Gruppe im betäubten Zustand gefangengehalten worden waren, und teilte ihm auch seine daraus resultierenden Befürchtungen mit.
Paul West nickte immer wieder verstehend. „Ja, diese Befürchtungen teile ich mit Ihnen. Jens, wir sind wirklich dran. Nur leider noch immer ohne weiterführende Ergebnisse. Wir konnten noch nicht eine einzige Person oder einen Namen der oberen Spitze von ‚New Empire‘ ermitteln. Wir tappen gänzlich im Dunkeln. Unsere Spezialisten wissen noch nicht einmal, ob es amerikanische Staatsbürger sind oder ob es sich um einen Zusammenschluss von Leuten verschiedener Nationalitäten handelt.“
Sie besprachen ihr weiteres Vorgehen in dieser Angelegenheit und schmiedeten neue Pläne. Dabei blickten sie in die Bucht hinunter, wo an einem langen Steg die beiden Jachten vertäut lagen.
„Die ‚Al Salam‘ bietet nicht gerade einen schönen Anblick“, stellte Paul fest. „Fregattenkapitän Wildner und seine Frau Anne sollten sie verschrotten lassen oder versenken und dann zum Wracktauchen nutzen“, schlug er vor.
„Oh mein Gott! Sagen Sie das nur nicht im Beisein der beiden. Sie halten schon nach einer Werft Ausschau, um den Schaden beheben zu lassen. Es war ihr Hochzeitsgeschenk von uns allen. Sie hängen an dem Teil. Auch wenn es nun nur noch ein durchlöchertes Wrack ist“, antwortete Jens und schaute nachdenklich nach unten. „Immerhin hat die ‚Al Salam‘ nun auch etwas Geschichte für die islamische und auch unser aller Welt mitgeschrieben.“
„Ja, da haben Sie wohl recht. Aber eine neue Jacht ist schon unterwegs. Das sagte ich doch schon? Oder etwa nicht? Na, wie auch immer, sie schippert jetzt gerade durch den Sueskanal. Ich glaube, sie wird ihren Freunden gefallen. Sie hat einige Raffinessen und Spielereien aufzuweisen und etwas größer ist sie auch“, erzählte Paul West, wie nebenbei. „Es war unserer Regierung das wert, für das, was Ihre Freunde da gleich zu Beginn geleistet haben. Außerdem werden Sie doch hier auch weiterhin gemeinsam für uns alle die Augen offenhalten und im Einsatz bleiben. Und der Präsident meinte, es sei das Mindeste, ihnen das Boot zu ersetzen. Und glauben Sie mir, Jens, ihre Freunde werden es lieben. Es ist quasi eine Luxusjacht mit vier Kabinen. In einer kleinen Bugwulst, nahe dem Kiel, ist das Sonar neuester Technologie für vertikale und horizontale, passive und aktive Ortung installiert. Dazu sind Hochleistungsradar, GPS und eine leistungsstarke Satellitenantenne mit Mehrfachanschluss an Bord. Die Jacht hat obendrein gleich zwei schöne große Decks und natürlich eine Taucherplattform. Also genau das Richtige für die ganze Gruppe von diesen Tauchverrückten hier. Zusätzlich wurde da noch allerlei Schnickschnack eingebaut, sodass ihre Freunde sich verteidigen können und die Jacht auch nicht so durchlöchert werden kann wie diese ‚Al Salam‘. Sprich, es ist auch eine kleine Festung“, verriet der Mann mit einem vielsagenden Lächeln im Gesicht.
Danach sprachen die beiden noch über die bevorstehende Operation, bei Eritrea. Langsam gingen sie dabei zu den anderen zurück.
Laut war das herzhafte Lachen von Peggy zu hören, die sich mit Kim, Anne und Hatifa unterhielt. Das erste Mal hörte Jens diese Frau so fröhlich und ausgelassen lachen. Er musste unwillkürlich lächeln, als er sich dabei ertappte, festzustellen, dass Peggy eine ganz normale und noch dazu sehr attraktive Frau war. Ein echt heißer Feger, wie sich sein Freund Sebastian ausdrückte, dabei aber immer darauf bedacht war, dass es Peggy ja nicht hören konnte. Er und Pitt hatten unheimlichen Respekt vor ihrer Kampftechnik.
Jetzt, wo Jens sie endlich sehen konnte, fragte er sich, woher sie diese Kraft nur nahm, so zierlich wie sie doch, trotz ihrer Größe, wirkte.
Jedoch staunte er nicht schlecht, als sie erst die Jacke unauffällig samt dem Holster mit der Pistole ablegte, ihr Shirt abstreifte und aus der Hose schlüpfte, um mit ihrer Freundin Hatifa in den Pool zu springen. Sie trug einen schwarzen Sportbadeanzug. Deutlich zeichneten sich ihre weiblichen Formen unter dem Anzug ab. Allerdings sah man durch ihre gebräunte Haut auch eine sehr straffe, gut definierte Muskulatur an Armen, Beinen und Schultern, als sie mit einem eleganten Sprung in den Pool abtauchte. Jens bewunderte ihre geschmeidigen Bewegungen, wie sie mit Leichtigkeit schnell durchs Wasser glitt. Er ließ es sich nicht nehmen und hielt ihr das Badehandtuch auf, als sie die Leiter wieder nach oben stieg. Nun, wo sie so nahe bei ihm stand, konnte er die hautfarbenen Bandagen und einige ältere Narben erkennen.
Sie wissen schon, dass das jetzt gerade sehr dumm war, Master Petty Officer Shumaker?“, sagte er streng. „Ihre Verletzungen sind noch nicht ausgeheilt und ihre Bandagen nun durchnässt.“
„Ich weiß, Sir. Sorry, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Das Wasser hat mich zu sehr gelockt und die Verbände kann ich erneuern. Hatifa wird mir bestimmt dabei helfen“, antwortete Peggy und bedankte sich für das von ihm gereichte Badetuch. Auch Pitt hatte seiner Frau ein Badetuch gebracht und grinste Jens frech an.
„Was grinst du so blöd wie eine Schmalzbacke?“, fragte Jens mürrisch an Pitt gewandt. „Vergiss nicht, ich sehe es wieder.“
„Och, nur so“, meinte sein Freund, doch nachdem sich Peggy und Hatifa weit genug entfernt hatten, fragte er: „Kann es sein, dass es den großen Guru endlich auch erwischt hat? Mir kommt es ganz so vor.“
„Ach, so ein Quatsch. Träume weiter, Junge“, antwortete Jens schnell. Dabei musste er sich aber selbst eingestehen, dass er sich von Peggy doch irgendwie angezogen fühlte.

Am Abend setzten sich die Freunde mit den zehn Navy SEALs, Peggy und dem Dreisternegeneral, Lieutenant General West, an den offenen Grillkamin. Sie genossen den milden Abend bei leckeren Speisen und guten Gesprächen.
Sebastian bedankte sich bei Paul West dafür, dass er sich so für eine neue Prothese für ihn eingesetzt hatte, und zeigte sie ihm voller Stolz. Dann erklärte Paul, der sich sehr für die Funktionsweisen, was das Besondere an dieser Prothese war und was er damit alles machen konnte, interessiere. Er holte sich von ihm zusätzlich ein paar Ratschläge, wie er mit seiner Prothese trainieren konnte, um vielleicht auch bald auf einen Stock verzichten zu können.
Jens’, Andreas’, Pitts’ und Sebastians lustige Art und der ganze Zusammenhalt der Gruppe von Freunden hinterließen bei ihm einen starken Eindruck. Obwohl sie so viel durchgemacht hatten und schwer verletzt worden waren, ließen sie sich davon absolut nichts anmerken. Ihm gefiel, wie diese Leute, die SEALs, Peggy, ihn und seine Offiziere einfach einbezogen, als gehörten sie schon immer mit zu diesem Kreis von Freunden. Er beobachtete den lockeren Umgang, den die zehn SEALs bereits mit diesen Männern und Frauen hatten.
Paul West fühlte sich sehr wohl in dieser kleinen Gemeinschaft. Am späten Abend bedankte er sich für die Gastfreundschaft und verabschiedete sich auch gleich, weil er sehr früh am Morgen abgeholt werden sollte, um zum Flugzeugträger geflogen zu werden.
Jens, Pitt und Sebastian baten ihn, dem Kapitän Captain Eric Greenman sowie Geschwaderkommandeur Mike Reed und der gesamten Crew die besten Grüße von ihnen auszurichten und nochmals für ihre Gastfreundlichkeit und Hilfe Dank zu sagen. Gern versprach Paul, das zu tun.


52
Peggy hatte, ohne es zu wissen, kaum dass sie in Hurghada eingetroffen waren, den großen Wohnraum gleich neben dem von Jens bezogen. Sie genoss das orientalische Ambiente ihres Zimmers. Eigentlich war es nicht nur ein Zimmer, sondern eine kleine Wohneinheit mit komplett eingerichtetem Bad, Wohn- und Schlafzimmer. Sie zog die schweren Vorhänge zurück, die über die gesamte Stirnseite des Raums mit den riesigen Fenstern reichten und tagsüber die heißen Strahlen der Sonne fernhielten. Kontrollierend, alles absuchend, blickte sie auf das nun dunkel daliegende Meer hinaus, das glatt wie ein Spiegel dem Mondlicht in der Bucht ein Zuhause zu geben schien.
Eine hoffentlich nicht nur trügerische Ruhe, dachte sie.
Leise, damit sie niemanden weckte, öffnete sie die Tür, um auf den breiten, großen Balkon zu treten.
Sie zuckte kurz zusammen. Straffte sofort ihren Körper, zum Kampf bereit, als sie in der Dunkelheit eine Gestalt wahrnahm, die da auf einem Stuhl saß, und das Glühen einer Zigarette zu sehen war.
„Entschuldigen Sie bitte, Peggy. Ich wollte Sie bestimmt nicht erschrecken. Aber dieser Balkon hier zieht sich an der gesamten Fassade entlang. Und ich fröne hier gern mal meinem heimlichen Laster“, erklärte Jens leise, als er die Frau bemerkte. „Setzen Sie sich doch noch etwas zu mir, wenn Sie der Rauch nicht stört. Sonst mache ich die Zigarette auch gern aus. Ich habe hier noch eine gute Flasche Rotwein vom Doc bekommen. Sozusagen als Medizin, die für mich allein aber zu groß ist. Wie wäre es, wenn wir sie uns teilen?“
„Nur unter der Bedingung, dass Sie auch für mich eine Zigarette haben“, antwortete Peggy ebenso leise und setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch.
„Sie rauchen?“, fragte er erstaunt. „Das habe ich ja gar nicht bemerkt.“
„Das konnten Sie auch nicht. Ich rauche, wie es scheint, genauso selten und heimlich wie Sie“, antwortete sie leise kichernd.
„Dann wundern Sie sich bitte nicht, wenn diese Runde gleich größer werden wird, denn auch Andy und Anne frönen diesem Laster ab und an mal. Und Abdul wird wohl nach seinem Dienst im Lazarett auch noch mit seiner geliebten Pfeife auftauchen. Irgendwie hat es sich so im Laufe der Jahre ergeben, dass wir uns, wenn ich mal zu Gast bin, in der Nacht hier auf dem Balkon treffen, um noch in Ruhe etwas zu trinken und unserem kleinen Laster zu frönen. Meist kommen dann auch Sebi und Pitt noch dazu. Ich denke, weil sie Angst haben, sonst vielleicht was zu verpassen“, erklärte Jens verlegen lächelnd. Er reichte Peggy eine Zigarette und gab ihr Feuer. Dann holte er aus seinem Zimmer die Gläser und den Wein.
Wieder zurück bemerkte er, dass sich Peggy erneut die Hände wie ein Boxer verbunden hatte.
„Wie geht es ihren Knöcheln?“, fragte er besorgt und wies dabei auf ihre Hände.
„Danke, Sir. Schon wieder recht gut.“
„Wie oft denn nun noch, Peggy? ... Nicht Sir, sondern Jens. Oder soll ich das als Befehlsverweigerung deuten?“, sagte er mit gequält klingender Stimme. „Warum lassen Sie die Verbände nicht weg und etwas Luft an die Wunden, dann heilen sie schneller“, schlug er vor.
„Nein, Jens. Ich bin noch im Dienst und möchte voll einsatzfähig sein. Ohne diese Tapeverbände wäre ich das aber noch nicht wieder“, antwortete sie mit flüsternder Stimme, jedoch trotzdem unnachgiebig und streng.
„Noch wurde keine Entwarnung gegeben, dass es sich erledigt hat und Sie alle nicht mehr in Gefahr sind. Entschuldigen Sie bitte, ich weiß, dass Sie sicher auch sehr gut auf sich allein aufpassen können. Aber ich habe diesen Job übernommen und ich führe ihn zu Ende“, sagte sie mit gebührender Strenge.
Jens nickte ihr verstehend zu. „Ja, davon hat mir Paul erzählt. Aber legen Sie wenigstens jetzt, für die Zeit, die wir hier sitzen, die Verbände ab. Sie würden mir damit einen großen Gefallen tun. Ich nehme auch die Brille ab.“
„Ich lege die Verbände ab, wenn Sie dafür bitte die Brille aufbehalten. Das ist besser für ihre Augen. Ich werde Ihnen dann, bevor Sie schlafen gehen noch die Tropfen und die Salbe geben, die Sie vom Augenarzt mitbekommen haben“, antwortete Peggy und begann damit, den ersten Verband zu lösen.
Jens entzündete mit seinem Feuerzeug, drei Kerzen, die auf dem Tisch standen, und schaute auf ihre Hände. Als er danach griff, um sie sich näher ansehen zu können, zog sie Peggy verlegen zurück und wollte sie verstecken. Doch Jens gab nicht nach und sah die Frau herausfordernd an.
„Nun zieren Sie sich nicht so. Lassen Sie mich schon ihre Waffen sehen“, meinte er und streckte ihr eine Hand entgegen. „Ich verspreche, Ihnen nicht wehzutun.“
Peggy legte ihre Hände in seine großen Handflächen. Jens war überrascht, wie klein und zierlich ihre Hände waren. Dann erschrak er aber doch über die Schwielen und aufgeschundenen Knöchel. Er pfiff durch die Zähne, sodass Peggy ihre Hände sogleich wieder zurückziehen wollte. Doch Jens hielt sie kopfschüttelnd fest.
„Nicht wegziehen. Es gibt nichts, wofür Sie sich schämen müssten, Peggy“, sagte er leise und griff hinter sich in ein Regal und holte daraus eine Tube mit Salbe hervor. Ganz vorsichtig verteilte er die Creme auf ihren Wunden.
„Das ist ein kleines Wundermittel von einem Medizinmann aus der Wüste. Sie werden sehen, dieses Zeug hilft“, erklärte er.
Jens war gerade mit dem Eincremen von Peggys Händen fertig geworden, als Andreas auf den Balkon trat und noch leicht humpelnd auf Jens und Peggy zukam. Gleich hinter ihm kam auch seine Frau Anne den Rundbalkon entlang auf sie zugeschlendert.
„Oh, ich sehe, unsere Gruppe der unvernünftigen Raucher hat sich um ein Mitglied vergrößert“, stellte Andreas belustigt fest. Er bot seiner Frau einen Platz an und setzte sich, eine Zigarette anzündend, zu ihnen. Genüsslich inhalierte er den Rauch und blies ihn als blaue Wolke wieder aus, die sogleich von einer schwachen Brise davongetragen wurde. Anne holte ihre eigenen, leichteren Glimmstängel hervor und bot Jens und Peggy davon einen an. Wenig später kam auch Abdul Mechier mit weiteren Gläsern und noch einer Flasche Wein dazu.
„Peggy, du rauchst ja“, sagte er völlig erstaunt und hob tadelnd den Zeigefinger. „Das ist aber gar nicht gut.“
„Ach, Doktor Abdul, und du rauchst Pfeife. Ist das etwa besser?“, konterte sie belustigt.
„Wer von euch Ratten hat mich da verpetzt?“, fragte der Arzt in die Runde der Freunde. Doch alle hoben nur unwissend die Schultern und lächelten verschmitzt.
Es dauerte nicht lange und auch Pitt und Sebastian gesellten sich zu ihnen. Sie unterhielten sich und lachten immer wieder nur ganz leise, um die anderen nicht beim Schlafen zu stören. Peggy fühlte sich sehr wohl in dieser Runde. Sie wünschte sich heimlich, nicht nur zu Gast zu sein, sondern richtig dazugehören zu können. Es waren Freunde, wie sie sie sich schon ewig gewünscht, aber nie gefunden hatte, seit sie aus Ägypten wegmusste.
Sie galt in den Staaten, bei ihren Pflegeeltern als unnahbare Einzelgängerin. Was ihnen auch ganz recht war, brauchten sie sich so auch nicht weiter um sie zu kümmern. Ihnen war ohnehin mehr an dem Geld gelegen, das sie für ihren Unterhalt einstrichen. Um von denen schnell wegzukommen, machte sie, kaum volljährig, die Navy zu ihrer Familie und ihrem Leben. Einem Leben, dem sie nach sechzehn Jahren den Rücken kehren wollte, gerade als Jens mit seinen Freunden dazwischenkam und sie sich zu diesem Einsatz entschlossen hatte. Bisher hatte sie das nicht bereut. Sie war sehr froh darüber, sich so und nicht anders entschieden zu haben. Das Gefühl hatte sie bereits vom ersten Tag an. Doch in dieser Nacht, bei dieser Gruppe von Freunden, wurde es ihr endgültig klar. Sie mochte jeden Einzelnen von ihnen. Diese Männer und Frauen waren in ihren Augen etwas ganz Besonderes. Dass die Zwillinge von Kim und Sebi, so wie die kleine Anja von Andy und Anne, sie einfach Tante Peggy nannten und gern mit ihr spielten, gab ihr ein Gefühl des Glücks.
„Peggy, was werden sie machen, wenn ihr Einsatz hier vorbei ist?“, fragte Jens und unterbrach damit abrupt ihre Gedanken.
„Ich weiß es noch nicht. Eigentlich habe ich nichts geplant. Ich war nur der Meinung, dass ich es einmal versuchen sollte, außerhalb der Navy zu leben“, antwortete sie ehrlich.
„Wie meinst du das?“, wollte Pitt wissen. „Ich dachte, du kehrst zurück zum Pentagon, und wenn mal wieder die Welt zu retten ist oder so ein paar Spinner, wie wir, in Gefahr kommen, greifst du ein.“
„Nein, Pitt. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Ihr seid mein letzter Auftrag. Ich werde zu alt für so etwas, und für einen Bürostuhl eigne ich mich ebenso wenig wie als Ausbilder für SEALs. Das wäre nichts für mich. Da hätte ich das Gefühl, als würde das Leben an mir vorbeiziehen. Wenn ich es beende, dann lieber richtig. Ich mag keine halben Sachen“, erklärte sie leise, und es war deutlich Traurigkeit aus ihrer Stimme herauszuhören. Die Männer verstanden sie. War es ihnen selbst doch nicht anders gegangen.
Sebastian bemerkte, dass die Stimmung zu kippen begann, und versuchte deshalb, das Thema zu wechseln.
„Sagt mal, Jens und Peggy, wieso seid ihr eigentlich immer noch per ‚Sie‘? Wir duzen uns doch auch schon die ganze Zeit.“
„Ich kämpfe noch immer darum, dieses ‚Sir‘ aus Peggy herauszubekommen. Ich weiß nicht, woran das liegt. So autoritär bin ich doch gar nicht. Oder?“, meinte Jens und sah seine Freunde dabei fragend an. „Außerdem habe ich mir ihr gegenüber ein paar ganz schöne Schwalben geleistet und ducke mich vorsichtshalber bei jeder Handbewegung von ihr, um nicht doch noch eins mit ihren Dampfhämmern abzukriegen“, sagte er und ging auch sogleich in Deckung, was wieder alle zum Kichern brachte. Nur Peggy und Jens lachten nicht darüber, sondern sahen sich verlegen an.
„Nun reicht euch doch endlich die Pfötchen“, meinte Pitt. „Nutze lieber die Gelegenheit, Peggy zur Freundin zu haben, denn als Feindin ist sie mit Sicherheit ungenießbar.“
„Jetzt ziert euch doch nicht wie kleine Kinder und stoßt endlich auf ein ‚Du‘ an“, forderte nun auch Andreas und reichte den beiden zwei gefüllte Gläser, die Abdul eingeschenkt hatte.
„Wir sollten Peggy bei uns aufnehmen. Vielleicht möchte sie ja bei uns als Tauchguide anfangen, bis sie etwas Besseres findet. Gute Guides sind auf unserer Basis immer willkommen. Sie passt doch gut zu uns. Was meint ihr, Jungs?“, schlug Anne vor.
Sofort waren alle einverstanden und erhoben sich mit dem Glas in der Hand. Nur Peggy saß noch auf ihrem Stuhl und glaubte es kaum. Alle schauten sie jetzt fragend und herausfordernd an. Peggy sah fassungslos, aber auch unsicher, von einem zum anderen. Dabei löste sich eine Träne aus ihrem Auge und kullerte über die Wange, als sie ebenfalls aufstand. Gemeinsam stießen sie auf ihren Bund an.
„Willkommen im Klub der Verrückten. Natürlich nur, wenn du willst“, meinte Jens.
„Ja, ich will. Und wie ich will“, antwortete sie schnell. Peggy umarmte jeden Einzelnen von ihnen. Der Doc freute sich besonders darüber.
„Willkommen wieder zu Hause, kleine Miss“, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie ihn an sich drückte.
Als sie dann aber vor Jens stand, wurde sie verlegen.
Doch Jens zog sie einfach schnell in den Arm, bevor es einer seiner Freunde bemerkte, wie zurückhaltend sich die Frau mit einem Mal wieder gab.
„Verlegenheit ist hier nicht angebracht. Diese gierigen Vögel warten nur darauf, damit sie wieder etwas haben, woran sie ihre Schnäbel wetzen können. Also Augen zu und durch. Ich beiße auch nicht“, flüsterte er ihr ganz leise ins Ohr, dass die anderen es nicht hören konnten. Peggy sah zu ihm auf, stellte sich auf Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Lippen.
Das allerdings kam nun aber für Jens so überraschend, dass er rot anlief. Er war froh, dass es im Dunkeln keiner sehen konnte. Die Freunde quittierten den kleinen Kuss mit einem leisen gemeinschaftlichen „WOW“.
„Haltet bloß eure Schandmäuler. Jeder, der jetzt was sagt, bekommt von mir was auf die Zwölf“, warnte Jens in die Runde.
Alle grinsten ihn nur vielsagend an und schauten dann demonstrativ hinaus aufs Meer. Sie hatten schon längst bemerkt, dass es zwischen Jens und Peggy knisterte. Nur die beiden schienen es noch nicht zu wissen oder nicht wahrhaben zu wollen.

Nach und nach zogen sich alle wieder in ihre Schlafzimmer zurück. Abdul verabschiedete sich als Letzter bei Peggy und Jens und ging zu sich heim.
Peggy träufelte Jens noch, wie vom Arzt verordnet, die Tropfen in die Augen und verteilte die Augencreme vorsichtig zwischen Unterlid und Auge. Danach sah er ihr dabei zu, wie schnell und perfekt sie sich wieder die festen Boxbandagen von den Fingergrundgelenken über die Mittelhand bis zu den Handgelenken umwickelte und fixierte.
„Du boxt auch, habe ich recht“, meinte Jens. Doch er sagte es nicht als Frage, sondern als Feststellung. „Sonst würdest du diese Art der Verbandstechnik nicht so gut beherrschen.“
„Na ja, es war eher Kickboxen. Und als ich meine Karatetechnik für den Unterwasserkampf erweitert habe, waren mir diese Verbände auch ziemlich nützlich“, gab Peggy zu und lächelte ihn an.
„Wieso hat eine so schöne Frau wie du eigentlich keinen festen Freund?“, wagte sich Jens dann zu fragen. Mit großen Augen sah sie ihn erstaunt an. „Woher weißt du das?“
„Paul hat es mir gesagt, als ich meinte, dass du vielleicht wegen eines Mannes bei der Navy aufhören willst.“
„Komisch. Selbst er weiß, dass ich eigentlich kein Privatleben neben der Navy hatte“, stellte sie traurig fest. „Aber um deine Frage zu beantworten. Ich hatte nie Zeit, habe für die Navy gelebt, und wenn da mal einer war, dann hat er sich nicht mehr getraut, nachdem er wusste, was ich mache. Ich glaube, die Männer haben Angst vor mir.“
„Ich nicht, Peggy. Ich habe keine Angst vor dir“, sagte Jens leise. „Auch wenn es dir vielleicht so vorgekommen sein muss. Es ist nur ungewöhnlich, dass wir von einer Frau beschützt wurden und wohl auch noch werden. Aber ich kann mich fast daran gewöhnen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich das mit dem Beschützen lieber für dich tun würde und eben nicht umgekehrt. Verstehst du?“
„Das eine muss das andere doch aber nicht ausschließen. Meinst du nicht auch?“, antwortete sie daraufhin kess. Jens gefiel das. Sie wünschten sich eine gute Nacht und gingen in ihre Zimmer. Peggy ließ die Balkontür auf und zog nur den schweren Vorhang davor. Sie wollte hören können, sollte es Geräusche geben, die nicht hierher gehörten.


53
Die Sonne stieg gerade als roter, großer Feuerball aus dem Meer und färbte es purpurn, als die Dieselmotoren der ägyptischen Marineflotte zu hören waren, die Richtung Süden an der Bucht des Palastes vorbeizogen. Laut ließen sie ihr Signalhorn zum Gruß erklingen, als die Kapitäne auf dem langen Balkon des Palastes die Männer und Frauen stehen sahen, die ihnen zuwinkten und dann besorgt nachschauten.
„Kommt alle heil zurück“, wünschte Anne leise und sprach dabei jedem der Freunde aus der Seele. Alle guten Wünsche begleiteten die Männer in ihren Einsatz nach Eritrea, wo sie mit den Soldaten und Marines anderer Länder gegen die Stellungen der terroristischen Organisation vorgehen würden.
Der alte Generalmajor a D. Gerhard Hartmann hatte bereits seine Sachen gepackt. Er konnte sein Fluggeschäft nicht länger allein lassen und hatte deshalb seinen Rückflug für den Nachmittag gebucht. Die Zeit mit seinem ehemaligen Flugschüler Andreas Wildner hatte er sehr genossen und war froh darüber, dass er auch seine Freunde kennenlernen durfte und ihnen hatte helfen können. Nie im Leben hätte er sich träumen lassen, dass der Besuch von Flottillenadmiral Jens Arend am Ende solche Wellen schlagen und solche Auswirkungen haben würde. Er war stolz auf die Leistung und den selbstlosen Einsatz der Frauen und Männer, die er nun seine Freunde nennen durfte.
Zum Frühstück erschienen zwar alle, auch die SEALs in Zivil, doch Peggy ging zuerst nach vorn zur Terrasse, schaute kontrollierend über die Bucht und den Steg entlang, bevor sie zum Tisch kam. Ihr war es zu ruhig, zumal sie wusste, dass die Terroristen die Leute aus dem Palast heraus über die Bucht entführt hatten.
„Gerhard, musst du heute wirklich schon wieder fliegen?“, fragte Anne traurig. „Auf dich hat mein Mann wenigstens gehört.“
Gerhard Hartmann musste lachen. „Auch auf mich hört Andy nicht so richtig. Wenn es um dich geht, hat der Kerl einfach keine Ohren. Und als er mit dem Hubschrauber abgehauen war, um zu seinen Freunden zurückzukommen, hat er weder auf den Doc noch auf mich gehört“, sagte Hartmann ruhig.
„Wie jetzt?“, fragte Jens, hellhörig geworden. „Dieser Querulant wurde gar nicht von Abdul entlassen, so wie er uns weismachen wollte?“ Jens sah Andreas streng an, als Gerhard Hartmann mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, er hat sich nur die SEALs geschnappt und ist mit dem Hubschrauber verschwunden. Als wir es bemerkten, war er bereits in der Luft“, antwortete der ältere Mann ehrlich. „Dieser Junge hat noch nichts von seinem ehemaligen, jugendlichen Ungestüm verloren. Er ist und bleibt ein Rebell.“
Andreas grinste über das ganze Gesicht. „Was wollt ihr denn, Jungs?“, meinte er gelassen. „Oder hätte einer von euch Gustav, unsere geliebte Riesenmoräne, ohne Schaden, von den Anthraxkisten herunterbekommen und euch zur anderen Höhle geführt? Ich denke, eher nicht“, rechtfertigte er sich.
„Ist ja schon gut. Wir sagen ja gar nichts. Es hat wohl jeder von uns etwas über die Stränge geschlagen. Auch ich“, meinte Pitt beschwichtigend, als er die vor Streitlust funkelnden Augen von Jens bemerkte. „Setz du mal lieber deine Sonnenbrille auf, Boss, ehe du dir die Äuglein verblitzt, weil du dich einer helfenden Behandlung entzogen hast. Und pass mit den Steinen auf, die du auf andere wirfst, die könnten zurückgeflogen kommen.“
Jens wusste genau, dass sein Freund recht hatte. Alle hatten ihr Leben riskiert und ihr Bestes gegeben, um Menschenleben zu retten und einen Krieg zu verhindern. Sie alle waren dabei an ihre körperlichen Grenzen gegangen und hatten sie überschritten.
Jetzt, wo etwas Ruhe eingezogen und das Adrenalin wieder normale Werte erreicht hatte, spürten sie jeden einzelnen ihrer Knochen. Doch das kannten sie schon und wussten damit umzugehen. Also machten sie es sich am Pool bequem. Doch keiner von ihnen konnte wirklich entspannen. In Gedanken waren sie bei den Männern und Frauen der einzelnen Verbände, die auf das Dahlak-Archipel vorrückten, um hoffentlich eine Katastrophe zu vermeiden.
Peggy stand am vorderen Rand der Terrasse neben der nach unten führenden Stufen und schaute hinunter in die Bucht, als Jens an sie herantrat und seinen Arm auf ihre Schulter legte.
„Du schaust schon die ganze Zeit so angespannt nach unten. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, wollte er wissen und schaute ebenfalls in die Bucht hinunter.
„Ich weiß nicht genau, Jens. Ich habe eigentlich nur so ein ungutes Gefühl“, gab sie zu. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Kerle bereits wissen, dass Verbände von mehreren Ländern auf sie zurücken. Außerdem wissen sie bestimmt auch schon, dass ihre untere Führungsspitze aus dem Verkehr gezogen wurde und der Kopf der Organisation weltweit intensiv gesucht wird. Was aber, wenn genau dieser Kopf immer noch genügend Verbindungen zu terroristischen Gruppen unterhält und auf Rache aus ist? Und was ist, wenn sie noch woanders Verstecke haben? Jens, die Kerle waren hier schon einmal und wissen genau, wo ihr seid. Und sie wissen, dass ihr daran Schuld habt, dass sie aufgeflogen sind. Nach meiner Erfahrung geben solche Fanatiker nicht einfach auf.“
„Ja, da hast du wohl recht. Aber hast du denn noch gar nicht unsere geheimen Wachleute am Rand der Bucht entdeckt? Sie würden uns mit Sicherheit sofort warnen, wenn ein fremdes Boot, egal ob über oder unter Wasser, in die Bucht hineinwill“, sagte Andreas, der neben die beiden getreten war.
Peggy sah ihn erst fragend an und schaute dann wieder angestrengt, alles absuchend, übers Wasser und auf die beiden Felsen, die links und rechts die Einfahrt zur Bucht begrenzten.
„Nein, ich sehe nichts“, gab sie zu.
„Na dann werde ich sie dir mal zeigen“, meinte Andreas und schickte einen schrillen Pfiff übers Meer.
Sie schaute noch immer übers Wasser. Sie konnte noch immer niemanden entdecken. Fragend blickte sie zu Jens und Andreas, die wissend lächelten.
„Komm, gehen wir doch einfach mal mit Andy runter zum Steg. Er wird dir bestimmt gern seine Wachmannschaft vorstellen. Du wirst staunen“, sagte Jens und nickte ihr aufmunternd zu. Gemeinsam stiegen sie die Stufen nach unten zum schmalen Strand. Liefen den langen Holzsteg entlang, an den beiden demolierten Booten vorbei, bis zum Ende des Stegs. Andreas hockte sich direkt am Rand hin und hielt seine flach ausgestreckte Hand etwa einen Meter über die leicht gewellte Wasseroberfläche.
Peggy glaubte nicht, was sie dann sah. Eine Herde Delfine kam rasch auf den Steg zugeschwommen. Einer nach dem anderen tippte mit der runden Spitze seiner Schnauze leicht an seine Handfläche.
„Das sind ja Tümmler“, brachte Peggy erstaunt hervor.
„Ja. Wenn ich vorstellen darf: Das ist Andys Familie. Und für uns sind es in der Zwischenzeit gute Freunde geworden. Sie hören allerdings hauptsächlich auf ihn und als zweite Person auf Anne“, erklärte Jens. Sie haben Andy und uns schon sehr oft geholfen.
„Ich glaube es ja nicht“, sagte Peggy, noch immer vollkommen überwältigt von dem, was sie sah. „Und ich dachte, die Zwillinge meinten, dass sie im Pool mit solchen aufblasbaren Delfinfiguren schwimmen wollen, als sie ihren Geburtstagswunsch äußerten. Aber das sind ja echte Delfine. Und so viele.“
„Ja, Andy heißt hier bei den Einheimischen nicht umsonst ‚Dolphinman‘. Den Fisch, den wir gestern Abend gegessen haben, haben uns übrigens die Tümmler gebracht“, erklärte Jens.
„Aber das sind doch wilde Delfine. Oder sind sie dressiert?“, fragte Peggy, noch immer fassungslos.
„Es sind wilde Tiere“, bestätigte Andreas. „Sie tun und lassen, was sie wollen. Aber sie haben ein gutes Gespür und waren bisher immer da, wenn wir sie brauchten. Seit wir wieder im Palast sind, halten sie sich bereits die ganze Zeit über am Rand der Bucht auf“, erklärte Andreas.
„Aber wie ist das möglich?“, fragte Peggy, noch immer erstaunt.
Andreas stand auf und gab den Tieren ein kurzes Handzeichen. Kurz darauf schwammen die Tümmler wieder hinaus in die Bucht.
Auf dem Rückweg zur Terrasse, erzählte Andreas die Geschichte, wie er den Delfinen vor fast vier Jahren das erste Mal begegnet war und wie er gemeinsam mit Anne einem von ihnen geholfen hatte. Wie zwischen ihnen eine Freundschaft entstanden war und sich die Tümmler durch ihre Hilfe bei ihm und seinen Freunden revanchiert hatten. Er berichtete davon, wie sie ihm auch bei diesem Einsatz geholfen und ihm die zweite Höhle gezeigt hatten.
Aufmerksam hörte Peggy zu. Sie hatte in Berichten über die Einsätze der Männer schon von Delfinen gelesen, aber sie glaubte, dass es Zufälle waren oder vielleicht auch etwas übertrieben war. Nun wusste sie, dass diese Berichte sogar eher untertrieben waren und bestimmt auch nicht wirklich alles darin stand.
„Aber warum waren sie nicht hier in der Bucht, als die Kerle den Palast überfielen und die Kinder und Erwachsenen entführten?“, wollte sie dann wissen.
„Weil sie zu der Zeit in Annes und meiner Nähe, im Marinehafenbecken, waren. Sie wussten, dass es uns beiden sehr schlecht ging“, erklärte Andreas. „Sie halten sich hauptsächlich in meiner Nähe auf, wenn es ihnen möglich ist. Ich gehöre quasi für sie zur Familie. Sie haben mich sozusagen adoptiert.“
„Aber drei der Tümmler waren zu der Zeit auch hier und wollten die Kinder beschützen. Sie haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Ihre Körper wurden zwei Tage später mit Schusswunden übersät von Fischern, südlich vor der Bucht entdeckt“, sagte Jens traurig. „Du musst wissen, diese Tiere sind uns allen sehr ans Herz gewachsen. Sie sind für uns etwas ganz Besonderes. Auch wenn andere vielleicht sagen: Es sind doch nur Tiere. Für uns sind es sehr gute Freunde und uns trifft der Verlust der drei Delfine ebenso schwer wie der eines menschlichen Freundes“, erklärte Pitt, der mit Sebastian zu ihnen gekommen war.
Peggy konnte das verstehen, nachdem sie das alles erfahren hatte. Sie betrachtete nun diese Gruppe von Freunden mit anderen Augen.

Andreas, Anne und Jens brachten Gerhard Hartmann nach dem Mittagessen zum Flughafen, wo sie sich herzlich von ihm verabschiedeten.
„Jens“, begann Andreas vorsichtig, als sie vom Flughafen zurück zum Palast fuhren. „Darf ich dich was fragen? Aber ich möchte von dir eine ehrliche Antwort.“
„Worum geht’s?“
„Um dich. … Wie ist es wirklich um deine Augen bestellt? Was hat der Arzt gesagt? Kommt definitiv alles wieder in Ordnung?“, fragte Andreas.
„Kurz und bündig. Nein. Wenn du das meinst. Ich kann zwar wieder sehen, aber es wird nie wieder so wie es war. Die Netzhaut ist irreparabel geschädigt“, antwortete Jens, als wäre es die normalste Sache der Welt. „Warum fragst du?“, wollte er wissen.
„Na ja … Dann wirst du deinen Job nicht mehr so ausüben können wie bisher. Willst du da etwa zum absoluten Schreibtischtäter werden? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das passt ebenso wenig zu dir, wie zu uns.“
„Ehrlich gesagt, das weiß ich noch nicht, Andy“, antwortete Jens nachdenklich. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“
„Weißt du, ich meine ja nur … Wie mir Abdul heute früh erzählt hat, trägt sich Peggy mit dem Gedanken, vielleicht hierzubleiben. Wir würden ihr gern anbieten, bei uns einzusteigen“, erwähnte Andreas beiläufig, aber beobachtete dabei genau die Reaktion seines Freundes. „Sie würde unsere Gruppe sicher bereichern.“
„Du meinst, sie wäre vielleicht bereit, unserer Truppe beizutreten und nicht nur einfach mit auf euren beiden Tauchbasen zu arbeiten?“, fragte Jens, dessen Interesse geweckt war, nach.
„Ich weiß nicht. Noch haben wir ihr das Angebot nicht unterbreitet. Aber wir könnten es uns gut vorstellen. Und du weißt, dass auch du hier immer willkommen bist. Wir sind und bleiben ein Team. Daran hat sich nichts geändert.“
„Danke, Andy. Ich weiß. Ich werde darüber nachdenken“, antwortete Jens. Er wusste selbst, dass er nur für die Arbeit lebte, da er sich scheute, heimzugehen. Denn dort erwartete ihn nur Leere. Er hatte seine Dienstjahre längst zusammen. Mit den Verwundungen, die er im Laufe der Jahre einstecken musste, und nun auch noch das mit seinen Augen, würde ein Grund sein, ihn aus dem aktiven Dienst auszumustern. Doch nur noch hinter einem Schreibtisch zu sitzen, das war nicht sein Ding. Da fühlte er sich nicht wohl. Er würde mit seinen Vorgesetzten sprechen müssen. Vielleicht sollte er es wie Peggy machen und versuchen, neue Wege zu gehen.


54
Nach einem schönen Tag, den Peggy und Annes Eltern mit den Kindern von Kim und Anne am Pool verbracht hatten, während die ihrer Arbeit auf den beiden Tauchbasen nachgingen, beziehungsweise im Lazarett Dienst taten, freute sie sich auf ihre abendliche Dusche.
Jens war noch immer unterwegs. Er wollte zuerst zu Abdul ins Lazarett, um sich weiter behandeln zu lassen, und sich danach gemeinsam mit den SEALs mit Oberstleutnant Mahmud Kebier treffen. Eigentlich müssten sie schon bald zurückkommen. Also war es besser, jetzt die Zeit zu nutzen, um ihrem Körper außer einer ausgiebigen Dusche noch etwas Gutes zu gönnen.
Frisch geduscht, wickelte sie sich ein weiches Badetuch um ihren Körper. Während sie ihr Haar frottierte, durchquerte sie den Raum, um sich ihre neu gekaufte Bodylotion aus der Tasche zu holen.
Was war das gerade für ein Geräusch? Sie lauschte. Irgendetwas war auf einmal anders. Nicht so, wie es sein sollte.
Der Vorhang bewegte sich leicht im Wind. Wieso das? Sie hatte die Balkontür doch geschlossen, bevor sie ins Bad gegangen war. Dann hörte sie es. Hinter ihr ein leises Geräusch. Gerade noch rechtzeitig drehte sie den Kopf in die Richtung, als sie auch schon einen dunklen Schatten bemerkte, der sich ihr rasch näherte. Silbern glänzender Stahl einer Messerklinge blitzte in seiner rechten Hand auf. Ganz in Schwarz gekleidet, hob sich die Gestalt kaum von dem schwarzen Vorhang ab.
Alles, was Peggy erkennen konnte, waren weit aufgerissene blaugraue Augen mit geweiteten, schwarzen Pupillen, die zu allem entschlossen schienen.
Sofort setzte Peggys Muskelgedächtnis der vielen Jahre intensiven Trainings ein. Sie wirbelte herum, schlug gegen den Arm des Angreifers, um die Messerattacke abzuwehren. Bei der zweiten Drehung trat sie ihm so kräftig in die Seite, dass er zurücktaumelte, dabei gegen einen kleinen Beistelltisch stieß und alles darauf mit sich herunterriss. Doch bevor Peggy noch bei ihm war, hatte sich der Kerl wieder aufgerappelt und griff erneut an.
Sie zog sich das Handtuch vom Kopf, ihre Haare fielen nass und strähnig über die Schultern. Mit einer schnellen Bewegung schlang sie ihm das Frottiertuch um seinen Arm, schwang mit Schwung herum und zog ihn so an sich vorbei. Das Messer schnitt an ihren Rippen entlang. Ein heftiger Schmerz durchzog sie unterhalb ihrer Brüste. Die Haut an Bauch und Seite fühlte sich schnell feucht und klebrig von dem Blut aus der Wunde an.
Sie bekam das Ende des Handtuches wieder zu fassen, zog fest daran, um den Angreifer auf Position zu halten. Setzte zu einem Sprung an, drehte sich und traf den Angreifer mit ihrem Fuß an der Brust. Er stöhnte auf und taumelte erneut zurück, wobei er an die gegenüberliegende Wand und dann gegen ein Regal stieß und daran Brett für Brett hinunterrutschte. Peggy ließ dem Mann dieses Mal keine Zeit, sich von dem Tritt zu erholen, sondern stürzte sich sofort auf ihn. Sie zerrte an dem Handtuch, verdrehte ihm den Arm so weit, dass sein Schultergelenk nachgab und er einen gedämpften Schmerzensschrei ausstieß. Das Messer fiel klirrend auf den Marmorfußboden. Der Angreifer versuchte, es wieder in seinen Besitz zu bekommen. Peggy wirbelte herum, wollte den Mann eigentlich an der Wirbelsäule treffen, rutschte aber in der Bewegung auf dem glatten Fußboden in ihrem eigenen Blut aus, das sich dort verteilt hatte.
Sie landete hart auf der Seite. Ein scharfer, stechender Schmerz jagte ihr von der Hüfte aus durchs Bein bis hin zu den Zehenspitzen. Der Angreifer nutzte die Situation für sich. Er taumelte auf das Messer zu, um es an sich zu bringen. Geistesgegenwärtig streckte sie ihr Bein aus, traf ihn mit dem Fuß hart am Knie, sodass ein unschönes, dumpfes Knacksen zu hören war, und brachte ihn zu Fall. Er landete aufstöhnend mit dem Rücken auf den Trümmern des Beistelltischchens. Peggy rollte herum und schlug mit ihrer Handkante gegen seinen Kehlkopf. Dann war nur noch das erstickende, gurgelnde Geräusch des Mannes zu hören. Blut rann aus seinem Mund. Die Augen weit aufgerissen, als würde er über seine eigene Sterblichkeit staunen, lag er inmitten des Raums. Ein letztes Röcheln, seine Augen brachen. Dann war er tot.
Angewidert rollte sich Peggy von ihm weg und rappelte sich stöhnend auf.
Lautstark war das Hämmern von Fäusten gegen die mit geschnitzten Ornamenten verzierte Tür zu hören.
„Peggy. Peggy, was ist los bei dir? Mach endlich auf.“ Das war die besorgt klingende Stimme von Jens. Kurz darauf war auch noch die Stimme von Andreas zu hören, der ebenfalls an ihre Tür zu hämmern schien.
Ihr Adrenalinschub verflog gerade und die Schmerzen setzten ein. Also schleppte sie sich, wieder schwächer werdend, zur Tür und entriegelte sie.
Jens und Andreas stürmten herein. Jens bemerkte sofort das Blut.
„Du bist verletzt.“
„Danke, nicht so schlimm. Mir geht es gut … glaube ich zumindest“, antwortete sie und schaute sich die blutende Seite an.
Jens sah sich im Raum um, dann auf die reglose Gestalt am Boden.
„Andy, rufe Sebi an, er soll herkommen, und gib auch den anderen Bescheid. Behaltet die Umgebung im Auge, nicht dass sich hier noch mehr von den Kerlen herumtreiben.“
„Geht klar, ich bin ganz in eurer Nähe, sollte noch was sein.“
Jens schaute sich suchend um, entdeckte den flauschig weißen Bademantel an der offenen Badtür, holte ihn und legte ihn ihr vorsichtig über die Schultern. Sofort bildeten sich rote Flecke auf dem Stoff.
Er lief ins Badezimmer, und kam wenig später mit weiteren Handtüchern und einem feuchten Waschlappen zurück. Vorsichtig begann er damit, die Wundränder zu säubern, und drückte danach die trockenen Tücher auf die Wunde, um die Blutung zu stillen.
„Es ist eine lange, aber nicht sehr tiefe Schnittwunde“, begann er. „Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder bringen wir dich zu Abdul ins Lazarett, wo er eine Doppelschicht schiebt, oder ich nähe dir den Schnitt. Ich denke, bei der Länge von 18 Zentimetern, werden das schon ein paar Stiche werden. Und ja, die Wunde muss definitiv genäht werden. Deine Entscheidung.“
„Mache du es“, entschied sie. „Das geht schneller. Ehe wir erst im Lazarett sind und dann erst wieder die bösen, rügenden Blicke von Doktor Abdul, brauche ich nicht. Ich habe noch ein Nähset in meiner Gürteltasche, drüben neben dem Schrank.“
Er fand es. Zog sich die Latexhandschuhe über, säuberte die Wunde mit Desinfektionsmittel, streute das antibiotische Pulver darüber und zog die bereits vorbereitete gebogene Nadel mit dem resorbierbaren Faden, aus der sterilen Verpackung.
„Das wird jetzt schmerzhaft sein. Ich habe nichts zu Betäubung in deinem Set gefunden. Ich kann aber noch schnell meins holen.“
„Nicht nötig. Mach schon.“
Jens drückte mit Daumen und Zeigefinger die Ränder zusammen und begann damit, die Wunde zu nähen. Jeder Nadelstich ließ Peggy leicht zusammenzucken.
Während er arbeitete, wollte er von ihr wissen, was denn eigentlich genau passiert war. Das tat er teils aus Neugier, teils um Peggy von den Schmerzen abzulenken.
„Ich kam aus der Dusche, als ich ein Geräusch hörte. Als ich mich umdrehte, griff er auch schon an. Er muss die Balkontür aufgehebelt haben. Denn die war plötzlich angelehnt, obwohl ich sicher weiß, dass ich sie geschlossen hatte. Jens, der Kerl war wirklich gut. Er hatte mich fast erwischt. Obwohl ich ihn verletzt hatte, ließ er trotzdem nicht locker und griff wieder an. Was meinst du? Ob die von ‚New Empire‘ den geschickt haben?“
„Ja, gut möglich. Ich denke, wir sollten uns alle besser in acht nehmen und die Augen offen halten“, antwortete Jens. In seiner Stimme schwang feste Überzeugung mit. „So, fertig. Ich hoffe, dir gefällt es.“
Peggy begann plötzlich zu zittern.
„Mir ist mit einem Mal so kalt. Mein Adrenalin scheint gleich bis in den Keller abgerutscht zu sein.“
Sie zitterte immer stärker.
„Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass du nackt bist und deine Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Sieht so aus, als hättet ihr den Schalter oder den Thermostat bei eurem Kampf demoliert.“
Ihr ganzer Körper schlotterte. Jens zog ihr den blutverschmierten Bademantel wieder über die Schultern, legte seine Arme um sie und zog sie ganz nahe an sich heran.
„Ich weiß … ich weiß nicht … wieso es mir plötzlich so geht“
„Es ist alles okay, mein Mädchen. Alles ist gut“, versuchte er, sie mit leiser, einfühlsamer Stimme zu beruhigen und mit der Nähe seines Körpers etwas zu wärmen.
„Hier kannst du vorerst nicht bleiben. Die Klimaanlage muss repariert werden. Andy hat für dich bestimmt noch ein anderes Zimmer frei. Dort verziehst du dich gleich ins Bett. Da wird es dir schon wieder warm.“


55
Seit dem Zwischenfall waren einige Tage vergangen, ohne dass etwas vorgefallen war.
Anne lenkte ihren silbernen Toyota Land Cruiser zur Tauchbasis, die ihrem Mann Andreas, Pitt und ihr zu gleichen Teilen gehörte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Eigentlich arbeiteten sie ganz eng mit der Tauchbasis von Kim und Sebastian zusammen. Sie warfen die Gewinne beider Basen in einen Topf und teilten sie gerecht untereinander auf und verwendeten Überschüsse für Spenden oder Neuanschaffungen, je nachdem, was anlag.
Sie waren sehr froh, dass sie sich jederzeit auf ihre Mitarbeiter und Tauchlehrer verlassen konnten und die Basis deshalb auch mal ohne sie lief. Die Freunde legten sehr viel Wert auf gutes Teamverhalten und förderten es zusätzlich.
Andreas und Anne sahen sich gerade im Office die Abrechnungen durch und sprachen mit Anja, die das Office gemeinsam mit Tilo führte. In der Zwischenzeit schaute sich Jens auf der Basis um und unterhielt sich mit den ägyptischen Angestellten, die dort als Fahrer und in der Füllstation tätig waren. Er kannte sie schon seit ein paar Jahren. Die Männer hatten sich viel zu erzählen und lachten gern. Als die ersten Boote von ihren Tagestauchtouren zurückkamen, fuhr Jens mit zum Hafen, um auch die Bootsbesatzungen begrüßen zu können. Besonders freute er sich darüber, Rashid und Ahmed von der ‚Amun-Re‘ wiederzusehen. Schon von Weitem sah Ahmed den groß gewachsenen Mann am Hafenbecken stehen und winkte ihm freudig zu.
„Rashid, Jens steht am Kai!“, rief er seinem Freund und Kapitän der ‚Amun-Re‘ zu. Der alte Kapitän ließ zum Gruß kurz das Signalhorn ertönen und winkte ebenfalls.
Nachdem das Boot festgemacht hatte und die Tauchtouristen beim Abladen der leeren Pressluftflaschen geholfen hatten und von Bord gegangen waren, sprang Jens aufs Deck. Die Männer begrüßten sich mit gegenseitigem Schulterklopfen und festem Handschlag. Natürlich führten sie ihr Gespräch freundschaftlich in ägyptischer Sprache.
„Schön, dich wiederzusehen, Jens“, sagte Rashid. „Auch wenn du ja nicht zum Spaß hier bist. Wir haben schon gehört, was los war und noch im Gange ist. Ich hoffe, dir geht es schon wieder besser.“
„Klar doch, du alter Seebär. Du weißt, was uns nicht umbringt, macht uns stark“, antwortete Jens Arend mit einem verschmitzten Lächeln. „Außerdem muss ich zugeben, dass ich schon die ganze Zeit Ahmeds gute Küche vermisse.“ Dann fragte er etwas ernster, wo sie heute gewesen waren und ob ihnen vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen wäre.
„Eine große Menge an Präsenz des Küstenschutzes und der Marine“, antwortete Ahmed.
„Und ein Fischerboot, welches wir nicht kannten“, fügte Rashid hinzu. „Es kam aus Norden. Ich habe es vorsichtshalber der Marine gemeldet. Sie haben es dann kontrolliert und sich darum gekümmert.“
„Hat sich danach der Küstenschutz noch mal bei euch gemeldet?“, wollte Jens wissen.
„Nein, aber unser Freund Oberstleutnant Mahmud Kebier. Er dankte uns für die Aufmerksamkeit und meinte, wir sollten weiter die Augen offen halten“, berichtete der alte Kapitän. „Wir wollen dann auch gleich noch mal rausfahren und uns hier in Küstennähe zwischen den Riffs umsehen.“
„Aber seid vorsichtig, Jungs“, warnte Jens. „Mit den Kerlen ist nicht gut Kirschenessen, sollten noch welche da draußen sein. Bitte begebt euch nicht in Gefahr, sondern haltet Abstand, solltet ihr etwas Ungewöhnliches beobachten. Die ‚Amun-Re‘ muss nicht noch mal durchlöchert und ihr nicht erst wieder angeschossen werden.“ Damit spielte Jens auf den Einsatz der beiden Freunde vor drei Jahren an, als sie durch ihren Mut die Flucht eines Schiffes mit illegalen Waffenhändlern verhinderten, auf dem Anne, Andreas und Sebastian zu der Zeit noch schwer verletzt lagen.
„Wir werden aufpassen“, versprach Ahmed. „Und wir sind nicht allein. Auch die anderen Boote unserer beiden Tauchbasen werden auslaufen. Sie haben sich alle freiwillig dazu bereit erklärt.“
Jens verabschiedete sich von den beiden Freunden und kletterte von Bord. Er beobachtete noch, wie die fünf Boote nach ihrem eigentlichen Feierabend wieder die Leinen losmachten und aus dem schützenden Hafen aufs offene Meer hinausfuhren. Dann ließ er sich mit dem Pickup zur Tauchbasis zurückfahren.
Die Terrasse der Basis war von Tauchtouristen belebt, die sich noch über ihre Erlebnisse vom Tag mit ihren Tauchgängen austauschten. Anne, Andreas und die Tauchlehrer sowie die Guides saßen bei den einzelnen Gruppen, mit denen sie den Tag verbracht hatten. Jens liebte diese entspannte, lockere Atmosphäre und genoss sie in vollen Zügen. Er setzte sich zu Anne und Andreas. Er lauschte den Gesprächen und den Erzählungen der Taucher und dem, was sie alles bei ihren zwei Tauchgängen gesehen und erlebt hatten. Dabei musste er oft schmunzeln, als einige der Urlaubstaucher bei der Größe der Fische gewaltig übertrieben. Einfach, weil sie nicht an den Vergrößerungseffekt unter Wasser dachten.
Noch bevor die Gäste die Tauchbasis verließen, verabschiedeten sich aber Anne, Andreas und Jens unter dem Vorwand, noch etwas erledigen zu müssen. Mit Anne am Steuer ihres Toyotas fuhren sie die unbefestigte Straße langsam durch die Hotelanlage hoch zur Hauptstraße.
„Wie läuft eigentlich das Hotel, das deine Eltern zusammen mit Pitt führen?“, wollte Jens von ihr wissen, als sie gerade daran vorbeifuhren.
„Sehr gut“, antwortete Anne. „Du weißt ja, dass wir die überschüssigen Einnahmen an die Gemeinde spenden. Damit konnte jetzt eine neue Schule auch für die Ärmsten hier gebaut, eingerichtet und unterhalten werden. Auch ein kleines Waisenheim ist dadurch schon im Ort entstanden.“
„Wir können sehr zufrieden sein“, ergänzte Andreas. „Eigentlich werden hier Waisenkinder von Anverwandten aufgenommen. Aber bei den armen Familien ist das doch sehr schwer geworden. Es sind also hauptsächlich nur Kinder von sehr armen Familien oder solche, die keine Familienangehörigen mehr haben, und einige behinderte Kinder. Sehr oft haben wir da auch Kinder aus armen Familien zu Gast, die mit Nahrungsmitteln versorgt werden und ihre Freizeit gern bei Spiel und Spaß mit den anderen verbringen“, berichtete Andreas voller Stolz über das schon in den wenigen Jahren Erreichte. „Damit wachsen die Kinder in ihrer normalen Umgebung auf, ohne von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein. Die Betreuung und Erziehung haben einheimische Frauen und Männer aus dem Ort übernommen, sodass die Kinder mit den Bräuchen und in ihrem Glauben aufwachsen können, jedoch nicht dazu gezwungen werden. Immer wenn es sich ergibt, nehmen wir uns die Zeit, fahren mit ihnen raus aufs Meer und bereiten ihnen so einen schönen Tag.“
Jens war begeistert von dem Projekt, welches seine Leute gemeinsam mit den ägyptischen Freunden auf die Beine gestellt hatten.
Die Abenddämmerung setzte bereits ein, als sie von der Straße aufs Grundstück abbogen. Acht ‚General Dynamics F-16‘ der ägyptischen Luftstreitkräfte flogen in offener Formation Richtung Süden über sie hinweg.
„Es scheint loszugehen“, stellte Andreas fest und schaute den Maschinen nach, die sich schnell entfernten. Während Anne den Wagen noch parkte, liefen die beiden Männer schon durch den Garten zum Haupthaus. Als sie das Zimmer betraten, das als Informationszentrale ausgebaut worden war, saßen da schon alle Freunde zusammen und verfolgten die Funksprüche, der einzelnen Einheiten untereinander.
„Der Küstenschutz aller Anliegerstaaten hat seine Sicherheitspatrouillen im gesamten Grenzstreifen verstärkt“, informierte Pitt sofort, als er die beiden eintreten sah. „Die Verbände ziehen sich gerade in einem Ring um die Inseln zusammen und die ersten Landungstruppen sind abgesetzt.“
„Wo ist eigentlich Peggy?“, wollte Jens wissen, nachdem er sie im Raum nirgends entdecken konnte.
„Sie ist mit Tim auf der Terrasse und beobachtet die Bucht. Wir sind über Funk mit ihnen verbunden“, antwortete Sebastian und reichte Jens auch schon seine Sprechgarnitur.
„Und wo sind die Kinder?“, fragte er besorgt weiter, während er das Headset aufsetzte.
„Wir haben sie, auf Peggys Anraten hin mit Erika, Walter und Kim in unser Hotel gebracht. Dort sind sie sicherer aufgehoben, sollten wir hier wirklich noch Besuch bekommen“, antwortete Pitt.
Gerade als Jens noch etwas sagen wollte, war Peggys Stimme über die Ohrhörer der Männer in der Zentrale zu hören.
„Jungs, hier stimmt etwas nicht. Die Delfine spielen verrückt.“
Sofort sahen sich die Männer nur kurz an, dann griffen sie auch schon zu ihren Waffen und rannten durch die Empfangshalle hinaus auf die Terrasse. Doch von Tim und Peggy war nichts mehr zu sehen. Dafür hörten sie aber die lauten Pfeiftöne der Delfine. Kurz darauf fielen die ersten Schüsse.
„Sie müssen unten am Steg sein!“, rief William. Eilig sprinteten die Männer zum Ende der Terrasse und schauten über die Steinbrüstung nach unten.
„Mach die Scheinwerfer für die Bucht an!“, schrie Andreas seiner Frau zu, die am Haus geblieben war. Kurz darauf erstrahlte die Bucht im gleißenden Licht der grellen Scheinwerfer.
Ein alter, unscheinbarer Fischkutter trieb mitten in der Bucht, von dessen Bug das Mündungsfeuer eines Sturmgewehrs zu sehen war, welches seine tödlichen Salven in Richtung des Stegs schickte, wo Tim und Peggy, flach auf den Holzplanken lagen und die Schüsse mit ihren Pistolen erwiderten, die jedoch gegen die schnell in Folge abgegebenen Salven nicht viel auszurichten hatten. Sofort eröffneten auch die SEALs mit Heckler&Koch MP-5 von der Terrasse aus das Feuer auf die Angreifer, während die deutschen Freunde, deren Feuerstöße als Deckung nutzend, die Stufen nach unten liefen.
„Wie kommen diese Kerle an Kalantaks ran?“, rief Jens, als er die Waffe erkannte.
„Woran sind die rangekommen?“, fragte Andreas verwirrt nach
„Das ist ein INAS-Sturmgewehr“, erklärte Jens weiter, während er immer gleich zwei Stufen mit einem Mal nahm.
„Wieso, was ist damit?“, hakte Andreas nach.
„Das sind Waffen indischen Fabrikats für den Nahkampf, die hauptsächlich von ihren Spezialeinheiten verwendet werden. Die findet man für gewöhnlich nicht auf dem Schwarzmarkt für Terroristen.“
Noch während sie auf den Steg zuliefen, beobachteten sie, wie Taucher, die gerade erst von dem alten Kutter gesprungen waren, sofort von den Delfinen in Empfang genommen, attackiert und in Richtung offenes Meer davongeschleppt wurden.
„Nein!“, schrie Jens entsetzt auf, als er sah, wie Peggy kraftvoll ausholte, in einem weiten Bogen ins Wasser sprang und sofort in Richtung der drei aufsteigenden Luftblasensäulen verschwand, die sich dem Steg näherten.
„Um Gottes willen, was hat die Frau nur vor? Das ist doch Wahnsinn!“, rief er und rannte, ohne auf weitere Deckung achtend, auf den Steg. Seine Freunde reagierten blitzschnell und gaben ihm durch das Sperrfeuer aus ihren MP5 den nötigen Schutz.
Pitt und Sebastian zogen den nur leicht verletzten Tim, aus der Schusslinie hinter den Bug der ‚Al Salam‘, der ihnen Deckung bot.
Andreas stürmte Jens nach, riss ihn zu Boden und warf sich flach neben ihn. „Bist du verrückt oder lebensmüde?“, schrie er ihn an.
Und wieder ratterten die MG-Salven über ihre Köpfe hinweg in den Felsen, aus dem kleine, scharfkantige Gesteinsstücke herausgesprengt wie Geschosse durch die Gegend flogen.
„Tim“, fragte Pitt, „hat Peggy gesagt, was sie vorhat, bevor sie ins Wasser gesprungen ist?“
„Ja“, antwortete der Seal schwer atmend. „Sie sagte etwas davon, dass sie die drei Taucher ausschalten und die Delfine sicher aus der Bucht führen wolle, bevor das Boot hochgeht.“ Erschrocken sahen sich die Männer an.
„Das ist doch Wahnsinn!“, rief Pitt. „Das ist nicht zu schaffen. Schon gar nicht ohne Tauchequipment.“
„Ich muss den Tümmlern helfen, noch rechtzeitig aus der Bucht zukommen. Kümmere du dich um Peggy“, sagte Andreas zu Jens, der die Wasseroberfläche nach verräterischen Wasserblasen der Taucher absuchte. Gerade als beide ins Wasser springen wollten, kamen drei schwarz gekleidete Taucher wie Sektkorken an die Oberfläche geschossen, und nur wenige Sekunden später explodierte mit einem lauten, widerhallenden Knall das alte Fischerboot. Eine riesige Wassersäule schoss nach oben und ergoss sich bei ihrem Zusammenbruch über den Steg und die beiden Jachten. Hohe Wellen rasten auf die Jachten und das Ufer zu, wo sie mit einem lauten Rauschen nacheinander brachen. Danach zog in der Bucht eine geradezu unheimliche Ruhe ein.
Die Männer, die instinktiv ihre Arme schützend über ihre abgeduckten Köpfe gelegt hatten, erhoben sich wieder.
Jens riss seine Sonnenbrille von den Augen, um vielleicht besser sehen zu können.
„Holt die Kerle da raus. Ich suche Peggy“, rief er laut hörbar für alle und hechtete auch schon ins Wasser, noch bevor ihn Andreas davon abhalten konnte. Ohne lange darüber nachzudenken, sprang er hinterher und folgte Jens mit schnellen, kraftvollen Bewegungen, vorbei an den Wrackteilen des untergehenden Fischerbootes, durch die Bucht zum Ausgang aufs offene Meer, welches bereits im Dunkeln lag. Immer wieder drehte sich Jens auf der Suche nach Peggy im Kreis und suchte die Wasseroberfläche ab. Sobald er etwas entdeckte, schwamm er hin. Erkannte er, dass es einer von den schwarz gekleideten Tauchern war, blies er mit einem Griff an den Inflator ihr Jackett voll auf, sodass sie sicher an der Oberfläche trieben, und suchte weiter nach der Frau.
Nach einer Weile begann er verzweifelt ihren Namen zu rufen.
Suchscheinwerfer zweier ägyptischer Küstenschutzboote und der ‚Amun-Re‘, die sich in der Nähe befanden und nach der Explosion die Bucht ansteuerten, flammten grell auf und richteten sich auf die leicht wellige Wasseroberfläche, um sie abzusuchen. Dabei tasteten sich die hellen Scheinwerferkegel immer weiter vor. Nacheinander fischten die Männer bewusstlose Taucher, die Peggy kampfunfähig gemacht und teilweise sogar noch gefesselt hatte, aus dem Wasser. Einige von ihnen wiesen an Armen und Beinen Bisswunden von Delfinen auf.
„Andy, wo sind deine Delfine?“, fragte Jens schnaufend. „Vielleicht haben sie Peggy. Ich hoffe nur, dass sie sie nicht für einen Feind halten.“ Andreas, der dicht bei ihm geblieben war, schaute sich um und schickte einen lauten Pfiff über das nächtliche Meer. Kurz darauf wurden die beiden Männer von den Tümmlern umkreist. Je ein männlicher, ausgewachsener Delfin, auch Stier genannt, schob sich neben sie. Vorsichtig, um sie nicht zu verletzen, griffen sie nach der dargebotenen Finne des jeweiligen Tiers. Kaum hatten sie fest zugefasst, zogen die beiden Tümmler sie auch schon mit sich durchs Wasser.
Rashid folgte ihnen mit der ‚Amun-Re‘ in sicherem Abstand. Denn er und Ahmed kannten diese Tümmler-Schule, seitdem diese Andreas zu ihrem Freund gemacht hatten. Sie hatten schon viele schöne Begegnungen mit den Tieren und konnten sie von anderen Delfinen und deren Schulen unterscheiden, denen sie öfter vor der Küste zwischen den Riffen begegneten.
Peggy hat wirklich geschafft, was sie vorhatte, ging es Jens durch den Kopf, während er sich an die Finne des Delfins klammerte und mit ihm schnell über die Wasseroberfläche schoss. Sie hatte die Taucher aufgebracht und kampfunfähig gemacht. Und sie hat die Delfine vor der Detonation des Fischerbootes in Sicherheit gebracht. Sonst wären jetzt die Tümmler nicht hier. Eigentlich müsste ihn das etwas beruhigen. Doch das ganze Gegenteil war der Fall. Er verspürte große Angst. Ja, er sorgte sich um diese Frau. Diese Angst und Sorge schien sich auf das Tier zu übertragen, das ihn zog, denn es schoss noch schneller an der Wasseroberfläche dahin, sodass er alle Kraft aufbringen musste, um sich an der Rückenflosse des Delfins, halten zu können. Jens löste eine Hand von der Finne und strich damit sanft über den Körper des Tümmlers, als er bemerkte, dass dieser ihn nach Süden in Richtung des Marinehafens zog, wo sich auch das Militärlazarett befand.
„Ich hoffe … ihr habt Peggy dahin … gebracht und wollt nicht … nur uns dorthin bringen“, schnaufte Jens, nach Luft schnappend, weil er immer wieder die Luft anhalten musste, während er von dem Tier durch die Wellen gezogen wurde. Daraufhin tauchte der Tümmler kurz tiefer ab und schwamm dann aber weiter gerade auf den Marinehafen zu. Jens wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, doch Andreas, der noch immer ganz dicht neben ihm war, interpretierte es für sich und rief Ahmed, der am Bug der ‚Amun-Re‘ stand, auf Arabisch zu:
„Nehmt mit dem Doc Kontakt auf. Sie sollen sofort das Hafenbecken beobachten. Unsere Freunde bringen eine Patientin für ihn!“
Ahmed hatte gegen den Fahrtwind zwar nur die Hälfte verstanden, sich aber das Richtige zusammengereimt. Schnell lief er nach oben auf die Brücke und gab den Funkspruch zum Lazarett und an Doktor Abdul Mechier durch, der sofort darauf reagierte und seine Leute zum Hafen hinunter schickte.

Acht scheinbar harmlose, in der Gegend aber unbekannte Fischerboote wurden in dieser Nacht noch von den Mannschaften der Boote der beiden Tauchbasen entdeckt und vom Küstengrenzschutz aufgebracht. Auf jedem der Boote befanden sich Männer und Frauen, die sich frühzeitig von dem Dahlak-Archipel abgesetzt hatten, sich in Sicherheit bringen wollten, um sich erneut zusammenzurotten. Auch im Nachbarland Sudan, und anderen Rotmeeranliegerstaaten wurde die Warnung aus Ägypten und von der deutschen Gruppe dankbar aufgenommen. Gezielt wurde nach solchen Booten Ausschau gehalten, sie wurden aufgegriffen und die Leute, die sich darauf befanden, vorläufig in Haft genommen.
Besonders beunruhigend war dabei, dass auf einigen der Boote Kisten mit dem Nervengift Tabun gefunden wurden. All diese Informationen gingen auch bei den Männern im Palast ein, die den gezielten Angriff auf ihre Stellung mittels einer abhörsicheren Verbindung den Verbänden gemeldet und über die Vorgehensweise informiert hatten.
Bei all dem, was da gerade um sie herum vorging, fragten sich Jens und seine Freunde trotzdem besorgt: Wo war Peggy? Lebte sie noch? Was war mit ihr geschehen?


Fortsetzung folgt
 



 
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