Anthrax – Teil 4

Sonja59

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In der Zwischenzeit war Anne so schnell wie möglich abgetaucht.
Vorerst blieb sie in einer Tiefe von fünfzehn Metern und schlug kraftvoll mit den langen Flossen, um rasch vorwärtszukommen und ihr Ziel zu erreichen. Ihre Wunden an Oberschenkel und Taille schmerzten dabei stärker, als sie es erwartet hatte. Der Träger der Tarierweste mit der Pressluftflasche und dem integrierten Blei drückte auf ihre Schulterverletzung, doch sie ignorierte es und konzentrierte sich auf ihr Ziel, den Höhleneingang. Ein leises Geräusch, eine Art Summen, ließ sie aufhorchen. Sie identifizierte es als den Motor eines Tauchscooters.
Mist, dachte Anne, die Kerle sind schneller als ich am Ziel, wenn ich nicht mächtig in die Pedale trete. Ich will vor ihnen am Eingang sein. Nur dann habe ich eine Chance. Ich hoffe, die müssen den Höhleneingang erst suchen und finden ihn nicht so schnell. Sie legte ihre Arme seitlich an den Körper, ballte entschlossen ihre Fäuste und erhöhte die Frequenz ihres Beinschlages. So schoss sie wie ein Torpedo gegen die stärker werdende Nordströmung, durchs Wasser. Nur kurz, um sich nicht zu verraten, leuchtete sie ihr Handgelenk mit dem Kompass an. Dann orientierte sie sich anhand der dadurch noch fluoreszierenden Kompassnadel neu und änderte entsprechend leicht ihre Richtung.
Am Riff angekommen, tauchte sie auf zwanzig Meter ab und folgte dem Riffverlauf, der sich als schwarze Silhouette, durch den schwachen Schein der schmalen Sichel des zunehmenden Mondes, nur schwach abhob.
Zu dem summenden Geräusch des Tauchscooters mischten sich nun auch die Motorengeräusche der Zodiac.
Die Schallwellen breiten sich unter Wasser viereinhalbmal schneller über größere Entfernungen als an Land aus. Das machte ihr das Bestimmen der Richtung, aus der die Geräusche kamen, geradezu unmöglich.
Bis zum Höhleneingang waren es noch etwas zwanzig Meter, als sie den Lichtkegel einer Unterwasserlampe entdeckte, der sich an der Riffwand entlangtastete und dabei immer wieder den nahen Grund mit absuchte.
Die wissen nichts von der Höhle, sondern suchen nur das Gebiet ab. Trotzdem sind sie schon ziemlich nah dran und könnten ihn finden, stellte Anne etwas aufatmend fest. Sie näherte sich vorsichtig, jede dunkle Ecke nutzend. Dabei war ihr bewusst, dass sie ihre aufsteigenden Luftblasen beim Ausatmen verraten könnten. Sie verfluchte es, dass ihr Kreislaufgerät nicht neu befüllt worden war und sie es deshalb nicht nutzen konnte. Bemüht, nur sehr langsam ein- und auszuatmen, um die Luftblasen gleichmäßig aufsteigen zu lassen, arbeitet sie sich immer weiter zum Höhleneingang vor.

Endlich, Anne hatte es geschafft. Sie war unbemerkt vor dem Eingang der Höhle angelangt. Vorsichtig lugte sie in den dunklen Schlund des Höhlengangs hinein. Keine Bewegung, kein noch so feiner Lichtstrahl einer Lampe, die dort nicht hingehörte, waren zu sehen. Sie tauchte durch die Öffnung ein kleines Stück hinein, drehte sich um und beobachtete, wie sich ein Tauchscooter, der Stelle langsam näherte. Ein greller Lichtkegel tanzte unruhig über die Riffwand, sofort zog sich Anne ein Stück zurück. Nachdem der Lichtstrahl über den Eingang hinweggehuscht war, traute sie sich wieder, nach draußen zu schauen. Sie sah deutlich, dass es zwei Taucher waren, die sich vom Tauchscooter ziehen ließen.
Annes Herz schien ihr bis zum Hals zu schlagen. Auf alles gefasst, zog sie ihr Tauchermesser aus der Halterung am Jackett und hielt es fest in ihrer Hand.
Nun kommt schon ihr Scheißkerle. Ich warte hier auf euch, dachte sie und achtete dabei darauf, dass beim Ausatmen ihre Luftblasen ins Höhleninnere und nicht nach außen entwichen.
Trotz aller Bemühungen traf sie nach einer Weile doch der Lichtschein einer Unterwasserlampe.
Gut. Ihr habt also den Eingang gefunden. Nur lasse ich euch nicht rein. Anne war fest dazu entschlossen, die Höhle zu verteidigen, so gut sie konnte und so lange ihre Kräfte reichten.
Sie nutzte die kurze Helligkeit, um auf ihre Konsole zu schauen. Als sie die Anzeigenadel ihres Finimeters sah, bekam sie einen Schreck. Der Zeiger stand nur noch bei siebzig bar. Sie hatte durch das schnelle Tauchen mit den für sie ungewohnten Longblades und der Aufregung zu viel Luft verbraucht. Flink drückte sie sich schützend hinter eine vorstehende Steinkoralle. Die beiden Taucher schienen sie noch nicht entdeckt zu haben. Anne tastete die Taschen von Andys Gurt ab und hoffte, dass er sie bereits mit zwei neuen Notluftpatronen aufgefüllt hatte. Sie wusste, dass in der hinteren Höhle noch zwei volle Pressluftflaschen standen. Nur konnte sie jetzt nicht dorthin. Damit würde sie den Kerlen den Zugang zur Höhle frei machen. Doch so weit durften sie gar nicht erst kommen.
Erleichtert fühlte sie in der hinteren Tasche die beiden kleinen Druckbehälter und drehte den Gurt, bis sich diese Tasche vor ihrem Bauch befand, um einen schnellen Zugriff danach zu haben.
Vorsichtig steckte sie erneut ihren Kopf aus dem geschützten Höhleneingang. Sie wollte wissen, wo sich die beiden Taucher gerade befanden, konnte sie jedoch nicht entdecken.
Was ist jetzt los? Warum haben die ihre Lampen ausgemacht? Ihr blieb nichts anderes übrig.Sie konzentrierte sich nur noch auf das Geräusch des Tauchscooters. Sie konnte zwar nicht ausmachen, woher das Geräusch kam, aber es war auf jeden Fall noch da und schien sich zu entfernen.
Erleichtert atmete sie wieder auf und kam noch ein Stück weiter aus ihrer sicheren Deckung hervor, um vielleicht im Mondlicht, gegen die Wasseroberfläche etwas zu erkennen.
Sie sah, wie in einiger Entfernung die Unterwasserlampe wieder anging. Doch sie erkannte nur noch die Silhouette eines Tauchers.
Wo ist der Zweite hin? Wo ist der bloß abgeblieben?
Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Im nächsten Moment verspürte sie einen ziehenden Schmerz im Bein.
Sie biss fest auf die Noppen vom Mundstück des Reglers, um nicht schreien zu müssen. Ganz fest umschloss sie den Schaft ihres Messers und tauchte aus ihrer Deckung direkt dahin, wo sie kurz zuvor die Bewegung wahrgenommen hatte. Sie erblickte einen schwarz gekleideten Taucher, der gerade dabei war, einen neuen Pfeil in die Kassette seiner Harpune einzulegen und sie zu spannen. Die Gefahr erkennend und trotz der Schmerzen bei jeder Bewegung, beschleunigte sie kraftvoll ihren Flossenschlag und hielt genau auf den Taucher zu.
Geistesgegenwärtig wich sie zur Seite aus, als der zweite Pfeil abgeschossen knapp an ihrem Kopf vorbeizischte. Noch während der fremde Angreifer damit beschäftigt war, seine Harpune nachzuladen, hatte Anne ihn erreicht und stach wütend und wahllos mit ihrem Messer auf ihn ein. Mit der linken Hand bekam sie die Maske des Tauchers zu fassen und riss sie ihm vom Gesicht. Am Rande des Geschehens nahm sie das Geräusch des Tauchscooters wieder wahr, das immer lauter wurde.
Der Angreifer ließ seine Harpune fallen und zog sein Messer, dessen lange Klinge im Licht der Unterwasserlampe des zweiten Tauchers gefährlich aufblitzte. Anne konzentrierte sich auf jede seiner Bewegungen, als der Mann sie fest umpacken wollte. Gekonnt wich sie nach unten aus. In diesem Augenblick zischte ein Harpunenpfeil, der eigentlich für sie bestimmt war, heran und traf den fremden Taucher direkt unterhalb seines Jacketts im Bauch. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er sie an und verlor seinen Atemregler aus dem Mund. Da Anne ihm die Luftblase seiner Tarierweste im Kampf aufgeschnitten hatte, sank der Angreifer, wie eine große Stoffpuppe langsam auf den Grund.
Schwer atmend, aber vollgepumpt mit Adrenalin, wandte sie sich dem zweiten Taucher zu. Plötzlich und in dem Moment unerwartet für sie, bekam sie keine Luft mehr. Der letzte Luftvorrat aus ihrer Zwölf-Liter-Flasche war erschöpft. Angespannt und zugegeben etwas ängstlich beobachtete sie den sich schnell nähernden Taucher. Leicht zitternd tastete sie nach der Gurttasche, um eine der zwei Notluftpatronen zu greifen. Die glitt ihr aus der Hand und sank auf den Grund. Anne verfluchte ihre eigene Ungeschicklichkeit und schimpfte sich in Gedanken eine blöde Gans.


15
Plötzlich erlosch der Lichtkegel der Unterwasserlampe, an dem sich Andreas und seine Freunde orientiert hatten. Trotzdem tauchten sie in diese Richtung weiter. Sie hatten über die Hälfte der Strecke bewältigt, als sie wieder den Strahl einer Lampe sehen konnten. Pitt bemerkte, dass er sich vom Riff wegbewegte. Die US-Navy-SEALs wechselten sofort ihre Richtung, um diesem Lichtstrahl zu folgen. Sebastian hielt sie jedoch davon ab und zeigte in Richtung der Riffwand, wo sich der Eingang zur Höhle befand. Sie vermuteten, dass sich Anne dort befinden musste.
Schon wenig später beobachteten sie, wie der Lichtstrahl wieder in die Richtung des Riffes lenkte und sich dann der Position des Höhleneinganges näherte.
Die Sorge der Männer wuchs, je näher sie ihrem Ziel kamen. Andreas schaute auf seine Taucheruhr. Ihm war sofort klar, dass Annes Luftvorrat erschöpft sein musste. Er mobilisierte all seine Kraftreserven und beschleunigte nochmals sein Tempo. Andreas war froh, seinen Gurt gleich wieder neu bestückt zu haben. Er hoffte, dass Anne die Notluftpatronen finden und nutzen würde. Trotzdem würde die Zeit für seine Frau sehr knapp werden.
Und wieder erlosch das Licht am nahen Riff.

Anne umfasste fest die zweite, einzige und letzte Patrone, ihren nahenden Gegner dabei nicht einen Moment aus den Augen lassend. Sie spuckte ihren Atemregler aus, steckte sich stattdessen das Mundstück der Notluftpatrone zwischen die Zähne und machte einen tiefen Atemzug.
Sie musste ständig die Flossen bewegen, um den Auftrieb zu behalten. Anfangs hatte sie gar nicht bemerkt, dass bei dem Messerangriff auch die Blase ihrer Tarierweste beschädigt worden war und daraus die letzte Luft langsam entwich, die sie zum Tarieren benötigte. Sie hatte nicht die Zeit, die Hälfte ihres Bleis abzuwerfen oder das Jackett mit der leeren Pressluftflasche abzulegen. Es musste so gehen. Sie konzentrierte sich darauf, auf einer Höhe zu bleiben. Dabei beobachtete sie weiter den fremden Taucher.
Angriff ist die beste Verteidigung. All ihre Kraft, den Mut und ihre Wut zusammennehmend, schnellte sie mit dem krampfhaft umfassten Messer auf den zweiten Mann zu.
Der bemühte sich gerade, den Spanngummi seiner Harpune zu ziehen. Doch als er sah, dass sich ihm der Taucher schnell näherte, zog er, ohne erst richtig zu zielen, den Abzug. Der Pfeil schoss mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h aus der Kassette der Harpune hervor.
Obwohl Anne versuchte, auszuweichen, bohrte sich die stählerne Pfeilspitze in die ohnehin verletzte Schulter. Das Adrenalin pumpte durch ihren Körper. Es schien Überstunden zu machen. Mit vor Schmerz verzogenem Gesicht hielt sie trotzdem weiter auf den Mann zu. Der ließ die Harpune auf den Grund sinken, zog ein großes Tauchermesser aus der Halterung an der Wade und stieß wahllos zu, kaum dass Anne ihn erreicht hatte. Sie hatte nicht wirklich etwas entgegenzusetzen.
All ihre letzte Kraft zusammennehmend, fixierte sie den Atemregler des Angreifers an und schnitt den Druckluftschlauch knapp dahinter durch. Als der Taucher sie umfasste, um sie mit sich an die Wasseroberfläche zu ziehen, rammte sie ihm ihr Messer in den Bauch. Eine Wolke Blut trat an der Stelle hervor und färbte trotz des schwachen Mondlichts das Wasser sichtbar rot. Angewidert befreite sie sich aus seinem Griff, schob den fremden Angreifer, so weit es ihr möglich war, von sich, und beobachtete, wie er bewegungslos, langsam der Wasseroberfläche entgegen schwebte.
Sie hörte die typischen Geräusche von kleineren Motoren, die immer lauter wurden.
Das müssen die Jungs sein. Sie nahm den letzten Atemzug aus der Notluftpatrone. Sie wusste, dass sie keine Zeit mehr hatte, um zur Höhle zu tauchen und sich dort eine der Pressluftflaschen zuschnappen. Dafür war sie von der Strömung zu weit weggetrieben worden. Und sie war zu geschwächt für einen kontrollierten Notaufstieg aus einer Tiefe von dreißig Metern, ohne die Hilfe des Auftriebs der Tarierweste und vor allem ohne auch nur einen Atemzug Luft in der Lunge zu haben. Sie sah keinen gängigen Weg für sich, wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen. Langsam begann sie, in Richtung Grund zu sinken.
Ihre Lungen schmerzten, ja brannten, sich nach Luft verzehrend. Es fiel ihr immer schwerer, gegen den Atemreflex anzukämpfen. Das Sichtfeld verengte sich proportional zum Sauerstoffmangel im Gehirn. Wurde zum Tunnelblick, dessen schwarze Ränder immer weiter ins Zentrum rückten.
Nur noch ein paar Flossenschläge. Nur noch ein paar.
Sie war nicht bereit aufzugeben. Noch nicht. Sie musste bei Bewusstsein bleiben. Das war alles, was für sie jetzt noch zählte.
Nur jetzt nicht ohnmächtig werden. Bitte nicht, brannten sich die Gedanken tief bei ihr ein.

Das Zodiac raste über die Wasseroberfläche. Kurz bevor sie am Riff ankamen, sah Jens, der in der Spitze des Schlauchbootes saß, wie ein Körper ein Stück aus dem Wasser schoss und dann an der Oberfläche trieb. Sofort hielt das Boot darauf zu. Noch ehe sie die Stelle erreicht hatten, lehnte sich Jens weit über die Luftwulst, um den Taucher zu erreichen. Kaum, dass er ihn zu fassen bekam, drehte er ihn um und riss ihm die Maske vom Gesicht.
„Das ist nicht Anne!“, schrie er erleichtert auf Arabisch. „Wir tauchen!“ Sofort kippten er und die ägyptischen Marinetaucher vom Rand des Zodiacs ins Wasser und tauchten ab, während sich der Bootsführer abmühte, den unbekannten Taucher zu bergen.
Die Männer unter Wasser hatten den Außenbordmotor des Zodiacs gehört und sahen, wie kurze Zeit später die Froschmänner der Marine auf sie zutauchten. Jens gab Handzeichen, dass sie einen Mann mit durchschnittenem Druckschlauch, treibend an der Wasseroberfläche entdeckt hatten. Dann zeigte er zum Riff.
Die Taucher schalteten ihre Unterwasserlampen ein und folgten der Gruppe der vier Freunde, die schnell in die Richtung des Höhleneingangs weitertauchten, aber dabei auch den Grund unter sich, suchend ableuchteten.
Pitts richtete seinen Unterwasserstrahler nach einer Weile auf einen am Grund liegenden Tauchscooter. Sofort suchten sie die nähere Umgebung ab. Etwas abseits entdeckte Sebastian eine Notluftpatrone und drückte zur Kontrolle auf die Luftdusche. Erschrocken stellten die Freunde fest, dass die Patrone noch voll war.
Als Andreas kurze Zeit später eine abgeschossene Harpune vom Typ ‚Thazard Evolution‘ fand, wurde ihm schlecht. Er hatte so schon Angst genug, um seine Frau, die damit nur noch gesteigert wurde.

Gänzlich ausgepowert vom anstrengenden Tauchgang, den Kämpfen und durch ihre Wunden geschwächt, erreichte Anne mit der letzten Luft in ihren Lungen den am Grund liegenden toten Taucher mit dem Harpunenpfeil im Bauch. Sie ließ sich neben ihm absinken und riss ihm seinen Oktopus vom Jackett, betätigte die Luftdusche und steckte sich den Atemregler zwischen die Zähne. Tief und erleichtert atmete sie durch.
Ich muss wach bleiben, darf nicht ohnmächtig werden, sondern muss mich bemerkbar machen, dachte sie. Mit zitternder Hand griff sie nach ihrer Lampe, die mit einem Karabiner an ihrem Jackett befestigt war, und tastete nach dem Drehschalter. Hell durchbrach der Lichtstrahl die sie umgebende Dunkelheit.

Jens bemerkte als Erster das, etwa hundertfünfzig Meter weiter südlich von ihnen entfernte, aufflackernde Licht einer Unterwasserlampe. Er machte sich bei den anderen der Gruppe, durch schnelles Hin- und Herschwenken seiner Lampe bemerkbar und zeigte nach Süden zu dem hellen Lichtkegel.
Jetzt hielt die Männer nichts mehr. Unverzüglich tauchten sie dem hellen Lichtstrahl entgegen.
Vor ihnen auf dem spärlich mit Korallen bewachsenen sandigen Grund lagen eng nebeneinander zwei reglose menschliche Körper. Das von der Lampe angestrahlte Wasser war rot gefärbt vom Blut beider Taucher, das von der Strömung wie feine Fäden weggetragen wurde.
Andreas erkannte sofort seine zierliche Frau. Der Schreck saß bei allen tief, als sie die Harpunenpfeile in der Schulter und im Bein des leblosen Körpers entdeckten.
Plötzlich stiegen in unregelmäßigen Abständen, wenn auch nur kleine, so doch aber Luftblasen aus einem Atemregler und perlten, größer werdend, der Oberfläche entgegen. Es war eindeutig der Oktopus des Kerls, den Anne sich gegriffen hatte.
Sofort kam wieder Bewegung in die Männer.
Sebastian zeigte auf eine schon ausgedrückte Ballonspritze, die noch in Annes Oberschenkel steckte. Sie musste sie sich gegeben haben, kurz bevor sie ihr Bewusstsein verloren hatte. Er zog die Spritze heraus und leuchtete den Ballonkörper mit seiner Lampe an, um an der Farbe zu erkennen, was sich die Freundin injiziert hatte.
Die vier Freunde arbeiteten sofort als eingespieltes Team. Andreas tauchte zu Annes Kopf und zog sie vorsichtig zu sich heran und kontrollierte das Finimeter des toten Tauchers, an dessen Oktopus seine Frau hing. Er erkannte, dass der Luftverrat fast erschöpft war, also wechselte er routiniert den Regler in Annes Mund, gegen seinen Oktopus, um sie weiter mit Luft zu versorgen.
Die ägyptischen Taucher brachten auf ein Zeichen von Jens die Leiche zur Oberfläche. Danach sollten sie mit dem Zodiac und vollen Nitroxflaschen zurückkehren.
Sebastian zog seinen Taschengurt ab, reichte ihn Pitt weiter und tauchte mit einem der SEALs zum Eingang der Höhle, folgte dem Verlauf des engen Ganges bis in die Haupthöhle, wo sie vorsichtshalber die zwei gefüllten Stahlflaschen mit Pressluft zurückgelassen hatten. Schnell kontrollierte er die Vollständigkeit der sechs Kisten mit dem Anthrax. Sie griffen sich die Flaschen und gemeinsam kehrten sie zu ihren Freunden zurück.
Pitt hatte Anne gerade eine weitere Injektion gesetzt, während Jens ihr Bein abband und die vielen kleineren Wunden notdürftig mit Druckverbänden versorgte. Währenddessen stieg Andreas, Anne fest im Arm haltend, langsam um wenige Meter auf. Lieutenant Tom Cater errechnete nach der maximalen Tauchtiefe des Grunds in der Anne, so sie weit von der Höhle abgetrieben gefunden wurde, plus der Zeit, die sie sich, laut Aussage von Kim, bereits im Wasser befunden hatte, die Dekompressionszeiten. Er schrieb sie auf seine Schreibtafel und zeigte sie Andreas. Der nickte ihm dankbar zu und stellte nach den Angaben seinen Tauchcomputer neu ein. Dann beobachtete er wieder besorgt die unregelmäßige Atmung seiner Frau. Zwei der SEALs hatten sich hinter Andreas gesetzt und achteten auf seine Tarierung und den weiteren langsamen, kontrollierten Aufstieg bis zum ersten Dekompressionsstopp. Sie hofften, dass die ägyptischen Marinetaucher schnell mit den mit zusätzlichem Sauerstoff angereicherten Druckluftflaschen zurückkamen, um die Dekompressionszeit für die mutige Frau wesentlich zu senken und so eher an die Wasseroberfläche zurückkehren zu können.
Als Andys Luftvorrat fast erschöpft war, übernahm einer der jungen SEALs Anne und tauschte ihren Atemregler gegen seinen Oktopus aus. Sebastian half seinem Freund, der in der Zwischenzeit an der alternativen Luftversorgung von Pitt hing, beim Wechsel der Pressluftflasche.
Andreas zog seine Schreibtafel aus der Tasche seines Jacketts und schrieb eilig auf Englisch darauf:
„Sorg dafür, dass das Sanitätsboot näher herankommt. Informiere Doktor Mechier, dass er sich auf eine Not-OP vorbereiten soll. Wir bringen Anne nach der Deko direkt zum Schiff.“
Er übergab die Tafel einem der amerikanischen SEALs, der sich sofort auf den Weg machte. Besorgt leuchtete Andreas in das Gesicht seiner Frau und dann langsam an ihrem Körper entlang, um sich das Ausmaß ihrer Verletzungen genau anzusehen. Er half Jens dabei, Anne weitere Druckverbände anzulegen, um die vielen Blutungen, so gut wie in dieser Situation möglich, stillen zu können. Immer wieder überprüfte er ihren Puls, der langsam schwächer wurde. Mit seinem Tauchermesser schlitzte er vorsichtig den Ärmel ihres Neoprenanzugs auf. Er ließ sich von Sebastian das Notpack geben und setzte eine Injektion in die Armbeuge seiner Frau, während Sebastian die Nadel der zweiten Ballonspritze direkt in ihre Halsschlagader platzierte und den Inhalt nur sehr langsam ausdrückte. Als die ägyptischen Taucher mit den zusätzlichen Nitroxflaschen zurückkehrten, übernahm Andreas seine Frau wieder.
Lieutenant Tom Cater tauchte hinter seinen Rücken und sorgte für seine Tarierung, während Andreas, der Anne im Arm hielt, mit Pitt gemeinsam versuchte, den Harpunenpfeil, der in Annes Schulter steckte, mit einer Zange, zu kürzen. Beide waren darum bemüht, dass sich der Pfeil dabei kein Stück bewegte, um eventuelle innere Verletzungen zu vermeiden. Dann übernahmen Jens und Sebastian die Zange und kürzten, ebenso vorsichtig, den Harpunenpfeil an Annes Bein.
Angelockt vom Blut, begannen sich ein paar neugierige Weißspitzenriffhaie zu versammeln und umkreisten die Gruppe von Tauchern.
Sofort bildeten die ägyptischen und amerikanischen Männer einen schützenden Kreis, um die kleine Gruppe von Kampfschwimmern, die der schwer verletzten Frau halfen.
Andreas gab den anderen ein Zeichen, dass er Anne das ohnehin nutzlose Jackett mit der Stahlflasche ausziehen wolle. Behutsam umfassten Jens und Pitt Annes Taille, um sie sicher festzuhalten. Sebastian öffnete den Klettverschluss und die Schnalle. Dabei hielt er die nun offene Weste noch fest und wartete darauf, dass Andreas die Schultergurte gelockert und sie dann mit seinem Messer durchgeschnitten hatte. Erst danach ließen beide Männer das Jackett los und es sank schnell auf den Meeresgrund. Gleichzeitig betätigten sie den Notablass ihrer eigenen Jacketts und tarierten sich neu aus, um Anne auf gleicher Höhe zuhalten. Denn durch den Wegfall des Gewichtes der Tarierweste mit dem Blei und der Stahlflache war Anne leichter geworden und die Männer hatten damit einen größeren Auftrieb, den sie aber nicht brauchten.
Ohne die Tarierweste und die sperrige Flasche konnte Andreas seine Frau endlich besser halten. Immer wieder schaute er nervös auf seinen Tauchcomputer. Für ihn verging die Zeit viel zu langsam. Er wusste, dass Anne schnellstens geholfen werden musste. Ihnen rann die Zeit durch die Finger wie feinster Wüstensand. Er wollte aber keinen Dekompressionsunfall riskieren, nur um Anne schnell in Doktor Mechiers helfenden Händen zu wissen. Dafür war sie zu schwach und in der Dekompressionskammer waren die Hilfsmöglichkeiten nur beschränkt. So schwer ihm und seinen Freunden diese Entscheidung auch fiel, es war in Annes Zustand trotzdem die bessere Lösung, die langen Dekompressionsstopps einzuhalten. Nach einer Weile musste Andreas wieder seine fast leere Flasche wechseln und übergab Anne dafür an Pitt. Lieutenant Cater und Jens halfen ihm bei dem Wechsel, obwohl er ihn, so wie sonst für ihn üblich, auch allein vornehmen konnte.
Gerade als Tom ihm die leere Flasche aus der Jacketthalterung genommen hatte, glaubte Andreas, seinen Augen nicht trauen zu können. Ein drei Meter langer Rotmeer-Zitronenhai schwamm direkt auf die Gruppe von Tauchern zu und durchbrach, trotz der Tatsache, dass sich die Männer gegen ihn wehrten, unbeirrt den Kreis und schwamm weiter, mit schon aufgerissenem Maul, auf Anne und seine Freunde zu.
Noch bevor Tom die neue Flasche am Jackett festschnallen konnte, riss sich Andreas den Oktopus, den er von Jens hatte, aus dem Mund, griff zu seinem Messer und schwamm schnell los. Auch Jens reagierte sofort und folgte seinem Freund, um ihm zu helfen.
Während sich die ägyptischen Marinetaucher um die Verletzten der ersten Haiattacke kümmerten, bauten sie sich vor den Hai auf, der sich bereits im Blutrausch befand, um ihn von Anne und den anderen abzulenken. Sie griffen ihn gemeinsam mit ihren Tauchermessern an, als er begann, nach ihnen zu schnappen. Wild wedelte der ausgewachsene Hai sie herum.
Sebastian gab den anderen Tauchern ein kurzes Zeichen, bei Anne zu bleiben, um sie zu beschützen. Pitt reagierte ebenso schnell und übergab Anne an Kasim, nahm das Messer, das er neben ihr gefunden hatte, und tauchte gemeinsam mit Sebastian zu seinen Freunden, die von dem Hai bereits attackiert wurden. Lieutenant Tom Cater, beobachtete in der Zwischenzeit genau das Verhalten der anderen, kleineren Riffhaie, die sich aber nicht dafür zu interessieren schienen. Er entschied sich, so nah wie möglich bei Andreas Wildner zu bleiben, um ihm sofort seinen zweiten Atemregler reichen zu können. Schließlich war der Fregattenkapitän zurzeit an keinerlei Luftversorgung angeschlossen. Er hatte nur noch die Luft in seinen Lungen, die er sehr langsam und kontrolliert ausatmete.
Der Hai zog die vier Freunde im wilden Kampf von den anderen Tauchern weg, rollte mit ihnen um die eigene Achse, schnappte nach allem, was sich ihm bot. Er zerrte ihnen, sie durchschüttelnd, Teile ihrer Neoprenanzüge, vor allem aber an den Unterarmen, in Fetzen, bevor sie ihre Arme doch noch schnell zurückziehen und so dem ernsthaften Bissen entgehen konnten.
Als Andreas aus dem Augenwinkel bemerkte, dass Tom, trotz allem in seiner Nähe blieb und seinen Oktopus griffbereit für ihn vorhielt, tauchte er schnell hin, nahm zwei tief Atemzüge und war er auch schon wieder bei dem Hai.
Wild schlug und biss das große Tier um sich. Dabei drückte es die Taucher immer wieder gegen die scharfkantigen Felsen der Riffwand, der sie sich erschreckend schnell genähert hatten.
Doch keiner der Freunde gab klein bei. Stattdessen stürzten sie sich erneut auf den großen Fisch und achteten darauf, dass er sie nicht mit seinem Maul zu fassen bekam.
Wieder wurde Andreas mit dem Rücken, regelrecht gegen den Fels geschmettert. Nur dieses Mal mit voller Wucht, sodass ihm die letzte Luft aus der Lunge entwich. Er verzog sein Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse und brauchte einen kurzen Moment, um wieder zu sich zu kommen. Seine Freunde sahen es, aber konnten im Augenblick nichts für ihn tun. Sie mussten sich weiter um den Hai kümmern.
Andreas biss die Zähne zusammen, orientierte sich kurz und suchte den Lieutenant, der ihm vorhin schon seinen Oktopus gereicht hatte. Er sah, wie Tom schnell, auf die Bewegungen des Hais achtend, auf ihn zukam, und tauchte ihm ein Stück entgegen. Gierig sog er die frische, trockene Luft in seine Lungen. Dann wandte er sich um und stürzte sich erneut mit auf den Hai. Er war dabei genau an die günstigste und empfindlichste Stelle des Hais gelangt. Er nutzte den Moment und stieß dem Tier mit aller Kraft, sein Messer ins starre Auge. Auf der anderen Seite sah er Pitt, der auch gerade sein Messer perfekt platzieren konnte. Wenig später sank der große Fisch nur noch leicht zuckend zum Grund. Die Freunde lächelten sich an und kehrten zusammen mit Tom, der Andreas an seinen zweiten Atemregler nahm, zur Gruppe zurück. Sie drehten sich vorsichtshalber immer wieder prüfend nach den Weißspitzenriffhaien um, die sich in der Tiefe über den Kadaver des größeren Artgenossen hermachten.
Nachdem Andreas endlich die volle Nitroxflasche angeschlossen und mit den Schnellspannern auf den Rücken seiner Tarierweste befestigt bekommen hatte, atmete er erleichtert durch. Dann übernahm er, als wäre nichts gewesen, wieder liebevoll und besorgt seine Anne und brachte sie langsam, auf seinen Tiefenmesser achtend, der Wasseroberfläche und damit der professionellen Hilfe des Arztes, ein paar Meter näher.
Misstrauisch beobachteten die Taucher das Treiben der Haie, die nun zwar ein ganzes Stück entfernt und tiefer, aber trotzdem noch unberechenbar waren.
Tom entdeckte als Erstes bei Pitt die Verletzungen, der nur eine Stoffhose und ein Shirt trug, welches nun völlig zerrissen war. Dann bemerkte er, dass die Anzüge der drei anderen Männer, die sich wieder konzentriert um ihre verletzte Freundin kümmerten, vorwiegend an den Unterarmen regelrecht zerfetzt und aufgeschlitzt waren. Als er näher herantauchte, sah er, wie daraus das Blut in roten Fäden von der leichten Strömung weggetragen wurde. Keiner der vier Männer war bei dem wilden Kampf mit dem Hai unverletzt davongekommen.
Lieutenant Tom Cater musste handeln. Er holte aus seiner Tasche ein Notpack, öffnete es, hielt es den vier Freunden hin und zeigte dabei auf ihre blutenden Wunden. Dankbar zogen Jens, Pitt und Sebastian je eine Ballonspritze aus dem Pack. Sie stachen sich die Nadel in den Oberschenkel und drückten den Inhalt des Ballons aus. Da Andreas seine Frau im Arm und mit der anderen Hand den Oktopus fest in ihrem Mund hielt, zeigte Tom die Ballonspritze vor. Er fragte damit, ob Andreas einverstanden wäre, dass er ihm die Injektion gab. Andreas nickte ihm zu. Kurz darauf spürte er auch schon den kleinen Einstich und den leichten Druck im Oberschenkel. Der Lieutenant gab seinen vier Leuten das kurze Handzeichen, zu ihm zu kommen. Die anderen Taucher reagierten darauf und schlossen den Schutzkreis um die Gruppe enger. Dabei ließen sie die Haie, die noch immer mit dem Kadaver beschäftigt waren, keinen Moment aus den Augen. Gemeinsam mit seinen Männern verband Lieutenant Cater die Wunden der vier Freunde notdürftig, die sich dabei aber nicht stören ließen, sondern sich weiter um Anne kümmerten.
Die Sonne war bereits vor einiger Zeit aufgegangen und schickte ihre Strahlen ins Wasser. Nur noch drei Meter trennten sie von der Wasseroberfläche. Besorgt stellten die Männer fest, dass das Meer nicht mehr so ruhig war wie die Tage zuvor. Im Gegenteil, die See war ziemlich rau geworden. Hohe Wellen ließen das Sanitätsboot, dessen Rumpf sie an der Oberfläche sehen konnte, trotz seiner Größe ganz schön schaukeln. Dabei würde der befreundete Arzt, mit seinem Team, Anne unmöglich operieren können.
Sofort verständigten sich die vier Freunde in Gebärdensprache untereinander. Andreas schlug vor, den Hubschrauber zu nehmen, um Anne zusammen mit dem Arzt ins Lazarett zu fliegen. Sofort nickten ihm die Männer zu.
Schnell schrieb Jens das auf seine Tafel und reichte sie dem Gruppenführer der SEALs. Tom las den kurzen Text und schrieb zurück,
„Meine beiden Jungs, die das Teil fliegen konnten, liegen tot unter dem Black Hawk.“
Jens radierte das schnell wieder weg und schrieb zurück:
„Wir haben einen Piloten, der ihn fliegen kann. Generalmajor a. D. Gerhard Hartmann. Er und Generalstabsarzt Mechier sollen mit zwei deiner Jungs schnell an Land gebracht werden und sich mit dem Hubschrauber über uns setzen, um Anne aufzunehmen.“
Dann reichte er die Tafel dem Lieutenant zurück. Der nickte kurz und tauchte langsam direkt neben dem Rumpf des Sanitätsschnellbootes auf.
Als Tom wieder zurückkam, hörten die Taucher auch schon das Motorgeräusch des Zodiac und sahen von unten, wie die kleine Schraube das Wasser hinter sich aufwirbelte und das Schlauchboot schnell über die Wellen sprang.
Jens gab den ägyptischen Marinetauchern das Zeichen zum Auftauchen. Kaum dass die Männer an der Wasseroberfläche waren, wurden sie von den Schlauchbooten des Marineschnellbootes eingesammelt. Die fünf SEALs blieben aber bei den Freunden, um ihnen helfen zu können. Sie wunderten sich darüber, wie diese Männer trotz ihrer Verletzungen nicht einen Moment Schwäche zeigten, sondern sich voll konzentriert um ihre mutige Freundin kümmerten.
Mit dem Blick auf sein Finimeter erkannte Andreas, dass die Luft in seiner Flasche nicht mehr für ihn und Anne zusammen reichen würde, bis sie zur Wasseroberfläche zurückkehren konnten. Die Luft in den Nitroxflaschen seiner Freunde würde nur noch für sie selbst reichen. Andreas wollte für die restliche Zeit keinen erneuten Flaschenwechsel vornehmen. Er signalisierte Sebastian, dass er keine Luft mehr habe, aber zeigte ihm dabei auch die Anzeige seines Finimeters. Sein Freund verstand und gab ihm aus seinem Taschengurt eine Notluftpatrone. So hatte Anne ausreichend von der zusätzlich mit Sauerstoff angereicherten Luft. Für sich selbst und für Andreas reichte die normale Pressluft aus den Notluftpatronen vollkommen aus.


16
Endlich war es soweit. Die kleine Gruppe konnte mit Anne auftauchen. Mit der letzten verbliebenen Luft aus ihren Flaschen bliesen sie die Jacketts zu Schwimmhilfen auf. Vorsichtshalber hatte Andreas seiner Frau das Mundstück der Notluftpatrone zwischen die Zähne gesteckt, damit sie sich, bei der rauen See nicht verschluckte, sollte Wasser in ihr Gesicht schlagen.

Die Wellen schlugen erbarmungslos auf sie ein. Kaum auf einem Wellenberg, stürzten sie auch schon in das nächste tiefe Wellental. Gischt peitschte ihnen ins Gesicht und nahm ihnen die Sicht. Wie ein Ball wurden sie hin und her geworfen.
Eng beieinanderbleibend hofften sie, dass das mit dem Hubschrauber bei dem hohen Wellengang auch, wie geplant klappte.
Das typische, laute Plop, plop, plop der Rotorblätter zerschnitt die Luft.
Während sich der Hubschrauber, vom Typ ‚Sikorsky Black Hawk HH-60G Pave Hawk‘ näherte, wurde bereits der Bergekorb heruntergelassen. Als der Black Hawk genau über ihnen stand, gab Tom Cater seinen beiden Männern an der Winde das Zeichen, die Korbtrage weiter abzusenken. Seine Taucher übernahmen den Korb und hielten ihn mit aller Kraft so unter der Wasseroberfläche, dass Andreas mit seinen Freunden Anne vorsichtig hineinlegen und anschnallen konnten, ohne dass sie sie dafür extra aus dem Wasser heben mussten.
Bei dem Wellengang kein leichtes Unterfangen. Bei diesem Kraftakt zogen sich die Männer einige böse und schmerzhafte Prellungen zu, aber sie schafften es.
Der Gruppenführer gab einem seiner Männer den Befehl, den Korb sicher nach oben zu begleiten. Dann gab er das Handzeichen nach oben, dass der Bergekorb nach oben gezogen werden konnte. Die Taucher beobachteten, wie der Korb, an dem der Seal sich eingeklinkt hatte, um darauf zu achten, dass Anne ruhig liegen blieb und nirgends anstieß, wenn sie in die Nähe des Einstieges kam, langsam mit der Winde hochgezogen wurde. Kaum war die Tür zugezogen, schoss die Maschine auch schon Richtung Hurghada davon.
Ein Zodiac kam, den Wellen trotzend, mit aufheulendem Motor heran, um die acht im Wasser treibenden Männer aufzunehmen. Während die SEALs das Schlauchboot bereits über die Wulst erklommen hatten, bemerkten sie, dass ihre deutschen Freunde am Ende ihrer Kräfte waren und es nicht mehr aus eigener Kraft ins Boot schafften. Die vier hatten genau so lange durchgehalten, wie nötig, um Anne sicher im Hubschrauber zu schaffen. Jetzt war ihre Energie aufgebraucht. Also zogen sie die Männer mit vereinten Kräften an Bord des Schlauchbootes. Die vier Freunde ließen sich völlig erschöpft auf den Boden des Zodiac sinken. Das in die Hartschale des Bootes geschwappte Wasser färbte sich rot vom Blut der Männer, die ihre Begleiter aber dankbar anlächelten und ihnen fröhlich zuzwinkerten.
„Ich glaube, wir werden alt, Jungs“, stellte Jens, noch schwer nach Atem ringend, fest.
„Du meinst, weil du den kleinen, süßen Hai nicht mit `nem rechten Aufwärtshaken in die Ecke schicken und erledigen konntest, sondern dabei unsere Hilfe brauchtest?“, fragte Sebastian.
„Ja, dann hast du natürlich recht. Du bist alt geworden, Großer. Aber wir nicht“, stellte Pitt grinsend fest. Und die Freunde mussten lachen.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, verzog sich Andreas’ Gesicht zu einer ernsten Maske. Er wandte sich laut, den Motorkrach des Bootes übertönend, auf Arabisch an den Matrosen, der den Zodiac zum Sanitätsboot steuerte. „Kannst du mich bitte erst zur ‚Al Salam‘ bringen, bevor du die Jungs auf dem Sanitätsboot ablieferst? “. Der Matrose nickte Andreas zu und nahm Kurs auf die Jacht.
„Was willst du denn da?“, fragte Pitt laut und schaute seinen Freund, schon etwas ahnend, an. Auch Sebastian und Jens wurden sofort wieder ernst und sahen fragend zu ihm hin.
„Nun klotzt nicht so blöd. Ihr wisst doch genau, was ich vorhabe. Ich muss so schnell wie möglich zu Anne.“
„Nur hast du vergessen, dass eure Jacht durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse und du selbst auch erst mal ’nen Arzt brauchst“, sagte Jens streng.
„Ich nehme Abduls ‚Aunet‘, die hat nichts abgekriegt und ist ebenso schnell. Und was den Arzt betrifft: Zu dem fahre ich ja hin. Bis dahin kann ich mich auch selbst verpflastern“, gab Andreas zurück.
„Mähp. Punktabzug für den Kandidaten. Den Zahn muss ich dir ziehen. Ich habe die ‚Aunet‘ mit ihrem Bug ordentlich an euer Flaggschiff donnern lassen. Sieht nicht mehr schön aus“, meldete sich Pitt zu Wort.
„Na und? Das ist ein Grund, aber kein Hindernis. Sie ist aber noch seetüchtig. Das reicht mir. Und ehe du dir einfallen lässt, mir einen Befehl geben zu wollen, Bussard. Das funktioniert nicht mehr. Denn sollte es dir entgangen sein: Ich bin nicht mehr bei dem Verein.“
„Aber Mensch, sei doch vernünftig, Andy! Jetzt kannst du Anne eh nicht helfen. Der Doc macht das schon. Du brauchst selbst Hilfe. Schau dich doch mal an“, schrie Sebastian laut. „Was ist, wenn wieder was mit deinem Rücken ist? Das Biest hat dich nämlich ganz schön gegen die Wand gepfeffert!“
„Vergesst es, Jungs. Ich steige hier aus“, rief Andreas und stand schon auf, weil der Zodiac gerade am Heck der Jacht angekommen war. Auch Jens erhob sich, sowie hinter Andreas auch Pitt und Sebastian. Völlig überraschend für Andreas, traf die Faust von Jens hart sein Kinn, hebelte ihn aus und es wurde dunkel um Andreas. Pitt und Sebastian fingen ihren Freund auf und ließen ihn sanft zu Boden sinken.
„Damit wäre das erst einmal geklärt“, sagte Jens beiläufig. Die SEALs schauten Jens ganz schockiert an, während sich Pitt und Sebastian kommentarlos grinsend auf den Boden setzten. Sie zogen den bewusstlosen Freund zu sich heran und lehnten ihn an die Luftwulst des Schlauchbootes. Auch Jens sank wieder sichtlich erschöpft zurück auf den Boden des Bootes. Er schüttelte seine Hand und blies sich auf die Knöchel.
„Und jetzt fahren wir zum Sanitätsboot, Ibrahim!“, schrie er auf Arabisch dem Matrosen am Ruder zu.
Mit solch einer Aktion hätten die vier amerikanischen Elitesoldaten nicht gerechnet.
„Aber … aber ich dachte, ihr seid Freunde?“, fragte Lieutenant Tom Cater unsicher.
„Ja, das sind wir doch auch. Sogar die Besten. Das siehst du doch“, antwortete Pitt und streichelte grinsend über den Kopf des bewusstlos geschlagenen Mannes, der zwischen ihm und Sebastian saß. „Das hätte er ganz genauso auch für uns getan.“
„Und sogar verdammt gerne“, ergänzte Sebastian und tätschelte die Wange von Andreas.
„Manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen. Und wenn ich ihm nichts mehr befehlen kann, dann kann das meine Faust aber immer noch recht gut“, erklärte Jens und lächelte den Lieutenant an. Dann wandte er sich wieder seinen beiden Freunden zu. „Jungs, bindet ihn lieber fest, nicht dass er versucht zu türmen, wenn er wieder zu sich kommt. Dem Kerl traue ich alles zu. Bevor die Ärzte nicht sagen, dass alles bei Andy in Ordnung ist und sie ihn gehen lassen, bleibt er auf dem verdammten Sanitätsschiff.“
Die US-Navy-SEALs glaubten nicht, was sie da sahen, aber Pitt und Sebastian fesselten ihren Freund tatsächlich, wenn auch nicht ganz so straff, aber dennoch mit Kabelbindern an Händen und Füßen. Die Männer schauten gerade zum Sanitätsboot, dem sie sich langsam näherten, als Andreas zu sich kam. Sofort nutzte er die Unachtsamkeit seiner Freunde aus und hob sich trotz der Fessel über die Gummiwulst und ließ sich nach hinten fallen. Kaum im Wasser bewegte er seinen Körper geschmeidig wie ein Delfin und brachte so schnell einen großen Abstand zwischen sich und das Schlauchboot. Er hielt dabei genau auf die Jacht zu.
„Habe ich es doch geahnt: Wenn dieser Sturkopf sich was in den Kopf gesetzt hat, dann wächst er über sich hinaus. Der Kerl ist einfach nicht kleinzukriegen. Er schaltet einfach Schmerz und Erschöpfung ab und konzentriert sich nur noch auf sein Ziel. Er war schon immer eine Kampfmaschine. Holt ihn zurück, Jungs. Bei den Verletzungen schafft er es mit der Jacht niemals allein bis nach Hurghada zurück. Da ist er vorher verblutet“, sagte Jens müde, wie gelangweilt. Als die SEALs schon ins Wasser springen wollten, hielten Pitt und Sebastian sie zurück.
„Nein, danke. Aber das ist jetzt was rein Privates zwischen uns“, sagten sie beide unisono. Ruhig zogen sie sich ihre Flossen wieder an, zwinkerten den Männern zu und ließen sich nach hinten ins Wasser fallen. Schnell erreichten sie ihren Freund, da sie mit den Flossen, ihm gegenüber, klar im Vorteil waren.
Bei ihm angekommen redeten sie auf ihn ein. Trotzig wehrte es sich weiter gegen seine Freunde. Es schien ihnen keine andere Wahl zu bleiben. Sie packten Andreas und zogen ihn, auf ein kurzes Zeichen hin, gemeinsam unter die Wasseroberfläche. Nachdem sie wieder auftauchten, verpasste Pitt ihm einen kräftigen Schwinger und sie schleppten ihn direkt zum Sanitätsboot. An Deck übergaben sie ihren wieder bewusstlosen Freund, an zwei schon bereitstehende Sanitäter. Sie sprachen schnell noch ein paar Worte auf Arabisch mit ihnen. Die Ägypter nickten und trugen Andreas umgehend in den Behandlungsraum.
Erschöpft sanken Pitt und Sebastian aufs Deck und schauten Jens und den vier SEALs lächelnd entgegen.
„Andy wird schon behandelt. Wir haben empfohlen, ihm eine tiefe Narkose zu geben, damit er nicht wieder türmen kann“, berichtete Sebastian. Dann wurden auch sie von Sanitätern gestützt in den Behandlungsraum gebracht. Lieutenant Tom Cater half dem Flottillenadmiral und begleitete ihn zusammen mit seinen Männern dorthin.
Als sie den Raum betraten, lag Andreas bereits auf der Krankenliege. Die Sanitäter hatten seinen eng anliegenden Neoprenanzug bereits aufgeschnitten und entfernt. Doch die leichten Fesseln hatten sie dran gelassen.
Als der Arzt den Raum betrat, musste er lachen und sagte auf Englisch, damit es auch die vier SEALs verstanden: „Oh, unser besonderer Freund und unbequemster Patient, Andy. Das ist aber toll, dass ich den auch mal wieder auf dem Tisch habe.“ Dann beschaute er sich die Verletzungen und drehte ihn vorsichtig, mit Mithilfe der beiden Sanitäter, auf den Bauch. Genau besah sich der Arzt dann den Rücken. Besonders tastete er dabei die Wirbelsäule ab, um die alte, lange Narbe einer Operationswunde herum ab, neben der sich das wulstige Narbengewebe einer älteren Schussverletzung und frische , großflächige Hämatome abzeichneten.
„Was ist Mohammed?“, wollte Pitt besorgt wissen. „Hat es die Wirbelsäule an der Stelle wieder mit erwischt? Das kleine Fischlein hat den Großen nämlich mächtig gegen die, verdammte Felswand mit dem scheiß vorstehenden Kanten gedroschen. Du weißt ja, dass dieser Kerl da nichts sagt, auch wenn er die Wände hochgeht vor Schmerzen. “
„So kann ich nichts feststellen, aber zur Sicherheit machen wir im Lazarett ein MRT. Warum habt ihr ihm eigentlich die Faust ins Gesicht gedrückt und gefesselt?“, fragte der Arzt wie nebenbei.
„Weil der Kleine türmen wollte, ohne dich zu besuchen. Ist das nicht unhöflich und frech von ihm?“, antwortete Sebastian grinsend. „Und das fanden wir sehr unhöflich von ihm. Es ist vielleicht besser, wenn du ihn ruhigstellst. Denn wenn er wieder zu sich kommt, garantieren wir für nichts. Er will unbedingt zu Anne.“
Der Schiffsarzt verstand und nickte bekümmert. „Ich hatte gerade Funkverbindung mit dem Generalsstabsarzt, es sieht nicht gut aus mit unserer Freundin. Sie ist kollabiert. Aber sie sind auch gleich im Lazarett. Ihre Verletzungen sind sehr schlimm“, erzählte der Arzt leise. Er drehte Andreas zurück auf den Rücken, band ihm den Oberarm ab und stach ihm eine Spritze, die ihm der Sanitäter reichte, in die Armbeuge. Danach schnitt er die Fesseln durch und begann, die vielen kleinen und großen, tiefen Wunden des Mannes zu versorgen.
Die vier US-Navy-SEALs halfen in der Zwischenzeit Jens und Sebastian aus ihren Anzügen. Pitt brauchte nur sein zerrissenes Shirt auszuziehen. Bereitwillig ließen sich die drei Männer von den anderen Ärzten, die mit in dem Raum waren, behandeln.
„Tom“, sagte Sebastian, während eine seiner Wunden am Arm genäht wurde. „Ich war mit zwei deiner Leute in der Höhle. Sie wissen, wo der Eingang ist. Seht zu, dass ihr mit den ägyptischen Tauchern das Anthrax da rausholt und in Sicherheit bringt. Anne soll nicht umsonst ihr Leben riskiert haben. Hol dir für deine anderen fünf Jungs Tauchequipment vom Marineschnellboot. Die Jungs geben es sicher gerne.“
„Rede mit Oberstleutnant Kebier ob ihr das Zeug erst einmal auf seinem Boot sicherstellen könnt. Aber befördert es in geschlossenen Boxen, damit bei dem Seegang nicht so eine Glaskapsel abhauen kann oder gar zerbricht. Da unten ist es nicht mehr sicher, wie wir nun wissen“, erklärte Jens, der gerade einen Verband verpasst bekam.
Sebastians Frau Kim kam in den Behandlungsraum gestürmt. Sie schaute erst ihren Mann und dann ihre Freunde genau an.
„Na, ihr seht ja vielleicht wieder scheiße aus!“, stellte sie trocken fest, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass es den Männern den Umständen entsprechend doch recht gut ging.
„Oh, danke mein Schatz für die aufbauenden Worte. Ich liebe dich auch“, gab Sebastian lächelnd zurück.
„Was ist mit Andy?“, wollte sie dann wissen.
„Der pennt. Mohammed hat ihn vorsichtshalber ins Reich der Träume geschickt“, antwortete Pitt.
„Das ist gut. Dann hört er nicht, was ich zu sagen habe, und rastet deshalb auch nicht gleich wieder aus. Ich habe gerade kurz mit dem Doc sprechen können. Anne geht es immer schlechter. Ihr Kreislauf ist zusammengebrochen und Abdul bekommt sie noch nicht wieder stabilisiert.“
„Wie lange brauchen sie noch bis zum Lazarett?“, fragte Jens besorgt. Kim schaute auf ihre Uhr.
„Jetzt noch rund fünf Minuten. Aber der Doc glaubt, dass die Blutkonserven nicht für sie reichen werden die sie im Lazarett haben. Er hat mir aber nicht gesagt, um welche Blutgruppe es sich handelt, er hatte keine Zeit mehr, musste sich wieder um Anne kümmern“, gab Kim zurück.
„Jungs, wisst ihr vielleicht, welche Blutgruppe Anne hat? Andy können wir ja gerade nicht fragen“, wandte Jens sich an Pitt und Sebastian.
„Soweit ich weiß“, begann Sebastian, „hat sie A negativ. Hat aber leider keiner von uns“, stellte er traurig fest.
„Doch“, mischte sich Tom ein, der dem Gespräch aufmerksam gefolgt war, „mein Stellvertreter, Lieutenant Junior Grade, Max Simpsen, und ich. Wir stellen uns natürlich sofort zur Verfügung.“
Ohne darauf zu achten, wie weit die Ärzte mit der Versorgung ihrer Wunden waren, sprangen die drei Freunde auf und rannten gemeinsam aus dem Raum.
„Kommen Sie und Max mit!“, rief Jens, schon den langen Gang zum Funkraum entlang laufend.
Lieutenant Junior Grade Simpsen stand mit dem Rest der Gruppe von SEALs draußen vor der Tür. Lieutenant Cater befahl seinem Stellvertreter, ihm zu folgen. Und schon liefen sie den drei Männern hinterher.
Im kleinen Funkraum angekommen, machte der Soldat sofort Platz. Pitt setzte sich vor das Gerät und rief den Hubschrauber, der sich bereits im Landeanflug auf den Hof des Lazarettes befand. „Gerhard, hier ist Pitt. Gib uns bitte mal den Doc“, sprach er so ruhig wie möglich ins Mikrofon der Funkanlage. Ein kurzes Knacken war zu hören, dann meldete sich Abdul Mechier.
„Wir haben hier zwei Spender für Anne“, erklärte Pitt. „Wie schnell brauchst du sie?“
„So schnell wie nur möglich!“, schrie der Arzt zurück. „Wir haben nicht mehr viel Zeit!“
„Gerhard, kannst du mich hören?“, rief nun Jens in das Mikrofon.
„Klar und deutlich“, meldete sich der alte Bundeswehrpilot und Fluglehrer.
„Wenn du Anne mit dem Doc abgesetzt hast, dann bewege deinen Arsch schnell wieder hier her, um die zwei Jungs und Andy aufzunehmen.“
„Roger, bin schon unterwegs“, antwortete er und konzentrierte sich dabei darauf, den Hubschrauber sacht und so nahe wie möglich am Eingang des Lazarettes aufzusetzen. Zwei Minuten später startete er wieder, zog die Maschine in einem engen Bogen in Richtung Süden und schoss davon.
„Ihr habt es gehört, Jungs“, wandte sich Jens an die Männer. „Wenn Mohammed Andy grob verarztet und verbunden hat, verschnüren wir ihn zu einem handlichen, wasserdichten Päckchen. Ich will, dass er in die Röhre geschoben wird, noch bevor er wieder munter ist. Wenn seine eh geschädigte Wirbelsäule doch wieder einen Knacks bekommen hat, ist er dann wenigstens gleich fest fixiert und kann sich nicht mit einer dummen Bewegung wieder in den Rollstuhl befördert.“ Pitt und Sebastian nickten Jens zu. Auf dem Rückweg in den Behandlungsraum erzählten sie den beiden SEALs von der Schädigung der Wirbelsäule ihres Freundes. Die er sich bei einem gefährlichen Einsatz, durch eine Schussverletzung zugezogen hatte, aber trotzdem noch über Wochen an weiteren Kampfhandlungen unter starken Schmerzen teilgenommen hatte und das, ohne sich die Schmerzen anmerken zu lassen oder etwas zu sagen.
„Auch jetzt hat er diese Schmerzen noch. Er ignoriert sie nur so lange, bis es nicht mehr geht. Dann spritzt er sich heimlich“, erklärte Sebastian.
Pitt nickte zustimmend. „Wir wissen es, aber lassen uns nichts anmerken.“
„Ich weiß von einer Verletzung und dass er danach einige Zeit im Rollstuhl saß. Wir haben den Bericht gelesen“, sagte Cater. „Nur wussten wir nicht, dass diese Verletzung so schwerwiegend war und unreparabel ist.“


17
Während Pitt, Sebastian und Jens ihren Freund fachgerecht stabil und sicher auf einer Trage verpackten, ließen sich die beiden amerikanischen Elitesoldaten schon das erste Blut abzapfen, damit es sofort nach der Landung für Anne zur Verfügung stand. Als sie die Rotoren des Hubschraubers in der Ferne hörten, brachten sie Andreas vorsichtig aufs Oberdeck.
„Warum kommt ihr nicht mit?“, fragte Lieutenant Cater die drei Freunde. „Ihr seid auch ziemlich schwer verletzt.“
„Wir kümmern uns hier mit um das Anthrax“, antwortete Jens laut, gegen den Lärm der nahenden Black Hawk ankämpfend.
„Außerdem muss auch jemand die beiden Motorjachten heimbringen“, ergänzte Sebastian.
Der Hubschrauber mit Gerhard Hartmann am Steuer setzte sanft auf der Hecklandeplattform des Sanitätsschiffs, der ägyptischen Marine auf.
Gemeinsam trugen sie ihren Freund zur seitlichen Schiebetür und schoben ihn sacht in die Maschine, wo sie die Trage zusammen mit Gerhart sicherten. Cater und Simpsen, setzten sich direkt neben die Trage und hielten sie zusätzlich fest. Die Schiebetür wurde geschlossen und der Black Hawk hob sofort wieder Richtung Militärlazarett ab.
Jens setzte sich ans Funkgerät und stellte eine Satellitenverbindung zum Pentagon her, um über die neuesten Ereignisse zu berichten. Dabei erfuhren er und seine Freunde weitere Einzelheiten von dem, was sie, unter anderem auch durch die CIA und das FBI ermittelt hatten. Gemeinsam stimmten sie ihre weiteren Aktionen ab.
Sie waren müde und ausgelaugt, doch noch hatten sie keine Zeit, sich zu erholen. Sie zogen sich die für sie, von den Ägyptern bereitgestellten Sachen über, und setzten mit einem Zodiac zum Marineschnellboot über, wo sie sich mit Oberstleutnant Kebier treffen wollten. Der wartete bereits gemeinsam mit Kim, Hasan und Kasim im Besprechungsraum auf sie.
Sebastian gab seiner Frau einen lieben Kuss und setzte sich neben sie an den großen, runden Tisch.
„Mahmud“, begann Jens, „ich würde mich freuen, wenn du mir Hasan, Kasim und drei weitere deiner Männer geben könntest, damit sie Kim und die beiden Jachten, unter ihrem Schutz, nach Hurghada zurückbringen. Ich möchte sichergehen, dass Kim heil dort ankommt. Sie sollen dann bitte auch den Schutz der Kinder und Annes Eltern übernehmen. Ich möchte auch dort auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Die Vergangenheit hat uns das schon gelehrt. Das Beste wäre, Kim mit in den Palast zu bringen. Die Kinder und die Kemps sind schon dort.“
Oberstleutnant versicherte ihm zusätzlich, drei seiner besten Männer abzustellen. „Wann sollen sie starten?“, wollte er dann noch wissen.
„Sobald wie möglich. Wenn sie ein Stück weg sind, müssen wir uns um das Anthrax kümmern. Du hast gesehen, da unten ist es doch nicht so sicher, wie wir dachten.
Es gibt dabei nur einen kleinen Haken. Ich wurde gerade darüber informiert, dass weitere Gruppen scharf darauf geworden sind. Irgendwie haben sie davon Wind bekommen und jetzt gibt es einen Wettlauf um das Zeug. Und das von sich eigentlich gegenseitig bekämpfenden Terrorgruppen. Fanatische Amerikaner, die, so wie es derzeit aussieht, Selbstjustiz wegen persönlicher, familiärer Opfer des Anschlags auf das World Trade Center üben wollen und einen Rachefeldzug gegen alle Moslems angetreten haben. Und da elf der neunzehn Terroristen Saudi-Araber waren, haben sie sich als Erstes dieses Land ausgesucht. Dabei glauben sie, wenn sie als Deutsche auftreten, weil sie wohl welche von ihnen nicht leiden können, würde es ihnen helfen. Sie wollen damit erreichen, dass sich der Terrorismus von ihrem Land abwendet und sich auf uns Deutsche stürzt. Sie meinen, so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ja, und auf der Gegenseite steht eine islamisch-fundamentalistische Terroristengruppe, die es auf alle Ungläubigen abgesehen hat. Sprich, wir stehen zwischen zwei Fronten und müssen sehen, dass weder die eine noch die andere Gruppe erfolgreich ist. Damit keine unschuldigen Menschen durch das Anthrax sterben müssen. Alle drei Länder, deren Vertreter wir hier sind, sind also betroffen und in die Pflicht genommen.“
„Na klasse“, meinte Pitt. „Da haben wir ja wohl voll den Zonk gezogen und sitzen auf einem Pulverfass. Hast du vielleicht sonst noch eine Überraschung für uns?“
„Ja, jetzt, wo du fragst. … Ich habe Hunger. Mit leerem Magen lässt es sich schlecht denken und arbeiten.“
Gemeinsam gingen sie in die Messe, um etwas zu frühstücken. Dabei überlegten und besprachen sie, wie sie weiter vorgehen wollten, um das Anthrax vor beiden Gruppen zu sichern, bis es in die USA zurücktransportiert und dort vernichtet werden konnte.
Nach dem Frühstück verabschiedeten sich die Freunde von Kim. Sebastian nahm seine Frau noch einmal in den Arm und küsste sie zärtlich. „Schatz, pass auf dich auf und bring die Boote sicher heim. Die Jungs werden sehr gut auf dich achten. Du musst keine Angst haben“, sagte er leise und begleitete sie noch mit Kasim und Hasan bis zur Tür.
„Pass du lieber auf dich und unsere Freunde auf.“ Sie drückte ihren Mann noch einmal herzlich zum Abschied.
„Jungs, bewaffnet euch bis an die Zähne und lasst keinen an Kim ran. Beschützt sie mit allem, was ihr habt.“
„Versprochen, Sebi. Wir bringen sie heil heim und bleiben bei ihr und den Kindern, bis alles vorbei ist“, antwortete Hasan, und die beiden ägyptischen Freunde nahmen Kim, bei der kurzen Überfahrt zur Jacht, in die Mitte.

„Okay, dann krempeln wir mal die Ärmel hoch und fangen an“, sagte er auf Englisch und grinste in die Runde, während er sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte.
„Das Sanitätsschiff der Marine sollte sich etwas zurückziehen, damit es nicht direkt in die Schusslinie gerät, aber dennoch schnell da sein, sollten wir es brauchen“, schlug Pitt vor.
„Ich beordere Küstenschutzboote hier in die Gegend und sorge für eine ständige Luftüberwachung“, informierte Oberstleutnant Kebier.
„Und hier in der Nähe an Land wäre auch eine Einsatztruppe gut, die das Gebiet absperrt und sichert. Wie wir erlebt haben, kommen sie auch auf diesem Weg“, ergänzte einer der US-Navy-SEALs.
„Genau. Und wir holen alle gemeinsam das Zeug hoch und sehen zu, dass es hier so sicher ist wie in Abrahams Schoß, bis wir es wegbringen können“, fügte Pitt hinzu.
Jens entschloss sich dazu, nochmals diesen Roger Lampers, gemeinsam mit seinem Freund Oberstleutnant Kebier vorzunehmen, um vielleicht noch etwas über seine Gruppe, weitere Maßnahmen und ihre Ausrüstung in Erfahrung zu bringen. Danach wollte er sich ein oder zwei andere der Gefangenen vorknöpfen. Das konnte nicht schaden. Vielleicht bekamen sie so noch an zusätzliche Informationen. Wer weiß das schon.
In der Zwischenzeit sollten sich die Männer, die so lange getaucht waren, erst einmal ausruhen und richtig entsättigen, ehe sie wieder runter konnten, um die Kisten mit dem biologischen Kampfstoff sicher zu bergen. Matrosen des Marineschnellbootes übernahmen so lange die Überwachung des Gebietes.

Pitt und Sebastian nutzten die Zeit, bevor sie sich etwas hinlegten, um sich neues Tauchequipment zu besorgen, es zu überprüfen und komplett angeschlossen bereitzustellen. Die beiden US-Navy-SEALs, die sich ohne ihr Equipment direkt auf die Jacht abgeseilt hatten, kontrollierten ebenfalls ihre Geräte, ob diese noch in Ordnung waren.
Ägyptische Marinesoldaten hatten es aufs Schiff gebracht, als sie die Leichname der beiden Piloten geborgen hatten. Auch die drei SEALs, die mitgetaucht waren, brachten erst ihr Equipment in Ordnung und stellten es, neben die schon fertig gepackten Tauchgeräte der ägyptischen Marinetaucher.
Das war für sie wichtiger als ein paar Minuten mehr Ruhe. Die sieben Männer verzogen sich dann in einen kleinen Gemeinschaftsraum, den die Matrosen für sie geräumt und als Schlafunterkunft zurechtgemacht hatten. Müde legten sich die Männer in die Doppelstockbetten und unterhielten sich noch etwas auf Englisch miteinander.
„Wir können auch Deutsch sprechen“, sagte plötzlich Tim, ein kleiner, braun gebrannter Texaner. „Wir verstehen alle eure Sprache, wenn wir sie auch nicht alle so gut sprechen, wie ihr Englisch und Arabisch.“
Interessiert beobachteten die SEALs jeden von Sebastians Handgriffen. Wie er auf den Suttel-Lock am unteren Ende des Schafts seiner Prothese mit einem leisen Klickgeräusch drückte und sich erleichtert aufstöhnend die Unterschenkelprothese abzog. Sie einfach neben das Bett stellte und dann den Silikon-Liner mit dem Titan-Pin vom Beinstumpf rollte, um endlich etwas Luft heranzulassen.
Er lachte laut auf: „Wow. Da müssen wir uns ja nun mit unserer Wortwahl zurückhalten, damit ihr keinen schlechten Eindruck von uns bekommt.“
„Das ist schon zu spät.“, meinte Jack, der aus New York stammte, lachend. Dann aber wurde er ernst und lehnte sich über den Rand des oberen Bettes, auf dem er lag. „Wollt ihr wirklich nachher mit uns runtertauchen? Eure Verletzungen sind nicht ohne. Die sind erst frisch genäht.“
„Ja, und? Dafür gibt es doch wasserdichte Pflaster. Oder geht ihr wegen ein paar Kratzern nicht wieder in den Einsatz, wenn es Not tut?“, fragte Pitt. Eigentlich kannte er die Antwort darauf.
„Wenn es uns nicht von einem Arzt oder Vorgesetzten verboten wird, was meist, nein, bisher eigentlich immer der Fall war, dann glaube ich, schon“, gab der Seal zu. „Aber ihr seid doch eigentlich hochrangige Reservisten und zurzeit außer Dienst. Also müsst ihr das nicht tun.“
„Heißt es bei euch nicht, einmal SEAL, immer SEAL?
Junge, wir sind nicht einfache Reservisten, sondern wir besitzen den Sonderstatus einer Spezialgruppe. Das ist ein kleiner Unterschied. Aber du hast recht. Wir müssten nicht, denn wir wurden eigentlich noch nicht aktiviert. Das ist aber auch nicht nötig, denn wir tun es aus Überzeugung, weil es für eine gute und wichtige Sache ist. Wir haben etwas gegen Fanatiker, die unschuldige Menschen, egal welchen Glaubens, welcher Hautfarbe oder Nationalität sie auch sind, unterdrücken, foltern oder umbringen wollen. Außerdem: Einmal Kampfschwimmer, immer Kampfschwimmer“, erklärte Pitt.
„Das war eine klare Ansage“, meinte William, ein Afroamerikaner. „Ihr seid hervorragende Kämpfer. Aber was eure Anne geleistet hat, war schon erstaunlich. Welchen Dienstrang hat sie?“
„Gar keinen“, antworteten Pitt und Sebastian gleichzeitig. Die fünf Elitesoldaten richteten sich in ihren Betten auf und schauten die beiden Männer erstaunt an.
„Wie … gar keinen? Sie muss doch aber eine Kampfausbildung haben.“
„Dann habt ihr die Berichte nicht richtig gelesen. Anne ist eine ganz normale Frau ohne jegliche Kampfausbildung. Sie ist hier in Ägypten Tauchlehrerin. Und unsere Freundin, ebenso wie meine Frau Kim. Na ja, zufällig ist sie mit Fregattenkapitän Andreas Wildner verheiratet, wenn das dafür etwas zählt. Aber couragiert war sie auch schon, bevor sie sich begegnet sind. Es hat sich nur noch etwas gesteigert. Sie hat sehr viel erlebt und durchgemacht, als sie vor ungefähr drei Jahren entführt werden sollte, um als Druckmittel gegen ihren Vater, der zu der Zeit noch oberster Richter war, benutzt zu werden. Zu der Zeit haben sich Anne und Andy auch kennen und lieben gelernt. Wir gehören alle zusammen und bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, auch mit den anderen Kameraden unserer ehemaligen Spezialeinheit“, erzählte Sebastian.
Mit großen Augen und offenen Ohren lauschten die fünf Männer Sebastians Erzählung.
„Aber diese zierliche, kleine Frau, die noch so geschwächt von ihren schweren Verletzungen war und verbissen auf dem Boot mit gekämpft hatte, ist alleine in der Nacht, nur mit ihrem Messer, da runtergetaucht und hat die zwei Kerle erledigt, die unsere beiden gut ausgebildeten Kameraden eiskalt gemacht haben“, sagte William, noch immer ganz beeindruckt. „Das waren doch ausgebildete Killer und sie war ganz alleine.“
„Und sie bezahlt einen sehr hohen Preis dafür“, entgegnete Pitt leise mit tonloser Stimme. „Aber ich weiß auch, würde sie noch einmal in solch eine Situation kommen, würde sie sich genau so entscheiden und auch wieder genau so handeln. Da bin ich mir ganz sicher.“
„Sie ist wie ihr. Das bewundern wir“, meldete sich David, der mit ihnen getaucht war, und fragte bedrückt: „Wie mag es ihr jetzt gerade gehen?“
Die Männer legten sich zurück auf ihre Betten und dachten betroffen und voller Sorge an Anne und ihren Mann, Fregattenkapitän Andreas Wildner.

Drei Stunden später saßen Sebastian und Pitt auf dem Bettrand und klebten sich gegenseitig die wasserdichten Pflaster auf die frisch genähten Wunden. Dann schnitten sie sich aus einem schwarzen, dünnen Material, einer Art Latexschlauch, Manschetten für die Verletzungen an ihren Unterarmen zurecht und zogen sie sich über die Verbände, um sie auf diese Weise beim Tauchen trockenzuhalten.
Sebastian hatte wieder den Liner über den Beinstumpf gerollt, die Prothese durch leichten Druck, mit dem Pin verbunden und testete den Halt, während er etwas fester auftrat. Die jungen SEALs beobachteten die beiden Männer bei ihren Vorbereitungen genau und bewunderten sie. Denn sie wussten, dass sie selbst bei solchen Verletzungen ins Lazarett eingezogen würden, und bestimmt an keinen Einsätzen mehr teilnehmen dürften. Außer im Kriegsfall. Und selbst da, nur, wenn sie ohne mögliche Hilfe absolut auf sich allein gestellt wären. Ansonsten würde ein Hubschrauber oder ein anderes Transportmittel gerufen und der Verletzte würde sofort in ein Lazarett abtransportiert. Aber diese Männer und die Frauen, waren ganz anders.
Warum waren sie so anders? Was trieb sie an? Woher nahmen sie diese scheinbar nie endende Energie, Kraft und Hartnäckigkeit? Würden sie mit der Zeit und mehr Einsatzerfahrung, vielleicht auch zu solchen harten Männern mit dieser Willenskraft und Energie werden können? Alles Fragen, die sich die SEALs, die eine wirklich harte Ausbildung hinter sich gebracht hatten, stellten. Die Zeit würde es zeigen.
Als sich die beiden Freunde ihre Shirts überzogen, standen auch sie auf und zogen sich an. Gemeinsam gingen sie zur Schiffsmesse, um sich mit den anderen zu treffen und etwas zu essen.
Während sich Pitt und Sebastian, direkt unter die ägyptischen Marinetaucher mischten, standen die fünf Amerikaner unschlüssig etwas abseits im Raum.
„Nun kommt schon her, Jungs, und setzt euch mit ran. Die Männer beißen nicht. Das ist ein sehr gastfreundliches Volk. Wir verfolgen doch alle das gleiche Ziel“, rief Pitt. „Wir spielen auch gern Dolmetscher für euch. Außerdem können hier alle ein wenig Englisch.“
Die Männer rutschten etwas zusammen, sodass die fünf sich mit dazu setzen konnten. Schnell entstanden viele interessante Gespräche, ohne dass davon einer ausgeschlossen wurde. Und es wurde dabei herzlich und viel gelacht.
Als Jens den Raum betrat, drehten sich alle zu ihm um. Er sah müde aus. Die Männer entdeckten an seinen Unterarmen ebensolche Manschetten, wie sie Pitt und Sebastian trugen. Damit war klar, dass auch er vorhatte, mit runterzugehen.
„Du siehst scheiße aus“, stellte Pitt fest. „Willst du nachher wirklich mit uns runter? Du hast doch die ganze Zeit gearbeitet und im Verhörraum gesessen.“
„Ja, ich gehe mit runter. Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Wir haben da nämlich noch einen Zusatzjob zu erledigen, wie Mahmud und ich beim Verhör herausgefunden haben. Wir haben die Kerle ausgequetscht wie Zitronen. Mahmud wird dann seine Leute getrennt darüber informieren und ich unsere amerikanischen Freunde und euch. Aber beim Einsatz bilden wir dann ein Team. Wir wollen damit vorbeugen, dass etwas nicht richtig oder gar falsch verstanden werden könnte. Außerdem will ich es nicht in zwei Sprachen runterrasseln müssen, da unsere neuen Freunde ja leider kein Arabisch verstehen“, antwortete Jens, und grinste übers ganze Gesicht. Er zog sich einen Stuhl ran und drängte sich damit ganz selbstverständlich zwischen zwei Ägypter und sprach weiter: „Aber bevor ich hier noch was sage, brauche ich erst mal was zu essen.“ Er nahm sich ein Fladenbrot, riss es auf, und füllte es mit einem Gemüsesalat, der mit Ziegenkäse und Knoblauchsoße angerichtet war. Und füllte sich den Teller mit den angebotenen Köstlichkeiten bis zum Rand. Geduldig warteten die Männer, dass Jens endlich aufgegessen hatte. In der Zwischenzeit tranken sie ihr Wasser.
Oberstleutnant Kebier betrat die Mannschaftsmesse. Sofort schossen die ägyptischen Marinesoldaten von ihren Stühlen hoch und standen stramm. Vorsichtshalber taten es die SEALs ihnen gleich.
Jens ging auf Mahmud zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Bleibe du mit deinen Männern hier. Wir verziehen uns in den Besprechungsraum. In einer halben Stunde treffen wir uns an Deck.“
Mahmud Kebier nickte ihm zu. Ließ seine Männer rühren und setzte sich zu ihnen.
„Kommt, Jungs. Wir ziehen um“, sagte Jens, schnappte sich noch eine große Flasche Wasser vom Tisch und verschwand mit seinen Leuten in den Besprechungsraum.
„Was hast du aus den Kerlen rausgequetscht und dir dann in deinem kranken Hirn zusammengesponnen?“, wollte Pitt wissen.
Als Jens auf Englisch zu berichten begann, unterbrach ihn Sebastian sofort: „Gib dir keine Mühe, die Jungs können alle Deutsch.“ Er setzte sich rücklings auf einen Stuhl, legte die Arme auf die Rückenlehne und stützte seinen Kopf, wie gelangweilt, darauf. „Wir warten. Was hast du für uns?“
„Das ist gut, da hauen wir dann unter Wasser wenigstens nicht die drei Sprachen durcheinander, sondern konzentrieren uns darauf, zwischen Arabisch und Deutsch zu vermitteln. Da gibt es weniger Missverständnisse, da nicht alle unserer Freunde wirklich so gut Englisch sprechen“, begann Jens und berichtete: „Ein Vöglein hat uns gezwitschert, dass es in dem Riff da vor uns noch zwei weitere Höhlen geben soll, die kräftig von den Herren frequentiert werden. Wir wussten nichts von ihren Höhlen, aber die auch nicht so richtig was von unserer, obwohl sie da schon mal was, wegen des Schatzfundes, gehört hatten.
Eigentlich war es nur ein Missverständnis, dass die ‚Al Salam‘ von ihnen angegriffen wurde. Die wussten absolut nichts von dem Anthrax. Die dachten, ihr würdet dort herumschnüffeln, weil ihr vielleicht irgendetwas beobachtet hättet. Also, dumm gelaufen. Ihr wart nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
Außerdem gehörten einige der Herren zu einer Splittergruppe der Kerle, die wir vor drei Jahren aufgerieben hatten. Und weil sie so viel Spaß am Stunkmachen und Kriegspielen hatten, haben sie sich neu formiert und dieser neuen Gruppe angeschlossen.
„Wir müssen die anderen Höhlen unbedingt finden und mal einen Blick hineinwerfen. Ich habe so das dumme Gefühl, dass wir da vielleicht neckische Spielsachen drin finden könnten.“ Andreas kratzte sich nachdenklich am Kinn.
„Aber das Riff zieht sich auf einer Länge von zwei Kilometern hin. Weißt du wenigstens, auf welcher Seite die Eingänge sein sollen und in welcher Tiefe? Wir haben hier auch ein Drop-Off, das sich zwischen einer Tiefe von sechzig bis fast neunzig Metern zieht und das zu beiden Seiten, fast um das halbe Riff rum. Selbst gut ein Drittel des Riffdach liegt über der Wasseroberfläche. Wo bitteschön sollen wir da anfangen zu suchen?“, gab Sebastian zu bedenken.
„Ja, und damit kommen wir zum nächsten Problem. Das wussten die Kerlchen nämlich auch nicht, weil dafür eine andere Gruppe von ihnen zuständig ist. Sie hatten auch nur davon gehört. Sie sollten nur die Koordinaten anfahren, um, was auch immer, an dieser Stelle im Meer zu versenken. Laut ihren Angaben sehr schwere, wasserdicht versiegelte Behälter und Kisten.
Die Kerle, die Anne erledigt haben, gehörten übrigens nicht zu denen von den Booten. Ich vermute mal ganz stark, dass die Gruppen absichtlich ihre Befehle getrennt erhalten und nicht wirklich viel voneinander wissen. Sozusagen waren die von den Booten das Transportunternehmen und die anderen beiden vielleicht eine Art Objektschutz. Nur stehen uns die nicht zur Verfügung. Na ja, der eine von ihnen vielleicht später, oder aber auch nicht. Da müssen wir abwarten. Vielleicht bekommen die Ärzte den wieder hin. Ich würde aber nicht darauf wetten.
Oh ja, und übrigens: Die Gruppe oder besser gesagt Organisation nennt sich ‚New Kingdom‘, also zu Deutsch ‚Neues Reich‘, und die benutzen ‚nine-eleven‘ auch nur als Deckmantel. Was die Religionsrichtung betrifft, da scheiden sich die Geister. Es scheint sich eher um einen geballten Rundumschlag nach allen Seiten zuhandeln. Haltet mich für paranoid, aber klingt ‚Neues Reich‘ nicht auch ein bisschen nach ‚Drittem Reich‘? Wieder solche Irren, die die Weltherrschaft anstreben?
Und damit es euch nicht langweilig wird“, sagte Jens. Unterbrach sich kurz, um einen Schluck Wasser zu trinken. „Wir müssen erst das Anthrax rausholen und danach schnellstmöglich die Höhlen finden, da mit dessen Inhalt ein Angriff laut deren Aussagen hier auf Ägypten, zeitgleich auf Saudi-Arabien und andere Staaten geplant sein soll.“ Dann wandte er sich direkt an die fünf SEALs: „Und damit ihr auch noch mit ins Spiel kommt, Jungs. Ein Teil von dem Zeug soll aus US-Army- und Navy-Beständen geklaut worden sein.“ Wieder trank er einen Schluck Wasser, bevor er weitersprach. „Und was mein krankes Hirn anbelangt, so hat es sich ausgedacht, dass wir die Höhlen suchen und finden. Alles fein säuberlich leer räumen und auskehren, damit wir sie besenrein übergeben können. Wir schaffen das Spielzeug hier aus der Schusslinie, bevor sie etwas davon mitbekommen. Dann warten wir geduldig auf die dreisten Mieter, die tatsächlich glauben, direkt vor unserer Nase, aus der Wohnung die Möbel rausholen zu können. Die wollen uns alle für dumm verkaufen und dann offen über unsere Blödheit lachen. Nur wisst ihr, Jungs, dass die mich da an einer ganz empfindlichen Stelle kitzeln und ich darauf sehr allergisch reagiere.“
„Wir auch. Also, wie sehen die Einzelheiten des Plans aus?“, wollte Pitt, schon sehr gespannt, wissen.
„Es gibt keinen genauen Plan. Wir müssen improvisieren, so wie meistens. Da wir nicht den geringsten Schimmer haben, was wir in den Höhlen vorfinden, wenn wir sie überhaupt finden. Sonst müssen wir uns wohl von den netten Herren hinführen lassen, was aber verdammt schiefgehen könnte. Doch wir kennen unser Ziel und sehen zu, dass wir es erreichen.“
„Warum überrascht mich das jetzt nicht?“, fragte Sebastian. „Sind wir bei der Aktion wenigstens untereinander mit den anderen Gruppen verbunden? Hat Mahmud so viele von den Vollgesichtsmasken mit Funk?“
„Ja, uns stehen, die uns bekannten, modernen Vollgesichtsmasken zur Verfügung. Heute tauchen wir alle zusammen. Aber morgen, sollten wir heute keinen Erfolg haben, dann in drei Staffeln nacheinander. Nachts übernimmt die Küstenwache den gesamten Abschnitt und hält die Augen auch von oben aus offen. Gibt es noch Fragen? … Gut, dann gehen wir jetzt mal und spielen Ostereiersuchen. Wir haben Planquadrate eingeteilt. Von da aus arbeiten die Männer, im Abstand von vier Metern Tiefe parallel am Riff, vorwärts. Die Taucher der einzelnen Gruppe wechseln sich dabei in Kette ab, damit keiner in die Nullzeiten kommt. Wir nehmen uns die Südseite als Erstes vor.“
Als sie im großen Equipmentraum des Schiffes eintrafen, waren die ägyptischen Kameraden bereits beim Anziehen ihrer Anzüge.
„Wie sind die Funkverbindungen geklärt?“, wollte Pitt wissen, während er seinen Neoprenanzug überzog.
„Die einzelnen Gruppen separat untereinander und die Gruppenführer zusätzlich zueinander. Wir acht sind eine Gruppe, denn wir räumen erst das Anthrax raus und haben dann den ersten Abschnitt mit dem Drop-Off erwischt“, erklärte Jens und warf sich das Jackett mit einer Fünfzehn-Liter-Stahlflasche auf den Rücken.
„Den zweiten Teil hättest du weglassen können. Das haben wir schon in deinen Augen gelesen und hätten nichts anderes von dir erwartet“, meinte Sebastian und grinste seinen Freund breit an.
„Wir wissen, dass du auf das Extravagante mit Nervenkitzel stehst. Alles andere wäre auch zu einfach und langweilig gewesen“, ergänzte Pitt, während er noch einmal checkte, dass sein Atemregler funktionierte und die Pressluftflasche prall mit 230 bar gefüllt war.
Nacheinander brachten die vier Zodiacs die einzelnen Gruppen zum Riff an ihren Einsatzort.


18
Die Sonne stand im Zenit. Der frische Nordwind sorgte für erträgliche Temperaturen. Der Wellengang hatte zum späten Mittag noch zugelegt.
Das sah allerdings keiner der Kameraden auf dem Marineboot gern. Vor allem die Männer um Jens Arend würden mit den rauen Elementen zu kämpfen haben. Es würde die Bergung der Behälter mit dem gefährlichen Kampfstoff wesentlich erschweren, sobald sie damit an die Wasseroberfläche kamen.
Sie luden Gitterboxen in den Zodiac, der wild auf den Wellen schaukelte, und sprangen dann selbst mit hinein. Die Taucher wussten, dass die beiden Matrosen auf ihrem Zodiac, bei dem Wellengang, Schwerstarbeit zu leisten hatten. Denn sie mussten so gut, wie möglich auf einer Stelle bleiben, bis die Männer die Kisten aus der Höhle transportiert und in die Gitterboxen verladen hatten, damit die Ladung dann hochgezogen und an Bord gehievt werden konnte. Danach mussten sie damit heil bis zum Marineschiff kommen, um die gefährliche Fracht abzuliefern. Kein Zuckerschlecken. Eine gemütliche Bootsfahrt sah anders aus.
Als das Schlauchboot am Riffdach angekommen war, dirigierte es Jens an die ungefähre Stelle, wo sich darunter der Höhleneingang befinden müsste.
Die acht Männer ließen sich rücklings ins Wasser fallen und übernahmen die an Seilen befestigten Gitterboxen. Bereits jetzt hatten sie gegen Wellen und Strömung zu kämpfen, die laut Wetterbericht, im Laufe des Nachmittags noch stärker werden sollten.
„Okay, beeilen wir uns mal etwas, damit die Jungs da oben nicht seekrank werden“, sagte Jens über Funk, während sie mit den drei Boxen zum Höhleneingang abtauchten.
„Oh, ich freue mich schon so darauf, bald Andys Klamotten zu bekommen, die er als Auspolsterung zwischen die Glaspatronen gesteckt hat. Er wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich mir da paar von ihm ausleihe. Ich erwische auf dem Schiff immer nur Sachen, die zu klein für mich sind. Da ist nun mal keiner der Jungs so groß wie Andy und ich“, erklärte Pitt als sie den Höhleneingang erreicht hatten.
„Wieso? Sahst doch heute richtig sexy aus mit den Hochwasserhosen“, gab Jens zurück. „Da bin ich mit meinen wenigstens nicht so aufgefallen.“
„Dafür sieht es aber jetzt lustig aus, dass dir der Neoprenanzug nur bis knapp unter die Knie und die Ellenbogen reicht.“ Sebastians markantes Lachen klang bei den anderen laut aus den Ohrhörern.
„Warum? Ich dachte, das ist der neuste Modeschrei. Ihr seid nur nicht auf dem Laufenden, ihr Modemuffel“, wehrte sich Jens.
Die SEALs mussten über den Dialog lachen. Denn für Jens mit einer Größe von 1,89 m und Pitt mit seinen 1,93 m hatten die doch etwas kleineren ägyptischen Marins keinen wirklich passenden Tauchanzug an Bord ihres Schiffes.
Pitt war froh, dass er sich geistesgegenwärtig noch schnell den Zweitanzug von Andreas gegriffen hatte, bevor Kim mit der Jacht aufgebrochen war. Die drei Zentimeter, die er kleiner war als Andreas, spielten da keine Rolle.
Die Acht schlängelten sich durch den schmalen Eingang und folgten dem Verlauf des gewundenen Ganges, bis sie die große Höhle erreicht hatten. Neugierig schauten sich die SEALs darin um.
„Houston, wir haben ein Problem“, war von Pitt über Funk zu hören, als er die riesige Moräne mit seiner Unterwasserlampe anleuchtete. Die Bewohnerin der Höhle, eine ausgewachsene Riesenmoräne, ein wirklich kräftiges und langes Exemplar, hatte es sich ausgerechnet auf den Kisten mit dem Anthrax bequem gemacht. Sie lag der Länge nach darauf. Den Rest ihres muskulösen Körpers hatte sie dabei sogar noch in einem Felsspalt versteckt.
„Scheiße. Jetzt wäre es gut, Andy hier zu haben“, meinte Sebastian.
Von Jens kam nur ein: „Stimmt.“
„Warum müsste Andreas da sein?“, fragte Jack. „Wir brauchen das Vieh doch bloß zu verscheuchen. Wenn es nicht will, kitzeln wir es mit dem Messer.“
„So einfach ist es nicht“, erklärte Sebastian. „Schon mal von so ’nem Jonny angegriffen und gebissen worden? Nicht schön, sag ich dir. Davon hättest du für immer was.
Das ist eine alte, erfahrene Riesenmoräne. Die lässt sich keine Angst machen. Und wenn wir sie mit dem Messer kitzeln, spielt sie verrückt, und bei der Kraft, die dieses Tierchen hat, würden etliche Glasröhren entzwei gehen. Das können wir nicht riskieren. Und die Frage wegen Andy. Der Mann hat hier eine ganze Herde wilder Delfine als gute Freunde und kommt irgendwie auch mit solchen riesigen Monstern, großen Schildkröten und anderen Wassertieren zurecht. Wie er das macht, weiß keiner von uns. Aber es funktioniert.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Jens. „Wir können nicht warten, bis unser Gustav vom Rumliegen die Nase voll hat.“
„Ja, ihr hättet mich mal lieber nicht so brutal auf die Bretter schicken sollen. Dann hättet ihr jetzt das Problem nicht“, hörten die Männer über den Funk ihrer Maske. Sie drehten sich um. Doch außer ihnen war niemand sonst in der Höhle.
„Schneeeule, bist du das? Wo steckst du?“, fragte Pitt unsicher.
„Euretwegen hat mich der Doc wieder wie ein Nadelkissen behandelt und ich musste mit Engelszungen reden, dass er mich wieder rauslässt. Ich habe uns hergeflogen. Gerhard ist noch dort geblieben, er war zu müde. Sprich: Ich habe die Mühle hier quasi vor der Haustür geparkt“, war wieder die Stimme, mit lautem Atemgeräusch im Hintergrund, zu hören. „Aber auf der anderen Seite war ich dadurch auch schnell bei Anne, wofür ich euch wiederum danken muss. Ebenso für die Klasse Reaktion, die beiden Blutspender aufzutreiben und gleich mitzuschicken. Danke, Jungs. Also will ich mal nicht so sein. Ich bin kurz vorm Höhleneingang und gleich bei euch“, hörten sie wieder die Stimme ihres Freundes. Kurz darauf tauchte er auch schon in den großen Höhlenraum. Als sich die Männer begrüßten, erklärte Andreas, dass die beiden Blutspender noch an der Nadel hingen und die anderen drei SEALs von Mahmud zu einem anderen Team eingeteilt wurden, die perfekt Englisch sprachen. Dann schaute er zu den Kisten. Als er die Riesenmoräne sah, begannen seine stahlblauen Augen zu leuchten. Langsam tauchte er seitlich auf den Kopf der Moräne zu.
Dabei bemerkten seine drei Freunde, dass er sich anders als sonst bewegte. Besorgt sahen sie sich an.
„Andy, mit dir stimmt doch etwas nicht?“, fragte Jens vorsichtig. „Hat dich Abdul wirklich entlassen?“
„Was ist nun? Willst du Gustav hier runterhaben oder mit mir diskutieren?“, gab Andreas trotzig zurück, um von dieser Frage abzulenken. Die Freunde hatten verstanden. Aber keiner sagte in dem Moment noch einen Ton.
Als Andreas an den Kisten angekommen war, ließ er sich langsam auf die Knie sinken und holte mit ebenso langsamen Bewegungen seine Handschuhe aus der Tasche und zog sie sich über. „Haltet die Lampen runter, ihr blendet doch das arme Tier.“
Nachdem die Männer ihre Lampen zum Boden gesenkt hatten, streckte Andreas, der Moräne langsam die offene Handfläche seitlich am Maul entgegen.
„Lasst Gustav einen Fluchtweg frei“, flüsterte er in das Mikrofon seiner Maske. Die Taucher drückten sich gegen die Höhlenwand, sodass der Ausgang frei war.
Immer näher kam Andreas mit seiner Hand. Dem Tier wäre es ein Leichtes gewesen, zuzuschnappen. Doch stattdessen wich die Riesenmoräne ein Stück zur Seite aus und entschloss sich dann dazu, lieber ihren Platz zu räumen. Wie in Zeitlupe glitt sie über die Kisten. Andreas legte vorsichtig seine Hand unter ihren Körper und drückte die Moräne geradezu zärtlich streichelnd ein ganzes Stück nach oben, sodass sie keine der Kisten mehr berührte, während sie den Rest ihres Körpers aus dem Felsspalt zog. Gemächlich und ohne jede Angst schlängelte sich das drei Meter lange und 70 Kilogramm schwere Tier durch die Höhle zum Ausgang und verschwand. Deutlich hörte Andreas in seinem Kopfhörer, wie die Männer erleichtert aufatmeten, und lächelte. „So, jetzt könnt ihr das Zeug rausräumen. Aber passt auf, zwei der Leinen haben sich in der Riffwand verfangen, wie ich vorhin gesehen habe. Ihr müsst an den Boxen bleiben und mit hochgehen. Sonst wird das nichts bei dem Wellengang. Also lasst nichts fallen. Tschüss, macht’s fein gut“, sagte Andreas und tauchte schnell durch die Höhle und dann durch den langen Gang zurück ins Freiwasser.
Verdutzt schauten sich die Männer an. Pitt zuckte mit den Schultern und Jens ob in einer unschlüssigen Geste die Hände.
„Wo willst du denn hin?“, wollte Sebastian wissen, als er sah, wie sein Freund einfach wieder verschwand.
„Ich gehe mit Gustav Gassi.“
„Was? ... Was machst du?“, fragte Pitt ungläubig. „Hat dir jetzt einer ins Hirn geschissen, Kleiner? Oder haben dir die zärtlichen Klapse, von Jens und mir geschadet? Komm zurück, du Vollpfosten.“ Er folgte ihm, schwamm schnell zum Ausgang, doch Andreas war nirgends zu sehen.
Dann hörten sie ihn wieder in ihren Kopfhörern: „Bleib geschmeidig, Alter. Schließlich wollt ihr ja nicht über meinen langen, dicken Freund stolpern oder von ihm erschreckt werden, sollte er bemerken, dass es in seinem Höhlengang doch viel gemütlicher ist als hier draußen. Und das Ganze, bevor ihr mit dem Ausräumen fertig seid. Also macht etwas Ballett, Mädels. Gustav wird bestimmt schnell wieder in sein kuscheliges Bettchen kriechen wollen. Ich kann ihn nicht ewig spazierenführen.“
„Jetzt ist der Kerl gänzlich übergeschnappt“, stellte Jens ernst fest. „Aber er hat recht. Wir müssen zusehen, das Zeug hier raus und hochzubekommen, bevor der Seegang und die Strömung noch stärker werden. Also fangen wir an.“
Während die SEALs gemeinsam mit ihren drei deutschen Freunden die Kisten mit dem gefährlichen Inhalt, vorsichtig zum Höhlenausgang brachten, gingen bei Jens immer wieder Funksprüche von anderen Gruppenführern ein. Er antwortete darauf kurz auf Arabisch.
„Und, was ist los, haben die anderen schon was gefunden?“, fragte der kleine Texaner neugierig, während er aus der Höhle tauchte, eine der Gitterboxen zu sich heranzog und direkt vor den Eingang hielt, damit Jack und William die erste Kiste hineinpacken konnten.
„Negativ. Noch nichts.“ Jens verschloss die Box sicher. „Okay, Jack, du begleitest die erste Fuhre nach oben. Pass mit auf, dass die Männer sie auf dem Zodiac gut verzurren. Ich will das Zeug nicht auf den Kopf kriegen.“ Jack nickte und zog dreimal am Seil, dann wurde die Box langsam nach oben gezogen. Dabei blieb er die ganze Zeit nah bei ihr, um schnell eingreifen zu können, sollte es Probleme geben. Kurz beobachteten die Männer den Aufstieg, dann verluden sie die nächste Kiste und schlossen den Deckel.
Diese Ladung wurde von Adam begleitet, der immer zu lächeln schien. „Stopp!“, rief er bereits nach nur wenigen Metern.
„Was ist los, Junge?“, wollte Pitt wissen.
„Ich komme nicht weiter, die Leine hat sich hier regelrecht im Fels verkeilt.“
Pitt tauchte zu dem Mann und erkannte, dass da nichts zu machen war. „Bussard, hier Waldkauz. Hier geht es nicht weiter. Ich kappe das Seil und begleite mit Adam die Fracht. Sonst haben wir ein Problem, die Sendung an Bord zu hieven. Wartet mit der dritten Fuhre noch. Und an dich, Jack: Bleib bitte noch oben. Du musst uns helfen, das Zeug auf den Zodiac zu heben.“ Mit festem Griff packten beide Männer die Gitterbox. Pitt zog sein Tauchermesser aus der Halterung am Jackett. Bevor er das Seil durchschnitt, erkundigte er sich noch einmal nach der Bereitschaft von Adam. Nur kurz drückten sie auf ihren Inflator, um etwas Luft für den Auftrieb in die Tarierwesten zu blasen. Dann schnitt Pitt die Leine durch und die Männer tauchten nebeneinander, die Gitterbox mit festem Griff zwischen sich, nach oben. Schnell füllten sie mehr Luft in ihre Westen, um an der Oberfläche zu bleiben.
Die drei Männer hatten mit der Kiste schwer gegen die noch stärker gewordene Oberflächenströmung anzukämpfen, um nicht vom Schlauchboot weggetrieben zu werden. Die Matrosen warfen ihnen ein Tau zu, um sich daran festhalten zu können.
Währenddessen beobachteten die anderen Männer der Gruppe unten vom Höhleneingang aus gespannt die Aktion ihrer Freunde. Sie hörten das angestrengte Atmen und die kurzen Sätze der Jungs in ihren Kopfhörern mit.
„Bussard, hier oben ist die Hölle los“, sagte Pitt schwer atmend. „Schick mir Willy mit der nächsten Box hoch. Wenn die auch hängen bleibt, dann nimm David mit dazu. Ich schicke Jack und Adam mit der leeren Box wieder runter. Ich bleibe hier, um beim Einladen zu helfen. Beeilt euch etwas. Es wird immer ungemütlicher.“


Fortsetzung folgt
 



 
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