5
Auf der Jacht ‚Al Salam‘, Rotes Meer, Ägypten
„Ich kann nicht mehr Kinder. Ich benötige eine Pause“, stöhnte Kim. Dabei massierte sie sich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand müde den Nasenrücken und legte das Blatt zur Seite, das sie gerade noch gelesen und grob übersetzt hatte.
„Okay, gehen wir eine Weile an die frische Luft und fassen zusammen, was wir bisher haben“, schlug Andreas vor.
Auf dem Weg nach draußen gingen sie an der Kombüse vorbei und jeder schnappte sich eine Flasche Bier. Sie ließen nur ein kleines Licht im Salon an und stiegen hoch zum Oberdeck.
Nacheinander berichteten sie vom Inhalt der Seiten, die sie gelesen hatten.
„Fest steht“, fasste Andreas zusammen, „es ist die Kopie einer handschriftlichen Aufzeichnung. Das heißt, dass es mehrere davon geben kann. Der Einsatz wird propagandamäßig begründet und es sind genaue Beschreibungen für die Durchführung und das Anthrax enthalten. Ohne weiterlesen zu müssen, könnte ich mir vorstellen, dass dieser nette Mensch sich auch noch etwas ausgedacht hat, wenn der erste Anschlag in die Hose gehen sollte. Ich glaube aber nicht, dass sie Milzbrandsporen wie Sand am Meer haben.“
„Anders gesagt … Wenn das da unten das Anthrax ist, dann werden vielleicht schon welche auf der Suche danach sein, nachdem bisher noch nichts passiert ist“, schlussfolgerte Sebastian.
„Ja, das denke ich auch. Ich glaube kaum, dass dieser Mann, der da angeblich auf einem persönlichen Rachfeldzug einige Gleichgesinnte zusammengescharrt hat, so schnell aufgibt“, meinte Andreas nachdenklich. „Wir müssen das Zeug sicherstellen, damit keiner damit Unfug treiben kann. Denn das würde sonst vielen unschuldigen Menschen das Leben kosten.“
„Mir ist ganz mulmig bei dem Gedanken. Kommt, gehen wir wieder runter und lesen weiter“, forderte Anne, nach dem gerade Gehörten. „Vielleicht finden wir ja noch ein paar wichtige Hinweise auf weitere Aktionen. Vor allem interessiert mich, warum er es uns Deutschen in die Schuhe schieben will und was die verschiedenen ausgestellten Pässe sollen. Den Passus haben wir nämlich auch noch nicht gefunden.“
Gemeinsam stiegen sie wieder nach unten, gingen zurück in den Salon und nahmen sich die nächsten Seiten vor.
Zwei Stunden später, in denen sie sich der schweren Lektüre gewidmet und sich hinterher darüber ausgetauscht hatten, wollten sie für den Tag Schluss machen, um wenigstens noch etwas Schlaf zu bekommen.
„Leute, ich glaube, es ist besser, wir teilen für die restliche Nacht sicherheitshalber Wachen ein, um auf die Umgebung zu achten“, schlug Andreas vor. Alle stimmten zu. Sebastian erklärte sich für die erste Wache bereit. Schon wenig später stieg er, warm angezogen, mit einer dicken Decke über der Schulter und einem Nachtsichtfeldstecher bewaffnet, aufs Oberdeck.
Anne und Kim zogen sich derweil müde in ihre Kabinen zurück. Andreas wählte währenddessen Jens Arends Nummer und hoffte, ihn nicht zu wecken. Bereits nach dem zweiten Rufzeichen hatte er seinen Freund und ehemaligen Vorgesetzten am Apparat.
Ohne dass sich Jens erst mit Namen meldete oder Andreas begrüßte, sagte er gleich: „Gut, dass du anrufst, ich wollte das auch gerade tun. Was gibt es bei euch Neues?“
Andreas berichtete zusammengefasst, was sie weiter herausgefunden hatten und was sie vermuteten. Im Gegenzug informierte Jens ihn über die Identität der Leiche mit der Waffe und dass sie den ehemaligen Besitzer der Piper ermitteln konnten, sich danach aber erst einmal alles wieder im Sande verlief. Und er berichtete davon, dass Gerhard die Verbindung zu seinem Freund in den USA aufgenommen hatte, der über das Pentagon weitere Ermittlungen anlaufen ließ.
„Ich denke, in dem Fall wird es besser sein, wenn wir morgen versuchen, die Kisten oder wenigstens deren Inhalt hochzuholen, um ihn sicherzustellen. Unter Wasser hätten wir keine Chance einer Verteidigung. Für die restliche Nacht haben wir uns schon in Wachen aufgeteilt“, sagte Andreas. Und nach kurzer Überlegung: „Wenn wirklich das drin ist, was wir vermuten, dann informiere ich dich sofort. Und wenn hier Besucher auftauchen sollten, hole ich mir noch Pitt als Verstärkung, bis ihr uns Verstärkung schicken könnt.“
„Wann willst du morgen mit Sebi runtergehen?“, wollte Jens wissen.
„Sobald die Sonne einen günstigen Stand hat, damit wir auch was ohne Lampen sehen. Wir gehen so gegen sieben hiesiger Zeit runter.“
Jens schaute auf seine Uhr und rechnete die zwei Stunden Zeitverschiebung ab. „Was meinst du? Was denkst du, wie lange werdet ihr brauchen?“, fragte er dann.
„Kommt darauf an, was wir vorfinden. Leider können wir nicht unsere Rebreather nutzen. Damit kommen wir nicht reibungslos durch den engen Spalt und das Fenster. Wir müssen also mit Pressluft tauchen und brauchen längere Dekostopps. Die vier Nitroxflaschen, die wir an Bord haben, würden wir lieber für den Notfall lassen. Was anderes haben wir hier leider nicht auf dem Boot. Ich rechne mit neun bis zehn Stunden, da wir die Tür nicht aufbekommen, müssen wir alles durch das kleine Bugfenster rausfädeln. Die Kisten passen da nicht durch. Es wird also Kleinarbeit. Doch die Dekompression wird die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem benötigen wir auch Oberflächenzeit zur Regeneration, wie du weißt. Die Frauen möchte ich nicht mehr in die Nähe der Maschine lassen. Ihr Schock war schon groß genug, als sie die Leichen entdeckten. Aber zwei Mann müssen dran arbeiten“, teilte Andreas seine Überlegung mit. „Mir wäre es auch lieber, wenn wir uns in zwei Gruppen abwechseln könnten, um nicht die Dekozeit ganz so hochtreiben zu müssen. Haben wir aber nicht.“
In dem Moment kamen Anne und Kim aus ihren Kabinen. Sie hatten das Gespräch mitangehört.
„Hallo Jens. Hier ist Anne. Natürlich tauchen wir mit runter. Solange wir nicht mit in die Maschine hineinmüssen, sondern das Zeug von draußen übernehmen können, sind wir dabei. Andy ist nur wieder überfürsorglich, was uns betrifft“, sagte sie laut in den Hörer, dem sie Andreas einfach aus der Hand gerissen hatte, und lächelte ihn übertrieben liebevoll an. „Also rechne nicht mit zehn, sondern mit etwa sieben bis acht oder neun Stunden. Wir sind mit dabei. Schließlich geht es hier um mehr Menschenleben als nur um unsere. Oder willst du uns nicht im Team?“ Die beiden Frauen nickten sich zu.
„Wenn ihr zwei euch das zutraut, dann gerne“, antwortete Jens nach einer kurzen Pause. „Aber es ist sehr gefährlich. Auch für euch“, gab er zu bedenken.
„Aber andere Hilfe bekommen Sebi und Andy so schnell nicht. Also, was liegt näher? Wir schaffen das schon. Nur wenn es sich bestätigt, dass es wirklich diese biologische Waffe ist und es andere darauf abgesehen haben, wäre es schon schön, wenn wir Hilfe bekommen könnten“, sagte Anne dann doch etwas leiser.
Jens versprach, sobald es sich als das entpuppte, was sie bereits vermuteten, Hilfe zu schicken.
„Gut, damit können wir leben“, antwortete sie, verabschiedete sich und übergab das Handy wieder ihrem Mann, der sie noch immer, mit großen Augen, erstaunt ansah.
„Du hast es gehört, Jens. Hier sind die Frauen an der Macht. Wir haben da nichts mehr zu melden“, lästerte Andreas, gab Anne einen Klaps auf den Hintern und küsste dann doch ihre Hand. „Wir melden uns, sobald wir wissen, was in den verdammten Kisten ist. Ich hoffe, wir betreiben den Aufwand nicht wegen ein paar verlauster Armydecken. Wobei das beruhigender wäre.“ Damit verabschiedeten sie sich voneinander.
„Was sind das für Frauen? Sind die auch von deinem Verein?“, wollte Gerhard Hartmann wissen, nachdem Jens Arend die Verbindung getrennt hatte. Jens verneinte das und erzählte ihm, wie die beiden vor einigen Jahren ihren Mann gestanden hatten, als es um die Bekämpfung einer terroristischen Organisation ging, die begonnen hatte, sich in Ägypten häuslich niederzulassen.
Da sie Zeit hatten, erzählte er seinem neuen Freund die ganze Geschichte.
Dabei nickte der alte Soldat und Pilot immer wieder anerkennend. „Es gibt nicht viele Menschen, die solch ein starkes Rückgrat haben und so für eine gute Sache eintreten“, stellte er nach dem Gehörten fest. „Du hast wirklich gute Freunde. Auch das, was du mir da von diesem Doktor Mechier, dem ägyptischen Generalstabsarzt, erzählt hast, beeindruckt mich sehr“, gab Gerhard zu. „Ich glaube, diese Leute möchte ich gerne einmal persönlich kennenlernen. Aber nun lass uns etwas schlafen. Morgen, genauer gesagt schon in wenigen Stunden, wird wieder ein anstrengender Tag. Ich habe im Nachbarzimmer zwei Feldbetten stehen. Das heißt, wenn du nicht lieber in ein Hotel möchtest.“
Jens war zufrieden mit einem Feldbett. Er hatte auch schon wesentlich schlechter geschlafen und war nicht wählerisch, was das betraf. Sie ließen die Tür zum Büro offen, um jederzeit auch das Klingeln des Festnetztelefons zu hören und sofort wieder einsatzbereit zu sein.
„Seid ihr wirklich sicher, dass ihr das machen wollt?“, fragte Andreas die beiden Frauen, nachdem er das Telefon weggelegt hatte. Kim und Anne nickten ihm zu.
„Wir sind hier auf demselben Boot und somit in derselben Gefahr wie ihr. In zwei Gruppen können wir die Dekozeit drastisch senken und haben das Zeug eher oben“, meinte Kim.
„Aber ich kann euch auch von Pitt abholen lassen, was mir offen gesagt, wesentlich lieber wäre“, gab Andreas zur Antwort.
„Ja, wir kennen deine Prinzipien, Schatz“, erwiderte Anne und rollte gelangweilt mit den Augen, als sie den ersten Satz seines Mottos zitierte: „Keine Männer …“, sie machte mit ihren Fingern Anführungsstrichchen in die Luft, „… und Frauen, die Kinder haben, sollten in gefährliche Einsätze geschickt werden, wenn es nicht unbedingt erforderlich ist. … Aber ihr seid nun einmal auch Väter und werdet es trotzdem tun. Und wir werden euch dabei helfen. Wir sind ein Team, schon vergessen? Außerdem wird so auch die Gefahr halbiert. Wir haben nämlich keine Lust, euch mit den Kindern am Bullauge einer Dekompressionskammer zu besuchen, nur weil ihr zu zweit in die Dekozeit gerutscht seid. Zumal der Doc nicht schnell genug damit da sein könnte. Das Zeug ist doch sicher noch dicht verschlossen, sonst würden hier schon ein paar Hundert Fische mit dem Bauch nach oben auf den Wellen schaukeln. Also Fazit: Solange das Zeug in dem bleibt, wo immer es jetzt auch drin ist, geht keine Gefahr davon aus. Oder liege ich da falsch?“ Sie stemmte ihre Arme in die Hüften und sah ihren Mann herausfordernd an. Als er leicht nickte, sprach sie weiter: „Also lass uns das Zeug hochholen und von hier verschwinden, um es vor Anderen, die nichts Gutes damit vorhaben, in Sicherheit zu bringen. Ihr holt es aus dem Innenraum der Maschine. Wir nehmen es entgegen und verpacken es sicher in Netze, um es an Bord der ‚Al Salam‘ zu bringen.“
„Ihr zwei seid durch nichts und niemanden zu ersetzen. Auch wenn es Zeit sparen würde, wenn wir einen fliegenden Wechsel machen, bestehe ich trotzdem darauf, dass die zweite Gruppe erst runtergeht, wenn die andere wieder oben ist. Also wird sich die Bergungszeit nicht wesentlich verkürzen, sondern eher sogar verlängern. Dafür geht die erste Gruppe aber eher und nicht erst um sieben Uhr runter“, legte Andreas fest.
Kim brachte Sebastian noch einen heißen Tee nach oben und zog sich dann in ihre Kajüte zurück. Anne und Andreas tranken ihren Tee im Salon und verzogen sich danach auch in ihre Betten. Schon nach einer Stunde klingelte für Andreas der Wecker, um die zweite Wache zu übernehmen.
6
Rotes Meer, Ägypten, Jacht ‚Al Salam‘ und im Wrack der Piper
Um fünf Uhr morgens klingelte der Wecker für Anne, Andreas und Sebastian, während sich Kim nach ihrem Wachdienst noch für zwei Stunden ins Bett legen konnte.
Sebastian deckte sie zu und wünschte ihr, gut zu schlafen. Leise schlich er aus der Kabine und setzte sich mit seinen Freunden an den Frühstückstisch.
Vor dem Essen hatten sie bereits die Netze vorbereitet, in denen sie die gefährliche Fracht, von der sie nicht wussten, in welchem Zustand sie sich befand, an Bord der Motorjacht hieven wollten. Außerdem hatten sie Behältnisse auf dem Deck bereitgestellt, die die Fracht dann sicher aufnehmen sollten.
Nach dem Frühstück versenkten sie wieder je zwei mit 200 bar gefüllte Pressluftflaschen auf fünfzig Metern und weitere Flaschen mit zusätzlichen Atemreglern, mit EAN 50, also Nitrox mit 50% Sauerstoff, für die Dekompressionsaufenthalte in einer Tiefe von zwanzig Metern.
Sebastian half Anne und Andreas dabei, ihr Equipment anzulegen. „Hier, zieht die mal lieber an. Man weiß ja nie“, sagte er und reichte ihnen ihre Neoprenhandschuhe.
Andreas sprang zuerst ins Wasser und wartete dort auf seine Frau, die das Seil des Transportnetzes mit einem Karabiner an ihrem Jackett befestigte und es von Sebastian noch einmal kontrollieren ließ.
Nachdem auch sie, mit einem Schritt ins Leere, neben Andreas im Wasser gelandet war, gaben sie das Okay-Zeichen und tauchten ab.
Sebastian achtete darauf, dass das Seil, das Anne mit dem Netz mit sich führte, immer leicht gespannt war, um zu verhindern, dass sie sich mit den Flossen darin verfangen konnte.
Am Flugzeugwrack angekommen, zog Andreas die Tarierweste mit dem gesamten Equipment aus und reichte sie seiner Frau. Geschmeidig schlüpfte er durch die enge Fensteröffnung, griff nach draußen zu seinem Mundstück und ließ sich das Jackett und dann das Netz mit dem Werkzeug von ihr durch die Öffnung reichen.
Er tauchte an den beiden, noch in ihren Sesseln sitzenden Leichen vorbei und machte sich vorsichtig daran, die obere Kiste mit dem Brecheisen zu öffnen.
Anne tauchte in der Zwischenzeit um die Maschine herum zum Heck der Piper, zur Flugzeugkennung, und schaute sich deren Lackschicht genauer an. Sie zog ihre Neoprenhandschuhe aus, steckte sie in die Jacketttasche und leuchtete dann mit ihrer Unterwasserlampe die Stelle seitlich an. Sacht fuhr sie mit den Fingerspitzen über den Lack und bemerkte dabei leichte Unebenheiten. Sie schaltete ihre Lampe aus, schloss zusätzlich die Augen und konzentrierte sich nur auf ihren Tastsinn. Zentimeter für Zentimeter befühlte sie so mit ihren Fingerspitzen die Fläche. Als sie ihre Augen wieder öffnete, flog ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. Sie zog eine kleine Schreibtafel aus der Tasche ihres Jacketts und notierte ‚EC-ILUS‘ darauf. Zufrieden steckte sie die Tafel ein und tauchte zurück. Geduldig wartete sie auf ihren Mann. Dabei vermied sie es aber, in den Innenraum des Cockpits zu schauen.
Neben den typischen Geräuschen, die man unter Wasser, vom eigenen Atmen durch den Atemregler hörte, nahm sie außerdem eine Art Knirschen, Knacken und Schaben wahr, das von dem Wrack stammen musste.
Gerade als sie dem nachgehen wollte, erschien Andreas an der Öffnung. Anne reagierte sofort und hebelte das Transportnetz vom Karabiner ihres Jacketts. Sie hielt es aufgespannt vor das Fenster, das als Einstieg diente. Vorsichtig legte er eine Art große Glasröhren in das Netz. Dann gab er ihr ein Zeichen, dass er noch weitere solcher Ampullen holen wolle. Sie nickte ihm verstehend zu und schloss das Netz vorsichtshalber. Einige Zeit später erschien ihr Mann erneut an der Öffnung und füllte das Netz.
Während er wieder zurücktauchte, machte sich Anne auf den Weg. Sie schwamm nur ein paar Meter von dem Wrack weg, hängte das gefüllte Netz mit dem Karabiner am Seil ein, dessen Ende sie kurzzeitig an einer Steinkoralle an der Riffwand eingeklemmt hatte, und zog dreimal fest an der Schnur. Das war das Zeichen für Sebastian, das Seil mit der Fracht vorsichtig hochzuziehen. Von ihren Blicken begleitet, gewann das Netz mit dem tödlichen Inhalt an Höhe, bis es ganz aus ihrem Blickfeld verschwand.
Wieder hörte sie das unheimliche Knirschen und Knarzen. Als das Netz erneut nach unten kam, musste sie ihm noch ein Stück entgegentauchen, um es abzuholen und an die Öffnung heranziehen zu können.
Auf dem Rückweg traute sie ihren Augen kaum. Sie nahm eindeutig eine leichte Bewegung des Flugzeugwracks wahr. Vor dem Fenster angekommen, wartete Andreas bereits mit der neuen Ladung und tauchte, nachdem er sie vorsichtig in das aufgehaltene Netz deponiert hatte, sofort wieder ins Heck der Maschine. Als er mit den nächsten Glasbehältern zurück war und Anne das Netz auf die Reise nach oben geschickt hatte, half sie ihm aus der engen Öffnung.
Die ganze Aktion hatte länger gedauert als erwartet, ihre Luftreserven waren erschöpft.
Einander helfend, wechselten sie ihre fast leeren Pressluftflaschen gegen die neuen, die gleich in ihrer Nähe an den Seilen hingen. Sie waren bereits einige Minuten in die Nullzeit gerutscht und konnten deshalb nur sehr langsam, mit mehreren Dekompressionsstopps, aufsteigen. Auf zwanzig Metern tauschten sie erneut ihre Flaschen, dieses Mal aber gegen die vollen, mit 50 % Sauerstoff angereicherten Nitroxflaschen, die an dem Seil hingen, und tauchten dann, auf ihre Stickstoffsättigung achtend, langsam weiter auf.
An Bord der ‚Al Salam‘ hatten sich Kim und Sebastian bereits für ihren Tauchgang fertig gemacht.
„Passt auf, seid vorsichtig“, warnte Anne etwas außer Atem, kaum dass sie auf der Taucherplattform stand. „Das Wrack scheint an Stabilität zu verlieren. Wahrscheinlich, weil wir das Heck leer räumen und sich die Last nun anders zu verteilen beginnt.“ Kim und Sebastian nickten ihr, als Zeichen, dass sie verstanden hatten, zu. Und schon verschwanden sie mit dem Transportnetz in der Tiefe.
Zügig entledigten sich Anne und Andreas ihrer Tauchausrüstung. Dabei achteten sie trotzdem auf das sich abrollende Seil, das Kim mit sich führte. Andreas brachte die neuen Pressluft- und Nitroxflaschen an den Tauen auf die Tiefe von zwanzig und fünfzig Metern und zog die leeren hoch.
Sie waren froh, die Flaschen mit dem hohen Sauerstoffanteil überhaupt mitgenommen zu haben, die sie an Bord nicht neu befüllen konnten. Für die Pressluftflaschen dagegen hatten sie einen entsprechenden Kompressor auf dem Boot.
Während Andreas die leeren Stahlflaschen wieder auffüllte, kümmerte sich Anne um das Equipment. Jeder Handgriff saß, ohne dass sie sich dafür extra verbal abstimmen mussten.
Kaum dass Sebastian an den Kisten im Wrack angekommen war, sah er sofort, dass sein Freund schon einiges an Vorarbeit geleistet hatte. Obwohl die zweite Kiste erst halb leer war, hatte er bereits die dritte aufgebrochen. So konnte Sebastian sich ganz auf das Ausräumen konzentrieren.
Vorsichtig nahm er die letzten Glasbehälter aus der zweiten Kiste, schwamm durch den Gang zurück und reichte sie seiner Frau durch die schmale Öffnung. Dann hievte er den leeren Aufbewahrungsbehälter zur Seite, um besser an die letzte Kiste heranzukommen.
Gottverdammte Scheiße, dachte er, als er unter dem Deckel eine kleine Leuchtdiode blinken sah. So schnell er konnte, zog er die Abdeckung von der Kiste und holte die nächsten, in Schaumstoff gebetteten Glaskörper heraus, um sie zum Fenster zu bringen.
Wie zuvor Anne schwamm auch Kim ein kurzes Stück vom Wrack weg, bevor sie das Zeichen gab, dass die Ampullen hochgezogen werden konnten. Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie, wie das gefüllte Netz langsam nach oben verschwand und schon wenig später leer zurückkam. Als sie wieder am Wrack ankam, war Sebastian bereits mit den restlichen Röhren am Fenster und lud sie vorsichtig in das Netz. Dann reichte er seiner Frau seine Weste mit der Flasche durch die Öffnung und war erst zur Hälfte herausgeschlüpft, als sich das Flugzeugwrack deutlich bewegte.
Anfangs nur langsam, begann die Piper nach vorn abzukippen. Schnell zog sich Sebastian durch das schmale Loch. Schon fast draußen, bemerkte er, dass er an etwas festhing. Er zerrte mit aller Kraft, doch kam nicht frei. Das Knarzen und Schaben von Metall auf Sand und Stein wurde lauter. Das Wrack hatte sich bereits in einem 45°-Winkel aufgestellt. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.
Eilig wandte er sich um, um nach der Ursache zu sehen. Warum kam er nicht weiter? Woran lag es?
Seine Flosse, ausgerechnet am rechten, gesunden Bein, hatte sich zwischen zwei verschobenen Teilen verklemmt. Alles Ziehen und Drücken half nichts. Egal, was er auch versuchte, er kam mit seiner Hand nicht an den Schnellverschluss des Flossenbandes heran.
Die Maschine nahm eine immer gefährlichere Schräglage ein und drohte jeden Moment ihren Halt zu verlieren.
Sebastian versuchte erneut, sich der Flosse zu entledigen. Fest und entschlossen umgriff er das Heft seines Tauchermessers an der Wade, zog es aus der Scheide und schnitt das Flossenband samt seines Taucherstiefels an der Ferse durch.
Im letzten Moment, als die Maschine unter lautem, unheimlich klingendem Geräusch von dem Felsvorsprung rutschte und kurz darauf in der Tiefe verschwand, zog er seinen Fuß heraus und schwamm mit kräftigen Armzügen aus dem Gefahrenbereich.
Kims Augen weiteten sich hinter ihrer Maske. Aus ihrem Atemregler perlten mehr der ausgeatmeten Luftblasen der Wasseroberfläche entgegen als normalerweise, so aufgeregt war sie. Dabei hielt sie Sebastians Tarierweste verkrampft umklammert und sich selbst mit der anderen Hand am Transportnetz fest.
Sie musste etwas tun, ihrem Mann helfen. Sie wollte so schnell wie möglich zu ihm, um ihm sein Jackett und damit vor allem seinen Atemregler zu geben, damit er wieder Luft bekam. Sie löste sich aus ihrer Schockstarre, um zu ihm zu kommen. Dabei kippte sie das Netz unbewusst zur Seite. Einer der Glasbehälter kam ins Rutschen, glitt über den Rand und sank in die Tiefe.
Kim reagierte blitzschnell. Sie drückte Sebastian sein Jackett in die Hand und schoss mit schnellen, kräftigen Flossenschlägen hinter dem Behälter her.
Zweimal hatte sie die Ampulle fast erreicht, glitt wieder aus ihrer Hand und trudelte weiter nach unten. Dann endlich, beim dritten Versuch, bekam sie den Gasbehälter zu fassen. Langsam kam sie zu Sebastian zurück, der auf fünfzig Metern auf sie wartete und sie voller Schrecken, aber auch erleichtert ansah. Vorsichtig legte Kim die große Glasampulle zu den anderen zurück ins Netz und zog dreimal an der Schnur. Gemeinsam tauchte sie danach mit ihrem Mann, der nun nur noch eine Flosse trug, langsam nach oben. Wegen des kleinen zusätzlichen Ausflugs seiner Frau verlängerte Sebastian die Dekompressionsstopps um fast eine Stunde und blieb die ganze zusätzliche Zeit bei ihr.
Kaum dass sie aufgetaucht waren, spuckte Sebastian seinen Atemregler aus dem Mund und warf wütend die eine Flosse, die er nur noch hatte, an Deck. Dabei machte er aber keine Anstalten, die Leiter nach oben zu klettern, sondern drehte sich zu Kim um.
„Du weißt schon, dass die Aktion von dir da unten voll verrückt und lebensmüde war? Schau auf deinen Tiefenmesser! Du verrücktes Weib, warst auf achtundsechzig Meter runter!“, schrie er seine Frau vorwurfsvoll an. „Hast du vergessen, dass wir nur mit normaler Pressluft getaucht sind? Die Luft in deiner Flasche war schon fast auf null. Du weißt schon, dass du an der absoluten Grenze warst. Was wäre, wenn du dort nen Tiefenrausch bekommen hättest? Oder gar noch tiefer gegangen wärst wegen dem Scheißding? Der Druck da unten hätte dich noch weiter runterdrücken können, ohne dass du eine Chance gehabt hättest, mit der wenigen noch vorhandenen Luft wieder hochzukommen. Mit nur einer Flosse und noch dazu an der Prothese, hätte ich es nie im Leben geschafft, schnell genug bei dir zu sein. Hätte blöd ausgesehen, wenn du auf einmal versucht hättest, den Fischen von deiner eh schon knappen Luft was abzugeben. Meinst du nicht auch?“, schimpfte er lautstark weiter.
„Habe ich aber nicht.“, antwortete Kim trotzig. „Und was wäre gewesen, wenn die Glasröhre weiter runtergesegelt und da unten kaputtgegangen wäre? Kannst du mir das verraten? Vielleicht würden wir da jetzt mit hunderten Fischen mit dem Bauch nach oben schwimmen. Ich weiß nämlich nicht, ob das Zeug auch im Salzwasser so gefährlich ist. Und ich will es auch gar nicht erst wissen. Aber so haben wir sie alle und das Ganze heil, hochgebracht“, wehrte Kim ab. „Außerdem wärst du doch auch fast mit der Piper mit nach unten gesegelt. Also beschwere dich nicht über mich.“
Als Anne und Andreas die beiden fragend ansahen, erzählte Kim, was vorgefallen war und dass Sebastian es nur gerade noch so mit nur einer Flosse aus dem Flugzeugwrack geschafft hatte, bevor es ganz von dem Felsvorsprung gerutscht war. „Das Ding stand schon senkrecht und begann den Sturzflug, als er sich da endlich befreien konnte“, endete sie ihren Bericht.
„Und Madam musste unbedingt so einer doofen Glasröhre hinterher auf achtundsechzig Meter runter, weil sie aus dem Netz gerutscht war. Unverantwortlich“, meldete sich auch Sebastian wieder zu Wort.
„Ach komm, lass gut sein. Du warst doch selbst schon mit reiner Pressluft tiefer.“, beschwerte sich Kim.
„Ja, das mag sein, Schatz, ganze sieben Meter tiefer als du gerade. Aber mit dem kleinen, aber feinen Unterschied: Wir wurden dafür ausgebildet und trainiert, du aber nicht.“
„Nun hört schon auf zu streiten und kommt endlich aus dem Wasser raus“, mischte sich Andreas ein, „Kim hat schon gewusst, was sie tut. Sie ist doch kein dummes Mädchen und schon gar nicht ein Amateur, was das Tauchen betrifft. Außerdem wird das Zeug tatsächlich nicht durch Wasser oder Salzwasser neutralisiert. Hätte also wirklich für uns alle schiefgehen können.“
Dann halfen Anne und Andreas ihren beiden Freunden, aus dem Wasser aufs Boot und beim Ablegen ihrer Ausrüstung.
„Weitere Dekotauchgänge werden wir eh nicht machen können. Wir haben hier nun nur noch zweiunddreißiger Nitrox in Reserve. Ihr wisst, dass wir hier nur einen normalen Kompressor an Bord haben. Also lasst es gut sein“, sagte Anne, als sie sah, dass Sebastian seine Frau noch immer streng ansah.
Nachdem sich die Freunde umgezogen hatten, betrachteten sie ihren Fund genauer. Schnell stellte Andreas anhand der Aufschriften auf den Glaskörpern fest, dass es sich um drei verschieden modifizierte Milzbrandstämme handelte. Vorsichtig, mit Gummihandschuhen, legten sie die einzelnen Glasbehälter, sortiert nach Art der Modifikation, in die Plastikkisten. Anschließend füllten sie mit Handtüchern und dem, was sie gerade greifen konnten und nicht unbedingt brauchten, die Lücken aus, damit die Behälter nicht aneinanderschlagen konnten. Als sie endlich fertig waren, begann die Abenddämmerung. Sie hatten den ganzen Tag gebraucht, um die gefährliche Fracht sicher aus dem Wrack zu bergen.
„Tja Kinder, damit haben wir nun den Tod bei uns auf der Jacht zu Gast“, stellte Sebastian trocken fest. „Es klingt nicht gut, aber ist nun mal Realität.“
„Ich würde vorschlagen, wir machen uns schnell etwas zu essen, denn mir knurrt gehörig der Magen“, schlug Anne vor.
„Und ich informiere Jens davon und sehe zu, wie wir das Zeug schnell wieder loswerden“, erklärte Andreas und wollte gerade in den Salon gehen.
„Oh ja, hätte ich fast vergessen“, sagte Sebastian. „Unter dem letzten Deckel hing ein Sender. Sprich, hier werden bestimmt irgendwann mal paar Typen auftauchen, die Interesse an der Piper haben.“
Andreas schaute, während Sebi das sagte, zum Horizont. „Nein, das werden sie nicht irgendwann. Ich glaube, sie sind schon da. Schau mal da hinten.“ Dabei zeigte er Richtung Osten, von wo aus sich ihnen langsam ein Boot näherte. „Sie hatten sechs Wochen Zeit, das Zeug zu finden, aber der Teufel will es, dass sie gerade jetzt erst hier auftauchen. Ich hoffe, sie werden nicht gleich Interesse an uns haben, sondern wirklich erst mal nur an der Piper. Du hast doch hoffentlich den Sender an der Kiste gelassen, oder?“
„Na aber klar doch. Oder meinst du, ich bin so bescheuert blöd und habe ihn mir an den Hintern geheftet, damit ich besser leuchte?“, gab Sebastian zurück.
Kim reagierte zuerst. Schnell lief sie zum Bug und betätigte die Ankerwinsch. Als der Anker oben war, stand Anne auch schon am Steuer und ließ den Dieselmotor an. Kurz darauf nahm sie, am Ruder der Motorjacht stehend, Fahrt auf.
„Ich hoffe, die denken, dass wir nur mal planschen waren und suchen ihren Schatz erst einmal auf dem Meeresgrund“, meinte Anne, wobei sie selbst nicht so recht daran glaubte.
Schnell liefen die beiden Männer in den Salon. Andreas rief Jens und Sebastian zeitgleich ihren gemeinsamen Freund Pitt auf der Tauchbasis an, damit er die hiesige Küstenwache informieren und ihnen zur Hilfe kommen konnte.
„Hier ist Andreas Wildner“, meldete er sich, als Gerhard den Hörer abnahm. „Wir haben das Zeug an Bord. Es ist eindeutig Waffen-Anthrax und noch dazu unterschiedlich modifiziert. Das Problem: Wir haben hier, wie es aussieht, auch schon die ersten Interessenten dafür, aber keine Lust, das Zeug abzugeben. Wir wissen nur noch nicht, ob sie wissen, dass wir es schon haben und es nicht mehr in der Piper ist. Die letzte Kiste war mit einem Sender versehen, der nun in über neunzig Metern Tiefe schlummert, weil die Maschine unbedingt dorthin weiterfliegen wollte. Anne hat übrigens die richtige Kennung herausgefunden. Sie lautete ‚EC-Ilus‘.“
„Und wir haben herausgefunden, dass der Navy drei Kisten Anthrax fehlen. Sie sind aus einem ihrer Versuchslabore spurlos verschwunden“, informierte Gerhard Hartmann im Gegenzug. „Gib mir eure Koordinaten durch. Ich sorge dafür, dass euch US-Navy-SEALs zur Hilfe kommen. Die Navy hat, so glaube ich zumindest, welche auf dem Roten Meer.“
„Das klingt gut“, antwortete Andreas erleichtert und gab den Standort und die Bewegungsrichtung ihrer Jacht durch. „Ich hoffe nur, die Jungs brauchen nicht drei Tage, bis sie hier sind. Wir haben nämlich nichts außer den Nagelfeilen unserer Frauen, um uns zu verteidigen, wenn es heiß wird.“
Sebastian hatte zur selben Zeit Pitt am Apparat. „Junge, wie sieht es aus, hast du ein Boot frei und zur schnellen Verfügung? Es könnte sein, dass wir hier etwas Hilfe brauchen.“
„Wieso schafft ihr es nicht, allein zu tauchen?“, fragte Pitt lachend.
„Das ist nicht das Problem. Aber wir haben uns hier, wie es aussieht, ein paar Feinde gemacht. Und ich hab es so im Urin, dass die nicht nur mit Wasserpistolen auf uns spritzen wollen. Pack schnell zusammen, was du zwischen die Finger kriegst. Tuckere Richtung Südosten. Wir kommen dir entgegen. Alles andere, wenn du bei uns bist. Informiere die Küstenwache aber vorsichtshalber nicht über Funk, sondern per Handy. Mahmut Kebier müsste eigentlich bereits über Abdul informiert worden sein. Oh ja, und vergiss das Handy nicht, damit wir dir die genaue Position mitteilen können und im Fall noch was ist“, sagte Sebastian und unterbrach die Verbindung auch schon wieder.
Pitt war sofort klar, dass seine Freunde in großen Schwierigkeiten stecken mussten, denn wegen Kleinigkeiten würden sie nicht seine Hilfe anfordern. Schnell fuhr er, alles auf der Tauchbasis stehen und liegen lassend, mit dem Auto in den Palast, wo er bei Anne und Andreas wohnte. Er packte flink einiges, was sie in einem speziellen Raum deponiert hatte, in seine große Tasche. Schnell lief er, ohne auf Annes Eltern und Doktor Mechier zu reagieren, die auf der Terrasse beim Abendbrot saßen, mit der vollen und schweren Tasche über die Terrasse, dann die Stufen hinunter, Richtung Steg.
„Doc, ich leihe mir mal dein Boot aus!“, rief er nur noch schnell und war auch schon verschwunden. Als Walter, Erika und Abdul mit den Kindern an der Palisade angekommen waren und nach unten schauten, fuhr Pitt mit der kleineren Motorjacht des Arztes auch schon Richtung Süden aus der vorgelagerten Bucht und gab Vollgas.
Gleich nach dem Gespräch mit Pitt, lief Sebastian nach oben und übernahm von Anne das Ruder. Die beiden Frauen brachten gemeinsam mit Andreas die Glasbehälter zum Unterdeck und versteckten sie, so sicher und gut es möglich war. Dann nahm Andreas wieder sein Handy zur Hand und wählte die Nummer von Oberstleutnant Mahmud Kebier, der in Hurghada die Marine und den Küstenschutz befehligte.
„Hallo, Mahmud, hier ist Andy“, meldete er sich auf Arabisch. „Abdul hat dich bestimmt schon vorgewarnt. Und ja, jetzt sieht es so aus, als würden wir vielleicht ein kleines Problem bekommen.“ Dann erklärte er in Kurzfassung, was vorgefallen war und was sie bis zu diesem Zeitpunkt alles wussten und planten. „Es wäre schön, wenn du deine Männer bereithalten könntest, sollten wir Recht behalten und es hier ein paar Kerle auf uns und unsere heiße Fracht abgesehen haben. … Ich danke dir. Wir melden uns wieder, wenn wir dich und deine Leute brauchen.“ Nachdem er aufgelegt hatte, lief er zurück aufs Deck, warf den Kompressor an und füllte vorsichtshalber in aller Ruhe wieder alle Stahlflaschen mit 200 bar Pressluft auf, die sie zum erneuten Tauchen benötigen würden. Dabei ließ er das fremde Boot, das sich langsam ihrem ehemaligen Ankerplatz näherte, nicht aus den Augen.
Sebastian fuhr nur mit halber Kraft, um nicht aufzufallen. Dabei hofften sie alle immer noch, dass es nur einfache Leute waren, die mit ihrem Boot unterwegs waren und zufällig, auf der Suche nach einem günstigen Ankerplatz für die Nacht, hier aufgetaucht waren.
Kim und Anne schmierten schnell ein paar Brote. Sie kamen dann mit einem großen Teller voll damit und zwei Flaschen Wasser aufs Oberdeck, wo auch schon Andreas saß und mit seinem Fernglas in Richtung des fremden Bootes schaute.
Gerade als sie die letzten Brote aßen, klingelte Sebastians Handy.
„Es ist Pitt.“, stellte er fest und klappte sein Handy auf. „Ja, was ist, Großer?“, fragte er sofort.
„Wo seid ihr jetzt genau?“, wollte Pitt wissen.
„Noch verdammt weit südlich. Wir sind in etwa anderthalb bis zwei Stunden erst mal in der Nähe der Bucht von der ehemaligen Forschungsstation, wo die ‚Blue Sea‘ früher immer vor Anker lag.“
„Gut, dann macht etwas mehr Dampf. Haut den Riemen auf die Orgel und seht zu, dass ihr in die Nähe von dem Riff mit der Höhle kommt, die ich euch gezeigt habe. Du weißt schon, die, wo wir damals den Pharaonenschatz gefunden haben. Geht heimlich von Bord und verkriecht euch darin, wenn es sein muss. Ich komme zu euch. Bin schon unterwegs.“
„Nein, das geht nicht, da sitzen wir in der Falle, wenn sie den Eingang finden. Wir können nicht mehr so lange unter Wasser bleiben, unsere Sättigung ist noch zu hoch. Aber wir nehmen auf jeden Fall diesen Kurs.“ Damit beendete Sebastian das Gespräch.
Andreas hatte alles mitgehört und war ganz in Gedanken versunken. Dann begannen seine Augen zu funkeln und ein Lächeln zog sich übers Gesicht.
„Kann es sein, dass du irgendeine Gemeinheit in deinem Hirn ausbrütest?“, fragte Sebastian, der seinen Freund in dem Moment ansah. „Komm schon, lass uns nicht dumm sterben. Ich kenne doch diesen Ausdruck in deiner Visage schon zur Genüge.“
Noch einmal sah Andreas durch sein Fernglas, das er auf Nachtmodus umgestellt hatte. Gerade als er das Glas wieder absetzen wollte, entdeckte er ein zweites Boot am Horizont. Beide Boote bewegten sich ganz langsam in ihre Richtung.
„Ich würde sagen“, begann er ruhig, „wir mixen unseren Freunden ein paar Cocktails zur Begrüßung. Ich hasse es nämlich, mit leeren Händen dazustehen, wenn Besuch kommt. Gib etwas Gas, aber lösche vorher die Positionslichter. Ich will sehen, wie schnell unsere Gäste sind. Den Rest erkläre ich euch, wenn ich noch etwas weiter meine grauen Gehirnzellen angestrengt habe“, antwortete Andreas und bat dann Kim und Anne, leere Glasflaschen aus der Kombüse in den Salon zu bringen. Er selbst holte einen kleinen Kanister aus dem Maschinenraum, den er aus einem der Zusatztanks mit Diesel gefüllt hatte. Dann riss er eines seiner T-Shirts in Streifen und zeigte den Frauen, wie sie aus diesen Mitteln Brandbomben basteln konnten. Auf diese Weise fertigten Kim und Anne zehn Molotowcocktails.
Andreas selbst lief zurück aufs Oberdeck zu seinem Freund und schaute wieder nach den beiden Booten.
„Wir haben Glück, noch tuckern sie nur langsam in unsere Richtung. Also gib dem Affen Zucker und bring uns etwa auf sechshundert Meter seitlich von dem Riff mit der Höhle in Stellung.“
„Was hast du vor?“, fragte Sebastian.
„Bevor sie uns erreichen können, will ich das Anthrax im Schutz der Dunkelheit in der Höhle in Sicherheit bringen. Ich habe nämlich keine Lust, dass bei einem Kampf solch eine Glaspatrone platzt und uns böse husten und den Löffel abgeben lässt.“
„Aber es sind sechs unserer Kisten. So viel Zeit haben wir nicht, um die einzeln runterzubringen, selbst wenn wir alle vier tauchen.“
„Doch. Wenn wir sie zusammenbinden und mit einem Hebesack transportieren. Ich schnüre sie gleich zu einem handlichen Paket zusammen. Sieh du nur zu, dass sich der Abstand von denen zu uns nicht zu schnell verringert. Es sind leistungsstarke Boote. Aber eine andere Chance haben wir im Moment leider nicht. Die würden uns einholen, noch bevor wir auf Hilfe hoffen könnten oder selbst in Sicherheit wären. Ich will den Tod hier von Bord haben und in Sicherheit wissen, bevor unsere Gäste da sind“, erklärte Andreas ruhig.
„Guter Plan“, meinte Sebastian und grinste ihn an. „Dann sag Anne und Kim Bescheid, dass sie uns die Kreislaufgeräte schon bereitlegen sollen, damit wir nur noch reinschlüpfen müssen.“
Die beiden Männer schlugen ihre Handflächen zu „Give me five“ aneinander, dann gab Sebastian Gas.
Andreas nahm zwei Stufen auf einmal auf dem Weg nach unten, holte gemeinsam mit Anne und Kim die Kisten wieder aufs Deck und schnürte sie zu je drei Stück fest zusammen. Die Frauen machten in der Zwischenzeit alle vier Rebreather einsatzbereit.
Als er bemerkte, dass Anne und Kim nicht nur die Kreislaufgeräte von Sebastian und ihm, sondern auch ihre eigenen vorbereiteten, protestierte er: „Nein, Mädels. Ihr bleibt oben. Das erledigen Sebi und ich allein.“
„Schmink dir das ab, Andy. Ihr könnt die Kisten nicht allein in der kurzen Zeit in die Höhle bringen. Der Eingang ist zu niedrig, um sie so im Pack, wie du sie verschnürt hast, reinzubekommen. Und wir haben keine Lust, den Kerlen allein gegenüberzustehen, bevor ihr wieder oben seid. Schon vergessen, wir sind ein Team“, widersprach Anne bissig.
„Gemeinsam haben wir eine bessere Chance, das Zeug sicher zu verstecken und rechtzeitig wieder an Bord zu sein, ohne dass die Kerle etwas davon mitbekommen“, ergänzte Kim, die schon ihren Anzug überzog. „Wenn die Kerle euch auftauchen sehen, können sie sich doch eins und eins zusammenzählen und suchen dann konzentriert.“
So schwer es ihm fiel, Andreas musste den Frauen schon wieder einmal recht geben. „Okay“, sagte er sich geschlagen gebend, „aber nur unter der Bedingung, dass ihr euch sofort aufs Unterdeck in die Kabinen versteckt und verbarrikadiert, wenn wir zurück sind. Ich will nicht, dass euch was passiert. Das könnten Sebi und ich, uns nie verzeihen.“ Dabei sah er erst Kim und dann seine Frau mit besorgt verzogenem Gesicht und schräggelegtem Kopf an.
Anne zog die beiden Hebesäcke aus einem Fach unter der Sitzbank hervor und half ihrem Mann dabei, diese an die zwei Kistenstapeln anzubringen. Kim holte in der Zwischenzeit aus dem Notfallschrank die Signalpistole mit weiteren Patronen und steckte sie, geladen mit einer Leuchtpatrone, zwischen zwei der Halterungen an der Bordwand, die eigentlich für ihre Pressluftflaschen vorgesehen waren, und zeigte es ihren Freunden. Anne zog ihren Tauchanzug über und löste dann Sebastian am Ruder ab, damit er mit Andreas weitere Vorbereitungen treffen konnte.
Die Männer hatten sich dazu entschlossen, ohne Anzug zu tauchen. Aber sie legten sich trockene Sachen bereit, um sie sofort anziehen zu können, sobald sie wieder an Deck waren, damit die ‚unliebsamen Besucher‘, wie sie sie nannten, nicht gleich bemerkten, dass sie gerade erst aus dem Wasser kamen. Andreas legte eine Art Badekappe zu seinem Kreislaufgerät, die er aufsetzen wollte, damit seine längeren Haare bei dem Tauchgang nicht zu nass würden und ihn dadurch verraten könnten. Dann stellten sie die von den Frauen gefertigten Molotowcocktails in eine Kiste und schoben sie zusammen mit zwei Sturmfeuerzeugen, griffbereit unter die Bank auf dem Deck. Gemeinsam gingen sie in den Salon zurück. Andreas wählte auf dem Satellitentelefon die Nummer von Jens Arend.
Bereits nach dem ersten Rufzeichen war Jens am Apparat.
„Hier Schneeeule“, meldete sich Andreas, wie es bei ihren Missionen üblich war. Jens wusste dadurch sofort, dass sich ihre Freunde bereits im Einsatzmodus befanden und es ernst wurde. Andreas berichtete mit wenigen Worten, was sie vorhatten.
„Brauchst mir die Koordinaten nicht durchzugeben. Ich weiß, wo die Höhle ist“, gab Jens zurück. „Wir haben hier eine Direktverbindung zu den United States Navy SEALs stehen. Ich kann euch direkt mit ihnen verbinden.“
„Nicht nötig, Bussard. Sehe nur zu, dass sie so schnell wie möglich hier sind. Uns brennt die Zeit unter den Nägeln. Wie schon gesagt, wir haben für den Notfall nur die Nagelfeilen unserer Frauen und Pitt braucht noch eine Weile. Oberstleutnant Mahmud Kebier hat die Küstenwache in Bereitschaft. Aber ich will die Pferde noch nicht scheu machen. Also werden sie, sollte es zum Ernstfall kommen, eine Weile brauchen. Wanderfalke meldet gerade ein drittes Boot, das auf uns zuhält. Also wäre es gut, wenn die SEALs eine Schippe drauflegen könnten. Wir sind gleich an unserem Ziel. Danach haben wir keine Chance mehr, wegzukommen. Ich denke, die Jungs werden uns schon von Weitem sehen, wenn es zu Übergriffen kommt.“
„Wie meinst du das, Schneeeule?“, hakte Jens nach.
„Es wird bestimmt schön hell leuchten. Wenn nicht, dann ist bei uns etwas mächtig schiefgelaufen und die Jungs können sich Zeit lassen. Du weißt dann, wo das Anthrax zu suchen und zu finden ist“, antwortete Andreas und zwinkerte dabei Sebastian zu, der alles mithörte.
Was sie in dem Moment nicht wussten: Auch die zehn amerikanischen Seals hatten das Gespräch, über ihre Kopfhörer, im Hubschrauber mitgehört. Sie waren von einer Fregatte aus, die bereits vor acht Stunden den Suezkanal zum Mittelmeer durchfahren hatte, gleich nach Jens Arend's und Lieutenant General der US-Air-Force Nils Fletscher’s Bitte um Hilfe, gestartet. Sie benötigten noch geschätzte zwei Stunden bis zum Rendezvous-Punkt.
Nach dem Gespräch mit Jens kletterte Andreas zum Oberdeck hoch und legte eine Hand auf die Schulter seiner Frau, die am Ruder saß und die ‚Al Salam‘ mit voller Kraft auf ihr Ziel zusteuerte. Als er sah, dass sie bald da waren, beugte er sich über sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Geh und mache dich fertig, Liebling“, sagte er leise. „Sebi kümmert sich um den Anker, dann sind wir gleich bei euch.“ Damit löste er sie vom Ruder ab. Besorgt sah er ihr nach, als sie nach unten stieg. Er war froh, dass sich der Wellengang in Grenzen hielt und hoffentlich auch so blieb.
Sie wussten, dass sie ihre Unterwasserlampen erst nutzen konnten, wenn sie in der Höhle waren. So lange mussten sie sich allein auf ihren Kompass und Tiefenmesser verlassen, den sie nur ganz kurz anstrahlen konnten, um dann die fluoreszierenden Zahlen ablesen zu können. Alles andere würde sie und ihr Vorhaben verraten, vielleicht sogar zunichtemachen.
Sebastian legte, wie gewünscht, für seinen Freund die Long-Blades zurecht. Er selbst würde die normalen Flossen von Andreas nehmen, da er eine seiner Flossen am Flugzeugwrack eingebüßt hatte. Mit seiner Unterschenkelprothese würde er nicht genug Kraft aufbringen können, um selbst Long-Blades zu nutzen. Damit stand fest, dass sein Freund die hauptsächliche Kraftarbeit leisten müsste, um die Kisten so schnell wie nur möglich mit den Hebesäcken vorwärtszubewegen.
Bevor sie aber ihren schwierigen Tauchgang starteten, waren sie darum bemüht, noch so viel Wasser, wie möglich, zu trinken, um einer Dehydration ihres Körpers vorzubeugen und damit das Risiko eines Tauchunfalls zu senken. Das war auch so schon hoch genug wegen ihrer langen Tauchzeiten am Tag. Wobei das bei Sebastian und Kim am höchsten war, da ihr Tauchgang erst wenige Stunden zurücklag und gerade für Kim sehr tief war. Das machte Andreas die meisten Sorgen. Doch er wusste, dass sie keine andere Wahl hatten, in der kurzen Zeit, die ihnen noch blieb, die gefährlichen Milzbrandsporen, vor fremden Zugriffen sicherzustellen.
Einen Kilometer östlich von dem Riff schaltete Andreas den Motor ab und ließ die Jacht die letzten vierhundert Meter treiben. Wenig später hörte er, wie der Anker ins Wasser fiel und die Kette durch die Ankerklüse ratterte.
Zeitgleich erreichten die beiden Männer das Deck, wo Anne und Kim schon fertig mit ihren Geräten und den Kisten auf der Taucherplattform standen. Mit geübten Griffen zogen sich Andreas und Sebastian die Westen mit dem Kreislaufgerät über und befestigten ihre zusätzliche Ausrüstung für den Notfall. Kaum dass ihre Frauen im Wasser waren, schoben sie vorsichtig die Kisten bis an den Rand und ließen sie an den Seilen der Bergesäcke zur Wasseroberfläche gleiten. Sie beobachteten, wie sie langsam absanken, aber Anne und Kim sofort die beiden Hebesäcke mit Luft aus extrakleinen Pressluftflaschen, die sich an einer Halterung an ihren Tarierwesen befanden, aufbliesen, sodass die Kisten im Wasser zu schweben begannen. Schnell zogen die Männer sich ihre schon bereitliegenden Flossen an und sprangen ebenfalls ins kühle Nass.
„Dann lasst uns mal tanzen gehen“, sagte Sebastian, bevor er sein Mundstück zwischen die Zähne schob. Kurz darauf tauchten sie gemeinsam ab.
Andreas übernahm die Führung und die beiden Zugseile, die zu den Behältern führten. Während er die Kisten zog, unterstützten ihn die anderen, indem sie, so gut es ging, schoben.
Sebastian drückte anfangs etwas Luft aus den Hebesäcken, damit der Auftrieb verringert wurde, und kümmerte sich dann darum, die Fracht durch erneutes Einlassen von Luft auszutarieren. Der Höhleneingang, der nicht so leicht zu finden war, lag in einer Tiefe von knapp zwanzig Metern.
7
Gerhard Hartmann und Jens Arend befanden sich zu der Zeit in einer Militärmaschine über dem Mittelmeer. Dabei hielten sie weiterhin den Kontakt mit Lieutenant General Nils Fletscher im Pentagon und den US-Seals aufrecht. Zeitgleich hielt Jens die Verbindung zu Pitt Dressler, der mit dem Motorboot von Doktor Mechier unterwegs war, und Oberstleutnant Kebier, der auf eines der Schnellboote der Marine mit Marinetauchern gegangen war, um ihre Aktion zu koordinieren.
.
„Hier Waldkauz“, meldete sich Pitt. „Ich erreiche das Ziel in circa fünfundzwanzig Minuten.“
„Roger Waldkauz, hier Bussard. Nähere dich dem Ziel vorsichtig, ohne Positionslichter“, antwortete Jens. „Laut Aussagen von Schneeeule sind es drei Boote. Ich wiederhole: drei feindliche Boote aus Süd-Südost.“
„Verstanden, Bussard. Habe Positionslichter gelöscht. Wie lange brauchen die Seals noch bis zum Ziel?“
Ein Knacken war zu hören, dann meldete sich eine Männerstimme mit amerikanischem Akzent: „Hier Seal-Gruppenführer Swordfish eins, fünfundvierzig Minuten bis zum Zielgebiet.“
„Cool, ihr Schwertfische, dann macht mal noch etwas mehr Dampf mit eurer Kaffeemühle“, rief Pitt auf Englisch in sein Handy. „Hier spricht Waldkauz, Fregattenkapitän Pitt Dressler der Reserve. Ich hoffe, ihr seid zeitig genug da, um etwas mitzumischen. Nicht dass ihr meine Freunde und mich nur noch durchsiebt vom Meeresboden abkratzen müsstet, nachdem wir die Party ohne euch gefeiert haben. Stelle ich mir wenig appetitlich vorm Frühstück vor.“
„Hier Swordfish eins an Waldkauz. Wir haben verstanden. Wir holen alles aus der Kaffeemühle heraus, denn wir lieben Partys, aber wir haben etwas dagegen, wenn uns das Frühstück verekelt wird.“
Der Gruppenführer der SEALs lächelte dabei wegen der laschen Wortwahl des Deutschen, die er gern so übernommen hatte.
Diese Antwort gefiel Pitt. „Die Jungs sind in Ordnung, Bussard. Wo hast du die so schnell aufgetrieben?“
„Dafür kannst du dich bei Generalmajor a.D. Hartmann und seinem Freund Lieutenant General Fletscher aus dem Pentagon bedanken, wenn du wieder Zeit dafür hast. Aber jetzt sieh zu, dass du Boden gewinnst.“
„Bin schon dabei, Chefchen“, gab Pitt zurück. Er ließ die Verbindung weiter bestehen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Er holte aus dem Bootsmotor heraus, was er hergab.
Immer wieder nahm er das Fernglas zur Hand und richtete den Blick auf sein entferntes Zielgebiet. Doch noch war nichts zu erkennen. Er wusste, dass die ‚Al Salam‘ ihre Positionslichter gelöscht hatte, aber er wusste auch, wo sie zurzeit sein müsste.
Endlich, nach einigem Suchen, hatten die vier Freunde den versteckten Eingang zur Riffhöhle gefunden.
Vorsichtig setzten sie ihre tödliche Fracht davor ab. Sebastian zerstach mit seinem Messer die Hüllen der Hebesäcke. Sofort entwich die Luft in zwei großen Blasen, die schnell zur Wasseroberfläche stiegen. Die leeren Hüllen sanken auf die Kisten. Andreas kappte mit seinem Messer die Leinen, während Kim und Anne bereits die schlaffe Hülle der Säcke wegzogen. Nun konnten die Behälter nur noch einzeln, mit beiden Händen gehalten, transportiert werden. Der Taucher, der einen dieser Behälter trug, war anfangs auf die Hilfe eines zweiten Tauchers angewiesen, der für ihn die Tarierung übernehmen musste.
Andreas übernahm die erste Kiste, Sebastian tarierte danach die Weste seines Freundes am Inflator aus und legte ihm die angeschaltete Unterwasserlampe auf die Kiste. Anne und Kim hatten sofort verstanden. Als Sebastian nach dem nächsten Behälter griff und seine Lampe darauf positionierte, wurde er von seiner Frau austariert, damit er ungehindert mit seiner Fracht in das Innere der Höhle schweben konnte. Auch Anne nahm sich eine Kiste und wurde von ihrer Freundin perfekt austariert. Das restliche Feintarieren kontrollierte sie dann über ihr Lungenvolumen und ihre Atmung.
Der Lichtstrahl der starken Unterwasserlampe leuchtete die schön bewachsenen Seitenwände des Zugangs zur Haupthöhle aus. Andreas hatte sich entschieden, die Kisten nicht einfach in dem Höhlengang zu deponieren, sondern sie bis ganz nach hinten in die Höhe zu schaffen, wo seine Freunde durch Zufall vor einigen Jahren den von Grabräubern versteckten Pharaonenschatz gefunden hatten.
Langsam wurde der Bewuchs von Weichkorallen weniger, bis am Eingang der eigentlichen Höhle nur noch abgestorbene, scharfkantige Steinkorallen zu sehen waren.
Andreas tauchte vorsichtig weiter, immer damit rechnend, dass ihm die große, schon alte Riesenmoräne, von der er gehört hatte, dass sie diese Höhle bewohnte, begegnen könnte. Doch als er dort ankam, war nichts von der Moräne zu sehen. Sie musste wohl schon unterwegs zur nächtlichen Jagd sein. Die drei Freunde setzten ihre todbringende Last in der hintersten Ecke der Höhle ab und machten sofort wieder kehrt, um den langen Gang zurückzutauchen und die nächsten Kisten zu holen, bei denen Kim geblieben war.
Während die drei ins Innere der Unterwasserhöhle unterwegs waren, sammelte Kim die Überreste der beiden orangefarbenen Hebesäcke zusammen und versteckte sie so in einer Riffeinbuchtung, dass sie von außen nicht zu sehen waren. Als ihr Mann, Andreas und Anne zurückkamen, hielten sie sich nicht lange auf, sondern nahmen schnell die nächsten Kisten und tauchten mit ihnen in das Höhleninnere zurück. Kim wartete geduldig im Dunkeln vor dem Höhleneingang. Sie lauschte auf eventuelle Geräusche von Schiffsmotoren und war froh, keine zu hören.
Wieder am Höhlenausgang angekommen, leuchteten die Taucher mit ihren Lampen noch einmal kurz ihre Anzeigeinstrumente an und tauchten dann eng nebeneinander, mit einer leichten Strömung zurück zu ihrem Boot. Sich unter Wasser umhörend, kamen sie langsam an die Oberfläche und schauten sich vorsichtig um, bevor sie nacheinander an Bord ihrer Jacht kletterten.
Andreas und Sebastian halfen ihren Frauen beim Ablegen der Kreislaufgeräte und schoben diese, wie ihre eigenen auch, unter die seitliche Sitzbank auf dem Deck. Während sich Anne und Kim in ihren nassen Anzügen durch den Salon in die Kabine von Sebastian und Kim zurückzogen, trockneten sich die Männer flink ab, streiften sich ihre trockenen Sweatshirts über und liefen dann aufs Oberdeck.
„Okay, von mir aus kann der Tanz beginnen“, meinte Sebastian.
„Ich glaube, wir brauchen nicht mehr lange drauf zu warten“, gab Andreas zurück und zeigte mit einer Kopfbewegung Richtung achtern, wo sich drei helle Punkte aus der Dunkelheit abhoben und langsam größer wurden. Beide rutschten die Leiter zum Hauptdeck hinunter und setzten sich dort mit einer Flasche Bier in der Hand, gespielt entspannt, auf die Bank der Steuerbordseite, wo Kim die Signalpistole positioniert hatte und die Kiste mit den Molotowcocktails stand. Sie hatten ihre Headsets im Ohr und waren so über Andys Satellitentelefon via Bluetooth mit den anderen über eine Konferenzschaltung verbunden. Jens leitete die Verbindung zusätzlich zu den Seals im Hubschrauber weiter.
„Dann lassen wir unsere ‚Gäste‘ mal kommen“, sagte Andreas lächelnd. „Mal sehen, ob wir Spaß mit ihnen haben werden.“
„Na, das will ich doch schwer hoffen, bei dem Aufwand, den wir extra betrieben haben“, gab Sebastian zurück und lächelte verschmitzt.
„Bussard und Swordfish eins, hier Schneeeule. Wie ist die Verbindung?“, fragte Andreas. Beide Seiten bestätigten einen guten Empfang. Auch Oberstleutnant Kebier und Pitt meldeten sich und bestätigten.
„Gut“, stellte Andreas zufrieden fest. „Dann beeilt euch mal etwas. Wir haben zwar den kleinen Vogel ins Nest gebracht, wissen aber nicht, ob es die böse Katze gesehen hat. Wir sind jedoch nicht gewillt, ihr den Horst zu überlassen, wo das Baby schlummert.“
Gerade als der Führer der US-SEAL-Gruppe etwas erwidern wollte, zerrissen erste Schussgeräusche die Luft.
Sofort gingen Sebastian und Andreas in Deckung, als auf ihre Jacht gefeuert wurde. Sie konnten vorerst nichts unternehmen. Die feindlichen Boote waren noch zu weit entfernt für ihre bescheidenen Mittel, die sich auf einen Nahkampf beschränkten.
„Die Kerle wollen uns nur Angst machen“, rief Andreas seinem Freund zu. „Die werden auf keinen Fall die Jacht in die Luft jagen. Schließlich vermuten sie hier das Anthrax.“
„Ich hoffe nur, die Kerle wissen das auch“, gab Sebastian zurück. „Übrigens, eines der Boote schert gerade aus und es stehen Taucher hinten auf der Plattform.“
Als Anne und Kim das hörten, hielt es sie nicht mehr in der Kabine. Beide waren bereits in warme Sachen geschlüpft und hatten ihre Tauchanzüge in der Nasszelle verstaut. Sie kamen aufs Deck gerannt.
„Das könnt ihr nicht zulassen!“, rief Anne. „Wir kümmern uns hier oben um die Kerle. Seht ihr zu, dass sie nicht in die Nähe der Höhle kommen!“
Im selben Moment nahm Kim ihrem Mann schon das Headset ab und befestigte es an ihrem Ohr. Auch Anne griff nach dem Headset ihres Mannes, der aber seinen Kopf schnell wegzog.
„Nein Anne, das kann ich nicht zulassen“, wehrte Andreas ab. „Geht wieder runter, in sichere Deckung.“
„Vergiss es, Andy. Ihr zwei seid unter Wasser nicht zu schlagen und viel besser als wir. Wir kommen hier schon zurecht. Außerdem dürfte doch Pitt bald hier eintreffen. Seht zu, dass ihr ins Wasser kommt. Und wehe, du tauchst nicht wieder auf. Dann ziehe ich dich höchstpersönlich, auch mit bloßen Händen, wenn es sein muss, unter einer Feuerkoralle vor, hole dich hoch und versohle dir kräftig den Hintern.“ Und schon zog sie ihrem Mann das Headset vom Ohr, gab ihm einen flüchtigen Kuss und drückte ihn zur Bank, wo sein bereits aufgerödeltes Equipment mit den Pressluftflaschen stand.
Alle hatten dieses Gespräch mitgehört. Die zehn amerikanischen Seals und ihre zwei Piloten im Hubschrauber, der sich schnell ihrem Ziel näherte, waren begeistert von dieser Frau. Ihr Gruppenführer teilte die Männer daraufhin neu ein. Er bildete zwei Gruppen. Die eine sollte in den Kampf über Wasser eingreifen, während die andere, mit ihm selbst, sofort nach Wasserkontakt abtauchen und die beiden Männer unter Wasser unterstützen sollte. Dementsprechend stellten die Soldaten ihre Bewaffnung neu zusammen.
Dann hörten sie die Frauenstimme laut und deutlich in ihren Kopfhörern: „Hier ist Anne Wildner, Skip Wilde Wüstenblume“, meldete sie sich, „Wanderfalke und Schneeeule gehen runter. Sie sind nur mit normalen Sweatshirts bekleidet. Ich wiederhole: Sie tragen keine Neoprenanzüge. Die Jacketts sind schwarz und die Flaschen haben einen dunkelgrauen Anstrich. Das mal so als Hinweis, damit ihr nicht auf die Falschen losgeht. Wir stehen unter Beschuss, aber die Boote sind noch nicht nahe genug für unsere Begrüßungscocktails.“
„Hier, Bussard. Wir haben alles mitgehört, Wüstenblume“, antwortete Jens. „Bitte seid vorsichtig, Mädels.“
Sebastian und Andreas machten sich fertig. Dabei beobachteten sie genau die anderen Taucher auf der Plattform des feindlichen Bootes, das sich langsam neben sie schob.
„Vielleicht haben wir einen Sender übersehen, der an einem der Glasbehälter war“, teilte Sebastian seine Überlegung mit.
„Nein, das kann nicht sein, wir hatten jeden einzelnen Behälter in der Hand. Einen Sender, und wäre er noch so klein, hätten wir bemerkt“, gab Andreas zurück. „Ich denke eher. die haben gesehen. dass wir getaucht sind. Schau doch, die stehen mit ihrem Boot nicht einmal in der Nähe vom Höhlenzugang. Gäbe es einen Sender, stünden sie mit ihrer Nussschale mit Sicherheit genau darüber.“
Sebastian gab seinem Freund recht, dann schaute er wieder zum anderen Boot. „Es sind, soweit ich erkennen kann, acht Kerle, die runterwollen. Also für jeden von uns vier zum Spielen.“
„Ich hoffe, die holen nicht noch paar Freunde dazu, dann wird es nämlich verdammt eng im Sandkasten, um wirklich Spaß beim Spielen zu haben“, antwortet Andreas, und schon kippten beide rücklings von der Bordwand, die im Schutz der Schiffsaufbauten lag.
Beide Frauen sahen ihren Männern kurz nach, wie sie im Wasser verschwanden.
„Hier ist Kim, die Jungs sind unten. Wir haben acht Taucher auf der Plattform des anderen Bootes gezählt.“
„Ja Kim, wir haben es mitgehört, ihr standet dafür nah genug beieinander“, antwortete Jens. „Nun seht zu, dass ihr in sicherer Deckung bleibt, bis Hilfe kommt.“
„Hier Wüstenblume. Bussard, ich denke, das können wir nicht, denn eines der Schiffe ist schon ganz nah und wird uns wohl gleich rammen und entern wollen“, schrie Anne in das kleine Mikrofon ihres Headsets. Dann war wieder das laute Rattern von MPs und das typische Knallen von Pistolenschüssen zu hören.
Gefühle wie Entsetzen, Hilflosigkeit und vor allem Angst fuhren in den Körpern der Frauen regelrecht Karussell. Doch langsam wurden diese von Wut und Entschlossenheit abgelöst, als das Adrenalin durch sie pumpte. Sie nahmen all ihren Mut zusammen und krochen aus der sicheren Deckung hinter den Aufbauten hervor nach achtern.
Sie zogen die Kiste mit den Molotowcocktails unter der Bank vor und nahmen je eine der Flaschen in die Hand. Sie zündeten, so wie es Andreas ihnen erklärt hatte, mit den Sturmfeuerzeugen die mit Diesel getränkten Stofffetzen an und warteten eine Feuerpause ab. Dann, diese Pause nutzend, standen sie auf und warfen die Flaschen mit all ihrer Kraft auf die zwei Boote, die sich von beiden Seiten genähert hatten. Noch bevor die Brandflaschen ihre Ziele erreichten, gingen Kim und Anne wieder in Deckung. Sekunden später hörten sie, wie die Wurfgeschosse aufschlugen und zersplitterten.
Dann wurde es hell um sie und lautes Schreien von Männern war zu hören. Eine Maschinengewehrsalve zerfetzte kurz darauf wieder die Luft. Ihnen flogen Querschläger um die Ohren, bohrten sich in die Holzplanken des Decks und kleine Holzsplitter spritzten unkontrolliert durch die Gegend. Instinktiv rutschen sie weiter unter die Bank an der Bordwand. Doch schon in der nächsten Feuerpause, in der nur noch vereinzelte Schüsse fielen, griffen sie sich die nächsten zwei Flaschen und zündeten die Lunte. Zeitgleich richteten sie sich auf und warfen die beiden Cocktails im hohen Bogen auf die Oberdecks der feindlichen Boote, auf denen die Männer noch damit beschäftigt waren, den Brand der ersten Brandflaschen zu löschen.
8
„Hier Waldkauz, ich sehe vor mir ziemlich hoch aufsteigende Flammen. Anne und Kim scheinen gerade den Grill angeschmissen und haben dabei zu viel Kohlenanzünder genommen. Grillen ist eben doch eher Männersache. Bin in wenigen Minuten bei ihnen.“
„Hier Swordfish eins. Auch wir sehen das Feuer. Zwei wirklich bemerkenswerte Frauen. Brauchen etwa noch fünfzehn Minuten bis zum Ziel.“
„Hier Oberstleutnant Kebier, auch wir sehen das Feuer. Sind in circa zwanzig Minuten vor Ort“, meldete sich der ägyptische Offizier vom Marineschnellboot auf Englisch.
„Hier Bussard, an alle. Macht hin, Männer. Die Frauen haben nicht mehr viel aufzubieten“, sagte Jens besorgt.
„Hier Kim. Noch kommen wir zurecht, aber es wäre gut, wenn ihr die Beine in die Hand nehmt, auch das dritte Boot dreht jetzt zu uns bei“, rief sie schnell und schwer atmend ins Mikrofon ihres Headsets.
Anne war im Hintergrund zu hören, als sie laut schrie: „Na kommt doch schon her, ihr Arschlöcher. Wir machen euch gern auch noch Feuer unter euren fetten Ärschen.“
Die Seals lächelten, als sie das hörten, wurden aber sofort wieder ernst, als erneut das laute Tackern eines Maschinengewehrs alles übertönte. Der Pilot des Hubschraubers holte aus seiner Maschine heraus, was möglich war, um das Ziel, wo er seine Kameraden absetzen sollte, schnell zu erreichen.
Gerhard und Jens waren mit der Militärmaschine in der Zwischenzeit in Hurghada auf der ägyptischen Militärbasis gelandet. Doch sie blieben in der Maschine sitzen, um die Verbindung mit allen weiter aufrechtzuerhalten. Besorgt sahen sich die beiden Männer immer wieder an, während sie den Gesprächen und Hintergrundgeräuschen bei den Frauen auf der Motorjacht lauschten.
Ein lauter Aufschrei von einer der beiden Frauen ging ihnen durch Mark und Bein.
„Anne! Kim! Was ist los bei euch?!“, rief Pitt sofort in sein Mikrofon.
„Kim hat es am linken Arm erwischt“, schrie Anne zurück. „Ich kümmere mich darum. Verbinde sie schon.“
„Lass das“, hörten die Männer Kim protestieren. „Dafür ist später Zeit, die Kerle wollen aufs Boot.“
Kurz danach waren wieder Salven aus Maschinenpistolen zu hören. Dann brach die Verbindung zu den Frauen ab.
Die Männer schauten sich besorgt an und rechneten mit dem Schlimmsten.
Zur selben Zeit unter Wasser
Andreas und Sebastian, konnten die feindlichen Taucher schnell ausmachen und weithin sehen, da sie Unterwasserlampen benutzten und damit den Grund absuchten. Sofort schlugen sie deren Richtung ein und begannen, sich der Gruppe von acht Tauchern von hinten zu nähern. Sie setzten sich unbemerkt über die letzten beiden Männer der Gruppe und rissen ihnen als Erstes die Tauchermaske von oben vom Gesicht. Noch bevor die Kerle darauf reagieren konnten, zogen sie ihre Messer aus den Halterungen am Jackett und durchtrennten deren Druckluftschläuche.
Eigentlich hatten sie damit gerechnet, dass die beiden Taucher nun zur Wasseroberfläche zurückkehren würden. Doch falsch gedacht: Die Männer drehten sich zu ihnen um und versuchten, an ihren Oktopus zu gelangen.
Als die Kerle beim Gerangel ihre Taucherlampen fallen ließen, beobachteten Sebastian und Andreas, wie die anderen Taucher auf den Kampf aufmerksam wurden, kehrtmachten und auf sie zukamen.
Sie hatten keine Zeit mehr dafür, mit ihren Gegnern rücksichtsvoll umzugehen. Sie mussten sich ihrer schnellstmöglich entledigen, um sich die Nächsten vornehmen zu können.
Rücken an Rücken, sich so gegenseitig an ihren Schwachstellen schützend, erwarteten sie ihre Angreifer. Sie sahen, wie die Kerle ihre Messer zückten, die im Lichtschein der Unterwasserlampen aufblitzten. Sebastian und Andreas konzentrierten sich auf den bevorstehenden, ungleichen Kampf.
Zur selben Zeit auf der Jacht ‚Al Salam‘
Wieder warfen Anne und Kim synchron zwei Brandflaschen auf die Boote ihrer Angreifer und richteten damit einigen Schaden an. Männer mit brennender Kleidung sprangen vor Schmerzen schreiend über Bord. Jetzt hatten die Frauen nur noch zwei Molotowcocktails übrig.
Anne reagierte geistesgegenwärtig, als sie bemerkte, wie einer der Kerle über die Leiter an Bord ihres Bootes auf die Taucherplattform kletterte, die sie vergessen hatten einzuziehen. Sie zog die Signalpistole aus der Halterung, zielte und drückte ab. Zischend mit einem Feuerschweif flog die Patrone auf den Mann zu, durchbrach seine Bauchwand und explodierte in seinem Körper. Schwankend ging er noch ein paar Schritte auf sie zu, fiel vorn über aufs Deck und blieb reglos liegen. Schnell lud Anne die Pistole nach und reichte sie an Kim weiter.
„Hier Waldkauz“, meldete sich Pitt. „Habe die ‚Al Salam‘ erreicht, gehe an Bord. Die Frauen wehren sich verbissen. Wahrscheinlich ist nur der Akku des Handys der Frauen leer und deshalb der Verbindungsabbruch. Nicht zu glauben, aber sie haben gerade, so wie ich sehen konnte, einen Mann mit der Signalpistole ausgeschaltet“, berichtete er in sein Headset.
„Wow“, entfuhr es dem Gruppenführer der Seals.
Ohne Rücksicht auf eine leichte Kollision steuerte Pitt sein Boot direkt auf die Jacht seiner Freunde zu. Er lief mit der Tasche in der Hand und gezogener Pistole zum Bug seines Bootes. Kaum dass die Bugspitze die ‚Al Salam‘ erreicht hatte und an Steuerbord mit einem hässlich klingenden metallischen Kreischen entlangschrammte, sprang er an Deck der Jacht. Er lief gebückt, sich in Deckung haltend, zum Achterdeck, wo die Frauen ihre letzten beiden Brandflaschen warfen.
Gerade noch rechtzeitig, war er sich schützend über die beiden Frauen. Anne hatte mit ihrer letzten Flasche den Maschinenraum eines der Boote getroffen, das kurz darauf mit einem lauten Knall in einem riesigen Feuerball aufging und Wrackteile auf die Jacht regnen ließ.
Als er sich wieder aufrichtete, bemerkte er Kims konzentrierte Gesichtszüge und entdeckte die Signalpistole in ihrer Hand, die auf ihn zu zielen schien. Er sah, voller Entsetzen, wie sie langsam den Abzug durchdrückte, ohne dass er noch etwas dagegen tun konnte. Der Schuss löste sich, die Patrone zischte knapp an Pitts Oberkörper vorbei. Schnell folgte er mit den Augen der Schussrichtung und sah noch, wie einer der Kerle getroffen, den Abzug seiner Maschinenpistole betätigend, nach hinten ins Wasser kippte.
Pitt zog seine Tasche heran und öffnete sie. Er entsicherte eine der mitgebrachten Pistolen und reichte sie Anne. Als er auch Kim eine Pistole geben wollte, stellte er fest, dass sie die Signalpistole noch immer fest umklammerte und mit starrem Blick auf die Stelle schaute, wo zuvor noch der Mann gestanden hatte.
„Anne!“, schrie er über den Lärm. „Kim hat einen Schock. Wir müssen sie in sichere Deckung bringen.“ Vorsichtig und leise auf sie einredend, nahm er der Freundin die Signalpistole ab.
„Bringen wir sie runter“, schlug Anne vor. Geduckt, um den Schutz der stählernen Bordwand zu nutzen, zogen sie Kim in den Salon und brachten sie schnell die Treppe nach unten in ihre Kabine. Als sie aufs Deck zurückwollten, wurden sie von den Männern beschossen, die die Zeit genutzt hatten, um auf die Jacht zu klettern.
„Ich gebe dir Feuerschutz“, schrie Anne. „Sehe zu, dass du an deine Tasche rankommst. Wir brauchen alles, was wir denen entgegenwerfen können.“
„Bist du wirklich sicher, dass Anne keine von eurem Team ist und eine militärische Ausbildung hat?“, fragte Gerhard Hartmann Jens Arend ungläubig, nachdem sie alles über Pitts Verbindung mitgehört hatten.
Jens schüttelte, selbst erstaunt darüber, mit dem Kopf. „Da bin ich mir im Moment nicht mehr ganz sicher“, antwortete er. Dann setzte er sich mit dem Hubschrauber der Seals in Verbindung. „Swordfish eins, hier Bussard. Wie weit seid ihr noch vom Einsatzziel entfernt? Ihr habt gehört, da geht es etwas heiß her, und wir wissen nicht, wie es mit dem Kampf unter Wasser aussieht.“
„Hier Swordfish eins. Sind in zwei Minuten da“, meldete sich der Teamführer und machte sich mit seinen Leuten für den Absprung bereit.
„Beeilt euch, Jungs, aber passt auf, dass ihr nicht genau in die Feuerlinie springt. Blaue Bohnen machen sich nicht so gut in euren Hintern“, rief Pitt laut in sein Mikro.
„Hier Swordfish eins. Wir werden auf unsere Hintern achten, Waldkauz. Wie weit sind unsere ägyptischen Freunde noch entfernt?“
„Hier Kebier. Wir sind in fünf Minuten in Reichweite, um eingreifen zu können“, antwortete der Offizier auf Englisch.
„Na, das hört man doch gern“, meinte Pitt scheinbar locker, dabei waren Schüsse aus seiner Waffe zu hören. „Hier scheint es nämlich ein Nest voller Ratten zu geben. Es werden anstatt weniger, immer mehr.“
Andreas und Sebastian hatten unter Wasser ebenfalls alle Hände voll zu tun. Sie mussten all ihre Nahkampferfahrungen aufbringen und konnten zwei weitere Angreifer ausschalten. Doch als sie die Explosion hörten, durchfuhr es sie wie ein Stich ins Herz. Die kurze Unaufmerksamkeit nutzten die vier übrig gebliebenen feindlichen Taucher sofort und fügten ihren Widersachern schwere Verletzungen zu. Schnell hatten sich aber die beiden Freunde wieder in der Gewalt und stürzten sich noch verbissener in den Kampf.
Aus dem Augenwinkel erkannte er, dass sich weitere vier Taucher mit Unterwasserlampen näherten. Ihm war sofort klar, dass das auf keinen Fall schon die US Navy Seals sein konnten. Denn die würden nicht so dumm sein, mit Lampen auf sich aufmerksam zu machen. Schnell zeigte er Andreas durch kurze Handzeichen an, dass weitere Feinde auf sie zukamen.
Andreas hatte verstanden, drehte sich während seines Kampfes so, dass er die anderen Taucher im Auge behalten konnte, die sich langsam näherten. Ein flüchtiger Blick auf sein Finimeter zeigte ihm, dass er nur noch 50 bar Luft in seiner Flasche hatte, die nicht mehr weit reichen würde. Die Angreifer trugen Fünfzehnliterflaschen auf ihren Rücken und waren damit, was den Luftverbrauch betraf, im Vorteil.
Verbissen kämpften die beiden Freunde gegen die Angreifer. Als ihr Luftvorrat erschöpft war, griffen sie zu ihrem Taschengurt, zogen eine Notluftpatrone heraus, spuckten während des Kampfes ihren Atemregler aus und schoben das Mundstück der Patrone zwischen ihre Zähne. So hatten sie wenigstens noch für weitere fünf Minuten Atemluft zur Verfügung.
Nacheinander konnten sie ihre ersten Angreifer ausschalten, die langsam auf den Grund sanken. Das Wasser um sie herum hatte sich rot von Blut gefärbt, das von der leichten Strömung weggetragen wurde.
Fortsetzung folgt